Kapitel 21

Am nächsten Morgen weckte mich ein langsames dumpfes Stampfen. Zu meiner großen Überraschung hüpfte Oliver neben meinem Bett auf einem Fuß auf und ab.

„Was machst du denn da?" fragte ich und blinzelte in seine Richtung. Er zog das komischste Gesicht, das ich je gesehen hatte.

Grunzend bückte er sich und hielt sich seinen Fuß. „Ich glaube, ich hab mir den Zeh gebrochen."

„Weil du auf einem Fuß gehüpft bist?" Vielleicht träumte ich noch immer.

Er schnaubte ärgerlich und ließ sich neben mir nieder, seine Finger um seinen kleinen Zeh gekrallt. „Nein, weil ich versucht habe, den Hund dazu zu bringen, herzukommen und sein Frühstück zu fressen, bevor ich gehe, um dein Auto zu holen." Er wurde vom Klang einer Hupe draußen unterbrochen. „Das ist Junie", sagte er. „Sie fährt mich zur Catering-Firma."

Ich rollte auf die andere Seite und versuchte, meine Uhr zu finden, aber sie war verschwunden. „Wie spät ist es?"

„Fast zehn. Du hast lang geschlafen."

Manchmal war Olivers Talent, das Offensichtliche auszusprechen, echt krass. „Warum hast du mich so lang schlafen lassen?" gähnte ich und fühlte mich viel zu behaglich, um mich aus meinen warmen Decken zu wühlen.

Oliver räusperte sich. „Ich dachte, angesichts der Aktivitäten der letzten Nacht könntest du ein wenig extra Erholung gebrauchen."

Ich rollte wieder zurück und umarmte ihn überschwänglich. „Du bist der beste Bruder, den ich je hatte", sagte ich.

„Ich bin der einzige Bruder, den du je hattest. Jetzt lass los, damit ich gehen kann. Junie wartet draußen mit dem Baby." Er zuckte zusammen, als er aufstand, aber schaffte es, ohne allzu viel Schwierigkeiten umherzuhinken.

„Wie war das nochmal genau, wie du dich verletzt hast?" fragte ich und bemerkte zum ersten Mal, dass Mr. P still in der Ecke lag.

Ein verlegener Ausdruck huschte über sein Gesicht, und er wandte sich zum Gehen. „Ich bin an dein Bett gestoßen, wenn du es unbedingt wissen musst", sagte er gereizt. „Aber bevor du loslegst und dich über mich lustig machst, denk bitte daran, dass es passiert ist, während ich versucht habe, dir einige Mühe zu ersparen."

Da hatte er nicht ganz unrecht. „Danke, Oliver", sagte ich kleinlaut.

Oliver rümpfte die Nase. „Nimm eine Dusche, während ich weg bin. Du riechst wie Hunde-Sabber."

Mr. P war in der Nacht zuvor ziemlich anhänglich gewesen, aber ich hatte nicht vor, mich zu beschweren. „In Ordnung", seufzte ich. „Komm, Mr. P. Schauen wir, dass du was zum Futtern und zum Trinken hast, und dann werde ich dem großen Ollinator gehorchen."

Oliver grinste mich von der Tür aus an und verbeugte sich. „Und vergiss es nicht."

Mr. P und ich genehmigten uns ein Frühstück, das wir in geräuschvoller Meditation schnabulierten. Mr. P war in seine Sonntagmorgen Cartoons vertieft, und ich versuchte mir vorzustellen, was Sam gerade machte. Höchstwahrscheinlich war er noch dabei, die Nachwirkungen der gestrigen Party auszuschlafen. Ein Teil von mir hoffte, dass er an mich dachte.

Ich nahm eine weitere lange, heiße Dusche – wenn Oliver sich über die Wasserrechnung beschwerte, würde ich mich berechtigt fühlen, ihm zu sagen, es sei alles seine Schuld – und kam aus dem Bad, als das Telefon klingelte.

„Hallo?" sagte ich geistesabwesend. Der Versuch, Socken anzuziehen, mit einem Telefon, das in der Halsbeuge steckte, erwies sich als schwieriger, als ich erwartet hatte.

„Spreche ich mit Katie Embury?"

„Allerdings", antwortete ich, immer noch ohne viel Aufmerksamkeit.

„Hier ist Ellen. Ich arbeite für Senator Embury in seinem Büro in Indianapolis."

Ich ließ prompt das Telefon auf den Boden fallen, dicht gefolgt von den Socken. Hatte Mr. Selman mich angezeigt? Würde ich verhaftet werden, weil ich mich als Tochter eines Senators ausgegeben hatte? Ich beugte mich vor, um das Telefon zu grapschen, und fiel vom Bett.

Ellen wartete geduldig auf mich. „Tut mir leid", keuchte ich und wünschte, ich würde nicht ganz so atemlos klingen, „aber ich könnte schwören, dass Sie gesagt haben, Sie seien von Senator Emburys Büro."

Ihre Pause war so kurz, dass ich mir sicher war, ich hätte mir auch die eingebildet. „Das bin ich", sagte sie mit einer Stimme, die verdächtig amüsiert klang. „Senator Embury möchte sich gerne heute am frühen Nachmittag mit Ihnen treffen. Er ist sich bewusst, dass es Sonntag ist, aber er muss heute Abend zurück nach Washington und hat gehofft, Sie könnten ihn noch dazwischen schieben."

Das klang nicht so, als würde ich in einer winzigen Gefängniszelle mit einem Pack von Axtmördern eingesperrt werden, und ich spürte, wie sich meine Schultern ein wenig entspannten. „Mein Bruder holt gerade mein Auto, aber ich kann losfahren, sobald er wieder zurück kommt", sagte ich zu Ellen. Ich war noch nie zuvor von einem Politiker (oder seinen Assistenten) kontaktiert worden und war mir ziemlich sicher, dass man so etwas nicht einfach ignorierte.

„Wann rechnen Sie damit, dass Sie da sein könnten?" fragte Ellen. Es hörte sich an, als würde sie an einem Bleistift kauen.

Als ich meinen Mund aufmachte, um ihr ehrlich zu sagen, dass ich keine Ahnung hatte, hörte ich die Hintertür zuschlagen. „Ich kann in 30 Minuten da sein." Ehrlich gesagt, wenn ich Jane Austen nicht aufgegeben hätte, würde ich schwören, dass ich in einem ihrer Romane lebte. Alles fügte sich ganz einfach von selbst.

Ellen beschrieb mir den Weg, und ein paar Minuten später zog ich los zur Tür hinaus. „Wo gehst du hin?" rief Oliver hinter mir her.

„Zum Treffen mit dem Senator", schrie ich zurück. „Ich weiß nicht, wann ich wieder zurück bin. Danke fürs Auto holen!"

„Welchem Senator?" fragte Oliver ungläubig.

„Embury natürlich."

Er stand in der Tür, sah zu wie ich wegfuhr und schüttelte fassungslos den Kopf. Ich hätte ihm recht gegeben, aber ich war ein wenig in Eile.

Oliver hatte das Radio angelassen, und die Nachrichten fingen gerade an, als ich die Straße entlang fuhr. „Zu den Lokalnachrichten", tönte es frisch-fröhlich aus dem Radio. „Peter Selman, Gründer von Peters Perfect Catering, wurde gestern Nacht wegen Bestechungsvorwürfen verhaftet. Selman, der vor kurzem einen Vertrag errungen hat, der ihm die exklusiven Catering Rechte an allen Veranstaltungen der IMS Rennbahn einräumte, hat Berichten zufolge einem Mitarbeiter an der Rennstrecke ein Auto gekauft; dieser hat seinerseits die Bedingungen des Vertrages festgelegt. David Selman, Peters ältester Sohn, stand für einen Kommentar nicht zur Verfügung."

Ich streckte die Hand aus und schaltete das Radio aus. Also hatte Sam wohl nicht an mich gedacht, grübelte ich. Zumindest nicht in einer guten Art. Ich fragte mich, was jetzt mit der Firma passieren würde. Vielleicht würden sie Agnes feuern.


Senator Embury war ungemein höflich und entschuldigte sich für das Missverständnis vom Vortag. „Ich glaube, Ihr Chef hat Sie gefeuert wegen einer Verwechslung hinsichtlich Ihres Namens", sagte er und schüttelte den Kopf.

Ich fing an, mit der Schulter zu zucken, und änderte dann meine Meinung. „Es ist kaum Ihre Schuld. Katie ist so ein gebräuchlicher Name."

Der Senator räusperte sich. „In der Tat. Meine Frau und ich konnten uns nicht für einen Namen entscheiden, als sie Katie erwartete, und wir hatten immer noch keinen, nachdem sie geboren war. Wir wohnten damals zufällig in der Nähe von Vincennes, und als die Krankenschwester unseren Nachnamen hörte, erzählte sie uns, dass ein anderes Ehepaar Embury ihr Baby Katie genannt hatte. In Ermangelung einer besseren Idee nannten wir sie vorläufig Katie, bis es Zeit war, nach Hause zu gehen, und bis dahin hatten wir uns so daran gewöhnt, dass wir es beim besten Willen nicht mehr hätten ändern können."

Ich wusste nicht genau, was ich mit diesen Informationen anfangen sollte. „Also bin ich die Original-Katie", sagte ich langsam. „Und das ganze Durcheinander ist entstanden, weil Ihnen kein anderer Name eingefallen ist."

Er nickte und seufzte. „Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, dass ich je in die Politik gehen würde und dass das Übernehmen Ihres Namens so ein Problem für Sie sein würde. Und jetzt sind Sie gefeuert worden. Ich muss gestehen, dass ich mich ein wenig verantwortlich fühle."

„Woher haben Sie davon gewusst?" fragte ich. „Dass ich gefeuert wurde, weil ich die falsche Katie Embury war? Das ist kaum allgemein bekannt."

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und schaute mich stetig an. „Nachdem Katie – meine Katie – und ich Sie im Foyer getroffen haben, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Ich muss zugeben, dass ich Ihnen und Mr. Selman durch das Haus folgte und …" Er brach ab und sah mich vielsagend an.

Hatten alle, die ich kennenlernte, den Wunsch zu schnüffeln? „Sie haben an der Tür gelauscht", schloss ich für ihn. Als er zustimmend den Kopf neigte, seufzte ich. „Ich schätze, es war letztlich das Beste", sagte ich halb zu mir selbst. „Ich weiß nicht, was mit der Firma passieren wird, jetzt wo Mr. Selman in rechtlichen Schwierigkeiten ist."

„Das ist es, worüber ich mit Ihnen reden wollte." Senator Embury war so seriös, dass nicht einmal seine Haare es wagten, in der Brise zu flattern, die aus den Heizungsschlitzen kam. „Erzählen Sie mir, was passiert ist."

Also tat ich es. Ich erzählte ihm vom ersten Treffen mit Josh und unseren folgenden Begegnungen, von der Besichtigungstour an der Rennstrecke und später von Joshs Besuch bei der Catering-Firma. Ich berichtete ihm sogar jede Garstigkeit, die Josh in den letzten zwei Monaten zu mir gesagt hatte. „Als ich Junies SMS erhielt, die besagte, dass Mr. Selman das Auto gekauft hatte, musste ich daher die Sache ergründen."

„Wären Sie genauso interessiert gewesen, das Komplott zu durchkreuzen, wenn Sie nicht gefeuert worden wären?"

„Ja." Ich versuchte, so ernsthaft auszusehen wie er, aber es war schwer, wenn man nicht wusste, worum es eigentlich ging. „Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich es gewesen wäre."

Der Senator lächelte leicht. „Das habe ich gehofft. Ich war sehr beeindruckt von Ihnen, Miss Embury, vor allem nachdem Sam Sie so beherzt verteidigt hat."

Meine Kehle wurde plötzlich sehr eng. „Hat er das?"

„Ja, das hat er. Er brauchte eine Weile, um herauszufinden, dass Sie vermisst wurden, und lief dann ums Haus herum auf der Suche nach Ihnen. Er war mittendrin, ein Kanu zum Teich zu ziehen, als ich ganz zufällig auf ihn stieß. Er sagte etwas dahingehend, dass Sie vielleicht hineingefallen seien – und ich erklärte ihm, was passiert war."

Ich fühlte mich für einen Moment genervt. Schließlich war es kaum meine Schuld gewesen, dass das Kanu überhaupt erst gekentert war. Aber es war schön zu wissen, dass er sich genügend Sorgen machte, um nach mir zu suchen.

„Danke", sagte ich schwach zum Senator.

Mit selbstzufriedener Mine legte Senator Embury seine Finger aneinander und sah mich lange an. „Ich habe einen Vorschlag für Sie", sagte er. „Ich möchte Ihnen eine Stelle in meinem Mitarbeiterstab in Washington anbieten."

Ich starrte ihn schockiert an. „Wie bitte, Sir?"

Er schaute mir direkt in die Augen. „Es ist nicht immer einfach oder bequem, das Richtige zu tun, und in Washington ist es noch schwieriger. Ich habe versucht, mich mit Menschen zu umgeben, die ihr Gewissen kennen und bereit sind, ihm zu folgen, auch wenn die Leute ringsherum sagen, Sie sind ein Narr, oder Sie verschwenden nur Ihre Zeit. Ich glaube, Sie gehören zu diesen Menschen, die sich an ihre Moral halten, unabhängig von den Konsequenzen."

Ich schluckte heftig. Gewiss würde das meine aktuelle Arbeitslosensituation beheben. Aber ich war mir nicht sicher, ob ich Indiana auf Dauer verlassen wollte.

„Denken Sie darüber nach", sagte er mit einem abschließenden Ton in seiner Stimme. „Ich muss in zwei Stunden in einem Flugzeug sein, daher fürchte ich, dass ich mich von Ihnen verabschieden muss. Rufen Sie Ellen an und teilen Sie ihr Ihre Antwort mit, wenn Sie soweit sind."

Er stand auf und schüttelte mir die Hand. „Ich entschuldige mich nochmals dafür, meiner Tochter Ihren Namen gegeben zu haben. Ich hoffe, sie kann ihm gerecht werden."

Ich stolperte aus dem Büro des Senators, ohne wirklich zu registrieren, was gerade geschehen war. Ich fuhr lange auf den Nebenstraßen von Indianapolis und seiner umliegenden Gemeinden herum, ohne wirklich zu realisieren, wo ich war, und landete schließlich vor dem Holliday Park, wo Mr. P und ich vor all diesen Wochen Junie getroffen hatten. Ich bog zu meiner Straße ab und ging ins Haus in der Hoffnung, Oliver zu finden.

Stattdessen fand ich eine Notiz. Bin auf den Campus gegangen zum Studieren. Ruf mich an, wenn du nach Hause kommst, dann treffe ich mich mit dir irgendwo zum Abendessen. Ich seufzte. Es war gut zu sehen, dass Oliver wieder seine Nase in Bücher steckte, aber ich brauchte jemanden zum Reden. Es überraschte mich nicht, dass ich auf seiner Voice-Mailbox landete.

„Hallo Oliver. Ich denke, ich werde mit Mr. P einen Spaziergang machen. Ich sehe dich dann, wenn du nach Hause kommst. Danke für die Einladung."

Bei dem Wort ‚Spaziergang' erschien Mr. Poppikins auf magische Weise durch die Hintertür, seine Leine hoffnungsvoll von seinen Kiefern umklammert. „Also gut", sagte ich und wuschelte sein Fell. „Man redet nicht umsonst über das Gehör von Hunden. Auf geht's."


Der Monon Trail war fast menschenleer, als wir aus dem Auto stiegen, wahrscheinlich, weil das Wetter über Nacht umgeschlagen war, von angenehmer Herbstfrische auf eine Kälte, die auf einen langen Winter hindeutete. Ich schnappte mir meine Jacke vom Rücksitz, versuchte, die meisten von Mr. Ps Haaren abzubürsten, und zog sie an.

Ich hatte Mr. P nicht mehr zum Monon Trail gebracht seit diesem schicksalhaften ersten Tag, als er die Leine um mich geschlungen hatte, sondern hatte mich für unsere Spaziergänge meistens an die Bürgersteige der Nachbarschaft und den Holliday Park gehalten. Er trottete neben mir und sah für alle Welt so aus, als hätte ich nun endlich seiner Art zu denken nachgegeben. Er schnüffelte überall herum, als suche er nach etwas sehr Wichtigem. Oder Leckerem. Bei Hunden ist das schwer zu sagen.

Ich brauchte nicht lange, um herauszufinden, dass heute weder Mr. P noch ich viel Bewegung bekommen würden, weil wir eine lange Zeit die Strecke entlang schlenderten, ohne sehr weit zu kommen. Ich hatte jahrelang versucht zu vermeiden, über meine Zukunft nachzudenken – tief drinnen wusste ich, dass ich die Position in Onkel Bobs Immobilienbüro und dann die als persönliche Assistentin Mr. Selmans nur deshalb angenommen hatte, weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte, und Angst hatte, dass ich, wenn ich wüsste, was ich wollte, es nicht bekommen würde. Vielleicht war es an der Zeit, ein wenig erwachsener zu werden und daran zu denken, was ich tun konnte.

Das Problem war, dass ich nicht wusste, was ich werden wollte, als ich aufwuchs. Ich wusste nur, was ich nicht sein wollte.

Aber wollte ich in Washington leben und arbeiten? Ich konnte mir nicht vorstellen, das auf lange Sicht zu tun. Vielleicht für kurze Zeit, aber im Grunde war ich ein Mädchen aus dem mittleren Westen.

Mr. P hob plötzlich den Kopf und schaute den Weg entlang. Ich hätte gedacht, dass er endlich gefunden hatte, wonach er gesucht hatte, aber wir waren mehr als zwei Monate nicht mehr hier gewesen. Außerdem glaubte ich nicht, dass Hunde Dinge verlieren. Konnten sie ihre Sachen nicht nach dem Geruch wiederfinden?

Als wir den höchsten Punkt der Brücke erreichten, die über den White River führte, setzte sich Mr. P hin, offenbar gelangweilt, jetzt da seine Schatzsuche vorüber war, und rührte sich nicht mehr. Egal, wie fest ich an seiner Leine riss, er lag einfach da und schwenkte seinen Kopf schräg nach oben, den schwachen Sonnenstrahlen entgegen. Dann sah er scharf nach rechts und bellte einmal.

Eine Sekunde später kam Sam um die Ecke.

Er telefonierte gerade und fuhr sich mit der Hand durch die Haare, aber als Mr. P nochmals bellte, schoss Sams Kopf in die Höhe und er starrte mich schockiert an. Mit ruckartigen Bewegungen klappte er das Telefon zu und stopfte es in seine Tasche. Bevor ich michs versah, war er in vollem Lauf. Er kam rutschend vor mir zum Stehen, rang nach Luft und starrte mich an, als er sähe er ein Gespenst.

„Hallo Sam."

Bevor die Worte ganz aus meinem Mund waren, hatte er seine Arme so fest um mich geschlungen, dass ich diejenige war, die nach Luft schnappte.

Wir standen dort eine lange Zeit. Ich hörte, wie sich sein Puls allmählich verlangsamte und seine Atmung wieder normal wurde. Er trug immer noch dieselbe Kleidung, die er auf der Party anhatte, und ich konnte sein stoppeliges Kinn spüren, wo er sein Gesicht oben auf meinen Kopf drückte.

„Ich kann nicht glauben, dass ich dich gefunden habe."

Ich konnte es selbst kaum glauben. Wie standen die Chancen, dass wir beide zufällig wieder zur gleichen Zeit den Monon Trail entlang wandern würden? Wenn das nicht das Schicksal war, dann hatten wir beide wirklich irrsinniges Glück. Ich war mir nicht sicher, was ich bevorzugte.

„Ich höre, du warst sehr beschäftigt, seit ich dich das letzte Mal gesehen habe." Für einen Mann, der sich benahm, als würde er mich nie wieder loslassen, war sein Ton viel zu beiläufig.

Ich zog mich zurück, damit ich ihn richtig sehen konnte. „Dein Vater hat mich gefeuert –"

„Und ich musste das vom Senator hören."

Seinen spitzen Blick ignorierend fuhr ich fort: „Dann haben Junie und ich das mit Josh und Mr. Selman herausbekommen." Ich wartete auf eine weitere Unterbrechung, aber er wandte sein Gesicht ab und starrte auf den Fluss. „Und dann bin ich ins Büro deines Vaters gegangen, um zu sehen, was ich herausfinden konnte."

Sam schritt um mich herum, lehnte sich an das Geländer und starrte auf das vorbeigurgelnde Wasser. „Ich habe vom Rest deiner Aktivitäten auf der Polizeistation erfahren. Was ich nicht verstehen kann, ist, warum du weggefahren bist, ohne mir zu sagen, wo du hin wolltest? Du bist alleine in das Gebäude gegangen. Jeder beliebige hätte dir folgen und dir unaussprechliche Dinge antun können. Und das haben sie!" explodierte er und schlug mit seinen Fäusten auf das Brückengeländer ein. „Standst du nicht in der Reihe, als sie im Himmel den guten Menschenverstand verteilt haben? Weißt du, was ich in den letzten 12 Stunden durchgemacht habe?"

Er schrie nicht gerade, aber ich würde einen ansehnlichen Batzen Bargeld wetten, dass die Fische, die unter uns schwammen, ihn ziemlich deutlich hören konnten. „Ich schätze mal, du hast nicht von Schmetterlingen und Blumen geträumt."

Er drehte sich zu mir, etwas Wildes war in seinen Augen. „Lass mich dir erzählen, was ich gedacht habe. Gestern auf der Party, als ich dich nicht finden konnte, war ich überzeugt, dass du im Teich ertrunken wärst. Nachdem der Senator mich etwas beruhigt hatte, dachte ich, du würdest mir nicht genug vertrauen, um mich zu bitten, dir zu helfen. Warum bist du nicht zu mir gekommen, nachdem Vater – nachdem Vater –"

„Mich gefeuert hat?" schlug ich wütend vor und verspürte ein wenig wieder hochkommende Selman inspirierte Verbitterung. „Mich entlassen hat? Beschlossen hat, dass ich überflüssig war?"

Ungeduldig den Kopf schüttelnd stiefelte Sam quer über die Brücke und stand mit dem Rücken zum Geländer da. „Sicher. All das. Warum bist du nicht zu mir gekommen?"

Ich konnte kaum glauben, was ich da hörte. Ignorierte er die Tatsache, dass Mr. Selman – sein eigener Vater – mich gefeuert hatte? Ohne jeden Grund? Ich konnte spüren, wie sich meine Augenbrauen zusammenzogen. „Er hat mich aufgefordert, mich aus dem Haus zu scheren", erinnerte ich ihn mit eisigem Ton. „Ich war überrascht, dass er mir genug Zeit ließ, meine Sachen zu packen, statt mich gleich selbst hinauszuwerfen. Er hielt es überhaupt nicht für nötig zu wissen, wie ich nach Hause kommen würde", fügte ich hinzu. „Hannah musste mir dabei helfen."

Er machte ein ungeduldiges Geräusch. „Ich kann nicht glauben, dass er so dumm gewesen ist zu denken, die andere Katie würde mit ihm arbeiten und sich mit seinem Mist abgeben wollen. Hast du ihm nie gesagt, wer du wirklich bist?"

Das ging ein bisschen zu weit. „Ich bin Katie Embury", sagte ich steif. „Benötigst du einen Blick auf meinen Führerschein zum Beweis? Ich habe ihn nie angelogen."

Ich riss meinen Fuß unter Mr. P hervor. Stärke muss den wütenden Menschen zufliegen, dachte ich bitter. Zu schade, dass man nicht stärker werden konnte, wenn man zu Tode erschrocken war – das wäre letzte Nacht gelegen gekommen, als ich versuchte, Josh zu entkommen.

„Du musst etwas geahnt haben."

Ehrlich, der Mann machte einen zu ärgerlich, um es in Worten ausdrücken zu können. „Und wie hätte ich das genau tun sollen? Er hat nie nach meiner Familie gefragt, nie angedeutet, dass ich Leute aus der Politik kannte. Ich wusste nicht einmal, dass er dachte, ich sei die andere! Was soll ich denn tun?" schnappte ich, packte Mr. Ps Leine und zog fest daran. Er sah zu mir auf und gähnte. „Zu allen hingehen, die ich treffe, und sagen: ‚Ach übrigens, mein Name ist wirklich Katie, aber ich bin nur ein ganz einfaches, langweiliges Mädchen, deren Name ihr zufällig von jemand gestohlen wurde, der später berühmt wurde'?"

Ich wusste, dass das nicht besonders viel Sinn ergab, aber das war mir egal. Ich funkelte Sam an. „Warum streiten wir überhaupt darüber? Nimmst du es mir übel, dass ich herausgefunden habe, was er und Josh getan haben?"

Sam, der dem ganzen schockiert mit offenem Mund zugehört hatte, fand plötzlich seine Stimme wieder. „Was? Er verdient alles, was er bekommt. Nein, ich bin nicht wütend darüber. Ich bin wütend, dass du gestern Abend ganz allein in dieses Gebäude gegangen bist und Haskins auch nur daran gedacht hat, dich anzurühren!"

Wir starrten einander eine aufgeladene Minute lang an. Sams Atem ging wieder schnell, und ich kam nicht umhin, daran zu denken, was Josh mir antun hatte wollen. „Woher weißt du davon?" fragte ich leise. Mr. P schlich heran und lehnte seinen Kopf an mein Knie.

Sam atmete schwer aus. „Ich habe versucht, deinen Polizisten-Freund dazu zu bringen, mich das Band anhören zu lassen, aber er wollte nicht. Er sagte, es sei gegen das Gesetz. Aber er hat mir doch ein wenig über das erzählt, was du in diesem Büro zu Tage gefördert hast", sagte er ebenso leise. „Zunächst den Teil, wo Vater diesen wahnsinnigen Deal mit Haskins gemacht hat, und dann, als Haskins – als Haskins –" Er sah aus, als könnte er sich über den Rand der Brücke übergeben.

Mein Verstand weigerte sich, Joshs Worte zu überdenken, aber meine Hand kroch hoch und legte sich vor meinen Mund und ich schauderte. „Sie haben mir versichert, dass dir nichts zu leide getan wurde und dass es dir gut geht", fuhr Sam fort, „aber sobald ich dort rauskam, musste ich dich finden und selbst sehen. Seitdem war ich auf der Suche."

Ich musste es Sam lassen – er war sehr gut darin, Josh aus meinem Gehirn zu verbannen. Ich schlang Mr. Ps Leine mehrmals um mein Handgelenk und zerrte fester. Er seufzte und stupste mein Bein mit seiner Nase, und ich bürstete mit meiner freien Hand an ihm herum. „Warum? Um mich anschreien zu können?"

„Ich schreie dich nicht an!" schrie er. Als ich ihn anstarrte, fuhr er sich mit der Hand übers Gesicht und atmete mehrmals tief ein. „Tut mir leid", sagte er in einem normaleren Ton. „Ich war so besorgt und ganz von Sinnen. Die Polizei wollte mir nicht sagen, wo du warst, und das Auto war immer noch auf dem Parkplatz. Als ich heute Morgen zu deinem Haus gefahren bin, hat niemand geöffnet, und ich begann langsam zu verzweifeln. Ich wusste nicht, wohin ich als nächstes gehen sollte, also dachte ich, ich würde dahin zurückgehen, wo wir uns das erste Mal getroffen haben, und versuchen etwas herausfinden."

„Aber warum?" schrie ich. „Wozu all diese Mühe? Ich hätte dir die Schlüssel zu deinem Auto zurückgeschickt –"

Sam grunzte frustriert. „Vergiss das Auto", sagte er, und mit jedem Wort, das aus seinem Mund kam, wurde er lauter. „Das dumme Auto ist mir völlig egal. Es kann meinetwegen in den Fluss fallen. Ich war außer mir vor Sorge, weil ich dich liebe!"

Ich erstarrte.

Sam, der aussah, als wäre er nicht sicher, wie diese Aussage seinem Mund entfahren war, und als wüsste er nicht, was er damit tun sollte, jetzt da es passiert war, wandte seine Augen von mir ab und trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. Ich atmete flach ein und rieb mir die Stirn, und zwar fest. Ich wollte ihm so gern glauben, aber die Dinge, die Mr. Selman gesagt hatte, ließen mir einfach keine Ruhe. Es wäre hilfreich gewesen, wenn Sam nicht den Eindruck erweckt hätte, seine Worte zu bedauern. „Nein, das tust du nicht." Ich schluckte und versuchte, mich von ihm abzuwenden, aber Mr. P breitete sich auf dem Bürgersteig aus und legte seinen Kopf auf die Pfoten. Er sah aus, als wäre er bereit, ein Nickerchen zu machen. Sobald ich nach Hause kam, würde ich ihn wegen Befehlsverweigerung in die Waschküche sperren. „Du tust es einfach nicht."

Er machte einen Schritt auf mich zu. „Doch."

Als ich wieder aufsah, war die Distanz zwischen uns halb geschlossen. „Tust du nicht", beharrte ich. Nicht weinen, bloß nicht weinen, sagte ich zu mir selbst. Was immer du tust, brich jetzt nicht zusammen.

„Wie kannst du das sagen?" Seine Stimme klang ungläubig. „War es nicht ziemlich offensichtlich? Ich dachte, jedermann konnte es wissen, einfach indem er mich ansah."

„Ich bin nicht jedermann", sagte ich steif. „Dein Vater hat mir gesagt, du wolltest mich gar nicht einladen, damals als wir zu Mama Carolla gingen. Ich weiß, dass er dich dazu gezwungen hat."

Mit vor Ärger blitzenden Augen kam Sam noch einen Schritt auf mich zu. Ich wäre zurückgewichen, aber zwischen dem Geländer und Mr. P konnte ich nirgendwo hin. „Er hat mich zu gar nichts gezwungen", sagte er ärgerlich. „Ich bin ein erwachsener Mann, falls du es noch nicht bemerkt hast."

Oh, das hatte ich bemerkt, schon gut, aber das war kaum der richtige Moment, das zu sagen.

„Er hat mehrmals vorgeschlagen, ich solle mich mit dir verabreden, aber ich war … zu vorsichtig, denke ich. Nach allem, was ich wusste, hatte er dir aufgetragen, ja zu sagen, wenn ich fragte, und ich wollte nicht, dass du mit mir ausgehst, weil du dachtest, du müsstest es. Und dann warst du gerade mit Haskins aus" – er sprach den Namen aus, als wäre er mit Schleim bedeckt – „und ich war mir nicht sicher, ob da was lief oder nicht. Aber als ich dich dort sitzen sah beim Saubermachen von diesem dummen Golfschläger, purzelten die Worte nur so heraus. Und ich bin froh darüber."

Hä? „Was ist mit der Gouverneursball?" schoss ich zurück. „Du schienst kaum begeistert zu sein, als er mir auftrug, mit dir zu gehen."

Sam machte ein seltsames Geräusch von der Art, hätte er seinen Mund offen gehabt, wäre es wie ein Schrei herausgekommen. „Ich wollte nicht, dass du mit mir gehst, weil du das Gefühl hattest, du müsstest!" rief er und rückte einen weiteren Fuß vor. „Hast du mir vorhin nicht zugehört? Ich wollte, dass du mit mir ausgehst, weil du es wolltest und nicht weil du dachtest, wenn du es nicht tätest, würdest du deinen Job verlieren!"

So sehr ich es hasste, es zuzugeben, er hatte irgendwie recht. Als ich wieder zu ihm aufblickte, war sein Gesicht nur Zentimeter von meinem entfernt. Er legte seine Hände zu beiden Seiten von mir auf das Geländer, die Arme eng an mir anliegend, so dass ich nicht weg konnte. „Fühlt sich das so an, als ob ich mein eigenes Herz nicht kennen würde?" wollte er wissen, und bevor ich michs versah, küsste er mich.

Wenn unser erster Kuss süß gewesen war, dieser war alles andere als das. Ich hatte das Gefühl, dass Sam versuchte, all seinen Frust, seine Sorge und Erleichterung in diesen einen Kuss zu legen. Er dauerte eine lange Zeit, und als er schließlich seinen Kopf wegzog, um mich mit funkelnden Augen anzusehen, war ich überrascht festzustellen, dass meine Arme irgendwie ihren Weg um seinen Hals gefunden hatten.

„Und?" fragte er angespannt. „Habe ich dich überzeugt, dass ich weiß, wovon ich rede, oder brauchst du eine weitere Demonstration?"

Ich machte den Mund auf, um ihm zu sagen, dass ich nicht wirklich etwas gegen eine weitere Demonstration hätte, egal ob ich ihm glaubte oder nicht, aber Mr. P zwängte sich zwischen meine Beine und das Geländer, und schob mich dabei noch näher an Sam. Er küsste mich erneut, weniger verzweifelt dieses Mal, und als er den Kopf hob, sah ich wieder diese Lichtblitze.

Vielleicht waren es ja doch nicht die Blitzlichter gewesen.

„Katie, ich liebe dich. Ich habe es jetzt schon eine lange Zeit getan. Ich weiß nicht, wie ich dich überzeugen kann, aber so ist es."

Zum ersten Mal in fast 24 Stunden fühlte ich, wie sich meine Mundwinkel zu einem Lächeln verzogen. „Wirklich?"

Mr. P strich wieder gegen die Rückseite meiner Beine, und ich schlug geistesabwesend mit der Hand nach ihm.

„Ja." Ich hatte Sam noch nie so ernst und feierlich gesehen.

Ich holte tief Luft, drückte Mr. Ps Kopf schon wieder weg und grinste zu ihm hoch. „Das ist eine sehr gute Neuigkeit."

„Oh? Warum das?" Sam grinste albern zu mir zurück.

„Weil ich dich auch liebe."

Diesmal war Sams Kuss voller Verheißung.

Als wir endlich zur Besinnung kamen, versuchte ich, einen Schritt von Sam zurückzutreten – und wir fielen prompt rückwärts an den Rand der Brücke. Es war gut, dass Sam uns mit seinen Händen abstützte; mein Rücken tat ohne sein Zusatzgewicht schon weh genug. „Was ist mit meinen Beinen los?" lachte ich und versuchte, meine Füße auf den Boden zu stellen. Aus irgendeinem Grund benahmen sie sich nicht anständig. „Was geht hier vor?"

Sam drehte den Kopf nach unten und begann zu lachen. Er lachte so sehr, dass er eine ganze Weile nicht mehr aufhören konnte. „Ich glaube, das ist eines der Dinge, die ich am meisten an dir liebe, Katie", sagte er und wischte sich mit dem Handrücken die Augen. „Es ist nie langweilig, wenn du in der Nähe bist."

Das Thema ging mir allmählich auf die Nerven. Ich hatte ihm gar nichts getan, und das sagte ich ihm auch. „Alles, was ich getan habe, war deinen Kuss zu erwidern, und das schienst du vor ein paar Sekunden nicht lustig zu finden."

Er nahm mein Kinn zwischen seine Hände und richtete meinen Kopf zu unseren Knien. „Es ist schon wieder dein verdammter Hund", sagte er und warf mir dieses ironische Lächeln zu, das ihm eigen war. „Mr. P hat uns mit seiner Leine zusammengebunden, als wir nicht aufgepasst haben."

Und tatsächlich war die Leine mehrmals um uns gewickelt. „Ich habe mich schon gefragt, was er tat, als er gegen die Rückseite meiner Beine strich", sagte ich und begann zu lächeln. „Ich schätze, seine Zustimmung ist besiegelt."

Sam küsste mich kurz. Während wir versuchten, uns wieder richtig hinzustellen, trottete eine junge Frau, die einen Kinderwagen schob, an uns vorbei. Sie sah kurz in unsere Richtung, klappte den Blendschutz über ihrem Baby zu und drehte schnell um. Sie warf uns einen sehr empörten Blick zu, der uns noch mehr zum Lachen brachte. Als wir uns schließlich losgewickelt hatten, hatte ich solches Seitenstechen, dass ich Schwierigkeiten hatte, gerade zu stehen – auch ohne Leine.


Sam folgte mir den ganzen Weg nach Hause, weil er – wie er mir halb im Ernst sagte – mir nicht trauen konnte, mich so lange aus Schwierigkeiten herauszuhalten.

„Ich wohne nur 5 Meilen entfernt", protestierte ich lachend. „Was könnte ich im Verlauf von 5 Meilen anstellen?"

„Man weiß nie", war seine einzige Antwort. „Wie auch immer, ich muss zusehen, dass du dein Handy wieder bekommst. Ich bin nahe dran durchzudrehen, wenn ich dich nicht telefonisch erreichen kann."

Ich dachte darüber nach, als ich durch die Straßen fuhr. Obwohl ich den Gedanken schätzte, erschien es kaum richtig, ein Firmentelefon zu benutzen, wenn ich nicht mehr für besagte Firma arbeitete. Ich fragte mich, ob Sam sich daran erinnerte, dass ursprünglich sein Vater das Telefon für mich gekauft hatte.

Oliver wartete auf mich, als Sam und ich durch die Hintertür schritten.

„Wo warst du?" wollte er wissen. „In deiner Nachricht hast du nichts über dein Treffen mit dem Senator gesagt! Oh, hallo Sam. Hannah ist schon hier. Sie ist im Wintergarten, wenn du zu ihr willst."

„Hannah ist bei uns zu Hause?" fragte ich überrascht. „Warum?"

Oliver wurde ein bisschen rosa im Gesicht. „Sie hat mich angerufen, um herauszufinden, wo du bist", verteidigte er sich. „Es erschien unhöflich, sie nicht hierher einzuladen, da sie so besorgt klang."

Ich sah Sam mit hochgezogenen Augenbrauen an. „So viel zum zufälligen Treffen auf dem Trail", sagte ich trocken.

Sam war in der Mitte der Küche zum Stehen gekommen. „Ich habe gerade mit ihr gesprochen, als ich dich entdeckt habe", sagte er. „Warum hast du mit einem Senator gesprochen?"

Ich versuchte, auf seine Frage entwaffnend zu lachen – machten das nicht Leute in Büchern, wenn sie das Thema wechseln wollten, ohne das wirklich zu tun? – aber es kam mehr wie ein Gurgeln heraus. Sam zog seine Augenbrauen nur noch höher.

„Jemand von Senator Emburys Mitarbeitern hat heute Morgen angerufen und gefragt, ob es mir etwas ausmachen würde, mich mit ihm zu treffen", sagte ich und zuckte nervös mit der Schulter. Ich hatte es fertiggebracht, diese ganze Begegnung zu vergessen, während ich mit Sam zusammen war.

„Katie!" Bevor ich michs versah, war Hannah in die Küche gerast und hatte die Arme um mich geschlungen. „Ich bin so froh, dass es dir gut geht. Sam hat mir gesagt, was er gestern Nacht auf der Polizeiwache gehört hat. Geht es dir gut?"

Ich spürte, wie ich errötete. Die Leute fragten mich das andauernd, als ob ich eine Art Nahtod-Erfahrung oder so etwas gehabt hätte.

Okay, es hätte sehr wohl so sein können. Aber trotzdem. Es wäre mir lieber gewesen, wenn die Leute aufgehört hätten, mich danach zu fragen. „Mir geht es gut, danke. Es tut mir leid, was mit eurem Vater passiert ist."

Hannah hatte den Mund aufgemacht, um etwas zu sagen, von dem ich sicher war, dass es von Bedeutung wäre, aber Sam unterbrach sie. „Ich bin sicher, Hannah wird über den Schock hinwegkommen. Worüber ging es bei dem Treffen mit dem Senator?"

Wir drehten uns überrascht zu ihm um. Hannah kniff die Augen zusammen, aber als sie zwischen uns beiden hin und her sah, machte sie eine Kehrtwendung und packte Oliver bei der Hand. „Ich glaube, ich würde gerne deine … ähm … Garage sehen", sagte sie Oliver fröhlich. „Willst du sie mir zeigen?"

„Jetzt? Es ist ziemlich kalt da draußen", wandte er ein. „Und ich will wissen, was bei dem Treffen passiert ist."

„Die Garage, Oliver. Jetzt."

Bei ihrem Tonfall sprang Oliver auf und folgte ihr zahm durch die Hintertür. Sie hatte nur eine Woche dafür gebraucht, Oliver dazu zu bringen zu gehorchen. Es hatte meine Mutter Jahre gekostet – und mein Vater hatte immer noch nicht ausgelernt.

Als sich die Tür leise hinter ihnen schloss, legte Sam seine Hände auf meine Schultern. „Katie. Bist du in irgendwelchen Schwierigkeiten?"

„Nein!"

Er verschränkte die Arme vor seiner Brust und wartete.

„Es ist keine große Sache", sagte ich abwehrend. „Er wollte nur plaudern. Und er … er …"

„Er was?"

Warum wollte ich ihm nicht erzählen, dass mir ein Job in Washington angeboten worden war? Es war ja nicht so, als hätte ich etwas falsch gemacht; im Gegenteil, es war eine große Ehre. Aber aus irgendeinem Grund wollte ich es ihm nicht sagen. „Er hat sich dafür entschuldigt, dass er meinen Namen geklaut und mir das Leben zur Hölle gemacht hat."

Sam stand da und wartete.

„Und es könnte sein, dass er mir einen Job angeboten hat."

Sein Kopf zuckte fast unmerklich. „Hat er oder hat er nicht?"

Ich zögerte. „Er hat."

Sam starrte aus dem Fenster, bevor er etwas sagte. Fast schien es, als ob er sich an den Baum im hinteren Garten richtete statt an mich. „Was ist so schlimm daran?" fragte er leichthin. „Ich mag ihn. Er scheint ein ganz anständiger Kerl zu sein, auch wenn er eine schreckliche Tochter hat."

Ich holte erneut tief Luft. Bei diesem Tempo würde ich die ganze Luft im Raum verbraucht haben und wir würden uns welche von den Nachbarn leihen müssen. „In Washington."

Alle Farbe wich aus seinem Gesicht. „Was hast du gesagt?"

„Er hat mir einen Job in seinem Büro in Washington angeboten."

Der Ausdruck auf Sams Gesicht verwandelte sich in etwas, das ich nicht einordnen konnte. Es war fast so, als hätte er sich eine reflektierende Sonnenbrille aufgesetzt, so eine, die verbirgt, was man wirklich denkt. Seine Finger strafften sich ganz leicht um meine Schultern. „Was hast du ihm gesagt?"

„Ich habe ihm gesagt, dass ich darüber nachdenken müsse."

Unsere Blicke trafen sich und für den Bruchteil einer Sekunde konnte ich Panik in seinen Augen sehen. Dann war es verschwunden.

Unerklärlich nervös schlüpfte ich um ihn herum und ging in den Wintergarten. Es schien, als wären wir eine kleine Ewigkeit in dieser Küche gestanden, und ich hatte plötzlich das Gefühl, dass wir diese Unterhaltung im Sitzen beenden müssten, an einem Ort, wo es gemütlich und warm war.

Sam folgte mir und setzte sich neben mich auf das kleine Sofa. Er gab sehr acht, mich nicht zu berühren. „Also hast du darüber nachgedacht?" fragte er vorsichtig und richtete sein Augenmerk auf den Ausblick nach draußen.

„Ich habe noch nicht sehr viel Zeit gehabt", gab ich zu. „Mr. P und ich sind zum Trail gefahren, damit ich nachdenken konnte, aber ich wurde ein wenig abgelenkt." Ich sah ihn aus den Augenwinkeln an. Er hatte sich nicht bewegt.

„Tut mir leid."

Wirklich? „Mir tut es nicht leid." Ich zog meine Beine auf das Sofa und legte meinen Kopf auf meine Knie. „Aber ich hatte Zeit, ein wenig abzuwägen. Es wäre dumm, es nicht zu ernst zu nehmen – ich meine, ich habe gerade keinen Job und mit der Wirtschaft, wie es ausschaut …" Ich ließ meine Stimme allmählich verklingen.

„Was würdest du für ihn machen?"

Das ließ mich stutzen. Ich war von seinem Angebot so überrascht gewesen, das ich mir nicht einmal die Mühe gemacht hatte zu fragen. „Ich weiß es nicht", gab ich zu. „Ich schätze, ich hätte gründlicher sein sollen."

Sam lächelte ein wenig dazu. „Darf ich dir eine Alternative anbieten?"

Ich schaute ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Wenn er nicht jemand kannte, der jemand einstellte – unverzüglich –, dann gab es nicht besonders viel, was er tun konnte. „Tu dir keinen Zwang an!"

„Ich kenne zufällig jemanden, der nach einem Partner in seinem Büro sucht und möchte, dass diese Person gleich anfängt. Es könnte anfangs dem sehr ähnlich sein, was du bisher gemacht hast, zumindest bis du dich eingearbeitet hast. Bist du interessiert an dieser Art von Arbeit oder willst du etwas anderes versuchen?"

Hm. Das war eine gute Frage. Es machte mir nichts aus, eine persönliche Assistentin zu sein; es war irgendwie lustig gewesen, für Onkel Bob zu arbeiten, und abgesehen von den Agnes-inspirierten Unfällen hatte das Leben bei Peters Perfect Catering seine guten Seiten gehabt. „Ich könnte bereit sein, es noch einmal zu versuchen", sagte ich vorsichtig. „Nichts für ungut, aber nach deinem Vater denke ich, dass ich mir den Kerl erst mal ansehen möchte. Vorausgesetzt, ich würde angestellt, natürlich."

„Oh, ich glaube nicht, dass das ein Problem wäre. Du würdest wahrscheinlich nicht so viel Geld verdienen wie bisher; wäre das ein Problem?"

Ich hatte von Anfang an gedacht, dass Mr. Selman mir eine sündhafte Menge Geld zahlte, und das sagte ich Sam auch. „Außerdem", fügte ich hinzu, „muss ich ja keine Hypothek abzahlen. Oder Miete zahlen."

„Möglicherweise doch, eines Tages."

Er hatte irgendwie recht. Und ich würde wahrscheinlich mein armes Auto ersetzen müssen, sobald George und Bea aus Japan zurückkamen. „Ich bin sicher, ich könnte eine Lösung dafür finden, wenn dein Freund mich genug mag."

Sam lächelte in sich hinein. „Oh, er mag dich, sogar sehr."

Ich wurde plötzlich sehr argwöhnisch. „Wer ist dein Freund? Du versuchst nicht gerade, mich an David loszuwerden, oder? Denn wenn du das …"

Sam hielt die Hände hoch und lachte offen. „Du musst das begriffsstutzigste Mädchen in ganz Indiana sein", sagte er. Mein ‚Freund' bin ich. Vater hat mir die Verantwortung für das Geschäft übertragen, als wir auf der Polizeistation waren. Also brauche ich jetzt jemanden, der mir hilft, das durchzuziehen. Wärst du bereit, das in Erwägung zu ziehen? Es ist nicht so glamourös wie das Leben im Kapitol in Washington, aber wir haben tolles Essen, und ich wäre bereit, gelegentlich ein Abendessen beizusteuern, wenn dich das geneigter stimmen kann."

Meine Beine rutschten mit einem dumpfen Schlag vom Sofa. „Willst du mich veräppeln?"

Sam sah mir endlich in die Augen und schüttelte den Kopf. „Ich habe es nie ernster gemeint."

„Ich würde deine persönliche Assistentin sein." Ich fühlte mich wie ein Papagei, aber ich brauchte die Klarstellung.

„Nicht genau. Ich möchte, dass du mit mir zusammenarbeitest und dabei das Geschäft lernst. Du hast schon ein bisschen im Griff, was wir übertrieben unseren logistischen Albtraum nennen, also sollte der Rest einfach sein."

Ich hatte das nicht ganz so erwartet. „Müsste ich auf irgendwelche Golf-Ausflüge gehen?"

Seine Lippen zuckten. „Nein, es sei denn, du spielst Golf im Wandschrank."

„Macht ihr immer noch das gesamte Catering an der Rennstrecke?"

„Nie im Leben."

Ich atmete laut aus und sank in die Kissen zurück. „Ich habe noch eine Frage. Ist Agnes weiterhin bei euch angestellt?"

Sams Augen blitzten. „Nicht mehr seit heute Morgen. Ich arbeite nicht mit Saboteuren, vor allem solchen, die versuchen meine Freundin zu verletzen."

Bei diesen Worten durchfuhr mich ein aufregendes Kribbeln, und ich konnte nicht anders, als ihn anzustrahlen. Sam grinste zurück, drapierte seinen Arm über die Rückenlehne des Sofas und legte seine Beine auf den Couchtisch. Mr. P, der irgendwann während unserer Diskussion hereingekommen war, hob den Kopf und knurrte. Sam ließ sie schnell wieder nach unten fallen. „Dieser Hund ist das seltsamste Wesen, das ich je gesehen habe. Bist du sicher, dass er nicht ein Mensch unter einer Art von bösen Zauber ist?"

„Da habe ich in der Tat meine Zweifel. Er ist zu interessiert an Eichhörnchen. Wirst du den Namen der Firma ändern?"

Sam hob lachend eine Strähne von meinem Haar hoch und ließ es durch seine Finger gleiten. „Ich dachte, du hast gesagt, du hättest nur noch eine Frage. Nach meiner Zählung ist das die zweite. Ich fühle mich nicht verpflichtet zu antworten."

„Sam …"

Er lachte wieder. „Na gut. Ich habe nicht vor, den Namen zu ändern, zumindest nicht, bis sich die Dinge etwas beruhigt haben." Ich nahm an, er meinte, nicht, bis ich herausfinde, ob Vater im Gefängnis landet oder nicht. „Und dann wird es davon abhängen, was er langfristig damit macht. Wenn du lange genug wartest, könntest du mir helfen Namen auszudenken."

„Okay."

Die Finger hörten abrupt auf, in meinem Haar zu spielen. „Okay was? Okay, du wirst mir helfen Namen auszudenken, oder okay, du wirst es dir überlegen, mit mir zu arbeiten?"

Wer war jetzt begriffsstutzig? „Okay, ich werde für dich arbeiten."

Sam machte ein seltsames Geräusch in seiner Kehle und zog mich in solch eine feste Umarmung, dass ich fast auf seinem Schoß saß. „Nicht für mich, mit mir. Wann kannst du anfangen?" Ich konnte sein Herz in seiner Brust klopfen fühlen. Vielleicht sollte mein erster Auftrag im Geschäft sein, eine Kontrolluntersuchung für ihn einzuplanen, dachte ich abwesend. Das konnte nicht gut für seine Gesundheit sein.

„Passt es Ihnen jetzt gleich, Mr. Selman?"

Er verzog das Gesicht und umfasste mein Kinn mit seiner Hand. „Bitte nenne mich nicht so. Ich bin einfach Sam, egal was passiert."

„Ja, Sir", sagte ich zahm.

Er verdrehte nur die Augen und lächelte verlegen. „Ich denke, du solltest lieber gleich an die Arbeit gehen", sagte er. „Dann hast du keine Zeit, mich mit deinen schlauen Kommentaren zu nerven."

„Ich dachte, du wolltest schlaue Mitarbeiter." Ich klimperte in einer sehr dämlichen Art mit meinen Wimpern.

Stöhnend vergrub Sam sein Gesicht in meiner Schulter. „Genug, genug."

Ich lachte laut auf. „Wie wäre es mit Sams Super Catering? Dein Werbespruch könnte sein, Wir werden alles tun, um mit Ihnen ins Geschäft zu kommen. Es wäre sehr passend."

„Sehr witzig."

Ich dachte eine Minute lang nach. „Du könntest es immer allemal einfach Sam's nennen. Das gefällt mir irgendwie."

Sam dachte eine Minute darüber nach. „Wie wäre es mit S & K Catering? Das ist noch besser."

Ich starrte ihn verständnislos an. „Wofür ist das 'K'?"

Mit einem nachdenklichen Blick auf mich zuckte Sam einfach mit den Schultern und beugte sich näher. „Darf ich meine inoffizielle Geschäftspartnerin küssen, oder ist das gegen die Regeln?"

Ich legte meine Hand auf seine Brust, um seine Vorwärtsbewegung aufzuhalten. „Sind Büro Romanzen okay? Ich möchte nicht in irgendwelche Schwierigkeiten geraten."

Er drückte meine Hand weg und verschränkte die Finger mit meinen. „Sie sind völlig in Ordnung. Außerdem, nach diesem Kuss in der Zeitung ist es eine allgemein bekannte Tatsache, dass ich verrückt nach dir bin."

Ich lächelte. „In diesem Fall kannst du mich küssen, wann immer du willst", hauchte ich und schloss die Lücke zwischen uns, um ihm zu zeigen, dass ich genau das meinte, was ich sagte.


Hannah und Oliver tauchten einige Zeit später wieder aus der Garage auf, und wenn ihre Wangen ein wenig rosiger waren als normal, selbst in Anbetracht der kalten Temperaturen, war mit nicht danach, sie zu nerven. Ich bemerkte jedoch, dass sie in den Monaten danach viel dicker befreundet zu sein schienen.

Sam und ich begannen offiziell eine Woche später zusammenzuarbeiten, und ohne Mr. Selman und Agnes änderte sich die Atmosphäre ziemlich drastisch. Ich könnte sogar sagen, dass es ein großartiger Platz zum Arbeiten war. (Die Tatsache, dass ich in den – so zu sagen – designierten Präsidenten verliebt war und er in mich, hat zu diesem Gefühl überhaupt nichts beigetragen, da bin ich mir sicher.) Ich versuchte, nicht darauf zu achten, was bei der Untersuchung der Bestechungsaffäre passierte, aber es schien kaum Zeit vergangen zu sein, bevor sowohl Mr. Selman als auch Josh formell vor Gericht gestellt wurden.

Meine Mutter lud Sam und Hannah zum Thanksgiving-Dinner mit der Familie ein, und Sam und mein Vater wurden schnell treue Freunde. (Das machte mir Angst, muss ich zugeben. Warum konnte ich mich nicht in einen Mechaniker verknallen?) Es ging so gut, dass wir die Erfahrung an Weihnachten wiederholten, und nochmals im nächsten Frühjahr über Ostern, und so war ich wieder einmal dabei zu beobachten, wie mein Auto reparierender Vater und mein Auto reparierender Freund sich in der Garage verkrochen und fachsimpelten, als ob sie wüssten, was sie taten. Ich war mir nicht so sicher, ob dies eine gute Idee war; mein armes Auto war immer noch in einer Million Teilen über den ganzen Boden verstreut. Ich würde demnächst anfangen müssen, nach einem Ersatz zu suchen.

Meine Mutter liebte Sam besonders. „Das ist großartig, Mrs. Embury", erzählte ihr Sam begeistert beim Essen. „Ich hatte seit Jahren kein richtiges Ostern-Essen." Er beäugte den Abstand zwischen sich und dem Schinken. Ich prustete unterdrückt und reichte ihn ihm – erneut.

„Hat deine Mutter nicht für die Familie gekocht?" Meine Mutter schien ernsthaft irritiert zu sein.

Sam schüttelte den Kopf. „Nein, Ma'am. Nach der Scheidung gingen wir an Ostern aus. Und an Weihnachten. Und an Thanksgiving." Seine Stimme erstarb, als hätte er gerade erst gemerkt, was er gesagt hatte.

Sie reichte ihm die restlichen Gerichte ohne ein weiteres Wort.

Nach dem Abendessen strömten eine schlecht gelaunte Josie und der Rest von uns in die Küche, um aufzuräumen. Sam hatte angeboten zu helfen, aber meine Mutter hatte die spekulativen Blicke gesehen, die er meinem Vater während des ganzen Essen zugeworfen hatte, und scheuchte die beiden aus dem Zimmer.

Josie und ich hatten uns freundlich gezankt, wer abspülen musste, als Mama, ihren Kopf bedeutungsvoll in Hannahs Richtung neigend, vorschlug, es wäre eine gute Idee, wenn ich mich vergewisserte, dass alle meine Sachen aus meinem alten Zimmer ausgeräumt waren. „Nimm Josie mit", befahl sie. „Sie könnte dir helfen, Sachen einzupacken. Und Oliver – geh und schau ein Baseball-Spiel an oder so etwas. Es sind zu viele Leute in dieser Küche."

Das war der fadenscheinigste Vorwand, ihre Kinder loszuwerden, den ich je gehört hatte, vor allem, da ich das besagte Zimmer an Thanksgiving leer geräumt hatte. Oliver schenkte Hannah ein entschuldigendes Lächeln, bevor er durch die Tür schlüpfte. Ich schaute sie an, rollte die Augen und war erleichtert, als sie mir zuzwinkerte und weiter abtrocknete. „Ich komm schon klar", formte sie lautlos mit den Lippen, und wir überließen sie dem Verhör meiner Mutter.

„Es ist dir schon klar, dass Hannah vielleicht nie wieder einen Fuß in dieses Haus setzt?" Josie schien zu glauben, dass das sehr lustig sei. „Papa ist in der Garage und spricht mit Sam über die Ehrenhaftigkeit seiner Absichten, und Mama ist in der Küche und vergewissert sich, dass Hannah nicht ewig warten will, um eine Familie zu gründen. Ich bin so froh, dass ich erst vierzehn bin."

„Kann ich dich damit zitieren?" entgegnete ich. Josie streckte mir die Zunge heraus.

„Sehr reife Geste, Josie." Ein seltsames Gefühl von Déjà-vu nagte an mir. Hatten wir diese Diskussion nicht schon mal gehabt?

„Mama hat gewissermaßen dein Zimmer übernommen", informierte mich Josie. Sie schien sehr zufrieden bei dem Gedanken zu sein. „Ich hoffe, du hast nicht geplant zurückzukommen, um hier zu wohnen, wenn die Butterblums zurückkommen." Sie stieß die Tür auf mit einem erwartungsvollen Gesichtsausdruck. „Bitte sehr", sagte sie aufgekratzt. „Trautes Heim, Glück allein."

„Ich weiß nicht, warum du deswegen so aufgeregt bist", sagte ich sanft. „Mama hat mich ein paar Wochen nach Weihnachten angerufen, um mich zu fragen, ob es mir was ausmacht, wenn sie mein Zimmer in ihren ‚Projektraum' verwandelt."

Josie quetschte ein Stirnrunzeln in ihr Gesicht und schmollte. „Mit dir macht es gar keinen Spaß. Soviel ich weiß, hat sie alle deine kostbaren Bücher weggegeben."

Ich geriet einen Moment lang in Panik, bevor ich mich daran erinnerte, dass ich Stolz und Vorurteil endgültig aufgegeben hatte. Eigentlich spielte es keine Rolle, ob sie mein Buch auf die Mülldeponie geschickt hatte.

Josie bemerkte meinen besorgten Blick, bevor ich ihn verbergen konnte, und lachte. „Komm schon, Katie. Niemand würde es auch nur im Traum einfallen, deinem Buch etwas anzutun. Tatsächlich habe ich es für dich sicher aufbewahrt." Sie lief den Flur entlang, und als sie aus ihrem Zimmer herauskam, hatte sie eine geöffnete Schachtel unter dem Arm. „Ist letzten Herbst etwas passiert? Hast du endlich beschlossen, dass Mr. Darcy nicht wirklich existiert?"

Als ich nichts sagte, setzte sie eine mitfühlende Miene auf, die so künstlich war wie Jessicas Brustumfang. „Du hat es gemacht!" rief sie. „Du hast es endlich überwunden! Weiß Oliver es schon? Ich muss eine Anzeige in die Zeitung setzen, damit alle deine Highschool-Freunde wissen, dass du endlich Vernunft angenommen hast!"

Moment mal. „Woher weißt du eigentlich, dass ich mein Buch zurückgeschickt habe?" fragte ich misstrauisch. „Diese Schachtel ist sicher nicht offen mit der Post gekommen. Hast du sie geöffnet? Das ist ein kriminelles Vergehen, weißt du."

„Als ob du dich trautest, mich hinzuhängen –" Sie hörte abrupt auf zu sprechen und ihre Augen bewegten sich hin und her, als würde sie nach einem Fluchtweg suchen. „Mir ist gerade eingefallen", plapperte sie und zog sich auf den Flur zurück, „dass ich noch meine Chemie Hausaufgaben machen muss."

„Am Ostersonntag?" rief ich ihr nach. Es kam keine Antwort.

Ich gab mir einen mentalen Klaps auf den Rücken. Mr. Selman anzuzeigen hatte mehr Vorteile, als ich erwartet hatte.

Ich nahm mein altes Exemplar von Stolz und Vorurteil aus der Schachtel und berührte die Seiten. Ich hatte so viel Zeit damit verbracht, dieses eine Buch zu lesen, dass ich es von meinem Leben Besitz ergreifen hatte lassen. Kein Wunder, Jane Austen war einfach eine so gute Schriftstellerin. Das war mir mit keinem anderen Buch passiert. Natürlich hatte ich kein anderes Buch so oft gelesen wie dieses, aber dennoch. Das musste etwas bedeuten.

Die meisten der Schlafzimmermöbel waren heraus geräumt worden, um Platz für den Arbeitstisch meiner Mutter zu schaffen (ich konnte nicht herausfinden, an welcher Art von Projekt sie gerade arbeitete; für mich sah es aus wie ein Haufen von handgefertigten Weihnachtskarten, die misslungen waren), mein altes, ramponiertes Bücherregal und eine Couch. Ich stellte das Buch ins Regal neben Austens andere Romane und trat einen Schritt zurück, um die Sammlung schweigend zu betrachten. Ich konnte immer noch nicht verstehen, was ich mir dabei gedacht hatte, Sam für einen modernen Mr. Darcy zu halten. Sicher, er war groß und gut aussehend und war in gewisser Weise eine … Darcy-hafte Erscheinung, aber das war es dann auch schon mit den Ähnlichkeiten. Sam war zu … freundlich. Und unvoreingenommen. Und süß. Und verständnisvoll. Und er verabredete sich mit Mädchen für richtige Rendezvous. Und –

Jemand klopfte an die offene Tür und schreckte mich aus meinen Gedanken. „Hallo Sam", sagte ich abwesend. „Bist du fertig mit dem Fachsimpeln mit meinem Vater? Ich bin überrascht, dass er dich so bald hat gehen lassen."

Er schenkte mir ein kleines Lächeln, ließ sich auf die Couch nieder und klopfte auf den Platz neben sich. „Er ist auf jeden Fall sehr begeistert davon, dein altes Auto zu richten", sagte er. „Ich denke, du solltest es mir überlassen, wenn es das nächste Mal zusammenbricht. Ich bin mir sicher, ich könnte es dir viel schneller zurückgeben."

Ich hatte von vornherein nicht ernsthaft erwartet, es zurückzubekommen, aber das war kaum der richtige Moment dafür, die Anstrengungen meines Vaters zu kritisieren. „Das mache ich", sagte ich und lehnte mich an ihn. Notiz an mich, dachte ich, als Sams Arm um mich herum glitt: Finde einen zuverlässigen Mechaniker, sobald du nach Hause kommst.

„Ich mag deine Eltern", sagte Sam plötzlich. „Sie sind sehr freundlich. Ich kann sehen, wo du deine Persönlichkeit her hast."

Nicht viele Mädchen mögen es, gesagt zu bekommen, dass sie genau wie ihre Mütter sind, aber ich fühlte mich zu wohl, um darüber zu streiten. „Ich bin froh, dass du nicht genau wie dein Vater bist", sagte ich. „Ich bin nicht sicher, ob ich eine Beziehung mit dir haben könnte, wenn du es wärst."

Sein Kichern ließ seinen Brustkorb vibrieren. „Er hat auch seine guten Seiten", sagte er leichthin. „Mir fällt nur im Augenblick keine ein, da er in den nächsten paar Wochen höchstwahrscheinlich aufs Gefängnis zusteuert. Aber er hat eine Sache gut gemacht." Er rutschte auf seinem Sitz und zog mich näher an seine Seite. „Er hat mir die Firma übergeben, um damit zu machen, was ich will. Er hatte vor, sie David zu geben" – ich konnte die Abneigung in seiner Stimme hören – „aber Davids Arbeitsmoral ist etwas weniger als erstrebenswert. Und was immer er getan hat, Vater hat für das Catering-Geschäft alles gegeben. Er konnte es nicht ertragen zu sehen, dass es verloren gehen würde, weil sein Sohn nicht jeden Tag zur Arbeit gehen wollte."

„Das sind fantastische Nachrichten!" rief ich und setzte mich auf, so dass ich ihm die Arme um den Hals werfen konnte. „Gratuliere! Warum hast du mir das nicht früher gesagt? Wir hätten anständig feiern können."

„Ich bin genau da, wo ich sein will." Er drehte sich zu mir und sah mich unverwandt an.

Ich konnte spüren, wie diese vertrauten Schmetterlinge in meinem Bauch herumflatterten. Mittlerweile sollte ich daran gewöhnt sein, schalt ich mich. Aber jedes Mal, wenn er mich so ansah, wurde ich ganz kribbelig.

„Nun, jetzt kannst du es kaum mehr Peters Perfect Catering nennen." Ich versuchte, meine Stimme forsch klingen zu lassen. „Ich meine, Peter ist kaum perfekt."

Ein langsames Lächeln breitete sich über sein Gesicht aus. „Und Peter arbeitet nicht mehr dort."

„Ganz meine Meinung." Ich verschränkte die Beine auf der Couch und versuchte nachzudenken. Das war schwer, wenn Sam mich so anstarrte.

„Irgendwelche Ideen?"

Stirnrunzelnd schüttelte ich den Kopf. „Nur dumme. Was siehts bei dir aus?"

Sam holte tief Luft, als würde er versuchen zu entscheiden, was er sagen sollte. Als er wieder ausatmete, waren seine Augen so ernst, wie ich sie fast noch nie gesehen hatte – und das schloss die Zeit ein, als er mir erstmals gesagt hatte, dass er mich liebte. „Mir gefällt S & K Catering immer noch. Was denkst du?"

Ich neigte meinen Kopf zur Seite und sah ihn verwirrt an. „Wie in Scrumptious and Killer Catering (*1)? Oder vielleicht ist es Super and Krazy Catering (*2), nur mit der affektierten Rechtschreibung. Ich weiß nicht so recht, Sam", sagte ich zweifelnd. „Ich stelle mir nicht vor, dass du eine affektierte Firma besitzt."

Er lachte ein wenig und räusperte sich dann. „Das ist nicht wirklich das, was ich im Sinn hatte. Ich dachte mehr im Sinne von Sams und Katies Catering."

Ich saß da und starrte ihn an. Ich war sicher, dass ich einem gähnenden Nilpferd glich. „Das ist sehr süß von dir, Sam", sagte ich zu ihm und fühlte mich enorm geschmeichelt – und auch ein wenig baff, „aber solltest du es nicht nach dir und Hannah benennen? Ich bin ja wohl kaum ein Mitglied deiner Familie."

Sam beugte sich vor und nahm meine Hände in seine. „Das könnte sich ändern."

Die Schmetterlinge explodierten prompt und hinterließen mir ein Gefühl entschiedener – Unsicherheit. „Was?"

„Ich bitte dich, dich meiner Familie anzuschließen."

Ich verdrehte die Augen. „Sam, man schließt sich kaum einer Familie an, wie man es bei einem Zirkus macht."

Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und murmelte etwas vor sich hin. Es hörte sich an, als sagte er etwas über begriffsstutzige Frauen. „Katie, konzentriere dich. Ich versuche, dich hier etwas sehr wichtiges zu fragen. Ich liebe dich jetzt schon so lange, dass ich mich gar nicht mehr erinnern kann, dich nicht zu lieben. Ich kann mir nicht vorstellen, durch mein Leben zu gehen, ohne dich an meiner Seite zu haben. Ich weiß, ich habe eine verrückte Familie, aber die normalen Angehörigen lieben dich alle heiß und innig. Katie Embury, willst du mich heiraten?"

Ich saß nur da und starrte ihn dumm an. „Wir kennen uns doch erst seit ein paar Monaten", erinnerte ich ihn schwach.

„Sieben, um genau zu sein. Aber ich bin mir in meinem ganzen Leben noch nie über etwas so sicher gewesen. Wir können eine lange Verlobungszeit haben, wenn du willst."

Ich war nie ein Anhänger von langen Verlobungszeiten gewesen. Die Versuchung, etwas zu tun, was man nicht sollte, schien immer stärker zu werden, je länger man wartete. „Das will ich nicht", sagte ich entschieden zu ihm.

Sams Gesicht war plötzlich voller Hoffnung. „Heißt das, du wirst mich heiraten? Solange ich nicht auf einer langen Verlobungszeit bestehe?"

Ich grinste ihn an, plötzlich glücklicher, als ich mir jemals hätte vorstellen können. „Ich glaube ja."

Er beugte sich so nahe zu mir, dass ich seinen Atem auf meiner Wange spüren konnte. „Sagst du es für mich?" hauchte er. „Ich würde dich gern die Worte sagen hören."

Ich schwenkte meinen Kopf, so dass er sich leichter meinen Lippen nähern konnte. „Ja, Samson Selman. Ich werde dich heiraten."

Danach wurde kaum noch gesprochen.

Später, als wir aus meinem alten Fenster schauten, erspähte ich, wie Hannah und Oliver sich im Garten küssten. Ich lächelte in mich hinein. Ich hatte nicht direkt geplant, sie zu verkuppeln – na gut, okay, ich hatte es. Wie dem auch sei, offensichtlich waren alle Beteiligten mit der Entwicklung sehr glücklich.

Sams Arme schlossen sich enger um meine Taille und er lehnte sich dicht an mein Ohr. „Ich liebe dich", flüsterte er.

Ich lächelte sanft. „Ich liebe dich auch", antwortete ich und hob mein Gesicht hoch für eine weitere Folge seiner allzu süchtig machenden Küsse. Als ich zufrieden seufzend meinen Platz vor dem Fenster wieder einnahm, fiel mein Blick auf die Reihe Bücher, die ordentlich in der Ecke aufgestellt waren.

Nein, sagte ich zu mir, innerlich grinsend. Sam war nicht Mr. Darcy, und ich war nicht wirklich eine Elizabeth Bennet. Der Gedanke störte mich nicht einmal.

Vielleicht war ich eher – eine Emma.

Ende


(*1) Fabelhaftes und tolles Catering

(*2) Bombiges und irres Catering