21. The Steep
Ein neuer Muskelkater schickte eine müde Wärme durch ihren Körper, als sie im Morgengrauen auf eines der vielen Plateaus sank. Dieser Weg war anders als alle Dschungelwege, die sie bewandert hatte, in den letzten Monaten.
Zwar hatte ihre Reise hier begonnen, am Fuße der Berge, und während des stundenlangen Aufstiegs, fragte sie sich unwillkürlich, ob die Reise mit irgendeiner Absicht hier begonnen hatte.
Hätte sie die Berge weiter hinauf gemusst, weil dort der Baum gewartet hatte? Weil dort die Möglichkeit bestanden hatte, einen Zauberstab zu erlangen? Aber wer dachte so? Die Insel doch garantiert nicht. Oder?
Müde lehnte sie sich zurück. Die Fackel hatte sich schon vor einer Stunde dem Ende geneigt, aber jetzt war sie hoch genug, dass das Tageslicht durch die lichten Baumspitzen brach.
Und der Anstieg war schwer gewesen. Es war kein Wanderurlaub, mit platt gelaufenen Wegen, bunten Steinen, die ihr den Weg zeigten, nein. Niemand schien jemals diese Berge erklommen zu haben. Kein Mensch zumindest, und sie suchte sich die günstigen Schluchten, sie musste sich vorher entscheiden, welchen Pass sie einschlug, welcher Weg am wenigstens ihren Tod bedeuten würde, aber sie hatte schon vor zehn Kilometern bemerkt, dass die Berge eine massive Steigung machen würden. Es wurde unfreundlicher hier. Wilde Blumen wuchsen aus den Felsen, schienen giftig zu sein, denn kein Insekt wagte sich an ihre prächtigen Blüten, und die Vorsprünge und Plateaus wurden immer seltener.
Diese Berge wollten nicht bewandert werden, hatte sie das Gefühl. Was auch immer sie verbargen, sie gaben sich unheimliche Mühe, dass kein Mensch hinter ihr Geheimnis stieg. Aber sie hatte Malfoys Ratschlag wahrgenommen, hatte sich nördlich gehalten, hatte den einzigen Pass gewählt, der in Frage gekommen war. Zumindest nahm sie das stark an.
Durch die lichten Wipfel sah sie ab und an winzige Gestalten huschen. Sie wurde beobachtet. Das Baumvolk sah ihr zu. Und sie glaubte, selbst wenn sie Wochen mit ihnen zugebracht hätte und in unbequemen Positionen auf den höchsten Bäumen ausgeharrt hätte, hätte sie diesen Weg trotzdem gehen müssen. Vielleicht würden sie ihr am Ende des Weges helfen können? Vielleicht würden sie sehen, dass sie ungefährlich war. Vielleicht.
Sie hatte kaum genug Platz zum Liegen auf dem schmalen Plateau, aber erschöpft fiel sie auf den Rücken, blickte müde in den Himmel hinauf und dankte sämtlichen Gottheiten, dass es bewölkt war. Denn jetzt der schrecklichen Hitze ausgesetzt sein zu müssen, würde sie lähmen, nahm sie an. Sie gähnte herzhaft und lauschte in die Geräuschkulisse, die sich ihr bot. Die Vögel waren andere als am Strand oder im tiefen Dschungel.
Und es waren weniger Vögel. Überwiegend wohl Raubvögel, die nicht sangen, sondern hohe Schreie ausstießen, über die Felslandschaft flogen und nach kleiner Beute Ausschau hielten, die, durch ihre Schreie aufgeschreckt, versuchte, zu entkommen.
Und der Wind war ein gänzlich neues Geräusch. Der Wind war es auch, der die schwüle Luft zerwirbelte und auffrischte. Im Dschungel hatte sie dieselbe heiße Luft geatmet. Kaum ein Luftzug hatte für Frische gesorgt, aber hier oben erahnte sie, wie es auf den wesentlich höheren Gipfeln sein musste.
Und es musste herrlich sein….
Aber jetzt war sie auf halber Höhe, irgendwo in der Mitte, halb in den Bergen, halb in den äußeren Grenzen des Dschungels, und sie war erschöpft.
Sie hatte geglaubt, es würde nicht länger als ein paar Tage dauern, das Hochland zu erreichen. Sie hatte noch einige Früchte bei sich, aber es würde eng werden mit Lebensmitteln. Fische gab es hier nicht, und sie erwischte sich dabei, wie sie hoffte, dass er und Skills heute Abend auf ihrer Höhe wären.
Sonst musste sie sich Gedanken darüber machen, was sie essen würde.
Sie musste sich auch Gedanken darüber machen, wie sie sich gegen Riesenaffen verteidigte, und wie sie überhaupt einen Zweig von dem giftigen Baum abgerissen bekam – und dann natürlich, wie sie das Einhorn finden sollte, geschweige denn glücklich genug war, ein Schweifhaar zu ergattern.
Generell gab es so viele Variable in ihrer Gleichung, dass sie unlösbar schien. Aber… das waren ihre Chancen. Sie hatten keine Wahl. Nicht wirklich. Sie würden weiter gehen müssen, sich von ihren Gefühlen lenken lassen und hoffen, dass ihr Instinkt sie nicht enttäuschte.
Aber jetzt musste sie ausruhen. Der Abstand tat gut. Zu schweigen und nachzudenken tat wirklich gut. Und sie ignorierte die Tatsache einfach. Sie vermisste ihn. Aber das war einfach nur dämlich von ihr.
Gestern hatte sie ihm die Augen auskratzen wollen und heute vermisste sie ihn! Sie war ihn lediglich gewöhnt, das war alles! Und Skills vermisste sie auch.
Demonstrativ schloss sie die Augen. Das Moos unter ihr war weich, die Luft war angenehm, und sie durfte nur nicht fallen. Das war alles. Sie lauschte dem Wind, und zu schnell driftete sie in einen erschöpften Schlaf.
…
Das fremde Lied der Vögel weckte sie wieder, und die Sonne war weitergewandert. Sie setzte sich auf, blickte sich etwas desorientiert um, aber noch immer lag sie auf Plateau. Sie griff in ihren geflochtenen Beutel und holte ihre treue Kokosnuss hervor, die sie mit Wasser gefüllt und einem spitzen Stein verschlossen hatte. Malfoy bevorzugt die leeren Rumflaschen, aber… Glas konnte zu leicht zerbrechen.
Gierig trank sie und wusste, sie musste bald einen Wasserfall, einen hohlen Stein, gefüllt mit Regenwasser, oder einen See finden, denn Wasser würde sie brauchen.
Sie schätzte, es war früher Nachmittag. Sie hatte lange geschlafen. Zu lange. Ihr Magen knurrte. Sie krabbelte zum Abgrund und spähte in die Tiefe. Sie konnte niemanden entdecken, weder Mensch noch Riesenaffe.
Und es half nichts, nahm sie an. Sie musste höher, wenn sie nicht wieder absteigen wollte. Und sie glaubte, sie könnte diesen Weg nicht zurückgehen. Es war schon schwer genug gewesen, höher zu kommen. Also aß sie den Großteil der Früchte und erhob sich gähnend.
Sie erkannte einige geeignete Stellen in der Felswand und sagte sich, dass es nicht anders wäre, als einen besonders steilen Baum zu erklimmen. Ehe sie weiterging, riss sie sich einen kleinen Fetzen Leinen von ihrer Hose und klemmte ihn unter einen der losen Steine. Damit er sah, dass sie hier gewesen war. – Falls sie hier langkamen.
Sie schickte ein stummes Gebet in den Himmel, ehe sie den richtigen Stein fand, ihr Gewicht hochzog, und den Fuß auf die nächste Erhebung stellte.
Es wurde ein harter Weg nach oben. Und fast glaubte sie, doch nicht immer den einfachsten Weg eingeschlagen zu haben. Es dauerte lange, bis sie die nächste Ebene erreicht hatte, und nassgeschwitzt, mit schwachen Armen schritt sie über den platten Felsen. Die Sonne stand mittlerweile tief.
Wo war sie hier? Sie sah sich um. Noch immer ging sie Richtung Norden, und immerhin erstreckte sich vor ihr nichts weiter, als steinige Steppe inmitten von Felsen. Sie wusste nicht, wie weit dieser Weg reichte, aber er führte sehr weit hinten durch eine Senke zwischen zwei Felsen. Ihr Speer, den sie überm Rücken trug, drückte unangenehm zwischen ihre Schulterblätter.
Das Gelände hier war ihr zu offen, dachte sie unwillkürlich, als sie den Speer von ihrem Rücken nahm. Besser, sie ging weiter. Besser, sie blieb nicht lange stehen. Nicht hier. Es war Instinkt, aber Instinkt täuschte einen selten.
Also blieb sie in Bewegung. Sie schätzte sie würde eine halbe Stunde bis zur Senke brauchen. Zwar lieferte ihr die Sonne immer nur geringe Bestätigung in ihren Zeitschätzungen, aber sie war noch nicht ganz versunken, als Hermine in die Schatten der Felsen trat, die sich links und rechts auftürmten. Vielleicht hatte sie etwas länger gebraucht, als eine halbe Stunde. Schweiß stand auf ihrer Stirn, denn es war noch warm geworden. Der Weg machte eine natürliche Biegung, ging sogar etwas abwärts, und nach einem halben Tag wandern fiel ihr auf, dass sie lieber im Dschungel war, als so weit oben. Es war einsamer hier. Nicht ein Berghase hatte ihren Weg gekreuzt. Nicht eine Ziege.
Und plötzlich erreichte sie das Ende der Senke.
Ihre Schultern sanken. Der Ausblick war regelrecht malerisch. Vor ihr erstreckten sich Berglandschaften, verborgen im Nebel, grüne Wiesen, nur gab es ein Problem. Sie befand sich auf dem falschen Berg! Sie hatte den falschen Weg genommen.
Zwischen ihr und der grünen Wanderoase lagen Welten. Denn ihr Weg endete abrupt in einer sehr steilen Klippe, und sie war sich nicht sicher, ob sie diesen Abstieg überleben würde. Probehalber lehnte sie sich vor, und kühler Wind traf ihr Gesicht, heulte über die Spalten, die sich unter ihr auftaten, und wenn sie nicht den gesamten Weg zurück wollte, dann musste sie runter.
Und das am besten, ohne sich das Genick zu brechen.
Sie hörte ein Geräusch hinter sich. Ihr Atem ging flacher. Sie nahm nicht an, dass es sich um einen niedlichen Berghasen handeln würde. Nein, sie hatte seit einer Weile das Gefühl, dass fremde Augen sie verfolgten. Ihre Finger legten sich fest um ihren spitzen Speer.
Was auch immer wagte, ihr gefolgt zu sein, würde ein unschönes Ende haben, dachte sie finster.
Skills tollte durch die Berge, als wäre er hier Zuhause. Was er wahrscheinlich auch war, nahm Draco an. Wieso hatte seine Mutter das Nest im Dschungel gehabt? Scheinbar war Skills ein Bergaffe. Ein riesiger Bergaffe. Skills kletterte so leichtfüßig über die Kluften, schwang sich über Abgründe, als lauere in tausend Meter Tiefe nicht der Tod, sondern ein Pool voller Federn, und Draco war genervt.
Aber nicht nur das. Immer wieder wandte er den Blick, prüfte die gegenüberliegenden Felsen, und wahrscheinlich hatte Granger Vorsprung, aber sobald er die Wiesenlandschaft erreichte, würde er für die Nacht Pause machen. Und dort hatte sie gefälligst zu sein.
Dort hatte sie zu warten.
Er wusste noch nicht, was er tun würde, wenn sie nicht dort wäre. Soweit dachte er auch offen gesagt nicht. Die gebratenen Schweinekeulen wogen schwer in seinem geschnürten Bündel, was er über dem Rücken trug. Er hatte genügend Früchte dabei, genügend Vorräte für die nächsten Tage, aber die eine oder andere Bergziege würde schon seinen Weg kreuzen, nahm er an.
Sie würde den Weg schon gefunden haben, würde ihn auslachen, warum er solange gebraucht hatte, würde hungrig sein, sich darüber beschweren, dass es schon wieder Schwein gab, aber sehr tief in seinem Innern, zweifelte er.
Es war kein Urlaub. Sie vereinbarten keine Zeiten, keine Treffpunkte. Es waren alles vage Angaben. Vieles hing vom Zufall ab, und er war sich nicht sicher, ob es nicht ein Fehler gewesen war, sie gehen zu lassen. Allein.
Der Affe schien hier in den Bergen weder Müdigkeit noch Hunger zu verspüren. Draco glaubte fast, dass er Skills schon viel früher hätte in die Berge bringen müssen. Aber er erinnerte sich noch an das letzte unfreiwillige Zusammentreffen am Fuße der Berge mit dem fremden Affen. Als Draco Skills aufgenommen hatte, hatte er gleichzeitig seine Zugehörigkeit geraubt. Natürlich wäre Skills jämmerlich verhungert, hätte Draco ihn nicht mitgenommen, aber… er hatte das Gleichgewicht hier gestört, sofern es so etwas hier gab.
Skills schnüffelte seit einer Weile aufgeregt in die Bergluft, witterte wohl neue Eindrücke, vielleicht auch bekannte Dinge, aber Draco wusste nicht, ob sie gänzlich ungefährlich waren.
Wusste Merlin, was der Affe roch.
Die Sonne versank hinter der letzten Kuppe, und Draco stellte erleichtert fest, dass der Weg flacher wurde. Er konnte das Gras praktisch riechen. Es war wie bei seinem letzten Trip hier hoch. Und weiter war er auch noch nicht gekommen. Einen Tagesmarsch hatte er gewagt, um sich hier umzusehen, sich einen Überblick über die Insel zu verschaffen, aber sie war weitläufig. Vor allem hier oben. Hinter der Wiese, zwischen zwei Schluchten gab es einen natürlichen Bergsee. Das Wasser war trinkbar, und Draco hatte unheimlichen Durst.
Kaum kam die Wiese in Sicht, sprintete Skills wie gestochen los. Draco sah ihm kopfschüttelnd nach. Der Affe warf sich praktisch ins Gras, rollte sich, tollte über die Wiese zu der flachen Felswand, die ihnen Unterschlupf bieten würde, hangelte sich nach oben, keckerte fröhlich, nur um wieder runterzuklettern.
„Ok", rief ihm Draco zu. „Reg dich ab, Junge!" Skills Augen wirkten weiter… glücklicher, würde Draco fast sagen wollen. Natürlich war das unsinnig, aber… vielleicht war der Affe hier Zuhause. Hier oben, wo es gefährlich war. Wo Menschen nichts zu suchen hatten. Draco atmete schwer aus, denn… ihm wurde klar, dass Skills mit ihm den Abstieg machen würde, wäre… unwahrscheinlich.
Denn er gehörte scheinbar hierhin. Nicht in den Dschungel.
Er setzte das schwere Bündel ab und sah sich um.
Es brannte kein Feuer. Und fast hatte er es gewusst.
Er legte die Hände um den Mund. „Granger!", rief er so laut, dass seine Stimme von den fernen Bergen widerhallte. Aber er bekam keine Antwort. Skills jedoch hatte aufgehört zu tollen, und starrte ihn an. „Granger!", rief Draco wieder, aber nur der sanfte Wind antwortete ihm. Skills kam verwundert näher, schien sich zu fragen, ob Draco schrie, weil er Hilfe brauchte, aber Draco atmete lange aus.
Wo war sie?
Vielleicht… brauchte sie länger. Vielleicht…. Und seine Augen suchten die Berge ab, suchten nach irgendeinem Zeichen. War sie in Gefahr? Skills schien zu spüren, wie angespannt er war und kam näher. Er war nun größer als Draco, und um einiges massiger. Er beschnupperte Draco mitleidsvoll, und abwesend strich ihm Draco über den breiten blauen Rücken.
Das nagende Gefühl verdichtete sich in seinem Innern. Irgendetwas war passiert. Und er wusste nicht, was es war, aber irgendetwas sträubte sich in ihm, sich auszuruhen, Feuer zu machen und zu warten.
Wieder verharrte der Affe neben ihm, hob den Kopf, witterte wohl tausend verschiedene Dinge, und wenn nur eines davon eine ungefähre Gefahr für sie sein könnte, wusste Draco seine Antwort bereits. Grimmig verstaute er seine Sache, verbarg den Proviant unter Geröll, so dass die Ziegen nicht wagten, Früchte zu stehlen.
„Komm, wir müssen uns beeilen", raunte er dem Affen zu, und Skills gehorchte. Vielleicht wusste er es auch.
Manchmal spürten Tiere diese Dinge.
Sie hatte sich umgewandt, und schwer schluckte sie. Es war ein Unterschied wie Tag und Nacht. Langsam hob sich ihr Blick, denn der blaue Affe war größer als sie. Und wütend.
„Ruhig!", sagte sie fest, aber er fletschte seine scharfen Zähne, und sie hätte nicht benennen können, was es war, aber dieser Affe wirkte schmaler, die Fellfarbe war leuchtend Purpur, das Fell glänzender, und sie wusste, es war ein Weibchen.
Ein relativ junges Weibchen, denn sie war nicht größer als Skills. Aber es war nicht Skills! Auf geschmeidigen sechs Beinen näherte sich das Tier, die blanke Mordlust im Blick. Hermine wusste, Skills hatte Angst vor Feuer, aber auf die Schnelle hatte sie kein Feuer. Wahrscheinlich ließ sich dieses Exemplar auch nicht mit Rotbeeren bestechen.
„Bleib zurück!", warnte Hermine das Affenmädchen, aber es beeindruckte sie überhaupt nicht. Knurrend kam sie näher, und Hermine hatte kaum eine Wahl, wenn sie nicht springen wollte. Sie würde kämpfen müssen, und ihre Chancen sahen finster aus. Sie erinnerte sich an letztes Mal, wo es die Kraft von ihr, Malfoy und Skills gekostet hatte, einen Feind dieser Sorte zu überwinden.
Der Angriff erfolgte übergangslos, und Hermine hob den Speer mit beiden Händen in die Luft, um zu blocken und wünschte sich, es wäre lediglich ein Mordeo, um den sie sich sorgen musste. Der Affe rammte sie mit voller Wucht, und mit einem Aufschrei fiel sie nach hinten, rutschte fast über die Klippe, und der Affe schrie markerschütternd über ihr.
Die Luft war aus ihren Lungen gepresst, und sie konnte sich für einen Moment nicht bewegen.
Schnaubend hörte sie das Tier näher kommen, bis es sich geifernd über sie lehnte. Es hob zwei Fäuste, um sie wahrscheinlich zu zerschmettern, aber Hermine rollte sich im letzten Moment keuchend zur Seite, griff sich den Speer, sprang auf und zog ihn mit voller Wucht über den Kopf des Affen.
Natürlich war es nicht genug Kraft, sie in die Bewusstlosigkeit zu schicken, stellte Hermine ernüchternd fest, und jetzt war der Affe wirklich wütend. Er brüllte so laut, dass Hermine das Gesicht verzog. Wahrscheinlich rief sie Verstärkung.
Aber jetzt hatten sich die Positionen gewechselt – und mit genug Schwung….
Hermine überlegte nicht lange, rannte die wenigen Schritte und rammte sich gegen den etwas überraschten Affen. Natürlich konnte sie ihn nicht umwerfen, aber aus der Balance gebracht, taumelte er einige Schritte nach hinten, und wie Hermine gehofft hatte, war der Kies am Rand der Schlucht lose. Die Augen des Affenmädchens öffneten sich weiter, als sie begriff, dass sie den Halt verlor. Fast unspektakulär ruderte sie mit den vielen Gliedmaßen, bevor sie über die Klippe stürzte.
Eine letzte Schicht Staub lag in der Luft, und Hermine stützte die Hände schwer atmend auf die Knie. Das war ja noch fast glimpflich ausgegangen.
Aber sie hörte wildes Schnauben und hastig näherte sie sich dem Abgrund, lehnte sich vor, und – scheiße! Diese Biester konnten klettern! Das Affenmädchen hing recht geschickt am Steilhang des massiven Berges, hielt sich akrobatisch fest und meisterte den Aufstieg, um sich wohl ihre verdiente Beute zu holen.
Hermine wich zurück. Sie musste sich verstecken! Half das? Nein. Natürlich nicht.
Verdammt! Die Geräusche des Affen wurden lauter. Wie versteinert war sie stehen geblieben. Es gab kein Entkommen.
Wieso war sie falsch abgebogen? Wieso war sie nicht da geblieben? Wieso hatte sie so ein Drama veranstaltet? Konnte sie doch keinen Tag ohne ihn überleben? Fast wollte sie weinen, aber das Adrenalin in ihrem Körper ließ jedes andere Gefühl verschwinden. Sie griff sich einen handlichen Stein vom Boden, und bekam ein eigenartiges David-Goliath-Gefühl, nur dass dieser Goliath hier gewinnen würde.
Scheiße.
