Zurück in Melbourne

Zurück in Melbourne

Am nächsten Morgen machten sich Alex und Sam auf den Weg nach Melbourne. Nachdem Nick sie am Flughafen abgesetzt hatte, gingen sie zu ihrem Gate. Als Sam den Zielort ihres Fluges las, hüpfte sie in die Höhe und strahlte: „Wir fliegen nach Melbourne?" „Ja," bestätigte Alex. „Du und ich, bis Montag, Mebourne pur!" „Oh, klasse!" Sam umarmte ihn kurz und stürmte dann zu ihren Plätzen, sie konnte es kaum erwarten endlich wieder in die Stadt zu kommen. Nach einem ruhigen Flug wartete in Melbourne schon der von Alex bestellte Mietwagen auf sie. Alex hatte in der Nähe von Tom's Stall in einem kleinen gemütlichen Hotel zwei Zimmer mit einer Verbindungstür für sie reserviert. Sam würde sich bestimmt freuen Tom wieder zu sehen.

Alex sollte Recht behalten: nachdem sie ihre Sachen ausgepackt hatten wollte Sam als erstes zu Tom. Nachdem sie sich von Alex die Erlaubnis geholt hatte, machte sie sich auf den Weg. Als Sam den alten Mann erblickte, trugen ihre Beine sie schneller vorwärts und sie rief glücklich von weitem: „Tom, Tom, ich bin wieder da!" Tom erkannte Sams Stimme sofort und drehte sich augenblicklich zu Sam um, die nun fast bei ihm angelangt war. Erfreut, endlich das lebhafte Mädchen, das er so sehr vermisst hatte, wieder zusehen, breitete Tom seine Arme aus und fing Sam auf, die im nächsten Moment in seine Arme sprang.Nach einer langen und vertrauten Umarmung löste Tom seine Hände von Sams Rücken und trat einen Schritt zurück, um sie besser anschauen zu können. „Na, wenn das nicht meine kleine Sam ist! Mensch bist du groß geworden!" sagte er mit seiner tiefen warmherzigen Stimme und lachte.

„Ach komm schon Tom, sei nicht albern, ich war doch gerade mal 4 Monate weg. Da wächst man nicht so viel!" Sam lächelte. „Nein, ernsthaft Sam, du siehst gut aus, das Landleben scheint dir gut zu tun!" Ihm fiel die innere Ruhe auf, die Sam ausstrahlte. In ihrem Gesicht hatte sich auch etwas verändert. Die ganzen Sorgen, die sonst immer ihr schönes Gesicht gezeichnet hatten, waren verschwunden und ihre Augen strahlten Glück, Gelassenheit und Zufriedenheit aus. So gelassen und zufrieden hatte er sie höchstens gesehen wenn sie sich mit Hurricane beschäftigte. Er war froh, dass es Sam nun anscheinend wirklich gut getroffen hatte.

„Wie kommst du eigentlich wieder her?" fragte Tom nun, dem die Situation und das überraschende Wiedersehen nun doch etwas merkwürdig vorkam. „Alex und ich sind für zwei Tage in der Stadt! Alex kommt bestimmt auch gleich!" „Gefällt es dir denn auf dem Land?" Tom war neugierig, er wollte erfahren wie es seinem Schützling so ging. Und Sam tat ihm gerne den Gefallen und erzählte ihm ausführlich von Drover's Run und ihren Erlebnissen. Als sie beim Tee saßen kam Alex dazu. Er hatte sich absichtlich etwas Zeit gelassen, damit Sam erstmal in Ruhe mit Tom quatschen konnte.

Nachdem sie sich von Tom verabschiedet hatten gingen Sam und Alex zum Italiener Pizza essen. Als sie beim Nachtisch waren, Sam hatte sich Tiramisu gewünscht, meinte Alex: „Also, hier der Plan, heute Abend hast du frei. Ich hab einen Termin mit Nicole. Hier hast du etwas Geld." Er schob einen 50 Dollar-Schein über den Tisch. Sam blickte verwundert zuerst auf das Geld, dann zu Alex und hob fragend die Augenbrauen. Alex lächelte, Sam war noch immer nicht ein Mensch der vielen Worte, und sie würde es vermutlich auch nie werden. „Es ist okay. Du kannst solange wegbleiben wie du willst und deine Freunde treffen. Morgen musst du allerdings um 11 Uhr bei Nicole sein. Schau also, dass du dann halbwegs fit bist!" Alex brachte diese Worte mit fester Stimme heraus, innerlich fragte er sich aber ob er das Richtige tat. Claire hatte ihm dazu geraten Sam etwas Freiheit zu lassen, aber er war sich einfach nicht sicher. Er würde es sich nie verzeihen wenn ihr etwas passieren würde. Er konnte nur hoffen, dass seine Tochter nichts Dummes tun würde. Sam blickte ihn bloß mit großen Augen an, sagte: „Danke!" und widmete sich wieder ihrem Tiramisu. So ganz verstand sie nicht was das sollte, sonst bewachte er sie immer mit Adlers Augen, und jetzt lies er sie einfach so gehen, und das obwohl er wusste in welcher Gesellschaft sie sich in ihrem bisherigen Leben befunden hatte. Dieses Vertrauen, dass er in sie setzte verunsicherte sie.

Als sie das Essen beendet hatten, zog sich Sam um, klopfte dann noch mal an Alex Tür. „Ich bin jetzt weg!" „In Ordnung!" Alex versuchte seine Zweifel zu verbergen und nicht weiter darüber nachzudenken. Er atmete noch einmal tief durch und machte sich auf den Weg zu Nicole. Wenige Minuten später stand er vor dem roten Backsteingebäude in dem er seine Tochter vor 4 Monaten zum ersten Mal gesehen hatte. Seit dem hatte sich sein Leben grundlegend verändert, er war jetzt für einen Teenager verantwortlich, seine beste Freundin war schwanger von ihm und er war von zu Hause ausgezogen. Es war eine turbulente Zeit gewesen, aber er bereute nichts, außer vielleicht, dass er auf die Nachricht von Claire's Schwangerschaft so abweisend reagiert hatte. Alex blickte sich noch mal um und betrat dann das Gebäude.

Alex war inzwischen in Nicole's Büro angelangt, die Tür stand offen, er klopfte „Hallo Nicole!" Nicole hob den Kopf, „Oh, hallo Alex, nehmen Sie Platz! Schön Sie wieder zu sehn!" „Danke, dass sie an einem Samstag so spät Zeit für mich haben." Alex wusste nicht so recht, wie er das Gespräch beginnen sollte. Er war verpflichtet einmal im halben Jahr hier vorbeizuschauen, aber was nun kam, dass war ihm nicht so ganz bewusst. „Entspannen sie sich, Alex!" Nicole bemerkte seine Verunsicherung. „Ich hab Wochenenddienst, da bin ich sowieso die ganze Zeit hier. Also alles kein Problem. Erzählen sie mir erstmal wie es in den vergangenen Monaten lief!"

Die folgenden zwei Stunden unterhielt sich Alex recht gut mit Nicole über Sam. Nicole war zufrieden mit ihm, sie merkte wie lieb Alex seine Tochter gewonnen hatte. Sam hatte diese Aufmerksamkeit schon längst verdient, und sie war glücklich, dass sie wenigstens eines ihrer Kinder gut untergebracht hatte. Nach dem Gespräch ging Alex glücklich zurück ins Hotel. Zum Glück hatte ihn Nicole nicht gefragt wo Sam sich im Moment aufhielt, er hoffte, dass es ihr gut ging. Nach zwei Bier legte er sich ins Bett, doch er hatte Schwierigkeiten einzuschlafen, er konnte nicht aufhören sich um Sam zu sorgen. Er starrte an Decke und versuchte sich zu beruhigen, ihr würde schon nichts passieren.

Während dessen war Sam auf ihre alte Gang gestoßen und mit einem großen Hallo begrüßt worden. Jetzt zogen die zehn, zwölf Jugendliche gemeinsam durch die Straßen und tranken Bier. Antoine ‚Twan', der älteste von ihnen zog eine Flasche Wodka raus und reichte sie Sam „Hier, Star, nimm nen Schluck!" Sam zögerte unmerklich, dann nahm sie die Flasche. Sie spürte wie der Schnaps in ihrem Rachen brannte. Es tat gut mal wieder was Ordentliches zu trinken. Sie gammelten an einer Straßenecke rum und pöbelten die Leute an, die vorbeigingen. Auf der einen Seite fühlte Sam sich unheimlich wohl wieder mit ihrer alten Clique unterwegs zu sein, aber sie hatte so ein merkwürdiges Gefühl im Magen, das sie nicht loswurde.

Nach einer Weile wurde der Gruppe das Rumpöbeln langweilig, sie zogen weiter, sprayten hier und da etwas Kleineres an eine Wand oder auf ein Auto, aber so wirklich wussten sie nicht, was sie mit sich anfangen sollten. Schließlich kamen sie an einem Alkoholladen vorbei. „Hey, ich habs!" rief Twan und deutete auf den Laden, „Lasst uns etwas Nachschub besorgen!" Die andern johlten auf. „Super Idee, Twan!" „Yeah, holen wir uns das Zeug!" Sam blieb still, sich etwas besorgen, das hatte sie schon lange nicht mehr gemacht. Ihr war nicht wohl dabei, „Ach komm, Twan, lassen wir es lieber sein und genießen den Abend!" Twan schaute sie erstaunt an und meinte dann gehässig „Bist ein Weichei geworden, was? Das Land hat dich verdorben! Stell dich nicht so an, Star, auf gehts!"

Star, diesen Namen hatte Sam nur hier. Auf Drover's nannte niemand sie so, aber wollte sie denn überhaupt noch Star sein? „Ich stell mich nicht an, hab nur keinen Bock den Laden auszuräumen!", „Entweder du bist für uns, oder du bist gegen uns, Landei!" Twan war angesäuert. Sam schluckte, das konnte übel werden, sie musste sich entscheiden, sie überlegte kurz. Vor ihrem inneren Auge erschienen ihr Alex, dann Claire und schließlich Drover's. „Das ist Diebstall, Twan! Ja, ich hab mich geändert, ich hab so was jetzt nicht mehr nötig. Ich hab jetzt Leute die sich um mich kümmern. Mach deinen Scheiß alleine!" Sam schaute Twan in die Augen. Der nickte ihr zu, „Verpiss dich Sam! Verräter können wir hier nicht brauchen!" Die anderen Jugendlichen bauten sich vor ihr auf, doch Twan hielt sie zurück. „Lasst sie gehen, sie war schon immer zu gut für uns!" Er schaute Sam an, und lächelte leicht. „Vergiss uns nicht, Star!" Sam war verwundert, er ließ sie einfach so gehen, aber jetzt war nicht der richtige Augenblick um zu Zögern. Sie nickte in die Runde, drehte sich um und lief davon.

Im Hotel angekommen ging Sam schnell in ihr Zimmer, doch bevor sie sich Bettfertig machte, öffnete sie vorsichtig die Tür zu Alex Raum und steckte den Kopf herein. Alex lag auf seinem Bett und starrte immer noch an die Decke. Als sich die Tür öffnete fiel ein schmaler Lichtstrahl in das Zimmer, Alex hob den Kopf. In der Tür stand Sam, ihr blonden Haare fielen ihr ins Gesicht, die Augen waren zwar schon etwas glasig, aber sie schauten ihn noch aufmerksam an. Ihm fiel ein Stein von herzen, sie war wieder heil hier. „Hey, du, da bist du ja schon wieder!" Er schaute auf die Uhr und grinste „Es ist doch erst 2 Uhr!" „Tut mir Leid, hab ich dich geweckt?" Sam schob die Tür etwas weiter auf. „Nein, nein." Beruhigte Alex sie. „Hattest du einen schönen Abend? Wie geht es deinen Freunden?" Sam trat einen Schritt ins Zimmer und zögerte, sie wusste nicht, ob sie ihm von dem Abend erzählen sollte.

Alex merkte, dass sie etwas bedrückte. Er richtete sich auf und klopfte mit der Hand auf sein Bett. „Komm her, setz dich zu mir!" Sam kam langsam auf ihn zu und nahm neben ihm Platz. Sie blickte ihn an, und wusste, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Sam lächelte und fing an zu erzählen. Als sie fertig war, sagte sie nur: „Ich bin froh, dass du mich hier weggeholt hast!" Sie betrachtete ihn noch mal und ging zu ihrem Zimmer, in der Tür drehte sie sich noch mal um „Gute Nacht Alex!" Er lächelte „Schlaf gut Sam!" In diesem Moment war Alex der glücklichste Mensch auf der Welt, es war zwar noch ein weiter Weg, aber er wusste, dass seine Tochter jetzt bei ihm angekommen war. Er musste schmunzeln, ja er hatte ihre Alkoholfahne durchaus gerochen, aber das war ihm jetzt egal, sie war ja wieder hier, und es war ihr nichts passiert.

Am nächsten Morgen ging Sam zu ihrem Termin mit Nicole. Auch sie wurde von Nicole aufgefordert von der Zeit auf Drover's zu erzählen. Und als Sam ihren Bericht beendet hatte war sich Nicole ganz sicher, dass es dem hübschen Teenager gut ging. Sam machte einen rund herum zufriedenen Eindruck. „Es freut mich, dass es dir so gut geht! Wenn deine Großeltern dann zurück sind, können wir auch die letzten Formalitäten erledigen!" Sam druckste herum, „Du, Nicole? Würde es vielleicht gehen, dass…. Ich mein, also, geht es eventuell, dass ich Alex Nachnamen bekomme? Ich gehör doch jetzt irgendwie zu ihm, und er war mir in diesen vier Monaten mehr ein Vater als Mum mir je eine Mutter gewesen ist. Ich weiß nicht, aber es wäre doch schon schön, oder?"

Jetzt, da sie wußte, was sie an Alex hatte, wollte sie auch ganz dazugehören. „Ach, Sam!" Nicole seufzte. „Ich freu mich ja darüber, aber das geht leider nicht! Offiziell sind deine Großeltern dein Vormund, und so lange die nicht da sind, können wir gar nichts machen!" Sie sah Sam's Enttäuschung. „Das wird schon Samantha, deine Großeltern stimmen bestimmt zu, soviel Interesse hatten sie ja bisher nicht an dem Leben von deiner Mutter und dir! Hast du schon mit Alex darüber geredet?" Sam schüttelte den Kopf, sie war immer noch sehr niedergeschlagen, dieser Schritt war ihr nicht leicht gefallen, noch vor kurzem hatte sie das Eli gegenüber ausgeschlossen, und nun wollte sie, aber es ging nicht. „Nein, lass uns damit warten bis Grandpa und Grandma wieder da sind. Ich wollte ihn eigentlich damit überraschen!" „Ist gut, Sam." Nicole lächelte. „Jetzt lass den Kopf nicht hängen! Sei froh, dass es dir so gut geht!" Sam nickte und bemühte sich zu lächeln.

Den Rest des Tages verbrachten Sam und Alex zusammen bei Tom. Ihnen war beiden nicht nach Stadt zu mute, und Tom freute sich sie da zu haben. Am nächsten Morgen waren beide, Alex und Sam, froh, dass es wieder zurück nach Drover's ging, nach Hause.