Linger

Kapitel 21

Ich dachte immer, es würde seltsam sein, wieder hier zu sein. Aber das ist es nicht. Die Nervosität, die mich auf dem Weg hierher unbewusst begleitet hat, ist verschwunden. Es ist unwahrscheinlich leicht, mich auf ihn einzulassen. Ich kann nicht einmal mehr klar denken vor lauter Glück, alles verschwimmt vor meinen Augen wie in einem wunderbaren Traum. So auch der Raum, in dem wir stehen. Plötzlich sind wir nicht mehr länger in seinem Büro mit all den verstörenden Gerüchen und Eindrücken von früher, sondern mitten in seinem Schlafzimmer.

Die Tür fällt hinter uns ins Schloss und besiegelt unser Vorhaben. Von Sinnen wie ich bin, lasse ich mich treiben, sinke mit ihm gemeinsam auf das Bett nieder und gebe mich ihm hin. Meine Finger öffnen ungeduldig die Knöpfe, die seine Brust säumen, während er im Gegenzug mit seinen Händen unter meinen Sweater fährt. Stürmisch aber auch zärtlich zugleich wandern sie über meinen Körper und finden meine Brüste. Ich will genüsslich die Augen schließen, um sie im nächsten Moment wieder zu öffnen und ihn anzusehen. Ich kann es kaum erwarten, seine nackte Haut auf meiner zu spüren oder das raue, lustvolle Stöhnen in meinem Ohr zu hören, wenn er in mich dringt. Nicht mal die Tatsache, dass irgendjemand nach ihm suchen und durch die Tür kommen könnte, scheint einen von uns beiden zu stören. Bei ihm zu sein, wieder mit ihm eins zu werden, ist alles, was jetzt zählt. Ein Instinkt sagt mir, dass niemand uns noch etwas anhaben kann. Voldemort ist tot und ich bin nicht länger Severus' Schülerin. Ich bin volljährig und frei von den Regeln dieser Schule. Es sei denn, ein Gesetz sieht vor, es uns zu verbieten, den Sieg auf unsere ganz eigene Weise zu feiern.

Innerhalb kürzester Zeit sind wir die störende Kleidung los, die unsere fiebernden Körper voneinander trennt. Mir kommt es vor, als hätte ich ihn bereits dutzende Male daraus befreit. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass meine Finger langsam geübter darin werden, ihn auszuziehen.

Spielerisch rollt er sich auf mich und lässt seine Lippen über meine Halsbeuge gleiten. Erst jetzt wage ich es tatsächlich, die Augen zu schließen. Zumindest für einen Moment. Als ich sie wieder öffne, hebt er den Kopf. Die feuchte Spur, die seine Lippen auf meiner Haut hinterlassen haben, kribbelt sanft und erinnert mich kurioserweise an etwas.

Severus scheint es genau zu spüren. Erwartungsvoll wie auch verwundert sieht er mich durch seine langen Strähnen hindurch an, doch ich senke den Blick und suche seinen Unterarm. Das Dunkle Mal darauf beginnt zu verblassen. Bald wird nichts mehr davon übrig sein, außer dem, was hinter ihm liegt.

Mit gerunzelter Stirn begegne ich seinen fragenden schwarzen Augen. „Ich wollte nur sicher gehen", sage ich entschuldigend.

Er lächelt. „Ich weiß."

Es ist das erste Mal, dass ich mir einbilde, nichts Hämisches oder Süffisantes dahinter zu erkennen. Nicht eine Spur Sarkasmus liegt auf seinen Zügen. Er wirkt befreit, sein ganzes Gesicht entspannt. Vielleicht noch um ein Hundertfaches mehr als ich.

Endlos viele Emotionen überkommen mich, während ich ihn mustere. Ich glaube nicht, dass ich erklären kann, was gerade in mir vorgeht. Mein Bedürfnis jedenfalls, vor Dankbarkeit zu vergehen, dass wir obgleich der geringen Aussichten auf eine gemeinsame Zukunft unbeschadet davongekommen sind, macht mich schwach. Ich möchte etwas sagen, damit er begreift, wie viel er mir bedeutet, weiß aber nicht, was. Sanft küsst er mich auf den Mund, hebt wieder den Kopf und sieht mich eindringlich an.

„Das kann warten."

Ich nicke zustimmend. Womöglich hat er recht und es ist einfach nicht der passende Zeitpunkt dafür, jetzt über alles zu sprechen. Es gibt schließlich Augenblicke, für die keine Worte nötig sind.

Obwohl ich nicht genug davon bekommen kann, ihn anzusehen, recke ich den Hals, um seinen Mund mit meinem zu bedecken. Ich will ihn küssen, will jeden Zentimeter seines Körpers mit meinem verschmelzen lassen.

Zitternd vor Verlangen ziehe ich ihn zu mir herab, er wiederum kommt mir beständig entgegen, schiebt seinen Arm unter mich und bettet mich sanft zurück aufs Bett. Als unsere Lippen sich begegnen, driften sie ganz von selbst auseinander, um für unsere Zungen Platz zu machen, die bereits darauf lauern, wieder um einander zu kreisen.

Inmitten dieses sinnlichen Aufeinandertreffens hört die Welt auf, sich zu drehen, und es gibt nur noch uns. Seine Strähnen kitzeln hauchzart meine Haut und entfachen aufs Neue das Tosen in meinen Ohren, wenn das Blut durch meine Adern rauscht. Schon wird unser Kuss fordernder, erklingt das wohlige Stöhnen, das ich so vermisst habe, weil es mir das Gefühl vermittelt, begehrt und geliebt zu werden. Doch das Beste daran ist, dass er es mir damit unmöglich macht, ihm zu widerstehen. Ich will mehr, so viel nur geht, und ertaste mit den Fingerspitzen Stellen seines Körpers, von denen ich weiß, dass ihn selbst die kleinste Berührung zufrieden schaudern lässt. Wir haben noch längst nicht genug voneinander. Jede Minute mit ihm ist eine willkommene Herausforderung, der ich mich mit allen Sinnen stellen will. Ein Augenblick kostbarer als der andere, begleitet und angetrieben von meiner immerwährenden Sehnsucht nach ihm.

Und so nimmt abseits der anderen etwas seinen Lauf, das eigenartigerweise niemals hätte zustande kommen dürfen. Ich bin sicher, wenn jemand wüsste, was wir hier gerade tun, würde es einen mordsmäßigen Aufstand geben. Es wäre ein handfester Skandal, mit dem Hogwarts nicht gerade rühmenswert in den Schlagzeilen stünde. Aber so gleichgültig das auch klingt, es ist mir egal. Niemand kann mir vorschreiben, ich hätte mich nicht genug zum Wohle der anderen eingesetzt. Dies ist der Moment für mich, mir darüber klar zu werden, was ich wirklich will. Und ich brauche nicht mal überlegen. Ich will ihn.

Erst viel später, als wir erschöpft beieinander liegen, kommt mir in den Sinn, dass wir langsam zu den anderen zurückmüssen. Wenigstens, um halbwegs die Form zu wahren. Erstaunlicherweise bin ich dabei die Erste, die den Kopf hebt, um Anstalten zu machen, sich zu erheben. Severus streicht zärtlich mit dem Handrücken über meine erhitzte Wange. Mein Gesicht glüht förmlich unter den Nachwirkungen unseres kräftezehrenden Stelldicheins.

Ich muss schlucken. So, wie er mich ansieht, glaube ich nicht, dass er vorhat, mir nach oben zu folgen. Ein interessantes Phänomen, wenn man bedenkt, in welcher Geschwindigkeit er damals aus den Kerkern geflogen ist, nachdem wir von dem lauten Knall unterbrochen wurden. „Wenn du mich jetzt fragst, ob ich zurück will, meine Antwort ist nein. Tatsache ist, dass Harry und Ron sich bestimmt Sorgen um mich machen."

Seine Mundwinkel verformen sich zu einem amüsierten Grinsen. „Davon kannst du ausgehen."

„Dann hast du nicht vor …" Er schüttelt den Kopf, noch ehe ich zu Ende gesprochen habe. „Aber was ist mit McGonagall?"

„Sie hat bestimmt allerhand zu tun. Ich sehe nicht, wie ich ihr dabei helfen könnte."

„Ist das dein Ernst?", frage ich ungläubig. Auch mir entweicht ein Grinsen.

„Geh nur. Ich werde dich nicht aufhalten. Sobald ich angezogen bin und meine Sachen gepackt habe, bin ich hier verschwunden. Du weißt ja, wo du mich findest. Wenn du meiner also nicht überdrüssig bist, werde ich dort auf dich warten."

Ich bin sprachlos und starre ihn einfach nur an. „Das war's dann?", frage ich ihn blinzelnd. Du kommst nicht mehr zurück? Bestimmt gibt es demnächst ein großes Fest zur Feier des Siegs. Willst du da nicht wenigstens vorbeischauen?"

„Wenn mir danach ist, werde ich es tun. Wenn nicht, dann lasse ich es. Mir ist egal, was sie machen, ich habe meine Aufgabe erfüllt. Genau wie du und deine Freunde, Hermine. Mit Sicherheit bauen sie alles, was heute zerstört wurde, wieder auf, dann wird es neue Schüler geben, die das Vergnügen haben, hier zur Schule zu gehen, erwarte also nicht von mir, dass ich sie unterrichten werde."

Etwas betreten nicke ich und schlinge die Arme um ihn, eine Geste, die sofort erwidert wird. „Ich kann dich verstehen, aber richtig glauben werde ich es erst, wenn wir uns alle wieder hier versammeln und du nicht da sein wirst. Ich werde das ziemlich vermissen, weißt du? Mit dir heimlich Blicke zu tauschen, mich darauf zu freuen, dir zufällig über den Weg zu laufen … Es war besonders, Severus. Wirklich absolut besonders."

Er nimmt seine Hand von meinem Rücken und streicht mir eine Locke zurück. „Das ist es noch. Ich kann es kaum erwarten, dich wiederzusehen."

„Geht mir genauso."

Nach einem letzten Kuss löse ich mich langsam von ihm los und sehe ihm in das tiefe Schwarz seiner markanten Augen. Ich bin hin- und hergerissen, ob ich gehen soll oder nicht, unsicher, ob ich noch einmal die Schulbank drücken werde, um meinen Abschluss zu machen. Wenn ich mich bemühe, werde ich auch anders vorankommen. Wichtig ist im Augenblick nur, eine Lösung zu finden, die es mir ermöglicht, so viel Zeit wie möglich mit ihm zu verbringen. Wir haben einiges nachzuholen.

Die Anziehungskraft zwischen uns tut ihr Übriges und plötzlich scheine ich es gar nicht mehr so eilig zu haben, zu den anderen zu gehen. Es könnten unsere letzten gemeinsamen Minuten in Hogwarts sein. Das letzte Mal, dass wir uns gemeinsam und innig im Umfeld der Schule bewegen, die für mich immer ein ganz besonderer Ort war.

Severus spürt mein Zögern. „Nun geh schon", fordert er streng. Er schiebt mich mit sanfter Gewalt von sich und umfängt in seinen Handflächen mein Gesicht. „Wenn du dich nicht von ihnen verabschiedest, wirst du dir das nie verzeihen. Ich hingegen habe da oben nichts mehr verloren."

Ich beiße mir unbeholfen auf die Lippe. „Sie werden fragen, wo du abgeblieben bist."

„Vermutlich. Aber auch das kann warten", sagt er brummig.

Obwohl es mir schwer fällt, ihm das jetzt zu glauben, muss ich einsehen, dass er die Wahrheit sagt. Anders als ich hat er all die Jahre nur durchgehalten, weil er die Fehler wiedergutmachen wollte, die er früher begangen hat. Wir sind verschiedene Wege gegangen, um Voldemort zu Fall zu bringen. Deshalb müssen wir auch jetzt verschiedene Wege gehen, um damit abzuschließen. Harry und ich sind Freunde geblieben, selbst wenn es nicht immer leicht war. Sogar Ron gehört irgendwie zu meinem Leben. Für Severus hingegen wird es Zeit, Lebewohl zu sagen. Mit Zurückhaltung, heimlich, leise, still. Ganz so, wie es sich für jemanden gehört, der genug von allem hat.