Kapitel 21

Es war am Abend, irgendwann nach dem Dinner und vor dem Nachtmahl. Im Wohnzimmer von Longbourn lehnte sich Darcy gegen einen Fensterrahmen und beobachtete Elizabeth. Er hatte es immer geliebt, ihr beim Reden zuzuschauen, ihre schnell wechselnden Gesichtsausdrücke zu sehen, die Intelligenz in ihren Augen und ihr süßes Lächeln. Es war das erste, das ihn zu ihr hingezogen hatte. Seine Augen verweilten zärtlich auf ihrem Gesicht. Es kostete ihn Mühe, sich daran zu erinnern, wie er anfänglich über sie geurteilt hatte; er war jetzt viel zu sehr in sie verliebt. Es stimmte: wenn ihr Gesicht ruhig war, wenn sie mit gesenkten Augen ein Buch las, oder wenn sie gelegentlich eine nachdenkliche Stimmung überkam, dann war sie – oh, nie richtig hausbacken, aber doch fast so. Selbst dann fand er ihre Züge jedoch ungemein erfreulich, und die Linie ihrer Kinnbacke und die Kurven ihrer Lippen und Lider hatten sich für ihn als eine endlose Quelle der Faszination erwiesen. Er liebte es, sie zu studieren, und vor allem, die Veränderung zu beobachten, wenn ihre Augen sich plötzlich hoben und entflammten, ihr Mund breiter wurde und an einer Ecke Grübchen bekam, eine Augenbraue sich keck hob und ihr Gesicht sich wieder zurück in eine Schönheit verwandelte.

Darcy fühlte, dass er sich die ganze Zeit tiefer in sie verliebte. Seine Leidenschaft hatte nicht mehr den fieberhaften Charakter, den sie in Rosings gehabt hatte; sie ruhte fest und stark in ihm und nahm an Zärtlichkeit und Hingabe zu. Er dachte nicht mehr nur an seinen Wunsch, sie zu heiraten, ihr Ehemann zu sein. Vielmehr wollte er wissen, dass sie glücklich war. Er dachte, sie verdiene wahres Glück, als die vortrefflichste der Frauen, die sie war. Er bewunderte sie mehr als je zuvor, sogar mit all ihren Fehlern: ihre Freundlichkeit, ihre Intelligenz, ihre Aufrichtigkeit und ihre tapfere Seele. Sie zeigte Grazie in ihrer Haltung und Grazie in ihrem Charakter. Abrupt ging er quer durchs Zimmer auf ihre Seite. Sie sah überrascht auf, lächelnd, ihn zu sehen. „Mrs. Bennet, würden Sie mir gestatten, ein paar Minuten mit meiner Verlobten zu sprechen?" fragte er höflich.

Die ältere Dame strahlte. „Aber natürlich, Mr. Darcy! Ich werde mich sehr freuen! Lizzy wird sich auch sehr freuen!"

„Natürlich", antwortete sie sanft, nahm seine Hand und erhob sich. Er zögerte, schaute um sich. Es gab wirklich keine ungestörte Ecke im Wohnzimmer. Elizabeth übernahm das Kommando. „Wir gehen in den Korridor, Mama." Mrs. Bennet nickte wohlwollend und sie machten sich auf den Weg dorthin.

Der Korridor war still und menschenleer – nicht dermaßen sicher und ungestört, wie Darcy wirklich gewünscht hätte, aber gerade deshalb innerhalb der Grenzen des Anstands. Obwohl sie allein waren, war es noch ein öffentlicher Bereich. Elizabeth erwartete halbwegs eine Art Umarmung, aber er legte stattdessen seine Hände hinter seinen Rücken und sah sie ernst an. „Ich habe Sie gehetzt, nicht wahr?" fragte er direkt, ohne Umschweife.

Ihre Augen weiteten sich verwirrt. „Verzeihung?"

„Ich hätte nie darauf bestehen sollen, dass wir in einem Monat heiraten. Sie waren nicht bereit für eine so kurze Verlobungszeit."

„Ich ..." Sie runzelte die Stirn. „Sie haben nicht darauf bestanden, soweit ich mich erinnere, aber ich weiß nicht, worauf Sie hinaus wollen."

Er fuhr sich schnell mit einer Hand übers Haar. „Ich habe darüber nachgedacht und ich glaube, dass ich egoistisch war, nicht daran zu denken, dass Sie vielleicht mehr Zeit brauchen, um sich an den Gedanken einer Ehe zu gewöhnen. Ich hatte es monatelang im Sinn, aber für Sie kam es plötzlich. Ich bitte Sie", sagte er und blickte ihr direkt ins Auge, „sagen Sie mir jetzt die Wahrheit. Was dachten sie wirklich, als ich sagte, ich wolle Sie so schnell heiraten?"

Sie senkte ihre Augen. „Ich war – ein wenig erschrocken", gestand sie, wobei eine leite Röte ihren Hals überzog, „und vielleicht ziemlich überwältigt."

„Warum haben Sie das nicht gesagt, Elizabeth?" Seine Stimme war sanft. „Ich hätte Ihnen nie eine Vereinbarung aufgedrängt, die beunruhigend für Sie wäre."

Sie war nicht sicher, wie sie ihm antworten wollte. „Ich hatte keinen Grund, es Ihnen zu verweigern", sagte sie nach einem Moment. „Ihre Meinung fiel ins Gewicht, da sie überzeugt waren, meine dagegen schwankte kleinlaut. Unsicherheit ist eine schlechte Grundlage, um Meinungen darauf zu bauen", fügte sie mit einem erzwungenen Lächeln hinzu.

„Aber ein starkes Argument zugunsten der Vorsicht."

Sie zog die Augenbrauen zusammen und sah auf ihre Hände hinunter. „Ich denke, dass es aus meiner Sicht eine vorsichtige Antwort war."

Wieder diese angestrengten, feinen Linien auf seinem Gesicht, als sie aufsah – eine Falte zwischen den Brauen und dieser direkte, aber undefinierbare Blick. Er suchte einige Augenblicke lang ihre Augen. „Sagen Sie ein Wort und wir werden es verschieben. Ich werde mir einen Vorwand ausdenken. Ich werde die Verantwortung tragen, Sie brauchen sich nicht vor Kritik zu fürchten."

Elizabeth biss sich auf die Lippe, erstaunt und bewegt von der Geste. Aber sie erkannte zu ihrer eigenen Überraschung, dass sie keine Lust auf eine Verzögerung hatte. Es wäre – feige und sinnlos. „Sie sind sehr freundlich", antwortete sie mit leiser Stimme. „Aber ich bin absolut bereit, Sie an dem festgelegten Tag zu heiraten, Fitzwilliam. Ich möchte es nicht verschieben."

Darcy, der verzweifelt versuchte, ihre Beweggründe zu erahnen, las Entschlossenheit und Zustimmung auf ihrem Gesicht, sogar innere Ruhe, aber keine Begierde. Sie war schön, noch schöner, als er sie jemals gesehen hatte, aber er konnte nicht darauf vertrauen, dass es seinetwegen war.

Er streckte die Hand aus, um ihre Wange zu berühren. „Sagen Sie mir, dass Sie es nicht bereuen werden."

Die Nachfrage traf sie unvorbereitet. „Ich hatte nicht vor, es zu bereuen."

„Das meine ich nicht und Sie wissen es."

„Ich ..." Sie war nicht sicher, was sie sagen sollte. Wie konnte sie wissen, was sie bereuen würde? Und sprach er von der frühzeitigen Hochzeit oder der Hochzeit selbst? Dann sah sie das leise Flehen in seinen Augen und fasste seine Hand mit beiden Händen. „Ich werde es nicht bereuen", sagte sie fest.

Ich wünschte, ich könnte das glauben, mein Liebling. Nachdem er einmal seine Fähigkeit, Elizabeth zu verstehen, überschätzt hatte, bezweifelte Darcy sie jetzt völlig. Er wollte glauben, dass sie über ihre Verlobung wirklich glücklich war, aber auf Schritt und Tritt überfielen ihn Zweifel. Er hatte sie in den letzten ein oder zwei Tagen oft lachen gehört, ein helles, entzückendes, Gänsehaut verursachendes Lachen – aber was hatte es zu bedeuten? Sie war von Natur aus heiter; ihre Fröhlichkeit konnte in allem möglichen wurzeln – dem schönen Wetter, Erleichterung über Lydias Entkommen, Freude an Janes Glück. Ja, dachte er, das letztere am ehesten. Sie glühte geradezu vor Genugtuung, wann immer sie Bingley und seine Miss Bennet zusammen betrachtete, während er das Hindernis für ihr Glück gewesen war.

„Elizabeth." Er hob seine andere Hand und bedeckte eine von ihren, so dass sie mit vier Händen umklammert dastanden. „Sie würden es mir sagen, wenn – wenn Sie unglücklich wären?"

„Unglücklich?" wiederholte sie.

„Ja, wenn Sie –" er schluckte, „plötzlich absagen wollten."

Ihre Augen wurden in der Tat sehr groß. „Das würde ich nie tun."

„Ich weiß, aber ..."

„Nein", beharrte sie. „Niemals." Dann, als er damit zu kämpfen schien, was er sagen sollte, tat sie etwas völlig Unerwartetes – schnell, fast verstohlen, stellte sie sich auf die Zehen und küsste ihn. Als seine Hände vor Schreck losließen, schlüpfte sie davon und ging mit einem letzten schüchternen und errötenden Blick über die Schulter zurück ins Wohnzimmer.

Darcy starrte ihr mit klopfendem Herzen nach und fragte sich, wie er es immer tat, was es bedeutete. Das gab doch einigen Anlass zur Hoffnung, oder? Das zeigte doch, dass sie sich für ihn erwärmte, dass ihr Herz ihm zugeneigter wurde, dass sie vielleicht ein gewisses Maß an echter Zärtlichkeit empfand, nicht wahr? Plötzlich fühlte er sich leichter als seit Tagen – vielleicht seit Wochen, und er beschloss, alle seine Zweifel beiseite zu legen, den dunklen Gedanken aus dem Weg zu gehen, die ihn in letzter Zeit heimgesucht hatten. Er hatte die würdigste und betörendste Frau in ganz England als seine Braut und in weniger als zwei Wochen würde sie seine Frau sein. Das war etwas, worüber man sich freuen konnte, und er würde sich darüber freuen! Vor sich hin lächelnd schloss er sich wieder den anderen im Wohnzimmer an.

~%~

Damit beschäftigt, Kitty zu helfen, einen Hut zu garnieren, blickte Lizzy am nächsten Tag quer durchs Zimmer zu der Ecke, wo Mr. Darcy saß. Er hatte es sich angewöhnt, ein Buch mit sich nach Longbourn zu bringen, und wann immer Elizabeth woanders beschäftigt war, pflegte er sich auf einen Stuhl zurückzuziehen, um zu lesen. Drei Wochen nahezu täglicher Besuche hatten ihn in Longbourn fast zu einem Teil des Hintergrunds gemacht, von den jüngeren Mädchen zumindest gerade so wie ein Möbelstück behandelt. Er und die Bennets hatten ein komfortables Mittelmaß zwischen betretenem Schweigen und gezwungener Konversation erreicht – es fand ausreichend Unterhaltung statt, um jedermanns Vorstellung von Höflichkeit zu befriedigen, aber nicht genug, um irgendjemandes guten Willen zu strapazieren.

Während sie ihn beobachtete, ließ Elizabeth ihre Augen auf seiner Gestalt verweilen – die Beine, die fast zu lang für die kleine Stube schienen, die breiten, geraden Schultern unter seinem fein geschnittenen Frack. Sein hübsches Gesicht war jetzt in nachdenklicher Stille, dunkle Augen konzentrierten sich auf die Seite, dunkle Haare fielen über die Stirn. Ihre Augen ruhten einen Moment auf dem festen Mund, mit einem Anflug von Röte auf ihren Wangen, als sie daran dachte, wie er sie geküsst hatte. Das ist mein Mann, dachte sie. Das war der Mann, dessen Leben, Haus und Bett sie teilen, dessen Kinder sie gebären würde.

Auf einmal hob er seinen Blick, um ihren zu treffen, und zu ihrer Überraschung errötete er schwach, als er merkte, dass er selbst beobachtet wurde. Durch sein Unbehagen unwiderstehlich amüsiert hob Elizabeth fragend eine Augenbraue – schaute er nicht ständig sie an? Er schürzte leicht die Lippen, weigerte sich, ihren Köder anzunehmen und richtete seinen Blick entschlossen zurück auf sein Buch, aber Elizabeth bemerkte, dass seine Röte eine Zeit lang nicht nachließ.

Als Kittys Hut endlich zu ihrer Zufriedenheit garniert war, stand Elizabeth auf, verkündete, dass sie nach so langem Sitzen ihre Beine gerne im Garten bewegen würde und fragte Mr. Darcy sehr reizend, ob er Lust hätte, sie zu begleiten. Er stimmte bereitwillig zu und steckte sein Buch in die Tasche. Der Tag war sehr warm und hell, der vertraute Weg trocken. „Vielleicht sollten Sie Ihren Sonnenschirm holen", bemerkte Darcy mild.

„Nein, wie unzeitgemäß es auch immer ist, ich mag die Sonne." Sie hob ihr Gesicht. „Ich hoffe, es macht Ihnen nichts zu viel aus, wenn ich letztendlich etwas braun werde. Es passiert fast jeden Sommer."

„Ich denke nicht, dass es Ihren Charme in meinen Augen erheblich verringern würde."

„In diesem Fall werde ich mich mutig genug fühlen, darauf hinzuweisen, dass auch Sie keinen Hut tragen."

„Ja. Ich mag Hüte nicht wirklich."

Sie zwinkerte und lächelte bei diesem entwaffnenden Geständnis. „Warum denn nicht?"

Er zuckte die Achseln. „Ich finde keinen besonderen Gefallen daran, wie sie sich anfühlen."

„Sie mit Ihren Hüten und ich mit meinen Hauben. Wir werden dann gemeinsam sehr braun werden."

„Gemeinsam", wiederholte er leise und steckte seine Hand nach ihr aus. Elizabeth berührte sie auf halbem Weg mit ihrer eigenen, da sie die vertraute Geste ohne nachzudenken erwiderte. Seine Augen leuchteten auf und er zog sie näher, als ob er sie in seine Arme nehmen wollte, aber sie hielt sich zurück und warf demonstrativ einen Blick auf die Fenster.

Fast ungeduldig drängte er sie er vom Weg ab. Die nächste diskrete Stelle war an der Hauswand, unter den tief hängenden Ästen eines kleinen Baums. Er nahm sie dann tatsächlich in seine Arme, hielt sie fest und sah in ihr nach oben gerichtetes Gesicht, mit der sonnenerwärmten Haut und den hellen Augen, die friedlich zu ihm hoch schauten. Er beugte seinen Kopf, berührte ihre Nase leicht mit seiner, ihr Atem vermischte sich und er genoss die Intimität, ihre Geschmeidigkeit, ihre Süße und ihren sauberen Duft. Sie schien in seinen Armen so nachgiebig zu sein. Sie wird glücklich sein, dachte er. Wir werden beide glücklich sein.

„Es war nicht dumm!" Lydias schrille Stimme riss sie aus ihrer heiteren Gemütsruhe. Sie hatten beide vergessen, dass das Fenster, das nicht weit entfernt offen stand, zu einer der Wohnstuben der Mädchen gehörte; Lydia musste plötzlich in die Nähe des Fensters gegangen sein. „Und ich weiß nicht, warum ihr euch alle plötzlich so missbilligend aufführt, als ob er nicht schon monatelang unser aller Freund gewesen wäre! Lizzy hat ihn lieber als jede von uns gehabt und wenn der reiche, öde Mr. Darcy nicht wäre –"

Dann erklang Marys Stimme, leiser, aber immer noch hörbar. Sie saß oft am Fenster, wo das Licht am besten war. „Mr. Darcy hat unserer Familie einen unschätzbaren Dienst erwiesen, als er dich gezwungen hat, umzukehren –"

„Mary, wenn du mir nochmals eine Strafpredigt hältst, schreie ich! Und wenn du mir nochmals mit dem Dienst kommst, den uns Lizzy erwiesen hat, indem sie einwilligte, ihn zu heiraten, schreie ich erst recht. Ich kann nicht einsehen, dass sie uns überhaupt einen Gefallen getan hat mit ihrer Entscheidung, einen Mann zu heiraten, den wir alle hassen."

Elizabeth errötete gedemütigt, löste sich etwas aus Darcys Armen und murmelte etwas darüber, dass die Diener zuhörten.

„Na und? Nur weil du ihn nie gehasst hast, Jane, ändert das nichts an der Tatsache, dass es der Rest von uns getan hat, Lizzy am allermeisten. Sogar du kannst nicht leugnen, dass sie ihn absolut verabscheut hat, was auch immer sie jetzt sagt. Erinnerst du dich nicht, wie sie sich gewöhnlich über ihn lustig gemacht hat, wie pompös und übelgelaunt er ist? Wenn er nicht so viel Geld hätte und wenn wir nicht alle so dringend Geld bräuchten, hätte sie nie daran gedacht, ihn zu heiraten!" Elizabeth setzte sich in Bewegung und eilte verzweifelt zum Fenster, war aber dennoch nicht schnell genug. Lydia, mit ihrer so katastrophal deutlich tragenden Stimme, plapperte weiter. „Pah, könnt ihr euch Lizzy vorstellen, die so gern tanzt, gesellig ist und lacht, wie sie tatsächlich glücklich sein sollte mit einem Mann wie Mr. Darcy? – der überhaupt nie tanzt oder gesellig ist oder lacht? Sie wird in weniger als einem Monat zu Tränen gelangweilt sein."

„Wir sollten unserer Schwester für ihr Opfer dankbar sein", warf Mary wieder ein, die es offenbar nicht lassen konnte. „Ein Opfer, im Namen derer erbracht, die man liebt, ist eine edle und schöne Sache."

„Na ja, meinetwegen hätte sie es nicht machen müssen, weil ich mir vorgenommen habe, schon lange verheiratet zu sein, bevor Papa ..." sie hörte plötzlich auf, als Elizabeth, rotgesichtig und mit wütendem Blick die Fensterläden umrundete und Angesicht zu Angesicht vor ihr ankam. Lydia schnappte nach Luft, bekam große Augen, hielt sich die Hand vor den Mund und begann hilflos zu lachen. Elizabeth, unvorstellbar beschämt, mehr als sie es jemals für möglich gehalten hätte, schloss die Augen. Aber was konnte sie tun? Jane war bereits mit alarmierter Miene gekommen, um Lydia wegzuziehen, und schloss das Fenster; der Schaden war bereits angerichtet. Als sie sich ängstlich wieder Darcy zuwandte, der noch immer dort stand, wo sie ihn verlassen hatte, sah sie ihn im Profil, mit gesenktem Kopf und sehr still. Sie ging zögernd auf ihn zu.

Es war endlich passiert. Am Anfang, als sie nach Hertfordshire zurückkamen, hatte sie sich unmäßig Sorgen gemacht, dass ihm jemand bewusst oder unbewusst erzählen würde, wie groß ihre Abneigung gegen ihn wirklich gewesen war. Als die Wochen vergingen, schwand ihre Angst, aber sie hatte nicht mit Lydia gerechnet. Nun war alles heraus und sie konnte nur hoffen, dass er es angesichts der Quelle nicht allzu ernst nehmen würde. Als ob sie sich unwürdig fühlte, sich ihm zu sehr zu nähern, blieb sie ein paar Meter entfernt stehen. „Es war nur Lydia", versuchte sie es. „Sie dürfen gar nicht beachten, was sie sagt. Sie ist noch immer wütend."

„Ich weiß", antwortete er nach einem Moment mit leiser Stimme, „und vielleicht würde ich es nicht tun, aber es stimmt, nicht wahr?" Er hob den Kopf und sah ihr in die Augen. „Mein Cousin hat mir schon in London als erster etwas in der Art gesagt, aber ich habe ihn ignoriert. Ich habe sie alle ignoriert, weil ich nicht glauben konnte, nicht glauben wollte, dass Sie einen Heiratsantrag von einem Mann annehmen würden, der ihnen ausgesprochen unsympathisch war – einem Mann, den Sie", er verzog den Mund, als ob er einen schlechten Geschmack darin hätte, „verabscheuten." Elizabeths Augen füllten sich mit Tränen. „Sie können es nicht leugnen, wie ich sehe." Er wandte sich ab und schlug mit der Hand gegen die Mauer. „Sie haben es alle gewusst, nicht wahr? Absolut jeder hat gewusst, dass ich der letzte Mann auf Erden bin, den Sie jemals hätten heiraten wollen – jeder außer mir!" Er zog seine Hand langsam zurück und starrte auf den Boden. „Was für ein Narr ich war", flüsterte er.

„Bitte sagen Sie das nicht", bat Elizabeth.

„Warum nicht, wenn es so offensichtlich wahr ist?"

„Aber ..."

„Ich war so dumm, Elizabeth, dass ich glaubte, Sie … dass ich mir einbildete, Sie würden wünschen, Sie würden es erwarten, dass ich Ihnen den Hof machte! Wissen Sie –" sagte er und drehte den Kopf, um sie anzusehen, die Augen voller Selbstverachtung: „dass ich wirklich glaubte, Sie würden mich wollen, Sie würden sich zu mir hingezogen fühlen?"

Sie schluckte. „Mein Benehmen muss falsch gewesen sein." Er sah weg und widersprach nicht. Sie empfand es wie einen Schlag. „Ich hatte nicht vor, ihnen falsche Hoffnungen zu machen – mein Temperament führt mich oft in die Irre, aber ich würde nie absichtlich ..."

„Es ist nicht Ihre Schuld", sagte er spröde und drehte sich um.

„Meine Gefühle für Sie sind nicht mehr so. Bestimmt wissen Sie, dass meine Gefühle für Sie nicht mehr so sind. Ihre Gefühle haben sich verändert; können sich meine nicht genauso verändert haben?"

„Meine Gefühle haben sich bezüglich Ihrer Familie und Ihrer Stellung verändert, aber nicht was Sie betrifft."

„Ich habe Ihnen gesagt, dass ich Sie nicht liebte."

Nicht lieben und verabscheuen ist doch sehr weit voneinander entfernt!" Er machte eine sinnlose, frustrierte Geste, die damit endete, dass er sich mit der Hand am Hinterkopf rieb. Er kämpfte verzweifelt um Fassung. „Warum haben Sie das getan? Warum haben Sie ja gesagt?"

„Weil ich erkannte, dass ich Sie missverstanden hatte. Ich hatte immer geglaubt, dass ich Ihnen genauso unsympathisch war, wie Sie mir; als ich herausfand, dass Sie mich lieben, änderte das deshalb alles. Ich war in der Lage zu sehen, dass Sie gute Eigenschaften hatten, die ich Ihnen nicht zugetraut hatte. Ich habe Sie nicht verabscheut, als ich Sie akzeptierte. Sie waren mir damals nicht einmal mehr unsympathisch, nicht wirklich."

Ein schmerzliches Lächeln zeigte sich auf seinem Mund. „Nicht wirklich? Auf mein Wort, Elizabeth, können Sie sich selbst hören? Haben Sie eine Ahnung, wie es ist, verliebt zu sein – unsterblich, schmerzlich, heftig in jemanden verliebt zu sein, der … ach was sage ich da? Natürlich wissen Sie es nicht!" Er wandte sich wieder der leeren Wand zu und sah aus, als ob er wieder auf sie einschlagen wollte, gab sich aber damit zufrieden, seine Stirn gegen seinen Arm zu lehnen.

„Ich war dumm und blind", sagte Elizabeth, die verzweifelt zu erklären versuchte. „Sie hatten meine Eitelkeit verletzt und dann schmeichelte mir Mr. Wickham und erzählte mir schreckliche Geschichten über Sie. Es war meine Schuld, weil ich Sie einfach nicht gernhaben wollte."

„Abgesehen davon, dass es nicht nur daran lag", antwortete er bitter. „Es war mein eigenes schlechtes Benehmen und mein Stolz, welche Sie verabscheuten, noch bevor Sie herausfanden, dass ich auch das Glück Ihrer Schwester zerstört hatte."

„Aber Sie haben diese Dinge korrigiert."

„In der letzten Woche habe ich es versucht. Aber was, wenn ich es nicht getan hätte?"

„Sie wären immer noch ein guter Mensch." Sie sprach mit Überzeugung.

„Aber keiner, den Sie gernhaben könnten."

„Ich habe Sie gern gehabt", beharrte sie. „Ich habe Sie schließlich sehr gern gehabt, noch bevor ... ich habe Sie tatsächlich gern." Sie hielt inne und holte tief Atem. Tränen liefen langsam über ihre Wangen herab. „Es tut mir so leid", sagte sie und ihre Stimme brach ein. „Ich bedaure meine ungerechte, unfreundliche Meinung über Sie wirklich sehr. Ich bedaure, dass ich diese Dinge über Sie glaubte. Ich bedaure, dass ich diese Meinungen so frei äußerte, mit so wenig Rücksicht auf Klugheit und Taktgefühl. Ich habe es so viele Male bereut, seit wir wieder hierhergekommen sind! Sie haben so oft bewiesen, dass ich Unrecht hatte!" Sie ging näher an ihn heran und streckte ihre Hand aus, um seinen Arm zu berühren. „Von allen Männern waren sie am besten zu mir und meiner Familie", sagte sie ihm ernst. „Sogar Lydia wird eines Tages verstehen, wie viel sie Ihnen schuldet – wie viel wir alle Ihnen schulden ..."

Darcy, dessen Miene während ihrer Entschuldigung weicher zu werden begonnen hatte, zog sich erbittert zurück. „Sprechen Sie niemals mit mir darüber, was Sie mir schulden!"

Seine Worte hingen zwischen ihnen.

„Wäre es Ihnen lieber, wenn ich Sie nicht akzeptiert hätte?" fragte sie endlich, wobei sie sich seltsam verlassen fühlte.

Sein Gesicht wurde ein wenig weicher und er streckte die Hand nach ihr aus, nur um sie dann wieder zurückzuziehen. „Nein. Aber ich habe Ihnen einmal gesagt, dass ich Ihre Dankbarkeit nicht will, und ich sage Ihnen jetzt, dass ich Ihr Schuldgefühl nicht will oder sogar – um Himmels willen – Ihr Mitleid."

„Was wollen Sie dann?"

Er sah sie an, bis sie die Augen senkte. „Sie wissen, was ich will." Sie konnte nicht antworten und er drehte sich um, wie um aufzubrechen.

„Wo gehen Sie hin?"

„Zurück nach Netherfield."

„Wollen Sie nicht bleiben?"

Er sah sie nicht an. „Nein!"

„Dann können Sie mir nicht vergeben", flüsterte sie.

Er seufzte und seine Stimme war angestrengt. „Es ist keine Frage von Vergebung, Elizabeth. Glauben Sie, ich kenne meinen Anteil am Entstehen Ihrer Gefühle nicht? Aber Sie können nicht erwarten, dass ich mit solchen Informationen glücklich bin."

Sie ging um ihn herum und ergriff seine Hand mit beiden Händen. „Werden Sie mir glauben, wenn ich sage, dass ich beschämt auf meine früheren Meinungen über sie zurückschaue?"

Er sah sie für einige Momente an, bevor er dies antwortete: „Warum sollten Sie sich schämen? In allem, außer Mr. Wickham, hatten Sie letztlich recht."

„Nein" sagte sie mit Überzeugung. „Ich hatte nicht recht."

„Dann hatten sie eben gute Gründe."

„Das auch nicht."

Er lächelte schwach und freudlos. „Wir werden uns nicht darüber streiten. Ich bin nicht böse auf Sie, aber ich brauche ..." Er atmete unruhig. „Ich brauche Zeit. Bitte, Elizabeth, Sie müssen mir das zugestehen."

Sie zog sich unglücklich zurück. Sie machte ihm überhaupt keine Vorwürfe. Natürlich wollte er nicht in ihrer Nähe sein! Er sah sie noch einen Moment an, bevor er den Weg zurück zum Haus entlang ging. Sie sah ihm nach und fühlte sich sterbenselend.

~%~

Als Jane sie schließlich ein paar Minuten später fand, weinte sie noch immer – es war kein Schluchzen, sondern ein langsames Rinnsal, das nicht enden wollte. Jane stutzte, als sie sie sah. „Oh, Lizzy, hat er es gehört?"

„Er hat alles gehört, fürchte ich."

„Oh je!" Sie setzte sich neben sie und legte mitfühlend einen Arm um sie. „War es so schlimm?" Elizabeth nickte. „War er – war er sehr böse?"

„Am Anfang ja, aber – oh, Jane, es ist nicht seine Wut, sondern seine Traurigkeit. Er war so sehr traurig."

„Er weiß bestimmt, dass deine Gefühle nicht mehr so sind."

„Ja. Das sagte ich ihm und ich denke, er glaubt mir, aber ... aber es war, wie wenn er es nicht zu verdienen glaubte, dass ich besser von ihm dächte. So wie wenn er glaubte, er verdiene meinen Tadel." Die Idee, dass ausgerechnet Darcy sich unwürdig fühlen sollte, machte sie traurig und schuldbewusst, und seltsam besorgt.

„Ich bin sicher, dass alles bald wieder in Ordnung ist", wagte Jane zu sagen. „Er wird sehen, dass es nur ein weiteres Missverständnis war."

„Aber es ist kein Missverständnis. Siehst du das nicht? Sein Verständnis ist das Problem – ein perfektes Verständnis dessen, wie ich ihn verachtet habe, wie ich ihn verhöhnt habe, wie voreingenommen und falsch und wie schrecklich ich wirklich gewesen bin." Sie wischte vergeblich an ihren Augen. „Ich hätte es tausendmal lieber, dass er wütend wäre! Es wäre nur Wut und ich weiß, dass er mir verzeihen würde. Aber Jane, ich habe ihn unglücklich gemacht! Er sagte – er sagte ..." unsterblich, schmerzlich, heftig – das waren keine glücklichen Beschreibungen. „Er wollte mich heiraten, weil er glaubte, es würde ihn glücklich machen", flüsterte sie. „Aber so war es nicht. Es hat ihn überhaupt nicht glücklich gemacht, Jane, und es ist alles meine Schuld."

~%~

Als er langsam zurück nach Netherfield ritt, versuchte Darcy, sich an seine unbeschwerte Stimmung am Morgen zu erinnern. Er hatte beschlossen, sich nicht länger Sorgen über Elizabeths Gefühle zu machen, aber das war, bevor Lydia Bennets krasse, unvorsichtige Worte das wahre Ausmaß der Kluft enthüllten, die immer zwischen ihnen gelegen hatte. Ein Teil von ihm wollte auf sie böse sein, dachte, er solle zornig sein, dass sie ihn überhaupt akzeptiert hatte und dass sie ihm nicht die Wahrheit über ihre Gefühle gesagt hatte. Ja, sie hatte gesagt, dass sie ihn nicht liebte, aber kein einziges Mal waren negative Gefühle oder irgendeine schlechte Meinung über ihn erwähnt worden, außer denen, die sein schlecht formulierter Heiratsantrag hervorgerufen hatte. Hatte sie ihm gesagt, dass sie die Art, wie er seine Nachbarn in Hertfordshire behandelt hatte, gering schätzte? Hatte sie ihm gesagt, dass sie wütend auf ihn war, weil er Bingley von ihrer Schwester getrennt hatte? Hatte sie ihm vorgeworfen, er hätte Wickham schlecht behandelt? Nein! Sie hatte nichts davon getan. Sie hatte all das in ihrem Herzen verheimlicht und ihn angelächelt, geneckt und gebeten, ihre Verwandten zu besuchen. Er hatte keine Ahnung gehabt von den Hindernissen, die vor ihm lagen, von den sehr realen Barrieren, die zwischen ihm und ihrer Zuneigung standen. Er hatte gedacht, dass Bescheidenheit, Zurückhaltung, verletzter Stolz und allerhöchstens Gleichgültigkeit zu überwinden wären, während die ganze Zeit ihre wesentlicheren Einwände unausgesprochen geblieben waren.

Also ja, ein Teil wollte wütend sein. Es war nicht fair von ihr gewesen. Aber Darcy hatte einen weiten Weg zurückgelegt von dem Mann, der er nur Wochen zuvor gewesen war, derjenige, der so schnell an etwas Anstoß nahm. Wenn es nicht fair von ihr gewesen war, so war es sogar noch weniger fair von ihm gewesen. Er hatte ganz genau gewusst, welcher Druck durch ihre familiäre Situation auf ihr lag. Hatte er nicht darauf gezählt? Hatte er sich nicht auf die Vorteile verlassen, die er mit seinem Reichtum ihr in ihrer Armut anbieten konnte, um seinen Heiratsantrag akzeptabel zu machen? Er hatte vor seinem Antrag keinen Versuch gemacht, sich selbst für sie annehmbar erscheinen zu lassen. Er hatte nicht einmal versucht, ihre Liebe zu gewinnen. Warum? Weil er wusste, dass er sie ohnedies bekommen könnte. Es war eine hässliche Wahrheit, aber er zwang sich, sich ihr zu stellen. Er hatte seine Aufmerksamkeit für sie versteckt, geleugnet, dagegen angekämpft, sie gehasst, bevor er sich schließlich drein gefügt hatte, und als er es tat, benutzte er ihren Mangel an Vermögen, um zu bekommen, was er wollte. Er hatte die Frau, die er liebte, nicht offen umworben, ehrenhaft oder korrekt, da er genau wusste, dass sie, wenn er ihr einen Antrag machte, kaum eine andere Wahl haben würde, als ihn anzunehmen.

Es war nicht nur dies, was ihn störte. Er hätte vielleicht akzeptieren können, dass all das, sein Egoismus und ihre Abneigung, jetzt Vergangenheit waren, aber Lydias weitere Worte hatten ihn zu tief getroffen. So wenig er es mochte, irgendwelchen Reden eines törichten Kindes Bedeutung beizumessen, Tatsache war, dass er sich das gleiche gedacht hatte. Er hatte in letzter Zeit oft gedacht, wie unwahrscheinlich es erschien, dass er – der in seinen besten Zeiten reserviert, im schlimmsten Fall wortkarg war und Gesellschaft sehr wenig mochte – eine Frau zufriedenstellen konnte, die so lebhaft, aufgeschlossen und gesellig war wie Elizabeth. Er hatte versucht, sein Benehmen zu verbessern, aber er würde nie die Art von Mann sein, der große Partys genoss, leicht Freunde fand oder neue Bekanntschaften bezauberte. Im Vergleich zu anderen würde er wahrscheinlich immer mürrisch oder sogar streng erscheinen. Es erschien ihm nur allzu wahrscheinlich, dass er sie früh genug langweilen würde.

Und was war mit den intimsten Privilegien der Ehe? Könnte er es ertragen, zu ihrem Bett zu gehen im Bewusstsein, dass sie ihn dort nur duldete? Er zweifelte nicht an ihrer Fügsamkeit – sie würde so freundlich sein, wie sie während ihrer Verlobungszeit gewesen war, und würde ihm zweifellos jede Freiheit, die er sich herausnahm, mit einem schelmischen Lächeln erlauben, aber wie würde er jemals wissen, dass sie nicht allein Pflicht und Schuldigkeit motivierte? Dummerweise hatte er nie wirklich bedacht, ob seine eigene Leidenschaft befriedigt werden könnte ohne entsprechende Erwiderung ihrerseits – ob er, ob einer von ihnen in einem solchen Arrangement glücklich sein könnte.

Plötzlich beschlich ihn ein noch kälterer Gedanke. Was wäre, wenn sie sich in einen anderen verliebte? Sie hatte bis jetzt ein solch begrenztes Leben gelebt, aber mit ihm in London würde sie viele Männer treffen, die sympathisch und intelligent, voller Leichtigkeit und Charme waren. Er wusste nur zu gut, wie unmöglich es sein konnte, die eigenen Gefühle zu kontrollieren. Elizabeth würde ihn nie betrügen und er glaubte nicht, sie würde absichtlich die Aufmerksamkeit oder Zuneigung anderer suchen, aber was wäre, wenn ihr Herz sie beide verraten würde? Allein beim Gedanken daran brach ihm der kalte Schweiß aus.

Lockte er sie mit dieser Ehe in eine Falle? Hatte er ihr mit seinem Reichtum und seiner Arroganz die Chance vorenthalten, so zu heiraten, wie sie es sich wirklich gewünscht hätte? Wie lange würde es dauern, bis sie anfing, ihre Zustimmung zu bedauern? Wie lange, bevor er den Schmerz nicht mehr ertragen konnte, sie zu lieben, ohne im Gegenzug von ihr geliebt zu werden? Wochen? Monate?

Sein Pferd straff am Zügel haltend, Augen geradeaus, Rücken aufrecht, begann Darcy in Panik zu geraten.