„Hallo, Frau Plenske!" Frau Dr. Klein begrüßte Lisa, als sie zusammen mit Rokko den Behandlungsraum betrat. „Oh, wen haben sie denn heute dabei?" fragte sie Lisa lächelnd, als sie Rokko bemerkte. „Ist das der Vater, der beim ersten Ultraschall noch nicht existierte?" Lisa wurde rot und musste grinsen. „Ja, das ist der Vater. Rokko Kowalski." Dr. Klein, die in der Praxis ausschließlich für Ultraschalluntersuchungen zuständig war, hatte Rokko noch nicht kennen gelernt. Ihr anderer Arzt, Dr. Fontane, war mit Rokko bereits bekannt, da er sie, seit dem sie wieder zusammen waren, immer zu allen Untersuchungen begleitet hatte.
Lisa erinnerte sich lebhaft an die erste Untersuchung, bei der Dr. Klein sie gefragt hatte, ob der werdende Papa denn gar nicht neugierig auf das erste Bild seines Kindes war. Sie hatte nur murmelnd geantwortet, dass der Vater nicht existent sei und die Ärztin hatte wissend genickt.
„Es freut mich, dass es sie ja doch zu geben scheint." Sie schüttelte Rokko die Hand und zeigte auf einen Stuhl neben der Liege, auf der Lisa bereits Platz genommen hatte. Rokko setzte sich. Lisa hatte in der Zwischenzeit ihren Pulli ausgezogen und Dr. Klein verteilte das Gel auf der Sonde des Ultraschallgerätes. Als Lisa auf der Liege lag, griff Rokko nach ihrer Hand und hielt sie ganz fest. Er war nervös. Bisher war alles normal verlaufen, doch Lisa hatte in den letzten Wochen ziemlich zugenommen und sah fast schon so aus, wie Yvonne damals kurz vor der Geburt. Die Ärztin begann mit der Untersuchung. Rokko und Lisa blickten fasziniert auf den Bildschirm des Gerätes. Kopf und Körper waren deutlich zu erkennen und in einer Einstellung sahen sie sogar die winzigen Fingerchen. Lisa sah zu Rokko, der wie gebannt sein Kind ansah. Sie konnte sehen, dass in seinen Augen Tränen glitzerten und sie drückte kurz seine Hand. Er sah ihr in die Augen und lächelte. Lautlos formten seine Lippen die Worte „Ich liebe Dich". Lisa hauchte ihm einen Luftkuss zu, bevor sie selbst wieder auf den Bildschirm sah.
„Nanu, was ist das denn?" Dr. Klein hielt in ihrer Bewegung inne und blickte genauer auf den Bildschirm? „Bei ihrer letzten Blutuntersuchung war alles in Ordnung oder?" sie stand auf und ging zum Tisch, um Lisas Akte zu holen. Sie blätterte darin. Lisa und Rokko tauschten fragende Blicke aus. „Ist etwas nicht in Ordnung?" fragte Lisa ängstlich. „Moment, Frau Plenske. Ich muss nur etwas überprüfen." Sie konzentrierte sich auf die Akte. „Hmm, nur ganz leicht erhöht, aber die Möglichkeit besteht." Sie legte die Akte zur Seite und kam wieder zu Lisa und Rokko.
„Ich werde sie jetzt an den Echokardiografen anschließen, um mir die Herztöne des Babys anzuhören. Ich habe eine Vermutung und die würde ich gerne prüfen. Aber keine Angst. Mit dem Baby ist alles in Ordnung." Lisa und Rokko war die Erleichterung in den Gesichtern anzusehen. Dr. Klein schloss Lisa an das Gerät an und kurze Zeit später hörten die beiden, das erste Mal, das Herz ihres Babys schlagen. Diesmal hatte nicht nur Rokko Tränen in den Augen. Lisa lief eine Träne über die Wange und sie sah glücklich lächelnd zu Rokko, der ihre Hand jetzt mit beiden Händen festhielt. „ Hören sie das?" Dr. Klein sah die beiden lächelnd an. „Da schlagen zwei Herzen." Rokko blickte sie erstaunt an. „Hört man da auch Lisas Herz?" Das Lächeln der Ärztin wurde breiter. „Nein, der Herzschlag der Mutter ist hier nicht zu hören. Da hat sich die ganze Zeit noch ein zweites Baby hinter seinem Geschwisterchen versteckt." Lisa konnte nicht fassen, was sie da hörte. Ihr Blick ging zwischen dem überrascht drein blickenden Rokko und der lächelnden Ärztin hin und her. „Soll das heißen, dass ich Zwillinge bekomme?" Lisa hatte endlich ihre Stimme wieder gefunden. „Ja, genau das heißt es, Frau Plenske. Herzlichen Glückwunsch!" Bei Lisa waren die Tränen jetzt nicht mehr aufzuhalten. Sie liefen in ganzen Bächen über ihr vor Glück strahlendes Gesicht. Und auch Rokko war es nicht peinlich, dass er in seiner Hosentasche nach einem Taschentuch suchen musste, um sich die Tränen wegzuwischen. Dr. Klein befreite Lisa von dem Echokardiografen. Sie nahm wieder die Sonde des Ultraschallgerätes auf. „Hier können sie einen Teil des Armes von dem zweiten Kind sehen." Sie zeigte auf eine bestimmte Stelle des Bildschirms. „Wenn sie mögen, kann ich auch mal sehen, ob uns eines der Beiden verrät, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist?" sie sah die beiden fragend an. Lisa blickte zu Rokko. „Willst Du es wissen?" er schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht, du weißt doch, dass ich Überraschungen liebe!" er grinste sie an. „Aber, wenn Du es wissen willst, ist es mir recht, Schatz!" Lisa lächelte ihm zu und wandte sich dann wieder der Ärztin zu. „Nein, wir können es noch abwarten. Das gerade war Neuigkeit genug für heute!" sie strahlte. Dr. Klein nickte, druckte den beiden noch ein Bild des Ultraschalls aus und begann dann das Gerät wegzuräumen und Lisa das Gel vom Bauch zu wischen. Nachdem Lisa wieder angezogen war und einen neuen Termin für die nächste Untersuchung hatte, verließen sie Hand in Hand die Praxis. Als sie auf der Strasse standen, nahm Rokko seine Lisa freudestrahlend in die Arme und wirbelte sie einige Male herum. „Ich könnte die ganze Welt umarmen!" er ließ Lisa wieder runter und küsste sie zärtlich. „Das werden sicher zwei kleine Lisas, die ihrem Vater genauso den Kopf verdrehen, wie ihre Mutter." Sie gingen langsam die Straße entlang, zu Rokkos Auto. Lisa sah Rokko schelmisch von der Seite an. „Na, da wäre ich mir nicht so sicher. Ich denke eher, dass es zwei Jungs werden, die genauso frech sind, wie ihr Vater und mich dann aus ihren dunklen Augen ansehen werden, so dass ich nie böse sein kann."
Auf dem Heimweg hielt Lisa das Bild ihrer beiden Kleinen die ganze Zeit in der Hand. Sie hatte angefangen sich gegenseitig Namensvorschläge zu machen. Rokko hatte Lisas letzte Vorschläge, Anne und Christiane, für zwei Mädchen, gerade mit der Bemerkung „Nee, so hießen Ex-Freundinnen von mir!" abgelehnt. „Na, dann mach doch Du mal einen sinnvollen Vorschlag!" Lisa funkelte ihn an. So ging es die ganze Autofahrt weiter. Sie überlegten sich die schrägsten Namen, wie Hildegund und Adelheid, Theodor und Ottokar, Brunhilde und Kasper. Doch etwas wirklich Sinnvolles kam dabei nicht heraus. Als sie schließlich zuhause ankamen, einigten sie sich darauf noch mal in aller Ruhe darüber nachzudenken.
Nach dem Abendessen kuschelten sie sich auf die Couch und schauten „Vater der Braut" an. Lisa kannte den Film zwar auswendig, doch sie musste trotzdem immer wieder lachen, wenn Steve Martin, den Weddingplaner nicht verstand und sich maßlos über die Kosten der Hochzeit aufregte. Rokko sah den Film nur mit halbem Auge. Er dacht über etwas ganz anders nach. Ihm war schon länger klar, dass er Lisa wieder darum bitten würde, seine Frau zu werden. Doch über das wie und wann, war er sich noch nicht im Klaren. Er wusste, dass Lisa mit der Situation in der sie lebten zufrieden war und nicht mit einem Antrag seinerseits rechnete. Als der Film fertig war und er sich im Bad die Zähne putzte, hatte er plötzlich die Idee. Das Lächeln, das er schon seit dem Termin beim Frauenarzt auf den Lippen hatte, wurde intensiver. Endlich wusste er, wie er um Lisas Hand anhalten würde.
