Kapitel 20
Einer alten reinblütigen Familie anzugehören, ist eine Ehre. Man ist schöner, schlauer, reicher und besser als die anderen Leute. Ja, man ist wahrhaftig etwas Besonderes.
Zumindest ist es das, was man gesagt bekommt.
Daphne und ich mussten uns diese Predigten fast jeden Tag anhören, wir wurden zu würdigen Stammhalterinnen erzogen, die die alte und reine Blutlinie der Greengrass weiterführen würden, trotz der Enttäuschung, dass wir beide nur weiblich waren und der Name nun nicht mehr weiter existieren würde.
Wir bekamen die schönsten Kleider, teuren Schmuck, tolle Geschenke. Wir mussten nie um etwas kämpfen, weil wir besonders waren. Viel mehr wert als diese dreckigen Schlammblüter. Die anderen hatten uns mit Respekt zu behandeln. Wir waren wie Königinnen.
In der Schule schien uns jeder für arrogant zu halten. Diese hochnäsigen Slytherins. Mit ihren perfekten Leben, während alle anderen so litten.
Sie hatten ja keine Ahnung.
In einer reinblütigen Familie aufzuwachsen hatte seine Schattenseiten. Es stimmte, an Materiellem mangelte es uns nicht, doch unser Leben war durchzogen von strengen Regeln und Zwängen, gesittetem Verhalten und dem Verstecken von echten Gefühlen. Das Geld und die Kleidung vermochten nicht die Leere in uns zu füllen, verursacht durch unerfüllte Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte und dem Mangel an elterlicher Zuneigung. Jeder von uns trug seine eigene Maske, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie fielen.
Unser Leben war vorherbestimmt und durchgeplant, Abweichungen waren nicht geduldet. Abweichungen wie ein uneheliches Kind. Ein uneheliches Kind, noch dazu nicht reinblütig, war eine Schande für die ganze Familie, führte zu Ausstoß und Enterbung. In den Zeiten des Dunklen Lords war ein uneheliches, nicht reinblütiges Kind das Todesurteil für die gesamte Familie. Unser Todesurteil.
Ich saß zusammen mit Richie in einem leeren Klassenraum und grübelte schon eine Weile darüber nach, was Daphne und ich jetzt tun konnten. Es ließ mich einfach nicht mehr los, wie eine eiserne Faust, die mein Herz umklammerte.
Abtreibung war keine Option. Daphne konnte ihr Kind nicht einfach so töten, immerhin war es ein Teil von ihr. Wie konnte man so ein kleines unschuldiges Wesen, das es sowieso nie einfach in der Welt haben würde, einfach töten? Nein, das war grausam. Ich wollte nicht, dass noch mehr starben, als ohnehin schon.
Flucht war ebenfalls keine Lösung. Der Dunkle Lord würde nicht aufgeben, bis er sie gefunden und eigenhändig getötet hatte. Er würde Vater, mich und Draco so lange quälen und foltern, bis wir ihm sagten, wo sie sich aufhielt. Oder bis wir tot waren. Und selbst wenn wir dann noch lebten, nachdem wir ihm in Todesangst ihren Aufenthaltsort gebeichtet hätten, hätte er uns mit Freuden unseren letzten Atemzug tun lassen.
Es galt also, die Strafe irgendwie abzumildern. Aber wie?
„Ich glaube ja nicht, dass man so langen überlegen muss, welches Datum heute ist", sagte Richie plötzlich. „Du starrst schon seit fünf Minuten Löcher in die Luft. Was ist los?"
Ich zuckte heftig zusammen, als hätte er mich bei etwas Verbotenem erwischt, obwohl nachdenken wohl kaum verboten war. Außerdem ahnte er nichts. Er kannte Daphne nicht. „N-nichts", stammelte ich und widmete mich betont meinen Hausaufgaben, die vor mir ausgebreitet lagen und nur darauf warteten, dass ich sie endlich erledigte.
„Ach komm." Richie klappte resigniert sein Buch zu. „Wem willst du hier etwas vormachen? Irgendetwas beschäftigt dich, ich sehe es doch."
Ich schüttelte den Kopf. Unmöglich. Ich konnte es ihm nicht sagen. Erstens hatte ich es Daphne versprochen und zweitens würde ich uns alle ins Unglück reiten, wenn irgendjemand etwas davon mitbekam, bevor wir einen sicheren Plan hatten. „Ich kann es dir nicht sagen", verkündete ich also und versuchte möglichst entschlossen und endgültig zu klingen. „Ich würde ja gerne, aber ich kann nicht."
„So schlimm kann es doch nicht sein", erwiderte Richie und legte den Kopf schief. „Hier in Hogwarts ist mir dieses Jahr schon viel zu viel Schlimmes untergekommen. Außerdem kann ich dir vielleicht ja helfen."
„Ich glaube nicht", entgegnete ich kopfschüttelnd und kritzelte das richtige Datum in die obere rechte Ecke des Pergaments. Ich sollte einen drei Fuß langen Aufsatz für Zaubertränke schreiben, aber ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Es gab im Moment einfach wichtigeres als meine Schulbildung. Zum Beispiel das Leben meiner Familie zu schützen.
„Okay, dann nicht", erklärte er betont uninteressiert, aber ich wusste, dass er das nur spielte. Die Neugier stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben, weil ich normalerweise niemand war, der so ein Drama um etwas machte. Er wusste, dass es ernst war. „Aber du weißt, dass ich für dich da bin?", konnte er sich schließlich nicht verkneifen.
Ich nickte geistesabwesend und brachte rasch ein paar halbwegs logische Sätze zu Papier. Wir arbeiteten für eine Weile schweigend. Ich versuchte fieberhaft mich zu konzentrieren , aber meine Gedanken kreisten immer noch um Daphne. Wäre sie sauer, wenn ich es Richie anvertraute? Wahrscheinlich. Ganz zu schweigen von der Gefahr, in die ich uns brachte.
Andererseits war er vertrauenswürdig. Wenn er es mir versprach, würde er es niemals weitererzählen. Oder? Da hatte ich wohl keine Garantie.
Ich konnte es einfach nicht länger für mich behalten. Es quälte mich einfach zu sehr. Ich fühlte mich so ausgeliefert und hilflos, und so wahnsinnig klein und machtlos. Vielleicht wusste er ja wirklich weiter. In diesem Zustand griff ich nach jedem Grashalm, sei er noch so dünn.
Würde Daphne es mir verzeihen?
Ich erhob stockend meine Stimme. „Richie, du musst mir bei deinem Leben versprechen, dass du es nie weitererzählst. Niemandem", sagte ich eindringlich.
„Ja, gut", stimmte er leichthin zu.
„Nein, du verstehst das nicht", rief ich und zügelte im letzten Moment meine Stimme. „Du musst es wirklich versprechen. Bei deinem Leben!"
Richie richtete sich auf und hielt meinem Blick mit seinen grünen Augen stand. „Ich verspreche es hoch und heilig. Wenn ich es weitersage, hast du alles Recht, zu tun, was du für eine gute Strafe hältst. Meine Lippen bleiben geschlossen."
Obwohl ich heftige Gewissensbisse hatte, entschied ich mich, ihm zu vertrauen. „Es geht um Daphne", sagte ich leise. „Meine Schwester."
Mit einem Mal war er ganz hellhörig. Vielleicht hatte er gedacht, es ging um mich oder um irgendein Problem mit Draco. Ich hatte nie viel über Daphne mit ihm geredet. „Was ist mit ihr?", fragte er.
„Sie ist... sie ist..." Ich atmete tief durch. Plötzlich war meine Zunge unfassbar schwer. Wie konnte ich Daphnes Vertrauen so missbrauchen? Machte mich das jetzt zu einer schrecklichen Schwester? Aber ich konnte nicht … Ich musste einfach … „Sie ist... schwanger", brach es aus mir hervor. Ich hatte überhaupt keine Kontrolle mehr darüber.
Richie starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an, als hätte ich ihm soeben offenbart, dass der Himmel grün war. Verwirrung spiegelte sich in seinem Gesicht, wandelte sich in pures Entsetzen. „Oh Merlin... scheiße", brach es aus ihm hervor.
Eine ungute Ahnung beschlich mich. Ich starrte ihn mit bohrendem Blick an. „Richie..."
Er sprang so hastig auf, dass er sich im Gurt meiner Tasche verfing. Auf einem Bein hüpfend versuchte er, sich loszumachen. „Ich muss los… warte nicht … ", stammelte er zusammenhangslos.
„Richie", schrie ich aufgebracht. Mittlerweile zeichnete sich ein ganz deutlicher Verdacht bei mir ab. „Was zum Teufel verschweigst du mir?"
Er blieb an der Tür stehen, wandte sich mit bleichem Gesicht um. Suchte nach Worten. „Dieses Kind... Ich… ich bin der Vater..."
„Was?", schrie ich entgeistert. Meine Gedanken rasten so schnell, mein Kopf schwirrte wie verrückt, dass ich befürchtete, gleich umzukippen. Sie war es gewesen, von der er die ganze Zeit erzählt hatte? Auf einmal ergab alles einen Sinn. „Hast du dich nur deswegen mit mir angefreundet? Wegen Daphne?", konnte ich mir nicht verkneifen. Es war selbstsüchtig, ich gebe es zu, aber ich konnte nicht anders. „Bedeute ich dir gar nichts?"
„Du verstehst das ganz falsch", sagte Richie. Die Verzweiflung stand ihm ins Gesicht geschrieben, doch ich fühlte nichts anderes als Zweifel.
„Ach ja? Ich habe das Gefühl, ich verstehe es ziemlich gut." Ich kochte vor Wut und Enttäuschung. Meine Hände ballten sich zu Fäusten, als ich aufsprang. Ich wusste selbst nicht, was ich beabsichtigte zu tun. Wollte ich ihn schlagen? Oh ja, verdammt gern.
Richie schüttelte verzweifelt den Kopf, hin und hergerissen. „Ich kann jetzt nicht, Astoria..."
„Du musst mir nichts mehr erklären", sagte ich gefährlich leise. Ich spürte plötzlich eine seltsame Ruhe in mir. „Ich versteh schon, dass du dich nur mit mir angefreundet hast, weil du sie liebst. Ich versteh schon, dass du es wegen ihr tust, dass du mich nur wegen ihr magst. So wie alle anderen auch." Meine Stimme wurde mit jedem Wort lauter. Tief in mir wusste ich, dass ich mich absolut lächerlich benahm. Hier gab es doch wohl größere Probleme. Aber dieses Thema traf einfach einen wunden Punkt von mir und in erster Linie fühlte ich mich einfach nur verletzt.
„Das stimmt doch gar nicht", rief er laut. „Ach verdammt, ich muss los..." Ohne ein weiteres Wort zu sagen, rannte er davon und ließ mich allein. Ich fühlte mich, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt, zurückgestoßen und einsam. Ja, es war selbstsüchtig, zumal Daphne gerade größere Probleme hatte als mein Theater, aber ich konnte nicht anders. Meine ganze Freundschaft zu Richie schien plötzlich auf einer Lüge zu basieren.
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Ich weiß nicht, wie viel Zeit genau vergangen war, aber es dämmerte schon, als ich mich erhob. Ich hatte mich die letzten Stunden, Minuten, Sekunden in Schuldgefühlen gesuhlt. All diese ekligen Dinge, die ich Richie an den Kopf geworfen hatte. Ich fühlte mich mies. Als hätte er nicht andere Probleme, nein, da musste ich auch noch meinen Senf dazugeben. Aber es hatte mich schon irgendwie enttäuscht, dass das Mädchen, über das wir so oft geredet hatten, sich als meine Schwester entpuppte. Am meisten zu kauen gab mir aber die Tatsache, dass er schon mit Daphne zusammen gewesen war, als wir uns kennenlernten. Hatte er sich möglicherweise nur mit mir angefreundet, weil ich ihre Schwester war?
Nein. Stopp. Das hier war Richie. Er würde so etwas doch nicht tun.
Ich war furchtbar selbstsüchtig. Am liebsten wäre ich sofort losgerannt, um mich bei ihm zu entschuldigen.
Ich blickte mich im Klassenzimmer um und entdeckte Richies Sachen, die überall verstreut lagen. Von einem seltsamen Tatendrang befallen bückte ich mich und hob die Pergamente und Bücher auf. Ich war gerade dabei sie in seine Tasche zu stopfen, als es klopfte.
Mein Blick wanderte zur Tür. War Richie etwa zurück? Ich lief hin und fragte: „Richie?"
„Nein, hier ist Theo. Machst du mir auf?", ertönte Theos dunkle Stimme.
Ich betätigte den Riegel, der lautstark aufschnappte, und die Tür öffnete sich. Vor mir stand Theo mit seinen verwuschelten schwarzen Haaren und den dunklen Augen.
„Hey." Er lächelte breit und machte Anstalten einzutreten, doch da ich die Tür blockierte, blieb er stehen, wo er war.
„Hi, Theo. Was gibt's?", sagte ich und klang abweisender, als ich wollte.
Er musterte mich misstrauisch. Natürlich merkte er sofort etwas. „Was ist los? Du wirkst so... zerstreut."
Ich zuckte mit den Schultern. „Nichts", winkte ich ab und wandte mich wieder dem Klassenraum zu. Theo folgte mir hinein und schloss die Tür hinter sich. „Ich hab mich nur gerade irgendwie mit Richie gestritten", sagte ich schließlich doch.
Theo legte den Kopf schief, er glaubte mir nicht so recht, dass das schon alles war. „Ich habe gerade ein bewusstloses Mädchen gefunden", eröffnete er mir den Grund, warum er gekommen war. Erst jetzt bemerkte ich den besorgten Ausdruck auf seinem Gesicht.
„Warte kurz." Ich lief in den Raum und packte meine Sachen. Richies Tasche ließ ich liegen. Er würde schon alleine klarkommen. „Okay, los geht's."
Ich folgte Theo durch die menschenleeren Korridore. Vermutlich war es schon Zeit zum Abendessen und alle Schüler drängten sich um das karge Mahl, das die Hauselfen, seitdem viele von ihnen brutal von den Carrows getötet worden waren – offiziell hatten sie ihre Arbeit nicht gut genug gemacht –, nur mit einiger Mühe zubereiten konnten. Er führte mich in den Ostflügel in einen der Gänge, wo sich niemand so häufig aufhielt. Der Teil des Schlosses war mir nie ganz behaglich.
Das Mädchen lag in einer kleinen Nische zwischen zwei Statuen und rührte sich nicht. Sie sah jung aus, vermutlich eine Zweit- oder Drittklässlerin.
Ich kniete nieder und führte mein kleines Täschchen zu Tage, in dem sich alle Tränke, Salben und Tinkturen befanden und das ich immer magisch verkleinert in meiner Tasche dabeihatte. Das Mädchen atmete unregelmäßig und rasselnd und es sah ganz danach aus, dass irgendein Zauberspruch sie getroffen hatte.
Ich verabreichte ihr ein paar Tränke, die sie ins Bewusstsein rufen sollten, doch nichts geschah.
„Seltsam", sagte ich. „Eigentlich hätte das helfen sollen."
Theo zuckte ratlos mit den Schultern. „Versuchs doch nochmal."
Ich griff nach dem Handgelenk des Mädchens und fühlte ihren Puls. Er war da, zwar schwach, aber er war da. Sie lebte.
„Was, wenn sie im Koma liegt?" Ich blickte hoch zu ihm, die Augen vor Schreck und Wut weit aufgerissen. „Theo, wer macht so etwas?"
Er warf mir einen hilflosen Blick zu. „Vermutlich die Carrows, die finden immer neue Bestrafungsmethoden."
Ich biss mir auf die Lippe. Was sollte ich jetzt tun? Ich hatte nicht mehr viele Mittel. Plötzlich ließen Schritte mich hellhörig werden.
„Theo, da ist jemand", wisperte ich und ballte vor Angst meine Hände zu Fäusten.
Dieser jemand kam im selben Moment um die Ecke, bevor Theo etwas erwidern konnte. Es war Snape.
„Was glauben Sie eigentlich, tun Sie hier? Es ist längst Zeit zum Abendessen!", rief er wütend, sobald er uns erblickte.
„E-entschuldigung, Sir", stammelte ich und erhob mich langsam. „Aber das Mädchen... helfen Sie ihr..."
Snapes Blick wanderte zum Körper des bewusstlosen Mädchens. Sein Gesicht zeigte keine Regung. „Gehen Sie, ich werde mich darum kümmern. Miss Greengrass, Mr Nott." Er nickte auf eine Art, die keinen Widerspruch duldete.
„Was ist mit ihr?", konnte ich mir nicht verkneifen. „Können Sie ihr helfen?"
„Ich sagte, gehen Sie." Snape sah mich scharf an. Sein Blick fiel auf meine Utensilien und in seinem Kopf schien sich ein Bild zusammenzufügen. Er wusste Bescheid und sah kurz so aus, als wolle er etwas sagen. Doch dann pressten seine Lippen sich zusammen und sein Gesicht wurde ausdruckslos. Eine leichte Warnung schwang jedoch in seinen Augen mit.
Ich sammelte rasch meine Sachen zusammen und verschwand mit brennenden Wangen, Theo folgte mir.
„Er wird sich schon um sie kümmern", sagte Theo beschwichtigend, als wir außer Hörweite waren. „Snape ist ein anständiger Mann."
Ich nickte bedächtig. „Ich weiß."In meinem Kopf formte sich plötzlich ein Gedanke, glasklar und scharf wie ein geschliffener Kristall. „Als ich bestraft werden sollte, hat er Draco geschickt. Er wusste, dass Draco mir nicht wehtun würde. Theo, was wenn Snape uns beschützt?" Mein Blick bohrte sich in Theos unergründliche schwarzen Augen. Plötzlich wurde mir so einiges klar.
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„Astoria... wie konntest du nur?" Daphnes stürmte auf mich zu. Ihre funkelnde Augen bohrten sich in meine. Sie sah nicht nur wütend aus, sondern vor allem äußerst verletzt. Nie hätte ich gedacht jemals diesen Ausdruck in den Augen meiner Schwester zu sehen.
„Es tut mir leid", stammelte ich hilflos. „Ich konnte doch nicht wissen..." Ich setzte mich auf und legte das Buch, in dem ich gerade gelesen hatte, beiseite.
Daphnes Schultern sanken in sich zusammen, als würde sämtliche Kraft aus ihrem Körper entweichen. „Er sollte es nicht erfahren, verdammt. Das macht alles nur noch schwieriger..."
„Daphne, es tut mir leid", sagte ich leise und meinte es auch so.
Sie wandte sich kopfschüttelnd ab. In ihrer Stimme schwang eine bodenlose Enttäuschung mit, die mein Herz schwer werden ließ. „Ich habe dir vertraut... du hast mir versprochen, dass du es niemandem sagst..."
Ich hob hilflos die Hände. „Es tut mir so unfassbar leid. Ich dachte nur..."
Daphne seufzte ergeben und warf die Hände in die Luft. Sie wirkte noch kraftloser als zuvor. „Ist doch egal, Tori. Alles ist egal. Mein Leben ist ein einziger Haufen Scherben."
„Das stimmt nicht, Daphne. Wir kriegen das schon hin...", versuchte ich sie aufzumuntern, obwohl ich es wahrscheinlich nur noch schlimmer machte.
„Wie kannst du nur so optimistisch sein?" Sie vergrub das Gesicht in ihren Händen. „Er hat mir gesagt, dass er mich liebt und nicht zulässt, dass mir und unserem Kind etwas passiert. Unserem Kind. Oh Tori." Sie unterdrückte ein Schluchzen. „Er wollte mit mir weglaufen... und ich hab nein gesagt."
Ich legte ihr den Arm auf die Schulter, um meine Unterstützung deutlich zu machen. „Es war die richtige Entscheidung..."
„Und... ich hab Schluss gemacht... hab gesagt, ich liebe ihn nicht... ich will doch nur, dass er in Sicherheit ist..." Sie brach in Tränen aus.
Ich zog sie in die Arme. Das war sicher hart gewesen. Für ihn und für sie. Aber ich konnte es verstehen. Auch er würde sterben, wenn die Schwangerschaft ans Licht kommen sollte.
„Was machen wir jetzt nur?", wisperte sie.
Ich sah mich im Gemeinschaftsraum und entdeckte Draco, der ganz allein auf einem Sofa saß und las. Er wirkte dabei irgendwie verloren, als hätte er sämtlichen Glanz verloren, der ihn einmal umstrahlt hatte. „Du musst es ihm sagen", sagte ich leise und hoffte, dass sie es einsehen würde.
Daphne versteifte sich. „Nein."
„Es ist der einzige Weg, Daphne. Er muss es wissen. Er wird dir bestimmt helfen. Allein, weil auch seine Familie gefährdet ist", versuchte ich sie davon zu überzeugen.
Sie schüttelte heftig protestierend den Kopf. „Ich kann nicht. Ich… kann einfach nicht…"
Ich drückte sie an mich. „Du schaffst das", flüsterte ich. „Ich glaube an dich."
Daphne schniefte leise. „Du bist so nett zu mir, nachdem ich jahrelang so gemein zu dir war. Ich verdiene, dass du mich hasst..."
„Das könnte ich nicht. Du bist meine Schwester", sagte ich sofort. Ja, ich war noch immer verletzt, weil sie mich so behandelt hatte, aber ich war niemand, der nachtragend war. Und ich wusste, dass es ihr ehrlich leid tat. Jeder Mensch machte Fehler, so war das nun mal.
„Hör auf, Astoria."
Ich schüttelte den Kopf. „Niemals. Und jetzt geh."
Sie zögerte. „Komm mit, bitte. Ich schaffe das nicht alleine."
Ich sah sie unsicher an. „Bist du sicher...?"
Sie blickte zu mir runter und erinnerte mich fast an einen kleinen verängstigten Welpen. „Bitte..."
Ich nickte und folgte ihr zu Draco. Sie beugte sich vor, flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sein Gesicht zeigte keine Regung, doch er erhob sich und führte Daphne zu den Schlafsälen der Jungen. Ich folgte ihnen wie ein Schatten. Er hielt die Tür zum Schlafsaal der Siebtklässler auf. Ein Geruchsgemisch schwebte auf mich zu, der Duft sieben Teenagern und alten ungewaschenen Socken.
„Was macht sie hier?", fragte Draco verwirrt, als er mich entdeckte.
Sie hat auch einen Namen, wollte ich aufgebracht sagen, doch Daphne kam mir zuvor.
„Es geht Astoria genau so etwas an wie dich und mich." Ich war erstaunt, wie ruhig ihre Stimme plötzlich klang. Sie war genau so stark und beeindruckend wie Mutter.
Draco zuckte mit den Schultern und wir betraten das Zimmer, dass exakt so aussah wie die Mädchenschlafsäle, bis auf die auf dem Boden verstreuten Sachen vielleicht.
Ich setzte mich neben Daphne auf ein Bett, das vermutlich Blaise gehörte. Zumindest ließ die nüchterne Ordnung um sein Bett darauf schließen. Draco setzte sich auf das gegenüber, sein Bett vermutete ich.
„Was ist los?" Er wirkte nicht im geringsten interessiert, ganz versunken in seine eigenen Gedanken.
Daphne zögerte, suchte nach Worten. Ich drückte ihre Hand und blickte sie an. Du schaffst das.
Sie biss sich auf die Lippe. Draco zog wartend die Augenbrauen hoch. Ich konnte nicht anders, als sein vollkommenes Gesicht zu bewundern.
„Die Sache ist die..." Daphne stockte. „Ich habe einen Fehler gemacht, einen echt schlimmen. Und ich... ich brauche deine Hilfe..."
Draco schwieg und bedeutete ihr fortzufahren. Noch ließ er nicht erkennen, was er davon hielt.
„Ich... es tut mir so schrecklich leid, Draco..." Tränen liefen ihre Wangen hinab und hinterließen glitzernde Spuren. Ich reichte ihr wortlos ein Taschentuch. „Danke... Ich... Oh Merlin, ich kann das nicht, Tori."
„Du kannst", sagte ich sanft und legte ihr ermutigend die Hand auf die Schulter.
Ich spürte wie ihr ganzer Körper sich anspannte, bevor die Worte stammelnd aus ihr hervorbrachen.„I-ich bin s-s-schwanger."
Dracos Gesichtsausdrücke wechselten so schnell, dass man kaum erkennen konnte, was er genau fühlte. Von bestürzt zu entsetzt zu wütend zu verwirrt war alles dabei. „Weißt du, was das für uns bedeutet?", fragte er gefährlich ruhig. Er sah aus, als stünde er kurz vor dem Ausbruch wie ein aktiver Vulkan.
Daphne nickte und klammerte sich ängstlich an mir fest. Ihr Körperhaltung schien mir zu sagen: „Das war ein Fehler." Ich ließ mich davon nicht beirren, mein Glauben in Dracos Vernunft war unerschütterlich.
„Verdammt, weißt du, was du getan hast? Erinnerst du dich nicht an unsere Abmachung?" Seine Stimme wurde immer lauter, eine Ader trat heftig pochend auf seiner Stirn hervor. „Wie konntest du? Was sollen wir denn jetzt machen? Du hast alles kaputt gemacht!"
Daphne brach zusammen, heftiges Schluchzen schüttelte ihren Körper.
„Hör auf", sagte ich fest zu Draco und sprang mit geballten Fäusten auf. Ich erhob meine Stimme, bis sie der Lautstärke seiner entsprach. „Siehst du nicht, was du gerade anrichtest?"
Er ignorierte mich. „Verfluchte Scheiße, wie konntest du nur so unvorsichtig sein? Du hättest von mir aus so viel vögeln können, wie du willst, aber das... Scheiße, scheiße, scheiße..." Er begann mit hochrotem Gesicht vor seinem Bett auf und ab zu tigern.
„Draco!", schrie ich. „Hör verdammt noch mal auf!" Ich zog Daphne in meine Arme und versuchte, sie zu beruhigen.
Draco schwieg urplötzlich und sah mich direkt an. „Tut mir leid", sagte er. In seiner Stimme zitterte immer noch ein Rest Wut. „Ich bin nur so... überrumpelt."
„Du hast ja keine Ahnung, wie es für sie ist", sagte ich leise.
Er senkte den Kopf ein wenig. „Tut mir leid, Daphne. Ich wollte nicht... Oh Merlin, scheiße. Ich fasse es nicht..." Verzweifelt fuhr er sich durch das blonde Haar.
Daphne beruhigte sich langsam wieder. „Ich wollte doch nur deine Hilfe", schluchzte sie. „Du weißt ja gar nicht, wie alleine und verloren und hilflos ich mich fühle. Ich weiß, dass ich es verkackt habe... und wie..."
„Schon okay", murmelte Draco leise. Er kam auf uns beide zu und schlang seine Arme ebenfalls um Daphne. Seine Nähe war so betörend, dass mir schwindelte. Sein Körper strahlte Wärme, Stärke und Sicherheit aus. Zumindest hatte er auf mich diese Wirkung. Daphne wirkte nicht sehr beruhigt.
Ich holte tief Luft und versuchte mein wild klopfendes Herz zu ignorieren. Es gab jetzt Wichtigeres. „Wir müssen etwas tun. Sonst..." Ich wagte gar nicht, es auszusprechen.
Draco trat zurück und ließ sich auf sein Bett fallen. Seufzend fuhr er sich durchs Haar, sodass es nicht mehr ordentlich lag, sondern ein bisschen verwuschelt war. In meinen Händen kribbelte es, doch ich hielt mich zurück. „Und was willst du genau tun?", fragte er resigniert.
Ich seufzte ebenfalls. „Das ist es ja... Ich weiß es nicht."
Daphne wischte sich neben mir über das Gesicht. „Ich kann sie oder ihn nicht töten", wisperte sie und legte sich die Hand auf den noch flachen Bauch. Aus ihrer Miene sprach so viel Verzweiflung und Liebe, dass es fast körperlich weh tat.
Draco schwieg. Wir wussten alle, dass das wohl das Leichteste und das Ungefährlichste wäre, aber es war einfach keine Option. Ich hatte schon stundenlang darüber debattiert.
„Flucht geht auch nicht", sagte ich leise.
„Der Dunkle Lord würde sie schnell finden und töten. Und uns auch" ergänzte Draco.
Daphne schluchzte leise. „Ich hab alles kaputt gemacht."
„Ich hätte da noch was", murmelte ich. Jetzt würde ich den Joker ausspielen. Es gefiel mir nicht, aber wenn es die einzige Möglichkeit war …
Ich spürte Daphnes und Dracos Blicke auf mir.
„W-was denn?", fragte Daphne und hielt sich schützend den Bauch, als befürchte sie, dass ich dem Kind etwas antun würde.
„Wir müssen so tun, als wäre es Dracos Kind", erklärte ich meinen Plan. Zugegeben, er war nicht der Beste, aber wir hatten keine Wahl und das Leben war keine Wunschfabrik. „Niemand wird die Wahrheit erfahren. Wir dürfen es einfach niemandem sagen. Das ist die einzige Möglichkeit, um die Strafe zu vermindern."
„Draco und ich sind blond", sagte Daphne. „Was, wenn das Kind brünett ist wie sein Vater?" Angst spiegelte sich in ihren Zügen wider.
„Das ist einfach", sagte ich und deutete auf mich. „Ich bin auch brünett." Ein zuversichtliches Lächeln formte sich auf meinen Lippen. „Es schlägt einfach nach seiner Tante und seinem Großvater."
Daphne biss sich auf die Lippe. „Und die Augen? Wenn es grüne Augen hat? Niemand in unserer Familie hat grüne Augen." Ihre Panik wurde mit jedem Wort größer. „Und in Dracos auch nicht."
Ich zögerte. „Niemand wird wegen der Augenfarbe verdacht schöpfen. Wir müssen einfach hoffen, dass das Kind keine eindeutigen optischen Merkmale aufweist, die Draco als Vater ausschließen … Es birgt ein gewisses Risiko, aber es ist unsere einzige Chance." Ich sah nach Zustimmung suchend in die Runde.
Draco nickte. „Ich stimme Astoria zu. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Wir sind immerhin verlobt, da werden sie noch eher drüber lachen." Er zwängte sich die klägliche Version eines Lächelns auf das Gesicht und stieß ein paar Laute aus, die wohl ein Lachen sein sollten, aber eher hart und gequält klangen.
„Mir ist gar nicht nach lachen", presste Daphne hervor. „Ich hatte Pläne..."
Als hättest du was damit anfangen können, dachte ich, sagte es aber nicht laut. Ich wollte alles nicht noch schlimmer machen.
„Aber ein Problem gibt es noch", sagte Draco schließlich und sprach somit den letzten Punkt an, den es zu bedenken gab. „Es darf nicht unehelich sein. Das weißt du doch, oder?"
Ich holte tief Luft und nickte. „Ja. Ja, das weiß ich."
Daphne biss sich auf die Lippe und sah mich an.
„Da gibt es nur eine Möglichkeit", sagte ich also. „Ihr müsst heiraten. Und zwar bald."
Daphne sah mich geschockt an, schüttelte den Kopf. „Bitte nicht. Ich dachte, ich hätte noch Zeit..."
Draco schwieg und starrte in die Leere, ganz versunken in seine Gedanken. Was ich alles dafür geben würde, seine Gedanken zu erfahren!
„Am besten Anfang der Sommerferien, wenn ihr euren Schulabschluss habt", machte ich unbarmherzig weiter. Es schmerzte, das zu sagen, denn es machte alles so endgültig. Es versagte mir jede Chance, irgendwann einmal mit Draco zusammen zu sein. „Wir haben keine andere Wahl."
„Dann", hauchte Daphne hilflos, „werde ich wohl bald verheiratet und Mutter sein." Sie sah nicht so glücklich aus, wie eine Frau über so etwas sein sollte. Aber wir hatten uns das Glück noch nie aussuchen können.
Draco sagte immer noch nichts, er schien mit irgendwelchen Dämonen in seinem Inneren zu kämpfen. Ich spürte Nervosität in mir hochsteigen. Wenn er jetzt nein sagte, wäre alles vorbei. Dann würden wir alle nicht mehr viel länger leben.
Dracos Blick traf meinen und ich hatte irgendwie das Gefühl, als würde er sich bei mir entschuldigen. Fast befürchtete ich das Schlimmste, doch dann holte er tief Luft und traf eine Entscheidung. „Ich werde es tun."
