Familienleben
„DAVID CARLYLE MEREDITH!"
Rachel hob interessiert den Kopf, als sie die Stimme ihrer älteren Schwester durchs Haus schallen hörte. Dave hatte also mal wieder was ausgefressen! Und wie es klang, war Cece so gar nicht erfreut darüber. Das konnte also nur interessant werden!
Grinsend sprang Rachel von ihrem kleinen Schreibtisch auf, ließ Mathehausaufgaben Mathehausaufgaben sein – mit Mathe hatte sie es sowieso nicht sonderlich, war also um jede Ablenkung dankbar – und verließ ihr Zimmer. Sie war die Treppe kaum zur Hälfte herunter gelaufen als sie auch schon ihre Schwester sah.
Cece stand im Hausflur, hielt einen ihrer neuen braunen Halbschuhe, aus dem irgendeine schleimige Masse tropfte, in der Hand, ihre linke Socken war gelblich verschmiert und ihr Blick war das, was Merry Blythe in ihren kleinen Geschichten gerne als ‚mörderisch' bezeichnete.
Alles in allem fühlte Rachel sich bereits jetzt gut amüsiert und wusste, dass es sogar noch besser werden würde.
Und ja, tatsächlich, im nächsten Augenblick öffnete sich auch schon die Küchentür und ihre Mutter betrat die Szene. Als sie Cece sah, seufzte sie, aber Rachel sah genau, dass sie sich auch ein Grinsen verbiss, nur war Cece zum Glück viel zu wütend um das zu bemerken. Es hätte sie wohl nur noch wütender gemacht.
„Dave!", rief Jane nun ebenfalls nach ihrem Sohn, wohl wissend, dass der erst auftauchen würde, wenn er es entweder für nötig befand oder wenn es essen gab.
„Dieser… dieser kleine… argh!", wütend warf die sonst so ruhiger Cece ihren Schuh zu Boden und gab dem noch auf dem Boden stehenden Gegenstück einen Tritt, so dass er umfiel und zwei Eier herauskullerten.
Rachel auf der Treppe musste zugeben, dass sie etwas enttäuscht war. Eier in den Schuhen war ja nun ein ganz alter Trick. Da hätte sie wirklich mehr von Dave erwartet.
„Die Schuhe sind ruiniert", fauchte Cece unten im Flur derweil, während sie sich auf den Boden setzte, um dich die dotterverschmierte Socke vom Fuß zu pellen.
„Na, na. Ruiniert ist jetzt wohl etwas übertrieben", bemerkte Jane und kam näher, um den schmutzigen Schuh aufzuheben und ihn zu inspizieren, „das wasche ich dir aus, dann ist der Schuh so gut wie neu."
Cece blickte entgeistert von ihrer Socke auf: „Ich soll den Schuh da noch mal anziehen?"
Ihre Mutter nickte überrascht, offensichtlich nicht verstehend, was Cece dagegen hatte. „Natürlich, warum nicht?", erkundigte sie sich.
Die älteste Meredith-Tochter schnaubte nur abfällig und warf ihrer Socke einen hasserfüllten Blick zu, klug genug, die Frage ihrer Mutter nicht wahrheitsgemäß zu beantworten. Man hatte sie in den letzten anderthalb Jahren bereits oft genug als verwöhnt bezeichnet.
Rachel auf ihren sicheren Treppenausblick hatte dagegen eine weitaus bessere Ahnung, was Cece gerade bewegte als die Mutter der beiden, war sie doch neben einer spitzen Zunge auch mit einem ziemlich guten Menschenverstand ausgestattet, welcher ihr bereit vor Jahren gesagt hatte, dass ihre Mutter, so lieb sie sie hatte, verdammt naiv war.
Denn Cece, fand Rachel, war verwöhnt oder zumindest so verwöhnt wie ein Mädchen von Ceces Naturell sein konnte. Und obwohl ihre Schwester ansonsten lieb und nett war und versuchte, sich bestmöglich anzupassen, merkte besonders Rachel auch nach anderthalb Jahren noch, dass es Cece in der Zeit, in der der Rest der Familie an Armut gelitten hatte, niemals an irgendetwas gemangelt hatte.
Und deshalb, dachte Rachel bei sich, konnte Cece gar nicht verstehen.
„Was machen wir jetzt mit diesem Quälgeist?", erkundigte Cece sich jetzt und stand vom Boden auf, die Socke mit spitzen Fingern hochhaltend.
Jane, die gerade dabei war, die heil gebliebenen Eier aufzusammeln, sah hoch: „Ach, Cece, lass ihn doch. Er meint es nicht böse!"
Rachel auf der Treppe musste nun ihrerseits zugeben, dass Dave auch verdammt verwöhnt war. Es gab anscheinend viele Arten, auf die man verwöhnt sein konnte.
Cece musste zum gleichen Ergebnis Dave betreffend gekommen sein und rollte mit den Augen, bevor sie schweigend ihre Schuhe einsammelte.
„Er ist doch noch klein", nahm Jane ihr ‚Baby' weiterhin in Schutz, woran man, wie Rachel fand, schon sah, dass sie eigentlich durchaus wusste, dass sie es Dave nicht hätte durchgehen lassen dürfen.
„Klein!", Cece schnaubte wieder, „er wird in zwei Monaten zehn! Und eine Landplage ist er zudem."
Dagegen konnte Rachel auch nichts einwenden, denn auch wenn sie die Aktionen ihres kleinen Bruders meistens ziemlich amüsant fand – vorausgesetzt, sie war nicht das Opfer – schlug er doch so manches Mal über die Stränge.
„Sei doch nicht zu hart zu dem Kleinen", versuchte Jane weiterhin, ihre Älteste, die ihr doch nach wie vor so unglaublich fremd war, zu beruhigen, „sieh mal, ich mache deinen Schuh sauber und die Socke waschen wir auch und dann ist ja nichts passiert. Na, wie klingt das?"
Cece antwortete nicht, sondern wandte sich der Treppe zu, irgendetwas von Hausaufgaben murmelnd, und ließ ihre Mutter etwas verwirrt im Flur zurück.
Als Cece Rachel passierte, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen, hörte ihre jüngere Schwester sie zu sich selbst murmeln: „Warum haben sie mich nicht einfach in Windgates gelassen? Warum?"
Dann verschwand Cece in ihrem Zimmer und Jane ging mit dem dreckigen Schuh in die Küche und Rachel blieb auf der Treppe sitzen und wünschte sich mit einem Mal, sie hätte einfach weiter ihre Mathehausaufgaben gemacht.
Mit Mathehausaufgaben schlug sich im hunderte Kilometer weit entfernten Kingsport auch Olli herum und zeigte dabei ohne es zu Wissen ähnlich viel Unwillen wie seine Beinahe-Cousine in Winnipeg.
Dafür, dass sein Vater Professor für Mathematik war, zeigte Olli nämlich reichlich wenig Talent und noch weniger Passion für diese Wissenschaft, im völligen Gegensatz zu seiner jüngeren Schwester, die ihm gerade am Küchentisch gegenüber saß und grinsend einen Keks aß.
„Vielleicht sollten wir Billy fragen, ob er dir hilft. Er kann das bestimmt", schlug sie vor und lächelte bemüht scheinheilig.
Olli ignorierte sie.
„Nein, ernsthaft", fuhr Suzy fort, obwohl doch völlig klar war, dass sie überhaupt nichts ernst meinte, sondern ihren Bruder viel mehr nur ärgern wollte, „er könnte dir bestimmt helfen in Mathe."
„Geht schon", erwiderte Olli nur einsilbig, ohne von seinem Blatt aufzusehen, obwohl ihm momentan wirklich jede Hilfe recht gewesen wäre, sogar die von Klein-Billy.
Was musste Suzy auch so verdammt klug sein? Sie war da wie ihr Vater, es gab einfach nichts, was sie nicht konnte. Und wenn doch, dann begriff sie es in spätestens einer halben Stunde. Es war, fand Olli, zum wahnsinnig werden.
Und diese Matheaufgaben waren ja sowieso der letzte Unsinn!
„Guck mal, so schwer ist das nicht", bemerkte Suzy jetzt, offensichtlich milde gestimmt und deshalb hilfsbereit, vielleicht aber auch nur darauf aus, ihren Bruder weiter bloßzustellen, während sie von ihrem Stuhl herunterrutschte und um den Tisch ging, um hinter Olli zum stehen zu kommen und einen guten Blick auf seine Aufgaben zu kriegen.
„Du teilst hier einfach 191 durch sieben, das sind dann 13 und dann…", Suzy kam nicht dazu, zu erklären wie die für Olli scheinbar unmögliche, für sie, obwohl anderthalb Jahre jünger, aber offensichtlich recht einfache Rechung zu lösen war, weil in dem Moment Persis, beladen mit Einkaufstaschen, die Küche betrat.
„Suzy, Schatz, möchtest du mir vielleicht helfen?", sprach sie ihre Tochter an und Suzy, die sehr genau wusste, dass sich hinter der Frage, ob man vielleicht gerne etwas machen wolle, immer eine direkte Aufforderung verbarg, man also tunlichst nicht zu verneinen hatte, trat augenblicklich von Ollis Stuhl weg und nahm zwei Taschen in Empfang.
„Wo sind Harry und Billy?", fragte sie, während sie begann, die Lebensmittel auszupacken. Olli warf ihr einen bösen Blick zu, als sie die Eier auf seinem Mathebuch ablegte und ihm dann auch noch einen Grünkohl direkt vor die Nase setzte.
„Die zwei sind drüber bei Mrs. Turner", antwortete Persis ihrer Tochter, wissend, wie sehr sich ihre beiden Ältesten für die Jüngeren verantwortlichen fühlten und zugleich unendlich dankbar dafür, „ich gehe sie in einer halben Stunde abholen."
Olli sah von seinen Aufgaben auf. „Und wann kommt Dad?", fragte er, nicht ohne die Hoffnung das, sollte sein Vater früh genug kommen, der ihm Mathe erklären konnte, was ihm die Peinlichkeit ersparte, es sich von seiner kleinen Schwester erklären lassen zu müssen.
Suzy witterte das natürlich sofort und grinste: „Du willst ja nur, dass er kommt, weil du Mathe nicht verstehst und dich nicht traust, Billy zu fragen."
„Kann ja nicht jeder so ein Streberkind sein wie du", neckte Olli zurück und seine Schwester lachte, durchaus nicht unstolz darauf, ein ‚Streberkind' zu sein. Wenn sie dafür gute Noten bekam… warum nicht?
Persis, die Neckerei der beiden gewohnt, lächelte ebenfalls, bevor sie antwortete: „Euer Vater kommt spät heute, er hat noch ein wichtiges Gespräch. Du wirst also wohl oder übel Billy fragen müssen, Olli, so Leid es mir tut."
Billys mathematisches Talent war mittlerweile zum ständigen Witz in der Familie geworden, auch wenn niemand jemals auf die Idee gekommen wäre, Billy zu fragen, ob er Mathe erklären konnte. Denn obwohl er es sehr wohl rechnen konnte, erklären können hätte er es niemals.
„Mach ich", grinste Olli trotzdem, „was gibt's zu essen?"
„Schweinemedaillons mit Kartoffeln und Möhrengemüse", erwiderte Persis und wandte sich der letzten Tasche zu, um sie auszupacken.
„Oh, übrigens, habt ihr Harrys letzte Schnitzfigur gesehen?", fragte Suzy plötzlich und nahm den Grünkohl von Ollis Matheaufgaben, „er hat sie mir geschenkt und sie ist richtig gut!"
„Was ist es denn?", fragte Olli und tat, als würde er überlegen, „lass mich raten… nicht zufällig ein Schiff, oder?"
„Wie kommst du denn darauf?", stieg Suzy auf sein Spiel ein und beide lachten. Harry war verrückt nach Schiffen und schwor, später mal Seefahrer werden zu wollen.
Persis begann derweil über der Spüle die Kartoffeln zu schalen, beobachtete aber mehr ihre Kinder, Olli und Suzy, auf die sie stolzer nicht hätte sein können und dachte an die anderen beiden, an Harry, der in seiner Schnitzerei und seinen Büchern über Seefahrt endlich so etwas wie eine Erfüllung gefunden hatte und von Tag zu Tag zugänglicher und ruhiger zu werden schien und an Billy, dessen Schicksal sie mittlerweile alle gelernt hatten zu tragen.
Denn, reflektierte Persis, das Leben war niemals wirklich einfach, für niemanden, wichtig war nur, was man daraus machte und dass man trotz allem glücklich war.
Und glücklich war sie, waren sie alle.
