Kapitel 21
The Dentist
„Was treibst du hier?", fuhr sie ihn an. Sie hatte gar nicht mit ihm sprechen wollen. Hatte sich nicht dazu herablassen wollen, ihn zu beachten. Aber die Tatsache, dass ausgerechnet er einen solchen Weg zurückgelegt hatte schockte sie sehr.
„Nichts weiter. Zahnschmerzen", fügte er hinzu und deutete auf seinen Kiefer.
„Dann heil es selbst", entgegnete sie knapp und sah sich hektisch um, ob sie jemand hören konnte.
„Dafür gibt es doch Zahnärzte", erwiderte er ruhig.
„Malfoy!", begann sie drohend. „Das hier ist eine Muggelpraxis. Und ich bezweifel stark, dass du hier Hilfe suchen willst!"
„Es ist akut", beschwerte er sich jetzt.
„So akut sieht es nicht aus", gab sie gelassener zurück, als niemand in den Flur kam. Aber natürlich kannte niemand Draco Malfoy. Er sah aus wie ein weiterer Patient.
Doch dann zog er leise den Zauberstab aus seinem Umhang. Sie starrte ihn an. „Malfoy!", zischte sie. Stumm führte er einen Zauber aus, die Spitze auf sein Gesicht gerichtet.
Er stöhnte unterdrückt, als sie sah, wie sein Kiefer anzuschwillen begann.
„Merlin, verflucht!", rief sie aus und schritt um die Anmeldungstheke. „Bist du völlig verrückt?" Er steckte den Zauberstab wieder ein.
„Akut genug?", knurrte er ungehalten und funkelte sie an. Sie schüttelte mit offenen Augen den Kopf.
„Wieso machst du das? Was soll das? Lass mich das heilen, das sieht schmerzhaft aus." Sie griff in ihre eigene Tasche, aber er hielt ihr Handgelenk fest.
„Nicht", sagte er ruhig. „Ich habe Zahnschmerzen. Ich würde gerne behandelt werden. Akut. Und jetzt." Sie verdrehte die Augen.
„Malfoy, du hast keine Krankenkarte", erklärte sie.
„Dein Vater wird bestimmt eine Ausnahme machen. Ich zahle bar."
„Du kein Muggelgeld. Du kannst nicht-" Er zog ein Bündel Scheine aus der Tasche. Sie verdrehte die Augen. „Dafür bekommst du ein komplett neues Gebiss. Heil deine Zähne selbst und geh endlich. Hier bekommst du keine Gratisbehandlung!"
„Hermine, das erscheint mir nicht höflich zu sein." Sie schloss die Augen. Ihr Vater war aus dem Behandlungszimmer gekommen, und streifte sich gerade neue Handschuhe über. „Ein Freund von dir?"
„Nein, ich-"
„Mr Granger, angenehm. Draco Malfoy", unterbrach der ungebetene Gast ihre Worte und streckte ihrem Vater die Hand entgegen.
„Ah, Mr Malfoy. Sie sehen übel aus. Unterkiefer geschwollen. Ich nehme an, Zahnfleischprobleme?"
„Weisheitszähne", verbesserte ihn Malfoy mit einem schmerzhaften Grinsen.
„Oh. Sie sind sich Ihrer Diagnose wohl sicher?" Ihr Vater musterte Malfoy gespannt. Dieser schluckte schwer.
„Ziemlich sicher, ja." Hermine verdrehte die Augen.
„Dad, er kann-"
„- ohne Krankenkarte nicht behandelt werden?", unterbrach ihr Vater sie und atmete langsam aus. „Mr Malfoy, Sie nehmen anscheinend einen ungewöhnlichen Weg in Kauf." Malfoy reagierte nicht weiter darauf. Er ruckte nur kurz mit dem Kopf.
„Wir verzichten dieses Mal auf die Karte. Wenn Sie mir folgen wollen. Zimmer drei ist frei."
„Dad!", rief Hermine ärgerlich aus.
„Ist das der Reinblüter, der dir so gefällt?", hakte ihr Vater nach, als Malfoy im Behandlungszimmer verschwunden war. Sie verdrehte die Augen.
„Er gefällt mir überhaupt nicht!"
„Ich finde ihn nicht übel. Könnte er die Schmerzen mit Magie nicht einfach beseitigen?", erkundigte sich ihr Vater interessiert. Hermine nickte verärgert. „Sehr beeindruckend."
„Dad, er ist ein Scheusal!", knurrte sie.
„Hermine, hilfst du mir im Behandlungszimmer?" Sie wollte verneinen, aber irgendwo siegte ihre Neugierde wohl doch. Sie folgte ihrem Vater, während sie gereizt ein paar Handschuhe überstreifte.
„Mund auf!", befahl der Mann in Weiß. Draco nahm seltsame Gerüche wahr. Aber er folgte dem Befehl. Es schmerzte unerträglich. „Das sieht übel aus." Vielleicht hatte er etwas übertrieben. Etwas. Mr Granger befühlte seinen Unterkiefer, drückte hier und da und Draco schluckte vor Schmerz.
„Ich werde Sie betäuben und muss dann schnellsten diesen Zahn entfernen, der anscheinend ziemlich plötzlich gewaltigen Druck auf die anderen Zähne ausübt. Die Schmerzen müssen ziemlich plötzlich bekommen sein."
Draco nickte nur. „Sie könnten sich natürlich für einen weniger schmerzhaften Weg entscheiden" ,bot ihm der Zahnarzt jetzt an. Aus den Augenwinkeln sah er Granger mit verschränkten Armen neben dem Stuhl stehen. Er schüttelte tapfer den Kopf.
„Malfoy, das ist dämlich!", sagte sie nur.
„Hermine, Spritze, bitte", unterbrach sie ihr Vater nur. Draco schluckte erneut. Sie griff zur Spritze auf einem Tablett und reichte diese ihrem Vater. Draco könnte sich irren, aber er glaubte Genugtuung in ihrem Gesicht zu sehen. Blöde Idee, schalt er sich selbst.
„Mund weit auf!", befahl der Zahnarzt und Draco schloss fest die Augen. Die Spritze bohrte sich in seinen Kiefer und er schnappte nach Luft.
„Sie haben keine Alkohol getrunken oder Medikamente genommen, die das Blut verdünnen, oder?", erkundigte sich der Zahnarzt mit einem Lachen in der Stimme. Draco schüttelte nur knapp den Kopf. Der Zahnarzt zog die Spritze wieder heraus.
„Das wird Sie benommen machen, und in etwa fünf Minuten spüren Sie Ihren Kiefer nicht mehr. Ich schneide Ihr Zahnfleisch auf, entferne den plötzlich schiefen Zahn, nähe Sie zu, und Sie sind so gut wie neu. Hermine wird Ihnen kurz Gesellschaft leisten." Der Zahnarzt verließ den Raum.
Draco wäre es lieber, würde ihr Vater bleiben. Granger sah ihn an, als wäre sie bereit und fähig, ihn zu foltern und dann umzubringen. Er rieb sich den schmerzenden Kiefer. Langsam wurde der Schmerz zu einem dumpfen Gefühl.
„Du bist so dämlich", sagte sie böse, während sie anscheinend das Tablett mit nötigen Instrumenten füllte.
„Du hättest auch nicht wirklich hier sein sollen", merkte er müde an. Sie verschwamm ein wenig vor seinen Augen.
„Wieso? Wolltest du etwa mit meinem Vater sprechen?", fuhr sie ihn zornig an, während sie wieder die Arme vor der Brust verschränkte.
„Geht dich das was an?", murmelte er müde, und sie schien nur wütender zu werden.
„Malfoy, du kannst nicht einfach hierher kommen! Was ist mit deiner Familie? Deiner Verlobten? Deiner Hochzeit? Deinem ungeborenen Sohn, der den Westflügel bekommt?" Das waren viele Probleme, da hatte sie wohl recht.
„Hab Lucius gesagt, dass es mir egal ist." Ein angenehmes Mittel war in dieser Spritze. Er füllte sich herrlich gleichgültig gegenüber allen Problemen.
„Du hast was…?" Sie starrte ihn fassungslos an.
„Ja. Egal. Alles egal." Sie schüttelte langsam den Kopf.
„Bist du verrückt geworden?", flüsterte sie.
„Granger…", begann er, als er sich mühsam aufsetzte, in dem angenehmen Stuhl, den er sich vielleicht für sein Arbeitszimmer organisieren würde. „Ich hab verfluchte Zahnschmerzen. Mir wird gleich ein Zahn rausgeschnitten. Und ich würde gerne mit deinem Vater sprechen. Allein", schaffte er hervorzubringen, ohne zu lallen.
„Nein!", widersprach sie schwach. „Du kannst nicht-"
„Dann heil mich doch!", rief er ärgerlich und fluchte unterdrückt, weil Sprechen tatsächlich noch schmerzte. Sie wirkte etwas ratlos. „Ansonsten geh."
„Du wirst mich aus der Praxis meiner Eltern?", wollte sie entgeistert wissen, aber er schloss gereizt die Augen.
„Granger, ich werfe dich aus dem Zimmer, in dem ich mit deinem Vater sprechen will."
„Du wirst nicht viel Sprechen können. Kiefer schon taub?", erkundigte sie sich schließlich und er befühlte seinen Unterkiefer. Er nickte.
„Ja. Könntest du endlich verschwinden?" Er sah genau, wie sehr es ihr gegen den Strich ging. Und sie sagte die Worte, die, wie er annahm, nicht unbedingt das Schlechteste bedeuteten.
„Du bist verrückt."
Dann verschwand sie. Keine zehn Sekunden später, kam ihr Vater wieder ins Zimmer.
„Ich nehme an, Sie haben Interesse an meiner Tochter, Mr Malfoy? Meine Frau hat mir einiges von Ihnen erzählt. Neben Ihrem Geld haben Sie noch einige andere nicht so erfreuliche Eigenschaften. Sich in meinen Stuhl zu begeben könnte schmerzhaft enden. Aber damit scheinen Sie sich abgefunden zu haben?" Der Zahnarzt reinigte eine nicht vertrauenserweckende Maschine, die unangenehm laut surrte, wenn er sie betätigte.
Draco nickte langsam. „Bevor wir beginnen, erzählen Sie mir doch einfach, warum Sie es vorziehen, ohne Magie behandelt zu werden, wo dies doch angenehmer und schneller gehen würde. Sie haben meine Aufmerksamkeit für fünf Minuten."
Draco atmete langsam aus. Gut. Fünf Minuten waren nicht viel. Hoffentlich holte ihn das seltsame Delirium nicht ein und er erzählte nicht halb so viel Stuss, wie er gerade vorhatte zu erzählen. Salazar, er wünschte, Goyle könnte ihn jetzt sehen. Dann würde die Kündigung der Freundschaft vielleicht wieder zurücknehmen.
Ihre Finger trommelten auf der Tastatur. Sie merkte nicht mal, dass sie unsinnige Worte in die digitalen Akten tippte. Malfoy war verrückt geworden! Sie erwartete schon eine wütende Narzissa Malfoy, die ihr einen Fluch anhexen würde. Immer wieder warf sie einen Blick zur Tür. Ihre Mutter hatte ihr schon ein paar kühle Blicke zugeworfen. Anscheinend hatte ihr Vater gerade mit ihr gesprochen. Sie übernahm die weiteren Patienten.
Es waren fünfzehn Minuten vergangen. Einen Weisheitszahn zu entfernen dauerte für gewöhnlich eine Weile. Malfoy war doch so dämlich! Wieso tat er sich solche unnötigen Schmerzen an? Wieso wollte er mit ihrem Vater sprechen? Es kam ihr so mittelalterlich vor.
Und was dachte er? Dass er irgendein Zugeständnis von ihrem Vater bekam?
Sie atmete wieder aus. Wäre sie doch heute im Ministerium geblieben!
Die letzten Wochen kamen ihr ermüdend und höchst kompliziert vor.
Und was sollte das überhaupt bedeuten? Er hatte Lucius gesagt, ihm wäre alles egal? Was hieß das? Dass er sein Gold nicht wollte? Dass er nicht heiraten wollte? Oder dass er gerade eine Laune hatte? Merlin, sie hätte ihn niemals küssen dürfen! Ihr Herz machte einen kleinen Satz. Sie war so dumm! Er war aber noch viel dümmer. Was dachte er, was passieren würde? Dass sie doch seine Mätresse sein würde? So etwas würde sie niemals sein. Niemals tun!
Und die Tür zur Praxis öffnete sich ein weiteres Mal. Sie atmete vorsichtig aus. Das konnte nur etwas sehr Schlechtes bedeuten. Und sie hoffte, dass Malfoy so schnell wie möglich aus dem Zimmer kommen würde. Die Person lehnte sich mit einem eisigen Blick über die Theke und musterte sie zornig.
„Hallo. Mein Name ist Antoinette. Und Sie sind die Frau, die meinen Ehemann stehlen will?"
Hermines Mund öffnete und schloss sich wieder. Malfoy würde sich noch wünschen, hundert Weisheitszähne zu verlieren, wenn er erst mal aus seinem sicheren Zimmer herausgekrochen kam!
