Adam legte Little Joe in sein Bett und deckte ihn zu. „Und ist es warm genug oder brauchst du noch eine Decke?"
Joe schüttelte den Kopf. „Wenn du aber wieder frierst, rufst du mich, und ich bringe dir eine zweite Decke."
Sein Bruder nickte und schaute ihn weiter mit großen Augen an. „Little Joe, was ist los? Du bist so still. Fehlt dir noch etwas?"
Er schüttelte wieder den Kopf. „Joe, ich werde nicht eher rausgehen, bevor du mir nicht sagst, was mit dir ist."
Little Joe war kaum zu verstehen, so leise sprach er. „Ich warte nur?"
Adam legte die Stirn in Falten und sah ihn verwundert an. „Worauf was wartest du?"
„Dass du mit mir schimpfst und du mir sagst, wann wir in den Stall gehen."
Adam konnte seinen kleinen Bruder nicht wütend ansehen, so wie er dort in dem Bett lag und ihn mit großen Augen ansah. So legte er seine Hand auf Joes Bein und lächelte. „Little Joe, war ich mit dir schon einmal im Stall?"
Little Joe schüttelte wieder den Kopf. „Dann werde ich es jetzt auch nicht machen und auch nicht in der Zukunft, aber das bedeutet nicht, dass ich nicht sauer auf dich bin."
„Es tut mir Leid, Adam."
„Little Joe, wie kannst du einfach weglaufen? Hoss hat dich überall gesucht."
Joe rutschte etwas tiefer unter die Decke. „Ich wollte das ja eigentlich nicht, aber ich hatte mich hinter dem Haus versteckt und da lagen einige Tannenzapfen und unten am See liegen doch größere…..,ich wollte nur noch schnell welche holen …..,für den Kamin."
Joe und seine wilden Ideen. Adam würde die nie verstehen können. „Hoss wäre doch sicher mit dir zum See gegangen. Du hättest nur ein Wort sagen müssen."
„Ich wollte doch gleich zurück sein."
Wenn sein kleiner Bruder ihn so ansah, konnte man sehen wie viel Ähnlichkeit er mit Marie hatte. Er war genauso voller Lebensfreude, wie sie es war. Auch immer in Bewegung und voller spontaner Ideen. Wenn er nicht lernen würde, auch die Gefahren zu erkennen, in die er sich begibt, würde er früher oder später auch einen schlimmen Unfall haben. Adam hoffte nur, dass es dann nicht so enden würde, wie bei Marie.
Auch nach so vielen Monaten noch, überlegte Adam, wie er Joes Mutter das Wettrennen hätte ausreden können. Etwas besser konnte er jetzt verstehen, dass sein Vater seine Wut auf ihn gerichtete hatte. Er ärgerte sich ja auch darüber, dass er nicht mehr auf sie eingeredet hatte.
„Joe, wie bist du nur auf diese dumme Idee gekommen auf den Baum zu klettern? Ich habe dir doch so oft schon gesagt, du sollst dir einen Baum vorher genau dahin ansehen, ob du auch wieder von alleine runter kommst. Ganz abgesehen davon, dass du nicht ohne Bescheid zu sagen, auf irgendwelche Bäume herumklettern sollst."
„Aber an dem Ast hing doch so ein großer Zapfen. Das war der Größte, den du je gesehen hast."
Adam holte tief Luft. Wie immer verstand Joe nicht, worum es Adam ging. „Joe, wenn Hoss und ich dich nicht gefunden hätten, wärst du irgendwann ins Wasser gefallen. Entweder, weil du keine Kraft mehr gehabt hättest, oder weil du vor Kälte eingeschlafen wärst. Und soll ich dir sagen, was dann mit dir passiert wäre?"
Little Joe flüsterte wieder. „Dann wäre ich tot….,so wie Mum…."
„Joe, ich möchte dich nicht auch noch verlieren. Bitte versprich mir, dass du in Zukunft darüber nachdenkst, was du machst. Versuche, nicht immer so impulsiv zu sein."
Little Joe nickte eifrig.
„So, jetzt probiere, deine Augen zuzumachen und zu schlafen."
Adam stand auf und gab seinem Bruder einen Kuss auf die Stirn, richtete noch einmal seine Decke und verließ das Zimmer. Little Joe sah noch lange auf die geschlossene Tür. In seinen Augen war sein Bruder ein Held. Er hätte sich nie in das kalte Wasser getraut. Ein Schauer durchfuhr ihn wieder, als er an den Moment dachte, als er vom Ast abrutschte. Und sein Bruder stand eine ganze Weile im kalten Wasser, ohne etwas zu sagen. Das würde er nie schaffen. In Zukunft würde er alles machen, worum Adam ihn bitten würde und er würde mehr aufpassen. Nur mit einer Sache hatte er ein Problem. Er hatte keine Ahnung was impulsiv ist.
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Adam lief die Treppe hinunter und wollte sich noch eine Weile vor den Kamin setzen, um sich etwas aufzuwärmen, bevor er ins Bett gehen wollte. Er hatte sich, nachdem er mit Joe die Ponderosa erreicht hatte, nur schnell umgezogen. Danach hatte er sich dann mit Hop Sing um seinen Bruder gekümmert. Zwar hatte er schon zwei Tassen Tee getrunken, aber so richtig warm ist er davon nicht geworden, aber Adam wollte nicht Hop Sing nochmal bitten, eine neue Wanne mit warmen Wasser zu befüllen da der Chinese schon genug mit Joe und dem Abendbrot zu tun gehabt hatte.
Worüber Adam sehr erleichtert war, war dass er sich, seit ihr Vater verschwunden war, jederzeit auf Hoss verlassen konnte. Dieser kümmerte sich abends immer um die Pferde und den Stall und so brauchte er nicht nochmal raus, um alles nachzukontrollieren.
Am Fuß der Treppe angelangt, sah er dann überrascht zum Kamin. „Hoss, was machst du denn noch hier unten? Wolltest du nicht auch schon ins Bett gehen?"
Hoss blaue Augen schauten ihn schuldbewusst an. „Schläft Little Joe?"
„Noch nicht, aber ich nehme an, dass es nicht mehr lange dauern wird."
„Adam, es tut mir so leid. Ich werde in Zukunft nicht mehr mit ihm Verstecken spielen."
Adam hätte wissen müssen, dass sich Hoss wieder Vorwürfe macht obwohl eigentlich er doch schuld daran ist, was passiert ist, und nicht sein Bruder. Adam konnte doch nicht erwarten, dass Hoss die ganze Zeit auf Little Joe aufpasst. Auch wenn er im selben Alter immer auf Hoss aufgepasst hatte, ist das mit Little Joe doch etwas anderes. Adam hatte nie diese Probleme mit Hoss gehabt. Zwar ist er auch das eine oder andere Mal abgehauen, aber er hatte sich nie unüberlegt in Gefahr gebracht.
Adam setzte sich vor den Kamin und zeigte auf den Platz neben ihm. Mit gesenktem Blick nahm Hoss neben seinem Bruder Platz. „Hoss, mach dir bitte keine Vorwürfe. Du kannst nichts dafür. Wir können Little Joe doch nicht den ganzen Tag im Zimmer einsperren. Er muss - wie wir beide – lernen, über seine Handlungen erst nachzudenken und darüber, dass das Leben hier auch mit Gefahren verbunden ist."
„Aber dir passiert doch so etwas nicht. Du hast auf mich aufgepasst und auch auf Little Joe und nie ist etwas passiert."
„Ich hatte Glück mit dir gehabt. Du warst nie so wild wie Joe und außerdem war auch Koko oft dabei, wenn ich ein Auge auf dich haben sollte."
„Ich habe aber das Gefühl, dass du immer alles richtig machst und ich nicht. Es sieht bei dir immer alles so leicht aus. "
„Hoss, du machst doch nichts falsch. Weißt du, wie viel du mir hilfst, indem du dich um die Pferde kümmerst und für Little Joe in der Schule und danach da bist? Vieles würde ich nicht schaffen, wenn du mir nicht helfen würdest."
Hoss bekam rote Wangen und sah schüchtern auf seine Schuhe. „Ach Adam, das sagst du doch nur so….,eine richtige Hilfe wäre ich doch nur, wenn ich dir bei deinen Aufgaben helfen könnte."
„Hoss, jeder macht das, was er besten kann; dir liegt die Arbeit mit den Pferden und mir die geschäftlichen Sachen und im Frühjahr kannst du mir sicher schon bei den Zäunen und beim Zusammentreiben der Rinder helfen."
„Aber bei Little Joe habe ich versagt. Du hast immer so auf mich aufgepasst, dass mir nichts passieren konnte."
„Hoss, darf ich dich an die Geschichte mit den Klapperschlangen erinnern? Wo habe ich da auf dich richtig aufgepasst? Das hätte auch schief gehen können. Glaube mir einfach, solche Sachen wie heute, passieren. Wichtig ist nur, dass man etwas daraus lernt und ich hoffe, dass unser kleiner Bruder endlich begriffen hat, dass er erst denken und dann handeln soll."
Hoss schaute zu Adam. „Glaubst du das, Adam?"
„Nein…,aber ich hoffe es, Hoss."
Eine Weile saßen sie nur da, ohne etwas zu sagen. Gerade als Adam seinem Bruder sagen wollte, dass er nun ins Bett gehen sollte, atmete dieser tief durch und sah ihn an. „Adam. Meinst du Pa ist zu Weihnachten wieder zu Hause?"
Adam hatte geahnt, dass seine Brüder ihn irgendwann danach fragen würden, aber warum muss es nur heute sein. Er wollte doch nun endlich auch in das warme Bett und außerdem wusste er nicht, was er Hoss sagen sollte. „Ich weiß es nicht, Hoss."
„Hat er sich nicht einmal bei dir gemeldet?"
Adam fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht. Er hatte Hoss bei ihrem letzten Gespräch versprechen müssen, dass er ihm immer die Wahrheit sagen würde, was ihren Vater betrifft. „Er hat mir einen Brief geschrieben."
Hoss Kopf schnellte nach oben, und er sah ihn mit weit auf gerissenen Augen an. „Und wo ist der Brief? Warum hast du uns den nicht vorgelesen?"
„Hoss, Pa hat nicht viel geschrieben."
Hoss Stimme wurde lauter. „Aber er hat uns geschrieben und du hast es uns einfach nicht gesagt." Adam sah auf seine Hände. „Adam? Was stand in dem Brief?"
„Dass ich mir keine Sorgen machen soll und es ihm gut geht."
Hoss konnte vor Aufregung nicht mehr sitzen bleiben. Sein Pa hat ihnen geschrieben, vielleicht heißt das, dass er bald nach Hause kommt. „Was hat er noch geschrieben? Wann kommt er wieder?"
Erwartungsvoll sah Hoss seinen Bruder an, aber als dieser den Kopf hob, ahnte er schon an Adams Blick, dass die Antwort nicht gut sein würde. „Hoss, mehr hat er nicht geschrieben. Das war alles."
„Das kann doch nicht alles gewesen sein?"
„Deswegen habe ich euch nichts gesagt. Ich wollte nicht, dass ihr enttäuscht seid."
Hoss setzte sich wieder neben Adam. Seine Euphorie war wie weggeblasen. „Du glaubst nicht daran, dass er Weihnachten wieder da ist. „
„Ich denke nicht. Aber nicht, weil er nicht will, sondern weil das Wetter so schlecht ist."
Er konnte Hoss enttäuschte Augen nicht länger sehen. Adam wusste, dass er mit dem, was er jetzt sagen würde, sich weit aus dem Fenster hängt. „Ich gehe davon aus, dass er nach dem Winter wieder nach Hause kommt."
Sofort hatte sein Bruder wieder ein Glitzern in den Augen. „Glaubst du das wirklich? Er kommt nach Hause und hat uns nicht vergessen?"
Adam versuchte zu lächeln. „Natürlich, Hoss. Er würde uns doch nie vergessen. Wir sind doch seine Familie."
Hoss ganzes Gesicht strahlte vor Freude. „Vielleicht kommt ja zu Weihnachten ein Brief von ihm."
„Ja Hoss, vielleicht kommt einer an." So richtig konnte Adam das nicht glauben, aber sein Bruder hatte wieder etwas, woran er glauben konnte. „Hoss, ich denke, wir sollten jetzt Schluss machen. Es ist schon recht spät und morgen ist wieder Schule."
Ziemlich erleichtert stand Hoss auf. „Gute Nacht, Adam:"
„ Gute Nacht Hoss."
An der Treppe blieb Hoss noch einmal kurz stehen. „Adam,…danke, dass du immer für uns da bist."
Adam lächelte seinen Bruder an. „Hoss, dafür sind Brüder da."
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Eine gute Woche später verbrachten die drei Brüder den Nachmittag bei Koko zu Hause und feierten ihren Geburtstag. Adam hatte sich auf das Sofa gesetzt und genoss die Wärme des Kamins.
„Du siehst müde aus. Hast du schlecht geschlafen?"
Koko hatte sich zu ihm gesetzt und Adam streckte sich. „Eigentlich nicht. Ich denke, das kommt von den letzten zwei Tagen. Das Dach der Baracke der Cowboys hat den ersten Schneefall nicht ausgehalten, und so mussten wir von früh bis spät arbeiten, um ein neues Dach zu bauen. Ich nehme an, das steckt mir einfach noch in den Knochen."
„Bist du sicher?"
„Natürlich. Außerdem, wenn ich bei euch bin, kann ich immer abschalten, und ich muss mich dann um nichts mehr kümmern."
„Ach, deswegen bist du so oft hier und ich dachte immer, weil du uns magst."
Adam legte den Finger an den Mund, sah leicht zur Decke und gab vor, stark nachzudenken. „Na, ja, ihr seid ganz nett."
„Adam.." Koko boxte ihm in die Seite. Dann sah sie über ihre Schulter zu Little Joe. „So wie es aussieht, hat Little Joe seinen Ausflug auf den Baum gut überstanden. Er hat nicht mal eine Erkältung bekommen."
„Ja, er hatte mal wieder mehr Glück als Verstand gehabt. Aber ich bin froh, dass er es so gut überstanden hat. Schau ihn dir doch an. Wenn er eine Grippe oder Lungenentzündung bekommen hätte, würde er das schlecht wegstecken können. Er ist doch nur ein Strich in der Landschaft."
„Oh ja ,ich kann mich gut erinnern, dass Marie und dein Vater jeden Winter um ihn Angst hatten…..Entschuldigung, Adam. Das wollte ich nicht."
Sie hatte gesehen, wie Adam bei der Erwähnung von Marie und seinem Vater ein ernstes Gesicht bekam. „Ist schon in Ordnung, Koko. Es stört mich nicht mehr, über Marie oder meinen Vater zu reden. Ich habe nur daran gedacht, wie Hoss und Joe dieses Jahr Weihnachten verkraften werden. Koko, ich hatte so gehofft, dass mein Vater noch dieses Jahr wiederkommen würde. Nicht für mich, aber für die beiden. Ich weiß nicht, wie ich mit ihnen fröhlich feiern soll?"
Wie immer, wenn sie merkte, dass er mit sich und seinen Gefühlen haderte, suchte sie den Körperkontakt zu ihm. So nahm sie seine Hand und setzte sich dichter an ihn heran. „Dann kommt doch zu uns, auch wenn wir das Weihnachtsfest nicht so feiern wie ihr. Wir sitzen dann zusammen und es gibt etwas Besonderes zu essen."
Er lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. „Koko, ganz ehrlich. Ich habe keine Ahnung, wie ich ohne euch die letzten Monate überstanden hätte."
Koko sah ihren Freund besorgt an. „Adam, ist wirklich alles in Ordnung mit dir?"
Ohne die Augen zu öffnen, antworte er ihr. „Wie ich schon gesagt habe, bin ich nur müde und ziemlich fertig."
Sie saß eine ganze Weile schweigend neben ihm. Dann merkte sie, dass er eingeschlafen war. Koko stand auf und setzte sich zu ihrer Mutter an den Tisch, die mit Hoss und Joe Karten spielte. Aponi sah erst sie und dann Adam verwundert an.
„Was ist passiert? Ihr habt euch doch nicht etwa gestritten."
„Nein. Er ist eingeschlafen."
Ihre Mutter blickte zu Adam hinüber. „Geht es ihm nicht gut?"
„Er sagt, er ist nur müde. Er hätte die letzten zwei Tage viel arbeiten müssen."
Hoss legte seine Karten zur Seite. „Mmh, das stimmt. Sie mussten ganz schnell ein neues Dach bauen. Davon ist er so kaputt. Als wir heute aus der Schule kamen, hat er auch am Schreibtisch geschlafen."
Aponi sah wieder zu Adam und fing an, sich etwas Sorgen zu machen. Sie kannte Adam jetzt schon zu gut, um zu wissen, dass er, egal was er gemacht hatte, nie am Tage einfach einschlafen würde und schon gar nicht zweimal. So nahm sie sich vor, das im Auge zu behalten. Am Sonntag würden die Drei wieder zum Mittagessen kommen. Dort würde sie dann Adam ansprechen, wenn es ihm nicht besser gehen würde.
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Adam stieg von Pferd ab und führte es in den Stall. Heute war wieder so ein Tag, an dem ihm jede seiner Bewegungen wehtat. Dabei war er so froh gewesen, dass er nicht mehr so müde war, wie an Kokos Geburtstag, aber jetzt, vier Tage später, fühlte er sich wieder, wie nach einem Viehtrieb. Er stellte Santoro in die Box, aber bevor er ihm jedoch den Sattel abnahm, lehnte er sich mit den Kopf dagegen und schloss die Augen. Bereits auf dem Weg zur Ranch musste er mehrmals anhalten, weil ihm immer wieder schwindlig wurde, aber das lag sicher nur daran, dass er die letzten Tage keinen richtigen Hunger gehabt hatte und somit zu wenig gegessen hatte. Adam gab sich einen Ruck und löste den Sattelgurt.
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Es war am frühen Vormittag und Adam stand in der Küche, um sich einen Tee zu machen. Während er wartete, dass das Wasser kochte, setzte er sich an den kleinen Tisch und legte den Kopf auf seine Arme. Das, was er versucht hatte, die letzten Wochen zu verdrängen, war jetzt nicht mehr möglich. Adam fühlte sich hundeelend. Sein Kopf und seine Knochen schmerzten nur noch und seit gestern hatte er auch noch einen Husten dazu bekommen. Zwar nicht den ganzen Tag, aber wenn er dann husten musste, hatte er das Gefühl, sein Brustkorb würde in tausend Stücke gerissen.
Aber er wollte und durfte doch nicht krank sein. Es war nicht mehr lange bis Weihnachten und er wollte es doch seinen Brüdern so schön wie möglich machen. Außerdem hatte er zu Hop Sing gesagt, dass er den Rest des Jahres bei seiner Familie bleiben konnte, da sie die Feiertage bei Koko verbringen würden. Er kann doch nicht allen, weil er sich nicht zusammenreißen konnte, die Weihnachtsfeiertage ruinieren.
Adam holte tief Luft und war nur froh, dass es Winter war und es auf der Ranch nicht so viel zu tun gab. So konnte er sich jetzt ausruhen, bis Hoss und Joe aus der Schule kommen würden.
Er hob den Kopf. Das Wasser war fertig. So richtig hatte er keine Kraft, aufzustehen. So starrte er eine Weile auf das kochende Wasser. Dann jedoch schob er den Stuhl zurück, erhob sich langsam und nahm die Kanne vom Herd, aber um sie umzufüllen, war er nicht mehr in der Lage. Adam musste sich am Herd festhalten, weil sich der Raum wieder drehte. Laut fluchend schleppte er sich zurück zum Stuhl. Er legte den Kopf wieder auf die Arme und schloss die Augen.
Adam schreckte hoch, als er die Wohnungstür zuschlagen hörte. Hoss und Joe waren aus der Schule zurück und unterhielten sich lachend im Wohnzimmer. Erneut fluchte Adam. So wie es aussah, ist er wieder eingeschlafen und hatte so vergessen, das Mittagessen vorzubereiten. Vorsichtig stand er auf, ging zum Waschbecken und spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht, um wieder etwas klar zu werden. Dann atmete er tief durch und ging zu Hoss und Joe.
Hoss verstummte, als er Adam aus der Küche kommen sah, aber Little Joe stürmte gleich auf Adam zu und erzählte ihm, was er alles heute in der Schule erlebt hatte.
Weiter schweigend schaute Hoss seinen Bruder an. Er hatte Koko heute erzählt, dass er sich um Adam Sorgen machte, das er wieder so oft müde war und kaum mit ihnen sprach. Er hatte lange überlegt, ob er ihr das sagen sollte, weil er ja wusste, dass Adam es nicht leiden konnte, wenn jemand dachte, er sei krank. Aber wenn er Adam jetzt sah, war es richtig gewesen, es Koko zu erzählen, damit sie Aponi Bescheid geben konnte.
Wie alle anderen auch, hatte Kokos Mutter gedacht, dass Adam wirklich nur von dem Bau der Baracke so erledigt gewesen ist, aber so wie es aussah, steckte doch mehr hinter seiner Müdigkeit. Adam war weiß wie die Wand und dadurch stachen seine dunklen Augenringe noch stärker hervor. Auch hatte Hoss ihn gestern husten gehört und das hörte sich nicht danach an, als ob er sich nur verschluckt hätte.
„Adam, ich habe einen Riesenhunger. Was gibt es denn heute?"
Little Joe sah ihn abwartend an. „Nichts, großes Little Joe. Ich hatte heute so viel zu tun und konnte nichts vorbereiten. Bring bitte deine Sachen nach oben und ich mache schnell etwas."
„Mach ich."
Little Joe drehte sich um und rannte in sein Zimmer. „Adam, warum ruhst du dich nicht aus und ich mache uns ein paar Brote."
Hoss war näher an Adam herangetreten. „Warum sollte ich mich ausruhen. Ich bin nicht müde."
Adam hatte so ernst mit ihm gesprochen, dass Hoss sich nicht traute, noch etwas zu sagen. Er würde Adam dann lieber in Ruhe lassen bis Aponi hier wäre. Auf sie würde Adam hören. Das wusste Hoss.
Adam drehte sich um und ging zurück in die Küche. Dort legte er seinen Kopf gegen die Wand und hatte keine Ahnung wie er den Tag noch überstehen sollte.
„Pa….,warum bist du nicht hier? Ich brauche dich doch."
Das war das letzte was er noch leise sagte, bis ihm schwarz vor den Augen wurde, seine Beine nachgaben und er zu Boden sackte.
