In geduckter Haltung schlich ich auf ihn zu, bis ich direkt hinter ihm stand. Dann packte ich seinen Kopf und brach ihm mit einer schnellen, ruckartigen Bewegung das Genick. Ich ließ den Mann auf den Boden fallen und versenkte die Zähne in seinem Hals. Genüsslich saugte ich das Lebenselixier aus seinem Körper. Das Monster triumphierte. Meine Angreifer kamen immer näher und erschienen schließlich in meinem Blickfeld. Sie übersprangen den Felsen und landeten wenige Meter vor mir auf dem Erdboden. Ich sprang auf und knurrte schrill. Nur der Selbsterhaltungstrieb war noch größer als das Verlangen nach dem Blut des warmen Geschöpfs zu meinen Füßen.

"Bella", sagte einer von ihnen sanft. Ich befand mich in einer Art Rauschzustand. Der Geruch nach Blut vernebelte meinen Kopf. "Ganz ruhig, wir tun dir nichts" Er machte einen Schritt auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen. Ich kauerte mich hin, bereit ihn anzuspringen, wenn er es wagte, mir noch näher zu kommen.

Der andere hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht. "Das war der fünfzehnte. Ich habe meine Wetter gewonnen."

Die beiden Angreifer hatten einen frischen Schwall Luft aufgewirbelt und bewirkte, dass der Geruch ganz langsam aus meinem Kopf wich und zuließ dass ich etwas anderes als das Verlangen nach Blut empfinden konnte.

Meine Hand schoss entsetzt zu meinem Mund. Als ich sie wieder sinken ließ, klebte dunkelrotes Blut daran. Erschrocken fiel mein Blick auf die Leiche des Mannes.

Ich sah in Edwards Gesicht. Seine fast schwarzen Augen sahen mich besorgt an. Er wirkte nicht sauer. Emmett grinste breit. "Nun zieh doch nicht so ein Gesicht, Bella! So etwas kommt vor."

Ich starrte ihn entsetzt an. Ich hatte dem verletzten Charlie widerstehen können. Warum war ich jetzt dem Monster in mir erlegen? "Alles in Ordnung?", fragte Edward und trat auf mich zu. Ich starrte in sein perfektes Gesicht und fühlte nichts als Selbsthass. "Es tut mir so leid!", stammelte ich. Edward überwand den letzten Abstand zwischen uns und schloss mich in die Arme. "Beruhige dich... Ich bin dir nicht böse. Emmett hat leider recht, so etwas kann passieren." Ich schmiegte mich in seine starken Arme und wollte alles andere um mich herum vergessen.

Edward wartete mit mir ein paar Kilometer weiter südlich darauf, dass Emmett zu uns aufschloss. Wir hörten ihn schon lange, bevor er strahlend neben uns auftauchte und sich die Hände rieb.
"Ich hab es so aussehen lassen, als wäre er von dem Felsen gestürzt", berichtete er vergnügt.
"Mit Abrutschspuren und allem drum und dran. Nicht einmal das FBI wird darauf kommen, dass das Monster von Forks mal wieder die Hände im Spiel hatte. Sie werden also nicht wieder anrücken" Er zwinkerte mir zu.

Mir grauste es davor, Carlisle und Esme meine Niederlage einzugestehen. Sie würden es nicht so gleichgültig aufnehmen wie Emmett oder Edward. Sie empfanden jedes menschliche Leben als etwas unantastbares, wundervolles. Ich wollte nicht in ihre entsetzten Gesichter sehen, wenn sie hörten, dass mir innerhalb kürzester Zeit der fünfzehnte Ausrutscher passiert war.

Edward spürte meine Nervosität und versuchte mich wenig erfolgreich zu beruhigen. Emmett, der inzwischen aus vollem Halse ein selbst gedichtetes Lied schmetterte, trug nicht gerade zu meinem allgemeinem Wohlbefinden bei.

"Bellalein, das kleine Schwein,

mordet alles kurz und klein,

tötet, dass sich die Balken biegen,

Wer könnt´ sich nicht in sie verlieben?

Der Mörder aus Forks,

hat wieder zugeschlagen

die fünfzehnte Sünde sozusagen

Ist sie nicht entzückend?

So beglückend

Ja, der Massenmörder aus Forks,

bringt dich zur Strecke

wie eine Schnecke...

Also bleib im Haus, sonst ist es aus"

"Kannst du vielleicht mal die Klappe halten?", fuhr Edward ihn an. "Wenn du schon dichten musst, dann mach es wenigstens richtig!" Seine Mundwinkel zuckten. "Sie bringt dich zur Strecke, wie eine Schnecke?", zitierte er und versuchte sein Lachen mit einem Hüsteln zu tarnen. "Ganz ehrlich, das ist nicht sonderlich originell und keine große dichterische Leistung." Emmett brach in schallendes Gelächter aus und auch Edward konnte sich nicht länger zurückhalten. Ich starrte die beiden kopfschüttelnd an. Ich hatte soeben einen Menschen umgebracht und die beiden wälzten sich vor Lachen fast auf dem Boden.

Nicht unbedingt eine besonders gängige Reaktion, sollte man meinen.

Wir überquerten den Sol Duc River und setzten fast gleichzeitig auf der andern Seite wieder auf. Ich folgte Emmett und Edward mit gesenktem Kopf durch die Türe. Als die beiden einen Schritt zur Seite gingen, schnappten Jas, Alice, Rose, Carlisle und Esme synchron nach Luft.

"Ist es das wonach es aussieht?", fragte Jas wenig erschüttert. Ich nickte. Rose zuckte nur mit den Schultern, Jas fluchte wegen der verlorenen Wetter gegen Emmett, Alice tänzelte durch den Raum auf mich zu und mäkelte an meinen dreckigen Klamotten herum und Carlisle seufzte erschüttert. Esme und Carlisle zeigten genau die Reaktion, vor der ich mich gefürchtet hatte. Zu allem Überfluss stimmte Em wieder sein selbst gedichtetes Lied an -Jas fiel mit ein und die beiden gaben einen beeindruckenden Kanon zum Besten- und machte somit das Chaos perfekt.
Als sich die beiden wieder einigermaßen beruhigt hatten und Rose und Alice aufgehört hatten, wie zwei verrückte zu lachen, ergriff Carlisle das Wort.
"Ich verstehe das nicht. Charlie hat geblutet und ihm hast du kein Haar gekrümmt."
"Tötet dass sich die Balken biegen...", grölten Jas und Em.
"Woran liegt das? Ich habe nicht einmal darüber nachgedacht, mich dagegen zu wehren...", gestand ich niedergeschlagen.
"Wer könnt´sich nicht in sie verlieben?" Carlisle warf Jas und Em einen strengen Blick zu.
"Ich kann mir das nur so erklären, dass du aufgrund der enormen Anstrengung, die es der Förderung deiner Gabe bedarf, nicht genug Willenskraft und Energie übrig hast, um dich gegen Versuchungen wie diese zu wehren."
"Der Mörder aus Forks,
hat wieder zugeschlagen"
"Das klingt logisch. Ich fühle mich noch genauso ausgelaugt, wie vorher."
"bringt dich zur Strecke wie eine Schnecke...
Also bleib im Haus, sonst ist es aus", beendeten Jas und Em ihr Lied inbrünstig.
"Was mache ich denn jetzt? Ich muss doch weiter üben, meine Gabe in den Griff zu bekommen", sagte ich, froh darüber, dass die beiden endlich fertig waren.
"Wir müssen einfach noch vorsichtiger sein. Von jetzt an werden auch Jasper und ich dich auf der Jagd begleiten. Vorher werden wir den Wald gründlich absuchen", entschied Carlisle.
"Bellalein, das kleine Schwein, mordet alles kurz und klein..."
"Um Gottes Willen! Könnt ihr endlich mit diesem schrecklichen Lied aufhören?

Carlisle

So sehr ich mich auch über Bellas Fortschritt freute, ich behielt die Zeit im Auge. Inzwischen waren zwei Wochen vergangen. Halbzeit, also. Inzwischen konnte sie ihr Schild ertasten und hatte es auch schon geschafft, es auf Rosalie auszudehnen, doch innerhalb der gegebenen Zeit würde sie es nicht verlässlich kontrollieren können. Und leider war das nicht unser einziges Problem. In den letzten Tagen hatte ich die Familie Denali, enge Freunde von uns, um Hilfe gebeten, doch sie wollten sich nicht gegen die Volturi stellen, was ich absolut nachvollziehen konnte. Niemand tat das, der nicht des Lebens müde war.

Doch ich hatte trotzdem gehofft, dass sie uns vielleicht zur Hilfe eilen würden. So sehr es mir auch widerstrebte, ich wusste, dass es mit höchster Wahrscheinlichkeit zu einem Kampf kommen würde. Und wenn das geschehen sollte, waren wir verloren. Was hatten wir den Volturi entgegen zu setzten? Seit dem gestrigen Tag reifte allerdings eine Idee in meinem Kopf heran, die uns möglicherweise retten konnte. Ein Gespräch zwischen Emmett und Edward hatte mich darauf gebracht, um genauer zu sein eine Beleidigung. "Du Mistköter", hatte Emmett seinen großen Bruder bei einer ihrer Raufereien genannt.

Mistköter. Köter. Hund. Wolf. Werwolf. Vielleicht bestand die einzige Chance darin, meine Familie zu retten, sich mit dem Feind zu verbrüdern. Mir war durchaus bewusst, dass eine jahrhunderte lange Fehde nicht mit ein paar Worten behoben werden konnte... aber es war die einzige Möglichkeit, die ich sah. Wir mussten die Werwölfe bitten, an unserer Seite zu kämpfen.

Ich konnte mir die Reaktionen der andern schon vorstellen. Ihr Stolz würde es ihnen nicht leicht machen, die Wölfe um Hilfe zu bitten. Edwards Reaktion auf meine Gedanken hatte mir diese Vermutung bestätigt. Doch er verschwieg auf meine bitte hin, was er in meinem Kopf gesehen hatte. Bella wurde durch die ernorme Anstrengung, die es erforderte ihre Gabe zu trainieren immer gereizter. Selbst Emmett hielt sich inzwischen mit seinen ständigen Stänkereien zurück.

"Carlisle?" Esme sah mich besorgt an. "Was wolltest du uns sagen?" Ich blickte in die erwartungsvollen Gesichter der Kinder. "Möglicherweise gibt es eine Chance...", begann ich. "Was für eine?", unterbrach mich Emmett. Ich hob die Hand zum Zeichen, das er mich ausreden lassen sollte. "Die Werwölfe sind unsere letzte Hoffnung."

Wie ich erwartet hatte, stürmten Em, Rose, Alice und Jas sofort mit Entrüstung und Protest auf mich ein. "Bist du wahnsinnig geworden?", kreischte Rose. "Ich werde lieber von den Volturi platt gemacht, als die um Hilfe zu bitten!", sagte Em. "Die Köter werden uns nicht helfen, das ist verschwendete Zeit", warf Alice ein. Edward hatte inzwischen genug Zeit gehabt, darüber nachzudenken und ich konnte seinem Gesichtsausdruck ansehen, dass er mir recht gab. Bella sagte gar nichts. Sie blickte verständnislos zwischen uns hin und her. "Werwölfe?", fragte sie verblüfft und sah uns prüfend in die Gesichter, als dachte sie, wir könnten uns über sie lustig machen.

Edward erklärte ihr kurz, wer die Werwölfe waren.

Wieder erhob sich lautstarker Protest. "Kinder!", bat ich. "Ist euch euer Stolz wichtiger als euer Leben? Es ist einen Versuch wert, mein ihr nicht?"

Es dauerte eine ganze Weile, bis sie schließlich seufzend nachgaben. Sie waren noch jung und sahen die Angelegenheit von ihrer positiven Seite. Jedoch war es ernster, als sie dachten. Sie kannten die Volturi nur aus Erzählungen.