Kapitel 20

~ Ein neuer Morgen ~

Das war sein Augenblick, schoss es Snape durch den Kopf. Er zückte den Zauberstab und riss sich die Maske vom Kopf. „Expelliarmus", brüllte er instinktiv, den Zauberstab auf Voldemort gerichtet. Er würde es nicht zulassen, dass er Eliza tötete. Doch was war das? Es kam ihm so vor, als ob er nicht alleine den Entwaffnungszauber gesprochen hatte.

Ein kurzer Blick zur Seite bestätigte ihm seinen Eindruck. „Potter…", bemerkte er nur, aber nicht so verhasst wie sonst die letzten Jahre. „Professor Snape…", entgegnete Harry nur in relativ gleichgültigem Ton. Auch er hatte jetzt weit größere Sorgen, als mit seinem ungeliebten Tränkelehrer zu streiten.

Voldemort war gerade dabei, die ersten Worte des todbringenden Fluchs zu sprechen, als ihn ein doppelter Entwaffnungszauber traf und ihn unweigerlich von den Füßen riss. Als er kurze Zeit später wieder bei Sinnen war, funkelte er in die Richtung, aus der der Fluch kam. Was er da sah wollte er zuerst nicht glauben, doch dann dämmerte ihm langsam, auf welchen Schwindel er hereingefallen war. Sein vermeintlich treuester Todesser an der Seite seines größten Feindes Harry Potter. Der Todesser, der ihm diese Frau gebracht hatte… es war von Anfang an geplant gewesen. Er war einem riesigen Bluff aufgesessen und Snape war von Anfang an auf der Seite Dumbledores gewesen. Blitzschnell schnappte er sich wieder seinen Zauberstab. Dafür würden sie alle büßen, das schwor er sich in diesem Moment.

Eliza fand keinen Halt und ihre Knie versagten nun endgültig ihren Dienst. Stöhnend sackte sie zusammen und fiel ins taufeuchte Gras. Alles drang nur noch wie durch einen dichten Schleier zu ihr. Schreie von Menschen, Zaubersprüche, Flüche - ihr Plan hatte offenbar funktioniert. Ihr war kalt und das Atmen fiel schwer. Zitternd lag sie auf dem Boden und schloss die Augen – sie hatte keine Kraft mehr aufzustehen.

Langsam und weiterhin den Zauberstab auf Voldemort gerichtet, näherten sich Snape und Harry. Doch Snape hatte nicht vor, mit dem Dunklen Lord zu kämpfen. Das war nun nicht mehr seine Aufgabe und Potter musste jetzt zeigen, was er die Jahre über gelernt hatte. Er wollte zu Eliza. Doch das gestaltete sich schwieriger als erwartet. Voldemort dachte nicht daran, seinen Standort aufzugeben und fixierte weiterhin regungslos ihn und Harry, den Zauberstab in der Hand. Snape musste also einen günstigeren Augenblick abwarten, bis er zu ihr konnte. So beschloss er, sich erst einmal ins Kampfgetümmel zu stürzen, um seinen Kollegen beizustehen. „Viel Glück, Potter", sagte er schließlich noch und war im nächsten Moment schon disappariert. „Danke, gleichfalls", murmelte Harry und war schließlich alleine auf sich gestellt.

Bunte Blitze durchzogen die frische Sommernacht und immer wieder waren Schreie zu hören. Manchmal triumphierend, aber meistens voller Schmerzen und Qual.

Die Todesser kämpften mit allen Mitteln und ein beliebtes Ziel waren die jüngeren Zauberer oder Dumbledore, der sich nicht über mangelnde Beschäftigung beklagen konnte. Im Moment schlug er sich wieder mit drei Todessern gleichzeitig herum und er hoffte, dass es Harry noch gut ging und er Voldemort das Handwerk legen konnte. Er fühlte, dass dieser Kampf sein letzter werden würde. Die vergangenen Tage fühlte er sich schon alt und schwach, und die heutige Nacht würde ihn noch einmal sehr viel Kraft kosten.

Harry war mittlerweile mitten im Kampf mit Voldemort. Er hatte das Gefühl, sein Kopf würde bald platzen, so schmerzte seine Narbe. Aber er wusste, er durfte nicht aufgeben und es war eine einmalige Chance, denn Voldemort war geschwächt.

Die Tatsache, dass er von Snape, Eliza und Dumbledore so reingelegt und überrascht wurde, machte Voldemort wütend - furchtbar wütend, aber gleichzeitig auch nachlässig. Die blinde Wut verklärte sein klares Denken, das in so einem Kampf eigentlich unerlässlich war, um zu überleben.

Snape nutzte den Überraschungseffekt immer wieder aus, wenn er mit einem neuen Todesser kämpfte. Jedes mal waren sie überrascht, gegen einen vermeintlichen Gleichgesinnten kämpfen zu müssen. Diesen kleinen Moment der Unachtsamkeit nutze Snape schließlich für seine Zwecke aus… Er war so beschäftigt, dass er kaum noch an Eliza dachte und immer, wenn er es tat und zu ihr wollte, stellte sich ihm ein neuer Gegner in den Weg und forderte sein Können heraus.

Eliza atmete nur noch flach. Sie war nicht mehr im Stande, ihre Gliedmaßen zu bewegen, denn die Kälte ließ sie schon steif werden. Schon das zweite Mal innerhalb weniger Wochen spürte sie, wie langsam das Leben aus ihr wich. Der dunkle Nebel wurde immer dichter, obwohl sie immer noch versuchte, dagegen anzukämpfen.

Beide Seiten lieferten sich über Stunden einen erbitterten Kampf auf Leben und Tod. Immer wieder apparierten neue Todesser an den Ort des Geschehens, aber Dumbledores Ressourcen und die des Ministeriums waren begrenzt. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als weiter gegen eine Übermacht zu kämpfen, allein mit der Hoffnung im Herzen, dass Harry es schaffen würde, Voldemort zu besiegen und somit dem Schrecken ein Ende zu setzen.

Immer mehr leblose Körper bedeckten die feuchte Wiese, die nun durch unzählige Füße niedergetrampelt und aufgerissen war. Immer noch durchzuckten grelle bunte Blitze die schwindende Nacht.

Keiner der Beteiligten wusste mehr, wie lange sie schon hier waren und kämpften, geschweige denn, wer überhaupt noch lebte und wer schon tot war. Jeder versuchte nur immer wieder aufs Neue sein eigenes nacktes Leben zu schützen, indem er seinen Gegner entweder tötete oder in irgendeiner Form kampfunfähig machte.

Es war Kräfte zehrend, das spürten alle Kämpfer langsam am eigenen Leib. Vor allem die Gegner Voldemorts wussten, dass sie der Übermacht, der sie immer noch gegenüber standen, nicht mehr lange Stand halten konnten, ohne zu viele Opfer zu riskieren.

„Harry", es war Hermines Stimme, die schrill die Morgendämmerung durchschnitt, gefolgt von einem grünen Licht. Snape drehte sich um, in Richtung des Schreis, während sein Gegner zwei Meter neben ihn leblos zusammensackte. Was war passiert? Der grüne Blitz… Snape wurde schlecht. Eine schlimme Vorahnung machte sich in ihm breit und er rannte los.

Mit Todessern, die ihn unterwegs aufhalten wollten, machte er kurzen Prozess. Einen Mord mehr oder weniger auf dem Gewissen, das störte ihn nun nicht mehr. Die einzige Frage, die ihn jetzt noch beschäftigte, war, ob Harry Potter noch am Leben war, oder ob der grüne Lichtschein alles entschieden hatte.

Langsam begann es Morgen zu werden. Am Horizont zeigten sich schon die ersten orangefarbenen und roten Streifen der aufgehenden Sonne, die plötzlich von einem weiteren grünen Blitz durchzogen wurden. Snape verlangsamte seine Schritte kurz, nur um gleich wieder schneller zu werden. Als er schließlich den Ort des Geschehens erreichte, bot sich ihm ein Bild, das er für den Rest seines Lebens nicht mehr vergessen würde.

Er sah Potter, der über den leblosen Köper seiner Freundin gebeugt war. Hermine Granger, die ihn im Unterricht mit ihrer Besserwisserei so oft zur Weißglut brachte… Snape musste schlucken. Auch wenn er die drei Gryffindors überhaupt nicht leiden konnte, so einen Tod hatte er keinem von ihnen gewünscht. Langsam ging er ein paar Schritte weiter. Er wollte Potter nicht stören, sicher wollte er alleine sein und nicht seinen verhassten Lehrer in der Nähe wissen. Trotzdem interessierte es ihn, was mit Voldemort geschehen war. Er musste tot sein, sonst würde Harry nicht bei Granger knien.

Einige Meter weiter sah er ihn auch liegen. Es war also wirklich vorbei. Der Junge der lebte hatte den größten Tyrann der Zaubererwelt getötet. Der zweite grüne Blitz galt also ihm, der erste musste Miss Granger getroffen haben, dachte sich Snape.

Leise seufzend drehte er sich von diesem Szenario weg und blickte über die Wiese, die mit leblosen Körpern übersäht war. Mittendrin immer wieder eine Gruppe Menschen, die sich noch Gefechte lieferten und die noch nicht gemerkt hatten, dass alles vorbei war.

Wie viele bekannte Gesichter wohl noch unter den Toten waren, wollte sich Snape gar nicht vorstellen.

Der Tod Voldemorts sprach sich nur langsam auf dem Schlachtfeld herum. Erst als die Sonne ihre ersten Strahlen über das Land schickte, streckten die letzten Anhänger Voldemorts die Waffen und gaben den Kampf auf.

Die Überlebenden begannen, ihre Kollegen und Freunde zu suchen und zu versorgen. Auch Snape machte sich auf den Weg über das Schlachtfeld. Er fragte sich, wen er noch alles lebend auffinden würde und hoffte das Beste. Sicher war jedenfalls, dass Madam Pomfrey und St. Mungos einiges zu tun bekommen würden, nach dieser Nacht.