Immer wenn der Regen auf die Straßen fiel und der süßsaure Geruch der Kreosots die Luft stickig machte, erinnerte ich mich.

Ich erinnerte mich an unser Lachen, an unsere Neckereien, unsere gespielten und ungespielten Prügeleien. Unsere klebrigen Hände, als wir Brot backten, wir alle sieben, in der kleinen Küche. Von den Kleidern und Schmuckstücke, die wir aus Lumpen und Steinen herstellten, mit denen wir Modeschau spielten. Unsere höhnische Blicke, wenn eine blöde Sendung im Fernseher lief. Unsere Zöpfe, die wir uns flochten, bevor wir einschliefen. Die Rennen um das Haus. So viel, dass ich weinen muss, wenn ich zu lange daran denke.

Xxx

„Babané!"

Babané ist unsere Oma. Sie sieht mit ihren unzähligen Falten und dem runden Rücken wie eine Schildkröte aus. Eine liebe Schildkröte. Sie hat überall Narben und einige Hautstellen sind heller als andere. Als sie jünger war, hatte sie sich verbrannt, als sie eine Pfanne mit brodelndem Wasser über sich ausgeleert hatte. Ihre Kleider sind immer lila, violett, purpurrot oder weinrot. Es ändert sich jeden Tag. Um den Hals trägt sie unzählige Ketten aus Holz.

Babané ist alt, doch wunderschön und ich liebe sie wirklich sehr.

Lore hat sie gerufen. Lore ist sicher die Schönste von uns. Ihr langes Haar hat die gleiche Farbe wie Karamell, ihre Augen sind veilchenblau und sie hat ganz rosa Wangen, die ihr ein gesundes Aussehen geben. Sie sieht aus wie eine Puppe, so zierlich und dünn. Man darf ihr nichts Schweres zum Tragen geben, damit sie sich nicht weh tut. Anscheinend hat sie zerbrechliche Knochen.

Ich mag Lore auch, doch manchmal schreit sie zu schrill.

„Baba, schau mal. Ich habe ein Loch im Rock!"

Babané repariert Lores Rock mit einer beneidenswerten Geduld. Doch um sieben Schwester aufzuziehen wappnet man sich gegen vieles.

Mari sitzt auf dem Küchenboden, spielt mit einer ihrer Strähnen und lacht mit ihrer tiefen Stimme, die mich erschaudern ließ, wenn sie singt.

Lore ist so schön wie eine Jungfrau aus einem Roman, Mari hingegen wie ein Filmstar. Wassergrüne Augen, kaffeefarbene Haut mit unzähligen Sommersprossen auf der Nase und den Wangen, schwere dunkelbraune Haare und geschwungene Lippen. Sie frisiert unsere Haare wie niemand sonst und macht die besten Zöpfen und Flechtfrisuren des Dorfes.

Mari hat Lores Hang zur Perfektion immer ausgelacht. Lores Frisur ist immer ordentlich gestriegelt und sie ist perfekt gekleidet. Mari hingegen ist immer verwuschelt, ihre Kleider sind voller Falten, doch sie hat einen unglaublichen Charme.

Gegen dem Kühlschrank gelehnt, das einzige Möbel, das uns nicht bei der kleinsten Berührung verbrennt, ist Hanna in einem ihrer Bücher vertieft. Sie hat ein Babygesicht mit den runden Wangen, der kleinen Nase und den unzähligen Grübchen ihres Lächelns, was sie leider zu selten macht. In diesem Babygesicht sind zwei schwarze Augen, in denen ich irgendwie die Weisheit der Welt erblicke. Hanna redet nicht viel und noch weniger vor Publikum. Sie ist nicht schüchtern, doch sie ist der Meinung, dass andere es nicht wert sind ihre Meinung zu hören.

Es ist ein Geheimnis, doch Hanna ist meine Lieblingsschwester. Jemanden in der Familie vorzuziehen ist zwar nicht gut, doch Hanna lacht mich nicht aus wenn ich sage, ich suche Feen.

Damaris kommt extrem euphorisch in den Raum. Manchmal frage ich mich, ob sie wirklich von unserer Familie ist. Außer ihr sind wir alle von ruhiger Natur, doch Damaris ist ein wahrer Tornado.

„Baba, Baba!", schreit sie.

„Ja, Douchka?", antwortet meine Oma.

Douchka bedeutet "Liebling" in einer alten Sprache. Das ist das einzige Wort, das ich von der Sprache kenne, die man hier in Nabarek gesprochen hatte. Bevor die Kontinente sich berührt haben und bevor Englisch überall auf erzwungen wurde. Wenn Babané es sagt, scheint es nach Milchkaffee und Honig zu schmecken.

„Ich habe eine Ratte gefunden!"

Damaris warf auf den Boden eine Rattenleiche.

Lore schreit erschrocken auf, Mari geekelt, Baba irritiert. Hanna sieht nur kurz auf und das war's. Ich hingegen lache nur. Damaris macht all diese verrückten Sachen mit der ganzen Unschuld der Kindheit.

Plötzlich ertönt eine Stimme von der Treppe her: „Was sollen diese Schreie?"

Amalia kommt schnell nach unten und zieht eine geekelte Grimasse beim Anblick der Ratte. Mit zwei Finger wirft sie diese nach draußen, unter Damaris' Protestschreie, die ihre Ratte wieder holt.

Amalia und ich sind uns sehr ähnlich. Die gleichen goldweißen Haaren, die gleichen jadegrüne Augen, die gleiche Alabasterhaut und das gleiche Grübchen auf der linken Wange. Doch ich bin ruhig, sie hingegen amüsiert sich damit, jedem auf die Nerven zu gehen. Baba sagt, dass sie das nur aus Langweile macht und ich denke das auch. Hier im Dorf gibt es wirklich nicht viel zu tun.

Ihr Zwilling Ailama ist gleichzeitig ihr Klon und ihr Gegenteil. Manchmal sind ihre Gesten und Mimiken genau gleich, selbst Baba kann sie dann nicht auseinander halten. Doch Ailama ist überhaupt nicht so grausam wie Amelia.

Dann gibt es mich. Die Letztgeborene. Als ich jünger war, war ich so lieb und hatte so ein schönes Lächeln, dass die Menschen mich ihre kleine Fee nannte. Ich war glücklich und hatte das Gefühl wichtig zu sein.

Doch ich wurde älter und die Dorfbewohner erwarteten, dass ich meine Träume hinter mir lasse, um eine wahre Frau zu werden.

Doch ich bin keine Frau. Jeden Tag wird mir diese Tatsache klar. Ich bin eine Fee.

Die kleine Fee Mavis, die nicht wachsen kann.

Die Ärzte haben gesagt, es läge an den nuklearen Stoffe in der Luft von Nabarek. Sie haben mein Wachstum gestoppt, man weiß nicht für wie lang. Jedenfalls bin ich immer ein kleines Mädchen, obwohl ich 13 Jahre alt bin. Manchmal ist es praktisch, alles ist weniger teuer und man bekommt mehr Essenskarten. Doch es kann auch peinlich sein, wie damals als Baba uns zu einem Fest gebracht hat und ich wegen meiner Größe auf so gut wie keinem Karussell steigen konnte. Ich blieb auf einer Schaukel, während meine sechs Schwersten auf Achterbahnen fuhren.

Sieben Mädchen sind viel, selbst hier in Nabarek, wo man selten Verhütungsmitteln bekommt. Sieben Mädchen ohne Vater und Mutter, das war sehr schwer zu tragen.

Doch Babané passte auf uns auf mit Geduld und Hartnäckigkeit. Ihr faltiges Gesicht ist wie ein Sonnenstrahl. Sie gab uns die Kraft, unsere Tage in einem Waschhaus zu verbringen, Stunden entfernt vom Dorf, in der Hitze zwischen den lärmenden Waschmaschinen, und das für einen mickrigen Lohn.

Trotz dem Hunger, der Müdigkeit, der Kälte außerhalb des hitzigen Waschhauses, machten wir weiter. Denn nichts war wertvoller als mit unserer Familie zu sein...

Xxx

Ein englischer Gentleman war in unserem Dorf gekommen.

Auch wenn die Länder sich neu reformiert haben seit die Kontinente nicht mehr durch die Meere getrennt sind, bevor Babané geboren wurde, sein Akzent und seine Kleidung machten aus ihn einen Engländer.

Die Leute hatten ihn zu uns gesandt. Ich weiß nicht warum. Weil wir zahlreich waren, weil wir arm waren, aus Gemeinheit, jedenfalls war er da und Babané wollen ihn nicht rauswerfen.

Mari war wütend. Wir waren alle im Gang der zur Küche führt, wo der Engländer am Tisch saß, seinen Zylinder hatte er abgelegt. Mari schrie Babané an.

„Wie konntest du ihn reinlassen? Wir sind schrecklich arm, schon vergessen? Sicher ist er bewaffnet? Baba, was ist bloß in dich gefahren? Wir können es uns nicht leisten einen Fremden zu beherbergen!"

Babané erwiderte, dass wir ihn nicht draußen in der Kälte lassen konnten. Schließlich wurde über Nacht die Luft kalt und der Frost verdeckte dann alles. Wenn wir ihm keinen Unterschlupf gaben, würde er da draußen vor Kälte sterben.

Mari wollte wahrscheinlich sagen, dass es uns egal sein kann, ob er stirbt oder nicht, als sich eine ruhige Stimme erhebte: „Verzeiht, dass ich mich einfach so eingeladen habe. Wenn ich Euch störe, werde ich gehen."

„Nein, Sie stören uns nicht, bleiben Sie doch", erwiderte Babané mit ihrem ewig warmen Lächeln.

Wir Mädchen waren sprachlos. Der Gentleman hatte eine kalte Schönheit. Seine Gesichtszüge ähnelten denen aus dem Osten, seine Haare waren pechschwarz, seine Haut war weiß und seine Augen dunkel.

Mari war die Einzige, die ihn nicht bewundernd anstarrte. Sie starrt ihn hasserfüllt an, ihre verwuschelten Haare unterstrichen ihre wütende Aura. Sie sah aus wie eine Kriegergöttin.

Xxx

Der Gentleman war geblieben. Er hat uns erzählt, dass er aus seiner Heimat geflohen war, da dort einen Bürgerkrieg herrschte. Mari hatte verachtend gezischt, doch der Engländer hatte nicht reagiert.

Er tat jedoch alles, um sich einzuleben. Er arbeitete mit uns im Waschhaus, er hatte seinen Anzug und seine Uhr verkauft, seine freie Zeit verbrachte er damit das Dach oder den Boden zu reparieren. Er half uns, wo er nur konnte. Lore und die anderen bewunderten ihn, in unseren Zimmer schwärmten sie von seinem Engelsgesicht, seinen schlanken Muskeln und seiner Ergebenheit für unsere Familie.

Nur Mari war nicht so. Doch während der Fremde immer höflich zu uns war, war er jedoch von unserer ältesten Schwester angezogen.

Xxx

Eines Tages waren wir alle sieben zum Markt in der nächsten Stadt gegangen. Babané und der Fremde waren im Dorf geblieben. Wir kamen vollkommen verdreckt, voll bepackt und laut lachend nach Hause.

Maris Lachen stoppte, als sie jemanden auf einem Baumstamm sitzen sah. Er trug einen weichen Hut, wie jenen die von den Männer als Sonnenschutz getragen wurde. Sein Hemd war offen, darunter war ein enges Shirt zu sehen, er trug eine Hose mit Träger und wie jeder Dorfbewohner war er barfuß.

Es war lustig und schön zugleich. Schön, weil er immer wunderschön war, egal was er trug. Lustig, weil er trotz allem ein Fremder blieb.

Er war aufgestanden und nahm uns das Gepäck ab. Dasselbe wollte er mit Mari tun, doch sie war einfach stolz an ihm vorbei gegangen. Er hat ihr nachgesehen, wie sie unsere Anwesenheit beinahe vergaß und ihr schweres Gepäck trug, als ob es federleicht war.

Nie würde ich diesen Augeblick vergessen, sowie der Blick in seinen Augen. Eine Mischung aus Verzweiflung und... Liebe? Was würde passieren, wenn sich die beiden lieben würden? Ich hatte komischerweise Angst davor. Ich hatte ein schlechtes Gefühl.

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Er hieß Zeref und war wirklich sehr nett. Gestern hat er mir beigebracht wie man durch Schlingen Kaninchen fangen konnte. Doch ich konnte keines fangen, ich war zu sensibel. Als ich ihn gebeten habe das arme Tier zu befreien, hat Zeref es auch gemacht. Auch er hatte noch nie ein Tier gefangen.

Mari beobachtet uns von weitem, manchmal, wenn er mir die englischen Namen der Bäume und Pflanzen beibringt. Ich spüre ihren Blick auf meinem Nacken, doch sie verneint es immer.

Ich weiß nicht, ob es Eifersucht ist oder ob sie es nicht mochte, dass ich mit Zeref unterwegs war. Sie aber nannte ihn immer noch Fremder. Seinen Vornamen hatte sie noch nie ausgesprochen.

Ich verstand nicht, warum sie ihn hasste. Zeref gehörte nun zur Familie, doch sie akzeptierte es nicht. Immer wenn sie das Abendessen kochte, servierte sie für ihn gar nicht. Auch Babané war traurig, noch nie hatte Mari sich so verhalten. Doch meine große Schwester hörte auf niemanden mehr.

Mari flocht uns nicht mehr die Haare vor dem Schlafengehen. Lore, Hanna, den Zwillingen und Damaris stört das nicht. Mich aber schon.

Xxx

Er hatte sie geküsst. Zeref hatte meine Schwester geküsst.

Er war uns wie immer auf dem Weg entgegen gekommen. Doch dieses Mal waren dort nur Mari und ich gewesen. Ich war einem Schmetterling hinterher gerannt und war zurückgekommen, als ich ihn aus den Augen verloren hatte.

Dann hatte ich es gesehen. Zeref wollte mit Mari reden, als er sich plötzlich gebeugt und ihre Lippen versiegelt hatte. Mari zuckte zusammen, legte dann ihre Hand auf seinem Nacken und schmiegte sich an ihn.

Und ich fing an zu rennen.

Warum schmerzte es so sehr? Warum brannte meine Brust? Warum fühlte ich mich verraten? Durch Mari, durch Zeref... und durch mich selbst.

Ich versuchte nicht zu weinen.

Ich biss die Zähne zusammen.

Ich verfluchte mich selber.

Ich fühlte mich dumm.

Warum war ich in diese Falle getappt? Ich wusste doch, dass er SIE liebte. Ich wusste auch, dass ich für ihn einfach ein kleines Mädchen war. Ich wusste, dass eine mysteriöse Verbindung sie nun verband.

Ich fühlte mich so dumm...

Sie kamen nach mir nach Hause. Ich hatte meine kindliche Energie wieder gefunden. Mein Lachen ist zwar nicht echt, doch niemand bemerkt es.

Wir saßen alle am Tisch und zum ersten Mal ignorierte Mari unser Gast nicht. Babané war gerührt, ihre Enkelin den Fremden akzeptieren zu sehen. Meine anderen Schwester lächelten besserwisserisch. Zwar hatten sie nicht den Kuss gesehen, doch unserer starkes Band half sie zu verstehen, was passiert war. Zeref lächelte auch, als ob eine Last von seinen Schultern genommen wurde.

Beide sind schön. Ich weiß es, sehe es. Dieses Bild bringt mich zum Lächeln.

Sie mussten zusammen sein. Es war geschrieben und egal ob es mich verletzte, das kleine Mädchen, das nicht wusste, was Liebe ist. Ich musste diese Gefühle vergessen, mich vergessen, sie ihr Glück leben lassen. Ich musste es für die beiden tun.

Nach dem Essen setzte ich mich auf dem Dach. Ich betrachtete den Wald, den Himmel und die Sterne. Ich hörte den Wind, der mir Geschichten von Wüsten und Prinzessinnen erzählte. Ich suchte die Feen. Ich wusste, dass sie hier waren. Doch gesehen hatte ich sie noch nicht. Doch ich war geduldig. Ich wartete und hoffte.

„Mavis..."

Mein Name, so sachte ausgesprochen wie ein Brise. Die Stimme gehörte meiner Schwester. Hanna war hinter mir. Ich hatte sie nicht kommen hören.

„Dir ist kalt..."

Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Erstaunt drehte ich mich zu ihr um. Ja, mir war kalt, in meiner Brust. Doch woher wusste sie das?

Sie lächelte mich sanft an und ihre Stimme erhob sich in meinem Kopf.

Auch du wirst sie eines Tages sehen...

Dann verschwindet sie, wie ein Schatten in der Nacht.

Meine Augen waren voller Tränen und der Wind war still geworden. Warum hatte ich es nicht früher bemerkt? Ich hatte schon eine Fee gesehen. Sie lebte mit mir und schläft jede Nacht im gleichen Bett wie ich. Sie war schön, klug und mutig. Sie hatte das Gesicht meiner Schwester und ihre großen schwarzen Augen, die schon alles von der Welt gesehen hatten. Und sie konnte so gut in meinem Herz und in meinen Gedanken mit mir reden.

Der Fremde hätte mich nie auf diese Art geliebt, doch die Feen werden mich mein ganzes Leben lieben...