Endlich hatten sie das Ende der Sümpfe erreicht.

Ginny blinzelte in das Sonnenlicht, das sich dahinter erstreckte.

„Ich hätte nie geglaubt, dass ich so was wie echtes Licht mal vermissen würde", murmelte sie und schloss die Augen.

Draco versuchte, gegen die gleißende Sonne etwas zu erkennen.

Beide fuhren herum, als sich hinter ihnen wieder ein flüsterndes Geräusch erhob. Aus einer Schlammpfütze entstand ein Wirbel, der sich schließlich in ein Gesicht verwandelte.

Ginny keuchte überrascht, und Draco, der hinter ihr stand, wich zurück.

Es war das Gesicht von Albus Dumbledore.

„Wir wünschen euch, dass ihr euer Ziel erreicht." Die Stimme bestand aus einem Rascheln, wie Laub, das von Herbstbäumen fiel. „Unsere Gedanken sind mit euch. Der König der Untoten ist auf euren Fersen, aber Wir werden ihn aufhalten, solange Wir können."

„Wer sind Sie? Wer sind Sie wirklich?" fragte Ginny mit zitternder Stimme.

Draco krallte sich in ihren Arm, und Blossom, die auf seiner Schulter saß, quietschte. Es hörte es sich fast erfreut an.

„Der Sumpf der Götter, Fremdlinge. Habt keine Furcht vor Uns, Wir stehen auf eurer Seite, seitdem ihr Unseren Boden betreten habt."

Dumbledores Gesicht aus Schlamm verzog sich nachdenklich.

„Wir nehmen Gestalt an, die Wir aus euren Gedanken spiegeln. Lasst euch dadurch nicht erschrecken. Sollten Wir vielleicht lieber diese annehmen?"

Wieder ein Wirbel von Schlamm, und diesmal manifestierte sich das Gesicht von Severus Snape über dem Sumpfloch.

„Ist mir wesentlich angenehmer", murmelte Draco, während Ginny abwehrend den Kopf schüttelte.

Snapes Lippen verzogen sich zu einem Grinsen, und er schüttelte leicht den Kopf, wobei der Schlamm aufspritzte.

„Oh, ihr seid amüsant", sagte er – Es – und das Rascheln der unsichtbaren Blätter wurde lauter. Es hörte sich fast wie ein Lachen an. „Wir haben schon lange nicht mehr so etwas wie euch gesehen. Behaltet das bei, und ihr werdet Welten regieren!"

„Das wollen wir doch gar nicht." Ginny griff unwillkürlich nach Dracos Hand, und der Slytherin drückte sie leicht. „Wir wollen doch bloß nach Hause!"

Snapes Gesicht, geformt aus Licht und Sumpf, wurde ernst.

„Kleine Lady, hier geht es nicht mehr allein um euren Wunsch, nach Hause zurückzukehren – darum ging es nie. Ihr werdet die Stadt des Todes erreichen, aber ihr werdet Gesellschaft bekommen, Wir sehen es deutlich. Wir können uns bemühen, sie aufzuhalten, aber der König der Untoten kennt einen Weg, Uns zu besiegen und den Durchgang zu gewähren. Die letzte Schlacht wird anbrechen, und ihr werdet euch nicht heraushalten können."

Dracos Gesicht wurde nun grimmig.

„Genau, wie ich es geahnt habe", murmelte er.

„Aber das Portal!" sagte Ginny gespannt. „Existiert es wirklich, oder war das nur eine Lüge?"

„Es existiert, ohne jeden Zweifel."

„Wenigstens etwas. Wie weit müssen wir noch gehen, bis wir die Totenstadt erreicht haben?" erkundigte sich Draco.

„Sie liegt vor euch."

„Das ist doch unmö ..." Draco drehte sich wieder um und verstummte dann mitten im Satz.

Seine Augen hatten sich erst an das Licht gewöhnen müssen, aber was dahinter lag, übertraf seine kühnsten Erwartungen.

Auch Ginny sah fassungslos darauf.

Sie standen am Fuße eines gewaltigen Berges. Er war so hoch, dass man die Spitze mit dem bloßen Auge kaum erkennen konnte. Eine breite Straße mit geradem, glattem Pflaster wand sich wie eine Schlange zu ihr hinauf. Immens viele Steinbauten, manche so groß wie ein Palast, manche nicht größer als eine Hütte, waren dicht an dicht gebaut. Obwohl man sehen konnte, dass sie lange verlassen waren, strahlten sie immer noch Eleganz und Prunk aus. Viele waren mit mattschimmerndem Metall verziert, einiges davon sah aus wie echtes Gold.

„Und die sind besiegt worden? Die Erbauer? Von was, um Merlins Willen?!" Draco konnte es nicht fassen.

„Sie wurden verdorben", sagte der Sumpf hinter ihm. „Das Böse erhielt Einzug in ihren Herzen und fraß sich von innen durch die Reihen, und am Ende haben sie sich gegenseitig vernichtet, als ihr Hass aufeinander groß genug war."

„Alle? Es können doch unmöglich alle gegeneinander gekämpft haben!" Ginny sah betroffen aus. „Was ist mit Frauen, Kindern? Alten Menschen? Warum ist überhaupt keiner mehr hier?"

„Unglücklicherweise doch. Und nachdem die letzte Schlacht vorbei war, erlagen die wenigen letzten Menschen – es war nicht mehr als eine Handvoll - dem Portal, das ihr so verzweifelt sucht. Es ist sehr mächtig, sehr alt – und sehr böse."

„Moment mal, Auszeit, da komme ich nicht mehr mit!" Draco hob abwehrend die Hände. „Davon haben wir überhaupt noch nichts gehört! Wie kann ein Gezeitenportal böse sein? Es ist nur ein Tor, richtig?"

„Falsch. Weißt du denn, wie ein feststehendes Portal entsteht, du, der sonst immer auf alles eine Antwort hat?"

Trotz der ernsten Situation musste Ginny kichern.

Draco warf ihr einen bösen Blick zu.

„Nein. Bis wir hierher kamen, wusste ich nicht einmal, dass so etwas wie ein feststehendesPortal überhaupt existiert."

„Kurzfristige Gezeitenportale sind wie ein Riss in den Dimensionen. Der Riss heilt, und sie sind unwiderruflich geschlossen. Ein feststehendes Portal dagegen entsteht immer, wenn ein Loch gerissen wird das sich nicht mehr schließen kann. Und um einem Missbrauch zu verhindern, wird ein Wächter eingesetzt, der sich dauerhaft mit dem Portal verbindet. Doch dieser Wächter war keine gute Wahl."

„Wer setzt sie ein? Die Wächter? Und wer hat die Macht, einfach so mir nichts dir nichts die Dimensionen dauerhaft zu zerstören?"

„Das wissen Wir nicht. Man sagt, die großen Götter selbst wählen sie aus. Sei es so, das ist nichts, was für euch wichtig ist. Das Portal schläft noch, aber das wird sich ändern, sobald ihr den inneren Ring betretet. Und danach seid auf der Hut."

„Kennen Sandrine und Tanadryl die Wahrheit?" fragte Ginny.

Das Gesicht aus Schlamm schüttelte wieder den Kopf.

„Sie wissen es nicht. Tanadryl will dieses Portal. Sandrine hat euch erzählt, mit einem solchen Portal könnt ihr euch buchstäblich zurückwünschen wo ihr hergekommen seid. Das entspricht der Wahrheit, und das ist Tanadryls Problem. Er kennt nur diese Welt, er kann sich nicht an einen Ort begeben, den er noch nie gesehen hat. Deswegen will er euch. Er weiß nichts von dem Wächter, und wenn er es wüsste, wäre es ihm egal. Wir können uns vorstellen, dass beide sogar bereitwillig zusammen arbeiten würden."

„Warum?"

„Weil das Böse sich immer gegenseitig erkennt. Ihr solltet jetzt gehen, der Weg nach oben ist weiter, als er aussieht. Und denkt immer daran, dass nicht alles auf dieser Welt gegen euch arbeitet."

Draco und Ginny sahen sich an, und dann wieder auf das Schlammgesicht.

„Woher wisst Ihr soviel?" fragte Draco nach einer Pause.

„Die Zeit zum Reden ist vorbei, junger Lord. Die Armeen der Untoten haben den Boden des Sumpfes betreten, gerade in diesem Moment, und Wir werden angegriffen. Ihr solltet euch beeilen. Scyro, kehr zu Uns zurück."

Die kleine Feuerechse sprang von Dracos Schulter und hüpfte ein paar Schritte auf den Sumpf zu. Dann zögerte sie, drehte sich um, und blieb zaudernd sitzen.

„Scyro, du hast deine Aufgabe erfüllt, und Wir sind sehr zufrieden mit dir. Aber dein Platz ist hier."

Sie haben Blossom geschickt?!" Ginny hatte geglaubt, so leicht könnte sie nichts mehr erschüttern, aber sie hatte sich geirrt. „Aber dann müssen Sie ja schon die ganze Zeit gewusst haben, dass wir hier sind, und das Sumpfgebiet durchqueren würden!"

„Wir wussten es, seitdem ihr durch das Gezeitenportal geworfen wurdet. Scyro sollte euch vor Gefahren bewahren, und sie hat das sehr gut gemacht. Doch nun ist es für sie an der Zeit, nach Hause zurückzukehren."

Die Echse gab einen klagenden Ton von sich, blieb aber unverwandt sitzen. Sie schien hin- und hergerissen zu sein, ihrem Herrn zu gehorchen oder den beiden anderen zu folgen.

„Draco – Scrawny – Portal – Blossom."

"Du kannst sie nicht begleiten, Scyro. Höre auf Unseren Befehl."

„Blossom – Abschied." Damit hüpfte sie auf Ginny zu, kletterte hastig an ihr hoch und umschlang mit ihren langen Schwanz zärtlich ihren Hals. „Scrawny – Glück."

„Vielen Dank für alles, Blossom. Du warst uns eine große Hilfe." Ginny hatte Tränen in den Augen.

Die Echse sah sie noch einen Moment an, dann sprang sie mit einem kräftigen Hüpfer zu Draco hinüber.

„Draco – Mistvieh."

„Genau." Auch Dracos Stimme hatte einen merkwürdigen Klang. „Ich hatte schon gehofft, ich könnte dich auf Pansy ansetzen, aber das muss ich wohl vergessen. Die hasst nämlich Eidechsen."

„Draco – Glück."

„Wir werden es brauchen. Alles Gute, Blossom."

Die Echse sprang auf den Boden und verschwand dann blitzschnell im Sumpf.

Wieder ertönte ein Rascheln wie von Blättern, und das Sumpfgesicht war ebenfalls verschwunden. Das immerwährende, grüne Leuchten, dass Draco und Ginny während ihrer Reise begleitet hatte, erlosch plötzlich, und der Sumpf sah tot und leer aus.

„Ob Tanadryl den Sumpf endgültig vernichtet?" fragte Ginny leise.

„Das glaube ich nicht. Aber Es hat recht gehabt – wir wollten uns jetzt darum kümmern, dass wir das Portal finden, bevor Tanadryl hier ankommt."

Ginny wollte etwas einwenden, und nickte dann nur.

„Gehen wir."