Wenn ich ein Engel wär

(von Kira Gmork)

"Du hasst Weihnachten doch sowieso, warum kommst du also an Heiligabend nicht wieder zu uns, nachdem du dein Pflichtprogramm auf Hogwarts absolviert hast, und wir entspannen gemeinsam vor dem Kamin, Severus, so wie letztes Jahr?"

Der Tränkemeister sah in die Augen des Freundes und ihm wurde wieder einmal klar, dass er außer Narcissa der einzige Mensch war, der wusste, dass Lucius Malfoy zu einem so bittenden Blick überhaupt im Stande war.

"Ich habe es dir doch schon erklärt, Luc. Ich möchte nicht nochmal in euer Haus einfallen, an einem Tag, den du mit deiner Familie verbringen solltest."

"Das ist Unsinn, und das weißt du auch! Wenn man es genau nimmt, dann gehörst du doch praktisch zur Familie, Severus. Und von einfallen kann wohl kaum die Rede sein, denn du bist der angenehmste Gast, den wir uns überhaupt vorstellen können...und wie du weißt, können wir auf eine ganze Menge Gäste zurückblicken...aber DU bist es, den wir an diesem Tag bei uns haben wollen. Bedeutet dir das überhaupt nichts?"

Severus schüttelte warnend den Kopf, jedoch nicht, weil ihm die Einladung der Malfoys nichts bedeutete, sondern weil er den Freund davon abhalten wollte, ihn weiterhin emotional zu erpressen.

"Es bedeutet mir sehr viel, Lucius, aber...es geht dieses Jahr einfach nicht!"

"Weil du schon eine andere Einladung hast?", forschte der Blonde.

"Nein."

"Warum dann nicht?"

"Lucius...bitte! Akzeptiere meine Antwort!"

"Das werde ich tun...sobald du mir den Grund für deine Absage genannt hast."

"Du bist ein sturer Bock!"

"Ist das der Grund, warum du nicht kommen möchtest...weil ich dich nerve?"

"JA!...nein, entschuldige, Lucius, das ist natürlich nicht der Grund, obwohl du in der Tat eine ziemliche Nervensäge sein kannst!"

Malfoy schnaubte, doch dann senkte er den Blick und murmelte: "Ist in Ordnung. Dann wünsche ich dir frohe Weihnachten, Severus. Sehen wir uns nach den Festtagen?"

Der Tränkemeister sah seinen Freund eine Zeitlang schweigend an, dann seufzte er und sagte: "Also gut, ich erkläre dir, warum ich nicht am Heiligabend zu euch kommen möchte."

Sofort schien Lucius wieder völlig Ohr und Severus konnte sehen, wie der Freund sich innerlich auf die Kritik einstellte, die er glaubte, für sein Verhalten vom Vorjahr um die Ohren geknallt zu bekommen.

Severus senkte die Stimme, und Lucius ahnte nichts Gutes als der Freund nun sprach.

"Als du letztes Jahr gesungen hast...", Severus flüsterte nun beinahe nur noch und machte dann eine lange Pause, offenbar nach den richtigen Worten suchend. Lucius nahm ihm das ab, indem er abermals den Blick senkte und sagte: "Ich weiß...ich hätte das nicht tun sollen. Es war...peinlich."

"Ja, das war es", gab Severus ihm recht.

Lucius erinnerte sich an die Begebenheit, die eigentlich aus einem Scherz heraus entstanden war. Narcissa hatte ihren Mann damit aufgezogen, dass er vielleicht seine Geschäftsstatistiken im Schlaf hinunterbeten könne, aber gewiss keine einzige Strophe eines Weihnachts-oder Gute-Nacht-Liedes mehr kennen würde, die sie mit Draco gesungen hatten, als ihr Sohn noch in einem Alter gewesen war, in dem er es liebte, vorgesungen zu bekommen.

Lucius hatte dementiert und Narcissa hatte ihn aufgefordert, es ihr zu beweisen.

Einen Moment lang hatte Lucius so gewirkt, als halte er eine solche Aufforderung für eine tolldreiste Zumutung, doch plötzlich hatte er zu singen begonnen und Severus erinnerte sich selbst jetzt noch an den Text, obwohl inzwischen beinahe ein ganzes Jahr vergangen war.

Wenn ich ein Engel wär, der Flügel hätt'

so wachte ich jede Nacht über deinem Bett,

würd decken deine Seele zu,

in dieser heilg'en Nacht der Ruh.

Wenn ich ein Engel wär, so hell und rein,

würd ich dir nehmen Sorgen und jede Pein,

würde tragen dich in meinem Arm,

und zudecken, deinen Körper warm.

Wenn ich ein Engel wär, in dieser Nacht,

in der der Herr uns seinen Sohn gebracht,

würd ich vor Freude ganz laut singen,

und alle Glocken würden dabei klingen.

Kein Engel bin ich - war es nie,

habe gesündigt, Gott allein weiß wie!

Vergebung wird mir heut gewährt,

und unsere Hoffnung neu genährt.

Bin für dich da - so lehn dich an,

bin kein Engel, sondern nur ein Mann,

der sich dein Vater nennen darf,

und der sanft behütet, deinen Schlaf.

"Es war peinlich", wiederholte Severus bestimmt und sah dem Freund dann lange in die Augen, bevor er sagte: "Es war peinlich, dass ich weinen musste, weil deine Stimme so sanft und schön klang, dass ich die Tränen der Rührung nicht zurückhalten konnte."

Einen Moment lang geschah gar nichts, dann fragte Lucius verblüfft: "Du hast geweint?"

Severus' Stimme klang knirschend, als er sagte: "Ja...du hast es nicht bemerkt, weil du uns direkt danach sehr eilig und ohne uns noch einmal anzublicken, eine Flasche Wein umständlich aus dem Keller geholt hast...aber Narcissa hat es bemerkt, und sie weiß, wie schwer es mir gefallen ist, mich wieder unter Kontrolle zu bringen."

"Warum wusste ich davon nichts, Severus? Glaubst du nicht, ich hätte mich...gefreut?"

Nun schnaubte Severus abermals und sagte mit zitternder Stimme: "Ich habe gedacht, du lachst mich dafür aus."

Langsam schüttelte Lucius den Kopf: "Nein, bestimmt nicht. Ich überlege schon das ganze Jahr, wie ich mich bei dir für meine peinliche Vorstellung entschuldigen soll, und nun, da du sagtest, dass du nicht an Heiligabend bei uns sein möchtest, wurde mir klar, dass ich dich für diese Situation immer noch nicht um Verzeihung gebeten habe. Und das ist der Grund, nicht wahr...du hast Angst, dass ich wieder singen könnte."

"Ja, Lucius, das ist der Grund. Doch ich habe keine Angst davor, weil es unangebracht oder für dich peinlich wäre, sondern weil ich genau weiß, dass es mich erneut zum Weinen veranlassen würde und ich machtlos wäre, etwas dagegen zu unternehmen. Du hast eine unglaubliche Stimme und einem Mann wie dir sollte verboten werden, etwas über Engel zu singen, denn du bist in diesem Moment der sinnlichste und schönste Engel, den man sich vorstellen kann. Ich halte das nicht nochmal aus, ohne mich vor euch lächerlich zu machen."

"Ich hätte es so gerne gesehen, Severus...dich zu berühren ist nicht leicht...ich kann kaum glauben, dass es mir auf so einfache Art gelungen sein soll."

"Ist es aber, mein Freund."

"Wirst du kommen, wenn ich verspreche, nicht zu singen?"

Severus atmete tief durch, dann nickte er sanft und sagte: "Ich werde gerne zu euch kommen, Lucius...und ich wünsche mir, dass du singst! Ob ich wirklich wieder weinen werde, kann ich dir nicht sagen, aber ich bin bereit, das Risiko einzugehen, wenn du es bist!"

Die Augen des Blonden leuchteten und er erwiderte: "Ich bin dazu bereit!", dann fügte er mit bebender Stimme lachend an: "Ich bin plötzlich verdammt nervös!"

Auch Severus lachte, als er erwiderte: "Ich auch, mein Freund, ich auch. Ich fühle mich jetzt bereits wie ein Kind an Heiligabend! Ein Gefühl, das ich lange nicht erleben durfte!" Severus legte Lucius die Hand auf die Schulter und seine Stimme klang dunkel und aufrichtig, als er sagte: "Ich danke dir für deinen Sturkopf, Lucius, der mir ermöglicht, den Heiligabend mit den besten Freunden zu verbringen, die man sich wünschen kann."

ENDE