A/N: Auf die Gefahr hin, dass meine Worte verhallen wie ein Echo in einer leeren Höhle: ich weise nochmals auf das Rating dieser Geschichte hin. Ansage Ende. Und nun viel Spaß :)

Scar Tissue

20

Sterben und sterben lassen

Wie weit wirst du gehn

Wenn du an die Grenze stößt

Die dein Herz dir setzt?

Gotham war grundsätzlich keine schöne Stadt, aber manche ihrer Ausläufer und Vororte erweckten den Eindruck, noch nie vom Sonnenlicht berührt worden zu sein. Das Gebiet des alten Staudamms, der mit dessen Filteranlage vor einigen Jahren das gesamte Stadtgebiet Gothams mit Trinkwasser versorgt hatte, gehörte zu jenen Plätzen, die man ungern im Dunkeln und erstrecht nicht allein aufsuchte.

Und wie um der Ironie gerecht zu werden, war es stockfinster und Erin so allein wie ein Mensch nur sein konnte, als sie die Gothams nördliche Grenze erreicht hatte. Nur wenige Minuten, keine Viertelstunde mehr, trennten sie von Mitternacht. Jeder ihrer Schritte hinterließ ein knirschendes Echo auf dem frostigen Untergrund, über den sich Unrat wie ein Teppich ausgebreitet hatte. Überall lagen Scherben und Papiertüten herum, längst verwitterte Verpackungsreste stellten sich ihr in den Weg. Erin zurrte den Schal enger um ihren Hals und rieb ihre Hände aneinander. Sie fror bis auf die Knochen, war schon eine Stunde zu Fuß unterwegs. Mit der Hochbahn hatte sie die größte Strecke zurückgelegt, zum alten Staudamm und seiner spärlichen Besiedlung führten kaum öffentliche Verkehrsmittel, zumindest nicht mehr zu dieser fortgeschrittenen Uhrzeit. Erin hatte Scotts Wohnung auf den Kopf gestellt und dabei eine wärmere Jacke sowie eine noch brauchbare Taschenlampe gefunden. Das einzige größere Messer, das ihr noch geblieben war, hatte sie in ihre Hose gesteckt. Zwar war die Klinge, mit der der Joker die Spielkarten in das Kissen gepinnt hatte, noch da gewesen, aber Erin hatte alles entsorgt und wollte nichts davon je wiedersehen. Auch die Karte, die auf ihrer Tasse gelegen hatte, hatte sie in den Müll geworfen. Die Tasche, die sie von Alfred erhalten hatte, lag um ihrer Schulter, die Ohrstecker hatte sie nicht bei sich. Zu groß war das Risiko, dass Batman ausgerechnet jetzt ihre Fährte aufnahm und hineinplatzte in...was auch immer der Joker vorhatte. Erin schüttelte diesen Gedanken ab, wollte lieber gar nicht wissen, was er unter dieser Prüfung verstand, die er ihr gegenüber angekündigt hatte.

Sie schaute unruhig auf die Uhr und sah sich danach in der Umgebung um. Nur weil sich ihre Augen mittlerweile an die Dunkelheit gewöhnt hatten, gelang es ihr, die Konturen klarer voneinander zu unterscheiden und sich halbwegs zu orientieren. Der steinerne Wall des alten Staudamms ragte in den Nachthimmel und zeichnete sich in fast perlweißem Farbton von ihm ab. Die Staumauer bildete einen mächtigen, hohen Bogen, ein riesiges U, das man nur aus der Vogelperspektive lesen konnte. Der Weg, auf dem Erin entlangging, stieg beachtlich an und fiel zur linken Seite steil ab. Wasser sammelte sich in dieser natürlichen Kerbe in beachtlicher Tiefe an. Erin schätzte den Wasserpegel auf weit mehr als zehn Meter, auf der anderen Seite des Staudamms mochte er noch höher liegen. Weit und breit konnte die junge Frau kein Anzeichen von Leben ausmachen. Hier schien alles so tot wie verlassen zu sein. Die Luft hier draußen war fast zu kalt zum Atmen, ihre Lippen waren spröde, die Haut an Wangen und Stirn spannte, prickelte taub unter der zunehmenden Kälte. Ihre Anspannung und Furcht verhinderten, dass sie müde wurde, obwohl ihr Körper seit über einem Tag keine Ruhe mehr gefunden hatte.

Je weiter Erin ging, desto steiler wurde der Weg. Sie konnte dankbar für die Dunkelheit sein, die ihr das wahre Ausmaß des beachtlichen Höhenunterschiedes vorenthielt und ihr Schwindelgefühl zum Leben erweckt hätte. So aber konzentrierte sie sich auf den Weg, der vor ihr lag und beständig fester wurde. Er mündete letztlich in einem Aufgang zur Staumauer, die gleichzeitig als Brücke zwischen den Ufern fungierte. Als Erin schon fast den Aufgang überwunden hatte, erblickte sie eine schlanke, hochgewachsene Gestalt auf der handbreiten Brüstung der Staumauer. Der Schwalbenschwanz des knielangen Mantels flatterte im Wind. Der bloße Anblick ließ Erin erstarren.

„Aaaah, du hast es noch rechtzeitig geschafft. Ich dachte schon, du lässt mich...hängen wie die Fledermaus, Schätzchen." Die schneidende, klirrend kalte Luft trug seine Worte, obschon aus noch recht großer Distanz gesprochen, in aller Klarheit zu ihr hinüber. Sie sah, wie er über die Brüstung balancierte, ähnlich selbstsicher, wie er es auf dem Stahlträger in schwindelerregender Höhe getan hatte. Obwohl die Dunkelheit jegliche Farbe verschluckte, leuchtete sein weiß geschminktes Gesicht wie ein Vollmond, der zur Erde gestürzt war. Die unregelmäßige Linie seines zerklüfteten Mundes und die schwarzen Höhlen seiner Augen vervollkommneten den Eindruck von einer lunaren Kraterlandschaft. Es fiel Erin schwer, sich wieder in Bewegung zu setzen. Das Gefühl, geradewegs in ihr eigenes Unglück zu laufen, ließ sie nicht los, und doch gab es ab hier kein Zurück mehr. Er hatte sie gesehen. Selbst wenn sie ein Fluchtreflex erfassen sollte, würde er sie kriegen. Er war ein Jäger und ein Jäger verlor seine Beute niemals aus den Augen.

Sie ballte die Hände zu Fäusten, was ihren eingefrorenen Gelenken Schwierigkeiten bereitete, und stapfte so entschlossen wie möglich durch den Schnee. Er lachte glucksend und winkte sie zu sich her: „So ist's richtig, mein Häschen, komm zu deinem Daddy!"

Jedes seiner Worte hallte wie ein Peitschenhieb in ihrem Kopf wider und fühlte sich ähnlich schmerzhaft an. Dennoch vermochte sie nicht, sich dagegen zu wehren. Es war, als zöge er sie an einer Schnur zu sich herauf, so als hätte sie keine Kontrolle mehr über ihre eigenen Schritte. Als sie endlich auf gleicher Höhe zu ihm angelangt war, sprang, nein, hopste er vielmehr von der Brüstung auf den kleinen Gehweg, der an das andere Ufer führte, und breitete die Arme aus, wie um Erin auf makabere Weise willkommen zu heißen. Sie blieb wie angewurzelt stehen und starrte den Mann, der etwa zehn Meter von ihr entfernt im wirbelnden Schneegestöber stand, abwartend an. Irgendwo hinter ihm vermutete sie zwei weitere Gestalten, aber die mochten genauso gut ihrer Fantasie entsprungen sein.

„Komm her, mein Mäuschen", sagte er in einem lockenden, fast freundlichen Tonfall und ließ dann langsam die Arme sinken, als Erin nicht reagierte, „oder...äh...soll ich dich holen kommen?" Seine Stimme hatte jegliche heuchlerische Sanftheit verloren und war in einen kalten, bedrohlichen Tonfall umgeschwungen. Seine Geduld schien nicht endlos zu sein. Erin zögerte nur kurz, setzte sich dann langsam in Bewegung und kam unter der winkenden, dirigierenden Handbewegung des Jokers näher auf ihn zu. Sie überlegte kurz, ob sie das Messer ziehen sollte, das sie mit sich trug, befand es jedoch für klüger, erst einmal abzuwarten. Abgesehen davon hatte sie nur zu gut in Erinnerung, wie er die ursprünglich gefährliche Situation für sich und seine Zwecke umgemünzt hatte. Seine Kraft hatte ihn einmal mehr überrascht und ihr gezeigt, dass sie bedeutend früher aufstehen musste, wenn sie ihn übers Ohr hauen oder ihm Schaden zufügen wollte. Trotz allem, was sich ereignet hatte, war sich Erin immer noch nicht im Klaren darüber, ob sie Letzteres wirklich wollte. Es hatte sich grässlich angefühlt, das Messer entlang seiner Narbe gleiten zu lassen, die weiche Haut aufzureißen wie ein Blatt Papier. Ihre Hand hätte längst von dem Messer abgelassen, hätte er sie nicht umfasst gehalten und dazu gezwungen, das zu vollenden, was sie begonnen hatte. Nein, Erin konnte so etwas nicht tun. Sie konnte sich ja noch nicht einmal vorstellen, jemals so etwas tun zu wollen. Zumindest war sie noch nie in so eine Extremsituation hineingerutscht, dass sie einen solchen Drang verspürte. Hier, heute und jetzt sollte sich das ändern.

„Na komm", säuselte der Joker, dessen Arm hervorschnellte, kaum dass sie in seine Reichweite gelangt war. Erin wollte noch instinktiv zurückschrecken, doch da hatte der Joker sie schon gepackt und zu sich gezogen, worauf die Taschenlampe dumpf klickend auf dem Boden landete. Ihr Lichtkegel verschwendete seinen gelben Schein an die glatte Mauer des Damms und würde so lange leuchten, bis die Batterien ihren Geist aufgaben. Wegen des Schnees geriet Erin leicht ins Schlittern, wäre um ein Haar zu Boden gegangen, hätte er nicht seinen Arm um ihren Rücken gelegt und sie festgehalten. „Aber, aber, Spätzchen. Heut so stürmisch?" Er hielt sie bei den Handgelenken und als sie sich ihm entziehen wollte, wie es nur ein allzu verständlicher Reflex war, als sie ihm zu nahe kam, knackte es irgendwo in ihrem Ellbogen, entweichen konnte sie ihm aber nicht.

Amüsiert grinste er und beugte sich zu ihr vor. Erin drehte den Kopf von ihm weg, lehnte sich soweit zurück, wie es ihr unter seinem gewaltvollen Griff überhaupt möglich war. „Hm", machte er nur und zerrte sie mit sich. Erin war zu sehr damit beschäftigt, sich auf den Beinen zu halten und gab kaum darauf Acht, dass er sie auf die Mitte des Staudamms zog, näher an die beiden dunklen Bündel heran, die regungslos gegen die Betonmauern lehnten. Erst als sie auf gleicher Höhe zu den beiden angelangt war, ließ der Joker von ihr ab, worauf sie der Länge nach auf den zugewehten Untergrund hinschlug. Sie hustete, als sie Schnee in den Mund bekam und rappelte sich schnellstmöglich wieder in eine kniende Position auf, nur um vom Joker grob am blonden Schopf gepackt und am Kopf zurückgerissen zu werden. Der ziehende Schmerz ließ sie kraftlos schnaufen und Tränen in ihre Augen steigen, die sie aus Stolz geschlossen hielt. „Sshhh...", flüsterte er, als er ihre flache Atmung bemerkte und tätschelte ihre Wangen mit seinen kalten Handschuhen. „Öffne die Augen", raunte er ihr leise, fast sanft zu. Sie spürte seinen warmen Atem an ihren kalten Wangen, als er an ihrer Seite niederging und sich zu ihr vorbeugte. Doch anstatt seiner Aufforderung nachzukommen, presste sie die Augen noch fester zusammen.

„Ich sagte öffne die Augen!", er herrschte sie so laut und heftig an, dass Erin zusammenzuckte und sich ihm zu entreißen versuchte, doch sie kam gegen seinen bezwingenden Griff nicht an. Anhand seiner Finger, die sich immer stärker in ihr Haar und ihr Handgelenk bohrten und seines hektischer werdenden Atems spürte sie, dass er seine Aufforderung kein zweites Mal wiederholen würde. Langsam öffnete sie die Lider, spürte, wie ihre warmen, salzigen Tränen über ihre kalte, spannende Haut glitten und feuchte Furchen hinterließen. Sie erkannte nicht auf Anhieb, um wen es sich handelte, begriff aber, dass der Joker zwei andere Menschen hierher gebracht hatte. Beide waren mit Panzertape umwickelt, ihre Münder waren ebenfalls zugeklebt worden. Sie wimmerten leise, schluchzten verängstigt, doch aus Erins Mund konnte kein einziger Ton entweichen.

Der Joker spürte ihre Angst auch ohne dass sie des Sprechens fähig war. Emotionen drückten sich nicht nur durch Worte aus, sondern mit all unseren Sinnen, unseren Gesichtsausdrücken, unserer Atmung, unserem Körpergeruch. Er war wie ein Tier, das genau diese Regungen witterte. Seine rechte Hand ließ von ihrem Schopf ab und legte sich stattdessen fest um ihre Wange, zwang ihren Kopf nach links. Sein Daumen bohrte sich schmerzhaft in die Kuhle unterhalb ihres Jochbeins, seine übrigen Finger krallten sich um ihr Kinn und drängten es in seine Richtung. Erin keuchte und versuchte mit aller Macht, dem Drang, die Augen zu schließen, zu widerstehen, als sie diese schwarzen, leeren Augen sah, in denen nur ein leichtes Schimmern vermittelte, dass Leben in ihnen steckte. Dieses abnorme Grinsen tat das Übrige dazu, um diesen Wunsch nach Entfernung von ihm zu nähren. Ihr Atem kam gepresst und stoßweise, den Mund hielt sie fest verschlossen, als sich seine Finger darüber legten, ihre Nasenflügel flatterten hektisch und krampfartig mit jedem Atemzug, den sie nahm.

„Shhh, ssshh, sshhh", wisperte er beruhigend, was keinerlei besänftigen Effekt auf Erin hatte, die sich unter ihm wand und sich von ihm wegdrehen wollte. Aber seine Hände schlossen sich wie Schraubzwingen um sie, die jede widerwillige Bewegung mit Schmerzen straften. Der Joker beugte sich näher über sie, lehnte sich so dicht zu ihr vor, dass sie trotz der Dunkelheit den roten Farbton seines bemalten Mundes erkennen konnte. Sein Atem, der überraschenderweise nicht unangenehm roch, kitzelte ihre tränenfeuchte Wange und jagte ihr damit einen eisigen Schauer über den Rücken. Sie geriet vollends in Panik, als sie spürte, wie sich sein Mund ihrem Gesicht immer weiter näherte und seine üppig geschminkten, grausig zugerichteten Lippen ihre Haut berührten. Als er regelrecht genüsslich mit der Zunge die Linie ihrer Tränen nachfuhr, so als hätte er besonderen Geschmack an ihrem körpereigenen Salz gefunden, begann sie panisch unter ihm zu strampeln und versuchte mit aller Macht, sich von ihm zu lösen, schloss die Augen, als sein Mund ihnen zu nahe kam und schnappte nun auch keuchend mit dem Mund nach Luft. Am liebsten hätte sie aus Leibeskräften geschrien, aber dieser Luxus, der beinahe jedem Menschen zueigen war, blieb ihr verwehrt. Es war so demütigend, zu spüren, wie er ihre Wange ableckte und somit ihre Tränen beseitigte. Obwohl es nur wenige Sekunden angedauert hatte, war es Erin bedeutend länger vorgekommen. Sie fühlte sich beschmutzt und wurde das Gefühl nicht los, dass seine Kriegsbemalung auf ihre Haut abgefärbt hatte. Der bloße Gedanke erregte in ihr Übelkeit.

„Was heulst du denn, hm?", fragte er mit dem Mund ganz nah an ihrem Ohr, sodass sie unwillkürlich erschauderte, als sein heißer Atem in ihre Ohrmuschel tauchte, „Ich hab doch noch gar nicht angefangen." Wieder regte sie sich unter ihm, doch wieder einmal erwies er sich als der Stärkere, obwohl seine Statur nicht wirklich muskulös war. Er kicherte vergnügt ob ihrer Bemühungen, sich von ihm zu lösen, machte sich einen Spaß aus ihrer Angst. Irgendwie gelang es Erin, ihm ihren linken Ellbogen in die Magengrube zu schlagen, doch er sank nur kurz in sich zusammen und lachte heiser auf, weder verlor sein Griff an Intensität, noch wirkte er sonderlich verblüfft oder gar angeschlagen durch ihren Treffer.

„Du willst dich mit mir raufen, Schätzchen?", fragte er halb lachend, halb erbost. Nie war es Erin so schwergefallen, aus einem anderen Menschen zu lesen. „Kannst du haben", schnaufte er und zerrte sie grob auf ihre Füße zurück. Seine Hand packte ihre Kehle, schnürte ihr kurzzeitig den Atem ab. Mit dem anderen Arm klemmte er ihre Hände ein, während seine Rechte quälend langsam an ihrer Kehle hinab glitt. Obwohl sie wieder Luft bekam, wagte Erin kaum zu atmen, während seine Hand über ihren Oberkörper glitt und wie ein Tentakel jeden Zentimeter abtastete.

„Kannst du haben", wiederholte er flüsternd, als seine Hand die Wölbung ihrer Brust passierte, über ihren Bauch strich und auf ihrem Hüftknochen zu liegen kam. Seine Berührungen erinnerten an das Kriechen einer Schlange, doch Erin konnte sich nicht unter ihnen bewegen, ohne ihm auszuweichen. Versuchte sie zurückzuweichen, stieß sie mit ihrer Kehrseite gegen seinen Körper, in allen anderen Richtungen schienen seine Hände ihr Territorium abstecken zu wollen. Erin schluckte hilflos und spürte, wie jede Faser ihres Körpers vor Angst, Anspannung, Scham und Ekel zu zittern begann. Er schmiegte seine Wange an ihre, sodass sie die tiefen Furchen seiner Narben auf ihrer eigenen Haut zu spüren bekam. Einzelne Strähnen seines krausen Haares streiften ihre Stirn. Mehr und mehr Tränen rannen über ihre Wangen, streiften seine Haut und mussten sein Make-up verwischen, doch Erin wagte nicht einmal einen Seitenblick in seine Richtung. Seine Hand hatte ihren Oberschenkel erreicht und tastete über den straffen Muskel, und er gurrte dabei fast lüstern in ihr Ohr: „Warum denn so nervös?"

Die beiden gefesselten Menschen nur wenige Meter von ihr entfernt gaben immer noch jammernde Geräusche von sich, wie Katzen, die man zum Ertränken in einen Sack gesteckt und diesen zugeschnürt hatte. An das Ohr der jungen Frau drangen diese Geräusche jedoch nur unterschwellig.

Ihre Sinne fokussierten sich auf das Tun des Jokers, dessen Hand sich langsam wieder zurückzog und den Weg zu ihrer Körpermitte suchte. Zutiefst gedemütigt hielt sie den Atem an, als seine Finger ihr Schambein fanden. Sie zuckte zusammen und regte sich, aber noch immer konnte sie sich nicht aus seiner Umklammerung befreien.

„Wenn du Spaß haben willst, musst du ein bisschen lockerer werden, mein Häschen", weissagte er und Erin, die lieber nicht wissen wollte, was er unter Spaß verstand, versuchte ihn mit ihrer Schulter zu rammen. Ihn hingegen schien ihre kümmerliche Gegenwehr nur zu amüsieren. Gerade, als sie das Schlimmste befürchtete, spürte sie, dass der einzige Zweck seiner Tasterei nur darin begründet gewesen war, ihr Messer zu erfassen. Er ertastete den Griff, der nur wenige Zentimeter aus ihrem Hosenbund herausragte, und zog die Klinge schwungvoll daraus hervor. Erin atmete erschrocken aus, als der kalte, scharfe Stahl ihre empfindliche Haut einritzte.

„Sieh mal einer an, was haben wir denn hieeer?", fragte er und hielt das Messer in Augenhöhe seines Opfers. „Willst du deine Lektion im Aufschlitzen doch noch weiterführen? Hast wohl...im wahrsten Sinne des Wortes Blut geleckt, hm?", raunte er ihr zu, umfasste mit der linken Hand ihren Arm und drehte sie gewaltvoll um, sodass sie ihm gegenüberstand. Er leckte sich fahrig über die Lippen und zog Erin nah an sich heran, steckte ihr die Klinge gezielt in den Mund, als sie sich zu wehren versuchte. Langsam, fast vorsichtig drängte er die Klinge gegen ihren Mundwinkel, worauf sich ihre Haut so gut es ging sträubte und sich dem scharfen Messer entzog. „Ich habe gute Nachrichten für dich. Dieee...äh...Lektion wollte ich sowieso mit dir fortsetzen." Sie sah ihn aus halbgeöffneten Augen an, suchte seinen Blick, wollte ihn stumm um Gnade bitten, auch wenn sie im Inneren wusste, dass er der Letzte war, von dem sie so etwas wie Mitleid erwarten konnte. Ganz im Gegenteil – ihre Angst, die sie nicht mehr vor ihm verbergen konnte, schien ihm zu gefallen und ihn in perverse Euphorie zu versetzen. Die Klinge in ihrem Mund kratzte ihren Mundwinkel auf, nicht besonders viel, aber es genügte, um einen brennenden Schmerz zu verursachen.

Erin schnappte schniefend nach Luft, hob langsam ihre linke Hand, legte sie in seine rechte Armbeuge. Der lilafarbene Stoff seines Mantels fühlte sich klamm und schwer an. Sie suchte abermals seine Augen, die sie neugierig musterten und formte trotz des Messers in ihrem Mund ein stummes ‚Bitte' mit ihren Lippen. „Oh, ich verstehe. Du willst nicht, dass ich dich so zurichte wie mich, nicht wahr?", fragte er gedehnt und lächelte breit, als das kurze Zucken ihrer Wimpern verriet, dass er Recht hatte. „Verständlich...bei deinem hübschen Gesicht wäre es auch wirklich...schade...wenn man dir so etwas antun würde...ich glaube, das brächte ich gar nicht übers Herz", er stieß eine kurze, impulsive Lachsalve aus, als wäre der Gedanke urkomisch, dass er überhaupt ein Herz besäße, ehe er leise, fast flüsternd mit seiner tiefen Stimme hinzufügte: „Nein, nein, nein." Er verdrehte die Augen, sodass Erin kurz nur das Weiß seiner Augäpfel zu sehen bekam, das nicht so intensiv aus dem Dunkel herausstrahlte wie die helle Schminke, aber dennoch furchteinflößend anzusehen war. „Ich hab etwas ganz anderes mit dir vor...", murmelte er und zog die Messerschneide aus ihrem Mund, ließ sie sacht über ihre Haut gleiten, ohne wirklich zu schneiden. Die Spitze der Klinge war warm und feucht von ihrem Speichel, kühlte an der klirrend kalten Luft allerdings schnell wieder ab.

„Du fragst dich sicherlich, warum...", er machte eine kleine Pause, um sich gierig die Lefzen zu lecken, „ich dich hierher gebeten habe. Nuuun...", er taxierte sie mit seinen beunruhigenden dunklen, braunen Augen, sodass sich Erin merkwürdig entblößt fühlte. Es war, als könnte er ihr bis auf den Grund ihrer Seele schauen und mühelos alles aufdecken, was sie so erpicht vor ihm zu verstecken versuchte. „Ich möchte sehen, ob du in der Lage bist, deine eigenen Grenzen zu entdecken und...da liegt der Punkt...zu überschreiten." Er trat vor ihr unruhig von einem Bein auf das andere, drängte sich näher an sie heran, während die Klinge des Messers die Kuhle ihrer Kehle streifte. „Dir ist sicher schon aufgefallen, dass wir nicht ganz ungestört sind. Ich habe noch zwei weitere...Gäste geladen, die bei dieser interaktiven Showeinlage teilnehmen sollen."

Die Hand des Jokers war in Erins Nacken gewandert und zwang ihren Kopf somit in die Richtung, in der sie die beiden zusammengekauerten und gefesselten Menschen sehen konnte. „Gut möglich, dass du...sie nicht auf Anhieb erkannt hast", sie wollte den Kopf von ihm wegdrehen, als sie seine Lippen abermals zu nah an ihrer Wange spürte, doch das Messer an ihrer Kehle schränkte ihre Bewegungsfreiheit ein, wenn sie nicht beabsichtigte, sich selbst aufzuschlitzen. „Aber die beiden hier...sind...Bekannte von dir. Ich denke, du stimmst mir zu, wenn ich die kleine abgemagerte Schlampe nach all dem, was sie dir bei der Beerdigung des lieben Matthew an den Kopf geworfen hat, nicht als deine Freundin bezeichne."

Erin riss die Augen auf, als das hohe, zittrige Wimmern der größeren Person Gestalt annahm und Erinnerungen in ihr weckte. Konnte es möglich sein, dass...?

Die Hand des Jokers verflüchtigte sich auf ihr Kinn und drehte es leicht, sodass ihr Blick auf die kleinere Gestalt gelenkt wurde. Das Haar beider Menschen war so schwarz wie die Nacht selbst. „Kandidat Nummer zwei hat ebenso wenig Schmeichelhaftes vorzuweisen. Hat seinen eigenen Eltern den Tod beschert, der kleine Bastard."

Seine Zunge jagte über die geschwulstartig verzerrten Lippen und streifte dabei Erins Wange. Es kostete sie alle Kraft, nicht zusammenzufahren. Sie heftete ihren Blick angestrengt auf die beiden Menschen, die zusammengesunken an der Mauer lehnten. Waren es wirklich Olivia und Alex, die er hierher gebracht hatte? Wieso? „Mit...dem hattest du doch auch nur Ärger, oder? Obwohl...ihm hast du es zu verdanken, dass...wir beide...uns wiedergesehen haben", seine Lippen streiften ihr Ohr und zauberten damit eine Gänsehaut auf ihren Nacken und ihre Halspartie. Sie versuchte ihn zu ignorieren, doch genauso gut hätte sie versuchen können, sich einzureden, dass hier draußen 30°C herrschten. Sie glaubte zu sehen, wie die größere Figur, die demnach Olivia sein musste, den Kopf hob und sie anstarrte, das mochte sie sich aber genauso gut eingebildet haben. Unter dem Stress, dem sie ausgesetzt war, spielte ihr Unterbewusstsein ihr womöglich einen Streich. „Nun, du hast ja gleich die Wahl, wen von beiden du am Leben lassen wirst...", er deutete mit dem Messer willkürlich auf Alex, „...und wen du ins Jenseits beförderst." Erins Herzschlag pochte dumpf in ihren Ohren, übertönte seine Stimme jedoch nicht, die tief in ihr Bewusstsein gekrochen war und sich dort einnistete. Sie drehte den Kopf und sah ihn entrüstet an, doch er kniff nur die Augen zusammen, sodass er sie nur aus schmalen Schlitzen heraus ansah.

„Du...", begann er und seine Zunge tanzte im Akkord über seinen Mund, „hast die einmalige Gelegenheit...", er ließ völlig von ihr ab, doch seine Berührung haftete an ihr wie der üble Nachgeschmack einer überlagerten Speise. Er begann sie zu umkreisen, streifte sie ab und an mit seinem Mantel, umhüllte sie ganz und gar mit seinem tödlichen Parfum. „Du hast die Gelegenheit, dich einem von ihnen zu entledigen. Die Frage ist, auf wen deine Wahl fallen wird...die verräterische Nebenbuhlerin, die dir dein Spätzchen nicht gönnen wollte...oder doch der kleine Satansbraten, der Le Gardien und damit deiner Heimat nichts als Ärger gebracht hat?"

Obwohl Erin still stand und der Joker die ganze Zeit seine Kreise um sie drehte, war sie von einem Schwindelgefühl erfüllt. Es war, als hätte er mit jeder seiner Umdrehungen einen Faden um sie gewickelt und sie in einen Kokon gesponnen, der ihr die Luft zum Atmen nahm. War das sein Ernst? Hatte er die beiden entführt und hierher gebracht, nur damit Erin Richter über Leben und Tod spielte? Der Joker blieb an ihrer Seite stehen und zückte das Messer, legte die kalte Klinge an ihre Wange, jedoch nicht fest genug, um Spuren zu hinterlassen.

„Weißt du schon, für wen du dich entscheiden wirst? Oder sollte ich besser sagen, gegen wen?"

Erin starrte benommen auf die beiden gefesselten Menschen. Sie konnten sich nicht wehren, waren zu ihrer Hinrichtung gebracht worden wie Schlachtvieh. „Hey!", blaffte der Joker sie aggressiv an, sodass sie automatisch zusammenzuckte und ihn ansah, „Ich rede mit dir." Die Züge der jungen Frau arbeiteten heftig, Angstschweiß war auf ihrer Schläfe ausgebrochen und sammelte sich in Höhe ihrer Wangenknochen. „Warum so verklemmt, hm?", fragte er mit schriller Stimme und vollendete einen Halbkreis um sie herum, „Sieh es als Art...Befreiung an", murmelte er und gestikulierte wild mit beiden Händen, führte das Messer somit gefährlich nah an ihr Gesicht heran, „Sieh mal,...diese beiden da...haben dir doch nur Ärger gemacht. Dir...Kummer bereitet." Sein Tonfall hatte etwas unterschwellig Spottendes angenommen. „Und ihretwegen sitzt dein Scotty-Schatz mächtig in der Tinte." Die Zunge schoss zwischen seinen nachlässig geschminkten Lippen hervor und zog deren Linie nach. Er nickte eifrig, ließ Erin dabei in keinem Moment aus den Augen. „Das ist deine Chance, es ihnen nicht nur heimzuzahlen, sondern auch den Hals deines Freundes aus der Schlinge zu ziehen." Sie stand wie erstarrt da, folgte dem Joker einzig und allein mit ihrem Blick, während er vor ihr auf seinen Fußballen vor und zurück wippte und dabei das Messer unachtsam hin und her schwang.

„Genau darin besteht der Coup...", sagte er mit einem selbstgefälligen Grinsen auf den entstellten Lippen, „du musst einen von ihnen töten", er versetzte Alex einen Tritt gegen die Rippen, was den Jungen gequält aufstöhnen ließ, „wenn du Scottys Leben retten willst." Erin erwachte aus ihrer Trance und starrte ihn entgeistert an, schüttelte dann vehement den Kopf und wich zurück, bis sie mit dem Rücken an die gegenüberliegende Dammmauer prallte.

„Nein?", fragte der Joker heiter und legte den Kopf schief, wie um seinem gespieltem Bedauern auch mimisch Ausdruck zu verleihen. „Dann töte ich beide und deinen Scott noch dazu", versprach er mit einer düsteren Grimasse und musterte sie eindringlich. „Wenn dir das lieber ist...", flötete er und drehte sich plötzlich von ihr weg, um auf die beiden auf dem Boden liegenden Geiseln zuzugehen. Seine Finger schlangen sich in verspieltem Rhythmus um den schwarzen Kunststoffgriff des Messers, so als würden sie auf einer Flöte aufliegen und eine ungehörte Melodie spielen. Nicht mehr als ein halber Meter trennte ihn von Alex, als Erin begriff, dass es allein an ihr lag, wie viele Menschen sterben mussten. Er würde nicht davor zurückschrecken, sein Versprechen zu halten, allein weil ihm die Erfüllung dessen viel zu viel Spaß bereitete.

Mehr im Affekt als wirklich überlegt preschte sie nach vorn und hielt ihn an der Schulter zurück. Der Joker wich ihrer Berührung aus, so als hätte er sie bereits erwartet, wirbelte unerwartet schnell herum, packte Erin am Nacken und drängte sie kraftvoll mit dem Rücken an die Mauer zurück. Ein Wirbel knackte leise, als sie mit den Schultern gegen das Gestein prallte. Ihre Augen waren vor Schreck geweitet, als sie den Ausdruck in seinen kohlrabenschwarzen Augen sah. Aus ihnen sprach der reine Wahnsinn, ein aggressives Flackern loderte in ihnen auf nebst völliger Gleichgültigkeit. Etwas Ähnliches hatte Erin noch nie gesehen.

„Was ist? Kannst du dich nicht entscheiden?", spottete er im gemimt hohen Tonfall. Sie versuchte mit beiden Händen ihn von sich zu schieben, aber er verfestigte seine schmerzhafte Umklammerung mit jedem Millimeter, den sie sich regte. „Das solltest du aber. Weißt du, mein Spatz, beim Töten geht es nun einmal um Entscheidungen, um Opferbereitschaft und...Willenskraft." Er zog ihren Kopf zu sich heran, sodass sein Atem ihre Nase streifte, sah dabei mit erbarmungsloser Kälte in den Augen zu ihr hinab. „Zweifelst du an meiner Willenskraft?", fragte er sie, die daraufhin den Kopf schüttelte. „Guuut", fuhr er gedehnt fort, „das...das wäre auch ein Fehler", er hob die Brauen.

Durch den zunehmenden Schneeregen war die schwarze Schminke an seinen Augen verlaufen. Wie die Spur nachtschwarzer Tränen zog sie sich über seine hellen Wangen, vereinigte sich an einer Seite beinahe mit dem künstlich verlängerten Mundwinkel aus rotem Make-up, das im Dunkel der Nacht die Farbe von abgekühlter Asche angenommen hatte. Erin sah ihm so fest in die Augen, wie es ihr möglich war, ohne vor Angst den Kopf zu verlieren. Ihre Hände legten sich nicht länger abwehrend, sondern vorsichtig, beinahe sanft auf seine Arme, während ihr Mund seinen Namen formte. Seinen wahren Namen. Vielleicht, so glaubte sie, würde ihn dies wieder zur Räson bringen, ihn sich besinnen lassen, dass er nicht immer dieses Monster gewesen war, das er nun personifizierte.

„Danny?", fragte er spöttisch und in keiner Weise beeindruckt. Was ihn damals bei ihrer ersten Begegnung in Le Gardien kurzzeitig aus der Fassung gebracht hatte, prallte nun an seinem undurchdringlichen Panzer aus Hass und roher Gewalt ab. „Du...du willst mit Danny sprechen, hm?" Sie sah ihn an, spürte, wie sich unter dem dichten, klammen Stoff seines Mantels seine Muskeln bewegten. Litt er an einer gespaltenen Persönlichkeit? An Schizophrenie? Oder machte er sich einen Spaß daraus, dass Erin noch immer diese lächerliche Hoffnung in sich barg, dass wenigstens ein Teil von ihm noch der alte war? „Dann habe ich Neuigkeiten für dich", sagte er nickend und beugte sich vor. Wieder streiften seine Lippen ihr Ohr, mit einer Hand strich er ihr blondes Haar dahinter, ehe er mit tiefer, unbarmherziger Stimme hineinflüsterte: „Danny ist tot."

Sie schluckte und schloss die Augen. Was diese simplen drei Worte in ihr auslösten, wäre für sie schwer in Worte zu fassen gewesen, wäre sie des Sprechens mächtig gewesen. So musste sie stumm den Schmerz ertragen, der ihr Herz zusammenkrampfen ließ. Ihre Vergangenheit, so lebendig sie auch im Moment vor ihr stehen mochte, lag in unzähligen, unauffindbaren Scherben zerbrochen. Dass er sich selbst verleugnete, oder den Menschen, der er einst gewesen war, bedeutete, dass auch alles, was sich jemals zwischen ihnen zugetragen hatte, mit ihm gestorben war. Mit seinen Worten hatte er ihr mehr wehgetan als durch körperliche Gewalt. Sie spürte, wie er den Kopf drehte, sodass sich sein Gesicht direkt vor ihrem befand. Langsam öffnete sie die Augen, sah gelähmt von ihren eigenen Emotionen zu ihm auf.

„Weißt du auch, woher ich das so sicher weiß?", fragte er in diesem dunklen, eingängigen Ton, so tief wie die angestimmte Saite eines Kontrabass. Sie blinzelte frische Tränen weg und sah zu ihm auf, während sein grausames Grinsen einen weiteren Pflock in ihr Herz rammte. Die Finger seiner linken Hand erkundeten ihre Wange, als er sich abermals zu ihr vorbeugte.

Es wäre Erin ein Leichtes gewesen, ihm einen Tritt zu verpassen oder ihm ihr Knie in den Leib zu rammen, aber sie war wie gelähmt, wie gebannt, unfähig, auch nur daran zu denken, sich zu wehren.

„Weil Danny...", begann er und sah ihr dabei fest in die Augen, „...dir niemals wehgetan hätte." Sie verspürte plötzlich einen heißen, brennenden Schmerz unterhalb ihres linken Rippenbogens, verstand aber im ersten Moment nicht, wo dieser herrührte oder was geschehen war. Die braunen Augen des Jokers sogen jede noch so kleine Regung in ihrem Gesicht förmlich in sich auf, nährten das hässliche Grinsen, das bis zu seinen aufgeschlitzten Wangen hinaufreichte. Erin atmete schwer keuchend aus, blinzelte heftig, als alles um sie herum kurzzeitig verschwamm, obwohl keine Tränen mehr in ihren Wimpern hafteten.

„Es...tut weh, nicht wahr?", fragte er mit geheucheltem Mitleid und tätschelte ihre Wange mit seinem Handrücken, als ihre Hände langsam von ihm abließen und sich zaghaft und heftig zitternd zu der Stelle bewegten, aus der das schmerzhafte Brennen entsprang. Ihre Finger streiften den Griff des Messers, das er eben noch in der Hand gehalten hatte und das nun in ihr steckte. Blut quoll reichlich durch die vielen Schichten Stoff, sodass Erin, als sie die Hände drehte und darauf hinab sah, eine warme, dickflüssige Masse auf ihrer Haut spürte. In der Dunkelheit der Nacht zeichnete sich ihr eigenes Blut dunkel von ihrer Hand ab. Es war, als hätte sie ihre Finger in schwarze Tinte getaucht, die nun an den Gliedern ihrer Finger hinab lief, um sich in ihrer Handfläche zu sammeln.

„Keine Angst, es ist nicht tödlich", versicherte ihr die Stimme des Jokers, „sondern nur ein kleiner Denkanstoß."

Erin sah zu ihm auf und bekam nur noch schwer Luft. Hatte er ihre Lunge verletzt? Ihre Knie drohten nachzugeben, doch der Joker drückte sie mit den Schultern an die Wand und murmelte: „Nanana, du wirst doch nicht schlappmachen. Du hast schließlich noch eine Wahl zu treffen", er deutete mit dem Daumen über seine Schulter in die Richtung, in der die beiden übel zugerichteten Geiseln noch immer an der Wand lehnten. Er drehte sich zu den beiden um und zerrte sie an ihren Haaren auf ihre Füße zurück. Der Joker drückte Olivia gewaltsam gegen die Mauer, sodass ihr Oberkörper zur Gänze darüber ragte. Sie schrie aus Leibeskräften, doch das silbrig glänzende Panzertape auf ihrem Mund reduzierte ihre Bemühungen auf ein ersticktes, gedämpftes Schluchzen. Ein hohes Quieken entwich ihrer Kehle, aber brachte ihr nichts ein. Auf dem Ohr, das für das Flehen um Gnade zuständig war, war der Joker taub.

„Wir wollen es ja nicht zu leicht machen, oder? Schließlich...muss man einen gewissen Anspruch an seine Herausforderungen wahren", verkündete der Joker fast feierlich. Er schien richtig in Stimmung gekommen zu sein. Erin stützte sich rücklings mit blutverschmierten Händen an der Mauer hinter ihr ab. Der unterhalb ihrer linken Brust verwurzelte Schmerz zwang sie beinahe in die Knie und erschwerte es ihr, sich zu konzentrieren. „Ich würde sagen, euer Vorhaben ist ganz klar baden gegangen", meinte der Joker trocken und versetzte Olivia einen harten Schlag gegen den Hinterkopf, der sie über die Brüstung kippen und an der Staumauer hinunterfallen ließ. Das wie aus weiter Ferne ertönende Platschen versicherte ihn dessen, dass sie in das angestaute Wasser hineingefallen war. Mit aller Kraft, die sie noch aufbringen konnte, stolperte Erin nach vorn, als der Joker auch im Begriff war, den Jungen in das eiskalte Wasser hinabzuwerfen. Gefesselt und geknebelt wie die beiden waren, würden sie nicht fähig sein, zu schwimmen und sich eigenständig aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Sie würden qualvoll ertrinken.

Der Mann, den Erin einst zu kennen geglaubt hatte, fing sie ab, bevor sie ihn richtig erreichen konnte, hielt sie am Handgelenk und lachte hysterisch auf. „Sieh mal an, wie du deine Kräfte mobilisieren kannst, wenn es um die Rettung eines nutzlosen Lebens geht. Kannst du's auch umgekehrt?", fragte er boshaft grinsend und versetzte Alex einen Schlag, sodass auch er über die Brüstung rutschte und in die Tiefe stürzte. Sie riss sich vom Joker los und lehnte an der Brüstung, starrte hinab in das pechschwarze Wasser, dessen Oberfläche sich dort zu kleinen Schaumkronen kräuselte, an denen Olivia und Alex eingetaucht waren. Sie überlegte fieberhaft, was sie tun sollte, glaubte, der Joker hätte ihr die Entscheidung bereits abgenommen und würde nun auch beabsichtigen, Scott zu töten. Doch als hätte er ihre Gedanken gelesen, sah er sie mit diabolisch leuchtenden Augen an und sagte: „Keine Sorge, Erin, du kannst noch alles drehen. Die beiden sind noch nicht tot. Das heißt", er spähte belustigt auf sein linkes Handgelenk, wie um die Zeit auf einer Uhr zu überprüfen, die er nicht trug, „noch nicht." Sie sah ihn halb hasserfüllt, halb verzweifelt an und es schien ihn immens zu amüsieren, dass sie nicht einmal dazu in der Lage war, ihren Emotionen eine Stimme zu verleihen. „Aber Eines solltest du wissen, wenn du vorhast, ihnen todesmutig hinterher zu springen, um...nun ja, nicht sie, sondern Scott zu retten...", er ließ sich absichtlich viel Zeit, um seine Worte zu wählen, Zeit, die Erin und noch weniger Olivia und Alex hatten. Sie trat auf ihn zu und umfasste den Saum seins lilafarbenen Mantels mit ihrer blutigen Hand, was ihn unbeeindruckt die Braue heben ließ.

„Du willst wissen, was, nicht wahr?", murmelte er und legte seine Finger auf den Messergriff, der aus ihrer Wunde ragte. Sie verzog das Gesicht zu einer schmerzerfüllten Grimasse und atmete rasselnd aus. Das Gefühl, dass zumindest einer ihrer Lungenflügel kollabiert war und sie nur mangelhaft Luft bekommen konnte, verstärkte sich zusehends. „Ich will, dass du dieses Messer in einen von ihnen rammst. Nur wenn dir das gelingt, lass ich deinen Scotty ein Weilchen länger am Leben."

Fassungslos starrte sie ihn an und konnte das Ausmaß an Grausamkeit, das er ihr entgegenbrachte, kaum ertragen. Erin sank rücklings gegen die Mauer. Ihre Knie knickten ein, doch sie kämpfte dagegen an, zu Boden zu gehen. „Du kannst natürlich auch hier oben bleiben und mit mir die Show ansehen. Das heißt...wenn du es übers Herz bringen kannst, deinen Schatz damit in die ewigen Jagdgründe zu verbannen." Ihre Lippen bebten, die Kälte, die sie hatte aufplatzen lassen, nahm sie durch den enormen Schmerz und ihre Schwierigkeiten, Luft zu holen kaum noch wahr. Der Joker beobachtete sie eindringlich, schien sich regelrecht daran zu ergötzen, in welchem moralischen Dilemma sich die junge Frau befand. „Weißt du, was mir Scott gesagt hat, als ich ihn mit dem Gesicht an ein Ölfass band?", fragte er wie beiläufig im Plauderton. Sie sah gequält zu ihm auf, hatte keine Tränen mehr übrig, die sie hätte vergießen können. „Er sagte mir...dass er dich liebt." Beim letzten Wort hob er theatralisch die Hand, ehe er die Unterlippe einzog und den Kopf senkte, Erin düster aus dieser Position heraus anstarrte. „Und so dankst du es ihm...", er verdrehte die Augen und sah einige Sekunden in den bewölkten Nachthimmel hinauf, verschränkte die Arme vor der flachen Brust und linste aus den Augenwinkeln zu ihr hin: „Du bist noch viel kaltblütiger, als ich gedacht hab. Vielleicht noch kaltblütiger, als du selbst geglaubt hättest."

Erin streckte ihre Knie durch, was mehr Kraft erforderte, als sie für möglich gehalten hätte. Sie drückte ihre Hände auf der glatten Brüstung ab und hievte somit ihren Körper auf die Mauer. Vor Schmerz hatte sie das Gesicht zu einer leidvollen Grimasse verzogen, die Hand presste sie fest gegen die Wunde, in der noch immer das Messer steckte. Sie öffnete die brennenden Augen, sah den Joker fest an, der sich erwartungsvoll die Lippen leckte, als sie auf der Mauer zu sitzen kam und ihre rechte Hand an das Heft des Messers legte. Ohne den Blick von ihm abzuwenden und die Zähne so fest aufeinander beißend, dass es wehtat, zog sie das Messer Millimeter für Millimeter aus ihrem Körper. Zu Beginn sehr zögerlich, dann immer schneller und konsequenter. Prinzipiell verhielt es sich mit dem Entfernen eines Messers wie mit dem Abziehen eines Pflasters. Je schneller man es entfernte, desto früher war der ärgste Schmerz vorüber. Die letzten zwei Zentimeter machten ihr zu schaffen, dann hatte sie die Klinge gänzlich aus ihrer Wunde gezogen. Der Joker grinste triumphierend, fast sogar ein bisschen stolz, falls er überhaupt fähig war, so etwas zu empfinden.

„Dir bleibt nicht mehr viel Zeit, mein tapferes Häschen", erinnerte er sie und sah dabei zu, wie sie sich mit vor Schmerzen gekrümmtem Oberkörper auf der Brüstung drehte, bis ihre Beine über dem Abgrund baumelten. Sie warf ihm einen letzten wutentbrannten Blick zu, der durch ihre Tränen nicht abgeschwächt wurde und den der Joker mit vor Amüsement zuckenden Mundwinkeln kommentierte. Dann stieß sie sich mit dem blutigen Messer in der rechten Hand von der Staumauer ab und fiel zehn Meter in die Tiefe. Für die Dauer weniger Sekunden hörte sie das krähende Gelächter des Jokers über ihr, dann schuf jede Sinneswahrnehmung, jedes Schmerzempfinden, jedes Angstgefühl Platz für das Gefühl alles auslöschender Kälte. War es ihr zuvor schon schwergefallen, Luft zu holen, blieb ihr im eiskalten Wasser des angestauten Gotham Rivers jede Möglichkeit des Atmens verwehrt. Die Kälte legte eiserne Ringe um ihren Brustkorb, um ihren Hals und all ihre Glieder, schnürte sie zusammen wie ein zu eng geratenes Mieder. Der Aufprall im Wasser war einem Sprung in ein Scherbenmeer gleichgekommen. Das kalte Nass und die vereinzelt darauf befindlichen dünnen Eisplatten hatten wie unzählige Pfeilspitzen auf ihre Haut eingewirkt, sodass Erin das Gefühl beschlich, gar keine Kleidung am Leib zu tragen, so intensiv nahm sie die beißende Kälte wahr. Sie spürte, wie sie immer tiefer sank, obwohl es nichts gab, das in diesem ruhigen Gewässer irgendeine Sogwirkung hätte ausüben können. Es war schlicht und ergreifend der Umstand, dass die Kälte sie für einige Sekunden derart außer Gefecht setzte, dass sie nicht einmal zu den simpelsten Bewegungen imstande war. Als sie unter Wasser die Augen öffnete, war es, als dränge die Eiseskälte in ihr Innerstes. Erst nach ein paar weiteren Versuchen wagte sie es, die Augen offen zu halten. Hier unten war alles von so dunklem, undurchdringlichem Blau, dass sie außer Schatten nichts erkennen konnte. Als sie den Kopf drehte, zeichnete sich vor ihr das nackte, helle Gestein der Staumauer ab.

Erin versuchte, sich mit den Armen einige Züge zu machen und sich somit der Oberfläche zu nähern, die zwar nur einige Meter entfernt war, aber in ihrem gegenwärtigen Zustand unendlich weit weg zu sein schien, doch wenn sie ihren linken Arm ausstreckte, war es, als risse sie die Stichwunde unterhalb ihres Brustkorbs weiter auf. Ihr Mund öffnete sich fast von allein, weil der Schmerz so plötzlich und intensiv über sie kam. Luftblasen entwichen ihren geteilten Lippen und stiegen träge wie Glasperlen nach oben. Erin ruderte hilflos mit ihrem rechten Arm in der verdrängenden Masse, drehte sich leicht dabei, während ihre Beine das taten, was ihrem linken Arm versagt blieb. Zentimeter für Zentimeter kämpfte sie sich nach oben. Sie brauchte Luft, bevor sie daran denken konnte, ihre morbide Aufgabe zu einem Ende zu bringen. Die Oberfläche zu durchdringen, glich dem Empfinden, Licht zu sehen, nachdem man eine gefühlte Ewigkeit in Finsternis verbracht hatte. Für einen erschreckend langen Augenblick war es fast grausamer, Luft in ihre geschundene Lunge zu saugen als gar keinen Atem holen zu können. Es war, als hätte sie unzählige Scherben verschluckt, die ihre Luftröhre und vor allem ihre Lungen stechend und reißend malträtierten. Atmen schien nicht mehr lebenserhaltend, sondern die reinste Qual zu sein. Das Wasser auf ihrem Gesicht fühlte sich an, als würde es augenblicklich gefrieren. Es spannte und stach auf ihrer Haut. Sie versuchte, sich an die Staumauer heranzuarbeiten, aber das Gestein war zu glatt, um sich daran festhalten zu können. Es war, als versuchte sie an einer polierten Glasplatte Halt zu finden. Sie rutschte ab und schluckte eisiges Wasser, hustete daraufhin röchelnd und schlug sich die Stirn an der Wand an. Sie legte den Kopf in den Nacken, versuchte so, über der Oberfläche zu bleiben, während sie verzweifelt mit einem Arm und beiden Beinen ruderte, um nicht unterzugehen. Jeder Atemzug steckte ihren Brustkorb in eisigen Brand, der bis in ihre Kehle hinaufloderte.

„Erin, Mäuschen, gib dir ein bisschen mehr Mühe. Wenn du dich nicht beeilst, wird deinem Schatz ein letztes Mal warm ums Herz, wenn er an dich denkt und weiß dann, dass du ihn hängen gelassen hast, bevor er in vielen kleinen Einzelteilen in den Nachthimmel gepustet wird", hörte sie den Joker rufen, wusste aber nicht, von wo er ihr bei ihrem Kampf um das eigene Überleben zuschaute. Wie sollte sie in ihrer momentanen Lage, in der sie nicht einmal wusste, wie sie ihr eigenes Leben retten sollte, auch noch fähig sein, nach den anderen zu tauchen und noch dazu einen von ihnen zu töten?

Hinzukam, dass sich ihr Körper nicht an die intensive Kälte gewöhnen konnte. Ihre Muskeln reagierten auf die niedrigen Temperaturen mit schmerzhafter Verhärtung und verlangsamten Bewegungen, erschwerten es ihr, sich an der Wasseroberfläche zu halten. Mit den Füßen stieß sie gegen etwas Hartes, glaubte zuerst, sie wäre mit dem Fuß gegen die Staumauer geprallt, doch als aus dem kurzen Kontakt ein lang anhaltender wurde und Erin spürte, dass sie ein Gewicht nach unten zog, wurde ihr klar, dass es etwas Lebendiges – oder zumindest halb Lebendiges – war, das nach ihr griff. Sie streckte die Arme aus, sodass sie sich fühlte, als risse ihr Brustkorb an ihrer gedehnten Wunde entzwei. Der Schmerz hielt nicht lange an, das frostige Nass betäubte ihre Sinne, als sie nach unten gezogen wurde. Das Wasser strömte in ihren Mund, ihre Nase, ihre Ohren, bis sie glaubte, sie würde bei lebendigem Leib zu Eis erstarren, so schneidend kalt war die Materie, in die sie gezerrt wurde.

Es gelang ihr, an sich hinabzuschauen und es erfüllte sie mit blankem Entsetzen, als sie sah, wie sich Olivia, verzweifelt mit dem Tod ringend, mit ihrem Kopf, dem einzigen noch frei beweglichen Körperteil, an ihre Wade festzuklemmen versuchte. Mit hervorquellenden, starren Augen glotzte sie zu ihr hinauf und flehte stumm darum, dass sie sie nach oben zog. Der bloße Anblick war so grotesk, dass Erin trotz der eisigen Umgebung ein spürbar kalter Schauer über den Rücken lief. Sie versuchte Olivia abzuschütteln, die sie nur in die Tiefe ziehen würde, doch im verbissenen Kampf ums Überleben klammerte sich die Frau so sehr an Erin fest, dass diese sich unmöglich von ihr befreien konnte. Sie gestikulierte unter Wasser, versuchte Olivia zu bedeuten, dass sie loslassen musste, doch entweder war sie fest entschlossen, die blonde Frau mit sich in den Tod zu reißen, oder aber sie war nicht mehr empfänglich für diese banale Form der Kommunikation.

Erins Lungen waren zum Zerreißen gespannt. Mit jeder Sekunde, die diese Unterwasserrangelei noch andauerte, schwoll der Druck in ihrem Brustkorb zu einem ziehenden, lähmenden Krampf an, der den Kollaps ihrer Atemorgane anzukündigen drohte. Sie versuchte, Olivia mit dem anderen Fuß zu treten, sich so von ihrem Gewicht zu befreien. Was ihr unmenschlich und grausam vorgekommen war, musste sie nun selbst tun, um zu überleben.

Der rudimentärste, ureigenste Instinkt eines jeden Lebewesens übernahm die Kontrolle in ihrem gepeinigten Organismus, überwand Moral und Gewissen und versuchte, die Katastrophe abzuwenden, den eigenen Tod. Erins Körper befand sich in einem Ausnahmezustand und mobilisierte seine letzte Chance auf Rettung. Sie krümmte ihren Rumpf, obwohl sie wusste, dass es ihr ihre Verletzung erschweren würde, sich wieder zu strecken. Sie kämpfte gegen die Verdrängungskräfte des Wassers und umfasste den Griff des Messers mit der Entschlossenheit der Verzweiflung. Sie musste wählen. Ihr Leben oder Olivias. Olivias Leben oder Scotts. In einer Situation wie dieser, in der keine Zeit für die ethische Hinterfragung unseres Handelns blieb und wir dazu gezwungen waren, auf den erstbesten Impuls zu hören, der die Nervenbahnen unseres Gehirns kreuzte, fiel die Entscheidung wesentlich leichter als unter normalen Bedingungen. Geriet der menschliche Organismus so enorm unter Stress wie es bei Erin in diesem Moment der Fall war, reduzierte er all seine Handlungslogik darauf, fortzubestehen. Die Gedanken an Scott, an die moralische Fragwürdigkeit dieser Prüfung und nicht zuletzt an ihr eigenes Überleben jagten binnen Tausendstelsekunden durch ihren Kopf. Mehr Zeit zur Kontemplation wäre ihr auch nicht geblieben. Sie holte mit der rechten Hand aus, in der das Messer lag, mit dem sie vor kurzem noch beinahe gepfählt worden war, und stach zu. Erin sah nicht hin. Allein das Gefühl, wie die Klinge gegen den Widerstand von Olivias Kopf prallte und mit übelkeiterregender Festigkeit darin stecken blieb, war nachhaltig genug. Sie zuckte unter ihr, so als schüttelten sie Krämpfe wie bei einem epileptischen Anfall, dann löste sich das Gewicht von Erins Bein.

Für einen unendlich erscheinenden Moment schwebte Erin haltlos im Wasser, zusammengekrümmt wie ein Embryo, mit fest verschlossenen Augen, die durch ihre Verweigerung, das Geschehne anzusehen, ihre Tat dennoch nicht ungeschehen machen konnten. Sie öffnete unter Wasser den Mund bei dem Versuch zu atmen, doch alles, womit sie ihre Lungen hätte füllen können, war Blut und Wasser. Ihre Wade wurde von einem Krampf erfasst, der sie aus ihrer fast tödlichen Trance riss. Obwohl ihr rechtes Bein pochende Schmerzsignale über ihre überforderten Nervenstränge schickte, nahm sie Erin nur unterschwellig war. Das Gefühl, in ihrem Körper würde in jedem Augenblick etwas explodieren, wenn sie nicht bald Luft holen würde, legte sich wie ein dichter Film über all ihre Wahrnehmungen. Mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, strampelte sie mit den Beinen im Wasser, ruderte mit von der Hand abgespreizten Fingern auf und ab, nicht einmal mehr in der Lage, die Hand zu einer schwimmtauglicheren Form zusammenzuziehen. Selbst ihr Kopf reckte sich nun mit aller Macht der Wasseroberfläche entgegen, versuchte mit nickenden Bewegungen, alle anderen Glieder zu mobilisieren.

Der erste Atemzug, der Luft in ihre bebenden Lungen pumpte, äußerte sich in einem rasselnden, schrecklich gutturalen Röcheln, das mehr ein Husten denn ein Einatmen war. Es tat weh, es tat sogar mörderisch weh, die kalte Luft tief in ihre lädierte Lunge zu saugen, und doch war es der Schmerz, der sie daran erinnerte, dass sie noch am Leben war und Erin kostete diesen Moment, der einer göttlichen Empfindung gleichkam, in vollen Zügen aus. Sie vergaß, dass sie unschuldig wegen Mordes gesucht wurde, vergaß gleichermaßen, dass sie soeben den Schädel ihrer Kollegin mit der Klinge eines Küchenmessers gespalten hatte und dafür sehr wohl des vorsätzlichen Tötens bezichtigt werden konnte. Ebenso vergessen war der kleine Alex, der entweder ertrunken war oder dem dieses unerfreuliche Schicksal bevorstand. Jeder Gedanke, selbst der an Scott, für den sie hierher gekommen und ihre eigenen Grenzen überschritten hatte, war ausgelöscht. Erin lebte und sie hatte diesen Umstand noch nie so bewusst, so vollkommen und intensiv wahrgenommen. Es tat weh, ja. Aber das war schließlich die Quintessenz allen Lebens und diesen Schmerz nahm sie liebend gern in Kauf.

Ihrem ersten verzweifelten Atemzug folgte ein weiterer, diesmal erfolgreicherer, der keinen ganzen Hustenanfall auslöste. Ihr krampfendes Bein wollte sich gegen die strapaziösen Bewegungen wehren, zu denen es gezwungen wurde, doch das neckische Ziepen und Zerren in ihrem Wadenmuskel war nur ein mildes Ärgernis im Vergleich zum Reißen in ihrer Brust, das sich mit einem nicht viel angenehmeren Brennen abwechselte. An der Oberfläche zu schwimmen kostete Erin Kraft. Viel Kraft. Kraft, die sie nicht hatte. Angestrengt trieb sie sich mit zitternden Beinen orientierungslos paddelnd voran, bis sie mit dem rechten Arm die Staumauer erreichen konnte. Frustriert schnaufte sie, als ihre Hand ein weiteres Mal daran abrutschte und sie kurz untertauchte. Sie hatte keine Gelegenheit, sich festzuhalten, musste permanent in Bewegung bleiben, um nicht unterzugehen. Doch das kostete Energie und Erins Arme und Beine wurden mit jeder Regung schwerer und schwerer, so als flösse Blei durch ihre Venen. Die Kälte umschloss sie in einer zwingenden Umarmung, einer stillen Bitte um Hingabe, die Erins Leben eingefordert hätte, hätte sie sich darauf eingelassen. Einige Minuten brachte sie damit zu, sich an der hellen Mauer orientierend beständig an die Oberfläche zurückzukämpfen, doch von Mal zu Mal gelang es ihr schwerfälliger, immer schneller rutschte sie wieder ab. Sie wusste, dass ihre Kräfte ausgingen, spürte, dass sie müde wurde, woran die beständige Kälte, die sie wie ein immaterieller Mantel umhüllt hielt, nicht unschuldig war. Wieder schluckte sie Wasser, das sie prustend wieder ausspuckte.

Das hartnäckige Gefühl kältebedingter Taubheit breitete sich in ihr aus wie ein grassierendes Virus, legte sich über ihre Arme und Beine, aber auch über die feine Muskulatur ihres Gesichts, die gemeinsam mit ihren Händen der einzigen Kommunikation diente, der sie fähig war. Sie empfand nicht einmal mehr die Kälte als solche, vielmehr war es ein Zustand geworden, dem sich ihr Körper mit fataler Geschwindigkeit anpasste. Wenn sie nicht bald aus dem eisigen Wasser herauskam, würde sie entweder erfrieren oder ertrinken. Beide waren nicht gerade charmante Optionen, um aus dem Leben zu scheiden, sofern diesem Vorgang überhaupt Charme und Eleganz zuzuschreiben gewesen wären.

Erin drehte den Kopf, auch wenn sie die Bewegung an sich gar nicht mehr so recht als solche empfand. Das nähere Ufer war geschätzte dreißig Meter von ihr entfernt, ein unter normalen Umständen leichthin überbrückbarer Abstand, in Erins gegenwärtigem Zustand jedoch eine schier unlösbare Aufgabe. Außerdem ragte die Ufermauer selbst noch etwa zwei Meter in die Höhe. Ohne fremde Hilfe konnte sich die junge Frau gut und gern als aufgeschmissen betrachten. Wenigstens kam es ihr entgegen, dass die Strömung des Gotham River sich dank der Stauvorrichtung in Grenzen hielt, die zudem verhinderte, dass sie stromabwärts gerissen wurde. Ein wenig fühlte sie sich wie ein Fisch in einem zu groß geratenen Aquarium. Wie ein angeschlagener, sterbender Fisch. Die bezwingenden Minusgrade legten sich auf ihre Lider, bewirkten, dass sie den Eindruck hatte, ihre Wimpern würden einfrieren. Das Wasser umgab ihre Haut und ihre Haare so unausweichlich, dass es sich wie die Kruste eines Eispanzers um sie legte. Erin konnte es sich nicht erlauben, stillzuhalten, sonst wäre sie untergegangen. Andernfalls hätte sie innehaltend feststellen können, dass ihre Lippen und alle feinen Muskelpartien in ihrem Gesicht zitterten, ihre Zähne ohne jegliches Zutun klapperten. Wie kalt das Wasser war, wusste sie nicht und eine Zahl war für sie auch nicht von Bedeutung. Dass es sich anfühlte, als hätte man sie für mehrere Stunden in eine Eiskammer gesperrt, war aussagekräftiger als jede Skala auf einem Thermometer.

Ihre rudernden Arme, die mit der Präzision eines Metronoms auf- und abtauchten und dabei platschende Geräusche verursachten, wurden immer träger. Wenn sie versuchte, sich auf dem Rücken treiben zu lassen, erinnerte sie ihre Wunde daran, dass das keine so gute Idee war, wie ihr vielleicht vorschwebte. Erin blieb keine andere Chance. Sie musste versuchen, das Ufer zu erreichen, obgleich ihre Hoffnungen auf Rettung mit jeder Minute, die sie im eiskalten Nass zubringen musste, schwanden. Sie wusste, dass sie erst verloren hatte, wenn sie sich selbst aufgab und nach all dem, was sie durchgestanden hatte, war sie nicht bereit, sich jeder Hoffnung berauben zu lassen. Mit nachlassenden Kräften trieb und tauchte sie mehr, als dass sie wirklich schwamm, näherte sich aber dennoch mühsam und langsam dem Ufer, das sie teilnahmslos aus hellem Beton in der Dunkelheit anglotzte. Es war nicht ihr einziger Beobachter.

***

Mit dem letzten, kaum angebrochenen Novembertag des ausklingenden Jahres mobilisierte der nahende Winter all seine arktischen Kräfte und ließ auch den beharrlichsten Schneeregen bald in dicke Flocken übergehen. Einige von ihnen landeten auch auf den Schultern des Jokers, weichten zumindest die oberste Schicht des lilafarbenen Stoffes seines Mantels durch und schmolzen recht schnell. Einzig in seinem krausen, ungebändigten Haar sammelten sich einige Schneeflocken, die genug Tapferkeit besaßen, ihm nahezukommen. Er war ausgelassen hüpfend über die Staumauer gelaufen und hatte sich nun gemächlichen, schwingenden Schrittes auf die Ufermauer begeben, von wo aus er eine noch bessere Aussicht auf die Ereignisse hatte. Es war wirklich eine prächtige Show, die sich ihm bot. Sein kleines Blondchen hatte ihn nicht enttäuscht, wohl eher noch überrascht, als sie den beiden Opfergaben wirklich hinterher gesprungen war und damit nun selbst in der Bredouille steckte. Tatata, wie dumm das doch war. Er schüttelte den Kopf, konnte sich dabei aber seines ewigen Grinsens nicht entledigen. Sie setzte ihr eigenes Leben aufs Spiel, um diesen Lackaffen von einem Mann zu retten, der sich vermutlich noch nicht einmal dazu erbarmt hatte, über sie drüberzurutschen. Jämmerlich.

Der Joker verzog die Lefzen und schnalzte abwertend mit der Zunge. Sein Häschen war idealistischer eingestellt, als er vermutet hatte. Dabei hatte sie in ihrem Leben schon in jungen Jahren Dinge durchmachen müssen, die ihre Sicht auf diese verkommene Welt längst hätten korrigieren müssen. Gefiel ihr vielleicht nicht, was diese Welt wirklich war und was sie für sie bereithielt? Versuchte sie einfach, die Wahrheit zu verleugnen und sich selbst die Illusion zu geben, wirklich einen Einfluss auf Geschehnisse zu haben? Die Kontrolle zu haben? Oder redete sie sich ein, dass es in Gotham wirklich noch ehrbare, aufrechte Menschen gab? Aufrecht würden sie nicht mehr lange stehen, so viel stand fest. Kriechen würden sie zu seinen Füßen und armselig um Gnade winseln, sobald sie einsahen, dass sie keine Chance hatten, gegen das Chaos zu bestehen. Elende Deserteure und Feiglinge. Blieben nicht einmal ihren eigenen moralischen Überzeugungen treu, sobald es brenzlig wurde.

Das Klatschen kleiner Wellen riss ihn aus seinen Gedanken. Gotham konnte noch warten, zuvor genoss sein kleiner, flügellahmer Schwan seine volle Aufmerksamkeit. Wie sie versuchte, zu überleben. Herrlich. All diese Emotionen. Er hatte ihre Angst, ihre Verzweiflung regelrecht gewittert und konnte sich nicht satt daran sehen, wie sie an diesem erbärmlich dünnen Faden festhielt, der ihr bemitleidenswertes Leben war.

Sie hatte Opferbereitschaft gezeigt, und ja, sie hatte auch Bruch mit ihren Moralvorstellungen begangen, aber das alles war mehr oder weniger unfreiwillig gewesen. Obwohl der Joker schon zugeben musste, dass es ihm ein deftiges Lachen entlockt hatte, als er Olivias Leichnam mit dem Messer im Schädel nach einigen Minuten hatte auftauchen sehen, war ihm klar gewesen, dass sein kleiner Spatz aus schierem Überlebensinstinkt gehandelt hatte, und weniger aus Überzeugung. Wer weiß, wenn Olivia sie nicht nach unten gezerrt hätte, hätte sie vielleicht sogar versucht, einen von ihnen zu retten, anstatt den entscheidenden Schnitt auszuführen.

Hm. Abwartend leckte sich der Joker über die Lippen, auf denen er immer noch das Salz von Erins Tränen zu schmecken glaubte. Er würde sie schon noch dazu bringen, dass sie begriff, dass auch sie keine Regeln mehr befolgen würde, wenn sie einmal einsah, wie falsch und verlogen diese Welt erst durch Gesetze geworden war, die jeder hinterrücks brach und die nur dazu dienten, naive Menschen in Schach zu halten. Er würde sie ihrer falschen Illusion berauben, dass der Mensch mehr und etwas Besseres als nur ein eigensinniges, kaltherziges Raubtier war. Das hieß, wenn sie ihr kleines Eisbad hier überstand.

Der Joker griff in seine Tasche und holte einen Fernzünder daraus hervor, betrachtete die grüne Standbyleuchte und brummte in sich hinein: „Nochmal Glück gehabt, Scotty...fragt sich nur, für wie lang." Ein kaltes Lächeln huschte über seine Züge, während er den Sprengsatz deaktivierte, der Scott zweifelsohne einen heißblütigen Abschied aus dieser Welt beschert hätte. Der nutzlos gewordene Zünder sank zurück in seine Manteltasche. Sein Blick glitt nach links, wo der kleine leblose Körper des einst so hoffnungsvollen wie durchtriebenen Milliardärserben gegen die Ufermauer geschwemmt wurde. Er verfing sich im Geäst alter Weiden, die ihre blattlosen Fingerglieder gelangweilt ins eisige Wasser hielten. Was für ein trauriges Ende für ein wirklich dummes Kind, das gemeint hatte, den Joker mit Macht und Geld kaufen zu können. Sie hatten ein Geschäft abgeschlossen und er hatte sich nicht an die Vereinbarungen halten wollen. Hatten ihm seine stinkreichen Yuppie-Eltern nicht beigebracht, dass man nicht mit dem Feuer spielte, weil man sich sonst verbrannte? Und er hatte sich verbrannt, ja, ja, und wie. Sie alle würden sich verbrennen, wenn sie ihn unterschätzten. Der fette Commissioner mit seinen blinden arschkriechenden Gefolgsleuten, die letzten Überbleibsel der Mafia und...ja, vielleicht auch sein kleines Spätzchen hier. Obwohl er nicht glaubte, dass sie es wagte, ihn zu unterschätzen. Sie hatte wesentlich mehr Lektionen seinerseits überstanden, als er ihr zugetraut hätte, und dabei wahrscheinlich auch gelernt, dass es nicht klug war, gegen seine Spielregeln zu verstoßen.

Auch Batman hatte diese Erfahrungen machen müssen, aber er war im Gegensatz zu Erin auch potentiell in der Lage, sich zur Wehr zu setzen, obschon ihm all seine Kraft und seine Technologie nicht davor bewahren würde, seelisch zu fallen und letzten Endes umzukommen. Er hatte Batman im letzten Jahr schwer verwundet. Nicht körperlich, aber dennoch an seinem Herzen. Es würde sich noch zeigen, ob er immer noch an das Gute in Gotham glaubte, wenn es die Stadt war, die ihn auf den Scheiterhaufen stellte.

Wie berechenbar diese Menschen doch waren. Sorgte man dafür, dass der Rhythmus im Lauf der Dinge verändert wurde und unplanmäßige Zwischenfälle neue, unerwartete Bedingungen hervorriefen, stellten sie sich sogar gegen die, die sie beschützen wollten. Menschen wie diese hatten es nicht verdient, dass man sie beschützte. Sie hatten es verdient, zu brennen, bis ihre hässliche Maskerade fiel und enthüllte, wer sie wirklich waren.

Der Blick des Jokers wanderte wieder nach unten. Erin hatte sich fast bis an das Ufer herangekämpft, schien ihn aber gar nicht richtig wahrzunehmen. Die Ärmste fror bestimmt ordentlich, so durchnässt wie sie war. Und bestimmt hatte sie auch Schmerzen. Schmerz war sein Handwerk. Es gab niemanden, der es so gut verstand wie er selbst. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, Erin beim Ertrinken zuzusehen und genaugenommen war es auch das Schicksal gewesen, das ihr aus selbstverschuldetem Unheil geblüht hätte. Aber der Joker fand kein Interesse daran, sie sterben zu sehen. Noch nicht. Das hatte nichts mit Mitleid oder gar Wehmut an längst vergangene, abgeschlossene Kapitel seines Lebens zu tun. Erin war ein interessantes Spielzeug für ihn geworden. Sie versuchte so angestrengt, ein Teil dieser Gesellschaft zu sein, die sie nie ganz akzeptiert hatte. Obwohl sie erwachsen geworden war und an Selbstvertrauen gewonnen hatte, war sie immer noch das kleine Mädchen mit dem zerrissenen Kleid, das von Daddy bevorzugt behandelt wurde. Erin war eine Ausgestoßene, ganz gleich, wie vehement sie sich gegen diese Vorstellung zu wehren versuchte. Er hatte ihr gezeigt, was sie längst hätte wissen müssen: dass ihr Leben in Le Gardien genauso von Falschheit und Intrigen umwoben war wie damals während ihrer Kindheit in Grahamsville. Die Menschen waren nur solange darum bemüht, sich um ihre Nächsten zu kümmern, solange sie selbst davon profitierten. Ansonsten hatte nur das Gesetz des Stärkeren Geltung erlangt. Der Joker schüttelte den Kopf. Nein, er würde es seinem Häschen schon nahebringen, dass sie nicht Teil dieser Gesellschaft war und es nie werden würde. Er würde ihr beweisen, dass sie nie mehr ein Teil von ihr werden wollte, wenn er ihr erst einmal aufgedeckt hatte, wie verlogen und kalt sie wirklich war.

Doch um das zu lernen, musste sie leben. Kalt und aufgedunsen nützte sie ihm recht wenig, also hurtig, hurtig, nichts wie raus aus dem kalten Nass! Ihre letzten Kraftreserven waren aufgebraucht, sie drohte nun in immer kürzeren Abständen unterzugehen. Arme Erin. Irgendwann würde sie gar nicht mehr die Stärke haben, um sich überhaupt noch an die Wasseroberfläche zu bewegen. Aber er war ja nicht so und ließ die Kleine einfach so ertrinken. Nein, er war doch kein Unmensch.

Er betrachtete die Knopfleiste seines Mantels und verzog den Mund. Versaut war der ja nun sowieso schon. Erins Blut klebte daran, dann konnte er auch riskieren, dass ein bisschen Erde und Schnee die Fleckenvielfalt komplettierte. Eitelkeit war schließlich auch nur ein Instrument, um Menschen in immerwährend gleiche, monotone, langweilige Formen zu pressen. Er ließ sich in keine Formen pressen. Er war die Form.

Seufzend, weil mal wieder nichts ohne ihn ging, sank er auf die Knie und legte sich dann der Länge nach hin. Der Gedanke, dass der Fernzünder, den er zuvor deaktiviert hatte, losgegangen wäre, weil jetzt sein Körpergewicht auf den Inhalt seiner Taschen drückte, erheiterte ihn dermaßen, dass er sich vor Lachen ausschüttete, während er bäuchlings auf die Kante des Ufers zurutschte. So ein Zwischenfall wäre gar nicht mal so untypisch für ihn gewesen, schließlich behauptete er nicht, alles unter Kontrolle zu haben. Ja, manchmal schlug sogar ihm das Chaos ein Schnippchen, aber er hatte gelernt es mit Humor zu nehmen. Er lehnte über die Kante und schaute nach unten. Sein Schätzchen war etwa anderthalb Meter unter ihm und wurde immer mal wieder von größeren Wogen verschluckt. Der Joker verzog den Mund zu einem halben Grinsen. Sie konnte ihn ins Wasser ziehen, wenn sie es darauf anlegte. Das hätte dem abendlichen Winterausflug sicherlich die Krone aufgesetzt. Der Gedanke, in seine eigene Mausefalle zu tappen, ließ ihn eine weitere abrupte Lachsalve ausstoßen. Es war ein wenig fulminanter Abgang, von einem gebrechlichen Mädchen ins eiskalte Wasser gezogen zu werden und womöglich irgendwann zu ertrinken. Das nächste natürliche Ufer war mehrere Kilometer entfernt, eine Distanz, die selbst ein unversehrter Schwimmer bei diesen Temperaturen nur schwerlich überbrückt hätte, und was sollte er sagen, nun, er war ein bisschen aus der Übung. Das Seepferdchen lag schon eine ganze Weile zurück.

Prustend streckte der Joker die Arme aus. Er lehnte bis zur Brust auf der Kante, die Schultern und Arme reichten weit darüber. Zwar konnte er die Wasseroberfläche nicht berühren, aber wenn sich die liebliche Erin ein bisschen streckte und reckte, wie es nur in ihrem Sinn stehen konnte, würde er sie schon wieder aufs Trockene ziehen können.

„Spätzchen, na komm...komm her...", säuselte er geflüstert, sodass sie es in ihrem Überlebenskampf unmöglich hätte hören können. Sie streckte immer die rechte Hand aus, um die Mauer zu ertasten, rutschte aber wieder und wieder daran ab. Ihren linken Arm konnte sie schon nicht mehr über die Oberfläche erheben. Es bereitete ihr offensichtlich große Schmerzen. Arme, arme Erin. „Komm her...na mach schon, stell dich nicht dümmer an als du bist", murmelte er mehr zu sich selbst als zu ihr, die einen hilflosen, röchelnden Atemzug nach dem anderen ausstieß. „Alles muss man alleine machen", plapperte er gut gelaunt vor sich hin und holte schließlich mit dem rechten Arm aus, mit dem er sie beim Kragen ihrer durchnässten Lederjacke zu fassen bekam. Sie reagierte auf den plötzlichen Halt mit einem heiseren Keuchen und Husten, während ihre zitternde Hand auf der Ufermauer lag. Der Joker streckte nun auch seine linke Hand aus und packte Erins Handgelenk. Die Kleine war durchgefroren bis auf die Haut, das fühlte er selbst unter dem dichten Stoff seiner Lederhandschuhe. „Zeit, dass wir dich ins Warme bringen, bevor du dir noch einen Schnupfen holst, lalala, na komm...", er zupfte auffordernd an Erins Kragen, doch als sie erschöpft den Kopf drehte, sah er, dass sie ihre Augen geschlossen hielt. Nur träge strampelte sie noch mit den Beinen, um sich an der Oberfläche zu halten, ihre Reserven waren aber sichtlich zur Neige gegangen.

„Du musst schon ein bisschen mitmachen, mein Mäuschen", sagte er unter nicht unbeachtlicher Anstrengung. Erin mochte zwar ein Fliegengewicht sein, aber dadurch, dass ihre Kleidung vollgesogen mit Wasser und sie außerstande war, ihm entgegenzukommen, artete es zu echter Schwerstarbeit aus, sie aus dem Becken zu ziehen. Wäre sie nicht so interessant für ihn gewesen, hätte er sie spätestens jetzt fallen lassen, als er merkte, dass er selbst den Halt zu verlieren drohte. Durch die feuchte Erde und den Schnee war das künstlich aufgeschüttete Ufer rutschig geworden.

„Ich muss schon sagen, Mäuschen", sagte er etwas gepresst, während er alle Muskeln anspannte und sie zu sich hochzog, „...du machst es mir wirklich nicht leicht..." Er musste darauf achten, sie nicht zu straff an ihrem Kragen zu ziehen, um sie nicht auf halbem Wege zu strangulieren. „Ich steh ja darauf...", schnaufte er, „wenn man ein bisschen Renitenz an den Tag legt...", angestrengt schoss die Zunge aus seinem Mund und befeuchtete das ohne jegliche Sorgfalt aufgetragene rote Make-up auf seinen Lippen, „aber ich denke", er holte schnaufend Luft, „ich denke, es dürfte auch in deinem Interesse sein, ein bisschen was zu unserem gemeinsamen Erfolg beizutragen."

Er sah, wie sie den Kopf leicht anhob, aber ihre Lider waren geschlossen, flatterten jedoch heftig. Er verzog den Mund. Das Mäuschen durfte doch jetzt nicht einfach schlappmachen. Nein, das musste er unbedingt zu verhindern wissen. Er ließ von ihrem erschlaffenden Handgelenk ab und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige, die ihren Kopf zwar zur Seite zwang, sie aber nicht wirklich wachrüttelte. Kurzzeitig blinzelte sie benommen, ihr ausdrucksloser, leerer Blick vermittelte ihm allerdings, dass sie nicht ansprechbar war. Er packte sie auch mit der anderen Hand beim Kragen und zerrte sie nach oben. Ihre eiskalten Finger legten sich schwach um seine Arme, ohne dass sie sich dabei wirklich festhielten. Stück für Stück zerrte er sie aus dem Wasser, das plätschernd von ihrer Kleidung abtropfte und sich in einem regelrechten Schwall in das Becken ergoss. Er ächzte, als er sich auf seine Knie aufrappelte und Erin dabei an Land zog. Kaum dass sie wieder halbwegs festen Boden unter den Füßen hatte, sank sie wie leblos vornüber gegen die Brust des Jokers. Dieser hielt inne und betrachtete sie mit hoch gezogener Braue. Sie war eiskalt und klatschnass, ruinierte gerade seinen Mantel zur Vollendung. Er umfasste ihren Schopf mit der linken Hand und drehte ihren Kopf zur Seite, sodass er ihr Gesicht sehen konnte. Wenn es ihr Schmerzen bereitete, dass er sie an den Haaren zog, so ließ sie sich das nicht anmerken. Der Joker schnalzte verächtlich mit der Zunge und schob sie seitlich von sich. Wahrscheinlich hatten ihre anderen Schmerzen die Überhand gewonnen und sie unempfindlich gegenüber kleineren Unannehmlichkeiten gemacht.

Er betrachtete sie einige Sekunden lang, wie sie so neben ihm im Schnee lag und sich nicht regte. Einzig ihre Brust hob und senkte sich in einem eher abgehackten, beunruhigenden Rhythmus. Sie bekam schlecht Luft. Hm. Hatte er vielleicht doch ihre Lunge erwischt, sodass sein Spätzchen wahrhaft ihres Atems beraubt worden war? Er beugte sich über sie, sodass der Schatten, den er warf, ihr fast porzellanweißes Gesicht bedeckte. Der Joker legte ihren Kopf in den Nacken und zog ihren Unterkiefer nach unten, um ihren Mund zu öffnen. Ein dünner, kaum merklicher Luftzug entwich ungleichmäßig ihrer Kehle. Er kannte sich im Töten hervorragend aus, bei der Wiederbelebung haperte es dagegen gewaltig. Aber das war ja nur halb so schlimm. Er besaß die nötigen Kontakte im Falle eines Falles. „Bis dahin hältst du mir schön durch, hörst du, Kleines?", raunte er ihr zu, sein Gesicht dem ihren ganz nah.

Er hatte bereits von ihrem Blut und ihren Tränen gekostet, doch das genügte ihm nicht. Er wollte sie gänzlich besitzen, sie an ihre Grenzen peitschen. Der Joker wollte sehen, wer Erin wirklich war. Wer sich hinter diesem hübschen Puppengesichtchen versteckte, wie ihre dunkle Seite aussah. Eine Kostprobe davon hatte er heute bekommen, doch das genügte ihm nicht. Bei weitem genügte ihm das nicht. Nein. Ein Grinsen schnellte über seine Züge, verblasste jedoch schnell wieder, als einer ihrer Atemzüge aussetzte.

„Genug Zeit vertrödelt", murmelte er in leisem Singsang vor sich hin und strich Erin einige nasse Strähnen aus der Stirn, „hab keine Angst, ich kümmere mich um dich, mein Spätzchen", versprach er ihr leise und musste kehlig auflachen, als ihm der Gedanke kam, dass sie vielleicht gerade deswegen doch Angst haben sollte. Nur wusste sie im Moment nichts von ihrem Glück, sie war nicht ganz bei Sinnen. Er schob die Hand über ihre Wange, ließ sie dann in ihren Nacken gleiten, hakte die andere unter ihre Knie und hob sie in seine Arme. Ihr Gewicht sank gegen seine Brust, ließ ihn leicht schwanken, ehe er wieder zu einem sicheren Stand fand und sich in Bewegung setzte. Ihr Kopf lehnte in seiner Halsbeuge und hinterließ dort ein unangenehmes Gefühl von Kälte und Nässe. Er störte sich trotzdem nicht daran. Er hatte im Laufe der Zeit gelernt, das Unangenehme mit dem Angenehmen zu verbinden. Sie schniefte leise an seiner Brust und schmiegte sich an ihn. Wie süß. Seinem Schätzchen war kalt, jawohl, und er war warm. Sie war halbtot, er war lebendig. Sie strebte nach dem Leben, der Wärme, wie die Motte nach dem Licht. Er war das Licht. Das Verhängnis der kleinen Motte.

Der Joker grinste, als er sie über einen Schleichweg durch die bewaldete, dicht bewachsene Umgebung des alten Staudamms zu seinem neusten Leihwagen trug. So gefiel ihm sein Spiel am besten.