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Türchen 21
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Dean verlor jegliches Zeitgefühl, lauschte den Erzählungen seines Freundes und ertappte sich selber dabei, wie ihm das ein oder andere Mal ein Grinsen über das Gesicht schlich, wenn ein Bild vor seinem inneren Auge erschien. In anderen Momenten war diese Leichtigkeit wie weggefegt, erdrückt von der unterschwelligen Trauer und den verborgenen Gefühlen, die in den Worten des Ältesten steckten. Bobby pflegte für gewöhnlich alles, was seine Ehe betraf, hinter dicken Türen wegzuschließen, im einen, wie auch anderen Sinne. Umso mehr war Dean überrascht von der spontanen Offenheit hinter ihm. Kleine Lücken in seiner eigenen Kindheit füllten sich mit Bildern und mit unausgesprochenen Fragen, die nun halbwegs beantwortet wurden.
Dean konnte sich gut an den kleinen Rumsfeld erinnern, besonderes daran, wie das freche Ding ihm einmal in den Hintern gebissen hatte, als er nicht schnell genug seinen Lieblingsstock wieder in die Luft befördert hatte. Sammy war vor Lachen fast erstickt, was das vierbeinige Monster wiederum als Dank mit einer wilden Schleckorgie in dessen Gesicht quittierte. Das dynamische Duo. Die beiden hatten sich immer schon gut verstanden und seltsamerweise hatte das kleine, sabbernde und große Brüder in den Allerwertesten beißende Tier etwas geschafft, was davor hauptsächlich nur Dean gelungen war und manchmal, ganz selten auch John: Er zauberte ein unbeschwertes Lächeln auf das Gesicht des Jüngsten zusammen mit einem Leuchten in den Augen, das jeden Stern am Himmel zum verblassen brachte.
Dean fuhr sich seufzend mit der Hand über das Gesicht – damals waren andere Zeiten, irgendwie ein anderes Leben, auch wenn die Realität eine ähnliche war, mal abgesehen von der Apokalypse, der Verkrüppelung und dem Tod sehr enger Freunde, bis hin zu einem Bruder dessen Augen jetzt weniger vor Freude leuchteten, als eher zu einem schwarzen Loch wurden, an dessen Ende die Hölle auf Erden wartete.
Aber noch war es nicht soweit - wenn sie zusammen hielten, konnten sie durchhalten, nur brachte es weniger etwas, wenn er hier auf dem kalten Boden hockte, sich selbst bemitleidete und das Klo voll kotzte wegen Dingen, die nicht mehr zu ändern waren.
Mit dieser - gelinde gesagt - beschissenen Selbstmotivation stand er auf, blickte kurz in den Spiegel der über dem winzigen Waschbecken hing und schüttelte den Kopf über das was er darin sah. Wie hieß dieser Typ doch gleich noch mal, der aus seinem Lieblings Zombie-Video?!
Eine Hand voll Wasser ins Gesicht geworfen, eine weitere um den Geschmack aus dem Mund zu vertreiben und ein erneuter Blick in grüne Augen.
‚Reiß dich zusammen!', wenn schon nicht für sich selber, dann für Bobby und Sam.
Als hätte Letzerer nur auf seinen Einsatz gewartet klopfte es leise gegen die Tür, ehe Bruchteile später Sam zu hören war.
„Dean?"
Ein tiefer Seufzer.
„Entweder du antwortest, oder ich komme rein."
Die Stimme außerhalb klang bei weitem nicht mehr wie die, die vor kurzem dank Bobby verstummt war, diese war entschlossen zu allem, stark und unnachgiebig.
Sich selber mit hoch gezogenen Augenbrauen im Spiegel mühsam angrinsend, überlegte er, ob es das Wert wäre, zu sehen, ob Sam ernst machen würde - andererseits hatten sie beide schon genug Türen in diesem Haus auf dem Gewissen.
„Okay Winchester, Showtime.", mit dieser letzten Ermutigung drehte er sich um, überwand die unglaublichen fünf Zentimeter zur Tür, griff nach dem Knauf und öffnete sie, gerade noch um mitzubekommen, wie Sam sich mit vollem Einsatz dagegen werfen wollte.
Bobby saß daneben und sah aus als hätte er eine übergebraten bekommen; starrte zuerst Sam völlig entgeistert an, dann wieder Dean, immer hin und her.
Die Situation barg eine gewisse Komik, die jedoch anscheinend außer Dean niemand mitbekam. Sam bremste gerade noch so ab, rumpelte dennoch halb in seinen kleinen großen Bruder ehe er ihn mit fragendem Blick musterte und nach einem Grund für dieses Grinsen suchte, an das vor weniger als einer Stunde noch nicht einmal ansatzweise zu denken war.
„Hey bro …", ein Nicken zu Sam und schließlich ein kurzer Schwenk zu Bobby, der ihn anglotze, als wäre ihm plötzlich ein Einhorn gewachsen: „Wo ist die Axt, die die sonst immer hinter der Tür steht?"
Okay, die Wandlungen die mit diesen Worten kamen hätten nicht besser sein können und Dean lachte aus vollem Herzen los, dass ihm beinahe wieder Tränen über das Gesicht liefen. So seltsam es auch war, er fühlte sich besser, viel besser und das Lachen gab ihm die nötige Kraft sich selber wieder aufzurappeln und die letzte Stunde zu vergessen, zumindest Teile davon. Sein Job war es auf seine Familie acht zu geben, sie zu beschützen und wenn das eben hieß, dass er ihnen die Last der Sorge von den Schultern nahm und sie wieder selbst trug, so sollte es eben sein.
Ein Klapser auf Sams Schulter, der unvorbereitet glatt etwas Schlagseite bekam und ein Dean Winchester, der sich an beiden Männern vorbei schob, die ihm verdutzt nachblickten und schnurstracks zu Haustür ging, seine Jacke vom Hacken rupfte und energisch in die Nacht hinaus stiefelte.
Kaum draußen atmete Dean die frische, klare Luft der Nacht ein, ließ sie sauber in seine Lungen strömen und ihn klarer werden.
Lachen war definitiv besser als heulen, auch wenn ihm tief in seinem Inneren immer noch gewaltig danach war.
Mit den Fingern umständlich die Jacke schließend und dabei mit den Augen die Umgebung absuchend, fand er schnell das Objekt seiner Begierde. Die alte Axt stecke in einem alten Holzklotz, unbenutzt seit dem Tag, als Bobby nicht mehr so ohne weiteres hinaus konnte.
Ohne weiter zu zögern griff er beim Losgehen nach der Taschenlampe, die immer bereit neben dem Eingang stand und steuerte sein Ziel an. Gerade als er schnaufend das Stück Stahl aus dem gefrorenen Baumstamm ziehen wollte, quietschte die Tür erneut und ein sichtlich irritierter Sam stand im Rahmen, schon mit dem halben Arm in der Jacke, dabei einen abgenutzten alten Wollschal mit den Zähnen festhaltend und suchte das verlorene Schaf der Familie.
Als seine Augen den Älteren gefunden hatten und dieser gerade die Axt mit einem Ruck löste, konnte Dean selbst aus der Entfernung erkennen, dass nicht viel fehlte und Sam ihn für einen Irren hielt, der gleich die Nachbarschaft umlegte.
„Kommst du mit?"
Okay, die Falte auf der Stirn des Jüngeren bewies, dass Dean genau richtig lag mit seiner .
Stille.
„Also -…?"
Immer noch nichts, was wohl auch kein Wunder war, wenn man den Umstand betrachtet, das Dean gerade dastand, eine Axt sachte in der Hand schwingend, einen klitzekleinen Nervenzusammenbruch im Rücken und einen Ex-Junkie vor sich.
„Himmel, Sam, ich will niemanden umlegen, ich denke nur, morgen ist Weihnachten und na ja - …", eine kurze verlegende Pause "wir brauchen doch das passende Grünzeug."
Mit diesen Worten drehte Dean sich um und ging langsam in die Nacht davon, den Weg vor sich nur beleuchtet durch den schmalen Schein der Taschenlampe in seiner Hand.
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