21. Der Ball
Harry hatte Hermione und Ron nie sonderlich um ihren Posten als Prefekte beneidet, da er fand, dass es eine ziemlich anstrengende Aufgabe war. Heute jedoch beneidete er sie von ganzem Herzen. Und zwar darum, dass sie die Möglichkeit hatten ein eigenes Badezimmer zu nutzen, denn nichts hätte er heute gebrauchen können. Natürlich wollte jeder sich besonders gut auf den Weihnachtsball vorbereiten, aber Harry war sich ganz sicher, dass es für niemanden so wichtig war wie für ihn. Die Duschen waren überfüllt und noch nie hatte ihn das so sehr gestört wie jetzt. Er sehnte sich danach noch ein bisschen Ruhe zu haben, um sich auch seelisch auf das vorzubereiten, was heute alles auf ihn zukam, denn im Moment fühlte er sich ehrlich gesagt ein wenig überfordert.
All seine Gedanken waren davon eingenommen, dass er nach dem Ball mit Draco schlafen würde, und das schlimmste war, dass sich die Angst in ihm breit machte, dass daraus nichts werden könnte Sein Verlangen danach, mit Draco zusammen zu sein war heute so groß, dass er sich sicher war es nicht ertragen zu können, wenn aus ihrem Treffen nach dem Ball nichts wurde. Er hatte das Gefühl, dass er dann zerspringen müsste vor Sehnsucht.
Die Tanzschritte des Midnight's Spell waren hingegen scheinbar vollkommen aus seinem Kopf verschwunden. Nicht einmal der erste Schritt fiel ihm mehr ein, aber über der Angst, dass seine Hoffnung Draco heute Nacht noch zu treffen, zerstört werden könnte, wirkte das geradezu lächerlich banal.
Den ganzen Tag über war er unruhig gewesen und hatte darauf gewartet und gehofft irgendeine Nachricht von Draco zu bekommen darüber wie und wo sie sich treffen würden. Aber nichts war geschehen. Der Gedanke heute mit Draco zu schlafen löste solche starken Gefühle von Sehnsucht, Begierde und gleichzeitig Angst in ihm aus, dass er sich kaum noch vorstellen konnte, dass es tatsächlich geschehen würde. Auch wenn er es sich so sehr wünschte wie er sich bisher noch nichts anderes gewünscht hatte. Er war sich sicher, dass er, wenn er in diesem Augenblick in den Spiegel Erised geblickt hätte Dracos und seinen Körper gesehen hätte, die leidenschaftlich ineinander verschlungen waren. Mit all seinen Sinnen verzehrte er sich nach Draco.
Die Angst und Aufregung versetzten Harry in eine äußerst gereizte Stimmung. Und zu allem Überfluss kam auch noch hinzu, dass seine Frisur ausgerechnet heute einer totalen Katastrophe gleichkam. Nach dem Duschen hatte er versucht seine Haare daran zu hindern, dass sie in alle Himmelsrichtungen abstanden, indem er sie während des Trocknens gekämmt hatte. Unglücklicherweise hatte das bewirkt, dass sie sich elektrisch aufgeladen hatte und jetzt schlimmer abstanden denn je. Er hatte versucht mit Gel zu retten, was noch zu retten war, aber da er damit nicht wirklich umgehen konnte, sah nun alles noch schlimmer aus, als je zuvor. Und leider drängelten mittlerweile auch andere, die an den Spiegel wollten.
„Nun komm schon Harry", sagte Seamus ungeduldig. „Du hast es vermasselt. Sieh es ein und gib anderen eine Chance, bei denen noch nicht alles verloren ist."
Harry knallte mit einer Wut, die er noch nie an den Tag gelegt hatte, wenn es um sein Äußeres ging, den Kamm ins Waschbecken und verließ den Waschraum. In dieser Situation fiel ihm nur einer ein, der ihm helfen konnte.
Eigentlich hätte er es Sirius hoch anrechnen sollen, dass dieser ihn nicht auslachte, als er mit seinen Roben im Schlepptau vor Remus' Tür stand, aber es wäre ihm fast lieber gewesen, wenn Sirius gelacht hätte, denn wie dieser sich mühevoll zurückhielt, machte ihm den Ernst seiner Lage nur noch mehr bewusst.
„Keine Sorge, das bekommen wir schon wieder hin", sagte er tröstend und zog Harry ins Badezimmer. „Ich habe Erfahrung damit. Dein Vater hatte genau dieselben Haare. Mach sie als ersten noch mal nass."
Als Sirius mit ihm fertig war, war Harry mehr als froh. Seine Haare lagen zwar nicht am Kopf an, so wie er sich das zuerst vorgestellt hatte, aber sie standen jetzt auf eine Art ab, die ein wenig lässig aussah und beabsichtigt wirkte. Ja, er war tatsächlich einigermaßen zufrieden mit sich, als er sich im Spiegel anblickte. Zwar war er ein wenig blass und seine Brille kam ihm zum ersten Mal ein wenig störend vor, aber im Großen und Ganzen war es okay. Mit Draco, der was Charisma und Stil anbetraft die Perfektion in Person war, würde er sowieso nicht mithalten können. Er freute sich jetzt schon darauf, ihn in seinen Ballroben zu sehen. Aber immerhin würde er jetzt neben Draco nicht wie eine Vogelscheuche aussehen. Er konnte beruhigt los. Und es war auch höchste Zeit, denn ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es viertel vor acht war. Schon vor zehn Minuten hatte er sich mit Hermione und Ron im Gemeinschaftsraum verabredet.
„Ich muss los." Er umarmte Sirius dankbar. „Wir sehen uns gleich auf dem Ball."
„Bis gleich, Harry und denk daran: du siehst atemberaubend aus." Sirius sah ihm stolz nach, als er den Gang zum Gryffindorturm entlang schlitterte. Beinahe wäre er in seiner Eile auch noch ausgerutscht, denn die Ballroben waren ungewohnt lang und er befürchtete, dass Ron und Hermione schon gegangen sein könnten. Und alleine auf dem Ball aufzutauschen war keine angenehme Vorstellung.
Aber Ron und Hermione hatten auf ihn gewartet. Hermione trug ein hellblaues Ballkleid, das ihr hervorragend stand und sehr gut zu Rons neuen dunkelblauen Ballroben passte. Von Hermione wusste Harry schon, dass sie bezaubernd aussehen konnte, wenn sie sich ein wenig Mühe gab. Es erstaunte ihn allerdings wie elegant und … ja … männlich Ron dieses Mal wirkte. Er nahm jedoch auch den kurzen missbilligenden Blick wahr, den er auf Harrys Ballroben warf. Die Farbe grün gefiel ihm offenbar nicht, obwohl Harry schließlich schon vor zwei Jahren dieselbe Farbe getragen hatte. ‚Sie passt eben einfach am besten zu meinen Augen' dachte er trotzig.
„Da bist du ja endlich", Ron verkniff sich einen Kommentar und lächelte. „Gut siehst du aus, Harry. Können wir los?"
Harry nickte und merkte plötzlich, wie seine Knie ein wenig weich wurden. Er hoffte plötzlich, dass Draco noch nicht da sein würde, damit er sich unauffällig an einen Tisch verkrümeln konnte, bevor dieser kam.
„Geht es dir gut, Harry? Du bist ein wenig blass." fragte Hermione.
„Ja, alles in Ordnung" murmelte Harry und fragte sich einen verrückten Moment lang wie sie wohl reagieren würde, wenn er ihr sagte, dass er nervös war, weil er heute von Draco Malfoy entjungfert werden würde.
Fred und George schlossen sich ihnen auf dem Weg zum Ball an. Ihre Tanzpartnerinnen Angelina und Viola hatten sie an ihrer Seite und alle vier schienen schon jetzt in einer sehr ausgelassenen Stimmung zu sein. Harry dachte, dass der Ball zumindest für die vier ein Erfolg werden würde. Eigentlich waren die Mädchen, die mit Fred und George zum Ball gingen jedes Jahr zu beneiden. Ihnen wurde ganz sicher nicht langweilig. Wahrscheinlich waren die Zwillinge deshalb als Ball-Partner so beliebt.
Außerdem liefen ihnen Lavender und Parvati über den Weg. Die beiden hatten die Köpfe zusammengesteckt und tuschelten, während ihre Begleitungen, zwei unglückliche Drittklässler, die einzigen die die beiden noch hatten auftreiben können, hinter ihnen hertrotteten wie die Lämmer zur Schlachtbank. Ron betrachtete das Ganze mit großer Genugtuung und auch Harry konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Als sie die große Halle betraten, konnte sich selbst Harry, der keinen großen Wert auf Glamour und Dekorum legte das Staunen nicht verkneifen. Der Ballsaal war einer Art Schneepalast nachempfunden worden, und überall glitzerte und funkelte es silbern. Die Tanzfläche sah aus, als sei sie aus Eis gemacht und überall hingen Eiszapfen von den Säulen oder ragten aus dem Boden. Von der Decke rieselten Schneeflocken, die sich allerdings ganz warm und samtig anfühlten, wenn sie die Haut trafen. Die Tische waren mit fantastischen Eisblumen geschmückt die in ganz zarten Farben leuchteten und nicht schmolzen.
„Wunderschön" flüsterte Hermione, in deren Haar einige der gezauberten Schneeflocken liegen blieben und ihren Haarschmuck wunderschön ergänzten. Der Boden der Halle sah aus wie aus Eis und vor dem brillierenden weiß des Hintergrundes nahmen sich die verschiedenfarbigen Ballkleider wunderschön aus.
Tatsächlich sah es aus wie in einem Märchen, musste auch Harry zugeben. Seine Aufmerksamkeit wurde allerdings sofort von etwas anderem eingenommen. Angespannt suchte er den Tisch der Slytherins nach Draco Malfoy ab, aber ganz offensichtlich war dieser noch nicht da. Auch Pansy und Blaise Zabini konnte er nirgends entdecken.
„Komm Harry, dahinten gibt es Punsch. Lass uns erstmal was trinken." Harry ließ sich von Hermione mitziehen, ließ allerdings dabei die Saaltreppe nicht außer Augen. Auf gar keinen Fall wollte er Dracos Ankunft verpassen.
Darüber hätte er sich keine Sorgen machen müssen. Als er gerade sein Glas mit Punsch in den Händen hielt, den ein Hauself aus einem großen Kessel ausgeschenkt hatte, schien es plötzlich, als würde eine erstaunte Stille, gefolgt von einem ungläubigen Raunen sich durch den gesamten Saal ausbreiten.
Harry blickte auf und sah oben auf der Treppe, die in den Ballsaal hinein führte, Draco Malfoy stehen. Und im selben Moment wusste Harry auch, was den gesamten Saal so in Erstaunen versetzt hatte. Draco war in gold gekleidet. Er trug Ballroben aus einem edlen zartgoldenen Stoff, die ihn noch stolzer und charismatischer wirken ließen als sonst. Ihr zarter Glanz wurde von den von Eis verspiegelten Wänden zurückgeworfen. Und nicht nur das: An seiner linken Seite wand sich eine schmale aber gut sichtbare rote Linie an seinem Körper hinab. Draco trug Gryffindor-Farben. Harry ließ fast den Becher fallen, den er in der Hand hielt, weil seine Hände plötzlich begannen zu zittern und er sah, wie sich Rons Kopf ruckartig zu ihm umdrehte und ihn ungläubig ansah.
„Wow" flüsterte Hermione.
Draco, der durch seinen imponierenden Auftritt, flankiert von Blaise und Pansy wahrscheinlich sowieso viele Blicke auf sich gezogen hätte, konnte nun sicher sein, dass der gesamte Saal ihn beobachtete, während er hoheitsvoll die Treppe hinab stieg. Auch Harry konnte den Blick nicht abwenden und wieder einmal fragte er sich ein wenig verzweifelt, wie jemand wie er jemanden wie Draco verdient hatte.
„Hat er das für dich getan?" flüsterte Hermione ganz leise an seinem Ohr. „Seine Roben meine ich?"
Harry zuckte hilflos die Achseln. „Ich weiß nicht", flüsterte er. Aber Hermione hatte Recht. Es gab keine andere Erklärung dafür, dass Draco ausgerechnet diese Farben tragen sollte. Und Harry war plötzlich sehr froh, dass er selbst grün trug.
„Wahrscheinlich hat er es getan, weil er genau wusste, dass er damit die Aufmerksamkeit des ganzen Saales auf seiner Seite hat", zischte Ron und bekam dafür einen vorwurfsvollen Blick von Hermione. „Lasst uns hinsetzen. Es ist wirklich nicht nötig, dass alle mit offenen Mündern hinstarren."
Hermione wollte ihn gerade zurechtweisen, wurde aber von Harry unterbrochen.
„Ist schon okay", sagte er und ärgerte sich, dass seine Stimme ein bisschen schwach klang. „Ich würde mich auch gerne hinsetzen."
Und das entsprach der Wahrheit, denn er traute seinen weichen Knien nicht so ganz. Er war froh, als er sein Glas mit Punsch auf dem Tisch abstellen konnte, ohne es vorher fallen gelassen zu haben. Seine Finger zitterten nämlich fast ebenso sehr, wie seine Knie.
Auch am Gryffindor Tisch waren Dracos Roben das Thema Nummer eins. „Meinst du, er hat das mit Absicht gemacht?" zischelte Parvati zu Lavender.
„Ich bin mir nicht sicher." Lavender beugte sich verschwörerisch zu ihrer Freundin vor. „Aber es könnte doch sein, dass er sich in ein Gryffindor-Mädchen verliebt hat und ihr so seine Gefühle zeigen will."
„Meinst du wirklich?" Parvati verrenkte sich den Hals, um noch einen Blick auf Draco zu erhaschen, aber der war ihre Blicken jetzt verborgen.
Harry wurde rot und trank schnell einen Schluck von seinem Punsch, wobei er sich unglücklicherweise die Zunge verbrannte. Hermione sah ihn mit einem ganz leichten Lächeln an.
„Die Dekoration ist ja ganz hübsch", sagte Ron missmutig, offensichtlich bestrebt, das Thema zu wechseln. „Aber eigentlich hätten sie sich mal ein anderes Thema ausdenken können. Südsee-Insel oder so etwas. Schnee haben wir schließlich in letzter Zeit genug."
„Wie kannst du so was sagen?" fragte Lavender entrüstet. „Es ist sooo schööön, Ron!" Dann fiel ihr Blick auf Harry. „Hast du tatsächlich keine Tanzpartnerin?" Sie sah ihre Chance gekommen. „Dann kannst du uns ja mal zu einem Tanz auffordern. Ich befürchte unsere Partner…" sie warf den beiden Drittklässlern, die sich mit ihrem Punsch an den Tisch der Drittklässler verzogen hatten. „taugen nicht wirklich besonders viel."
Harry war froh, dass Lavender und Parvati in diesem Moment davon abgelenkt wurden, dass der Ball eröffnet wurde. Der erste Tanz gehörte den Prefekten und ihren Partnern.
„Alles Gute", flüsterte Harry Ron zu, als dieser offensichtlich aufgeregt mit Hermione Richtung Tanzfläche ging.
Aber Harrys Aufmerksamkeit galt natürlich nicht seinen beiden Freunden, sondern Draco. Dieser stand bereits mit seiner Partnerin auf der Tanzfläche. Es war ein bildhübsches Slytherin-Mädchen, das sich wahrscheinlich wer weiß was darauf einbildete, dass sie den Ball mit Draco eröffnen durfte. Sie himmelte ihn an und warf ihre langen weißblonden Haare zurück. Ihr Kleid war offensichtlich utopisch teuer gewesen. Das konnte sogar Harry sehen, der nichts von Kleidung verstand. Aber so ein Kleid gab es weder in Hogsmeade, noch in der Winkelgasse zu kaufen, dessen war Harry sich sicher.
„Wahrscheinlich hat sie es aus Paris", murmelte Parvati, die offenbar denselben Gedankengang gehabt hatte.
Neben Draco sah das Mädchen trotzdem aus, wie ein beiläufiges Anhängsel, dachte Harry.
Dann spielte die Musik auf und er Tanz begann. Es war ein langsamer Schneewalzer. Draco und seine Partnerin tanzten einfach zauberhaft. Harry konnte die Augen nicht von seinem Freund wenden. Die beiden passten einfach perfekt in diese Zauberwelt aus Schnee und Eis und alle anderen Paare verblassten neben ihnen. Harry hatte nicht gewusst, dass Draco ein so guter Tänzer war. Aber eigentlich hätte er es sich denken können, denn Draco war nun mal ein Perfektionist in allem was er tat. Harry hoffte, dass er es ihm nicht übel nehmen würde, wenn er selbst heute beim Midnight's Spell nicht so eine gute Figur machen würde.
Viel zu schnell war der erste Tanz vorüber und die Paare gingen unter dem Applaus der Zuschauer auf ihre Plätze zurück. Die Tanzfläche füllte sich jetzt mit anderen Paaren.
Ron führte Hermione mit vor Stolz geschwellter Brust zurück an den Gryffindor Tisch. Offenbar hatte er sich nicht dramatisch vertanzt.
„Du hast dich gut geschlagen", flüsterte Harry ihm zu und hoffte damit zu überspielen, dass er Ron und Hermione nicht ein einziges Mal angesehen hatte. Er musste vor sich selbst zugeben, dass er im Moment kein besonders guter Freund war. Aber all seine Gefühle und Gedanken waren zurzeit bei Draco.
„Danke" grinste Ron und goss sich aus einem Krug Butterbier in sein Glas. „Darf ich dich auch um den nächsten Tanz bitten, Hermione?"
Hermione sah ihn überrascht und erfreut an.
„Guck mal, da!" Parvati stieß Lavender in die Seite, so dass die um ein Haar ihren Punsch verkippt hätte. „Da ist er!"
Harry folgte ihrem Blick und sah Charlie, der in diesem Moment am Eingang zum Ball aufgetaucht war.
„Jetzt bin ich aber mal gespannt auf seine Begleitung." Lavender biss sich auf die Lippen. „Oder ist er etwa doch alleine gekommen?"
In dem Moment betrat hinter Charlie noch jemand den Saal. Harry erkannte ihn trotz der etwas ungewohnten Ballroben auf den ersten Blick. Es war Rons anderer großer Bruder, Bill.
„Was macht denn dein Bruder hier?" fragte Harry. „Ist er auch zum Ball eingeladen?"
Ron zuckte ratlos die Schultern. „Ich wusste davon nichts."
Charlie und Bill steuerten auf den Gryffindor-Tisch zu und Lavender und Parvati sahen ihrem Care of Magical Creatures Lehrer gespannt entgegen.
„Ich hoffe ihr habt einen schönen Abend", grinste Charlie, als er an ihrem Tisch angekommen war. „Tolle Dekoration."
„Hallo Charlie!" Lavender setzte ihr strahlendstes Lächeln auf und Parvati versuchte es mit einem verführerischen Augenaufschlag. „Wo ist denn deine Begleitung? Wir würden sie gerne kennen lernen."
„Na hier." Charlie trat neben seinen großen Bruder. Lavender und Parvati sahen ihn ungläubig an.
„Es besteht doch keine Vorschrift darüber, wen man zum Ball mitbringen darf, oder? Und Bill ist der Mensch, der mir in meinem Leben am meisten bedeutet. Darum habe ich ihn eingeladen." Er lächelte Bill an und der lächelte zurück.
Harry musste grinsen, als er Lavenders und Parvatis verwirrte Gesichter sah. Sie wussten offenbar nicht, ob sie sich freuen oder entsetzt sein sollten. Er fragte sich, wie die beiden wohl geguckt hätten, wenn er tatsächlich mit Draco zum Ball gekommen wäre. Wahrscheinlich wären sie implodiert. Und mit ihnen der gesamte Gryffindor-Tisch. Oder wahrscheinlich sogar die gesamte Halle.
Er sah zur Tanzfläche, in der Hoffnung, Draco zu entdecken. Und tatsächlich: Dieser tanzte im Moment mit einem anderen sehr hübschen Slytherin-Mädchen. Auch dieses Mal tanzte er zwar mit großer Perfektion und Ausstrahlung, wirkte seiner Partnerin gegenüber aber eher gleichgültig, wie Harry erfreut feststellte.
Er verlor sich in Gedanken darüber, wie Draco nach dem Ball in seinen Armen diese kühle und unbeteiligte Mine abstreifen würde, wie seine Augen sich vor Verlangen verdunkeln würden, wie er Harry mit der gleichen Sehnsucht ansehen würde, die auch er selber spürte…
Er musste für einen Moment die Augen schlissen, als seine Gefühle ihn mit aller Macht überkamen. Als er sie wieder öffnete, traf sein Blick Dracos und er sah ein kleines Aufblitzen in dessen Augen. Dann verschwand er auf der Tanzfläche aus Harrys Augen.
Dafür sah er jetzt Sirius und Remus, die tatsächlich miteinander tanzten. Harry fragte sich, wie es Sirius gelungen war, Remus dazu zu überreden. Und Professor Lupin sah auch eindeutig ein wenig verunsichert aus und so, als würde er sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlen. Auch wenn er ein hervorragender Tänzer war.
Auf jeden Fall würde dieser Ball genug Gesprächsstoff für die nächsten paar Wochen bieten.
Harry tanzte einen Tanz mit Hermione, bei dem er sich ganz gut schlug, auch wenn seine Aufregung immer größer wurde. In Gedanken war er nicht mehr wirklich beim Ball, sondern bei dem was danach kommen würde.
Er hielt sich lange an seinem zweiten Punsch fest, weil er nicht zu viel trinken wollte. Alkohol war er schließlich nicht gewohnt und das letzte was er wollte, war Draco betrunken gegenüber zu treten. Draco hielt sich auch mit den Tänzen zurück und Harry sah, wie er ein paar Aufforderungen zum Tanz höflich ausschlug.
‚Er will nicht müde werden', dachte er und fühlte, wie seine Wangen sich röteten.
Mitternacht rückte näher und jetzt wuchs auch Harrys Angst vor dem Midnight's Spell wieder. Sirius hatte ihn noch einmal gefragt, ob er sich an die Schritte erinnerte und hatte sie ihm dann noch einmal mündlich erklärt, was aber nicht besonders viel genutzt hatte.
„Mach dir keine Sorgen. Du hast die Schritte längst im Gefühl. Sie kommen dann wie von selbst, wenn du die Musik hörst", hatte Sirius ihn zu beruhigen versucht und Harry hoffte sehr, dass er recht hatte.
Immerhin wusste er jetzt wieder den ersten Schritt und er klammerte sich daran fest.
Die Stimmung an ihrem Tisch war Dank Fred und George äußerst ausgelassen und auch Bill und Charlie trugen zur guten Stimmung bei. Sogar Lavender und Parvati waren unheimlich gut gelaunt, nachdem Bill und Charlie sie zu einem Tanz aufgefordert hatten.
Ron genoss es sichtlich einen so großen Teil seiner Familie um sich zu haben und war ganz und gar in seinem Element.
Dass Harry sich da etwas zurückhielt fiel keinem weiter auf.
Harry konnte es kaum glauben, dass er jetzt tatsächlich so nahe am Ziel seiner Wünsche sein sollte, nach all der langen Zeit des Wartens. Und es machte ihm unheimlich große Sorgen, dass er nicht wusste, wie es nach dem Ball weitergehen würde. Zwar hatte Draco immer eine Möglichkeit gefunden, mit ihm zu kommunizieren, aber hier wurden sie von so vielen Augen beobachtet, dass es sehr schwer werden würde.
Was sollte er tun, wenn er es nicht schaffte, mit Draco zu sprechen? Seine Sehnsucht krampfte ihm förmlich das Herz zusammen.
Kurz vor Mitternacht erhob sich Dumbledore und bat, die Tanzfläche für den Midnight's Spell frei zu machen und alle de daran teilnehmen wollten forderte er auf, sich in der Mitte aufzustellen.
Die Tanzfläche wurde schnell geräumt und ein Strom von Tänzern kam vom Slytherin-Tisch auf die Fläche. Harry's Knie fühlten sich weich an, als er sich erhob.
„Was machst du, Harry?" Ron nahm ihn am Arm. „Die tanzen jetzt ihr albernes Traditions-Menuett. Da willst du bestimmt nicht dabei sein."
„Doch." Harry schluckte hart.
„Du willst da mitmachen?" quiekte Lavender. „Aber du kannst
doch nicht mal vernünftig Walzer!"
"Ron, der Midnight's
Spell ist ein uralter überlieferter Tanz der Zauberer. Es ist
schon peinlich genug, dass ihn fast nur noch Slytherins tanzen
können", schnaubte Hermione und Bill stimmte ihr nickend zu.
„Viel Glück, Harry!" rief Charlie ihm nach, als er Richtung Tanzfläche ging. Der Boden unter seinen Füßen fühlte sich an, als könnte er jeden Moment darin versinken. Und vielleicht wäre das auch das Beste gewesen, dachte er verzweifelt.
Er hatte komischerweise überhaupt nicht darüber nachgedacht, wie ihn die Slytherins aufnehmen würden und er wusste auch nicht, welche Position er einnehmen sollte. Umso überraschter war er, als ein Slytherin ihm ohne jede Spur von Unfreundlichkeit bekundete, dass er sich neben ihn stellen sollte. Wenn die Slytherins überrascht waren, dass er den Midnight's Spell mittanzen wollte, dann war es eine eher angenehme Überraschung. Er sah keine der aggressiven und abweisenden Blicke, die er sonst von ihnen gewohnt war. ‚Sie freuen sich, dass jemand ihre Tradition zu schätzen weiß', dachte er überrascht.
Seine Augen suchten nach Draco, aber der stellte sich ganz am anderen Ende der Tanzfläche auf und sah konzentriert nach vorne.
Es begann zwölf zu schlagen und gleichzeitig setzte die Musik ein. „Media Nocti" flüsterte Harry im Chor mit den anderen Tänzern und im selben Moment lösten sich aus allen Zauberstäben die tanzenden vielfarbigen Girladen, die sich jetzt funkelnd über den Tänzern in der Luft wanden und der Atmosphäre etwas Unwirkliches und Zauberhaftes verliehen. Es sah wunderschön und Harry fühlte sich plötzlich glücklich, dass er dazugehörte.
Sirius sollte Recht behalten. Seine Füße tanzten die Schritte fast wie von selbst und wenn er sich einmal über die Tanzrichtung nicht ganz klar war, wurde er sanft von seinen Nachbarn auf den richtigen Weg gebracht. Midnight's Spell war ein Tanz, den man in einer Gemeinschaft tanzte. Es ging nicht um den einzelnen, sondern darum, dass die ganze Gruppe zusammenwirkte und für eine kurze Zeit gehörte Harry ebenfalls dazu und war ein Teil davon. Er hatte nicht gedacht, dass die Slytherins in der Lage waren auf jemand anderen zu achten, als auf sich selbst, aber augenscheinlich konnten sie es. Denn es wäre ihnen ein leichtes gewesen Harry zu blamieren und bloßzustellen, wenn sie gewollt hätten. Genau das Gegenteil war jedoch der Fall und er fühlte sich von ihnen unterstützt.
Nach kurzer Zeit fühlte Harry sich so sicher, dass er sich vollkommen in den Tanz fallen ließ. Und es war ein unglaublich gutes Gefühl. Er fühlte sich leicht und frei, wie sonst nur wenn er mit seinem Besen flog, oder mit Draco zusammen war.
Schon näherte sich das Ende des Reigens. Harry war jetzt an der Reihe in einer Promenade an den anderen Tänzern vorbei zu laufen. Auf der anderen Seite würde er auf den Partner treffen, mit dem er den letzten Teil tanzen würde. Die letzten Minuten bestanden aus einem Paartanz, bei dem sich die Formation auflöste.
Es war Draco.
Harry war für einen Moment so erstaunt, dass er fast vergaß weiter zu tanzen. Offenbar hatte Draco sofort gewusst, an welcher Stelle er sich platzieren musste, damit sie am Ende miteinander tanzen konnten. Draco zog ihn an sich und nahm ihn in Tanzhaltung und Harrys Selbstbeherrschung kehrte zurück.
„Das hast du fantastisch gemacht" flüsterte Draco und seine Stimme klang so sanft, wie Harry sie noch nie gehört hatte. Er hätte niemals gedacht, dass Draco so zärtlich klingen konnte. „Danke, dass du mitgetanzt hast."
„Es war toll", flüsterte Harry und seine Stimme zitterte ein wenig. ‚Und ich liebe dich, Draco', ging es ihm durch den Kopf. Aber er sprach es nicht aus. Jetzt noch nicht.
„Wir treffen uns gleich auf dem Flur zum Slytherin-Flügel. Bring deinen Tarnumhang mit."
„Gut." Harry war froh, dass Draco ihn führte, denn sonst hätte er jetzt ganz bestimmt nicht mehr tanzen können. Aber Draco führte so sicher, dass er ganz von selbst die richtigen Schritte machte. Auch wenn es sich anfühlte, als schwebe sein Kopf irgendwo in den Wolken.
Die Musik verklang und Harry fühlte sich, als würde er aus einem Traum erwachen.
Draco ließ ihn los, wobei er noch einmal unauffällig über Harry's Rücken strich. Sie verbeugten sich voreinander, wie alle anderen Tanzpaare auch und die Girlanden fielen zur Erde herab, wo sie langsam verglühten.
