Kapitel 21 – Wiedergutmachung
Hermine blieb noch für eine kleine Weile in der Gasse stehen. Die Kälte biss an ihren Wangen und Schnee rieselte vom Himmel, beschleunigt von einem plötzlichen Windschwall. Sie entschied sich, zurück zum Schluss zu gehen, und dachte während des gesamten Weges über ihr seltsames Treffen mit Channing nach. Sie wanderte benommen zu ihrem Schlafsaal, löste das Rätsel des Porträts („Sobald gesprochen, bin ich gebrochen. Was bin ich?" „Schweigen.") und wollte gerade in ihr Zimmer hochsteigen, als sie hörte, wie jemand herrisch ihren Namen von der Couch aus rief.
„Granger!"
Sie hielt inne. „Was ist los, Malfoy?", fragte sie matt.
„Komm her."
Weil ihr einfach nicht nach einem Streit zumute war, gehorchte Hermine. „Geht es dir besser?", erkundigte sie sich, während sie ihren langen Gryffindor- Schal abwickelte.
„Was glaubst du denn?", antwortete er gereizt. Hermine schaute ihn genauer an und wollte frustriert aufschreien. Er war immer noch mit Blutergüssen übersät.
„Warum hat man sich nicht darum gekümmert? Haben die Hauselfen nicht die Salbe nicht gebracht? So sehr ich es auch hasse es zu tun, aber vielleicht sollte ich es McGonagall melden… dass die Hauselfen nicht ihre Arbeit tun… macht überhaupt keinen Sinn. Das ist einfach läch-"
„Granger! Hör auf zu quatschen. Ich habe die Hauselfen weggeschickt. Nie im Leben hätte ich mich von ihren schmutzigen kleinen Händen berühren lassen."
Sie sah ihn ungläubig an. „Du hast sie nicht die Salbe auftragen lassen? Malfoy, warum musst du nur so anstrengend sein?", beschwerte Hermine sich, wütend über sein Verhalten.
Sie sah sich im Zimmer um und bemerkte ein Tablett mit unberührtem Essen auf dem Tisch. „Was macht das hier noch?"
„Ich werde mich nicht von ihnen füttern lassen. Das ist barbarisch." Draco gab vor, vor Ekel zu schaudern.
„Also bist du weder geheilt noch hast du etwas gegessen?"
„Und ich habe Schmerzen. Ich bin zweimal gestürzt, als ich ins Badezimmer gehen wollte."
Hermines Gesicht verdüsterte sich genervt. „Da lasse ich dich für einen Tag allein…", murmelte sie. Sie ließ ihre Taschen fallen und streifte ihren Umhang ab. Sie konnte spüren, wie Draco jede ihrer Bewegungen beobachtete… es war sehr unangenehm.
„Also, was willst du zuerst, geheilt werden oder etwas essen?"
„Wovon redest du?"
„Oh, stell dich nicht dumm. Du weißt genau, wovon ich rede. Jetzt such es dir aus oder ich entscheide für dich."
„Essen", sagte er, ohne zu zögern.
„Also gut." Sie klatschte in die Hände und ein Hauself tauchte mit einer Schüssel herzhafter Suppe, einem großen Glas Wasser und ein paar Scheiben Brot auf. Hermine musterte die Mahlzeit und dankte dem Elfen, als sie es für angemessen befand. Er verschwand mit einem breiten Grinsen, einer Verbeugung und einem Krachen.
Sie half Draco sachte sich aufzusetzen und legte das Tablett auf seinen Schoß.
„Kannst du deine Arme benutzen?", fragte sie ihn, sowohl um ihret- als auch um seinetwillen verlegen.
„Ja", sagte er knapp. Mit scheinbar großer Mühe legte Draco seine Hand auf das Tablett und werkelte mit dem Silberbesteck herum. Er gewann kurz darauf die Kontrolle wieder und schlürfte schon bald an der Suppe.
Während er aß, hing Hermine ihren Umhang auf und verstaute ihre Taschen. Als sie zurückkam, waren nur Brotkrumen übriggeblieben. Mit einem Wedeln ihres Zauberstabs verschwand das Tablett. Dann griff sie nach der Heilsalbe auf dem Tisch.
„Hier kommt der Spaß…", dachte Draco sarkastisch. Es war peinlich genug, dass er von Hermine gefüttert werden musste, doch nun… Draco freute sich nicht auf das, von dem er wusste, dass es unausweichlich war. Der stechende Geruch von Fisch durchdrang die Luft, als Hermine den Verschluss aufschraubte. Draco würgte bei dem Gestank.
„Sie könnten es zumindest ein wenig besser riechen lassen", sagte Hermine, die leicht grün wurde.
Sie drückte einen Klecks von der schleimigen Paste auf ihre Finger und schaute Draco verlegen an. Hermine legte einen seiner Arme auf ihr Knie. Sogar bei ihrem geringen Kontakt war die Hitze, die von ihrem Bein ausging, unglaublich. Sein gesamter Arm prickelte von der widersprüchlichen Wärme ihres Körpers und der Kühle der Salbe. Sie verrieb sie gleichmäßig auf seine Haut, worauf der Schmerz und die Blutergüsse fast sofort verschwanden.
Sie beendete ihre Arbeit an seinem Arm und lehnte sich zurück. „Sieht schon viel besser aus", bemerkte sie. Draco nickte.
„Ich fühle fast gar keinen Schmerz mehr", dachte Draco, während Hermine sich seinem anderen Arm zuwandte. Dann sah er, wie sie einen kleineren Klecks der übelriechenden Salbe nahm und sich seinem Gesicht näherte.
„Hey!", rief er und wehrte sie mit ausgestreckten Armen ab. „Was glaubst du, was du da machst?"
„Wonach sieht es denn aus?", gab sie zurück. „Jetzt halt den Mund."
„Das glaube ich nicht, Granger", sagte er und wehrte wieder ihren Arm ab. „Den Rest kann ich selbst erledigen."
Sie funkelte ihn an und strich die Paste wieder von ihren Fingern ins Glas zurück. „Schön, dann mach es selbst."
„Hol mir einen Spiegel."
Wenn Blicke töten könnten, wäre Draco schon zweimal gestorben.
„Hol dir verdammt noch mal selbst einen Spiegel", keifte sie.
Draco sah sie zornig aus dem Raum marschieren und schüttelte den Kopf. „Weiber."
Mit einiger Schwierigkeit schmierte er die Salbe über den Rest seiner Verletzungen und wagte einen weiteren Versuch sich aufzurichten. Er lächelte, als er ohne Schmerzen aufstehen und laufen konnte.
„Das Zeug ist genial", dachte er und verstaute die Salbe im Schrank. „Zweifellos werde ich sie bald wieder brauchen…"
Draco verbrachte die Woche unsichtbar. Er nahm alle Mahlzeiten im Gemeinschaftsraum ein und benutzte die Geheimgänge, wann immer es ihm möglich war. Er hielt den Kopf während des Unterrichts gesenkt und bemühte sich, die Blicke und den Spott der anderen zu ignorieren. Er war nicht sicher, ob sich der Zwischenfall auf dem Quidditch- Feld herumgesprochen hatte.
Jedenfalls verhieß es nichts Gutes für Draco. Die Schüler wurden wagemutiger in ihren Aktionen gegen ihn. Sie verhöhnten ihn in aller Öffentlichkeit, gewillt ihre Hauspunkte dafür aufzugeben und sich Nachsitzen einzuhandeln, nur damit sie von sich sagen konnten, dass sie den großen Draco Malfoy beleidigt hatten, ohne dafür verflucht zu werden. Die Leute fürchteten ihn nicht mehr, wie es einst einmal gewesen war.
„Ausgenommen eine Person", dachte er. Doch Hermines Angst war interessant: Es war eine Mischform. Sie wusste um seine Arroganz und sein Temperament – wenn er verärgert war, war er sichtlich gefährlich. Aber der ungewöhnliche Anblick auf der Couch zeigte eine andere Seite von ihm. Eine, die er ihr nicht so schnell hatte zeigen wollen, wenn überhaupt.
„Es ist die Unstimmigkeit, die ihr Angst macht", dachte er, während er von einem weiteren Quidditch- Training durch die Gänge zurücklief. Er hielt wachsam die Augen offen, doch er wusste, dass er für den Abend unbeschadet bleiben würde.
Er antwortete auf Godrics Rätsel („Ich kenne ein Wort mit fünf Buchstaben. Füge noch zwei hinzu und es wird weniger. Wie lautet das Wort?" „Wenig.") und trat durch das Porträtloch, wobei er sich instinktiv nach Hermine umsah.
Sie waren auf überraschend freundlichem Fuß gewesen, was sicherlich beide Seiten schockierte. Die Geschehnisse des Wochenendes schwirrten zweifellos noch in ihrem Kopf herum, ebenso wie bei Draco, doch sie sprach nicht darüber, wofür Draco endlos dankbar war. Sie führten kurze, aber höfliche Unterhaltungen, in denen sie normalerweise über Verwandlung redeten, was ihr mit Abstand schwierigstes Fach war.
„Und wir sollten heute Abend üben", dachte er und schaute sich nochmals im Gemeinschaftsraum um. „Also wo zum Teufel steckt sie?"
„Granger?", sagte er und ließ seine Tasche fallen. „Wo bist du?"
„Malfoy! Ich bin so froh, dass du zurück bist", sagte sie mit einem Anflug von Dringlichkeit in der Stimme.
Er legte seinen Kopf schief. „Froh, dass ich zurück bin?", wiederholte er mit verblüfftem Tonfall. Das waren Worte, von denen er gedacht hätte, dass Hermine sie niemals zu ihm sagen würde. „Wo bist du?"
„Ich bin auf der anderen Seite der Couch", sagte sie gereizt. „Kannst du jetzt bitte herkommen?"
„Sei doch nicht so herrisch", spottete er, doch er gehorchte. Was er da vorfand, schockierte ihn. Hermine lag auf dem Boden, nur dass es nicht Hermine war.
„Naja, zumindest nicht alles von ihr."
Hermine war ein halber Fuchs. Ihr Kopf war völlig normal, ebenso wie ihr Oberkörper. Doch ihre untere Hälfte hatte die Gestalt eines Fuchses und sie war von rostfarbenem Fell bedeckt. Ihr Zauberstab lag etwa einen Meter entfernt von ihr auf einem Tisch. So wie es aussah, hatte sie schon einige Zeit versucht, an ihn heranzukommen.
„Schicker Schwanz", feixte er.
Sie funkelte ihn an. Der Schwanz zuckte vor Verärgerung. „Macht es dir vielleicht etwas aus, mir zu helfen, Malfoy?"
Er starrte sie noch etwas weiter an in dem Versuch, sich völlig von der Kuriosität vor seinen Augen zu überzeugen. Er schüttelte ungläubig den Kopf und dachte „Abeo hominis."
Hermine verwandelte sich wieder in ihre menschliche Gestalt zurück und rappelte sich vom Boden auf. „Danke", sagte sie und zupfte ihr Shirt zurecht.
„Ich dachte, wir hätten uns darauf geeinigt, gemeinsam Animagi zu werden, Granger", sagte er in einem tadelnden Tonfall.
„Ich bin ungeduldig geworden. Du hast viel zu lange beim Quidditch- Training gebraucht."
Zum ersten Mal in seinem Leben schalt Draco Hermine. „Wir haben nicht ohne Grund einen Partner zugeteilt bekommen. Du hast McGonagall doch gehört, dass es schwierig ist, Animagi zu werden, richtig? Und dass wir nicht allein üben sollen?"
„Ja", sagte Hermine. „Ich dachte… Ich dachte, ich würde es schaffen." Ihr Gesicht errötete sich vor verletztem Stolz.
„Tja, versuch es nicht nochmal", schloss Draco mit einem spitzen Blick.
Unbehagliches Schweigen hing für einen Moment in der Luft. Dann sagte Draco: „Das war aber ziemlich beeindruckend. Wie viele Male hast du gebraucht, um es so weit zu schaffen?"
„Etwa zwanzig Mal", antwortete Hermine strahlend. „Bis zum fünfzehnten Mal habe ich nichts als Fell bekommen und dann einen Schwanz. Das war das weiteste, das ich erreicht habe."
„Beeindruckend", dachte er. „Sie ist wirklich so schlau, wie alle meinen."
Er lächelte eingebildet.
„Ich wette, ich bekomme vor fünfzehn einen Schwanz", forderte er sie mit einem Grinsen heraus.
Hermine lachte. „Den Versuch will ich sehen."
„Gib mir eine Minute, um richtig anzukommen. Dann werde ich es dir beweisen."
Im Obergeschoss wechselte er schnell in eine bequeme Hose und ein T- Shirt. Als er wieder herunterkam, sah er, dass Hermine eine Stelle vor dem Kamin frei geräumt hatte, damit sie genug Platz zum Üben hatten.
„Also schön", sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie nahm eine erwartungsvolle Haltung ein und sagte: „Du meinst, du kannst es besser? Zeig es mir."
„Das werde ich, Granger. Und du wirst staunen."
Draco schloss die Augen und konzentrierte sich auf den grauen Wolf. Er dachte an sein Fell, seine Tatzen, seine Ohren, seine sehr einfache Anatomie und versuchte sich selbst mit jenen Eigenschaften vorzustellen. Sobald er eine gute Vorstellung von seinem Tier hatte, dachte er den Zauber: Abeo lupus.
Er fühlte sich nicht anders. Er öffnete ein Auge und sah, dass Hermine damit rang, ein ernstes Gesicht zu bewahren.
„Irgendwas?", fragte er sie hoffnungsvoll.
„Nein", kicherte sie. „Aber du hättest deine Miene sehen sollen", stichelte sie lächelnd.
„Ehrlich?", sagte er und öffnete beide Augen ganz, um an sich herunterzusehen.
„Nicht ein Bisschen. Aber keine Sorge, du hast noch vierzehn Versuche, um einen Schwanz zu bekommen", witzelte sie. Draco lächelte über ihre Stichelei.
Und so begannen sie ihr Training. Draco übte, bis er einen Schwanz bekam, was er bei seinem fünfzehnten Versuch schaffte. Ein paar Male später und er so weit, wie Hermine es gewesen war. Sein Körper war zur Hälfte ein Wolf, aber noch nicht vollständig.
Danach wechselten sie sich ab und lachten gutmütig übereinander, wenn ihre Verwandlungen fürchterlich schiefgingen. Nach zwei kurzen Stunden Übung senkte Hermine ihren Zauberstab. Der Spaß war längst vergangen, ersetzt durch Frustration von ihnen beiden. Sie ließ sich auf die Couch fallen und Draco tat es ihr gleich.
„Was haben wir übersehen?", ächzte Hermine. „Wir kennen unsere Tiere in- und auswendig. Wir kennen die Zauber. Wir konzentrieren uns! Aber wir haben trotzdem nur halbe Verwandlungen geschafft! Was ist da denn noch?"
Draco fuhr sich mit den Fingern durch sein platinblondes Haar und seufzte. „Keine Ahnung", sagte er, „aber es geht mir langsam auf die Nerven. Ich bin kaputt." Draco gähnte ausgiebig, was die gleiche Reaktion bei Hermine hervorrief. „Ich sollte wahrscheinlich ins Bett gehen."
„Ja, du hast morgen ein Spiel."
Er hievte sich von der Couch und stieg die Treppe hoch, gefolgt von Hermine. Sie trennten sich, um in ihre Zimmer zu gehen, und Draco wollte gerade die Tür schließen, als er innehielt.
„Kommst du?", fragte er.
„Was?", sagte sie und schaute ihn über ihre Schulter an.
Er zögerte für einen Moment. „Kommst du", wiederholte er, „zu meinem Spiel?" Er bemühte sich, nicht zu erröten. Er sah sie leicht zaudern. Sie würde Nein sagen.
„Es ist gegen Gryffindor", platzte er hervor.
„Ach ja?", fragte sie, ehrlich überrascht. Sie runzelte leicht die Stirn und dachte höchstwahrscheinlich dasselbe wie Draco: Warum hatte Ron es ihr nicht erzählt?
„Klar komme ich", sagte sie nach kurzem Schweigen.
Draco traute es sich nicht zu, etwas zu sagen, und nickte stattdessen. Ohne ihr Gute Nacht zu wünschen, schloss er seine Tür.
„Es wird schön sein zu wissen, dass jemand auf den Rängen mich nicht hasst. Naja, zumindest nicht völlig." Er lächelte bei dem Gedanken an seinen bevorstehenden Sieg über Gryffindor und schlief tief ein.
