58
(Inspiriert von '[Untitled]', Emmure)
Judith war genau zwanzig Meilen rausgefahren, so wie sie es geplant hatte. Am Stadtrand hatte sie noch ihre Waffentasche aus dem Autowrack eingesammelt, es war nichts abhanden gekommen. George lag im Kofferraum des Kombis, den sie vom Krankenhausparkplatz hatte mitgehen lassen. Er klopfte von innen ständig an das Blech und schrie.
An ihrem Ziel angekommen hielt sie am Straßenrand an und ging um den Wagen herum. Zögernd griff sie an den Öffnungsmechanismus des Kofferraums und ließ die Hand wieder sinken. Vom Rücksitz zog sie die Feuerwehraxt, die sie außerdem eingepackt hatte, und ging zurück.
Ruckartig zog sie die Klappe nach oben und ihr Vater kniff die Augen bei dem plötzlichen Lichteinfall zusammen. Endlich hielt er den Mund. Seine Hände waren auf seinem Rücken gefesselt, sie hatte die Schläuche durch Kabelbinder ausgetauscht, die in ihrer Tasche gelegen hatten. Sie trat einen Schritt zurück und sah ihn verächtlich durch die Maske an.
Er blickte sie schwer atmend an und leckte sich mit der Zunge über die Lippen. Es half nichts, sie blieben spröde.
„Was ist das hier, eine Entführung?" fragte er schnippisch und lachte hustend.
Statt zu antworten schwang sie sich die Axt mit dem Stiel über die Schulter und sah ihn weiter an. „Du warst das also mit meinem Fuß, ich verstehe. So sieht man sich wieder. Ich hoffe die kleine Schlampe in der Villa ist langsam gestorben", sprach er weiter und wieder sagte sie nichts.
„Bist eiskalt, ich kapier's schon. Männer sollten sich nicht gegenseitig fertig machen, wir können uns einigen. Du lässt mich gehen und ich lass dich laufen. Keiner wird dich suchen oder verfolgen. Das geht friedlich über die Bühne. Was sagst du?"
Judith hatte bis gerade am ganzen Leib gezittert, doch als er sie als 'Mann' bezeichnete, hörte es plötzlich auf. Sie lachte.
„Komm schon, Mann. Die werden dich sonst nämlich finden und umbringen, das müsstest selbst du einsehen. Das sind nicht solche Idioten wie die in der Villa. Das sind echte Cops und sie halten zu mir. Na los, was sagst du zu dem Angebot?"
„Niemand wird dich holen. All deine Freunde interessieren sich einen Scheiß für dich."
Judith packte ihn und bugsierte ihn aus dem Kofferraum. Unsanft ließ sie ihn mit dem Kopf gegen den Kotflügel des Wagens krachen. Er versuchte sich bequemer hinzusetzen. Dann sah er zu ihr nach oben und wiederholte seine Frage: „Wir können uns einigen, glaub mir. Was sagst du dazu?"
Regungslos und immer noch mit der Axt in der Hand starrte sie zu ihm nach unten auf den Boden.
Sie packte die Maske und zog sie sich über den Kopf. „Ich sage nein."
59
Sie hatten alles versucht und trotzdem war Beth jetzt tot. Noah konnte es nicht glauben, sie waren schon fast draußen gewesen, dann war alles schief gegangen. Und nun war sie tot. Er hatte den Rest der Gruppe kennengelernt.
Am schlimmsten war es für ihn zu sehen wie die Schwester von Beth es ertragen musste. Sie hatten sich ein paar der Wagen mit den weißen Kreuzen genommen und wollten gerade losfahren, als ihm Judith einfiel. Sie wartete sicher auf dem Highway. Für diesen Fall hatten sie keinen Plan gehabt. Wer rechnete schon damit auf Menschen zu treffen, denen man vertrauen konnte?
Das einzige, das sie ihm eingeschärft hatte war, dass er niemandem verraten sollte, wer sie war, also auch nicht, ob sie eine Frau oder ein Mann war. In der Vergangenheit hatte sich oft als hilfreich erwiesen, wenn man sie für einen Mann hielt. Zumindest war das ihre Begründung gewesen. Also sprach er den Anführer der Gruppe an, einen gewissen Rick.
„Hey, kann ich Sie was fragen?" begann er zaghaft.
„Klar, was denn?" antwortete Rick zerstreut. Auch ihn hatte Beths Tod erschüttert.
„Ich will jetzt nicht, dass Sie denken, Beths Tod interessiere mich nicht und ich wolle sie ausnutzen, doch ist es so, dass Beth und ich zusammen mit jemand drittes fliehen wollten. Er ist vor fast zwei Tagen raus, sollte die restlichen Cops weglocken und wir wollten uns auf dem Highway treffen. Er wartet da auf uns. Ich sollte dorthin", sagte Noah und sah Rick aus blutunterlaufenen Augen an.
Er nickte bloß und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Ok, dann führst du uns da hin."
xxx
Noah saß mit Glenn, Michonne und Abraham in einem Wagen und sie fuhren zuerst zu dem Treffpunkt auf dem Highway. Die anderen sollten nachkommen, wenn sie ihnen per WalkieTalkie das OK gaben. Er hoffte, dass sie noch dort war, denn sonst stand er ziemlich dumm vor der Gruppe da. Und hatte sie alle unnötig hier raus geführt. Sie hatten wirklich andere Probleme, Beths Tod beispielsweise.
Abraham steuerte auf einen Wagen zu, der am Straßenrand stand. Auf der Heckscheibe war ein weißes Kreuz, das war ein gutes Zeichen. Nur die Szenerie, die sich davor abspielte, machte Noah unruhig. Und nicht nur ihn, sondern auch die anderen. Abraham entsicherte seine Schrotflinte und atmete tief durch.
Sie stiegen alle aus dem Wagen und ihnen bot sich ein Anblick des Grauens: Eine schlanke, relativ kleine und zudem maskierte Person hackte gerade unkontrolliert und beharrlich auf eine Leiche ein, die vor dem Wagen auf der Straße lag.
Im Umkreis von zehn Metern türmten sich erschossene Beißer und Blut floss in Bächen über den Teer. Abraham sah die Person genauer an und entdeckte, dass sie nur die Axt und einige Messer bei sich trug. Der Rest lag vielleicht im Wagen, aber das überließ er Glenn. Michonne kümmerte sich um die Beißer, die vereinzelt aus dem Wald auf die Straße taumelten und Noah sollte sich mit seinem Kameraden unterhalten.
„Los, sag etwas", forderte Abraham den Jungen auf und unsicher stellte der sich vor Judith, die ihn in ihrer Rage nicht einmal zu bemerken schien.
„Hey, ich bin hier. Eine Gruppe hat mich hergebracht, das sind Beths Freunde. Du kannst mit uns mitkommen, sie bringen mich nach Hause. … Beth... hat es nicht geschafft."
Als keine Reaktion erfolgte, schritt Abraham an die Person heran und hielt ihr den Lauf der Schrotflinte direkt an den Kopf.
„Axt weglegen, Hände hinter den Kopf und hinknien. Ich werde dir deine Messer abnehmen, nur solange bis der Rest von uns hier ist. Wir werden dann entscheiden was mit dir geschieht. Und jetzt los." Der Maskierte hatte tatsächlich aufgehört auf die Leiche einzuschlagen und kam Abrahams Befehlen nach. Das war schon fast zu einfach. Der Blick, den Abraham durch die Löcher in der Sturmhaube sehen konnte, ließ ihm einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen.
Das WalkieTalkie knackte: „Was gefunden?" knarrte eine Stimme.
Abraham antwortete: „Es ist nur einer hier, wie Noah es gesagt hat. Wir haben alles im Griff, ihr könnt herkommen."
xxx
Fünf Minuten später kamen sie an die Stelle, an der Abraham und der Rest sich gerade aufhielten. Daryl hatte kein gutes Gefühl bei der Sache, deshalb ließ er die Armbrust nicht im Wagen. Immerhin wussten sie nicht, mit wem sie es hier zu tun hatten. Noah konnte auch die falschen Freunde haben.
Und dann wurde seine Befürchtung bestätigt: Dieser maskierte Kerl kniete da auf dem Boden in einer Lache aus Blut, umgeben von unzähligen Leichen. Der Tag wurde immer besser. Rick sah seltsam aus, irgendwie beschämt. Er hockte vor dem Fremden und sprach gerade mit ihm. Daryl hörte nur wie er fragte: „Wer ist das?" und dabei auf einen Berg aus Hackfleisch deutete.
Die Axt, die direkt daneben lag, sprach Bände. Widerlich. Der Fremde deutete mit dem Kinn auf den Kofferraum des Autos und Rick erhob sich, um hinein zu sehen. Er wurde kreidebleich. Mit einem verstörten Blick auf den Maskierten ging er auf Daryl zu.
„Das musst du dir ansehen", war alles was Rick sagte und Daryl schritt zwischen den Leichen zum Auto. Noch bevor er sich den Inhalt des Kofferraums ansah, fiel sein Blick auf die Waffen, die Abraham dem Kerl abgenommen hatte. Und dann erkannte er das Jagdmesser, das er vor einer gefühlten Ewigkeit jemandem gegeben hatte, den er heute für tot hielt. Dieses Arschloch musste es ihr abgenommen haben.
Wütend stapfte er auf ihn zu und hielt ihm die Armbrust vor das Gesicht.
„Wo hast du dieses Jagdmesser her!?" brüllte er und merkte, wie ihn jemand wegzuziehen versuchte. Er befreite sich aus den Griffen der anderen und zielte weiter mit der Armbrust auf das maskierte Gesicht des Fremden.
„Na los, antworte mir!"
Daryl packte den Mann unter einer Achsel und zog ihn auf die Beine. Dann hielt er ihm wieder die Armbrust vor die Nase.
„Antworte mir endlich, du Bastard!" schrie Daryl ohne Beherrschung. Das war ihm seit es angefangen hatte nicht sehr oft passiert, er hatte sich fast immer im Griff gehabt.
„Daryl, beruhige dich bitte", sagte Rick angestrengt, als er versuchte die Armbrust etwas von dem Fremden abzuwenden.
„Scher dich weg, das geht dich nichts an!" rief Daryl erzürnt. „Na los, woher hast du es?" raunte er dem Fremden zu.
Nach langem Zögern zog der Fremde ohne zu antworten die Maske über den Kopf und zeigte sein Gesicht.
„Du hast es mir gegeben, Daryl Dixon."
Er traute seinen Augen nicht. Jegliche Kraft wich aus seinen Gliedmaßen, er fühlte sich, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Scheppernd fiel die Armbrust zu Boden und sein Kopf leerte sich. Dann traf ihn Judiths Faust mitten ins Gesicht.
Er fiel rücklings auf die Straße und starrte weiterhin das Gesicht des Fremden an – oder vielmehr Judiths Gesicht. Sein Atem ging so flach, dass er zu ersticken drohte. Als sie ihn geschlagen hatte, war der Rest der Gruppe in Alarmbereitschaft gewesen und alle zielten mit entsicherten Waffen auf die zierliche Frau, die vor ihnen stand. Rick stellte sich vor die anderen: „Nehmt die Waffen runter, bitte!"
Daryl zog sich an dem Wagen hoch, vor dem die zerhackte Leiche lag und stand reglos vor der Frau, die er seit Jahren für tot gehalten hatte. Was sollte er jetzt tun? Sie sah so zerbrechlich aus, er wollte sie um nichts in der Welt anfassen, aus Angst, sie könne tatsächlich zu Staub zerfallen, so wie sie es in seinen Alpträumen tat. Gleichzeitig wollte er sie in seine Arme ziehen, er wusste nichts mit seinen Gefühlen anzufangen. Dann fiel ihm ein, was er sich geschworen hatte, falls er sie je wiedersehen sollte: „Verzeihst du mir?"
Judith nickte fast unmerklich und er ging ein paar Schritte auf sie zu. Unsicher blickte er sie an und wartete auf eine Reaktion von ihr. Ihre Mundwinkel zogen sich ein wenig nach oben und er konnte sich nicht mehr bremsen. Er streckte die Arme nach ihr aus und zog sie an sich.
Daryl wollte sie festhalten und nie mehr loslassen. Was war nur wieder mit ihm los? Er lockerte die Umarmung und umfasste ihr Gesicht mit beiden Händen. Dann drückte er seine Stirn auf ihre und schloss die Augen. Judith vergrub ihre Hand in seinen Haaren und er fühlte, wie ihn die Anspannung der letzten Jahre verließ. Es mussten Stunden vergangen sein, ehe er von ihr abließ und einen Schritt zurücktrat.
Rick stand neben ihnen und drückte Judiths Schulter mit einem versöhnlichen Gesichtsausdruck.
„Ich möchte auf dein Angebot zurückkommen und es annehmen", sagte sie zu Rick und er nickte. Dann drehte er sich zu den anderen, die alle ziemlich verblüfft da standen und die drei ansahen.
„Wir kennen sie und sie möchte sich uns anschließen. Seid ihr damit einverstanden?" sagte er laut genug, dass ihn alle verstanden. Abraham ging auf sie zu und blieb nur knapp vor Judith stehen. „Erst wenn wir ihr die Fragen gestellt haben. Das da kann ich nicht einfach vergessen, nur weil ihr sie kennt", sagte er wütend und deutete auf die Beißer und die Leiche. Rick nickte und sah Daryl an. In ihm kochte wieder die altbekannte Wut hoch, doch ließ er Abraham tun, was er tun musste.
An Judith gerichtet fragte der Sergeant: „Wie viele Beißer hast du getötet?"
Judith sah diesen riesigen Kerl lange an und antwortete: „Ich weiß es nicht, aber es waren wohl noch nicht genug."
Abraham schnaufte wütend. „Wie viele Menschen hast du getötet?"
Daryl sah wie sich Judiths Blick verfinsterte. Sie antwortete nicht und Abraham wiederholte die Frage übertrieben betont: „Wie viele Menschen hast du getötet? Es sind eine Menge, hab ich Recht?"
Sie sah zu ihm nach oben und Abraham konnte beobachten wie jedes Anzeichen einer Emotion aus ihrem Gesicht verschwand. Dann spuckte sie sarkastisch aus: „Keine Ahnung, muss wohl meine Strichliste verloren haben." Abraham trat sehr nah an sie heran.
„Letzte Frage: Warum?"
Judith wurde lauter: „Ich kann dir sagen warum. Weil entweder ich", sie zeigte auf sich, „oder er", sie deutete auf Rick, „sein beschissener Bruder", ihr Finger zeigte auf Daryl, „oder unsere Freundin Beth", als letztes sah sie zu Noah, „entweder nicht hier stehen würden oder schon viel früher gestorben wären. Dabei fällt mir ein, dass ich mein Konzept vielleicht noch einmal überdenken sollte, denn meine Erfolgsquote liegt nur bei mickrigen fünfzig Prozent, wie mir scheint. Jetzt kannst du mich abknallen, Gorilla, denn vermutlich ist deine Weste so blütenweiß, dass du darüber entscheiden darfst, ob ich sterbe."
Abraham hob die Schrotflinte und richtete sie direkt auf das Gesicht des Mädchens. Daryl war zwar verblüfft über die Schlagfertigkeit dieser Frau, doch sah er sofort Rot, als der Lauf der Waffe auf ihr Gesicht zeigte. Er ging auf Abraham los und nur mit Mühe konnten Rosita, Glenn und Rick ihn von dem Mann herunterziehen. Judith ging vor Abraham in die Hocke und sah ihn lange an.
„In Zukunft überlegst du dir gut, was du von mir wissen willst", sagte sie zu ihm und hielt ihm die Hand hin, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Aus Stolz ergriff er sie nicht. Daryl schritt vor Abraham auf und ab wie ein wütendes Raubtier. Judith sah Rick an.
„Ich will meine Sachen zurückhaben." Er nickte und sie holte sich als erstes ihren Gürtel, den sie sich um ihre Hüfte schlang. Daryl schnappte sich seine Armbrust und ging auf die Gruppe zu, dann sah er aus dem Augenwinkel in den offenen Kofferraum. Beim genaueren Hinsehen entdeckte er einen abgetrennten Kopf, dessen Gesicht ihm trotz der zerstochenen Augen sehr bekannt vorkam. Es war George, Judiths Vater. Er hatte also doch überlebt.
Überlebt, um von seiner eigenen Tochter geköpft und zerhackt zu werden. Neben dem Kopf lag noch etwas, bei dem er sich zuerst nicht sicher war, um was es sich handelte. Die Erkenntnis ließ ihn schaudern. Sie hatte ihn nicht nur enthauptet und danach zu Hackfleisch verarbeitet, entmannt hatte sie ihn zuvor auch noch. War das noch die Judith, die er mal gekannt hatte? Oder hatte diese Welt sie zu sehr verändert?
