20. Kapitel – Der Hass wächst

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Im Auge scheint es mir, es seien nur drei Dinge, die mich noch bewegen können:
Angst vor dem Verlust derer, die ich liebe, Angst vor Schmerz, Angst vor dem Tod.
Augustinus Aurelius

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Die junge Hexe saß wie ein Häufchen Elend zusammengesunken auf ihrem Stuhl, hatte die Arme um ihren Körper geschlungen und wiegte sich sanft vor und zurück. Sie bemerkte nicht, dass sie diese Schutzhaltung eingenommen hatte. Sie war in ihren Gedanken noch immer bei der unverhohlenen Drohung ihrer Kollegin. Es hatte so geklungen, als wenn Aphrodite es ernst meinte, scheinbar hatte sie ein Auge auf den jungen Malfoy geworfen. Helen hätte ihn ihr gern überlassen, doch sie ahnte, dass dieser so nicht mitspielen würde. Sie war fasziniert von ihm, welches junge Mädchen wäre das nicht? Aber gleichzeitig spürte sie noch immer eine ganz bestimmte Angst vor ihm – und vor allem vor sich selbst. Sie konnte nicht verstehen, wieso sie auf eine derartig intensive Weise auf einen Mann reagierte, vor dem sie bislang nur gewarnt wurde. Sie begriff nicht, dass er etwas in ihr auslöste, was sie vorher noch nie auf so leidenschaftliche Art gespürt hatte und was ihr jetzt Sorge bereitete. Sie fühlte sich in seiner Gegenwart nicht mehr sich selbst. Es machte ihr große Angst. Hinzu kam noch eben jene Drohung. Sie würde aufpassen müssen. Jeden Schritt, den sie tat, musste sie vorher abschätzen. Alles und jedem gegenüber misstrauisch sein, dass mit Aphrodite in Verbindung stehen könnte. Aber vor allem musste sie sich vor Lucius Malfoy in Acht nehmen.

Jener kam zügigen Schrittes durch die Tür des Saals und blickte sich ungeduldig um, als er seine junge Begleitung nicht sofort erblicken konnte. Mit den Fingern seiner rechten Hand trommelte er angespannt gegen seine Hose, während er sich um die eigene Achse drehte. Frauen waren manchmal mehr als anstrengend.

Helen hatte ihn nicht überhört. Dieser fordernde, und trotzdem leichte, Gang war unverkennbar. Schnell atmete sie ein paar Mal tief durch und riss sich dann zusammen. Mit einem leichten Lächeln stand sie auf und trat auf ihn zu. „Wo waren Sie?", hörte sie ihn knurren und wagte es nicht, ihn zu reizen. „Ich habe in der Ecke gesessen", sie deutete auf jene Sitzgelegenheit, „und war in Gedanken. Verzeihen Sie mir bitte." Angesichts ihrer scheinbar wirklichen Zerknirschtheit schluckte er seinen Ärger runter und zwang sich zu einem Lächeln. Er trat einen Schritt auf sie zu, so dass er unmittelbar vor ihr stand. Der junge Malfoy hob seinen rechten Arm und tippte mit dem Zauberstab ein wenig unterhalb ihrer Kehle, während er einen leisen Spruch murmelte.

Helen hatte nicht daran gedacht zurückzuweichen, zu überrascht war sie von seiner unvorhergesehenen Handlung. Innerlich beschwor sie sich, ihr Reaktionsvermögen zu schulen und zu verbessern. Sie sah ihn fragend an. „Was haben Sie gemacht?" – „Ihnen ermöglicht, mit mir das DinGrinder zu verlassen", bekam sie zur Antwort, eher er wieder einmal ihren Arm nahm und sie in altbekannter Manier unterhakte. Helen griff sich unbewusst an die Stelle, die er zuvor mit seinem Zauberstab berührt hatte und bemerkte die Kette. Sie hatte sie schon fast vergessen, so intensiv passte sich diese an ihre Haut an.

Draußen wurden sie von strahlendem Sonnenschein begrüßt. Helen, die seit ihrer Ankunft in Leningrad kein Tageslicht mehr gesehen hatte, kniff geblendet die Augen zusammen. Lucius lachte leise. „Möchten Sie als erstes einen Spaziergang machen? Ich kann mir vorstellen, dass Sie sich gern die Beine vertreten würden." Ja, er hatte Recht, Helen sehnte sich tatsächlich nach einem Spaziergang und danach, die Gedanken an Aphrodite zu verdrängen. Kurz überlegte sie, ob sie ihn einweihen sollte, doch sie entschied sich unbewusst dagegen. Sie wollte Aphrodite nicht noch weiter reizen. Ohne ihre Antwort abzuwarten, disapparierte er mit ihr.

Auf einem kleinen Platz, versteckt zwischen einer alten Häuserfront, manifestierten sie sich wieder. Helen sah sich neugierig um, doch er lies ihr keinerlei Zeit, die neuen Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Er führte sie durch dieses alte Viertel, geradewegs auf eine Straße zu, die vor Geschäften nur so wimmelte. Schnell stellte die junge Frau fest, dass dies exklusive Designer waren und sie wohl kaum Großläden finden konnte. Auch wenn sie gegen eine neue Garderobe protestierte, so hatte sie den geschickten Überredungskünste Malfoys nicht entgegensetzen können.

Zwei Stunden später stand sie in einem neuen Kleid, einem leichten Umhang und ebenso ungebrauchten Stiefeln vor der Tür eines Ladens und starrte an sich herab. „So etwas Schönes habe ich zuvor noch nie besessen", flüsterte sie fast schon ehrfurchtsvoll. Lucius lächelte sanft. „Dass Sie bei Ihrem Vater nicht in Gold und Seide gehüllt wurden, habe ich mir bereits denken können." Helen lächelte verlegen. „Danke." Er tat ihren Dank mit einer unwirschen Handbewegung ab. „Nicht der Rede wert, schließlich können Sie nicht als Straßenmädchen neben mir herlaufen." Sie musste sich ein Grinsen verkneifen. Von den ihm nachgesagten Eigenschaften konnte sie nun bestätigen, dass Arroganz zutraf.

Er führte sie aus dem Geschäft und dirigierte sie durch kleine Gassen, wobei auffiel, dass er sich scheinbar relativ gut auskannte. Sie wollte ihn fragen, doch die Menge an Passanten machte ein Gespräch unmöglich. Sie erreichten schließlich einen breiten Fluss und ihr Begleiter deutete ihr an, sich nach rechts zu halten. Helen nickte. Sie ging ein paar Schritte und bemerkte, dass er von einem schmutzigen kleinen Straßenjungen aufgehalten wurde. Das war ihre Chance. Sie beschleunigte ihre Schritte und sah sich erneut um. Scheinbar war er noch immer mit dem Straßenjungen am Reden, doch plötzlich sah er auf und bemerkte ihren Fluchtversuch. Innere Befriedigung erfüllte Helen. Selbst ein Lucius Malfoy würde es nicht wagen, in so einem dichten Gedränge den Zauberstab zu ziehen. Fast schon euphorisch tauchte sie in der Menschenmasse unter.

ooOoo

Der Mann hing bereits seit Stunden an seinen Handgelenken, die von schweren Eisenketten nach oben gehalten wurden. Seine Kleidung war ihm fast vom Körper gerissen worden und unzählige Wunden zierten seinen nackten Oberkörper. Ein schweißdurchtränktes Taschentuch diente ihm als Knebel, während die Augen zugeschwollen waren. Sollte er die folgenden Stunden überleben, sollte er im wahrsten Sinne des Wortes mit blauen Augen davonkommen.

Ein weiterer Mann saß entspannt auf einem Stuhl und beobachtete den Zugerichteten. Neben ihm stand ein Tisch, auf dem sich ein kleiner Karton befand. Gedankenversunken trommelte er mit seinen langgliedrigen Fingern seiner linken Hand auf den Karton. Irgendwann, nach schier endlos erscheinenden Stunden, hielt er es für nötig, jenen anzusprechen. „Meinst du, es wird noch einmal vorkommen, dass du versagst, Preobrazhensky?" – „Nein, Herr", stöhnte dieser. Er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, doch er wusste, der Dunkle Lord verachtete Schwäche.

Dieser schnalzte mit der Zunge. „Als ich meinen treuen Anhängern sagte, sie sollen dich zu mir bringen, sprach ich nicht von Folter. Sie haben dir doch hoffentlich nicht allzu große Schmerzen bereitet?" – „Geht schon", krächzte Little M. Voldemort nickte. „Gut, dann können wir anfangen. Warum war das DinGrinder nicht gesichert?", stellte er seine erste Frage. „Ich habe die üblichen Schutzmaßnahmen durchgeführt, Herr." – „Offenbar nicht. Schließlich war ein Teil dieser Barbaren dort. Wie gedenkst du, eine Wiederholung in Zukunft zu verhindern?" Little M. stöhnte wieder vor Schmerz. „Ich werde", er wurde durch einen Hustenanfall unterbrochen, „zusätzlich Männer einteilen, die-" Voldemort schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Du wirst von mir keine zusätzlichen Männer bekommen, Preobrazhensky. Sieh zu, dass du diese Angelegenheit anders in den Griff bekommst." Der Lord stand auf und zog ein kleines Fläschchen unter seinem Umhang hervor. Er stellte es auf den Tisch und lächelte fast schon sanft. „Für deine Wunden, Preobrazhensky. Damit sie sich nicht entzünden." Little M. ächzte. Die Flasche stand auf dem Tisch. Drei Meter entfernt. Er war an die Wand gekettet. Wie sollte er an die Flasche kommen? Ein aussichtsloses Unterfangen.

„Herr?", fragte er, als er sah, dass sich Voldemort zum Gehen wandte. „Herr, bitte. Was ist mit meiner Familie?" Der Lord drehte sich um und sah Little M. in die Augen. „Bitte, ich habe seit Wochen nichts mehr von ihnen gehört. Wie geht es meiner Frau und den Kindern." Voldemorts Blick intensivierte sich. „Meinst du, du hättest Nachrichten verdient, Preobrazhensky?" Dieser schüttelte den Kopf. „Ich bin mir bewusst, dass ich einen Fehler gemacht habe, Herr. Doch bitte, ich bin verzweifelt. Schon so lange habe ich sie nicht mehr gesehen. Bitte. Sagt mir, wie es ihnen geht." Ein Fremder hätte Voldemorts Lächeln als sanft und fast schon gütig eingestuft. Doch Sergej war kein Fremder. „Du hast die Antwort selbst gegeben, Preobrazhensky. Du hast einen Fehler gemacht…" Little M. ahnte Schlimmes und schrie schließlich vor Verzweiflung, Hass, Zorn und nicht enden wollender Trauer auf, als er sah, wie Voldemort den Deckel des Kartons öffnete und einen Schwebezauber anwandte. Little M. starrte auf die blutverschmierte rechte Hand seiner jüngsten Tochter.


Anmerkung:

Da ich in QED schon eine Einkaufsszene verwendet habe, wollte ich sie hier nicht wiederholen. Es läuft so ab, dass Lucius Helen nach ihrem Geschmack und ihren Wünschen fragt und ihr dann schließlich doch das kauft, was ihm zusagt.