Fünfter Teil: Tomorrow and Tomorrow and Tomorrow
Kapitel 21
Hinüber in ein neues Leben
Teil 1: Das Inferno vom ersten November
Detective Constable Moore verfolgte seit einiger Zeit wie unter Hypnose den Sekundenzeiger der Wanduhr über dem Schreibtisch, an dem sein Kollege seit über zwanzig Minuten telefonierte. Nun ja, die meiste Zeit schien er auf die jeweilige Verbindung zu warten.
Die Uhr – sie ging falsch. Ging eine halbe Stunde nach. Merkte das hier eigentlich keiner? Vermutlich störte es diese Dörfler nicht. In dem Büro hier hatte wahrscheinlich sowieso seit Ende der Sommersaison niemand mehr gesessen. Wahrscheinlich kamen ohnehin nur Sommertouristen hier rein. Beschwerten sich, dass ihnen irgendwas abhanden gekommen war – so was wie dieser grün-rosa Kinderschwimmring mit Krokodilkopf zum Beispiel, der erschlafft im Regal mit den Fundsachen lag, direkt unter der Uhr –
Moore zuckte zusammen, als sein Kollege endlich doch noch den Hörer auf die Gabel legte.
"Also, Mr Fudge – es ist mir zwar, um ehrlich zu sein, unverständlich, aber wie es aussieht, hat das Büro des Premierministers Sie tatsächlich – äh, bestätigt." Detective Smith betrachtete den Mann, der sich hier in seine Untersuchung gedrängt hatte, mit schlecht verhohlener Neugier.
"Dann wäre das ja jetzt geklärt. Sehr schön. Was mich betrifft, so warte ich im Augenblick nur noch darauf, dass die von mir herbeorderte Spezialeinheit endlich eintrifft", erwiderte Fudge, der sich bis eben mit Adelia Gruff unterhalten hatte, seit einigen Minuten aber deutlich unruhig geworden war. "Während Sie telefonierten, erzählte Mrs Gruff mir von ihrem Verdacht, dass möglicherweise eine defekte Gasleitung zum Tod von Mr und Mrs Potter geführt haben könnte."
Detective Smith und sein Kollege Moore tauschten einen entnervten Blick.
"Unsere Leute führen eben eine intensive Untersuchung des Tatorts und der Opfer durch – Sie verstehen sicher, dass ich Ihnen im Moment –"
"Sie erwähnte unter anderem", fuhr Fudge ungerührt fort, "dass bei den Opfern keine Einwirkung äußerer Gewalt erkennbar war – das ist doch richtig, Mrs Gruff?"
Adelia nickte etwas unbehaglich. "Das hat Harris erzählt, der die – die Leichen vergangene Nacht gefunden hat. Er fand es seltsam, vor allem, weil ja eindeutig das Dach eingestürzt ist und wohl auch Fenster zerstört wurden – er meinte, vielleicht wären die Potters – äh, erstickt, und dann –"
"Mrs Gruff – Mrs Gruff, bitte! Dieser Harris hätte gar nicht so herumreden dürfen! Vermutlich spekuliert inzwischen das ganze Dorf über die Sache –"
"Das hätten die Leute in jedem Fall getan", sagte Fudge. "Mit diesem – Harris hieß der Bursche? – mit dem muss ich übrigens auch noch sprechen."
"Und ich möchte doch noch einmal nach dem Baby fragen, Detective Smith", sagte Adelia. "Vorhin sind wir unterbrochen worden. Die Potters hatten ein kleines Kind, aber Harris hat kein Kind im Haus gefunden."
Smith und Moore tauschten einen weiteren Blick, während Fudge an diesem Thema überhaupt nicht interessiert schien. Er starrte stattdessen wieder einmal auf seine Uhr.
Smith seufzte ergeben. "Nein, Mrs Gruff. Kein Baby. Es gibt ein Kinderbett im Haus sowie Spuren, die darauf hindeuten, dass die Potters ihr Baby bei sich hatten. Aber das Kind selbst haben wir nicht gefunden."
Adelia, die längst begriffen hatte, dass Fudge auch einer von den anderen war und deshalb vielleicht Dinge wusste, die den beiden Polizisten entgangen sein mochten, sah ihn nun ganz direkt und fragend an. Aber Fudge erwiderte ihren Blick mit höflicher Gleichgültigkeit.
"Also gut. Dann möchte ich Ihre Arbeit nicht weiter aufhalten, sondern nach Hause gehen, wenn Sie nichts dagegen haben", sagte Adelia schließlich und sah nun ihrerseits auf ihre Uhr. "Schon beinahe Mittag! Bitte entschuldigen Sie mich, ich hatte eine sehr kurze Nacht."
"Natürlich, Mrs Gruff. Möchten Sie, dass wir Sie mit dem Wagen bringen?"
Adelias Lächeln geriet ein bisschen gequält, während sie aufstand. Die Stunde auf dem klapprigen Plastikstuhl hier war nicht gerade eine Wohltat für ihre Knochen gewesen.
"Nicht nötig, vielen Dank, Detective Smith. Ich habe nur einen kurzen Weg. Also, Sie wissen ja, wo Sie mich finden: Lion's Lane Nummer sechs. Auf Wiedersehen!"
Die Tür hatte sich kaum hinter ihr geschlossen, da wurde sie auch schon wieder aufgerissen.
"Detective Smith – er sagt, er gehört zu Mr Fudge – ich konnte nicht –"
"Schon gut, Miss – äh – lassen Sie es gut sein!", sagte Smith müde. "Ich glaube, er wird bereits erwartet!"
Ein hoch gewachsener junger Mann stürmte an ihr vorbei in das Zimmer. Er trug eine unauffällige graue Uniform mit einem kleinen goldenen Abzeichen am Revers. Der ganze Mann schien grau und unauffällig zu sein, und Smith bemerkte, dass er anscheinend die Angewohnheit hatte, seine Augen stets halb geschlossen zu halten.
Ein Blick unter diesen gesenkten Lidern streifte grüßend die Anwesenden, dann wandte er sich sofort an Fudge, der ihm aber zuvorkam.
"Himmel, Forgettable, wo bleiben Sie denn?", fragte er ärgerlich. "Ich habe schon vor einer Stunde mit Ihnen gerechnet!"
"Verzeihung Sir, es gab – eine Menge nicht vorhersehbarer – Verwicklungen", stammelte der Mann aufgeregt. "Das Aurorenbüro – Sie wissen ja, die stehen schon seit heute früh in den Startlöchern –"
"Forgettable!"
"Scrimgeour ist persönlich bei Minister Purge erschienen, der sie ja nicht gehen lassen wollte, bevor – und dann kam raus, dass Mr Moody mit ein paar Leuten einfach ausgerückt ist, heute Morgen schon – und deshalb –"
"Forgettable!"
"Und dann hat Purge seinen Rücktritt verkündet – vor einer halben Stunde."
"Was?!"
"Ja, Sir. Und deshalb mussten wir warten – ich meine, die Zuständigkeiten mussten erst geklärt werden – wir konnten ja nicht einfach so –"
"Purge ist zurückgetreten? Ha! Das dürfte dann ja wohl die kürzeste Amtszeit gewesen sein, die es je – also, Forgettable, und wie kommt es, dass Sie jetzt schließlich doch noch hergefunden haben?"
"Ministerin Bagnold, Sir! Sie hat uns geschickt – wir sollen Ihren Befehlen folgen. Ich soll Ihnen sagen, Sie gibt Ihnen hier freie Hand."
"Was? Bagnold? Ministerin Bagnold –?"
"Sie hat das Ruder in die Hand genommen – platzte ins Chaos wie –", er lächelte, bei der Erinnerung erneut von Bewunderung überwältigt, aber ein passender Vergleich fiel ihm offenbar nicht ein, "nun ja, sie hat provisorisch die Regierungsgeschäfte übernommen, bis der neue Minister gewählt ist – der Wizengamot hat sie bestätigt – es ist alles rechtmäßig."
Fudge hatte seine selbstgewisse Gelassenheit kurzfristig eingebüßt. "Das ist ja alles – unglaublich – wieso muss ich erst von Ihnen davon erfahren – ich bin immerhin Stellvertretender Minister für –"
"Verzeihung, Sir, Sie waren nicht erreichbar!", wandte Forgettable schüchtern ein. "Ministerin Bagnold hat es versucht. Ach, und das Foto, das Sie heute früh angefordert haben, ist angekommen. Ich habe es mitgebracht – für den Fall, dass Sie es hier – äh – brauchen."
Fudge öffnete den grauen Umschlag, den Forgettable ihm überreicht hatte, und warf einen Blick auf den Inhalt. "Sehr gut. Ja, es hat mit diesem Fall zu tun. Ahem –" Endlich wurde ihm doch noch bewusst, dass um sie herum Muggel saßen, die ihrem Wortwechsel mit zunehmender Verwirrung folgten. "Wir sollten das auf später verschieben, Forgettable. Wo sind Ihre Leute?"
"Warten draußen im Wagen, Sir."
"Sehr gut. Dann werde ich –"
Aber sie sollten nicht mehr erfahren, was Fudge zu tun gedachte, denn in diesem Moment zerriss eine ohrenbetäubende Explosion die dörfliche Stille.
"Himmel, was war –", fuhr Smith auf und zuckte zurück, als er sah, wie sich in dieser Schrecksekunde Forgettables Augen weit öffneten. Sie waren blassgrau und sehr – seltsam –
"Los – in den Wagen!", rief Fudge und zog Forgettable mit sich. "Ich verwette meinen Besen, dass das mit dem Potter-Haus zu tun hat! Ich fürchte, wir haben einfach zu lange gezögert!"
Draußen vor dem Gemeindehaus parkte nicht nur Fudges eleganter Wagen hinter dem von Smith, sondern auch ein altmodischer Kleinbus, mit dem Forgettable und seine Einheit vorhin eingetroffen waren.
Während sie beide, dicht gefolgt von den beiden Detectives, zu ihren Wagen hasteten, quoll über den Häusern eine dicke schwarze Rauchwolke träge dem grauen Himmel entgegen.
"Die Richtung stimmt!", rief Smith. "Also zur Lion's Lane!"
"Fahren Sie, Gertrud!", sagte Fudge und schlug die Wagentür zu, wobei er beinahe seine Melone verloren hätte. "Jetzt zählt jede Sekunde! Lassen Sie uns hoffen, dass das keine Todesser sind!"
Miss Carmichael, die Sekretärin, blieb in der Eingangstür des Gemeindehauses zurück und sah fassungslos, wie sich der schwarze Rauch langsam über den Dächern des Dorfes ausbreitete.
Die Fahrt dauerte kaum drei Minuten. Am Sheep's Drive, der die Lion's Lane kreuzte, kamen ihnen fliehende Menschen entgegen, denen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand.
"Beeilen Sie sich!", schrie ihnen eine Frau zu, als sie den Wagen des Ministeriums mit seinem blaugoldenen Wimpel entdeckte. Sie zerrte ein vielleicht achtjähriges Mädchen mit sich. "Die Lion's Lane ist in die Luft geflogen! Das war einer von uns!"
"Dann ist es doch so, wie ich ahnte!", sagte Fudge grimmig, als sie in das Ende der Lion's Lane einbogen. "Dumbledore ist einfach zu gutgläubig!"
Hier brachte seine Fahrerin den Wagen so abrupt zum Stehen, dass Fudge mit seiner Melone gegen die Windschutzscheibe knallte und der dicht folgende Polizeiwagen beinahe aufgefahren wäre.
"Entschuldigen Sie, Mr Fudge! Aber Sie sehen ja selbst –"
Es war allerdings nicht zu übersehen, was die Vollbremsung erforderlich gemacht hatte: Dunkler Rauch rollte durch die kleine Straße und beschränkte die Sicht nach vorn auf wenige Meter. Während sie aus den Wagen stiegen, stürzten immer noch Leute aus dem Rauch hervor. Nicht wenige waren an der Ecke Sheep's Drive stehen geblieben, außerstande, weiter als nötig davonzulaufen.
"Forgettable! Auf ein Wort!", rief Fudge und winkte den Kommandanten seiner Spezialeinheit zu sich, der eben aus dem Bus sprang. "Mir ist klar, dass das hier nicht Ihr eigentliches Einsatzgebiet ist – fordern Sie also sofort Verstärkung an und tun Sie bis dahin, was Sie können! Ein Teil der Leute soll sich der Unglücksstelle von der anderen Seite nähern! Der oder die Täter dürfen nicht entkommen! Und, Forgettable – sollten Sie diesen Mann hier sehen, dann verhaften Sie ihn auf der Stelle." Bei diesen Worten hatte er den Umschlag aus seinem Umhang gezogen und Forgettable geöffnet hingehalten. "Und stellen Sie auch ein paar Mann dazu ab, mit diesen Leuten hier zu reden! Sicher haben sie gesehen, was passiert ist! Wer weiß, wie viele Lebende wir da vorne noch antreffen, die uns was erzählen können", murmelte er düster, bevor er Smith und dessen Kollegen Moore folgte und in den beißenden Qualm eintauchte.
Es war ein Inferno.
Unmöglich, sofort zu erkennen, was hier geschehen war. Immer wieder standen sie für Augenblicke so vom Rauch eingehüllt da, dass sie sich nicht orientieren konnten. Hustend und mit tränenden Augen arbeiteten sie sich am Straßenrand voran. Gelegentlich fuhr der Wind heftig in den Rauch hinein und wirbelte ihn hier und da auf, so dass die Straße erkennbar wurde – oder besser gesagt das, was von ihr übrig war –
Brocken des Kopfsteinpflasters – zersplitterte Holzstreben, von einem Gartenzaun vielleicht – das verbogene Stück eines Gartentors – ein gewaltiger Ast, quer über die Straße geschleudert, die in der Mitte aufgerissen zu sein schien –
Glasscherben. Und Blut. Ja, da lagen auch menschliche Körper.
Alle drei Männer fühlten, wie ihnen der kalte Schweiß ausbrach. So etwas hatten sie noch nicht erlebt. Einen Augenblick lang war Fudge sicher, dass hier niemand mehr lebte. Erst dann wurde ihm klar, dass der schrille Ton, den er schon die ganze Zeit über hörte, eine menschliche Stimme war, die in äußerstem Entsetzen kreischte. Sekundenbruchteile später konnten sie die Frau sehen, die zwischen den aufgerissenen Pflasterbrocken stand und schrie. Ein Mann in grauer Uniform – einer aus Forgettables Einheit – war bereits bei ihr.
Dann stellten sie fest, wie gut es war, dass sie sich dicht am Straßenrand gehalten hatten.
"Sehen Sie, da vorn ist die Straße völlig zerstört!", sagte Fudge fassungslos. "Der Riss muss mehr als zwei Meter tief sein!"
"Dürfte wohl hinkommen. Ich konnte sogar Kanalrohre erkennen", knurrte Smith.
"Oh mein Gott", rief Moore in diesem Moment und zeigte nach vorn, wo sich eben der Rauch hob. "Sehen Sie doch!"
Den dunkelblauen Mantel und die braune Handtasche zwischen umgeknickten, längst verblühten Stockrosen hatten sie vor noch kaum zehn Minuten im Polizeibüro gesehen –
Fudge und Moore hasteten weiter und beugten sich über die Frau, die die Gewalt der Explosion wie eine Puppe gegen einen halb umgerissenen Gartenzaun geschleudert hatte. Um ihren Kopf hatte sich eine Blutlache gebildet, die nun zwischen den Grashalmen langsam auseinander rann.
"Mrs Gruff!", rief Moore.
"Sie ist tot", sagte Fudge leise. "Ihr Kopf –"
"Rosie soll meine Blumen gießen", flüsterte Adelia. "Sagen Sie ihr das. Und jetzt sterbe ich."
Smith, der ihnen gefolgt war, schüttelte wie in Abwehr den Kopf.
"Wir hätten sie fahren sollen", murmelte Moore.
"Vermutlich lägen Sie dann jetzt beide hier – in Ihrem zertrümmerten Wagen", sagte Fudge, dessen Augen bereits wieder angestrengt den Rauch vor ihnen zu durchdringen versuchten.
"Hier sieht es aus wie nach einem Bombenanschlag", stellte Smith fest, um professionelle Nüchternheit bemüht. "Moore, wir brauchen sofort Verstärkung. Krankenwagen! Spezialisten! Machen Sie schon!"
Sein Kollege hastete zurück zum Wagen, dankbar, dem Anblick des Unglücksortes erst einmal zu entkommen. Für so etwas waren sie nicht ausgebildet. Solche Sachen kamen hier einfach nicht vor –
Smith aber wollte jetzt endlich einen Überblick über das Ausmaß der Katastrophe gewinnen und schritt zusammen mit Fudge den sich stark verbreiternden Riss in der Straße ab. Dabei bemerkte er irritiert, wie ihn die Leute von Fudges Spezialeinheit von beiden Seiten überholten und in den Rauchwirbeln wieder verschwanden. Woher kamen die plötzlich alle? In dem Kleinbus eben hatte er so um die acht bis zehn Leute gesehen – aber das hier waren doch viel mehr!
"Ah, endlich, die Polizei ist eingetroffen!", brüllte da auf einmal eine aggressive Stimme vom Straßenrand her. "Wenn man Sie braucht, dauert es ja immer 'ne Weile, bis Sie sich sehen lassen!"
"Ted! Bitte!"
Der Rauch begann sich aufzulösen, und sie sahen ein älteres Paar, das am Zaun eines verwilderten Gartens stand. Nur einen knappen Meter von diesem Zaun entfernt war der Straßenbelag abgebrochen, und unvermittelt öffnete sich ein tiefer Krater, in dem die Straße hier in beinahe ihrer ganzen Breite verschwunden war. Hier. Hier musste es passiert sein. Jenseits des Kraters war die Lion's Lane unversehrt. War es überhaupt möglich, dass sich die verheerende Kraft einer Explosion nur in eine Richtung auswirkte? Er beschloss, die Lösung dieses Problems auf später zu verschieben. Im Augenblick war etwas anderes viel interessanter. "Vor dem Haus der Potters", bemerkte er bedeutungsvoll. "Ein bisschen viel Zufall, oder was meinen Sie?"
Aber Fudge war gar nicht mehr neben ihm.
"Der da! Der war das!", brüllte Ted. "Vielleicht haben Ihre Leute ja Lust, ihn heute noch festzunehmen! Falls die sich hier rein trauen, heißt das!"
"Ted! Red' doch nicht so! Er meint es nicht so –"
Aber Smith hörte ihm erst einmal gar nicht mehr zu. Sein Blick war der Richtung gefolgt, in die Teds ausgestreckter Arm zeigte. Schräg gegenüber, nicht weit vom unbeschädigten Tor des Potter-Hauses entfernt, stand ein großer, dunkelhaariger Mann gefährlich dicht vor dem Loch in der Straße. Sein Gesicht war rauchgeschwärzt, und er starrte fassungslos in den Krater hinab. Seine Stiefelspitzen ragten über die Abbruchkante des Pflasters hinaus.
"He, Sie, seien Sie vorsichtig! Treten Sie zurück!", rief Smith.
Er selbst konnte nicht feststellen, was diesen Mann von den zwei oder drei anderen unterschied, die inmitten dieses Infernos noch auf ihren Füßen standen. Aber Fudges Leute schienen ebenso wie Ted der Überzeugung zu sein, dass er der Urheber der Katastrophe war. Vielleicht hatten die auch schon anderweitig Informationen bekommen. Auf jeden Fall tauchten in diesem Moment an die zehn Männer wie aus dem Nichts hinter dem Mann auf und umstellten ihn, soweit das möglich war. Einzig der Krater hätte ihm als Fluchtweg noch offen gestanden. Er sah allerdings gar nicht so aus, als ob er fliehen wollte, fand Smith. Er schien nicht einmal bemerkt zu haben, dass er umstellt war.
Smith fragte sich, ob der dünne grüne Stock in seiner Rechten eine Waffe sein konnte – wenn, dann auf jeden Fall keine, die er je zuvor gesehen hatte.
"Das hat der mit dem Ding da angerichtet!", brüllte Ted wieder und fuchtelte mit der Hand. "Ich hab's genau gesehen! Hat damit auf den anderen geschossen – dann gab's einen Blitz, und alles flog uns um die Ohren! Passen Sie bloß auf! Das ist ein Irrer!"
Smith beschloss, dass er ebenso gut diesen offensichtlichen Tatzeugen vernehmen konnte, wenn sich Fudges Männer bereits mit dem potentiellen Täter befassten. Wenn der Knabe vom Premierminister persönlich befugt war – sollte er doch machen!
"Also, Mister, dann hören Sie mal auf zu brüllen und erzählen Sie mir ganz genau, was Sie alles gesehen haben!", rief er und arbeitete sich am Rand des Kraters zu dem Gartenzaun vor, ließ dabei aber die Augen nicht von der Szene gegenüber.
"Legen Sie den Zauberstab nieder!", schrie Forgettable eben. "Oder wir entwaffnen Sie mit Gewalt!"
Zauberstab?! Sollte das eine umgangssprachliche Bezeichnung für die seltsame Waffe da sein? Er entdeckte erst jetzt, dass Fudges Leute selbst alle solche Stäbe in der Hand hielten. Wie auch immer, der Mann machte keine Anstalten, dem Befehl zu folgen. Er sah auf – Himmel, konnte es sein, dass der tatsächlich lachte?! – und machte dann den Fehler, den grünen Stab zu heben –
Smaragdgrün, dachte Smith. Genau wie die Melone von diesem Knallkopf!
Smith hätte jetzt vermutlich geschossen, auf den grünen Stab oder eher noch auf die Hand, die ihn hielt. Zumindest, wenn er in diesen Dingen geübter gewesen wäre –
Aber anstatt zu schießen, brüllte Forgettable ein vollkommen unverständliches Wort – musste eine andere Sprache sein, gütiger Himmel! – und daraufhin flog der Stab aus der Hand des Mannes in die Luft, beschrieb einen sanften Bogen in Forgettables Richtung und fiel dann herunter. Er traf die Bruchkante und rollte in den Krater hinunter. Unwillkürlich zog Smith den Kopf zwischen die Schultern, in Erwartung einer erneuten Explosion –
Es geschah jedoch nichts. Der Mann hob die Hände, aber es sah aus, als wolle er sich damit über die Leute, die sich nun auf ihn stürzten, lustig machen. Er lachte wirklich.
In diesem Moment taumelte ein älterer Mann auf Smith zu. Seine linke Gesichtshälfte war blutüberströmt, und geistesabwesend wischte er sich das Blut immer wieder mit der Hand aus dem Auge. "Um Gottes Willen, Mister, Constable – Sir – helfen Sie mir! Bitte!" Mit diesen Worten stolperte er Smith in die Arme.
"Beruhigen Sie sich – Hilfe ist unterwegs. Der Krankenwagen müsste jeden Moment da sein!"
"Das ist Rhys!", sagte die Frau am Gartenzaun und wurde zu Smiths größter Erleichterung vom Sirenengeheul des eintreffenden Krankenwagens übertönt.
"Sie sind verhaftet", sagte Forgettable eben zu dem Lachenden. "Ferula!"
Und Smith, dem das Blut des Verletzten auf den Kragen tropfte, fügte sich kopfschüttelnd der Absurdität der Situation, als er sah, wie Forgettable mit seinem "Zauberstab" Fesseln auf den Verhafteten abschoss, die sich selbsttätig um dessen Arme und Beine schlangen.
Verdammt praktisch, dachte Smith. Wahrhaftig, das war mal eine Spezialeinheit! Dagegen war James Bond mit seinen ausgeklügelten Waffen ein Waisenknabe! Er überließ den Verletzten, den er halbherzig gestützt hatte, einem Sanitäter, der plötzlich vor ihm stand.
Überhaupt wimmelte die Trümmerwüste auf einmal nur so von Menschen. Außer den Sanitätern waren da auch überall Fudges Leute, und als hätte das Sirenengeheul sie hervorgelockt, kamen jetzt die verschreckten Bewohner aus den Häusern der Lion's Lane hervor. Die meisten verfolgten stumm und mit starren Blicken, wie die Sanitäter ein Opfer nach dem anderen aus den Trümmern bargen. Hier kannte jeder jeden, und hin und wieder musste jemand daran gehindert werden, sich in die gefährlichen Trümmer zu stürzen, wo er einen Freund entdeckt hatte. Smith empfand vage Dankbarkeit für die Sanitäter und die Leute in den grauen Uniformen, die sich um die Opfer und die Angehörigen kümmerten. Er war nicht gut in so etwas.
Der Rauch hatte sich inzwischen ganz verzogen, und wie zum Hohn kam nun auch noch die Sonne durch die Wolken und warf ein paar grelle Strahlen auf die zerstörte Straße. Nasse Pflastersteine, Erdbrocken, dazwischen wie schreckliche Findlinge reglose Körper in Sonntagskleidung. Das Licht lag gnadenlos auf weißen, blutüberströmten Gesichtern.
Smith wischte sich mit einem Taschentuch das Blut vom Kragen und fühlte sich auf einmal überflüssig. Fudge schien die Sache hier komplett übernommen zu haben, und so verfolgte er ergeben die Verhaftung auf der anderen Straßenseite.
Erst jetzt, als er gefesselt war und zwei von Fudges Männern ihn an den Armen packten und abführen wollten, schien der Mann zur Besinnung zu kommen. Knurrend schüttelte er die Hände ab, die nach ihm griffen. Mit den gefletschten Zähnen, die aus seinem geschwärzten Gesicht hervorblitzten, sah er in dem Moment aus wie ein wütendes Tier. Aber die Leute schienen die Situation unter Kontrolle zu haben. Weitere Fesseln schlangen sich um ihn, bis er sich nicht mehr bewegen konnte, und dann packten sie ihn noch einmal und zogen ihn mit sich.
Nun erst entdeckte Smith das merkwürdige Fahrzeug, das jenseits des Kraters im unzerstörten Teil der Straße parkte. Es war ein ungewöhnlich quadratisches Auto, wie Smith noch nie eines gesehen hatte. Auf den ersten Blick schien es ihm gepanzert zu sein, dazu passte auch, dass es außer der Windschutzscheibe nur zwei schmale Sichtöffnungen an den Seiten hatte. Und es hatte keine Türen!
Dahin brachten sie den Mann, der sich von den sechs Leuten nun willenlos mitschleifen ließ. Smith beobachtete ungläubig, wie einer der Männer die panzergleiche Außenseite des Autos berührte und sich daraufhin ein Einstieg öffnete, groß genug, einen Mann durchzulassen. Im Innern des Wagens schien sich etwas wie ein Käfig zu befinden. Der Gefangene, dessen Beine so gefesselt waren, dass er kaum gehen, geschweige denn in einen Wagen steigen konnte, wurde von zwei Männern nicht eben zartfühlend hineingestoßen.
Das Letzte, was Smith von ihm sah, war sein Gesicht, das sich immer noch in diesem schrecklichen Gelächter verzerrte.
Noch einmal fragte er sich, warum die so sicher waren, dass gerade dieser Mann für all das hier verantwortlich war. Er hatte nicht ein Wort gesagt, Smith hatte von ihm überhaupt nur sein irres Lachen und das Knurren eben gehört –
Dabei fiel ihm wieder ein, warum er überhaupt hier stand, und wandte sich zu dem Paar um, das genau wie er die Verhaftung verfolgt hatte.
"Was genau haben Sie denn ge-", setzte er an, aber Ted kam ihm zuvor.
"Diese Blödiane!", giftete er los. "Nicht mal 'nen Blick haben sie da runter geworfen! Da liegt 'ne Leiche, sag ich Ihnen! Wahrscheinlich total zerfetzt!"
"Wo, unten in diesem Krater? Was für eine Leiche?"
"Na, der Kleine, der diesen Irren da zur Rede stellen wollte! Hab ihn vorher noch nie gesehen – aber hier waren ja heut' so einige Leute von außerhalb und glotzten, keine Ahnung, warum! Vielleicht passiert bei denen zuhause nicht genug –"
"Mr – wie war Ihr Name?"
"Llewellyn, Ted und Nia Llewellyn", sagte die Frau.
"Mr Llewellyn, bitte mal der Reihe nach – da war also ein Fremder, der diesen Mann da" – er deutete mit dem Kopf zu dem seltsamen Auto hinüber – "angreifen wollte?"
"Quatsch, angreifen! Das war so ein Milchbubi, ein richtiger Mickerling – der sprintete plötzlich aus der Gruppe Leute hier raus und auf den Typen zu. Brüllte irgendwas von wegen 'James und Millie, Sirius! Warum hast du das getan?' oder so ähnlich. War regelrecht am Flennen, der Junge."
"James und Lily, Ted. James' Frau hieß Lily", schluchzte seine Frau. "Oh mein Gott, wie furchtbar das alles ist! Wir kannten die Potters doch schon ewig. Und jetzt das!"
"Na, meinetwegen auch Lily. Die jungen Leute waren doch so gut wie nie hier! Mussten ja nach London ziehen. Aber den da nannte er Sirius, das hab ich genau gehört!"
"Natürlich nannte er ihn Sirius, Ted! Das war doch James' Freund! Er hat früher in den Schulferien immer bei den Potters gewohnt. Sirius Black, glaube ich."
"Was – der war das? Der damals Potters Gewächshaus in Schutt und Asche gelegt hat? Na, das passt ja! Hätt' ihn aber nicht erkannt", murrte Ted, und seine Frau schüttelte den Kopf.
In diesem Moment hörten sie einen knallenden Laut – als zöge jemand den Korken aus einer Sektflasche, nur viel lauter – und als Smith sich umwandte, war das gepanzerte Auto – verschwunden. Einfach so.
Smith beschloss, diesen unerklärlichen Vorgang erst einmal auf sich beruhen zu lassen. Er hatte jetzt endgültig genug von der Spezialeinheit und ihren speziellen Tricks. "Kommen wir noch mal auf den Mann zurück, der diesen Sirius beschuldigte, die Potters –"
"Peter! Er nannte ihn Peter", sagte Ted knapp und wandte seinerseits die zusammengekniffenen Augen von der Stelle ab, an der der Wagen verschwunden war. "Der Irre, meine ich. Und er sah verdammt so aus, als wollte er ihn umbringen!"
"Aber Ted –"
"Ich sag dir, der wollte den umbringen! Dieser Peter hat ihm doch eindeutig vorgeworfen, die beiden da letzte Nacht ermordet zu haben! So einen Zeugen musste er doch ausschalten!"
"Also, Mr Llewellyn, vielleicht sehen Sie zu viele Krimis –"
"Blödsinn, ich rühr' doch diese Kiste nicht an! Ich werd' mir meinen gesunden Menschenverstand bestimmt nicht mit so einem Müll verderben! Ich sag Ihnen, gucken Sie da runter in den Krater! Da finden Sie den guten Peter. Vermutlich in Einzelteilen!"
Er sah mit grimmiger Miene zu, wie die Sanitäter einen Körper aus den Trümmern direkt gegenüber hoben und dann zum anderen Ende der Straße gingen, wo die Opfer in einer Reihe niedergelegt wurden. Während die Miene seiner Frau in stummem Entsetzen zu gefrieren schien, fiel Ted noch etwas zur Sache ein. "Sie können übrigens auch Brioc drüben fragen – der hat das alles auch gesehen und wahrscheinlich sogar Fotos gemacht. Is'n fixer Bursche, der Brioc!" Er zeigte auf einen jungen Mann mit einem dunkelbraunen Lockenkopf, der auf der anderen Straßenseite aufgeregt auf zwei Männer einredete. Er fuchtelte tatsächlich mit einer kleinen Kamera herum.
"Brioc arbeitet bei der Village News", ergänzte Nia und bemühte sich sichtlich um Fassung.
Resigniert erkannte Smith in den Männern, mit denen Brioc redete, wiederum Fudges Leute. Die schienen überall zu sein. Wo zum Henker blieb denn eigentlich seine eigene Verstärkung?! Er beschloss, das hier erst einmal zu Ende zu bringen. "Sie sagen, dieser Peter habe den Mann beschuldigt, den Potters etwas angetan zu haben –"
"Genau. Laut und deutlich. Muss jeder hier gehört haben."
"Und was geschah dann?"
Teds Gesicht verkniff sich. Obwohl er es eben in seiner Aufregung bereits herausgebrüllt hatte, tat er sich jetzt, im direkten Gespräch, offenbar schwer mit der Antwort.
"Sirius – hat diesen – diesen grünen Stab gehoben", antwortete stattdessen seine Frau leise, und Ted ergänzte: "Und dann gab es die Explosion, und danach war dieser Knirps wie vom Erdboden verschluckt – und die Straße hier auch."
"Einen – Stab?"
"Ja. Haben Sie doch eben selbst gesehen, das Ding. Dieser Peter hatte auch einen – hielt ihn aber hinter dem Rücken", knurrte Ted, der offenbar wirklich ein guter Beobachter war.
Das war Smith aber auch. Und er sah ganz genau, dass die beiden wussten, was es mit diesen Stäben, diesen Zauberstäben auf sich hatte. Dass sie bloß nicht mit der Sprache herausrücken wollten. Da war doch was gewesen – richtig, ein Club, der sich mit Magie befasst, erinnerte er sich. Hatte Harris heute Morgen gesagt.
"Da kommt Pfarrer Gwynnith", sagte Nia Llewellyn und deutete auf einen Mann im schwarzen Talar, der mit unglücklicher Miene über das Trümmerfeld ging. Und dann schluchzte sie plötzlich unhaltbar los. "All diese Leute – wir kamen doch gerade aus der Kirche – wir alle – und jetzt sind sie tot, und wir leben nur deshalb noch, weil wir schon hier reingegangen waren –"
Smith und Ted sahen gleichermaßen hilflos und peinlich berührt auf die weinende Frau. Smith hatte den Gedanken an die Opfer bisher ziemlich erfolgreich ausgeschaltet. Erst jetzt machte er sich klar, dass die Llewellyns sie vermutlich alle kannten.
Er räusperte sich schließlich. "Tja, also – Mr und Mrs Llewellyn, Ihre Beobachtungen waren sehr hilfreich. Ich möchte Sie dann später noch einmal auf der Polizeiwache vernehmen."
Und damit ließ er die beiden stehen, unwiderstehlich von dem Abgrund in der Straße angezogen. Er ging vorsichtig an der Kante entlang herum zur anderen Straßenseite. Da unten sollte irgendwo eine zerfetzte Leiche liegen?!
Er blickte hinunter, wo abgebrochene Pflastersteine auf Sand und lehmiger Erde und schwarzen Kanalisationsrohren verstreut lagen. Da war aber nichts, das nach Leichenteilen aussah. Nicht einmal Blut. Und auch der seltsame grüne Stab, der vorhin dort hinuntergerollt war, war nirgends zu sehen. Das Erdreich unter seinen Schuhen begann zu bröckeln, und er zog sich hastig ein paar Schritte zurück.
Nicht weit von ihm standen noch drei von Fudges Leuten, und ihrem Gespräch konnte er entnehmen, dass sie seine Informationen jedenfalls nicht brauchen würden. Die schienen mehr zu wissen als er selbst. Verdammt, wann hatten sie das alles rausgekriegt?
Und da, einer von ihnen hielt den grünen Stab in der Hand! Er hielt ihn wie etwas Ekelerregendes, und in dem scharfen Sonnenlicht schien das Grün geradezu zu gleißen.
"Kein weiterer Zauberstab da, Sir", sagte der andere. "Dürfte wohl verbrannt sein!"
"Von dem Mann selbst auch keine Spur außer diesem Umhang hier – Vorsicht, der ist voller Blut!"
Sie betrachteten trüb den zusammengeknüllten, von trocknendem Blut verklebten Umhang, während ihr Kollege versuchte, ihn auseinanderzufalten. Dabei fiel etwas heraus –
"Das ist ja – Merlin, ist das – widerlich!", platzte einer von ihnen heraus.
"Ein Finger", konstatierte der andere kühl und hob ihn auf. "Schätzungsweise das Einzige, was von diesem Opfer übrig geblieben ist."
Angewidert und fasziniert zugleich starrten sie alle auf den kleinen, weißen Finger, dessen eines Ende blutig und zerfetzt war, als sei er gewaltsam abgerissen worden.
"Armer Kerl!"
"Immerhin vielleicht ein Beweis, dass es diesen Peter wirklich gegeben hat."
"Mehrere Passanten haben den Namen gehört! Und gesehen haben sie den Mann alle!"
"Ja, ja, schon gut. Also los, zu Fudge mit dem Ding. Vielleicht kann das irgendwer identifizieren."
Smith spürte eine leise Flauheit im Magen. Mit den Eindrücken der vergangenen Minuten verband sich das zu einem durchdringenden Gefühl der Unwirklichkeit. Ein Blick auf seine Uhr bestätigte ihm, dass seit ihrem Eintreffen in der Lion's Lane noch nicht mehr als fünfzehn Minuten vergangen waren – unglaublich. Und doch hatten Fudges Leute bereits den Täter verhaftet und abgeführt – während die von ihm, Smith, angeforderte Verstärkung noch nicht einmal eingetroffen war. Wo blieb eigentlich Moore? Und wo war Fudge?
Das ging doch alles nicht mit rechten Dingen zu hier –
Die Sonne war inzwischen wieder hinter den grauen Wolken verschwunden, und erste Regentropfen trafen sein Gesicht, während er sich zu orientieren versuchte.
Am anderen Ende der Straße drängten sich mehrere Sanitäter um zwei der dort abgelegten Opfer. Nur um zwei in einer Reihe von – von zwölf. Smith konnte trotz des Grauens, das ihn befallen hatte, den Blick nicht von dem hektischen Ballett der lebensrettenden Maßnahmen abwenden, das dort aufgeführt wurde. Auf der anderen Straßenseite, zurückgehalten von Fudges Leuten, sammelten sich mehr und mehr Schaulustige. Das war nicht gut. Und da stand auch der Pfarrer, den Arm um eine weinende Frau gelegt.
Was für ein fürchterlicher Tag.
Er drehte sich um. Dort, im unversehrten Teil der Lion's Lane, war es hingegen so leer, als hätte man sie abgesperrt. Nur zwei Männer standen dort. Fudge und Forgettable.
Sie schienen seinen Blick gespürt zu haben. "Detective Smith! Wir würden Sie gerne noch einen Moment sprechen, bevor Ihre Verstärkung eintrifft", rief Fudge und winkte ihn heran.
Das machte ihn in Smiths Augen nicht gerade sympathischer. Obwohl er zugeben musste, dass seine Einheit, was auch immer sie eigentlich sein mochte, geradezu unglaublich effizient war.
"Wir würden gern unsere – ahem, unsere Beobachtungen miteinander vergleichen", erklärte Fudge, als Smith bei ihnen angekommen war. "Es wäre doch sicherlich von Vorteil, wenn unsere beiden Einheiten zu einem gemeinsamen Ergebnis kommen könnten, nicht wahr?"
Der redet wie ein Politiker, dachte Smith misstrauisch.
"Detective Smith, nach gründlicher Untersuchung des Tatorts sind wir zu dem Schluss gekommen, dass hier ein Unglücksfall vorliegt", begann Forgettable, und Smith sah in sprachlosem Erstaunen auf in die blassgrauen Augen seines Gegenübers. Die waren irgendwie seltsam, stellte er abermals fest, konnte sich auf die Analyse dieses Eindrucks aber nicht weiter konzentrieren, als Forgettable nun fortfuhr: "Ganz offensichtlich gab es hier in der Lion's Lane einen bislang unbemerkten Schaden an den Gasleitungen, der in der vergangenen Nacht zu der Explosion im Haus der Potters führte. Heute Mittag sind dann leider die Rohre in der Straße vor dem Haus explodiert und haben diese furchtbare Katastrophe verursacht –"
Ja – irgendwie so musste es gewesen sein – hatten sie nicht heute Morgen schon über etwas Ähnliches spekuliert?
oooOOOooo
Dumbledore schrieb. Er schrieb langsam und bedächtig, und gelegentlich hielt er inne, um das winzige silberne Gerät mit seinen munter ausschlagenden Pendeln zu betrachten, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand. An einem der Pendel hatte er vorhin eine kleine Veränderung vorgenommen, aber die schien das Maschinchen in seiner Funktion nicht beeinträchtigt zu haben.
Daneben stand ein kleines Holzkästchen, dessen Deckel mit Perlmutt und grünem Stein eingelegt war. Lilys Vermächtnis an ihren Sohn, das er verwahren sollte –
Dumbledore musste nicht hineinsehen. Er glaubte zu wissen, was es enthielt. Er hatte Lilys Ohrgehänge schon bei ihrer Hochzeit erkannt und sich gefragt, wie sie an Schmuck mit dem Wappen der Peverell – jener Familie, aus der die Frau Salazar Slytherins stammte – gekommen sein mochte. Schließlich hatte er sie einfach gefragt, selbstverständlich, ohne das Wappen oder den Namen Slytherin zu erwähnen. Sie seien ein Erbstück der Familie; ihre Urgroßmutter habe sie ihr persönlich geschenkt, hatte Lily geantwortet und ihm dabei gerade in die Augen gesehen. Beinahe herausfordernd.
Frag mich doch, sagte dieser Blick. Frag mich doch, ob ich weiß, was dieser Schmuck bedeutet.
Angesichts dieses Blicks musste er das gar nicht mehr fragen. Offenbar war die Familie Evans gar nicht so muggelblütig, wie sie vielleicht glaubte.
Und jetzt saß er hier und fragte sich, ob er dieses Wissen tatsächlich als Druckmittel verwenden würde. Der Brief, mit dem er sich so schwer tat, war an Petunia Dursley gerichtet, deren einzige Schwester in der vergangenen Nacht einen gewaltsamen Tod gefunden hatte –
Petunia Dursley jedenfalls war eine Muggel, was für ein Blut auch immer in ihren Adern fließen mochte. Es würde mehr als schwierig sein, ihr die Ereignisse begreiflich zu machen. Aber es war nötig, dass sie die Dringlichkeit seines Anliegens begriff, denn Dumbledore hatte ihr eine wichtige Aufgabe zugedacht.
Die Adresse von Lilys einziger lebender Verwandter hatte er bereits im vergangenen Jahr ausfindig gemacht. Petunia war verheiratet und hatte selbst einen Sohn in Harrys Alter. Eine Weile hatte er überlegt, ob die Potters nicht für eine Weile bei den Dursleys Unterkunft finden könnten. Diese Idee verwarf er aber, nachdem er die Familie ein wenig beobachtet hatte: Bei ihnen hätte Lily mit Mann und Kind nicht eben auf ein herzliches Willkommen hoffen dürfen.
Jetzt führte allerdings kein Weg mehr an den Dursleys vorbei. Sie würden ihren kleinen Neffen aufnehmen und aufziehen müssen. Es schien ihm der einzige Platz zu sein, an dem Harry einigermaßen sicher sein würde.
Sicher. Da war es schon wieder, dieses Wort. Feierten die Leute ringsum nicht gerade erst die Vernichtung Voldemorts? Hatte sich nicht die Prophezeiung in der vergangenen Nacht erfüllt, als Voldemort an dem Kind gescheitert war?
Aber in seine Gedanken schlich sich bereits wieder die Sorge um Harrys Sicherheit. Und es waren nicht nur die Todesser, die er für Harry fürchtete. Nein. Er musste es sich eingestehen: Er glaubte nicht an die endgültige Vernichtung ihres Herrn. Dazu wusste er schon zu viel über diesen Mann.
Snape war ebenfalls der Meinung gewesen, dass Voldemorts Niederlage keine endgültige sein würde. Er fragte sich, wie viel Snape über seinen ehemaligen Herrn wissen mochte. Und – was von diesem Wissen er preiszugeben bereit war.
Snape –
Dumbledore seufzte und stand auf. Es war an der Zeit, wieder einmal nach ihm zu sehen. Und diesmal konnte er auch gleich die Einstellungsunterlagen mitnehmen, die er vorhin vorbereitet hatte. Er nahm die beiden Bögen von seinem Schreibtisch und verließ sein Büro.
Während Slughorn sich allmählich von den Nachwirkungen des Imperius-Fluches (und vielleicht mehr noch seines Widerstands gegen diesen) erholte, machte Snape Dumbledore einige Sorgen. Am frühen Morgen hatte er ihn im letzten Moment daran hindern können, seiner Zukunft durch eine Seilschlinge zu entkommen, und er war sich nicht ganz sicher, ob Snape es nicht auf die ein oder andere Weise noch einmal versuchen würde. Snape war nicht der Mann, der in Buße einen Sinn sehen würde –
Während Dumbledore durch die Treppen und Gänge seiner Schule den Gästeräumen im zweiten Stock des Westflügels zustrebte, begegnete er überall Schülern auf dem Weg zum Mittagessen. In Hogwarts herrschte Feiertagsstimmung, und er sah in viele freudige Gesichter. Die Nachricht vom Fall Voldemorts musste sich wahrhaftig wie ein Lauffeuer verbreitet haben. Seit dem Morgengrauen war ein ganzer Sturm Eulen über dem Schloss niedergegangen – von überallher wollten Eltern ihren Kindern schnellstmöglich die freudige Nachricht überbringen. Die traurige Tatsache, dass zumindest zwei Menschen dafür ihr Leben hatten lassen müssen, schien inzwischen vollständig untergegangen zu sein. Auf ihm lastete dieses Wissen dafür umso schwerer.
Aber der Einzige war er nicht.
Snape schien sich nicht bewegt zu haben, seit Dumbledore ihn vor einer Stunde das letzte Mal gesehen hatte. In dem Gästeraum, in dem er ihn am Morgen untergebracht hatte, saß er immer noch mit leicht zurückgelegtem Kopf am Tisch und schien Löcher in die Luft zu starren. Er bewegte sich auch nicht, als Dumbledore jetzt hereinkam und vor ihm stehen blieb.
"Ein weiterer Kontrollbesuch?", krächzte Snape schließlich tonlos.
"Nun ja", erwiderte Dumbledore begütigend. "Ich verliere ungern eine Lehrkraft, bevor ich sie überhaupt eingestellt habe."
Er sah sich nach einer weiteren Sitzgelegenheit um, griff sich dann den Stuhl, der am Fenster stand, und setzte sich Snape gegenüber an den Tisch. "Was mich auf den Zweck meines Besuches bringt. Hier ist Ihr Einstellungsvertrag." Er schob die beiden Pergamente über den Tisch. "Damit treten Sie offiziell die Vertretung von Professor Slughorn an. Gültig ab dem Moment des Unterschreibens."
"Tränke also", flüsterte Snape und versuchte, nicht zu husten. Unwillkürlich griff er sich an den Hals, an dem die Blutergüsse nicht zu übersehen waren. Der Versuch eines ironischen Lächelns misslang ihm kläglich. "Was ist mit Slughorn?"
"Ja, Tränke", sagte Dumbledore. "Die Stelle für Verteidigung, um die Sie sich im letzten Jahr beworben hatten, ist natürlich inzwischen besetzt. Um genau zu sein, sogar schon zum zweiten Mal wieder. Und was Professor Slughorn angeht, so hatte er einen Unfall und möchte sich für eine Weile zurückziehen."
Snape zog den Einstellungsvertrag zu sich herüber und versuchte, ihn zu lesen. Schließlich hob er den Bogen auf und hielt ihn sich vor die Augen.
"Sie sind krank, Severus", sagte Dumbledore, der Snape beunruhigt beobachtete. Es war mehr eine Feststellung als eine Frage.
"Blödsinn. Ich kann nur meinen Hals nicht bewegen", knirschte Snape und ließ das Pergament sinken. "Weitere Überwachungsbesuche sind übrigens auch nicht nötig. Ich werde bestimmt nicht –" Der Rest des Satzes ging in einem Husten unter, das erschreckende rote Flecken in sein gelblichfahles Gesicht trieb.
"Ihre Kehle ist zugeschwollen, wie ich vermute? Und außerdem hat wohl auch Ihr Stolz eine Niederlage hinnehmen müssen", fügte Dumbledore hart hinzu. "Unterschreiben Sie, und dann legen Sie sich hin."
Snape starrte ihn mit fiebrig glänzenden Augen an. "Ich kann nicht atmen, wenn ich liege. Ich ersticke. Ein guter Witz, was?" Erneut unterdrückte er ein Husten und durchsuchte gleichzeitig seine Umhangtaschen. Dumbledore hielt ihm eine Schreibfeder hin.
"Nehmen Sie meine. Und dann gehen Sie hinüber in den Krankenflügel und –"
Snape, der eben versuchte, zu unterschreiben, ohne dabei den Kopf zu beugen, fuhr auf. "Auf keinen Fall!", zischte er. "Ich habe nur – Halsschmerzen, ich brauche keine Krankenstation!"
Es klopfte an die Tür, ehe Dumbledore etwas erwidern konnte.
"Das wird Madam Pomfrey sein. Ich ahnte bereits, dass ich Sie nicht dazu würde bewegen können, in den Krankenflügel zu gehen. Also habe ich sie gebeten, einmal nach Ihnen zu sehen."
Snapes Hände schnellten an seinen Hals. Er wollte etwas sagen, hustete aber stattdessen wieder los.
"Jetzt seien Sie vernünftig, Severus! Sie wird Ihnen etwas geben, das Ihnen hilft. Kommen Sie herein, Madam Pomfrey!"
Snape wandte sich zum Fenster, als tatsächlich die Krankenschwester das Zimmer betrat.
"Poppy, darf ich Ihnen unseren neuen Professor für die Kunst des Zaubertränke-Brauens vorstellen –", sagte Dumbledore.
"Mr – Snape?", fragte sie erstaunt. "Aber –"
"Professor Snape, Poppy", verbesserte Dumbledore sie mild. "Ja, er ist zweifellos noch sehr jung, aber ich bin sicher, dass er seiner Aufgabe vollkommen gewachsen ist."
Madam Pomfrey runzelte die Stirn und gab sich keine große Mühe, ihre Missbilligung zu verbergen. Severus Snape war vor drei Jahren noch Schüler in Hogwarts gewesen! Und kein besonders angenehmer außerdem –
"Um ehrlich zu sein, Professor Dumbledore, diesen Eindruck habe ich nicht!", sagte sie bestimmt. "Sehr bedauerlich, dass Professor Slughorn uns für eine Weile verlassen muss, aber ist es denn wirklich nötig –"
"Das ist es", schnitt Dumbledore ihr nicht weniger bestimmt das Wort ab. "Professor Snape hatte leider einen Unfall, und das ist der Grund, warum ich Sie hergebeten habe. Anscheinend sind meine Lehrer für Zaubertränke ständig vom Pech verfolgt!"
"Noch eine Kriechkralle?", fragte Madam Pomfrey, deren scharfem Blick die Male an Snapes Hals nicht entgangen waren.
"Es scheint mir nicht allzu ernst", sagte Dumbledore, ohne direkt zu antworten. "Er braucht ein wenig Beobachtung, denke ich, und ein paar Tage Ruhe."
"Nun, das werde ich dann ja feststellen", erwiderte Madam Pomfrey etwas spitz. "Ich mache diese Arbeit immerhin lange genug. Also, Mr – Professor Snape, dann lassen Sie mich das mal ansehen."
"Das ist doch alles Blödsinn", krächzte Snape und warf Dumbledore einen geradezu flehenden Blick zu. "Ich bin schon fast wieder in Ordnung – es wird keinen Rückfall geben!"
"Diese Entscheidung überlassen Sie mal getrost mir", gab Madam Pomfrey indigniert zurück.
"Ruhen Sie sich aus", sagte Dumbledore ernst. "Es reicht vollkommen, wenn Sie nächste Woche mit dem Unterricht beginnen." Er stand auf, stellte den Stuhl zurück und verabschiedete sich mit einem freundlichen Nicken. "Ich habe noch zu arbeiten."
"Sie können sich ganz auf mich verlassen", sagte Madam Pomfrey resolut, als sie ihm die Tür öffnete. Es klang wie eine Drohung.
"Das tue ich", erwiderte er im Hinausgehen. "Und Poppy – seien Sie ein bisschen freundlich mit ihm!"
Die Gänge waren jetzt still und wie leer gefegt. Die Schüler saßen in der Großen Halle beim Mittagessen. Während Dumbledore sich wieder auf den Weg in sein Büro machte, fragte er sich, wie weit Fudge inzwischen mit seiner Untersuchung – und Schadensbegrenzung – in Godric's Hollow gekommen sein mochte. Die Einheit zur Gedächtniskontrolle musste sich um alle kümmern, die das Haus und die Leichen der Potters gesehen hatten. Nun, mit Forgettable hatten sie jedenfalls einen sehr fähigen Mann.
Am frühen Morgen, als er sicher gewesen war, dass Slughorn schlief, hatte er Fudge die nötigsten Informationen weitergegeben und schweren Herzens eingeräumt, dass er vom Geheimniswahrer nichts mehr gehört habe. Natürlich hatte Fudge den Namen haben wollen – und ein Foto. Selbst wenn er nicht willentlich Verrat begangen habe, argumentierte Fudge, so müsse doch alles unternommen werden, ihn zu finden. Letztlich könne ihm das vielleicht sogar das Leben retten.
Dumbledore seufzte. Er beschloss, Godric's Hollow selbst einen Besuch abzustatten, wenn er mit dem Brief an Petunia Dursley fertig war.
Es war gleich halb eins.
