Hermine langweilte sich unendlich, und sie hätte sich einfach mit etwas anderem beschäftigt, würde sie nicht den Druck von tausend Ereignissen und Schicksalen auf ihrem Kopf spüren, die alle auf sie eindrückten, und Hermine hielt mit all ihrem Willen dagegen, doch spürte sie nichtsdestotrotz.
Sie saß angespannt im Unterricht von Professor Flitwick, an ihrer Seite Ron, der ebenso gelangweilt Notizen machte. Bei dem kleinen Professor gab es normalerweise immer gewisse Aufgaben für sie beide, da er wusste, dass sie weiter waren, allerdings nicht, wenn er eine Einführungsstunde gab.
So versuchte Hermine krampfhaft sich mit dem Unterricht abzulenken, allerdings wanderten ihre Gedanken immer wieder zu den Dingen, die sie gelernt hatte in der letzten Zeit. Ihre verdammte Neugier hatte sie dazu gebracht Dinge zu lesen und über Dinge zu erfahren, die sie nie hatte wissen wollen. Oder doch? Sie wusste es nicht mehr.
Die Dokumente waren in ihrer Tasche. Sie wollte noch mit dem Direktor darüber sprechen, doch wusste schon, dass sie dabei womöglich in eine Sackgasse geraten würde. Nie im Leben würde er ihnen Geheimnisse aus vergangenen Kriegen anvertrauen, egal wie alt und obsolet sie waren.
Doch es ließ sie einfach nicht los. Vor allem die Verbindung von Dumbledore zu seinen alten Ichs war mysteriös. Hermine gab den Dumbledores aus den Aufzeichnungen immer unterschiedliche Namen, da es ihr schwerfiel, sie mit dem alten Schulleiter in Verbindung zu bringen. Irgendetwas war faul an der Sache, es schien als hätte Albus Dumbledore einen großen Teil seines Lebens, seine gesamte Laufbahn als Direktor, einfach allen etwas vorgespielt.
Aber das machte keinen Sinn, es passte einfach nicht in das Bild das sie vom Schulleiter hatte, nicht in das Bild des mächtigen und grundguten Professors, das Dumbledore erfolgreich auf sie projiziert hatte.
Endlich endete die Stunde, und Ron sah sie, wie immer in letzter Zeit, mit hochgezogenen Augenbrauen an. Doch sie konnte ihm nicht sagen, was los war, zu viel wütete in ihrem Kopf, sodass sie Mühe hatte, ihre mentale Ordnung aufrecht zu erhalten. Im Notfall würde es funktionieren, ganz klar, aber gerade im Alltag war es sehr schwer.
Es nagten Erlebnisse aber auch ihr Wissen an ihr. Sie musste sich wohl erstmal alles aufschreiben, alles zu den Dokumenten, um wirklich zu verstehen, was geschah und vor allem was mit Harry geschah.
Der Gedanke, dass man Harry allerdings einer Gefahr aussetzte und sie beide nicht, weder sie noch Ron, die wahrscheinlich die gleiche oder zumindest eine ähnliche Ausbildung hatten, frustrierte sie. Der einzige Unterschied war, dass Harry von Thomas und sie beide von Jason unterrichtet wurden. Thomas was ranghöher, und Harry ist jetzt ebenfalls Unsäglicher, aber sie beide waren auch beteiligt, als vollwertige Mitglieder des Ordens.
Doch sie würde sich darüber nicht beschweren, es nützte ja doch nichts. Es war schrecklich, in welch kurzer Zeit ihr Weltbild zerbrochen war. Ein Weltbild in dem alles seinen Platz hatte, und in dem alles verständlich war - und wenn etwas unverständlich war, fand man es in Büchern.
Nach dem Unterricht bewegte sie sich langsam zum Büro des Schulleiters, welches tatsächlich offen war, und in dem der Direktor fast wartend an seinem Schreibtisch saß. Hermine fragte sich zuweilen, ob der Direktor es spürte, wenn sie in der Nähe war.
Das Erspüren von Auren war für gewöhnlich recht genau, allerdings nur auf kurzer Entfernung und wenn nichts dazwischen war. Die Wände von Hogwarts hingegen strahlten stark, sodass das Erspüren beinahe unmöglich war. Doch womöglich hatte der Direktor eine besondere Bindung zur Magie der Schule.
Das bewies Dumbledore abermals, da er Hermine zu erwarten schien. Ein Stuhl war bereits herausgerückt und der Schulleiter funkelte sie ruhig an. „Guten Tag, Miss Granger, wie schön dass Sie mich mal besuchen. Oder sollte ich lieber fragen, warum sie das erst jetzt tun.", begrüßte der Direktor sie.
„Wie meinen Sie das?", fragte Hermine, welche durch die Begrüßung erstarrte und inmitten des Büros wie angewurzelt stehen blieb.
„Ich konnte mir bereits denken, dass Sie eigene Nachforschungen zu Harrys Zustand angestellt haben, und ich habe auch Kenntnis von den Unterlagen in Ihrem Besitz, und kann mir daher denken, dass Sie Fragen haben. Ich werde Ihnen diese so gut es geht beantworten. Mit Einschränkungen versteht sich."
„Eigentlich ist das Dokument im Hauptquartier daran Schuld. Was hat das da überhaupt gemacht?", wunderte sich Hermine.
„Normalerweise sind solche Dinge nicht in meinem Anwesen, sondern an einem anderen Ort, und wie sie dahin gekommen sind, habe ich einen Verdacht, den ich allerdings nicht mit Ihnen teilen werde."
„Was bringt diese Unterhaltung dann?"
„Sie haben noch keine Fragen gestellt.", antwortete Dumbledore vergnügt, und ohne jedes Zeichen von Bedrückung. Hermine ahnte, und der Schulleiter wusste es wahrscheinlich bereits, dass er die obere Hand in diesem Gespräch behalten würde.
„Was sollte das mit der Aufklärermission? Sind Sie Unsäglicher?", fragte Hermine.
„Damals hieß das noch nicht so. Die Unsäglichen entstanden vielmehr aus einer Miliz, und um diese Miliz zu kontrollieren, hat man sie… Nunja, wie soll ich es anders ausdrücken, man hat sie verstaatlicht. Das sagt Ihnen bestimmt einiges. Man wollte uns unter Kontrolle haben, und man hat es geschafft. Als die Unsäglichen in heutiger Form gebildet wurden, bin ich ausgestiegen und habe mich mit einem Posten an dieser Schule begnügt. Das war noch vor Voldemort. Allerdings ist vieles aus der Zeit verloren gegangen in dem ersten Krieg, weil Voldemort alles an sich gerissen hatte, was er über uns und über die Schatten finden konnte."
„Aber warum ist das alles geheim? Ich habe so viel über Sie gelesen, alles könnte genauso gut auf der Rückseite dieser Schokofrösche stehen!", rief Hermine irritiert.
„Manchmal hilft Aufklärung. Nicht nur manchmal sogar. Sehr oft lassen sich Geschehnisse abwenden indem man die Menschen aufklärt. Oft kann man Dinge ändern, wenn man die Vergangenheit kennt, und sehr oft geht es einfach um dieses Unwissen. Doch nicht in diesem Fall. Manches Wissen gehört nicht auf diese Welt."
„Wovon sprechen Sie?", fragte Hermine, allerdings weniger irritiert als eingeschüchtert, besonders wenn der Direktor auf diese Art mit ihr sprach.
„Zu der Zeit in der Sie das wissen, ist es bereits zu spät. Wollen wir hoffen, dass es nicht dazu kommt. Haben sie sonst noch Fragen?"
„Wird die Antwort ebenso verworren sein?" Mittlerweile war Hermine etwas genervt.
„Miss Granger, schlafen Sie eine Nacht über das was ich sage, in unseren Träumen beschreiten wir ungeahnte Sphären, Welten, von denen wir vorher nie gehört haben. Ich weiß, dass es Ihr Wunsch ist, alles zu verstehen, allerdings kann ich Ihnen nicht alles sagen. Immerhin sind es gerade unsere Wünsche, an denen wir festhalten sollten, wo sie uns doch so viele Türen öffnen.", sagte er ihr mit einem Augenzwinkern.
„Sie helfen mir also nicht.", schlussfolgerte Hermine. Psychisches Training von Jason bewahrte sie vor einem Wutausbruch, doch irgendwie schaffte der Direktor dennoch, sie zur Weißglut zu treiben. Sie konnte ihre eigenen Schlüsse ziehen, sie brauchte den Direktor nicht dafür und eine kleine Stimme sagte ihr, dass der Schulleiter das sehr wohl wusste.
„Ich habe aber trotzdem noch Fragen. Was war die Nachricht an sie von Harry? Und was war daran besorgniserregend? Ja ich weiß davon. Ron hat es mir gesagt.", verlangte Hermine zu wissen.
„Meine Liebe, ich kann Ihnen gerne die Nachricht sagen, aber es würde Sie kaum weiterbringen. Die Tatsache, dass Voldemort einen großen Teil des Wissens besitzt, das ich besitze, ist bereits schwierig genug. Sollte es dazu kommen dass er mehr Informationen erhält, allein durch einen von Ihnen, gibt es Probleme, die mich davon abhalten werden, die Situation weiter im Griff zu behalten."
„Es hängt nicht allein an Ihnen! Sie leiten zwar den Phönixorden aber das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, so geheimnistuerisch zu sein!", rief Hermine erbost.
„Meine Stellung beim Phönixorden vielleicht nicht. Die Menschen vielleicht nicht. Sie vielleicht nicht. Ich selbst nehme mir auch nicht einfach selbst das Recht, aber die Geheimnisse, die ich hüte, sie geben mir sehr wohl das Recht, mich so zu verhalten. Ich muss mich Ihnen gegenüber nicht rechtfertigen, selbst nach Jahren von Training und Erfahrung ihrerseits werde ich Ihnen immer viele Jahre voraushaben."
Dumbledore hatte sich abgewandt, war aufgestanden und zu einem Fenster gegangen, und Hermine nahm das als Zeichen, dass er nicht weiter diskutieren würde. Langsam richtete sie sich auf, und ging Richtung Ausgang. Das ganze Gespräch hätte sie sich sparen können, aus diesem Mann war nichts rauszukriegen.
Mit wütenden Schritten ging sie herunter, und im Ausgang erwartete sie ein belustigter Ron Weasley, welcher ruhig vor dem Büro stand und sie erwartete.
„Wusste doch dass du hierhin gehst.", begrüßte er sie, mit einer ruhigen Stimme, da er wohl sah wie ihre Stimmung war.
„Dieser Mann ist unfassbar! Keine der Dinge die er sagt machen Sinn oder bringen einen weiter!", rief Hermine.
„Das ist normal. Was hast du erwartet? Selbst Moody ist ein bisschen so, und er hat bei weitem nicht so viele Jahre auf dem Buckel."
„Aber es kann doch nicht sein, dass das so schwierig ist, Informationen zu bekommen! Ich fass es einfach nicht!"
Ron grinste sie nur an, „Reg dich ab, ich hab jemanden mit den wir mal reden sollten.", sagte er und führte sie in die Nähe der Bibliothek, wo ihnen in einer Uniform, die Hermine nur allzu bekannt war, Harry Potter entgegenkam.
Hermine sah beinahe augenblicklich zu Boden. Sie schämte sich. Sie schämte sich, dass sie nicht stark genug war, und sie schämte sich vor allem über ihre Unsicherheit. Sie schämte sich, dass sie nicht wusste, ob sie weiter stark genug war, mit ihm befreundet zu sein.
„Hey Leute.", sprach Harry und nickte ihnen zu. Viel kühler und distanzierter als früher. Und irgendwie machte Hermine das ein wenig Mut, sie hob ihren Blick und sah dem Unsäglichen in die Augen.
„Na was machst du den ganzen Tag so?", fragte Ron, und klopfte Harry dabei auf die Schulter, während sie sich langsam auf dem Weg zum Gemeinschaftsraum machten.
Hermine sah Harry etwas unbehaglich drein blicken, als dieser merkte, wohin sie auf dem Weg waren, doch er ließ sich weiter nichts anmerken und antwortete, „Hauptsächlich Patrouille und rumposen."
Ron grinste darauf, und fragte weiter, „Kennst du die neue Lehrerin schon?"
Harry nickte bedächtig, und irgendetwas sagte Hermine, dass er nicht gerade zufrieden war. „Ja habe ich. Hat mich seltsam angeschaut als ich sie fragte, ob sie mit Fleur verwandt ist."
„Vielleicht hatte sie Angst dass du sabberst.", kommentierte Ron trocken.
„Bezweifle ich ehrlich gesagt, ihre Aura ist mir extrem unangenehm.", sagte Harry gequält.
Hermine erinnerte sich an eine Lektion zu Schattenmagiern und dass sie Patroni nicht vertrugen, genauso wenig wie Wesen mit ähnlicher Energie. Klar dass Veela dazu zählten. Sie sah Harry mit einem möglichst offenen Blick an.
Ron antwortete ihm, „Kann ich verstehen. Wie war dein Tag eigentlich so?"
„Ganz okay. Mir sind wieder scheiße viele Fragen untergekommen, zu denen ich zu gerne die Antwort kennen würde."
„Zum Beispiel?", fragte Ron mit hochgezogener Augenbraue.
„Laut Hagrid verhalten sich die Zentauren merkwürdig und haben wohl irgendwelche schlimmen Vorahnungen.", an dieser Stelle schnaubte Hermine verächtlich. Sie hatte die ganze Szenerie mit Trelawney noch nicht hinter sich gelassen.
So murrte sie, „Vielleicht hat Trelawney sie angesteckt. Dieser ganze Mist mit dem Wahrsagen ist lächerlich. Aber Dumbledore hat einige Sachen angedeutet die auch nichts Gutes heißen."
„Zum Beispiel?", hakte Harry nach.
„Geschwafel davon dass es Wissen gibt, dass besser versteckt sein sollte, Voldemort aber dabei ist es zu entschlüsseln. Und dass Dumbledore die Kontrolle über die Situation hätte und nur er alleine die Geheimnisse wissen darf. Ich fass es jetzt noch nicht.", erklärte Hermine und spürte dass sie sehr aufgelöst war. Ron hob die Augenbraue und wahrscheinlich zweifelte er etwas an ihrer Ausführung.
Harry sah sie jedoch unverhohlen überrascht an, „Dein Wort richtet sich gegen den Schulleiter? Was hast du mit Hermine gemacht?", fragte er belustigt.
„Die hab ich im Wald gelassen.", schloss Hermine schlicht. Die Nacht suchte noch immer ihre Albträume heim, obwohl das Training sie eigentlich auf weit Schlimmeres vorbereitet hatte. Aber diese Nacht war sie noch so naiv gewesen, und dann wurde ihre Naivität zerstört. Es war einfach ein Wendepunkt, der ihr noch lange schlaflose Nächte bereiten würde.
Harry schien etwas unbehaglich bei dem Thema. „Erinnerst du dich eigentlich? Daran als du entführt wurdest?", fragte ihn Hermine.
„Kaum. Etwas, aber es sind nur vage Gesichter und Bilder. Ein paar sind deutlicher als andere.", sagte er mit einem Seitenblick auf Ron. Es ging um Ginny.
Ron versuchte, das Thema zu wechseln, „Hattest du sonst noch Fragen? Wie war eigentlich deine letzte Patrouille?"
„Anstrengend. Im Gemeinschaftsraum der Slytherins haben sie geschrien wie Blöde, und Pansy Parkinson hat", er malte Anführungszeichen in die Luft, „Blutsverrätern wie mir, die Schuld gegeben."
„Was haben die Slytherins denn zu Streiten? Sind sie nicht normalerweise das Haus in dem die größte Geschlossenheit praktiziert und präsentiert wird?", wunderte sich Ron.
Hermine sah Ron an, „Nicht wenn die Hälfte der Schüler mit dem Gedanken spielt, Voldemort zu folgen. Nicht wenige von Ihnen sind dumm genug damit zu prahlen und da ist es klar, dass Streit entsteht. Nicht jeder ist so scharf darauf sich einen Gemeinschaftsraum mit Todessern zu teilen."
Ron kratzte sich die Stirn, „Aber gibt es nicht eine Regelung, dass das dunkle Mal an dieser Schule verboten ist? Und wurden die Feldzauber um Hogwarts nicht gestärkt?"
Harry wandte sich Ron zu, „Aber die Feldzauber reagieren auf offensichtlich feindliche Gesinnung. Wesen, die hier nur Zerstörung anrichten wollen. Und ob Junior Todesser oder nicht, es bleiben Schüler und die sind keine solche Gefahr, dass Hogwarts es für nötig hält, sie zu zerstückeln. Und das dunkle Mal kann versteckt werden."
Ron strich sich durch die Haare, „Schon komisch aber auch ein gutes Zeichen dass sie streiten. Aber hältst du das für sonderlich wichtig?"
Harry nickte nur. Hermine bemerkte, dass sie bereits vor dem Portrait der fetten Dame standen, und sie sagte ihr das Passwort, worauf sie hereingelassen wurden. Harry wurde im Gemeinschaftsraum mit neugierigen, aber auch etwas verhaltenen und sogar ängstlichen Blicken bedacht.
Doch er schien sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, eine Tatsache, die Hermine sehr überraschte aber auch bewunderte. Harry hatte sich enorm weiterentwickelt. Wenn er sich so verändern konnte, warum konnte sie nicht stärker werden? Sie schob den Gedanken beiseite.
Als sie drinnen waren, wandte sich Harry nochmals an Hermine, „Was meinst du soll das große Geheimnis von Dumbledore sein?"
Hermine schüttelte frustriert den Kopf, „Ich weiß es wirklich nicht, aber es kann nichts Gutes heißen, wenn er sich so benimmt. Und so schwer es für mich auch ist, aber das mit den Zentauren klingt als hätte es etwas damit zu tun."
„Ach Leute, was kann das schon sein. Wir müssen mal realistisch bleiben. Objekte oder Geheimnisse, die so zerstörerisch sind, würde Dumbledore nicht bestehen lassen, also kann es sich nicht um etwas handeln, an das man so leicht rankommt. Und Voldemort ist zwar mächtig, aber hat auch nicht unbegrenzte Mittel. Wir haben also Zeit.", versuchte Ron sie zu beruhigen.
„Na ob das viel Zeit ist weiß ich nicht. Ich dachte auch ich hätte Zeit bis irgendetwas schwierig wird.", gab Harry zu bedenken.
Ron sah Harry stur in die Augen, signalisierend, dass er sich kein Stück bewegen würde, „Harry, Mann, du kannst auf uns zählen. Das weißt du, oder? Wir stehen das zusammen durch. Oder, Hermine?"
Das war die Frage, vor der sie sich fürchtete. Die Frage auf die sie selbst keine Antwort wusste. Etwas in ihr schrie einfach, sich wieder in die wohlige Umgebung der Bücherei zu verziehen und von nichts auch nur einen Augenblick lang etwas mitzuerleben. Etwas in ihr wollte einfach nur in Sicherheit sein, fern von allem, und - eine Tatsache, die ihr ein grässliches Gewissen bescherte - fern von Harry Potter.
Was sollte sie nun machen? Sie konnte Harry nichts versprechen und sie konnte ihn auch nicht anlügen. Sie wollte ihn nicht alleine lassen, das konnte sie nicht, und sie hatte Angst, dass es ohne sie nicht gut gehen würde. Das war keineswegs weil sie ein übersteigertes Selbstbewusstsein hatte, sondern einfach weil sie sich verpflichtet fühlte.
Verpflichtet gegenüber Harry, verpflichtet gegenüber Ron und vor allem verpflichtet gegenüber den möglichen Zivilisten von denen Jason ihnen immer erzählte. Schutz der Bevölkerung im Kriegsfall war eine der Grundlektionen. Eine Lektion, in der Emilia Hermine viel zureden musste.
„Klar.", hörte sie sich sagen. Nach einigen Momenten Pause hatte sie wie mechanisch geantwortet, und Ron schien es zu schlucken.
„Siehst du, Harry, du hast Unterstützung. Du hast eine Familie. Und es wird nicht helfen, wenn du dir für alles immer die Schuld gibst! Das nervt. Ginny war meine Schwester und ich finde ich habe ein Recht mitzubestimmen wer Schuld hat und ich sage dir: Die Chancen dass du Schuld bist stehen schlecht, also stell dich hinten an!"
Schweigen folgte dieser Eröffnung. Harry stand betreten im Gemeinschaftsraum der Gryffindors und Hermine hatte das Gefühl, dass diese Person, die jetzt da stand, der Unsägliche Potter, absolut nicht hier rein passte. Und sie wusste, dass Harry das ebenso wusste, und es ihm wohl gar nicht gefiel.
Vielleicht konnte sie es, vielleicht konnte sie es nicht. Sie musste es zumindest versuchen. Um Harrys Willen. Sie wusste, dass das keine gute Motivation war, weil das keines ihrer eigenen Probleme löste. Vielleicht lief es doch darauf hinaus, dass sie aus dem Leben von Harry Potter verschwinden musste, und dann konnte sie das immer noch tun. Bis dahin hielt sie sich an Ron, wenn es ihr zu viel wurde.
Dieser wandte sich nochmals Harry zu, mit einer Ernsthaftigkeit, die Hermine verwirrte, „Harry, Mann… Ich habe eine viel größere Sorge… Wir werden keinen anständigen Sucher dieses Jahr haben!"
