Danke schön an Jade für die kleine aber feine Rückmeldung und an Sabsi auf . Hier geht es auch schon weiter!

21.

Atlanta

Dank des Pokerspiels war die Zeit sehr gut vergangen. Nur zwanzig Minuten nach dem Ende der letzten Partie ertönte die Durchsage des Piloten, dass man sich im Anflug auf Georgias Hauptstadt befand und die Passagiere die Sicherheitsgurte anlegen sollten. Miz und Morri blieben bei John - es hätte sich ohnehin nicht mehr ausgezahlt, auf ihre angestammten Plätze zurückzukehren. Während des Landeanflugs war es ziemlich still im Flugzeug - obwohl man es gewöhnt war, sich in Flugzeugen fortzubewegen, war es doch immer wieder etwas nervenaufreibend. Vor allem für Personen, die Höhenangst hatten, so wie John. Er war ziemlich froh, dass seine beiden Freunde bei ihm waren. Zwar kam er im Flugzeug ziemlich gut zurecht - er hatte sich über die Jahre daran gewöhnt, weil er sich ja fast nur in Jets fortbewegte -, aber trotzdem war er um die Anwesenheit des Tag Teams ziemlich erfreut. Vor allem, weil er die Beiden nicht darum hatte bitten müssen. Das hätte er nicht getan. Er wollte ihnen ja nicht auf die Nerven gehen.

In seinem neuen Film kamen ebenfalls ein paar Stuntszenen in luftiger Höhe vor, und trotz seiner leichten Angst hatte John darauf bestanden, alles selbst zu machen. Der Regisseur Renny Harlin hatte ihm ein Double angeboten, aber John hatte abgelehnt. Er hatte eine Herausforderung gesehen, und diese hatte er angenommen und schließlich sogar bewältigt. Er war irrsinnig stolz darauf, das geschafft zu haben, auch wenn in jeder Szene mehrere Takes notwendig gewesen waren. Aber gut, bei welchem Film war das nicht der Fall? Bei einer Szene konnten so viele Dinge schief gehen, wie ihm auch Renny erklärt hatte, also war es kein Problem gewesen, wenn John für einige Dinge manchmal etwas längere Vorbereitungszeit gebraucht hatte oder es einmal nicht in zwei oder drei Takes abgeschlossen gewesen war.

Endlich setzte der Jet am Boden auf, und die WWE-Superstars machten sich daran, aus dem Flugzeug zu kommen, um ins Hotel zu fahren. Sie hatten ja nicht wirklich lange Zeit. Sie hatten drei Stunden im Flugzeug verbracht, jetzt war es kurz nach elf Uhr. Zeit, die Zimmer zu beziehen und sich etwas auszuruhen. Spätestens um drei würde man in den Georgia Dome fahren, um die Show auszuarbeiten - es war ja noch immer kein Skript da - und sich vorzubereiten. Zwar wurde Smackdown aufgezeichnet und man hatte Gelegenheit, Fehler zu korrigieren, aber natürlich wollte man den Leuten in der Halle einen professionellen Eindruck vermitteln und so wenig Wiederholungen wie möglich haben. So etwas wurde den Leuten schnell langweilig, und dann würde die Stimmung im Keller sein. Das wollte man natürlich tunlichst vermeiden, und deshalb würde man gut fünf Stunden in der Arena verbringen, um auch noch das kleinste Detail zu klären. Außerdem war ja auch noch die ECW-Show aufzunehmen, und drei bis vier Stunden Wrestling waren schon lange, sprich, man musste die Leute immer gut unterhalten, sonst fingen sie an, die Arena zu verlassen.

Gemeinsam hetzten alle zum Stand des Mietwagen-Service. Es hätte auch die Möglichkeit gegeben, gemeinsam einen Bus zu mieten, doch das wollte irgendwie keiner. Jeder wollte ein eigenes Fahrzeug haben. Michelle stieg in ein Taxi und fuhr in die Unterkunft vor - Mark hatte den Mietwagen genommen, und da sie nach der Show den selben Weg haben würden, brauchten sie kein zweites Mobil. Viele andere teilten sich nach Diskussionen doch ein Auto. Man würde ohnehin morgen noch eine Houseshow absolvieren, also bewegte man sich gemeinsam fort. Erst am Donnerstag würde man einen freien Tag haben. Am Freitag würde John vormittags ein Radiointerview noch in Atlanta machen, bevor er am Nachmittag nach Dallas aufbrechen würde, um am Samstag die traditionelle Supershow aller drei Kader zu bestreiten, die immer vor einem PPV stattfand. Am Sonntag war dann die nächste Großveranstaltung Night Of Champions.

Etwas wenig Zeit, um bis dahin ein Titelmatch aufzuziehen, aber Vince hatte sich den Termin der Draft Lottery so ausgesucht, also hatten die Superstars damit umzugehen. Sprich, heute Abend wurden von allen Leuten Höchstleistungen erwartet, und John beabsichtigte, genau diese zu erbringen. Immerhin wollte er als Nummer-Eins-Herausforderer ernstgenommen werden. Eigentlich war es ja dämlich, die Smackdown-Show in Atlanta zu machen, wo man ja am Montag in San Antonio gewesen war und für das Wochenende nach Texas zurückkehren würde, aber der Aufenthalt in Georgia war schon vor langer Zeit vereinbart worden und konnte nicht mehr rückgängig gemacht werden. Und jetzt war man sowieso da. Wenigstens war es kein Aufenthalt für einen Tag - immerhin hatte die WWE für morgen ja noch eine Houseshow in derselben Arena fixiert.

John hatte eigentlich damit gerechnet, allein einen Mietwagen zu benützen, weil er ja doch einen Tag länger in Atlanta bleiben musste, doch als er seinen Schlüssel in Empfang nahm, hörte er die Stimme eines Kollegen. „Nimmst du mich mit?", fragte Adam, und John drehte sich zu ihm um. Er zuckte mit den Schultern, musste sich arg zusammenreißen, um sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen. Er durfte nicht schwach erscheinen. Aber es wunderte ihn, dass Adam mit ihm fahren wollte. Sie hatten sich zwar wieder angenähert, doch irgendwie war doch ein gewisses komisches Gefühl zwischen ihnen. Immerhin konnten sie, obwohl sie sich ausgesprochen hatten, nicht einmal gemeinsam in einem Bett schlafen, ohne dass John sich unwohl fühlte! Und vor allem wusste Adam ja nicht einmal, was er falsch gemacht hatte. Gut, das hätte John ihm niemals gesagt. Immerhin konnte er für das, was er im Schlaf tat, überhaupt nichts.

„Klar", meinte er also. Er wollte nicht, dass Adam meinte, dass nun er - John - den Kontakt abbrechen wollte. „Nur sollten wir am Abend nicht gemeinsam gesehen werden." Adam stieß einen abfälligen Laut aus, musste gleichzeitig jedoch lächeln. John, der sich immer Gedanken um das Wrestling und das Erscheinungsbild machte. Das war nichts Neues. „Dann fahren wir eben hinter die Halle, wo keine dämlichen Fans herumlaufen, und ich verziehe mich auf den Rücksitz und ducke mich dort. Das ist doch kein Problem." Adam empfand diese Maßnahme zwar als etwas übertrieben, doch er musste den Vorschlag machen, wollte er mit John in diesem Auto fahren. Der Einwand, den der Mann gebracht hatte, wunderte ihn nicht. Sein bester Freund war immer auf seine Karriere bedacht. John spürte doch eine gewisse Erleichterung in sich. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass Adam auf ihn aufpassen wollte. Aber warum? Hier und im Hotel war er nicht in Gefahr. Dort waren viel zu viele Zeugen herum. Erst am Abend in der Garderobe, der Halle und später im Hotelzimmer war es besser, vorsichtig zu sein. Ein anderer Gedanke kam ihm in den Kopf: Konnte es sein, dass Adam ein schlechtes Gewissen hatte?

„Gut", lenkte er ein, „aber am Donnerstag musst du mit jemand anderem fahren. Ich hab am Freitag noch ein Interview in der Stadt und komme erst anschließend nach Dallas." „Kein Problem", sagte Adam, war froh, dass John doch noch eingewilligt hatte, ihn mitzunehmen. Bald hatte er jedoch wieder etwas zum Lamentieren. Die Beiden kamen am Mietwagen an, und Adam verzog das Gesicht. „Das soll ein Auto sein?", fragte er und streckte dem Mobil die Zunge heraus. Ein dämlicher Kleinwagen war alles, was John bekommen hatte? Was sollte das denn? John schüttelte kurz den Kopf. „Ich brauche es doch nur bis Freitag", erklärte er, „ich fahre damit zur Halle und wieder zurück. Was ist an einem VW Golf verkehrt?" „Dass das Auto unter meinem - und eigentlich auch unter deinem - Niveau ist", grinste Adam mit einem schelmischen Glitzern in den Augen. John musste lachen, und er war froh, dass er das noch so befreit tun konnte. Er wollte nicht wissen, wie es morgen damit aussehen würde. Er räusperte sich, um die Gedanken von dieser Sache weg zu zwingen. Damit wollte er sich erst beschäftigen, wenn es erforderlich war. Jetzt sollte er sich erst einmal auf die Show freuen. Immerhin wurde eine Menge von ihnen allen erwartet.

Christy teilte sich ein Auto mit Maria und Eve, nachdem Paul ja wieder zur McMahon-Dynastie gemusst hatte. Wie die restlichen Leute sich arrangiert hatten, bekam John nicht mit. Nur Miz und Morri, zu denen sich The Brian Kendrick und Shelton Benjamin gesellt hatten, sah er, und das auch nur, weil das Auto vor ihm den Weg zum Hotel in Angriff nahm und ihm die Beiden vom Rücksitz aus gutgelaunt zuwinkten. Adam lehnte den Kopf an die Nackenstütze und seufzte auf, konnte seine langen Beine in dem kleinen Auto leider nicht ausstrecken, doch es war ihm egal. Anscheinend war er froh, dass der Flug vorüber war. John lächelte. Adam war dafür bekannt, am Morgen nur ziemlich schwer aus dem Bett zu kommen, und nach den Geschehnissen in der Nacht war das auch verständlich. Wieder nahm John das schlechte Gewissen in Beschlag. Warum hatte er den Vorschlag, die Nacht bei ihm zu verbringen, nur angenommen? Es war alles seine Schuld. Wie immer.

Auch in Atlanta kannte man sich verdammt gut aus, und außerdem fuhren genügend Autos voraus, also würde man das Hilton Hotel, in dem man für die Tage residieren würde, ohne Probleme finden. Zuerst war die McMahon-Dynastie in ihre Limousine gesprungen, wahrscheinlich, um zu vermeiden, dass man direkt von der Straße aus in das Hotel gehen musste, wie das ja am Flughafen geschehen war, weil kein Parkplatz mehr vorhanden gewesen war. Das war peinlich gewesen, und diesmal wollte man auch, dass der Fahrer das Gepäck an sich nahm, wie das eigentlich die Gewohnheit war. Als Eigentümer der Firma war man natürlich einen gewissen Standard gewöhnt, und zu dem gehörte, dass man direkt vor dem Eingang parkte und der Chauffeur einem die Tür aufhielt, damit man auf dem Teppich sofort in die Lobby gehen konnte, während der Fahrer den Leuten die Koffer hinterher trug.

Die Angestellten hatten sich bis auf Vince' Schwiegersohn natürlich selbst um ihren Parkplatz und ihr Gepäck zu kümmern. Die Stimmung im Auto von John und Adam war nach wie vor irgendwie ungut. John fühlte immer noch Trauer in sich - vor allem darüber, dass sie während der gesamten Fahrt kein einziges Wort gesprochen hatten. Aber gut, worüber hätten sie auch sprechen sollen? Immerhin hatten sie am Abend eine Promo gegeneinander zu absolvieren, und darauf mussten sie sich einstellen. Gut, sie hatten es damals schon geschafft, als es zum ersten Mal der Fall gewesen war. Außerdem sah Adam doch ziemlich fertig aus. Wahrscheinlich würde er noch ein paar Stunden schlafen gehen, bevor man zur Halle aufbrach. John hätte das auch gern getan, doch er wusste, dass er nicht zur Ruhe kommen würde. Tabletten wollte er keine nehmen, sonst würde er vielleicht nicht rechtzeitig wach werden.

Die Sommersonne brannte vom wolkenlosen Himmel, steigerte seine Laune doch etwas. Dies tat auch noch die Tatsache, dass die McMahon-Dynastie nirgends mehr zu sehen war. Das hieß, er hatte Ruhe vor Paul. John konnte nicht umhin, aufzuatmen, als er das Auto parkte und den Motor abstellte. Adam bedankte sich für die Mitnahme, holte sein Gepäck aus dem Kofferraum und verschwand, nachdem er John noch kurz zugelächelt hatte. Und diesen durchfuhr wieder einmal dieser Stich. Er konnte sich nicht helfen - Adams Verhalten tat weh. Es schien, als wolle dieser nicht zu viel Zeit mit ihm verbringen, um nicht wieder in Gefahr zu kommen … John schnaubte abfällig, als ihm dieser Gedanke in den Sinn kam. Gott, jetzt sah er wirklich schon Gespenster! Er musste endlich aufhören, in grundlose Gesten solche Dinge hinein zu interpretieren. Wie er selbst bemerkte, machte ihn das nur noch unglücklicher.

Als ihm jemand fest auf die Schulter schlug, wachte er aus seinen Gedanken auf. Innerlich verdrehte er die Augen, während er sich umdrehte. Er hatte bereits einen Verdacht, wer ihn da belästigte, denn das Kichern konnte eigentlich nur zu zwei bestimmten Leuten gehören. Die beiden Chaoten mit Namen Shelton Benjamin und Brian Kendrick hatten ihn gefunden. Und John befürchtete nichts Gutes. Die Beiden waren dafür bekannt, ihre Witzchen über jeden zu reißen - und John wusste sofort, dass er ihr nächstes Opfer sein würde. Und natürlich schaute Brian ihn sofort breit grinsend an. John befürchtete nichts Gutes. Er mochte Brian Kendrick eigentlich ziemlich gern - immerhin hatten sie großen Spaß während ihres kleinen Battleraps vor Jahren gehabt und waren seitdem doch gute Kameraden -, aber manchmal mischte sich der Mann doch zu sehr in Angelegenheiten ein, die ihn absolut nichts angingen. Und sein bester Freund und Zimmerkollege Shelton Benjamin stand ihm da in nichts nach.

Also schaute er die Beiden erwartungsvoll an. Er wollte es vorüber haben. John verstand Spaß, und die Meldungen der zwei Chaoten waren nichts anderes als das. Es störte ihn zwar, dass er meistens die Zielscheibe des Spaßes war, aber er hatte damit zu leben gelernt. Allein wegen seiner Homosexualität war er eben etwas Anderes, und schon deshalb hatte man oft ihn im Visier. Solange die Witze nicht unter die Gürtellinie gingen, war es ihm eigentlich egal. Die Beiden meinten es im Gegensatz zu einer gewissen anderen Gruppierung mit dem Anführer Triple H ja nicht böse. John schaffte es sogar, ein Grinsen auf seine Lippen zu bekommen, während er darauf wartete, womit die Beiden ihn heute wieder aufziehen wollten.

Zu seiner Überraschung kam jedoch kein wirkliches Witzchen - nein, es war ein Vorschlag, mit dem John nicht wirklich gerechnet hatte. Anscheinend hatten Brian und Shelton sein Gespräch mit Miz und Morri während der Pokerrunde belauscht. War ja auch nicht schwer gewesen, immerhin hatten die Beiden nicht wirklich leise gesprochen. „Hey, Johnny?", begann Shelton, und auf Brians Gesicht trat ein breites Grinsen, das nichts wirklich Gutes vermuten ließ. Doch die Beiden schienen von sich selbst und dem, was sie John vorschlagen wollten, vollkommen überzeugt zu sein. „Was, Sheltie?" Ein Sheltie war eine Gattung von Meerschweinchen, wie Michelle McCool, die ja früher Biologielehrerin gewesen war, zu Sheltons Ärgernis während einer durchzechten Nacht einmal erklärt hatte, nachdem Shawns Tochter ein solches Tier ihr Eigen nannte und sie die Wrestlerin selbstverständlich danach gefragt hatten. Seitdem wurde der Mann aus Orangeburg diesen Namen natürlich nicht mehr los.

Dementsprechend verdunkelte sich Sheltons Miene etwas, doch sein bester Freund legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. Er konnte schon verstehen, dass John auch mal Shelton einen Scherz spüren ließ - immerhin ließ dieser ja auch keine Gelegenheit aus, ihn zu ärgern. Doch der mehrmalige Intercontinental Champion war schnell wieder von seinem Zorn herabgestiegen und schaute John dann wieder freundlich an. Auch eine gewisse Erwartung hatte sich in seine Miene gemischt. „Wir konnten nicht umhin, dein Gespräch mit Miz und JoMo zu belauschen", meinte Brian langsam, „und wir hätten einen Vorschlag zu machen." Welches Gespräch?, musste John sich fragen. So viel hatten sie nicht gesprochen. Über Paul würden die Beiden wohl hoffentlich keine Anmerkung machen. Und Unterschlupf bieten wollten sie ihm sicher nicht, nachdem Shelton wegen seiner oft laschen Arbeitsauffassung und Brian wegen seines ziemlich starken Marihuanakonsums, der ihn bei jedem Verstoß 1000 Dollar kostete, schon einige Male Schwierigkeiten mit dem Chef gehabt hatten. Mit Paul wollten sie sich da sicher nicht anlegen, sonst wären sie ihren Job los.

Was also konnten die Beiden von ihm wollen? John stellte seinen Koffer vorsichtshalber ab. Vermutlich würde das eine längere Unterhaltung werden, und er machte sich daran, aus dem Weg zu gelangen, nachdem die Beiden ihn mitten im Eingang zum Hotel aufgehalten hatten. Sofort kamen Brian und Shelton ihm hinterher, was ihm anzeigte, dass ihnen ihr Anliegen wohl ziemlich ernst war. John wusste, dass er die Beiden mit Sicherheit nicht würde loswerden können, bevor sie ihm ihren Vorschlag - wobei John bereits Schlimmes zu befürchten begann - unterbreitet hatten. Die Beiden konnten verdammt hartnäckig sein. Also war es besser, es sofort hinter sich zu bringen. „Was ist los, Leute?", erkundigte sich John, hätte gern die Augen verdreht, doch er unterließ es. Er wusste, dass ihm die Beiden eine solche Geste nicht übelnehmen würden - solche Dinge waren sie von den Kollegen, die oft der Meinung waren, sie wären nicht ganz dicht, gewöhnt -, aber trotzdem sah er davon ab.

„Na ja", begann Shelton nun doch zögernd, und Brian schlug ihm mit der Faust auf die Schulter, weil der Mann einfach nicht in die Gänge kam, riss das Wort dann an sich, was Shelton ziemlich beleidigt dreinschauen ließ. John schaute bezeichnend auf die Uhr. Immerhin waren es schon mehrere Minuten, die die Beiden hier verschwendeten. „Also, wir konnten nicht umhin, dein Gespräch mit Miz und JoMo zu belauschen, und wir hätten einen Vorschlag zu machen", wiederholte Brian exakt seinen zuvor geäußerten Satz, und John holte Luft, um einen Einwand zu starten. Brian schüttelte den Kopf und sprach weiter, ohne Johns Geste auch nur eines Blickes zu würdigen. „Sollen wir dir einen Mann suchen?" Shelton stellte sich neben ihn und nickte enthusiastisch. Anscheinend waren die Beiden von ihrer Idee absolut überzeugt, auch wenn John es nicht war. Er konnte nicht anders als sich mit der Hand an die Stirn zu greifen.

Und dafür hatten sie ihn aufgehalten? Gott, die Zwei sollten aufhören, sich gegenseitig aufzustacheln, wie man sah, kam dabei nur Mist heraus! Leicht genervt ließ John den Blick zwischen den Beiden hin und her wandern, nahm zuerst Brian und dann Shelton ins Visier. Beide grinsten ihn an, wollten ihm zeigen, dass ein neuer Mann anscheinend genau das war, das er ihrer Meinung nach brauchte. John hatte eigentlich überhaupt keine Lust, sein nicht vorhandenes Liebesleben gerade mit den beiden neugierigsten Menschen der gesamten WWE zu erörtern, doch er begann zu befürchten, dass die Beiden ihn nicht in Ruhe lassen würden, bis sie eine Antwort auf ihre ihrer Meinung nach ausgezeichnete Idee erhalten hatten. „Danke für eure Besorgnis, Leute", meinte er also leise, im Bestreben, dass niemand außer den Beiden ihn verstand, „aber was bringt euch auf die Idee, ich wäre mit der derzeitigen Situation unglücklich?"

Brian trat ihm gegenüber und blickte ihm direkt ins Gesicht, musterte seine Züge prüfend, bevor er zu einem Schluss kam, den auch Shelton schon länger gezogen hatte. „Weil man es dir ansieht", stellte er unumwunden fest. Shelton nickte bekräftigend. John stieß ein langgezogenes Seufzen aus, hätte sich gern abgewandt, um sein Zimmer zu beziehen, doch er wusste, dass ihm die Beiden keine ruhige Minute lassen würden. „Ich hab viel zu tun momentan", wich er aus, „ich hätte für eine Beziehung keine Zeit." Wieder trat das breite Grinsen auf Brians Lippen. „Wer spricht denn von einer Beziehung?", fragte er schelmisch. „Eigentlich hätten wir an einen One Night Stand gedacht, der dich mal ein bisschen ablenkt. Jemanden, der dich einfach mal richtig rannimmt und dich von deinen Sorgen ablenkt."

John schwankte kurz, während er spürte, wie ihm die Galle hochzukommen drohte, schaffte es im letzten Moment, sie wieder zu schlucken und sich nicht auf der Stelle zu übergeben. Tränen schlichen sich in seine Augen, doch er blinzelte sie fort, bevor sie sichtbar werden konnten. Diese Worte, die die Beiden verwendet hatten, taten extrem weh. Jemanden, der dich einfach mal richtig rannimmt und dich von deinen Sorgen ablenkt … Brian und Shelton hatten mit ihren Worten unbeabsichtigt genau das, was Paul mit ihm zu tun gedachte, ausgedrückt. Ja, er wollte ihn richtig rannehmen - und zwar bevorzugt so sehr, dass John sich verletzte, und durch die Anwesenheit des mächtigsten Mannes der Firma hatte er - John - genug damit zu tun, mit seinen Schmerzen umzugehen. Da war für seine anderen Probleme kein Platz. Doch John wusste, dass es Brian und Shelton nicht auf diese Art gemeint hatten. Nur brachte es sein Kopf sofort mit Pauls Ankündigung in Verbindung, ohne dass er es verhindern konnte.

Wie hätten Brian und Shelton auch etwas von Pauls Ankündigung mitbekommen sollen, wo Smackdown doch im Stock über RAW residierte und von den Vorkommnissen im unteren Stockwerk nicht allzu viel nach oben dringen konnte? Ja, im Frühstückssaal hatten sie die Begegnung wie alle anderen beobachten dürfen. Aber es war seit Jahren bekannt, dass Paul John hasste, also war dieser Ausbruch wahrscheinlich nichts Besonderes gewesen. John hoffte zumindest, dass seine Kollegen es so wahrgenommen hatten. Auch wenn ihm Miz und Morri da eindeutig einen anderen Eindruck vermittelt hatten. Aber gut, diese Beiden hatten sich immer schon um ihn gekümmert - vor allem, seit sie liiert waren und wussten, wie es war, in der WWE homosexuell zu sein. Aber über seine Probleme hätte John auch mit ihnen nicht gesprochen. Diese paar Sätze im Flugzeug hatten gereicht.

Wie John es schaffte, auf den letzten Vorschlag ruhig zu antworten, wusste er nicht. Doch er bekam es wirklich fertig, konnte sogar grinsen. „Nein danke, Leute", erwiderte er, winkte ab. „Das ist absolut nicht das, was ich brauche." Beleidigt schauten die Beiden ihn an. „Hey, jeder braucht Sex! Der entspannt, und du siehst aus als würdest du eine heiße Nacht mal wieder dringend benötigen." John schloss die Augen und seufzte auf. „Das geht euch überhaupt nichts an", meinte er, griff nach seinem Koffer und machte sich auf den Weg ins Hotel. Jetzt wollte John wirklich seine Ruhe haben. „Gott, der Mann kann schnell beleidigt sein", hörte er, wie sich Shelton beschwerte, „wir wollten ihm doch nur helfen! Sex ist die beste Entspannung. Was ist mit ihm los?" „Keine Ahnung", fiel Brian sofort ein, hob ziemlich sicher die Schultern, stieß ein abfälliges Seufzen aus. „Komm, Meerschwein, lass uns unser Zimmer beziehen und dann gehen wir was trinken." „Nenn mich nicht Meerschwein!", beschwerte sich Shelton und zog kurzzeitig einen Flunsch, bevor er zu lachen anfing. „Aber das mit dem Trinken ist eine gute Idee. Auf geht's!"

Mehr bekam John nicht mit. Die Unterhaltung mit den beiden Nervensägen hatte wenigstens so lange gedauert, dass er an der Rezeption nicht mehr allzu lange warten musste. Nur fünf Minuten später war er auf dem Weg zu seinem Raum, der sich im zweiten Stock befand. Er konnte nicht verhindern, dass er die Tür dreimal absperrte, sobald sie hinter ihm ins Schloss gefallen war. Obwohl er momentan vor Paul in Sicherheit war, hatte er Angst. Was würde ihn am Abend erwarten? Er hatte keine Ahnung. Er wusste nur, dass ihm allein der Gedanke daran schreckliche Furcht bereitete. John fühlte sich extrem allein, er hätte gern ein aufreibendes Training gestartet, doch sein Nacken ließ das nicht zu. Der ehemalige WWE-Champion stellte seinen Koffer in den Schrank, setzte sich auf die Couch und seufzte auf. Ihm war wenigstens nicht schlecht, doch das schlechte Gewissen wegen der in der Früh gegessenen Menge an Brötchen war ihm fast unerträglich. Wirklich trainieren konnte er nicht, doch auf ein Laufband konnte er sich wenigstens stellen.

John erhob sich, nahm den Koffer wieder aus dem Kasten und hob ihn auf das Bett. Er suchte sich eine Jogginghose, ein weites T-Shirt und seine Trainingsschuhe, zog sich um, griff nach dem Rasierer. Er ließ den Koffer liegen, wo er war, ging ins Bad, deponierte den Apparat dort - musste das Bedürfnis, ihn sofort wieder anzuwenden, niederkämpfen -, hängte sich ein Handtuch um den Nacken. So würde wenigstens niemand die blauen Flecken sehen, wenn er an ihm vorbeiging. Er wollte sich nicht im Zimmer aufhalten, also kam ihm eine andere Beschäftigung gerade recht. Das Gepäckstück konnte er später immer noch wieder verstauen. John nahm seinen Schlüssel und verließ das Zimmer, verzichtete darauf, sein Telefon mitzunehmen. Er konnte jetzt keine Störungen gebrauchen - vor allem nicht von seiner Familie, die ihn fragte, wie es ihm mit seinem Smackdown-Wechsel ging. Momentan ging es ihm damit ja alles andere als gut, und er wollte nicht, dass die Bande ihm das anmerkte.

Es war bemerkenswert ruhig auf dem Gang, niemand kam heraus, niemand sprach ihn an. Es herrschte Stille, wahrscheinlich hatten sich viele der Superstars wieder ins Bett gelegt, nachdem der Abflugtermin aus San Antonio doch etwas früh gewesen war - zumindest für die, die gestern gefeiert hatten. Sprich, so ziemlich für alle. Diesmal war das Hotel zwar nicht komplett von der WWE ausgebucht, doch die andere Klientel war in einem Fünf-Sterne-Hotel, wie es das Hilton war, natürlich auch etwas besser gestellt und beschäftigte sich vermutlich nicht so mit einem Volkssport wie Wrestling, den sich nach Meinung vieler nur Proleten anschauten. John war es nur Recht so, er genoss es richtig, unerkannt durch das Gebäude zu gehen und nicht an jeder Ecke die Frage „Bist du nicht John Cena?" zu hören. Genau deshalb war die WWE Stammgast in der Unterkunft - weil das Hilton wirklich darauf achtete, dass die Gäste ihre Ruhe hatten. Für einen WWE-Superstar war das unglaublich wichtig, und deshalb war das Hotel bereits die Stammunterkunft, wenn man in Georgias Hauptstadt Auftritte hatte.

John stieg in den Lift und fuhr in das erste Untergeschoss, wo sich der Fitnessraum befand. Es war schon seltsam, unterirdisch zu trainieren, vor allem, weil deswegen ja immer künstliches Licht eingeschaltet werden musste, aber andererseits herrschte deswegen im Zimmer immer eine angenehme Raumtemperatur. Erleichtert registrierte er, dass er allein war. Die Anderen waren ja nicht so trainingsfanatisch wie er, die trainierten nur, wenn sie sonst frei und nichts Besseres zu tun hatten oder unbedingt wieder in Form kommen mussten, weil der Chef kleine Anmerkungen fallen gelassen hatte. John hängte das Handtuch auf die Griffe des Geräts, holte sich eine Wasserflasche aus dem kleinen Kühlschrank, der summend in der Ecke stand, stellte diese auf die dafür vorgesehene Ablage, bevor er das Laufband auf eine niedrige Stufe stellte und sein Training begann. Er würde langsam anfangen und sich immer weiter steigern.

Er hielt die Augen während der ganzen Zeit auf den Bildschirm gerichtet, verfluchte sich, dass er keine Kopfhörer dabei hatte. Er wollte die Außenwelt am liebsten vollständig ausblenden, nur auf die unechte Waldlandschaft schauen, die auf dem Screen vor ihm zu sehen war. Denn John wusste während der ganzen Zeit, dass er in Gefahr war. Wann immer er sein Zimmer verließ, bestand die Möglichkeit, Paul zu begegnen. Gut, ihm war niemand begegnet außer Chris, und der vermied den Kontakt mit Paul, wann immer es ihm möglich war, aber trotzdem. Ein Restrisiko war immer dabei. Sofort spürte John, wie er sich verkrampfte. Er beschleunigte das Tempo. Irgendwie war ihm, als könnte er auf dem Laufband vor seinen Ängsten davonlaufen. Genauso war es nach der Vergewaltigung vor sechs Jahren gewesen. Damals hatte er wie ein Irrer trainiert, um sich bei einem eventuellen neuen Angriff verteidigen zu können. Wie er gestern gesehen hatte, hatte das ganze Training, hatte die ganze Schinderei nichts genützt. Seine Muskeln hatten Paul keine Angst gemacht. Er hatte noch immer keinen Respekt vor ihm. Er griff ihn an, wenn er Lust dazu hatte. Und John konnte nach wie vor nichts anderes tun als sich zu verstecken.

Sein Blick verschwamm, als er sein Tempo noch einmal um eine große Stufe steigerte, nun wirklich schon voller Verzweiflung rannte, in gewissem Sinne vor sich selbst flüchtete - vor dieser Person, die er geworden war, dieser Kreatur, die knapp davor war, sich neuerlich bis aufs Letzte erniedrigen zu lassen. Irgendwie hasste er sich selbst dafür, so schwach zu sein, doch er konnte es nicht ändern. Am liebsten hätte er nie wieder aufgehört zu laufen, doch er spürte bereits, wie seine Muskeln protestierten. Auch sein Nacken hatte sich wieder verkrampft, weil er den Kopf hochgehalten hatte. Er hatte ihn nicht senken wollen - er hatte vor sich selbst nicht schwach erscheinen wollen, denn ihm war klar, dass er sofort in Tränen ausgebrochen wäre, hätte er auch nur kurz nach unten gesehen. Innerlich wusste er, dass er tatsächlich schwach war, doch er wollte versuchen, das so lange wie möglich geheim zu halten. Er hörte seinen unregelmäßigen Atem, spürte die Schmerzen, die er im Hals hatte, fühlte, wie ihm der Schweiß das T-Shirt an den Oberkörper klebte, spürte, wie die Flüssigkeit in seinen Augen brannte, sich mit den paar Tränen, die trotz des hochgehaltenen Kopfes zu fließen begonnen hatten, vermischte, über seine Wangen, sein Kinn rann, nach unten fiel und auf dem Laufband auftraf.

Wie lange er rannte, wusste John nicht. Er hatte die Uhr nicht eingeschaltet, hatte sich kein Zeitlimit setzen wollen. Irgendwann verließen ihn seine Kräfte, irgendwann brach er zusammen, sank auf die Knie, während seine schweißbedeckte Hand nach dem Aus-Knopf tastete und ihn drückte. Sein ganzer Körper bebte, sein Herz raste, in seinen Gelenken spürte er das Pochen, das bei Überanstrengung auftrat. Er fühlte, wie trocken seine Mundhöhle war, konnte seinen Herzschlag in seinen Ohren rauschen hören, rang keuchend um Luft. Alles tat ihm weh, und John genoss jede einzelne Sekunde davon. Solche Schmerzen waren das Beste überhaupt - sie zeigten, dass er etwas geleistet hatte. Dank der Steroide, die er sich in der Früh vor der Abfahrt gespritzt hatte, würde das Training doppelt anschlagen. Doppelte Kraft. Außerdem hatte er seinen Fressanfall absolut wettgemacht. Er war zufrieden mit dem, was er geleistet hatte. So eingeschränkt seine Trainingsmöglichkeiten momentan auch waren - er schaffte es auch so, sein Level zu halten.

Als er Schritte näher kommen hörte, schrak John auf. Sofort bemühte er sich, auf die Füße zu kommen, wollte dem Kollegen, der wahrscheinlich auftauchen würde, nicht vermitteln, dass er sich zu viel zugemutet hatte. Es war schwer, sich hochzuziehen, er hätte gut und gerne noch zehn Minuten länger liegen können, aber die Tatsache, dass er Gesellschaft bekommen würde, machte das natürlich unmöglich. John wischte sich über das Gesicht, wandte sich um, als die Tür aufging. Irgendwie rechnete er mit einer gewissen Person, und seine gute Laune verschwand unverzüglich. Er würde heute ohnehin keine Ruhe haben, und es sähe Paul ähnlich, sich ihm jetzt, da sie allein waren, anzunähern, weil er nicht bis zur Show warten wollte.

John schaffte es nur mit Mühe, sein Zittern zu verbergen, während er sich umdrehte, um seinem Vergewaltiger ein weiteres Mal gegenüber zu treten.