Kapitel 21: Die Ruhe vor dem Sturm

Nachdem sie so viel Zeit in der Unterwelt verbracht hatten, war Paige für einen Moment nahezu überrascht, als sie und Chris in einem gewöhnlichen Apartmentflur erschienen. Die Wände waren einmal in einem sanften Braunton gestrichen gewesen, der allerdings schon vor langer Zeit verblasst war. An einigen der Türrahmen splitterte bereits das Holz ab, was dem Gebäude einen eher kläglichen Anschein verlieh.

Das Summen eines Fahrstuhls erfüllte für einige Momente den Gang, verstummte aber dann als sich die metallene Fahrstuhltür aufschob und den Blick auf Chris' früheres Ich preisgab.

Wie Paige feststellte, war er allerdings nicht wesentlich jünger als jetzt, was bedeutete, dass sie erneut einen größeren Zeitraum aus Chris' Leben übersprungen hatten. Aber auch dieses Mal war Chris nicht allein, seine Tante stutzte allerdings als sie die junge Frau an seiner Seite erkannte, die nun zusammen mit ihrem Neffen aus dem Fahrstuhl und in den Gang hinaus trat.

„Bianca!" Stellte sie verdutzt fest und sah dabei zu Chris hinüber, der wie gebannt auf die Erinnerung vor ihnen sah.

„Ja," bestätigte er lediglich mit einem abwesenden Nicken, und zum ersten Mal seit sie ihre Reise in seine Vergangenheit angetreten hatten, lag ein aufrichtiges Lächeln auf seinen Lippen.

Paige betrachtete die beiden Versionen ihres Neffen und bemerkte dabei, dass der Ausdruck auf ihren beiden Gesichtern nahezu identisch war. Chris liebte die Hexe, damals wie heute.

„Wo sind wir hier," fragte sie schließlich, aber es war die Unterhaltung die sich jetzt vor ihnen abspielte, die ihre Frage beantwortete.

„Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?", fragte Bianca, als sie den Flur hinabgingen. Chris sah zu ihr hinüber und legte beruhigend einen Arm um ihre Schulter.

„Keine Sorge, Grandpa wird dich lieben, versprochen." Die junge Frau lächelte kurz bei diesen Worten, wurde dann jedoch wieder ernst und schüttelte den Kopf.

„Nein, das hab ich nicht gemeint, aber danke. Ich meine nur, dass wir unsere Beziehung aus gutem Grund geheim gehalten haben, auch vor deinem Großvater. Wenn Wyatt herausfindet, dass wir zusammen sind, dann wird er wissen, dass ich dir helfe. Und dann wird der hinter uns beiden her sein." Chris schwieg für einen Moment, während er über Ihre Worte nachdachte, aber schließlich antwortete er doch.

„Ich weiß, dass es ein Risiko ist, sogar oder vielleicht gerade jetzt, wo wir so kurz davor sind unseren Plan durchzuziehen, aber… ich will einfach, dass er es weiß, kannst du das verstehen? Grandpa war in den letzten acht Jahren praktisch meine einzige Familie, und ich weiß, dass er sich ständig Sorgen um mich macht. Also für den Fall, dass etwas schief geht-"

„Sag das nicht," unterbrach ihn Bianca, aber Chris fuhr unbeirrt fort.

„Nur für den Fall, dass etwas schief geht, oder ich nicht zurück komme, will ich, dass er weiß, dass ich jetzt und hier glücklich bin. Und dass du der Grund dafür bist."

„Du hast sie wirklich geliebt, oder?", fragte Paige leise, als sie das vergangene Ich ihres Neffen dabei beobachtete, wie er seine Freundin sanft küsste. Aber Chris antwortete ihr nicht sofort.

Er hatte gerade das merkwürdigste Gefühl. Er sah Bianca an und erinnerte sich daran, wie stark seine Gefühle für sie gewesen waren und er erinnerte sich an sie. An alles von ihr.

Wie sie sich getroffen und ineinander verliebt hatten, wie sie den Plan entwickelt hatten, ihn in die Vergangenheit zurück zu schicken um Wyatt zu stoppen und auch, wie sie ihn verraten hatte. Und er erinnerte sich daran, wie sie ihre Meinung geändert und ihn vor Wyatt beschützt und dafür mit dem Leben bezahlt hatte. Sie war gestorben um ihn zu retten, um sicher zu gehen, dass er seine Mission erfüllte und Chris schnappte für einen Augenblick nach Luft, als alles wieder zurückkam.

Seine Ankunft in der Vergangenheit, sein erstes Treffen mit den Schwestern und Leo und wie schmerzhaft es gewesen war ihnen so nahe, und doch in ihren Augen nichts als ein Fremder zu sein. Wie er es gehasst hatte, so zu tun als würde er sie nicht kennen, und wie erleichtert er gewesen war, als Piper ihn gezwungen hatte die Wahrheit zuzugeben.

Natürlich konnte das immer noch die Zukunft völlig durcheinanderbringen, aber damit würde er sich auseinandersetzen, wenn es je dazu käme.

„Chris?" Paige' Stimme riss ihn plötzlich wieder aus seinen Gedanken.

Er brauchte einen Moment, um sich wieder zusammen zu reißen, aber dann drehte sich der junge Wächter des Lichts wieder zu seiner Tante um, für den Augenblick nahezu sprachlos.

„Ja. Ja, das hab ich. Und ich erinnere mich wieder."

„Woran erinnerst du dich wieder?", fragte Paige, nicht sicher, ob Chris wirklich das meinte, was sie glaubte, dass er meinte.

„An alles."

Da sie nicht wirklich wusste, was sie sagen sollte, außer wie erleichtert sie war, zog Paige ihrem Neffen stattdessen kurzerhand in eine feste Umarmung, immer noch etwas aufgewühlt nach allem, was sie bisher gesehen hatten. Beide waren so abgelenkt für den Moment, dass sie nicht einmal bemerken, wie der Chris aus der Vergangenheit an eine der Türen klopfte, und waren schließlich leicht überrascht, als ein zwanzig Jahre älterer Victor Bennet plötzlich aufmachte und seine Gäste begrüßte.

„Chris! Was für eine wundervolle Überraschung dich zu sehen. Und wer ist deine hinreißende Begleitung?" Chris stellte daraufhin seinem Großvater Bianca vor, und auch wenn er eindeutig etwas verlegen über dessen Überschwang war, so lächelte er doch trotzdem, als die drei schließlich das kleine Apartment betraten.

Paige hatte sich mittlerweile wieder von ihrem Neffen gelöst, und da sie wussten, dass sie wahrscheinlich ohnehin keine andere Wahl hatten, folgten die beiden der kleinen Gruppe in die Wohnung. Drinnen führte Victor sie in die Küche, wo er einen Kessel mit Wasser für Tee aufsetzte, während sein Enkel die Zeit damit überbrückte ihm einiges von dem zu berichten, was in letzter Zeit geschehen war.

Erst als sie alle drei gemeinsam am Tisch saßen, begann Chris damit seinem Großvater über das zu erzählen, weshalb er wirklich hier war. Über seine Reise in die Vergangenheit um die Geschichte selbst zu verändern.

Victors Gesichtsausdruck wurde mit jedem Wort besorgter und ungläubiger, während er seinen Enkel einfach nur stumm anstarrte, selbst nachdem dieser seine Erklärung beendet hatte.

Chris warf Bianca einen kurzen unsicheren Blick zu, aber als diese ihn ermutigte weiterzumachen, fuhr er schließlich fort, wobei er sich Mühe gab so vernünftig wie möglich zu klingen.

„Ich weiß, das ist eine Menge zu verarbeiten, aber wir werden den Plan durchziehen. Wir haben keine Chance Wyatt jemals hier in dieser Zeit zu besiegen, also ist eine Reise in die Vergangenheit, um zu verhindern, dass er jemals böse wird, so ziemlich unsere einzige Option. Und wer weiß, wie viel sich dadurch verändert, dass wir Wyatt retten. Das könnte die Welt verändern und unzähligen Menschen das Leben retten."

„Du meinst… vielleicht die Mädchen und… all die anderen?" fragte Victor vorsichtig, da er es kaum wagte auf eine Welt zu hoffen, in der seine Töchter und ihre Familien noch am Leben sein konnten.

„Ich weiß es wirklich nicht," antwortete Chris mit einem leichten Kopfschütteln. „Aber das hier ist größer als nur unsere Familie. Wyatt ist eine Gefahr für die ganze Welt und er muss aufgehalten werden. Aber er ist immer noch mein Bruder, also will ich das dadurch schaffen, dass ich in rette."

Victor sah Chris für einen Moment still an, bevor sich ein sanftes Lächeln auf seinen Lippen ausbreitete.

„Du kommst wirklich nach deinen Eltern, hab ich dir das je gesagt?"

„Du meinst nach Mum, richtig?", antwortete Chris, der es offensichtlich nicht mochte mit Leo verglichen zu werden.

„Nein, ich meine nach ihnen beiden. Dein Vater mag sich sehr verändert haben, und nicht gerade zum besseren, aber er war mal ein guter Mann. Denkst du, ich hätte ihn sonst meine Tochter heiraten lassen?"

Da sie das Gefühl hatte, sich in eine private Unterhaltung zu drängen, entschuldigte sich Bianca für einen Moment und fragte nach dem Badezimmer. Victor wies sie in die richtige Richtung, und Chris sah ihr nahezu erwartungsvoll hinterher, als sie den Raum verließ.

Sobald er hörte, wie sich die Badezimmertür hinter der jungen Frau schloss, senkte Chris seine Stimme und begann in einem deutlich aufgeregteren Tonfall zu sprechen.

„Wo wir gerade beim Thema sind, da ist noch etwas anderes über das ich mit dir sprechen wollte. Ich habe das hier für Bianca besorgt." Dabei holte er etwas aus seiner Tasche, und hielt seinem Großvater seine Hand hin. Als sich seine Finger öffneten, kam ein einfacher, jedoch wunderschöner Verlobungsring zum Vorschein und Victor schnappte vor Überraschung hörbar nach Luft.

„Chris, das ist eine ganz schön große Entscheidung, die du da in der Hand hältst."

„Das weiß ich," antwortete der junge Wächter des Lichts aufrichtig.

„Also bist du dir sicher?"

„Absolut," antwortete er mit einem Lächeln. „Ich gehe in die Vergangenheit, damit ich hier eine Zukunft haben kann, und ich kann mir nicht einmal vorstellen, dass Bianca kein Teil davon sein könnte."

Victors Gesichtsausdruck erhellte sich deutlich, als er die Entschlossenheit seines Enkels hörte und er beugte sich vor um den jungen Mann in eine feste Umarmung zu ziehen.

„Dann herzlichen Glückwunsch und ich wünsche euch beiden alles Gute."

„Naja, erst einmal muss sie noch ‚Ja' sagen," versuchte Chris ihn zu beruhigen, aber sein Großvater schien nicht allzu besorgt darüber zu sein.

„Oh, das wird sie, da bin ich mir sicher. Sie liebt dich von ganzem Herzen, soviel ist offensichtlich." Er lächelte stolz und legte Chris in einer väterlichen Geste eine Hand auf die Schulter.

Der emotionale Moment wurde jedoch abrupt unterbrochen, als Victor plötzlich anfing heftig zu husten. Als es nach einigen Sekunden immer noch nicht besser wurde, stand Chris auf und füllte ein Glas mit Wasser, das er seinem Großvater mit einem extrem besorgten Gesichtsausdruck reichte.

Nachdem er etwas getrunken hatte, erholte Victor sich leicht, aber er sah immer noch erschöpft aus, als er seinem Enkel dankbar zunickte.

„Danke, das hat wirklich geholfen."

„Es wird schlimmer, nicht wahr?", fragte Chris zögerlich, da er offensichtlich die Antwort fürchtete.

„Mit Krebs in diesem Stadium wird es nicht mehr besser werden, Chris. Und bevor du wieder fragst, nein, ich will immer noch nicht, dass du darüber mit Leo sprichst. Dies ist nichts was ein Dämon oder irgendein Zauber verursacht hätte; ich hab fast mein gesamtes Erwachsenenleben geraucht, also ist es wirklich nicht die Aufgabe eines Wächters des Lichts oder Ältesten mich jetzt zu heilen." Als er Bianca bemerkte, die in diesem Moment zurück in die Küche kam, straffte sich Victor, stand auf, und ging mit einem Lächeln hinüber zu einem der Küchenregale, wo er einige Flaschen Alkohol aufbewahrte.

„Aber lasst uns diesen Moment nicht mit solchen ernsten Themen ruinieren. Ich bekomme nicht so oft Besuch von meinem Lieblingsenkel und seiner wunderschönen Freundin, also sollten wir das gebührend feiern. Und ich akzeptiere kein ‚Nein' als Antwort," erklärte er in einem heiteren Tonfall als er drei Gläser vom Regal nahm und diese auf den Tisch stellte.

Paige und Chris bekamen allerdings nichts weiter zu sehen, als ein weiteres Mal ein helles Licht die Welt um sie herum verschwinden ließ.


Als Chris langsam die Augen öffnete und sich umsehen wollte, wurde er als erstes von dröhnenden Kopfschmerzen begrüßt woraufhin er seine Augen sofort wieder reflexartig schloss und leise stöhnte. Nach einigen Sekunden startete er allerdings einen zweiten Anlauf und erkannte schließlich zu seiner Erleichterung über sich die Deckenverzierungen der Zauberschule.

Sie waren zurück in dem leeren Klassenzimmer, also war es endlich vorbei und er und Paige waren wieder im Hier und Jetzt.

Paige! Suchend blickte sich Chris im Raum um, bis er seine Tante schließlich auf dem Boden hinter dem Pult entdeckte. Sie war ebenfalls gerade dabei sich wieder aufzurichten und hielt sich stöhnend den Kopf; anscheinend konnte sie seine Kopfschmerzen im Moment nur allzu gut nachvollziehen. Der junge Wächter des Lichts erhob sich von seinem Platz um ihr aufzuhelfen, wobei sein Blick auf die Uhr an der Wand fiel. All diese Erinnerungen noch einmal zu durchleben hatte sie offenbar nur wenige Minuten gekostet, obwohl es Chris wie eine Ewigkeit vorgekommen war.

„Bist du okay?" Paige wirkte zwar etwas mitgenommen, nickte aber abwesend, während sie sich, wie auch Chris zuvor, überrascht in ihrer Umgebung umsah.

„Ja, keine Sorge, mir geht's gut. Aber sind wir wirklich wieder zurück? Bist du sicher, dass das hier nicht nur wieder eine Erinnerung ist?" Die Hexe blickte skeptisch zu ihrem Neffen, bevor sie ihren Blick erneut über die Einrichtung des Klassenraums, in den sie sich zurückgezogen hatten, schweifen ließ.

Chris war sich sicher, dass dies hier die Wirklichkeit und keine bloße Erinnerung war, aber um seine Tante zu überzeugen, legte er seine Hand vorsichtig aufs Pult und musste innerlich zugeben, dass auch er erleichtert war, als er die Oberfläche des Holztisches auf seiner Haut spürte.

„Also, meine Hand gleitet nicht mehr durch Gegenstände hindurch und dazu kommt noch, dass ich mörderische Kopfschmerzen habe. Ich denke, realer wird es nicht."

Der junge Wächter des Lichts hielt kurz inne, während er noch einmal die Ereignisse der letzten, wie sich herausgestellt hatte, Minuten auf sich wirken ließ und dabei festzustellen versuchte, inwiefern das alles sein Gefühlsleben und seine Wahrnehmung der Dinge verändert hatte. Er war zuvor davon ausgegangen, dass er seine wieder gewonnenen Erinnerungen praktisch neu erleben würde, und sie somit erneut einen Eindruck bei ihm hinterlassen würden. Aber bei jedem neuen Abschnitt seines Lebens, den er und Paige miterlebt hatten, war es für ihn wirklich nur das gewesen, was es auch war; nämlich eine Erinnerung. Etwas, das vor langer Zeit geschehen war und obwohl er natürlich seine Familie nicht erneut hatte sterben sehen wollen, war der Schmerz nicht derselbe gewesen, wie damals. Im Gegensatz zu Paige hatte er Jahre gehabt, um ihren Tod so gut es ging zu verarbeiten, und das war auch der Grund, warum er sich nun wieder mit besorgtem Blick zu seiner Tante umdrehte.

„Bist du sicher, dass du in Ordnung bist? Ich meine, du hast wirklich jeden Grund, es nicht zu sein. Nach all dem, was du aus meiner Vergangenheit gesehen hast." Paige nickte, vermied es jedoch gleichzeitig, seinen Blick zu erwidern. Stattdessen sah sie sich schon beinahe hektisch im Raum um, scheinbar auf der Suche nach etwas, worauf sie ihre Aufmerksamkeit richten konnte.

„Ja, es geht schon. Es ist nur…ich…" Sie unterbrach sich und zögerte ein paar Sekunden, bevor sie sich schließlich einen Ruck gab, und Chris wieder in die Augen sah. „Ich werde die Bilder nicht los." Die Hexe schüttelte über sich selbst den Kopf, so als wäre es völlig unsinnig, dass die Ereignisse, die sie beobachtet hatte, sie nicht mehr losließen.

„Ich sage mir immer wieder, dass es noch nicht geschehen ist, und wenn wir Wyatt retten auch vielleicht nie geschehen wird, aber zu sehen wie sie… sterben…" Paige brach erneut ab, während sie sich mit der Hand über die Wangen fuhr um die Tränen wegzuwischen, die sie nicht mehr zurückhalten konnte.

Chris sah sie für einen kurzen Augenblick mitleidig an, bevor er heute schon zum zweiten Mal die kurze Distanz zwischen ihnen zurücklegte und seine Tante in eine feste Umarmung zog. Und dieses Mal zögerte sie nicht, sondern schlag ihre Arme ebenfalls sofort um ihren Neffen und ließ all der Trauer und Verzweiflung freien Lauf, die sich in ihr aufgestaut hatten.

Während sie eine Weile so dastanden und Paige bitterlich gegen seine Brust weinte, konnte Chris nicht umhin, sich für ihren Schmerz verantwortlich zu fühlen. Es waren seine Erinnerungen, und die waren nur für ihn, und für niemand sonst bestimmt gewesen. Egal was das Buch der Schatten ihnen auch für einen Weg aufgezeigt hatte, er hätte dem niemals zustimmen dürfen.

„Es tut mir Leid, dass du das alles miterleben musstest. Bitte entschuldige, dass ich dich da mit rein gezogen habe." Paige verdrehte die Augen und atmete tief durch, bevor sie sich aus der Umarmung ihres Neffen befreite und diesen ungläubig ansah.

„Oh Chris, das ist doch nicht deine Schuld gewesen. Ich meine, du warst dagegen, dass ich den Zauber überhaupt spreche und dann hast du noch wie oft, zwei Mal, versucht mich wegzuschicken. Du kannst doch schließlich nichts dafür, dass ich offenbar die halliwellsche Sturheit geerbt habe." Chris musste bei diesen Worten unwillkürlich lächeln, wirkte jedoch noch nicht ganz überzeugt. Daher fuhr Paige energisch fort.

„Und noch einmal zum mitschreiben: An nichts von alledem, was ich heute gesehen habe, hattest du Schuld. Weder an Pipers Tod, noch an meinem und erst Recht nicht an den Entscheidungen deines Bruders. Du bist hier, weil du trotz allem was geschehen ist, was er getan hat noch immer an ihn und das Gute in ihm glaubst und ihn retten willst, und das ist mehr als irgendjemand je von dir hätte verlangen können."

Chris schien nun ebenfalls mit den Tränen zu kämpfen, fing sich aber nach kurzer Zeit wieder und nickte schließlich.

„Ich weiß. Sie ist nicht meinetwegen gestorben, genauso wenig wie du, aber..."

„Kein ‚aber', Chris! Glaub mir, in diesem Fall gibt es kein ‚aber'." Ihr Neffe zögerte kurz, nickte aber schließlich erneut, und dieses Mal deutlich überzeugter, was die Hexe erleichtert zur Kenntnis nahm.

„Gut." Noch einmal wischte sie sich über ihr Gesicht um sicherzustellen, dass sie auch die letzten Tränen erwischt hatte, bevor sie sich straffte, das Buch der Schatten unter den Arm nahm und sich zum Gehen wandte. Dabei hakte sie sich bei Chris ein und zog ihn ohne Umschweife mit sich.

„Dann lass uns zurück zu den anderen gehen, wir haben schließlich noch eine Dämonin zu vernichten und die Welt zu retten."

„Und inwiefern ist das etwas neues?" fragte Chris mit einem sarkastischen Lächeln im Gesicht.

„Ist es nicht. Alles wie gewohnt. Mehr oder weniger zumindest," antwortete Paige, während inständig hoffte, dass der Kampf gegen Jinny tatsächlich so einfach werden würde, wie sie es gerade hatte klingen lassen.


Um sie herum tobte ein heftiger Sturm und peitschte Milliarden Sandkörner durch die Luft, aber Piper Halliwell spürte davon nichts, da alles um sie herum nur das war, was Gabriel ihr zeigte. Und auch die drei Gestalten vor ihnen, die sich gerade auf den Kampf mit einem der wohl mächtigsten Wesen in der Geschichte der Magie vorbereiteten, waren nicht mehr als ein Abbild von vor etwa zweitausend Jahren.

Der Dämon Zankou, der Avatar Alpha und der Älteste Gabriel standen, geschützt vor jeglichen Blicken, mitten in diesem Sandsturm ein paar Kilometer entfernt von Zanbar und gingen noch einmal ihre nächsten Schritte durch. Jeder von ihnen trug ein Kristallamulett um den Hals, das eine Art Kraftfeld um sie erzeugte, so dass auch sie nicht vom Sturm beeinträchtigt wurden.

„Ich gehe davon aus, dass jeder von uns seine Aufgabe kennt. Normalerweise würde die Quelle uns bereits auf diese Entfernung wahrnehmen können, aber die Amulette verbergen uns, solange wir keine starke Magie anwenden. Wir sollten also auch in der Lage sein, zur Stadt zu teleportieren und in Stellung zu gehen, ohne dass er uns bemerkt. Wie lange wir jedoch vor einem direkten Angriff geschützt sind, kann ich nicht sagen. Vermutlich wird selbst unsere vereinte Macht, mit der wir die Kristalle gesegnet haben, ihm nicht länger als ein Minute standhalten können. Wir müssen also schnell sein." Gabriel fuhr sich über den Bart, wobei er nachdenklich ihre Umgebung betrachtete.

„Vielleicht gibt uns ja auch der Sturm ein paar Sekunden mehr Zeit, bevor er uns entdeckt, aber vertrauen würde ich darauf nicht. Aber wir sollten nicht länger warten. Können wir aufbrechen?" Damit wandte er sich wieder den beiden anderen zu, woraufhin er von diesen ein zustimmendes Nicken als Antwort erhielt.

„Aber sicher doch." Zankou konnte es offenbar kaum erwarten endlich anzugreifen und seinen Konkurrenten ein für alle Mal zu beseitigen. Er hatte schon viel zu lange auf diesen Tag gewartet.

„Und ich gehe davon aus, dass unsere Abmachung bezüglich der Geheimhaltung der Magie eingehalten wird, auch wenn wir diesen Angriff nicht überleben sollten. Von uns Avataren steht jemand bereit, der den Pakt erfüllt, sollte ich heute mein Leben lassen."

„Der Ältestenrat ist ebenfalls darauf vorbereitet Ersatz zu schicken. Wenn die Macht der Quelle heute gebrochen wird, egal zu welchem Preis, werden wir die Magie aus der Welt der Menschen für immer verschwinden lassen. Unsere Seite wird sich auch im Falle meines Todes an die Abmachung halten." Der Älteste und der Avatar sahen nun beide erwartungsvoll zu Zankou. Sie wussten schließlich beide, dass es Abseits der Herrschaft der Quelle keine einheitliche Struktur in der Welt der Dämonen gab und es sicher schwierig, wenn nicht sogar unmöglich gewesen war, noch jemanden zu finden, der ihren Plan unterstützte.

„Ich gebe zu, es war nicht einfach und hat einiges an Überzeugungsarbeit erfordert, aber ich habe jemanden gefunden, der meinen Platz einnimmt, sollte mir etwas zustoßen. Er wartet in der Höhle, in der wir uns zuletzt getroffen haben."

„Gut. Dann steht unserem Angriff nun endlich nichts mehr im Wege."

„Haben es die anderen beiden auch überlebt?" Piper, die in den letzten Minuten nur schweigend zugesehen hatte, wandte sich nun an den Gabriel aus ihrer Zeit, der ebenfalls völlig auf die Geschehnisse vor ihnen fixiert gewesen war.

„Ja, wie durch ein Wunder. Wir mussten ziemlich schnell erkennen, dass wir weder die Quelle töten, noch den Nexus selbst zerstören konnten. Also begnügten wir uns damit, die Stadt zu versenken und unglaublich mächtige Bannzauber um sie herum zu errichten. Dadurch wurde die Verbindung zwischen dem Dämon und seiner Machtquelle getrennt, und er verlor fast die gesamte Macht, die er dadurch zusätzlich gewonnen hatte. Als er das erkannte, floh er und wir hatten unser Ziel erreicht."

Kaum hatte er die letzten Worte ausgesprochen, veränderte sich die Umgebung erneut und sie fanden sich genau außerhalb Zanbars, an der Seite des damaligen Gabriels wieder. Nach einigen Sekunden begann dieser auf ein unsichtbares Zeichen hin damit antike Zauberformeln zu sprechen und schon nach wenigen Augenblicken konnte Piper von jenseits ihres Blickfeldes, durch die Geräusche des Sturms gedämpft, mehrere Explosionen hören.

„Aber sieh selbst, wie hart wir diesen Sieg erkämpfen mussten…"


„Sind Piper und Gideon noch nicht zurück?" Paige und Chris hatten soeben die Bibliothek der Zauberschule betreten und die Halb-Wächterin des Lichts sah sich erwartungsvoll im Raum um, musste aber enttäuscht erkennen, dass die Besagten nicht anwesend waren. Richard löste bei ihrem Eintreten seinen Blick von einem uralt wirkenden Buch, in das er vertieft gewesen war und sah überrascht zu seiner Freundin und ihrem Neffen hinüber.

„Nein, aber ihr ward doch auch nur ein paar Minuten weg. Wer weiß, wie lange es dauert, bis sie alles mit dem Ältestenrat besprochen haben."

„Ach ja, natürlich." Die Hexe musste sich zum wiederholten Male ins Gedächtnis rufen, dass während ihres kleinen Ausflugs in Chris' Erinnerungen tatsächlich nicht mehr als einige Minuten vergangen waren, obwohl es ihnen beiden so viel länger erschienen war. Aber umso besser, denn schließlich war Zeit momentan äußerst kostbar, wenn sie es schaffen wollten, sich gegenüber Jinny einen Vorteil zu verschaffen.

„Habt ihr schon etwas entdeckt?" Chris war hinüber zu Richard und Sigmund an den Tisch gegangen und ließ seinen Blick nun über die unzähligen Bücher schweifen, die die beiden Männer vor sich ausgebreitet hatten.

„Es gibt eine Menge Texte, in denen über die Quelle berichtet wird, aber nur wenigen Autoren scheint der Ursprung seiner Macht bekannt gewesen zu sein." Sigmund schob das Buch, welches er zuvor überflogen hatte, resignierend zur Seite. „Und nichts, was wir bisher über den Nexus in Erfahrung bringen konnten, hilft uns irgendwie weiter."

„Habt ihr denn nicht einmal in deinen Büchern etwas gefunden, Richard?" Paige blickte hoffungsvoll zu ihrem Freund, aber dieser schüttelte enttäuscht den Kopf.

„Bisher noch nicht, wir könnten hier also wirklich etwas Hilfe gebrauchen." Und mit diesen Worten drückte er Paige eines der Bücher vom Tisch in die Hand, was diese mit einem Augendrehen quittierte.

„Ja ja, ist ja schon gut. Wir helfen." Dabei sah sie zu ihrem Neffen hinüber, der in diesem Moment ebenfalls eine Lektüre zur Hand nahm und bereits damit begann die Seiten zu überfliegen. Sie konnte nur hoffen, dass Piper und Gideon beim Ältestenrat mehr Erfolg hatten als sie.


Über eine Stunde war vergangen, seit Paige und Chris wieder zu den anderen gestoßen waren und die Hexe saß nun mit einem Stapel Bücher in einer Ecke der Bibliothek, als ihr Blick zum wiederholten Male auf ihren Neffen fiel, der es sich ihr gegenüber in einem bequem aussehenden Sessel gemütlich gemacht hatte. Neben ihm auf dem Boden lag etwa ein halbes Dutzend Bücher verstreut, genau wie bei Paige selbst, aber im Gegensatz zu ihr hatte Chris schon seit einer ganzen Weile keine Fortschritte mehr gemacht. Vor etwa zehn Minuten war dann schließlich das Buch, welches er aufgeschlagen in der Hand gehalten hatte, von seinem Schoß gerutscht und die Hexe hatte endlich bemerkt, dass ihr Neffe vor Erschöpfung eingeschlafen war.

Wer konnte es ihm auch verdenken, nach all dem, was in den letzten 24 Stunden vorgefallen war? Wenn Paige nun so darüber nachdachte, hatte sie das Gefühl, selbst für eine Woche durchschlafen zu können, aber sie würde erst schlafen, wenn sie zumindest wusste, wie es jetzt weitergehen würde. Trotz dieses Vorsatzes konnte sie sich allerdings ein Gähnen nicht verkneifen und so stand sie schließlich auf und ging hinüber zu Sigmund und Richard, die immer noch am Tisch im Zentrum der Bibliothek standen. Dabei versuchte sie relativ erfolglos sich mit der Hand die Müdigkeit aus dem Gesicht zu reiben.

„Sag mal Sigmund, kann man hier in der Zauberschule auch irgendwo 'ne Tasse Kaffee auftreiben? Ich hab' das Gefühl als könnte ich gleich im Stehen einschlafen."

„Was?" Der Angesprochene hob überrascht den Kopf. Er war so vertieft in seine Studien, dass er Paige zunächst nicht bemerkt hatte. „Oh, aber natürlich. Verzeih mir, ich bin ein schlechter Gastgeber. Eine Tasse Kaffee, kommt sofort." Dabei bewegte er seine Hand einige Male durch die Luft über dem Tisch und plötzlich erschien aus dem Nichts eine etwas altmodisch wirkende große Tasse mit dampfendem schwarz-braunem Inhalt.

„Tausend Dank. Das ist wirklich meine Rettung", und damit nahm die Hexe die Tasse in beide Hände und hielt sie sich zuerst für einige Augenblicke unter die Nase, während sie mit geschlossenen Augen den aromatischen Duft in sich aufsog. Dann nahm sie vorsichtig einen Schluck der heißen Flüssigkeit.

„Soll ich deinem Neffen auch etwas bringen? Er kann offenbar auch etwas Koffein vertragen." Dabei sah Sigmund zu dem schlafenden Wächter des Lichts hinüber, aber Paige verneinte seine Frage vehement.

„Nein, wer weiß wann wir das nächste Mal Zeit für eine Pause haben werden. Chris hat es verdient soviel Schlaf zu bekommen, wie irgend möglich."

„Aber ich nehme eine Tasse." Überrascht drehten sich alle Anwesenden um, als plötzlich hinter ihnen die Stimme von Piper erklang. Die Hexe und Gideon waren in die Zauberschule zurückgekehrt, aber sie waren nicht allein. Neben ihnen standen Leo, Roland und ein Ältester, den weder Paige noch Richard kannten.

„Piper, endlich! Und ich sehe schon, du hast für Rückendeckung gesorgt. Ich hoffe du kannst dich nützlich machen, Leo, wir können hier wirklich jede Hilfe gebrauchen." Sie nickte dem Ältesten zur Begrüßung kurz zu, eine Geste die Leo erwiderte, bevor sie verwundert zu seinen beiden Begleitern sah.

„Es ist gut wieder hier zu sein. Ich denke, du erinnerst dich an Roland. Er ist hier um uns die volle Unterstützung des Ältestenrats zuzusichern. Und das ist Gabriel. Er war dabei, als Zanbar damals in der Wüste begraben wurde und er kann uns sicher dabei helfen auch dieses Mal eine Lösung zu finden." Paige und Richard begrüßten die beiden Ältesten und nachdem diese Formalitäten geklärt waren, wurden die Neuankömmlinge über den momentanen Stand der Recherche aufgeklärt, während sich Leo besorgt an Paige wandte. Er hatte den schlafenden Chris entdeckt und musterte diesen nun eingehend, während er leise mit der Hexe sprach.

„Ist mit Chris alles in Ordnung? Oder ist er noch geschwächt vom Angriff des Wächters der Finsternis?" Paige sah nun ebenfalls zu ihrem Neffen hinüber, bevor sie Leo antwortete, wobei sie froh war, dass sie es so vermeiden konnte ihren Ex-Schwager anzusehen. Sie wusste natürlich, dass sie niemanden für seine Taten in der Zukunft verantwortlich machen durfte, aber trotzdem konnte sie die Wut nicht völlig unterdrücken, die sich in ihr aufgebaut hatte, seit sie Chris' Erinnerungen an seine Kindheit mit eigenen Augen gesehen hatte.

„Nein, er hat sich ziemlich schnell davon erholt, aber es war einfach ein furchtbar ereignisreicher Tag. Ich meine, erst dieser ganze Ärger mit Bosk, dann entpuppt sich Jinny plötzlich als Dämonin und jetzt ist sie auf einmal unbesiegbar und bringt uns alle beinahe um. Und irgendwo zwischen diesem ganzen Chaos mussten wir uns auch noch mit Barbas herumschlagen. Also wenn es nach mir ginge, könnten wir uns alle erst einmal für ein paar Tage aufs Ohr hauen." Während ihrer ganzen ‚Rede' hatte die Hexe vollkommen gut gelaunt geklungen; umso schockierter reagierte Leo auf ihre Enthüllung, dass die Schwestern und ihr Wächter des Lichts es nicht nur mit Jinny und ihrem ehemaligen Meister, sondern auch mit einem der gefährlichsten Dämonen der Unterwelt zu tun gehabt hatten.

„Barbas? Wann seid ihr auf Barbas getroffen? Piper hat versprochen mich zu rufen, wenn ihr in ernsten Schwierigkeiten seid, also warum weiß ich davon nichts?" Er starrte Paige eindringlich an und wartete offenbar auf eine Erklärung ihrerseits, aber die Hexe war ganz und gar nicht in der Stimmung dem Ältesten Rechenschaft abzulegen. Stattdessen erwiderte sie seinen Blick ebenso eindringlich, wobei sie die Arme abweisend vor der Brust verschränkte.

„Oh, keine Sorge, mit jemandem wie Barbas werden wir schon fertig. Aber als Jinny Phoebe entführt hat und einer ihrer Handlanger Richard beinahe getötet hätte, wo genau warst du da eigentlich? Wenn ich mich recht erinnere, hat Piper fast ein Dutzend Mal nach dir gerufen, aber ohne die kleinste Reaktion. Wenn ich nicht gerade noch rechtzeitig meine Fähigkeit zu heilen entdeckt hätte, wäre Richard jetzt tot, also beschwer' dich nicht, dass wir dich zu spät informieren würden." Es war jetzt vollkommen still geworden in der Bibliothek und alle Anwesenden blickten geschockt auf Paige, die ihr Gegenüber mit unverhohlen vorwurfsvoller Miene fixiert hielt.

Leo war sprachlos. Er wusste natürlich, dass die Hexe keinen Grund hatte ihn anzulügen, aber dennoch kam ihre Anschuldigung für ihn völlig überraschend. Wie konnte sie nur denken, dass er seine Familie in einer Situation in der es um Leben und Tod ging, im Stich lassen würde. Er blickte für einen kurzen Moment zu Piper hinüber, aber sie hatte ebenfalls ihre Arme verschränkt und sah ihn ähnlich erwartungsvoll an wie ihre Schwester. Der Älteste atmete tief durch und wählte seine Worte mit Bedacht, bevor er seiner aufgebrachten Ex-Schwägerin antwortete.

„Es tut mir Leid, dass ihr auf euch gestellt wart, und ich habe leider keine Erklärung dafür, aber ich schwöre dir, dass ich Pipers Hilferufe nicht gehört habe. Ich denke, du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass ich euch niemals meine Hilfe verweigern würde." Paige wirkte für einige Augenblicke unschlüssig, aber schließlich ließ sie ihre Arme sinken, steckte die Hände in die Hosentaschen und zuckte unbewusst mit den Schultern. Sie hatte sich in ihrer Wut so sehr auf Leo konzentriert, dass es ihr jetzt schwer fiel dem Ältesten wieder zu vertrauen. Aber er hatte Recht, trotz allem was sie über sein zukünftiges Ich erfahren hatte, hatte dieser Leo ihr Vertrauen noch nie enttäuscht.

„Ja, schon möglich. Aber wie kann es sein, dass du ausgerechnet Pipers Rufe nicht gehört hast? Wie gesagt, sie hat nicht nur einmal um Hilfe gerufen." Bevor Leo allerdings irgendeine Vermutung hätte äußern können, kam ihm zur Überraschung aller plötzlich Roland zuvor. Der Älteste war bisher im Hintergrund geblieben, sah aber jetzt offenbar die Notwendigkeit gekommen, sich in das Gespräch einzuschalten.

„Paige, ich kann dir versichern, dass Leo in der Tat keinerlei Schuld an diesem Vorfall trägt. Ich bedaure sehr, dass dein Freund beinahe sein Leben verloren hätte, und ich bin froh, dass seine Gesundheit völlig wiederhergestellt zu sein scheint," dabei nickte er Richard kurz zu, was dieser leicht verwirrt zur Kenntnis nahm „aber auf Grund der Gefahr die momentan von den Wächtern der Finsternis ausgeht, sahen wir uns gezwungen jegliche Kommunikation mit unseren Schützlingen auf der Erde zu beschränken."

„Und das galt auch für mich? Ich bin ein Ältester, genau wie du, Roland, wie kommen du und die anderen dazu, mich von meiner Familie abzuschotten?" Leo hatte sich zu dem dunkelhaarigen Mann umgedreht und starrte diesen nun mit einer Mischung aus Unglaube und Zorn an. Er konnte es nicht fassen, dass die anderen Ältesten ihn auf diese Art hintergangen hatten, und offenbar war er mit dieser Meinung nicht allein, denn noch bevor sein Gegenüber antworten konnte, hatte sich nun Piper vor ihm aufgebaut.

„Ihr habt euch also da oben verkrochen, jetzt da es mal wirklich gefährlich für euch wird, und all die Hexen auf der Erde, die auf eure Hilfe angewiesen sind, lasst ihr einfach so im Stich? Ich weiß noch, dass wir vor gar nicht allzu langer Zeit für eure Rettung gekämpft haben, weil wir dachten, dass ihr das Gute in der Welt repräsentiert, aber das war offenbar ein Irrtum, wie ich jetzt sehe." Der Blick, mit dem Piper den Ältesten vor sich bedachte, zeigte deutlich, dass sie von ihm und seinesgleichen momentan nicht mehr hielt, als von irgendeinem Dämon der Unterwelt, aber Roland versuchte schnell die Hexe zu beruhigen.

„Du liegst falsch, wir haben weder euch noch einen anderen unserer Schützlinge im Stich gelassen, aber es war wichtig, dass niemand von uns, weder Wächter des Lichts, noch Ältester," dabei bedachte er Leo mit einem eindringlichen Blick, „allein zu einer waghalsigen Rettungsaktion aufbricht. Daher können momentan nur noch Älteste aus dem inneren Kreis des Rates die Rufe der Hexen unter unserem Schutz vernehmen."

„Also hat zumindest jemand von euch Piper gehört. Und warum ist Richard dann trotzdem um ein Haar gestorben?" Paige' Stimme hatte einen eisigen Tonfall angenommen. Zwar war ein Großteil ihrer Zweifel an Leo zerstreut worden, aber dafür kamen ihr nun ernsthafte Bedenken in Bezug auf ihr Vertrauen zu den Ältesten, die auch durch Rolands nächste Worte nicht unbedingt vermindert wurden.

„Ich vermute, weder du noch deine Schwester werdet mit unseren Beweggründen übereinstimmen, aber in solch überaus gefährlichen Zeiten müssen wir, so Leid es mir tut, Prioritäten setzen. Und dein Freund ist nun einmal keiner unserer Schützlinge. Wäre eine von euch verletzt gewesen, so hättet ihr mit unserer Unterstützung rechnen können, aber unter den gegebenen Umständen überwogen zu meinem großen Bedauern einfach die Risiken."

„Zu deinem großen Bedauern…", Paige presste die Worte wütend hervor und schien kurz davor zu sein, sich buchstäblich auf den Ältesten zu stürzen, hätte Richard sie nicht in diesem Moment zurückgehalten. Er legte sanft aber bestimmt einen Arm um sie und zog sie ein Stück zurück, während er beruhigend auf sie einredete.

„Mir geht's gut, okay? Ich gebe zu, es war knapper als mir lieb wäre, aber du hast mich vor dem Tod gerettet und dabei auch noch endlich deine Heilfähigkeiten entdeckt. Damit hatte das Ganze zumindest etwas Gutes und wir können es uns momentan ohnehin nicht leisten über Vergangenes zu streiten. Dafür bleibt hoffentlich noch genug Zeit, wenn Jinny besiegt ist." Gideon nutzte die Gelegenheit um die Aufmerksamkeit aller wieder auf die Aufgabe vor ihnen zu lenken.

„Richard hat Recht. Ich verstehe natürlich deine Wut über diesen Entschluss des Ältestenrats, aber nur wenn wir uns der Gefahr durch die Dämonin Jinny entledigt haben, können wir etwas gegen die gewachsene Bedrohung durch die Wächter der Finsternis unternehmen, und diese Vorsichtsmaßnahme wieder unnötig werden lassen. Daher schlage ich vor, dass wir uns nun wieder völlig auf unser vorrangiges Problem konzentrieren, die Vernichtung Zanbars." Nachdem sowohl Paige als auch Piper mehr oder weniger überzeugt zugestimmt hatten, wandten sich die Anwesenden wieder den Büchern und uralten Dokumenten zu, die zwischen ihnen auf dem großen Tisch verteilt waren. Sigmund hatte die Neuankömmlinge bereits über ihren Stand der Recherche in Kenntnis gesetzt, also war es nun an Gabriel und Piper den anderen von den Ereignissen zu berichten, die der Älteste der Hexe vor kurzem gezeigt hatte.

Während Paige ihren Ausführungen fasziniert folgte, wanderte ihr Blick einige Male in die Ecke der Bibliothek in die sich ihr Neffe zuvor zurückgezogen hatte, und nicht ganz ohne Neid musste sie feststellen, dass Chris den ganzen Aufruhr wohl nicht einmal mitbekommen hatte, denn er schlief immer noch seelenruhig. Aber andererseits wusste sie niemanden, der etwas Ruhe und Frieden so sehr verdient hatte, wie der junge Wächter des Lichts, und so wartete sie nur auf die richtige Gelegenheit um Sigmund um eine Decke für ihn zu bitten.

tbc