Kapitel 21: Sprachbarrieren
Als James schließlich mit den Großeltern zurückkam, war Allison in der Küche fertig und hatte sich ebenfalls umgezogen. Sie begrüßte ihre Eltern und als sie ihre Tochter losgelassen hatte, stürmte Granny Ailis auf Tim zu.
"A Mhaighdean, nach bhfuil tusa fásta suas! Nach tusa i d'fhear! Cé chaoi bhfuil tú? Is fada an lá ó chasamar le chéile. Ach ní fhaigh muid aon eolas uait. Tá brón orm nach raibh orainn bheith i láthair do do bhainis, ach bhí Daid san oispidéal angus ní raibh orainn eitleán a thógáil go dtí Miami. Chuala mé ráflá go bhfúil tusa i do Dhad anois! Cá bhfuil an páiste óg? Agus cá bhfuil Andie?" (Übersetzung: "Junge, du bist groß geworden! Ein richtiger Mann! Wie geht es dir? Wir haben uns ja schon Ewigkeiten nicht mehr gesehen… Weil du dich auch nie meldest. Tut mir leid, dass wir nicht zu eurer Hochzeit kommen konnten, aber Paps war im Krankenhaus und wir konnten nicht nach Miami fliegen. Ich habe gehört, dass du Daddy geworden bist! Wo ist die Kleine denn? Und wo ist Andie?")
Tim setzte mehrmals dazu an, den gälischen Wortschwall seiner Großmutter zu unterbrechen. Schließlich gelang es ihm doch und er umarmte sie: "A Mhamó! Tá tú ag breathnú go maith! Ag éirí níos óige leis na laethanta?" "Hey Granny! Du siehst gut aus! Wirst du jeden Tag jünger?")
Granny grinste ihn an und schlug ihm leicht auf den Arm: "Fós i do shean dhraíodóir…" ("Du bist ein alter Charmeur…")Sie strich ihm über die Wange: "D'fhéadfá duitse bearradh a bheith'at, tá tú ag tochas go huafásach…" "Übrigens hättest du dich rasieren können, du kratzt fürchterlich…")
Tim wurde rot und war im Moment fürchterlich froh, dass Andie kein Gälisch verstand. Allison unterdrückte ein Lachen, da sie die Unterhaltung zwischen Tim und Andie vorhin gehört hatte.
Als seine Großmutter ihn schließlich los lies, sah sich Tim suchend nach Andie um, die Maeve am Arm hatte und sich mit Linda im Hintergrund hielt, nachdem sie bis jetzt sowieso kein Wort verstanden hatte. Als er sie schließlich gefunden hatte, zog er sie neben sich und strahlte stolz: "A Mhamó, A Dhaideo, seo í Andie, mo bhean chéile agus Meadhbh, ár iníon." "Granny, Paps, das sind Andie, meine Frau und Maeve, unsere Tochter.") Tim sah sich suchend um: "A Dhaideo?" ("Paps?")
Paps, der nicht mehr ganz so fit auf den Beinen war, hatte sich inzwischen auf die Couch gesetzt und winkte: "Táim fós ann! Ag féachaint agus ag éisteacht le chuile rud, ná bíodh imní ort…" "Ja, hier! Ich sehe und höre alles, keine Sorge…")
Andie streckte Granny lächelnd die Hand entgegen: " Tá an-athás orm bualadh leat."
Granny schüttelte Andie die Hand und sah dann Tim fragend an: "Oh, labhraíonn sí Gaeilge? Cheap mé gurab as an Ostair í?" "Oh, sie spricht gälisch? Ich dachte, sie wäre Österreicherin?") Tim schüttelte grinsend den Kopf: "Ní labhraíonn sí Gaeilge. Chuir sí an giota sin de ghlanmheabhair chun dul i bhfeidhm ort. ("Sie spricht kein Gälisch. Das hat sie auswendig gelernt, weil sie dich beeindrucken möchte.")
Tims Großmutter lachte: "A Tim, tá sé sin go deas. Aontaím le do rogha! Nach gleoite agus deas an bean í. I bhfad níos gleoite ná sna ghrianghrafanna a chonaic mé." "Das ist aber nett. Tim, ich bin beeindruckt von deiner Wahl! So eine schöne und nette Frau. Noch hübscher als auf den Fotos, die ich gesehen habe.") Sie kniff Maeve in die Wange: "Tá tú chomh hálainn le do mháthair." "Und du bist genauso schön wie deine Mama!")
Andie verstand kein Wort und sah nur zwischen Tim und seiner Großmutter hin und her. Tim hatte sie gerade an sich gedrückt und sah ziemlich stolz aus, weshalb sie vermutete, dass bis jetzt alles gut lief.
Dann hatte Granny Ben entdeckt: "A Benny! M'anam, tá tusa fásta freisin!" "Benny! Mein Gott, du bist auch gewachsen!")
Ben umarmte sie lachend: "A Mhamó, táim chomh hard agus a bhí mé an uair deireanach a chasamar le chéile…" "Granny, ich bin nicht gewachsen, seit du mich das letzte Mal gesehen hast…")
"Cinnte! An bhfuilim ag crapadh? An féidir é..." "Aber sicher! Oder bin ich geschrumpft? Das könnte natürlich auch sein…")
Allison mischte sich ein: "Mom, können wir uns vielleicht einmal hinsetzen? Dad sitzt ganz alleine auf der Couch. Und es wäre nett, wenn wir uns auf Englisch unterhalten könnten, dann könnten Andie und Linda auch mitreden."
Granny sprach nun Englisch: "Ja, natürlich, tut mir leid. Linda? Bens Freundin?" Sie sah sich suchend um: "Wo ist sie?"
Linda stand hinter Ben und winkte vorsichtig in Grannys Richtung, bevor sie ihr einen Schritt entgegen machte und ihr die Hand schüttelte: "Tá an-athás orm bualadh leat."
Granny zwinkerte ihr zu: "Auch auswendig gelernt?"
Linda wurde rot und nickte.
Endlich hatte Allison Erfolg gehabt und die Familie versammelte sich auf der Couch. Ailis hatte das jüngste Familienmitglied auf ihrem Schoß sitzen und versuchte, Maeve gaelische Worte beizubringen: "Maeve, sag mal mamaí oder daid… oder mach deinen Großeltern eine Freude und versuch es mit mamó oder daideo…" Andie musste grinsen, als sie Maeves verwirrten Gesichtsausdruck sah, denn die Prozedur mit "Maeve, sag mal…" kannte Maeve schon. Nur hatten es alle bis jetzt nur mit Momy, Daddy, Ben und Linda probiert.
"Granny, du bist nicht die Erste, die das probiert… Sie will offensichtlich noch nicht sprechen…"
Ailis sah Tim an: "Na bei dem Dad… Du hast auch spät begonnen zu sprechen."
Tim verdrehte die Augen, als er das zustimmende Nicken seiner Mutter sah.
"Naja, viel redet er jetzt auch noch nicht…", grinste Linda.
Tim warf ihr einen bösen Blick zu: "Ja danke… Dafür redest DU umso mehr, das gleicht sich dann wieder aus, oder?"
Die nächste Stunde verbrachte Granny damit, Informationen über Andie und Linda zu sammeln, bevor Ben etwas Wichtiges einfiel, was er seinen Großeltern erzählen wollte: "Übrigens, Linda und ich werden heiraten! Ich hoffe, dass ihr zu unserer Hochzeit nach Miami kommt?"
"Ja natürlich!" Granny sah Paps vorwurfsvoll an: "Sofern hier nicht wieder einer im Krankenhaus liegt…"
Paps runzelte die Stirn und verdrehte die Augen und jetzt wusste Andie, woher Tim diesen Blick hatte: "Ich werde mich bemühen! Ich habe mir das ja damals ausgesucht, dass ich mir den Oberschenkel gebrochen habe. Das war reine Boshaftigkeit…"
Als es schließlich Zeit zu Essen wurde, versammelte sich die Familie um den großen, reichlich gedeckten Tisch.
Die Großeltern sahen sich erstaunt um. Alles, was zu einem traditionellen irischen Weihnachtsessen gehörte, war vorhanden. Auch Andie und Linda blickten zwischen Truthahn, Schinken und diverse Beilagen sowie Minzkuchen und den traditionellen Plumpudding mit Rumsauce hin und her und konnten sich nicht entscheiden, was sie als erstes essen sollten.
Die Einzigen, die kein Problem hatten, sich zu entscheiden, waren Tim und Ben, denn sie packten ihre Teller umgehend bis an den Rand mit allem was vorhanden war voll. Tim hatte Maeve am Schoß und fütterte sie mit zermatschten Kartoffeln mit Sauce. Kaum, dass sie einen Bissen geschluckt hatte, war ihr Mund schon wieder offen und sie wartete auf Nachschub.
"Darf ich dann auch zwischendurch mal etwas essen? Süße, von wem hast du den Appetit geerbt?"
Andie verkniff sich einen Kommentar, den dafür Granny übernahm: "Wenn ich mir anschaue, was du alles auf dem Teller hast, habe ich fast eine Vermutung…"
Tim grinste und Granny sprach weiter: Isst du eigentlich immer soviel? Wenn ja, frage ich mich wirklich, wo du das hin isst… An deiner Figur merkt man das nicht…"
Linda mische sich ein: "Also wenn er Sport machen würde, könnte ich das ja noch verstehen… Aber er bewegt sich ja nicht… Wenn ich soviel essen und keinen Sport betreiben würde, könntet ihr mich rollen…"
"Ich habe einfach gute Anlagen… Außerdem, woher willst du wissen, dass ich mich nicht bewege?" Er grinste Linda an: "Ich bewege mich oft genug, nur meistens Nachts und hinter geschlossenen Türen… Hast du dich schon mal informiert, wie viele Kalorien man dabei verbraucht? Warum glaubst du, ist Andie so schlank…"
Andie wurde rot und stellte dann erleichtert fest, dass sich Granny gerade mit Allison unterhielt und Tims Meldung nicht gehört hatte.
Linda grinste jetzt Tim an: "Hast du vielleicht eine Kalorientabelle für mich? Dann könnte ich mir das Joggen ersparen und ein Trainingsprogramm für Ben und mich zusammenstellen…"
Als Tim ansetzte, seine Theorie weiter auszuführen, lehnte sich Andie über den Tisch und zischte ihm etwas zu: "Könntet ihr jetzt vielleicht über etwas anderes reden? Ich hab ja sonst kein Problem mit solchen Gesprächen, aber muss das vor euren Großeltern sein?"
Er zwinkerte Linda zu: "Okay, wir reden später weiter…"
Diese zwinkerte zurück: "Selber Ort, andere Zeit."
Als der Tisch schließlich abgeräumt war und sie sich dem Whiskey zuwandten, wurde Granny plötzlich lustig. Sie begann zu lachen: "Ui, ich denke fast, ich bin beschwipst… Al, deine Rumsauce ist gut…"
Allison hatte jetzt Maeve auf dem Schoß sitzen und grinste: "Mom, du hast Rumsauce mit Pudding gegessen anstatt andersherum. Und jetzt noch der Whiskey… kein Wunder, wenn du das irgendwann merkst…"
Paps vergrub sein Gesicht in seinen Händen und wandte sich dann an James: "Jetzt beginnt sie gleich wieder, die alte Leprechaun-Geschichte zu erzählen." Er hatte geflüstert, sodass nur James ihn gehört hatte.
Granny sah Andie und Linda an: "Mädchen, kennt ihr eigentlich die Geschichte der Leprachauns?"
Beide schüttelten den Kopf, sodass Granny zu erzählen begann und Paps und James sich angrinsten.
"Also: Die Leprechauns sind irische Fabelwesen. Kleine alte Männer, die mehrere hundert bis tausend Jahre alt sind. Sie gehören dem Volk der "Little People" an und sind griesgrämig und vor allem scheu."
Andie und Linda sahen sich grinsend an. Offensichtlich hatten sie gerade beide dasselbe gedacht.
Granny erzählte weiter: "Anders als andere Märchenwesen wollen sie mit Menschen nichts zu tun haben. Sie wollen nicht helfen, wie etwa Heinzelmännchen, sie wollen auch keinen Schabernack treiben, wie Kobolde - sie wollen einfach nur in Ruhe gelassen werden.
Sie tragen einen Hut und eine Lederschürze und machen Schuhe. Angeblich beliefern sie mit ihren Schuhen die gesamte Märchenwelt. Wenn sie keine Schuhe machen, dann machen sie, was alle Iren gerne tun: Sie rauchen, trinken und tanzen und sind dann weniger griesgrämig.
Als Andie und Linda gleichzeitig einen Lachkrampf bekamen, musste auch Allison mitlachen, da sie genau wusste, was die beiden dachten. Der Rest der Familie sah die beiden fragend an.
Andie wischte sich die Tränen von der Wange: "Entschuldigung… ähm… Granny? Gibt es auch größere Leprechauns, die nicht gerne tanzen und Hemden und Jeans tragen?"
Granny sah sie verwirrt an: "Keine Ahnung. Darüber habe ich noch nie nachgedacht…" Sie sah zu Allison, die mit dem Kopf auf Tim deutete, welcher wiederum gerade die Augen verdrehte. Auch Ben, James und Paps hatten jetzt zu lachen begonnen und Ailis stimmte mit ein.
Der einzige, der das nicht lustig fand, war Tim.
Granny erzählte weiter: "Jedenfalls hat jeder Leprechaun mindestens einen Topf voll Gold, den er irgendwo versteckt hat. Meistens am Ende eines Regenbogens." Sie sah Tim grinsend an: "Hast du einen Topf voll Gold?"
"Mein Goldtopf steckt in unserem Haus…"
Als Andie Tims beleidigten Gesichtsausdruck sah, ging sie rasch um den Tisch herum und umarmte ihn von hinten: "Verstehst du keinen Spaß, mein Lepi?"
Tim sah seine Großmutter fragend an: "Sind Leprechauns eigentlich verheiratet? Oder sind die klüger als wir Menschen?"
Granny warf ihm einen bösen Blick zu: "Tim, sei nicht gemein zu deiner Frau."
Andie drückte Tim einen dicken Kuss auf die Wange: "Keine Sorge, Granny. Ich weiß ja, wer das sagt… Ich nehme ihn nicht ernst, genauso wenig, wie er mich…"
"Wenn er sich nicht benimmt, muss ich hier die strenge Großmutter spielen und das mag ich eigentlich überhaupt nicht."
Andie hielt Tim noch immer umarmt und grinste: "Deine beiden Enkel sind schon in Ordnung. Überhaupt mein Lepi hier… Der ist einfach ein großer Grummelbär. Nach außen beißt er, aber eigentlich ist er kuschelweich…" Sie sah Tim von der Seite an: "Stimmt´s, mein Süßer?"
Er runzelte die Stirn: "Whiskey wirkt sich bei dir noch schlimmer aus, als der Rotwein… Musst du hier meine ganzen Geheimnisse verraten?"
Vom anderen Ende des Tisches kam ein Zwischenruf: "Wir kennen dich doch mittlerweile alle! Du kannst uns nichts vormachen…"
"Ben, nicht du auch noch… Fall mir jetzt ja nicht in den Rücken…"
"Würde ich doch nie tun. Ich bin ja schon wieder ruhig."
Die Familie unterhielt sich den Rest des Abends sich so angeregt, dass sich Granny erst durch Paps lautes Schnarchen auf der Couch zur Heimreise bewegen ließ.
Granny drehte eine Runde und küsste und umarmte zur Verabschiedung alle, auch Andie und Linda, was Tim und Ben mit stiller Genugtuung zur Kenntnis nahmen. "Und dieses Mal kommen wir wirklich zur Hochzeit. Und wenn ich ihn mit Gipsbein nach Miami schleppen muss. Noch einmal verpasse ich das nicht!"
Während James die Großeltern heim brachte und Allison hoch ging, um nach Maeve zu schauen, ließ sich der Rest der Familie geschafft auf die Couch fallen.
Tim legte seinen Arm um Andie und grinste sie an: "Und? Was hab ich dir gesagt? Sie mag dich…"
Bevor Andie antworten konnte, meldete sich Linda zu Wort: "Ja, und mich zum Glück auch… Tim, wie war das jetzt mit den Kalorien?"
Andie verdrehte die Augen.
"Warte mal, wie war das? Das ist schon länger her, seit ich das gelesen habe." Tim dachte kurz nach: "Missionarsstellung verbrennt - wenn ich mich richtig erinnere - 400 Kalorien… Aber bei wem jetzt eigentlich?"
Jetzt verdrehte Linda die Augen: "Na ich würde logischerweise sagen beim Mann, oder? Außer du kennst eine andere Missionarsstellung als ich?"
Tim sah Andie an: "Kennen wir eine andere?"
"Bist du auch dabei oder nicht?" Sie sah ihn skeptisch an: "Steht das eigentlich in deinen Forensik-Magazinen? Woher weißt du so was?"
Ben zog Linda an der Hand von der Couch hoch: "Ich glaube, wir gehen jetzt ins Bett, bevor sich hier Ehekrisen auftun…"
Linda grinste: "Gehen wir Kalorienverbrennen… Gute Nacht!"
