Kapitel 21
Dunkle Wolken
„Was ist denn mit Hagrid los?", fragte Septima verwundert und sah dem Wildhüter nach, der vollkommen neben der Spur zu sein schien.
„Ich hab nicht den Hauch einer Ahnung", erwiderte Charity leise und sah dem Hünen ebenfalls hinterher, „aber er sah ziemlich verheult aus."
„Ich geh ihm mal nach. Wenn Minerva mich sucht, dann sag ihr bitte, dass ich bei Hagrid bin, ja?"
"Klar, mache ich", versprach Charity sah Septima hinterher, die Hagrid nachlief.
„Hagrid! Hagrid, nun warten Sie doch!" Septima joggte dem Halbriesen durch die Ländereien hinterher. „Hagrid!"
Ihren letzten Ruf schien er gehört zu haben, denn er blieb so abrupt stehen, dass Septima beinahe in ihn hineinlief. Sie strauchelte und wurde nur von einer seiner großen Hände vor einem Sturz bewahrt.
„Danke", keuchte sie und sah zu ihm hoch. Über seinem dunklen Bartgestrüpp sah sie zwei vom Weinen geschwollene Augen.
„Was ist denn mit Ihnen los?", fragte sie. „Sie sehen so unglücklich aus. Kann ich etwas für Sie tun?"
Anstatt einer Antwort brach er wieder in Tränen aus und zog ein tischdeckengroßes Taschentuch hervor.
„Nee, Sie können nix tun", schniefte er undeutlich. „'s is wegen Aragog."
„Aragog? Sie meinen Ihre Acromantula?", vergewisserte sich Septima.
Hagrid nickte. „Ging ihm schon ne Weile nicht so doll und ich hab ihn gepflegt, aber letzte Nacht is er dann gestorben." Er bemühte wieder sein Taschentuch.
Septima stellte sich auf die Zehenspitzen und tätschelte Hagrids Ellbogen um ihn zu trösten. „Es tut mir leid, das zu hören", sagte sie freundlich. „Ich kann verstehen, dass dieser Verlust schmerzlich für Sie ist. Wo Sie ihn doch schon so lange kannten."
„Ich hab ihn selbs ausgebrütet, damals", schniefte Hagrid, „un in einem Schrank inner Schule gehalten."
„Ich weiß, Sie haben mir davon erzählt", antwortete Septima und tätschelte wieder seinen Arm.
„Das ham Sie nich vergessen?"
"Natürlich nicht", versicherte Septima feierlich. „Es ist schon etwas Besonderes, wenn man sich mit Acromantula so gut auskennt wie Sie und eine so lange Freundschaft mit einer von ihnen pflegt."
„Ich will ihn hinter meim Kürbisbeet begraben, wollte grade das Grab schaufeln", schluchzte Hagrid und stützte sich so schwer auf Septima, dass sie ein paar Zentimeter in den Boden einsank.
„Kann ich Ihnen dabei helfen?", würgte sie hervor und stemmte sich
gegen ihn.
Hagrid schluchzte noch lauter. „Wenn Sie das tun würdn! Dabei ham Sie Aragog nich mal gekannt."
„Nein, leider nicht", keuchte Septima, die immer noch gegen Hagrids Gewicht ankämpfte, „aber ich bin mir sicher, dass ich ihn gemocht hätte. Kommen Sie." Sie fasste fürsorglich nach Hagrids riesiger Pranke, um ihn zu seiner Hütte zu geleiten. In der Nähe des Komposthaufens sah sie einen riesigen Spaten im Erdreich stecken und dahinter die tote Riesenspinne, die mit verhedderten und abgeknickten Beinen auf dem Rücken lag. Septima unterdrückte ein Schaudern.
"Normalerweise fressen Acromantulas ihre Toten, aber ich wollte, dass Aragog ein richtiges Begräbnis bekommt", schniefte Hagrid einen halben Meter über ihr.
"Ich bin sicher, er wüsste es zu schätzen", versicherte Septima ihm und bugsierte ihn in sein Häuschen. „Warum setzen Sie sich nicht für einen Moment und trinken einen Tee, während ich das Grab aushebe?", schlug sie ihm vor.
„Das is so furchbar nett von ihnen!", heulte Hagrid wieder und ließ sich schwer auf seinen Stuhl fallen.
Septima flüchtete nach draußen, bevor Hagrid sich wieder auf sie werfen konnte und sah sich unversehens der toten Spinne gegenüber.
„So, du haariges Biest", murmelte sie leise, „dann wollen wir doch mal eine schöne Grube für dich ausheben."
"Ham Sie was gesacht, Professor?", rief Hagrid durch das Fenster.
„Nur, wie beeindruckend Aragog ist und dass es schade ist, dass ich ihn nicht mehr kennengelernt habe."
„Er hätt Sie sicher gemocht", versicherte Hagrid ihr.
„Das glaube ich gerne!", rief Septima zurück und betrachtete die großen scharfen Beißwerkzeuge. „Allerdings wohl eher als Nachspeise", murmelte sie leise.
Sie sah, wo Hagrid schon mit dem Grab angefangen hatte und zog den Zauberstab, um die Grube noch zu verbreitern und zu vertiefen, damit Aragog auch wirklich hineinpassen würde. Als sie damit fertig war, warf sie noch einen skeptischen Blick auf die Acromantula, bevor sie wieder zu Hagrid hineinging.
„So, das dürfte genügen. Möchten Sie ihn jetzt begraben?", fragte sie so zartfühlend wie sie konnte.
Hagrid schüttelte seinen gewaltigen Kopf.
„Nee, ich dachte, ich begrab ihn er's bei Dämmerung, das war seine liebste Tageszeit", erklärte er und wischte weitere Tränen von seinem Gesicht.
„Nana", sagte Septima und tätschelte seinen Rücken. „Denken Sie doch einfach daran, was für ein erfülltes und langes leben er dank Ihnen hatte. Vielleicht tröstet Sie das ein wenig."
"Sie sin so nett zu mir, Professor, und ich weiß nich ma warum."
"Warum soll ich denn nicht nett zu Ihnen sein, Hagrid?", fragte Septima erstaunt. „Sie sind doch auch immer nett zu mir. Sie sind eigentlich zu allen nett und freundlich und ich weiß, dass Professor Dumbledore große Stücke auf Sie hält. Einen so fähigen und loyalen Wildhüter wie Sie gibt es sicher kein zweites Mal", versicherte sie ihm und wurde durch ein Lächeln belohnt.
„Ich frag mich, ob Sie mir vielleich noch nen Gefallen tun würdn."
"Bestimmt. Was soll ich denn tun?"
"Könnten Sie Harry eine Nachricht mit zum Schloss raufnehmn? Er hat Aragog gekannt und will sicher wissen, was passiert ist."
„Natürlich", stimmte Septima zu, insgeheim erleichtert, dass er sie nicht zur Beerdigung gebeten hatte.
Hagrid kritzelte schnell ein paar Zeilen auf ein Stück Pergament, wobei ihm wieder die Tränen über die Wangen liefen und die Tinte verschmierten, bevor er es zusammenrollte und Septima gab.
„Danke, Professor. Das is furchbar lieb von Ihnen."
„Keine Ursache, Hagrid. Am besten ruhen Sie sich jetzt ein wenig aus, das wird Ihnen sicher gut tun. Ich muss leider noch etwas arbeiten, sonst würde ich noch eine Weile bleiben", log sie.
Hagrid sah sie dankbar an. „Sie ham schon genug für mich getan. Wird ich Ihnen nie vergessen."
Unbeholfen tätschelte sie ihm ein letztes Mal den Rücken, dann machte sie, dass sie wieder zum Schloss kam, wo Minerva schon auf sie wartete.
„Mein Gott, wo warst du denn solange?"
„Gleich, warte mal. He, Lillian! Tun Sie mir den Gefallen und geben das hier Harry Potter!" Septima drückte ihr das Pergament in die Hand.
„Natürlich, Professor Vector."
„So, jetzt zu dir", wandte sie sich an Minerva, als das Mädchen außer Hörweite war. „Hat Charity dir nicht gesagt, dass ich bei Hagrid war?"
"Doch, natürlich. Ich hatte nur nicht gedacht, dass es so lange dauern würde. Und dass du dich dabei so schmutzig machen würdest", erwiderte Minerva und warf einen bezeichnenden Blick auf Septimas Schuhe und den Saum ihrer Robe.
"Hör bloß auf! Hagrid ist am Boden zerstört und ich musste ihn beinahe tragen. Und dann habe ich noch ein Grab schaufeln müssen."
„Du liebe Zeit, was ist denn passiert?"
"Sein Aragog ist letzte Nacht gestorben und Hagrid nimmt sich das furchtbar zu Herzen", erklärte Septima. „Ich habe nicht so sehr viel für riesige schwarze Spinnen übrig, aber ihm schien meine Anteilnahme gut zu tun. Also habe ich Hagrid zu seiner Hütte gebracht und gleich noch das Grab für Aragog geschaufelt."
"Etwa mit einem Spaten? So, wie du aussiehst?"
"Nein, mit meinem Zauberstab. Der Dreck ist von Hagrid, er hat sich auf mich stützen müssen in seinem Kummer und mich ein paar Zentimeter in den Boden versenkt." Septima zuckte die Schultern. „Wenn es weiter nichts ist. Du solltest ihn sehen, Minerva. Er weint wie ein kleiner Junge, dem der Hamster gestorben ist, es ist herzzerreißend. Und trotzdem bin ich froh, dass er mich nicht zur Beerdigung eingeladen hat, auch wenn ich mich deswegen fühle wie ein echtes Scheusal", seufzte Septima.
"Er hatte diese Spinne ziemlich lange, glaube ich."
"Über fünfzig Jahre", nickte Septima, „ und er hat sie selber ausgebrütet, kein Wunder, dass er in Tränen aufgelöst ist."
"Hagrid und seine Monster", seufzte Minerva und schüttelte ratlos den Kopf. „Ich fürchte nur, dass du dir mit deiner karitativen Art vorhin wieder eine extra Ration Felsenkekse gesichert hast", fügte sie hinzu.
Septima schnitt eine Grimasse. „Auch das noch! Vielleicht sollte ich Charity dazu überreden, Hagrid einen Backkurs zu verpassen. Oder dezent fallenlassen, dass ich gerne Schokolade mag. Aber was anderes, du hast gesagt, du hast auf mich gewartet?"
"Ja, ich wollte dir erzählen, dass Katie Bell morgen zurückkommt, sie ist wieder vollkommen gesund."
"Das ist doch mal eine schöne Nachricht", freute sich Septima ehrlich. „Es tut doch einfach mal gut, wenn man etwas Positives hört anstatt ständiger Katastrophenmeldungen, oder?"
"Allerdings", stimmte Minerva heiter zu und zückte ihren Zauberstab. „Halt mal still, damit ich diesen Dreck wegmachen kann."
Innerhalb einer Sekunde sahen Septimas Sachen wieder sauber aus.
"Danke, diesen Zauber sollte ich mir wirklich einmal merken", seufzte sie.
„Allerdings, das solltest du wohl wirklich", stimmte Minerva zu und lächelte.
„So, Miss Bell kommt also morgen wieder zurück?", fragte Septima und hakte sich bei Minerva ein.
„Ja. Sie ist seit Montag aus dem Hospital heraus, hat ein paar Tage Zuhause bei ihren Eltern verbracht und wird morgen wieder nach Hogwarts zurückkehren."
„Hat sie irgendetwas dazu sagen können, wer ihr diese Halskette gegeben hat?"
"Nein, leider nicht. Sie erinnert sich nur noch, dass sie die Türe zur Damentoilette aufgestoßen hat und ihre nächste Erinnerung ist daran, wie sie im St. Mungos aufgewacht ist."
„Schöner Mist", brummte Septima. „Ich hatte gehofft, sie hätte uns einen Hinweis geben können, wer dahinter steckt. Ich sah mich schon auf den Bösewicht zustürmen, ihm einen falschen Bart abreißen und schreien ‚Du bist der Schurke!' wie eine Heldin aus einem viktorianischen Roman."
"Du liest eindeutig zuviel Schund", kommentierte Minerva trocken.
"Mag sein", sagte Septima achselzuckend. „Aber immerhin dürftet ihr ja jetzt doch noch Chancen haben, den Quidditch-Pokal zu gewinnen, wo Mr. Weasley und Miss Bell wieder von der Partie sind."
"Ich hoffe es doch sehr! Allerdings müssen wir Ravenclaw mit mindestens dreihundert Punkten Vorsprung schlagen, sonst werden wir Zweiter. Über die anderen Möglichkeiten weigere ich mich, überhaupt nachzudenken."
„Aha. Aber tu mir bitte den Gefallen und lass beim nächsten Spiel jemand anderes kommentieren, ja? Noch ein Spiel wie das letzte halten meine Nerven nicht aus."
„Ha ha", machte Minerva, „als ob du etwas von Quidditch verstehen würdest."
„Das habe ich nicht behauptet. Allerdings verstehe ich etwas von dir und deine Laune war gelinde gesagt, Furcht erregend", neckte Septima. „Ich weiß nur nicht, was dich mehr aufgeregt hat: Lovegoods Kommentare oder McLaggens unangebracht Herumklugscheißerei."
Minerva zuckte vielsagend die Schultern und war zu keiner anderen Antwort zu diesem Thema zu bewegen.
Wenige Tage vor dem Spiel gegen Ravenclaw befand sich die Stimmung im Schloss kurz vor dem Siedepunkt. Die Schüler der rivalisierenden Häuser versuchten, die gegnerischen Spieler einzuschüchtern, gemeine Kommentare flogen hin und her und wann immer sich ein Spieler einer Mannschaft auf den Fluren zeugte, war eine Gruppe Schüler der anderen Seite da, um gehässige Sprechchöre zu üben. Und wie immer gab es zwei Sorten Spieler: Die einen sonnten sich in der Aufmerksamkeit, die anderen rannten während jeder Pause und zwischen den Stunden zur Toilette, um sich zu übergeben.
„Tja, ich fürchte, Mr. Weasley sieht nicht sehr fit aus", bemerkte Septima, als sie Minerva im Korridor traf und deutete auf einen leicht grünlich angehauchten Ron, der schwankend zur Toilette eilte.
„Das sind nur die Nerven", sagte Minerva gelassen, „das Phänomen kenne ich von beinahe jedem entscheidenden Spiel seit ich hier bin. Die einen stolzieren herum wie die Könige, die anderen verdrücken sich aus dem Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Das letzte Spiel ist immer besonders interessant und entsprechend hoch schlagen die Wogen. Ich muss weiter."
"Oh nein, da kommt Miss Granger", seufzte Septima. „Ich wette, sie will mir wieder erklären, dass sie meint, auf dem dritten Bogen Pergament im zweiten Absatz von unten einen Fehler gemacht zu haben. Kannst du mich nicht schnell unsichtbar machen?"
"Nein. Warum sollte es dir besser gehen als mir?" Minerva lächelte süffisant. „Wir sehen uns dann heute Abend."
Sie schob sich dicht an Septima vorbei. „Auf in den Kampf", raunte sie ihr zu und ließ sie stehen.
Allein, zu dem ruhigen Abend sollte es nicht kommen. Nur wenige Minuten später erreichte ein Patronus Minerva, in dem Snapes barsche Stimme sie aufforderte, umgehend im Lehrerzimmer zu erscheinen.
Im höchsten Maße alarmiert eilte sie ins Lehrerzimmer und war verblüfft, dass sie nicht nur Snape vorfand, sondern die versammelte Lehrerschaft.
„Was ist passiert?", fragte sie in die beklommene Stille.
Ihre Augen huschten zu Septima, diese schüttelte unmerklich den Kopf, sie wusste auch nichts.
Snape stand mit verschränkten Armen vor seinen versammelten Kollegen, sein Gesicht so weiß, wie Minerva es selten gesehen hatte und in seinen Augen schien ein dunkles Feuer zu glimmen.
„Was passiert ist? Das kann ich Ihnen genau sagen. Harry Potter hat Draco Malfoy im Waschraum attackiert. Mit dem Sectumsempra." Diesen Anhang schien er Minerva direkt vor die Schuhe zu spucken und ihre Augen weiteten sich entsetzt. Sie konnte hören, wie ihre Kollegen hinter ihr entsetzt tuschelten.
„Ich hatte ja keine Ahnung, dass er so dunkle Magie kennt", bemerkte Snape spöttisch und funkelte Minerva an als sei sie dafür verantwortlich.
Ihre Schultern strafften sich und sie sah Snape ruhig ins Gesicht.
„Ich würde gerne die ganze Geschichte hören, Severus", brachte sie gelassener hervor, als sie es selbst für möglich gehalten hätte, setzte sich und deutete auf einen Stuhl. „Ich schlage vor, Sie setzen sich und berichten mir, was passiert ist."
„Was passiert ist? Anscheinend hatten die beiden eine verbale Auseinandersetzung, in deren Verlauf Potter diesen Fluch gegen Malfoy einsetzte. Wenn ich nicht in der Nähe gewesen wäre, um sofort den entsprechenden Gegenzauber auszuführen, hätten wir Malfoy im Sarg nach Hause schicken können", antwortete Snape kalt und sah sie mit böse glitzernden Augen an. „Potter behauptete, diesen Fluch in einem Buch gelesen zu haben, konnte oder wollte aber mir nicht sagen, in welchem. Ich werde ihn jeden Samstagmorgen Strafarbeit machen lassen bis zum Ende des Schuljahres."
Minerva nickte langsam. „Ich stimme Ihnen vollkommen zu, Severus. Selbst, wenn er nicht gewusst haben sollte, was dieser Zauber bewirkte, können wir ein solches Verhalten nicht durchgehen lassen."
"Sie meinen, er hat nicht gewusst, was er mit diesem Spruch anrichten würde?", fragte Snape ruhig und bleckte die Zähne.
"Ich halte es durchaus für möglich", erwiderte Minerva ebenso ruhig. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er willentlich einen so dunklen Fluch eingesetzt hätte, nicht einmal gegen Mr. Malfoy, wenn er gewusst hätte, dass die Konsequenzen tödlich sein können."
Sie erhob sich und sah auf Snape hinunter, in seinen Augen irrlichterte es gefährlich.
„Wo ist Potter jetzt?", verlangte sie zu wissen. „Ich werde ein ernstes Wort mit ihm sprechen müssen."
„In seinem Gemeinschaftsraum vermute ich", antwortete Snape kalt, „wo er sich vermutlich vor seinen hohlköpfigen Freunden mit seiner Heldentat brüsten wird."
Minerva ignorierte seinen letzten Kommentar geflissentlich, nickte und rauschte aus dem Lehrerzimmer. Sie eilte auf direktem Weg in den Gryffindorturm und ließ Harry in ihr Büro rufen.
Kurz darauf klopfte es zaghaft – sehr zaghaft- an ihrer Tür und sie rief Harry schroff herein.
Schweigend musterte sie ihren bleichen Schüler, der einen sehr niedergeschlagenen und schuldbewussten Eindruck machte. Sie war sich sicher, dass er nicht damit gerechnet hatte, dass sich dieser Fluch so verheerend auswirken würde. Dennoch ließ sie ihn vor ihrem Schreibtisch stehen, wo er unbehaglich darauf wartete, dass sie das Wort ergriff.
Endlich öffnete sie den Mund, um ihr unheilvolles Schweigen zu beenden.
„Potter, Sie können von Glück sagen, dass Sie wegen dieser Sache nicht der Schule verwiesen werden", begann sie ruhiger als sie sich fühlte. „Es ist nur Professor Snapes schnellem Eingreifen zu verdanken, dass Ihr Angriff auf Mr. Malfoy nicht tödlich endete. Und ich unterstütze Professor Snape aus vollem Herzen, was Ihre Strafe angeht."
"Es tut mir Leid, Professor", begann Harry kaum hörbar, „ich wollte nicht…"
„Sie wollten nicht? Nun, es ist ausgesprochen beruhigend, das von ihnen zu hören!", bellte Minerva sarkastisch, „Herrgott, was haben Sie sich dabei gedacht? Wie kommen Sie überhaupt an diesen Fluch? Antworten Sie!"
"Ich hab… irgendwo davon gelesen", murmelte Harry, „weiß nicht mehr wo. Ich hatte doch keine Ahnung, dass so etwas passieren konnte!" Ehrlich entsetzt sah er sie an.
„Sie dummes Kind!", versetzte sie gereizt, „Und es ist Ihnen nicht in den Sinn gekommen, dass es gefährlich sein könnte, mit unbekannten Flüchen herumzuexperimentieren! Potter, haben Sie Ihren Kopf zum Denken oder nur, damit Ihnen der Regen nicht in den Hals läuft? Ich hätte Sie für verantwortungsbewusster gehalten! Wenn Sie nicht zu alt dafür wären, würde ich Sie übers Knie legen!"
„Malfoy wollte mir den Cruciatus-Fluch aufhalsen und ich war froh, dass ich einen guten Fluch…", begann Harry, bevor McGonagall endgültig explodierte.
„Einen guten Fluch? EINEN GUTEN FLUCH?"
Sie sprang auf und trat so dicht an Harry heran, dass er unwillkürlich zurückzuckte.
„Ihnen ist wohl nicht bewusst, was Sie getan haben? Sie hätten Malfoy beinahe getötet, falls Ihnen das entgangen sein sollte."
Sie griff Harry bei den Schultern und sagte betont ruhig: „Wenn ich noch einmal irgendeinen Regelverstoß von Ihnen gemeldet bekomme, irgendeine Kleinigkeit, dann werden Sie diese Schule verlassen müssen. Ist das klar?"
„Ja, Professor", murmelte Harry, den Blick zu Boden gerichtet.
„Und Sie werden sich bei Malfoy entschuldigen."
„Aber…"
"Das ist mir egal, Potter. Ich weiß, dass er Sie damit aufziehen wird bis Sie alt und grau sind, dass er es als einen Triumph ansehen dürfte, aber es kümmert mich nicht im Geringsten. Das haben Sie sich ganz alleine zuzuschreiben. Und jetzt gehen Sie!"
„Auf Wiedersehen, Professor", sagte Harry leise und schlich bedrückt aus dem Zimmer.
Kaum, dass er das Zimmer verlassen hatte, betrat Septima das Büro.
„Kann ich reinkommen?", fragte sie noch auf der Türschwelle. „Oder wärst du jetzt lieber allein?"
"Nein nein, komm ruhig", seufzte Minerva, ließ sich schwer auf ihren Stuhl fallen und barg das Gesicht in den Händen.
Mit ungewohnt ernstem Gesicht trat Septima an den Schreibtisch heran, umrundete ihn, beugte sich über Minerva und legte ihr die Hände auf die Schultern.
„Ich weiß nicht, was in den Jungen gefahren ist", kam es dumpf hinter Minervas Händen hervor. „Ich verstehe es nicht, Septima."
Sie hob den Kopf, um Septima anzusehen.
„Ich verstehe es nicht!"
Septima streichelte ihr wortlos die Schultern.
„Ich kann nicht begreifen, wie ein fast erwachsener Junge so dämlich sein kann, einen ihm unbekannten Fluch anzuwenden. Er muss sich doch darüber im Klaren sein, dass nicht alle Fluchschäden heilbar sind. Gerade er! Stell dir nur mal vor, Severus wäre nicht in der Nähe gewesen. Malfoy könnte tot sein!"
„Nach allem, was ich an Gerüchten gehört habe, können wir andererseits froh sein, dass Malfoy Potter nicht mit einem Unverzeihlichem Fluch belegt hat", erwiderte Septima ruhig.
Minerva schleuderte ihre Hände von sich und sprang auf.
„Na großartig! Jetzt erzähl mir bloß nicht, ich sollte froh sein, dass Potter Malfoy fast umgebracht hat!"
„Das sage ich ja gar nicht", sagte Septima ebenso ruhig wie zuvor. „ich sage nur, dass du diese Sache auch aus diesem Blickwinkel betrachten solltest. Zu einem Streit, wie schlimm er auch sein mag, gehören immer zwei und ich kann mir nicht vorstellen, dass Harry Malfoy einfach nur so attackiert hat. Zugegeben, die beiden lieben sich nicht gerade heiß und innig, aber kann mir nicht vorstellen, dass ein simpler Streit so schnell so sehr eskaliert. Ich denke, dahinter steckt ein wenig mehr, meine Liebe."
Minerva sah sie schweigend an.
„Minerva, denk nach! Warum sollte ausgerechnet Harry, der Junge, der lebt, seine Zuflucht in schwarzer Magie suchen? Doch nur, wenn er keine Ahnung hat, was ein solcher Fluch bewirkt. Und wann greift man zu solchen Mitteln? Doch nur, wenn man in die Enge getrieben wird und nicht weiß, wie man da wieder herauskommt. Ich weiß nicht, ob Malfoy tatsächlich versucht hat, einen unverzeihlichen Fluch auf Harry abzuschießen, aber es spricht doch einiges dafür, oder?"
„Harry sagte, Malfoy wollte ihn mit dem Cruciatus belegen", erwiderte Minerva so leise, dass Septima sie beinahe nicht verstanden hätte.
„Dann stimmen die Gerüchte in diesem Punkt zumindest. Ich würde sagen, dass Snape ein ebenso ernstes Wörtchen mit Malfoy reden müsste wie du eben mit Harry, aber ich würde nicht darauf wetten. Andererseits ist der Junge ja auch von Harry selber schon bestraft worden. Und Harry ist ganz sicher schlimm genug bestraft worden. Sein schlechtes Gewissen, sein Dauer-Nachsitzen bei Snape, dein Wutanfall, das würde schon ausreichen. Und wenn die anderen Slytherin und die Gryffindors ihn in die Finger bekommen, wird er gleich noch einmal bestraft, ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass dein Haus hellauf begeistert sein wird, dass ihr Quidditch-Captain das nächste Spiel in Snapes Kerker verbringen wird."
„Damit könntest du sogar Recht haben", gab Minerva zu. „Aber mir graut davor, wenn ich diese Sache Albus berichten muss, wenn er zurückkommt."
„Ach, Minerva, er wird dir nicht den Kopf abreißen deswegen. Ich denke, du hast dich so gut um die Sache gekümmert, wie es nur ging, er hätte auch nicht mehr tun können als du."
"Trotzdem, es gefällt mir nicht, dass ständig solch schlimme Dinge geschehen, wenn er nicht da ist", murmelte Minerva und ließ es zu, dass Septima sie an sich zog und ihr liebevoll übers Haar streichelte.
„Du konntest es nicht verhindern, du kannst es nicht ungeschehen machen, du bist nicht verantwortlich. Es ist ja nicht so, dass du Harry und Draco dazu aufgefordert hättest, sich zu duellieren. Es ist auch nicht so, dass du ihnen schwarzmagische Flüche beigebracht hättest oder ihnen gesagt hättest, sie sollten sich darin erproben, oder? Davon abgesehen glaube ich nicht, dass du unbedingt Albus die ganze Geschichte erzählen musst, das wird Severus dir abnehmen, sowie Albus einen Fuß ins Schloss setzt."
"Ich kann es ihm nicht verdenken", erwiderte Minerva. „Malfoy ist ein Schüler aus seinem Haus, ich an seiner Stelle würde vermutlich ebenso heftig reagieren."
"Obwohl sein letzter Kommentar dazu ein wenig sehr daneben war", fand Septima, „zu behaupten, Harry würde sich mit seiner Heldentat brüsten. Das fand ich ein ziemlich starkes Stück!"
"Er war wütend, Septima. Und ich kann ihn verstehen. Er mag die Schüler drangsalieren und piesacken, wo er nur kann, aber er würde niemals zulassen, dass einer seiner Schüler Schaden erleidet. Und nun ist einer seiner Schüler schwer verletzt worden und er hatte den Schuldigen sofort am Wickel, um ihn drei Köpfe kürzer zu machen. Was meinst du denn, was ich an seiner Stelle getan hätte? Was meinst du, was ich getan hätte, wenn ich denjenigen in die Finger bekommen hätte, der Miss Bell und Mr. Weasley angegriffen hat?"
"Ich vermute, du wärst stinksauer geworden und hättest denjenigen zu Kleinholz gemacht wie den armen Harry vorhin. Ich habe dich stellenweise bis auf den Flur brüllen hören."
Minerva versuchte ein klägliches Lächeln. „Ich war ziemlich aufgebracht."
„Und das ist noch stark untertrieben", erwiderte Septima trocken. „Komm, wir gehen jetzt in dein Wohnzimmer hinüber und versuchen, an etwas anderes zu denken und über ein vollkommen anderes Thema zu sprechen, ja? Ich möchte nicht, dass du diese Nacht wieder so furchtbare Alpträume hast."
Septima streckte Minerva die Hände entgegen und nach einer Sekunde des Zögerns griff Minerva danach und ließ sich von Septima hochziehen.
„Komm!", wiederholte Septima und geleitete Minerva ins Wohnzimmer und auf ihr Sofa.
