Liebsten Dank an Erin und lara .vanik! :)
In Kapitel 20: Hermione machten ihre Visionen zu schaffen und Ginny kitzelte aus ihr heraus, wem sie ihr Herz geschenkt hatte. Die Rothaarige schmiedete einen Plan und organisierte ein ‚zufälliges' Treffen Hermiones mit dem Tränkemeister bei einer nächtlichen Patrouille, das kaum besser hätte laufen können.
Kapitel 21 - Von Prioritäten und Visionen
„Ihr seid für Sonntagabend wieder verabredet? Mione, das ist großartig, das hast Du super hinbekommen!", ereiferte sich Ginny lauthals, nachdem Hermione wie in Trance zum Schlafsaal zurückgelaufen war, sich zu ihrer besten Freundin aufs Bett gesetzt und von ihrem Abend berichtet hatte.
Ginny hatte den späten Abend damit verbracht, ihren Aufsatz für Verwandlung zu schreiben, befürchtete jedoch, dass er bei Professor McGonagall nicht sonderlich gut ankommen würde, da sie viel zu abgelenkt gewesen war. Zu oft waren ihre Gedanken zu ihrer besten Freundin abgeschweift und sie hatte sich gefragt, ob der Plan wohl aufgegangen war und sich ausgemalt, was Hermione und Snape wohl gerade taten. Hermione hatte es geschafft, ein Treffen mit ihrem Lehrer zu arrangieren und sie hatten sich durchaus schon über persönliche Dinge unterhalten.
„Er hat etwas gesagt... also...", setzte die Ältere da erneut an. „Das fällt mir jetzt erst so richtig auf. Er sagte, dass mir Hogwarts' Türen noch lange offenstehen werden. Ich meine, beruflich, so-"
„Beruflich also?", unterbrach Ginny grinsend. „Ich würde das jetzt mal als ‚zweideutige Anspielung' abstempeln, meine Liebe!"
Hermione errötete. „Quatsch, ich – Du – also, er-", druckste sie herum, schüttelte genervt über sich selbst den Kopf und räusperte sich, bevor sie mit fester Stimme fortfuhr: „Ginny, Deine Detektivnase in allen Ehren, aber das war wirklich eindeutig beruflich gemeint."
„Wenn Du meinst", neckte die Rothaarige mit einem Augenzwinkern.
„Was hast Du eigentlich die ganze Zeit gemacht?", wollte Hermione wissen.
Ginny deutete auf das Pergament auf ihrem Schreitisch. „Ich habe mich an McGonagalls Aufsatz versucht... das hätte ich wohl besser gelassen. Beziehungsweise schon früher gemacht." Sie gähnte demonstrativ. „Aber jetzt gehen wir schlafen. Morgen beginnt eine neue stressige Woche."
Die Andere lächelte liebevoll. Sie ahnte, dass der Aufsatz nur deshalb so daneben geraten war, weil Ginny in Gedanken bei ihr gewesen war. „Leg Dich hin, ich schau über Deine Hausaufgaben drüber, ich kann noch nicht schlafen."
„Ach was, nein, ist doch nicht wichtig, Du solltest lieber versuchen zu schlafen!", protestierte Ginny.
Hermione winkte ab. „Ich bin gerade wirklich nicht müde, und weißt Du, wie schnell ein Aufsatz Deine Bestnote versauen kann? Das kann ich nicht zulassen. Nicht dass Professor McGonagall mir die Schuld dafür gibt, weil sie der Überzeugung ist, ich hätte Dich mit horizontalen Bettaktivitäten abgelenkt. In diesem Sinne gute Nacht, meine Liebste!"
Die Jüngere prustete los. Sie packte ihre beste Freundin am Arm, zog sie an sich, gab ihr einen Kuss auf die Wange und ließ sich in die Kissen sinken. „Du weißt, dass Du die Beste bist, aber es sei hiermit nochmals erwähnt."
Lachend erhob sich Hermione vom Bett und tänzelte in Richtung Schreibtisch, wo sie sich auf dem Stuhl niederließ und ihren Zauberstab aus der Umhangtasche zog. Bevor sie sich ans Korrigieren machte, drehte sie sich noch einmal um und sah Ginny liebevoll an. „Ich fürchte, bei der Frage, wer denn nun die ‚Beste' ist, sind wir uns nicht ganz einig, Beste!"
~x~
In den nächsten Tagen bekam Ginny ihre beste Freundin wie erwartet und gewohnt kaum zu Gesicht, da diese jede freie Minute in der Bibliothek verbrachte, sich durch zahllose Bücher wälzte und für ihre UTZ-Prüfungen lernte. Fast befürchtete sie, dass Hermione demnächst auf ihrem Stuhl festwachsen würde.
Samstags gegen Nachmittag schlich sie sich schließlich in die Küche, bat einige Hauselfen um ein Notfall-Ess-Paket für eine fleißig Lernende und machte sich damit auf den Weg in die Bibliothek. Sobald sie in Hermiones Nähe kam, legte sie den Muffliato um sie beide und schaute sich verstohlen nach der Bibliothekarin Madam Pince um, die Ginny zweifelsohne den Hals umdrehen würde, wenn sie sie mit Kürbispasteten und Nougatstangen in ihrem heiligen Reich erwischen würde.
„Mioneeee!", flötete sie laut, als sie sicher war, dass sie allein waren.
Die Angesprochene drehte sich erschrocken um. „Bist Du wahnsinnig", flüsterte sie eindringlich, „Du kannst doch hier nicht so rumschr-", sie hielt inne, als sie Ginnys breites Grinsen und das Essen in ihren Armen sah. „Niemand kann uns hören, richtig?", stellte sie dann fest und atmete beruhigt aus.
Die Rothaarige nickte, sah sich sicherheitshalber noch einmal um und ließ dann ihr Mitbringsel auf den Tisch fallen. Sie zog ihren Umhang aus und warf ihn darüber, sodass Madam Pince nichts davon zu Gesicht bekäme, falls sie noch auftauchen sollte.
„Na los, schlag zu", grinste sie. „Die Hauselfen waren entzückt, dass sie ihrer Befreiungskämpferin etwas Gutes tun konnten."
„Wenn Du mir momentan nicht kontinuierlich das Leben retten würdest, hättest Du Dir mit dieser Bemerkung ordentlich Ärger eingehandelt. Danke, Du Engel", seufzte Hermione und begann sofort zu essen. „Ich wollte wirklich zum Mittagessen kommen, aber ich habe da vorhin so ein interessantes Buch gelesen, wusstest Du, dass es einen Schlaftrank gibt, der, wenn man ihn mit ein-"
„Warst Du nicht eigentlich gerade dabei, Zauberkunst zu lernen?", unterbrach Ginny lächelnd und sah in ein ertapptes Gesicht. „Aber Zaubertränke ist natürlich das weitaus attraktivere Fach." Sie zwinkerte der Älteren zu, die nun aus nachdenklichen Augen ins Leere starrte.
„Ich habe tatsächlich mehr an morgen Abend gedacht als mir lieb ist. Ich weiß nicht, was ich mir davon erhoffe. Und ich weiß immer noch nicht, was ich nach der Schule machen möchte. Und was ich mit Snape machen möchte. Und was er wohl über mich denkt. Ob das absolut bescheuert ist, was ich hier mache." Sie hatte sich geradezu in Rage geredet und atmete nun schwer.
Ginny legte ihr sanft beide Hände auf den Arm. „Alles zu seiner Zeit."
Nach einer Weile griff Hermione nach einem Kesselkeks und kaute lustlos darauf herum.
~x~
Am Sonntagmorgen erwachte Hermione erst mit dem Glockenschlag um zehn Uhr. Sie hatte bis in die Nacht gelernt und auf dem Rückweg in den Schlafsaal ihre besten Freunde im Gryffindor-Gemeinschaftsraum eingesammelt: Ron und Ginny waren nach einem langen Quidditchtraining die Letzten dort gewesen; Ron hatte auf die Rückkehr seiner Schwester gewartet, und nach einem ausgiebigen Gespräch waren die beiden schließlich in den Sesseln vorm Kamin eingeschlafen.
Hermione blinzelte. Ginny saß am Schreibtisch, mit dem Rücken zu ihr, und schien in irgendetwas vertieft zu sein.
„Guten Morgen", gähnte sie leise.
Ginny drehte sich mit einem sanften Lächeln um. „Guten Morgen, meine Liebste!"
„So viel gute Laune? Wer oder was ist der Auslöser?"
Die Rothaarige strahlte breiter.
„Chris?", hakte Hermione nach und die Andere nickte. „Erzähl! Alles, sofort!" Mit einem Satz war sie aus dem Bett, stand hinter Ginny und massierte ihr sanft die Schulterblätter.
Ginny schmiegte sich an ihre Hände und hob ihr als Antwort einen Brief hoch vor die Augen, der vor ihr auf dem Tisch gelegen hatte. Hermione las die Zeilen:
Liebe Ginny,
hättest Du Lust, heute Mittag ein kleines Picknick am See zu machen? An unserem Platz?
Ich vermisse Dich und würde Dich gerne mal wieder ein paar Stunden alleine sehen. Ich verstehe aber auch, wenn Du Zeit brauchst oder einfach keine Lust hast.
Liebe,
Chris
„Ich hoffe, Du hast Deine positive Antwort längst zurückgeschickt?", ereiferte sich Hermione.
Ginny schüttelte den Kopf. „Er kam grade erst an. Ich nehme an, Marlowe hat Dich geweckt."
„Marlowe?"
„Seine Eule." Die Jüngere deutete zum Fenster. Erst jetzt bemerkte Hermione den Kauz, der dort an einer Wasserschale saß. „Aber ich werde dem Kleinen meine Zusage natürlich direkt mit zurück geben."
~x~
„Ginny, ich freue mich, dass es klappt!", begrüßte Chris die Rothaarige. Er trug einen Korb unter dem Arm und ein Strahlen im Gesicht.
Ginny umarmte ihn ohne nachzudenken herzlich und hakte sich bei ihm unter. Auf dem Weg zum See und zu ihrem versteckten Plätzchen sprachen sie kaum ein Wort miteinander. Nur als sie bemerkten, dass sie im Vorbeilaufen von Lavender Brown entdeckt worden waren, die daraufhin sofort den Kopf mit Parvati Patil zusammensteckte, seufzte Ginny: „Es ist doch immer dasselbe."
Chris verdrehte die Augen. „Als ob uns deren Gerede kümmern würde. Wahrscheinlich rennen sie gleich noch zu Padma, um sie über die neuesten Entwicklungen aufzuklären."
Wenige Minuten später breitete Chris eine Decke auf dem Boden aus, auf die er den Korb stellte und begann, ihn auszupacken. Ginny hatte ihre Taschen mit dem Süßigkeitenvorrat aus der Küche vollgestopft und kippte diese dazu.
„Wo hast Du das denn her?"
„Ich hab da so meine Beziehungen", zwinkerte Ginny, „und zwei ältere Brüder, die mir ein paar Tipps gegeben haben, zum Beispiel gegen Langeweile oder gegen Verhungern."
Am späten Nachmittag hatten sie nicht einmal die Hälfte der mitgebrachten Köstlichkeiten verspeist und Ginny sah das als Zeichen, dass sie noch länger bleiben sollten. Sie hatten sich über die Schule unterhalten, sich über Lehrer und Mitschüler ausgelassen, ihre Sorgen bezüglich der Abschlussprüfungen ausgetauscht und immer wieder längere Zeit geschwiegen, in der sie sich einfach nur angeschaut oder das Spiel des Wassers beobachtet hatten.
Sie fühlte sich wohl hier in Chris' Gesellschaft, und er schien ebenso wenige Ambitionen zu haben wie sie, das Picknick schon abzubrechen, auch nicht, als eine Regenwolke über sie hinwegzog. Ginny holte ihren Zauberstab hervor und schützte sie vor den sanften Tropfen.
„In diesem Licht sieht der See wunderschön aus", bemerkte Chris, und Ginny musste ihm recht geben. Die Sonne strahlte die Berge jenseits des Sees an und einige Strahlen fielen auch noch aufs Wasser, wo sie reflektierten; zusammen mit dem Regen ergab das ein atemberaubendes Farbenspiel und es dauerte nicht lange, bis sie ganz in der Nähe einen Regenbogen sehen konnten.
„Und es sieht so aus, als wäre das Ende des Regenbogens hier im See, keine fünfzig Meter weit weg", lächelte die junge Gryffindor, rutschte näher an Chris heran und schmiegte sich an ihn.
Er atmete ruhig und strich ihr sanft über den Arm. „Sagt man nicht, dass man am Ende des Regenbogens Glück findet?"
Ginny drehte den Kopf, sodass sie ihn ansehen konnte. „Man findet es auch fünfzig Meter davon entfernt."
~x~
Es war bereits halb zehn und Ginny war noch immer nicht zurück von ihrem Picknick. Hermione lächelte still. Das ließ ja hoffen, dass es sehr erfolgreich verlief.
Sie beschloss, nicht länger auf ihre beste Freundin zu warten; falls Chris und sie tatsächlich noch draußen waren, würde sie die beiden vielleicht innerhalb der nächsten halben Stunde vor der Nachtruhe noch Hand in Hand hereinkommen sehen.
Nachdenklich und nervös lief sie nach unten in die Eingangshalle. Snape war noch nicht da, sie war schließlich viel zu früh. Um ihre Aufregung in den Griff zu bekommen, setzte sie sich neben eine der Ritterrüstungen auf eine Bank und atmete tief durch. Sie hatte von hier sowohl das Eingangsportal als auch die Kerkertreppen im Blick und wagte keine Sekunde, die Augen zu schließen.
Die Zeit verging nur langsam; sie war sich sicher, dass es schon weit nach zehn Uhr sein musste, doch die Uhr verriet ihr, dass sie erst acht Minuten hier saß. Das bedeutete, es waren noch fünfzehn bis zum Treffen.
Doch auch drei Minuten nach zehn waren weder Ginny und Chris noch Snape in Sicht.
Ginny und Chris waren vielleicht längst im Ravenclaw-Gemeinschaftsraum. Oder sonstwo.
Aber Snape? Hatte er sie etwa vergessen? Oder hatte sie einen falschen Treffpunkt in Erinnerung? Nein, ganz sicher nicht. Wahrscheinlich war er längst irgendwo im Schloss unterwegs. Oder er hatte seine Schicht getauscht. Auf jeden Fall lief es darauf hinaus, dass er sie vergessen hatte.
Noch ein paar Minuten würde sie warten, dann würde sie zurück in den Schlafsaal gehen, sich unter der Decke vergraben und weinen.
Bitterlich weinen.
~x~
„Entschuldigen Sie meine Verspätung, Miss Granger, Ihr Aufsatz hat mich länger beschäftigt als geplant, er hat die Durchschnittslänge um etwa sechzehn Seiten überragt."
Hermione riss die Augen weit auf, als sie seine Stimme hörte, die aus dem Nichts zu kommen schien. Er hatte gewusst, dass sie dort oben saß und hatte deshalb schon angefangen zu sprechen, bevor er überhaupt in ihr Sichtfeld kam. Severus Snape nahm die letzten Stufen der Kerkertreppe nach oben und die junge Frau atmete erleichtert aus: Was eben noch wie ein zynischer Vorwurf geklungen hatte, erwies sich beim Anblick des sanften Grinsens auf seinem Gesicht als ein liebgemeinter Seitenhieb.
„Sie sollten an Ihrem Zeitmanagement arbeiten, Professor", wagte sie zu zwinkern, wobei sie seine Reaktion genau beobachtete. War sie zu weit gegangen?
Er blieb abrupt vor ihr stehen und zog gespielt ironisch eine Augenbraue nach oben. „Sagt die Frau, die noch keinerlei Pläne hat, was sie in sehr naher Zukunft mit ihrem Leben anfangen möchte?", grunzte er ihr zu und deutete fragend in Richtung Treppe.
Sie nickte, und gemeinsam setzten sie sich in Bewegung, nahmen schweigend Stufe um Stufe. Die Korridore des ersten Stocks lagen im Halbdunkeln und waren verlassen, das Widerhallen ihrer sanften Schritte war das einzige Geräusch, das die Nacht lebendig zu machen schien.
Passte er sich ihrem Laufrhythmus an oder war ihr Gleichschritt eine ganz natürliche Symbiose, die sich eingestellt hatte, obwohl seine Beine fast zehn Zentimeter länger waren als Hermiones? Es hatte etwas Beruhigendes, wie sie so nebeneinander herliefen, die Blicke nach vorn gerichtet. Hin und wieder drehte sich in einem der Portraits ein Kopf, der den beiden ungewöhnlichen Patrouille-Partnern nachsah.
„Sie dürfen gerne über etwas Anderes reden als über Ihr offenkundiges Entscheidungsproblem, wir müssen uns jetzt nicht zwei Stunden lang anschweigen."
Unwillkürlich musste Hermione glucksen über Snapes Art, sie erneut auf ihr Problem hinzuweisen.
„Ich habe mir in den letzten Tagen gar nicht viele Gedanken darüber gemacht", musste sie jedoch zugeben. Tatsächlich hatten die Aufregung über ihr Treffen mit ihm und die Neuigkeiten über Ginny und Chris sie von der Auseinandersetzung mit ihrer Zukunft abgelenkt.
Ohne ihn anzuschauen hörte sie das Grinsen auf seinen Lippen, als er erwiderte: „Das war offenbar die falsche Art Ihnen klarmachen zu wollen, dass Sie es mir nicht schuldig sind, Ihre Zukunft zu planen. Aber wenn Sie das anders sehen, gebe ich Ihnen nachher noch ein interessantes Buch mit und erwarte bis zu unserer nächsten Patrouille erste Entscheidungsansätze, die wir dann diskutieren können."
Die Schülerin atmete schwer und war noch mit ihren Gedanken beschäftigt, als Snapes harscher Tonfall sie zusammenzucken ließ, als er weitersprach: „Mister Greenaway, was haben Sie hier zu suchen? Zehn Punkte Abzug von Hufflepuff, und i-", er zögerte einen kurzen Augenblick, „wir werden Sie höchstpersönlich zu Ihrem Gemeinschaftsraum zurückbegleiten, und dass Sie es ja nicht wagen, ihn vor dem Frühstück noch einmal zu verlassen!"
David Greenaway war ertappt und mit großen Augen stehengeblieben und hatte Snape angestarrt.
„Nach Ihnen", fauchte dieser nachdrücklich und wies dem Drittklässler mit einer Geste den Weg zur Treppe. Dieser schlurfte mit hängendem Kopf vor dem Professor und der Schulsprecherin her nach unten in Richtung Küche, wo sich der Hufflepuff-Gemeinschaftsraum befand.
Hermione war noch immer durcheinander von Snapes plötzlichem Ausbruch, noch mehr jedoch von dem Angebot, das er direkt davor gemacht hatte. Snape bot ihr an, ihr bei der Berufswahl zu helfen, ihre Ideen und Möglichkeiten mit ihr durchzugehen. Snape. Professor Snape. Professor Zehn-Punkte-von-Gryffindor-Fledermaus-Snape, der nun schon zum zweiten Mal ganz locker und nett mit ihr patrouillierte.
Sie registrierte kaum, dass sie unten angekommen waren und eben dieser Snape David Greenaway unter erneutem Drohgemurmel in seinen Gemeinschaftsraum schickte. Sie blieben noch kurz stehen und Snape sah die Schülerin amüsiert an, die dies jedoch nicht bemerkte.
„Sind Sie immer so abwesend, wenn Sie patrouillieren?", hörte sie ihn da fragen. „Das ist nämlich nicht Sinn der Sache, wissen Sie."
Fast hätte sie ihn für diesen Kommentar in die Seite geknufft, sie konnte den Impuls gerade so unterdrücken. Körperkontakt erschien ihr so verlockend. Beunruhigend verlockend - jedoch nicht angemessen, natürlich nicht, schließlich war er ihr übellauniger Lehrer; wenn er nicht grade gutgelaunt mit ihr durch die nächtlichen Korridore streifte.
„Sind sie immer so aggressiv, wenn Sie patrouillieren?", sprach sie ihren Gedanken aus. „Das ist nämlich nicht nett, wissen Sie."
„Wann bin ich jemals nett?"
Hermione hob eine Augenbraue. „‚Ich hätte da noch ein Buch für Sie.' ‚Ich helfe Ihnen bei der Berufswahl'", zitierte sie ihn, bemüht, es nicht wie ein Nachäffen klingen zu lassen. „Das klang für mich so freundlich, dass es mich dermaßen überrascht hat, dass es mich total aus der Bahn geworfen hat!"
„Ja, das passiert mir wohl hin und wieder", seufzte er. „So wie Sie vielleicht versehentlich mal ausrasten und jemanden anschreien? So raste ich manchmal versehentlich ein und bin ein paar Momente lang nett." Er blickte starr geradeaus, fast so, als könne er es nicht ertragen, sie anzusehen.
Hermione fragte sich, ob das Thema ihm wohl unangenehm war. Er hatte sich diese Fassade der miesen Fledermaus über Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte hinweg aufgebaut, und nun ließ er schon zum zweiten Mal eine Schülerin dahinter blicken. Sie konnte dem Drang nicht widerstehen, noch ein wenig daran zu kratzen.
„Und das tut Ihnen danach so leid, wie es mir leid tut, wenn ich ausgerastet bin?"
„Noch mehr." Er grinste schief. „Nein, in der Tat nicht", gab er zu. „Ich gehe übrigens davon aus, dass Sie mein Angebot nicht ausschlagen können. Nehmen wir eine Abkürzung nach oben."
Irritiert vom plötzlichen Themenwechsel folgte sie ihm um die nächste Ecke, wo er einen Wandteppich zur Seite schob und für sie aufhielt. Sie zögerte einen Moment lang, da sich dahinter nur ein sehr kleiner Raum zu befinden schien anstelle eines Durchgangs, schritt dann jedoch durch den schmalen Rahmen.
In einem nahtlosen Übergang trat sie direkt aus der Wand heraus in den fünften Stock. Sie ging einen Schritt zur Seite, damit Snape nicht in sie hineinrennen würde, und besah sich die Wand. Sie musste geradewegs aus einem Portrait herausgetreten sein, das einen breiten Gang zeigte.
Kurz darauf war der schwarze Mann neben ihr und sie liefen wieder los.
„Funktioniert der Geheimgang auch in die andere Richtung? Von hier nach unten?", wollte sie wissen.
Er sah sie von der Seite misstrauisch an. „Wieso, kannten Sie ihn nicht und wollen ihn nun auf der... wie heißt dieses galante Schriftstück, Karte des Rumtreibers verzeichnen?"
„Nein, aber ich würde dann in Zukunft gerne auf meinen Frühsport verzichten und einen schnelleren Weg zum Frühstück wählen."
„Ich sollte Ihnen einen Gedächtniszauber aufhalsen", erwiderte er mit gerunzelter Stirn. Kurz konnte sie einen besorgten Ausdruck auf seinem Gesicht erkennen, so als bereue er seine Worte, bevor er jedoch aalglatt fortfuhr: „Ich kann schließlich nicht verantworten, dass Sie deshalb Ihr Fitnessprogramm ändern."
Die junge Frau schmunzelte, während sie an ihrem schlanken Körper hinabsah. „Ach richtig, vorm Frühstück werden ja die meisten Kalorien verbrannt, weil der Körper dann direkt das Fett abbaut. Treppen sind wohl die bessere Variante."
„Sicher." Er nickte nachdenklich. „Für Leute, die das nötig haben. Ja, er funktioniert auch in die andere Richtung."
Kurz nach Mitternacht kamen Hermione und Snape wieder in der Eingangshalle an, wo die Schülerin sich schon verabschieden wollte, als Snape in Richtung Kerker nickte.
„Soll ich das Buch schnell holen und Sie warten hier?", fragte er.
Er meinte es also ernst. Ohne zu überlegen schüttelte Hermione den Kopf. „Ich komme mit, wenn Sie nichts dagegen haben?"
Snape holte wortlos seinen Zauberstab hervor und ging voraus.
„Lumos", flüsterte er und leuchtete ihnen den Weg die schmalen Stufen hinunter und durch ein Gewirr von Gängen.
Schließlich blieb er stehen, tippte mit der Spitze des Zauberstabs nacheinander auf drei Steine und murmelte etwas, das scheinbar nichts zu bewirken schien. Er strecke stumm eine Hand nach der Steinmauer aus. Sie verschwand darin. Hermione nickte verstehend und folgte ihm durch die Wand in ein geräumiges Wohnzimmer. Das Sofa, das dort stand, kam ihr seltsam bekannt vor, doch sie konnte sich nicht daran erinnern, es schon einmal irgendwo gesehen zu haben.
Snape ging zu einem der Bücherregale, die fast die gesamten Wandflächen abdeckten, und zog zielsicher eines der Bücher heraus. Er legte den Kopf kurz schief und sah sie nachdenklich an, bevor er wieder zu ihr hinüberlief und es ihr hinhielt.
„Blättern Sie es durch, vielleicht wird es Sie inspirieren."
„Vielen Dank, Professor. Ich werde mich gleich damit befassen."
„Aber hoffentlich erst nach dem Schlafen? Sie sollten Ihrem Körper nicht zu viel zumuten. Schlaf ist wichtig, um das Arbeitspensum stemmen zu können, das Sie sich selbst zumuten."
Hermione seufzte schwach. Er hatte recht, sie musste schlafen. „Überredet", gähnte sie. „Erst nach dem Schlafen."
„Aber auch nicht morgen in der ersten Stunde. Ich habe gehört, der Lehrer für Zaubertränke findet es nicht gut, wenn man in seinem Unterricht abgelenkt ist." Hatte sie da ein amüsiertes Aufblitzen in seinen schwarzen Augen gesehen? „Ich bringe Sie noch nach oben."
Mit einem dankbaren Nicken lief sie wieder zu der Wand, in der sie den Ausgang vermutete. Er folgte ihr und lenkte sie an die richtige Stelle, indem er sie an der Schulter ein wenig nach links drückte.
Hermione zuckte bei der unerwarteten Berührung zusammen – nur leicht, doch Snape bemerkte es und war erst versucht, sofort wieder loszulassen. Stattdessen ließ er die Hand eine Sekunde länger an ihrer Schulter als es nötig gewesen wäre, sie lag noch dort, als Hermione schon draußen im dunklen Gang stand.
Jemand drückte sie gegen die Wand, war plötzlich genau vor ihrem Gesicht. Atemlos versuchte sie die Person zu identifizieren, die sich so ungestüm gegen ihren Körper drängte. Schwarze Haare, schwarze Augen. Und dann sanfte Lippen auf ihren eigenen. Es war so schnell gegangen, dass sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte, außer den fordernden Kuss zu erwidern. Und eigentlich wollte sie auch gar nicht anders reagieren, dafür war es viel zu schön...
Ihr wurde bewusst, dass sie die Augen geschlossen hatte. Wie konnte sie etwas sehen, wenn sie die Augen gar nicht offen hatte? Wenn sie genau darüber nachdachte, konnte sie auch keine Berührung spüren, keinen Körper, der sich gegen ihren presste. Nur diese Hand an ihrer Schulter, die sie nun sanft rüttelte und versuchte, sie zurück in die Realität zu holen.
„Miss Granger? Ist alles in Ordnung?" Trotz der Dunkelheit konnte sie Panik in den Augen ihres Gegenübers ausmachen. Snapes Augen. Snape, der sie nun, da sie ihre Augen wieder öffnete, rasch losließ, der seine Hand so hektisch von ihrer Schulter wegzog, als hätte er sich daran verbrannt. Snape, der sie in ihrer Vision gerade geküsst hatte.
„Miss G—ich bringe Sie jetzt nach oben, Sie sind völlig übermüdet, Sie hätten die Patrouille absagen und die Zeit zum Schlafen nutzen sollen!"
Stocksteif stand die junge Frau da, das Buch, das sie gerade bekommen hatte, fest umklammert und den Blick abwesend auf Snapes Lippen gerichtet. Es dauerte einige Sekunden, bis seine Worte zu ihr durchdrangen und sie ohne nachzudenken träge losredete: „Aber ich bin doch gar nicht übermüdet, ich hatte nur gerade-"
„Sie sollten Ihre Prioritäten überdenken", wurde sie harsch unterbrochen, noch bevor sie wusste, was sie überhaupt hatte sagen wollen. „Und jetzt los!"
Immer noch ein wenig in Trance eilte Hermione an ihrem Professor vorbei, sobald sie am Treppenabsatz angekommen waren, und murmelte: „Ab hier finde ich den Weg, danke."
Snape folgte ihr dennoch bis nach oben, wo er ihr mit schmerzverzerrtem Gesicht nachsah.
Jetzt war Distanz angesagt. Größtmögliche Distanz.
~x~
