Kapitel 21: Geklärte Fronten

Lisa saß in ihrem Büro und blickte etwas besorgt auf den großen Stapel an Akten auf ihrem Schreibtisch. Es schienen täglich mehr zu werden. Aber sie fühlte sich dabei so lebendig. Sie war seit vier Wochen wieder in der Firma und sie liebte es. Sie erinnerte sich noch ge­nau, wie sie aus dem Fahrstuhl gestiegen war.

Zuerst war sie an die Theke ge­gangen, um sich einen Kaffee zu holen, den ihr ihre Mutter in ihrer alten Tas­se hinstellte. Und dann war Hannah auf sie zugestürmt und hatte sie beinahe umgerannt. Lisa war gerührt gewesen von so viel Wiedersehensfreude. Han­nah hatte sie sofort ins Atelier gezerrt und ihr dort mit Hugo gemeinsam die neuen Entwürfe gezeigt. Auch Hugo war froh, dass Lisa wieder da war, denn er hoffte inständig, nun nicht mehr jeden Tag durch Sophie drangsaliert zu werden.

Bei Erwähnung des Namens wurde Lisa etwas anders. Sie musste auch dort ein ernstes Gespräch führen, dass bestimmt nicht so verständnisvoll verlaufen würde, wie jenes mit David. Aber es musste sein. Also riss sie sich schweren Herzens von den beiden los und klopfte nach einem tiefen Schluck aus ihrer Kaffeetasse an Sophies Büro:

Was gibt es denn schon wieder!?"

Dieser charmante Satz war von der anderen Seite der Tür zu hören und nach einmal tiefem Durchatmen, betrat Lisa ihr Büro. Sophie hatte natürlich gehört, dass David und Lisa Seidel aus ihren Flitterwochen wiedergekehrt waren, aber sie hatte nicht im Traum damit gerechnet, dass sich einer von ihnen wagen würde, in die Fir­ma zu kommen. Und schon gar nicht hatte sie damit gerechnet, dass die gute alte Lisa von sich aus zu ihr kommen würde. Ohne sich ganz davon befreien zu können, war sie neugierig darauf, was diese ihr wohl zu sagen hatte.

Des­halb blickte sie Lisa nur fragend an, welche wiederum mit einer deutlich bissige­ren Begrüßung gerechnet hatte. Unaufgefordert setzte sie sich Sophie gegen­über:

Guten Morgen, Frau von Brahmberg. Wie geht es ihnen?"

Das war ihr Stichwort:

Kindchen, spannen sie mich bitte nicht auf die Folter! Es interes­siert sie genauso wenig, wie es mir geht, wie es mich interessiert, wie es ihnen geht. Also kommen sie zur Sache!"

Lisa straffte ihre Schultern. Sie hatte jedes Recht in ihrer Firma zu sein und musste nicht so mit sich reden lassen.

Also gut. Wie sie wollen. Ich wollte sie nur darüber informieren, dass wir ab sofort wieder zusammen arbeiten werden. Und bevor sie mir hier giftig dazwischen fahren. Wir müssen einen Weg finden, dass wir so etwas wie eine Koexistenz finden. Sie und ich, wir haben wirklich nicht viel gemeinsam und auch wenn es mir schwer fällt, all ihre Taten zu verstehen, so weiß ich doch ganz genau, dass es ihnen immer nur darum ging, dass es Kerima gut geht. Und das ist auch mein Beweggrund, warum ich wieder hier bin."
Schätzchen, sie haben sich drei Monate einen Scheiß um Kerima gekümmert und jetzt erwarten sie, dass ich sie mit offenen Armen empfange? So naiv können selbst sie nicht sein. Sie haben hier nichts mehr zu sagen. Die Entscheidungen treffe ich, und zwar ich ganz allein."

Lisa ließ sich davon keineswegs entmutigen.

Bin ich noch Mehrheitseignerin oder nicht?"

Sophie antwortete nicht, sondern schaute Lisa nur aus zusammengekniffenen Augen an.

Das dachte ich mir. Nach unserer erfolgreichen letzten Präsentation, die sie ja so vehement zu verhindern versucht haben, sind die Aktien von Kerima natürlich sofort wieder gestiegen und das nötige Kleingeld hat ihnen ja auch gefehlt, um die Firma komplett aufzukaufen. Ich weiß, dass sie kurz vor dem Ziel gewesen sind, aber ich habe die mehrheitlichen Anteile behalten. Also, so wenig, wie ich sie aus der Firma heraus bekommen kann, haben sie irgendeine Handhabe, um mich aus Kerima zu entfernen. Das würde ich eine klassische Patt-Situation nennen."

Lisa lehnte sich etwas in ihrem Stuhl zurück. Sie war von sich selbst überrascht. Woher nahm sie nur den Mut, so mit Sophie zu sprechen? Die schien ähnlich Gedanken zu verfolgen.

Frau Plenske. Entschuldigung. Frau Seidel natürlich. Ich muss sagen, ich bin ein wenig überrascht. Aber leider haben sie Recht. Sie müssen nicht denken, dass ich es nicht versucht habe, aber ich kann es tatsächlich nicht. Wenn sie darauf bestehen, wieder in ihr Büro zurück zu kehren, dann kann ich sie nicht daran hindern. Aber ich kann ihnen eins versprechen."

Hierbei senkte Sophie ihre Stimme und bewegte ihren Kopf in Lisas Richtung. Der nächste Satz war eher ein Zischen und erinnerte fast an eine Schlange:

Wenn sie mir in die Quere kommen, werde ich sie wie ein lästiges Insekt zerquetschen." „Wenn sie meinen, sie müssen mir drohen, dann kann ich das leider nicht ändern. Aber eins sollte auch ihnen klar sein. Wir werden nur zum Wohle von Kerima zusammen arbeiten können, wenn wir uns nicht behindern. Ich muss zugeben, dass sie ein wenig repräsentativer diese Firma vertreten können, als ich das kann. Obwohl ich jetzt den Namen Seidel trage und auch mein Äußeres verändert ist. Aber als Gesicht habe ich gar nicht das Bedürfnis Kerima zu repräsentieren. Und mir ist auch egal, wer die Lorbeeren für einen Erfolg erntet. Das können sie meinetwegen alles haben. Alles, was ich will, ist wieder mit Kerima erfolgreich sein und wenn ich dafür einen Pakt mit dem Teufel schließen muss, dann werde ich das auch tun. Aber es wird keine Einmischung mehr in die Arbeit der Mitarbeiter geben, keine Schikanen den Kreativen gegenüber."
Braucht Hugo jetzt etwa schon einen Beschützer? Ich dachte, er wäre über seine persönliche Krise hinweg."

Lisa schickte einen vernichtenden Blick in Sophies Richtung.

Nun ja. Das meine ich. Durch sie ist er ja nicht unbedingt wieder aus dieser Krise heraus gekommen, sondern es war wohl eher das Gegenteil der Fall. Aber ich bin bereit, dass zu vergessen. Es ist Vergangenheit und ich weiß, dass sie mit einigen vergangenen Dingen auch nicht ganz glücklich sind."

Sophies Stimme war bei ihrer Antwort zwar ein wenig zittrig, aber dennoch eiskalt.

„Wenn sie hier schon Regeln aufstellen, mein Fräulein, dann hab ich hier auch eine für sie: Erwähnen sie dieses Scheusal nie wieder, wenn sie mit mir sprechen. Nie wieder. Ich denke daran nicht mehr. Und wagen sie es ja nicht, noch einmal eine Andeutung von ihm zu machen! Jeder hier hat wohl seine gerechte Bestrafung erhalten. Meine ist es dann wohl gewesen, dass mein eigener Sohn mich umbringen wollte."
Wie sie meinen. Dann sind wir uns einig. Glauben sie nicht, dass ich jetzt aus dieser Tür hinausgehe und denke, dass alles in Ordnung ist. Ich werde jede Sekunde damit rechnen, eine neue Breitseite zu bekommen, aber auf meine Naivität können sie nicht mehr zählen. Die ist wohl irgendwo verloren gegangen."

Als Lisa schon fast die Tür erreicht hatte, hatte sich Sophie wieder gefangen. Richard saß wie ein tiefer, widerhakenbesetzter Dorn in ihren Eingeweiden. Aber sie würde sich nicht noch einmal von diesem Dorftrampel so überrumpeln lassen.

Ich kann ihnen sagen, wo ihre liebenswerte Naivität hin ist. So wie ich ihn kenne, ist sie durch drei Monate Ehe mit meinem lieben Neffen einfach verpufft. Er hat nicht viele Fähigkeiten, aber ganz sicher die, Illusionen ganz schnell verdampfen zu lassen."

Lisa verspürte den Drang, sich augenblicklich umzudrehen und Sophie zu Recht zu weisen. Aber sie hatte sich vorher so fest vorgenommen, ruhig zu bleiben, da wollte sie ihre Vorsätze nicht schon nach dem ersten Gespräch mit dieser Schlange über Bord werfen. Sie müsste einfach mit ihr auskommen müssen. Zum Wohle von Kerima und seinen Mitarbeitern. Denn sie war die einzige, die etwas Macht über Sophie hatte. Sie zwang sich zu antworten:

„Dann ist es ja gut, dass sie ihn nicht so gut kennen, wie ich das tue. Sorgen sie bitte dafür, dass es eine außergewöhnliche Vorstandssitzung gibt, damit ich über alle Neuigkeiten genauestens informiert werde. Das wäre alles. Einen schönen Tag noch."

Dann verließ Lisa das Büro und war in ihr eigenes gegangen. Es war ihr leichter gefallen, Sophie gegenüber zu treten, als sie es vorher vermutet hatte. Dieses Gespräch hatte sie schon unzählige Male durchgespielt, als sie am Strand gelegen und nichts mit ihrer Zeit anzufangen gewusst hatte. Das war der erste Schritt in die richtige Richtung gewesen. Sie machte sich keine Illusionen darüber, dass Sophie ihr jeden nur möglichen Stein in den Weg legen würde, aber das gehörte dazu. Leider hatte sie nämlich auch ein untrügliches Gespür dafür, was die Presse sehen oder hören wollte. Und daher war Sophie genauso notwendig für Kerima, wie alle anderen auch.


Dieses Gespräch war jetzt einen guten Monat her und sie hatte sich danach prächtig eingearbeitet und war regelrecht aufgeblüht. Sie strotzte nur so vor Energie und Ideen und es war ein außerordentlich produktiver Monat geworden. Bei Kerima hatte sich nicht viel verändert. Sabrina war allerdings durch eine äußerst strenge Telefonistin ersetzt worden, deren positivste Eigenschaft war, dass sie vertrauliche Informationen auch als solche behandelte. Aber leider war es auch weniger lustig, als mit Sabrina, die sich offensichtlich bei ihrem Scheich sehr gut eingelebt hatte. Aber Lisa hatte das Gefühl, dass seit ihrer Rückkehr die Mitarbeiter wieder mit größerem Enthusiasmus arbeiteten.

Das hatte Sophie wohl auch bemerkt, denn eines Tages hatte sie an ihre Bürotür geklopft und hatte einer verblüfften Lisa erklärt, dass es gut war, sie zurück zu haben. Sie könnte es zwar nicht verstehen, aber offensichtlich gefiel es den Mitarbeiter mehr, von einer Mami befehligt zu werden, als von einer Geschäftsfrau. So standen die Dinge momentan mit Sophie und der Firma und Lisa war damit sehr zufrieden. Heute Mittag hatte sie sich mit Laura zum Essen verabredet. Die beiden wollten das längst überfällige Gespräch wegen der Scheidung von Friedrich nachholen.

Bisher war der Stress auf Arbeit und die Tatsache dazwischen gekommen, dass David und Lisa immer noch im elterlichen Hause wohnten. Da kehrten Lisas Gedanken wieder zu David zurück. Je glücklicher Lisa mit ihrer neuen Rolle wurde, desto unglücklicher schien David zu sein. Er hatte sich in die Idee verrannt, dass es ihm sein Stolz verbot, wieder bei Kerima tätig zu sein. Das konnte Lisa ihm nicht ausreden und irgendwie war es ja auch nicht notwendig. Es lief auch ohne ihn. Ein sehr befreiender Gedanke. Doch David fühlte sich sehr nutzlos und Lisa wusste nicht, wie sie ihm dabei helfen sollte. Es war seine Entscheidung und wenn er es nicht schaffte, seinen verletzten Stolz zu überwinden, würde er mit der Situation nicht glücklich werden.

Lisa sprach ihn oft darauf an, wollte ihm helfen, aber er verschloss sich ihr gegenüber. Er war aufmerksam, machte ihr Frühstück und ging fein mir ihr Essen. Ein fürsorglicher Ehemann. Aber für sich selbst tat er nichts. Lisa fühlte sich nicht wohl dabei. Sie wusste, dass es zum Teil ihre Schuld war. Sie verwirklichte sich selber und David blieb dabei auf der Strecke. Aber sollte sie seinetwegen ihr Glück aufgeben? Sie schüttelte entschieden den Kopf. Dass hatte sie oft genug getan und es würde nicht mehr passieren, nie wieder. David musste einen Weg finden zu akzeptieren, dass sie sich geändert hatte. Früher hatte sie nur seinen Wünschen folge geleistet. Jetzt sollten endlich auch ihre eigenen Wünsche im Vordergrund stehen. Sie würde nicht nachgeben.

David hatte heute beim Frühstück gesagt, er sei der Meinung, Lisa sei ihm fremd geworden. Sie würde sich nicht mehr über den Kaffee am Bett freuen oder glücklich sein, wenn sie Blumen bekäme. Sie hätte sich verändert, aber er könnte es nicht in Worte fassen. Er hatte dabei ziemlich traurig ausgesehen und Lisa hatte ihn tröstend umarmt.

David, jeder entwickelt sich doch. Schau dich nur mal selber an. Noch vor zwei Jahren warst du ein unverbesserlicher Schürzenjäger und heute sitzt du jeden Morgen mit deiner Frau am Küchentisch, sei es bei deinen oder bei meinen Eltern. Du hast dich auch verändert und es war eine positive Entwicklung. Findest du meine Veränderung, die ich übrigens nicht sehe, etwa nicht positiv?"
Lisa, mein Schatz, du hast irgendwie deine Leichtigkeit verloren, deine überschwängliche Liebe zum Leben. Du lachst, bist voller Tatendrang, aber du bist nicht mehr dieselbe Lisa wie früher. Es ist schwer, es in Worte zu fassen. Ich kann es nicht besser beschreiben."

Lisa hatte sich zu David auf den Schoß gesetzt.

Ich glaube, dass keiner sagen kann, wie man wird, wenn die Lebensumstände sich ändern. Vielleicht war ich auch schon immer so. Aber wir haben uns früher auch nicht jeden Tag gesehen und das Leben des anderen geteilt. Wir sind das Abenteuer Ehe eingegangen und keiner von uns wusste, was ihn erwartet."

Dann war sie aufgestanden und hatte ihm in seine dunklen, traurigen Augen gesehen. „Auch ich hatte Vorstellungen von unserer Ehe, die sich nicht erfüllt haben. Und trotzdem sind wir zusammen. Ich glaube eben inzwischen, dass wir daran arbeiten müssen uns noch besser kennen zu lernen, sonst werden wir permanent enttäuscht sein."

David wollte noch etwas sagen, aber Lisa war schon spät dran und war schnell mit einem Brötchen im Mund aus der Haustür verschwunden. Sie konnte es ihm nicht immer Recht machen, aber offensichtlich hatte er am Morgen etwas angesprochen, was ihn schon länger beschäftigte und es würde wohl noch Mal zur Sprache kommen. Aber nicht jetzt, denn in diesem Moment kam Laura zu Lisas Büro.

Lisa hatte schon lange auf dieses Gespräch gewartet und war gespannt darauf zu hören, was der Ausschlag zur Trennung gewesen war. Sie hatte sich mit Laura gut verstanden und teilte Davids Vorurteile nicht. Es war einzig Lauras Entscheidung, mit wem sie zusammen war und vielleicht würde sie es David am Abend besser erklären können.

Lisa, schön, dass wir es endlich schaffen. Der Tisch beim Italiener ist schon reserviert. Aber warum wolltest du nicht ins Wohlfahrts gehen?"
Nun ja, um ehrlich zu sein, lauert dort eine Erinnerung auf mich, der ich gerne entgehe, wenn ich die Möglichkeit dazu habe."

Dann hakte sie sich bei Laura unter und die beiden verließen Kerima. Lisa wusste ganz genau, dass sie im Wohlfahrt's die Erinnerung an Rokkos Antrag überwältigen würde und das konnte sie gar nicht gebrauchen. Diesen Ring würde sie nie vergessen können, aber sie musste es. Es gab keinen anderen Weg…

TBC