- Kapitel 21 -
Sie ist ja so nett
Gloria wünschte sich zum wiederholten Mal nach Hause zu ihrer kleinen Familie. Doch leider blieb ihr keine andere Wahl, wenn der ganze Aufwand nicht umsonst gewesen sein sollte.
„Es sieht Ihnen gar nicht ähnlich, einfach so hinzuwerfen, Janos", sagte sie eindringlich und schaute ihren Vorgesetzten und Unterabteilungsleiter in der Abteilung für Magische Strafverfolgung ernst an. „Wenn Sie jetzt hinwerfen, ist das wie ein Schuldeingeständnis."
„Aber was soll ich denn tun?", sagte der Mann verzweifelt und deutete auf den Tagespropheten. „Jetzt fangen sie an, meine Familie mit hineinzuziehen. Meine Frau haben sie mit ihren Reportern quasi daran gehindert, ihre Weihnachtsgeschenke für die Enkel zu kaufen. Es wird nicht mehr lange dauern und sie werden meine Kinder und Enkel bedrängen."
„Das werden wir verhindern", versicherte Gloria und musste zugeben, sie war selbst erstaunt, was für eine Dynamik die Sache entwickelt hatte. Die Heftigkeit, mit der der Tagesprophet sich auf die Sache stürzte, war schon erstaunlich, aber dass Informationen verwendet wurden, die nicht von Gloria oder ihrem Meister lanciert worden waren, war besorgniserregend. So viel Druck war niemals geplant gewesen. „Es ist offensichtlich, dass der Prophet mehr Informationen hat, als er haben sollte. Verflucht, die hatten sogar Dokumente, von denen mir gesagt worden ist, dass sie verschollen wären." Was natürlich nicht bedeutete, dass Gloria die nicht kannte. „Man will Sie loswerden, Janos. Und zwar jemand aus dem Ministerium oder jemand, der großen Einfluss darauf hat. Ich meine, man hat jede kleine Information verschwinden lassen, die Sie entlasten könnte. Komplett!" Das stimmte sogar und Gloria wusste genau, wohin die Dokumente verschwunden waren.
„Vielleicht wäre es dann umso besser aufzugeben, bevor die Sache richtig ernst wird. Ohne Entlastungsbeweise könnte ein Zaubergamot extrem hässlich werden. Wir sollten nicht kämpfen, wenn wir keine Chance haben."
„Jetzt hören Sie aber auf, Janos!", fauchte Gloria geradezu und sorgte dafür, dass ihre Stimme sehr enttäuscht klang. „Wollen Sie wirklich denen das Feld überlassen? Sie haben unsere Abteilung aufgebaut, die Hälfte von uns haben Sie selbst ausgewählt und haben uns immer den Rücken freigehalten. Diejenigen, die Ihnen das antun, haben ein Ziel und das ist einzig und allein Ihr Posten. Wenn Sie jetzt aufgeben, gehen wir alle in der Abteilung den Bach runter. Ein paar werden sich anpassen, die anderen wird man versetzen oder rausekeln, aber ihre Standards werden Sie im Gully wiederfinden."
„Ich weiß, dass ich Ihnen viel zumute…", begann Janos Fairbanks und Gloria war froh, ein klein wenig Widerspruchsgeist in seinen Augen erkennen zu können.
„Mir nicht viel!", unterbrach ihn Gloria fest. „Ja, ich weiß, ich bin wahrscheinlich eine der Ersten, die gehen muss, aber da Sie mir damals eine Chance gegeben haben, habe ich inzwischen genug Renommee, um allein klarzukommen. Aber ich könnte mir sicher keine Angestellten leisten und damit würden wohl eher solche Leute wie Decan oder…"
„Oh, Decan wird sich anpassen", versuchte Fairbanks sich an einem Scherz, scheiterte aber kläglich bei Gloria.
„Wird er nicht", bemerkte sie kalt. „Denn Sie und ich, wir haben ihm eine zweite Chance gegeben und das hat ihn verändert. Er hat etwas entdeckt was sich Loyalität nennt und das ist vor allem Ihre Schuld. Ich wäre Ihnen also sehr verbunden, wenn Sie uns, die wir für Sie kämpfen, jetzt nicht in den Rücken fallen!"
„Ich denke immer…", begann Fairbanks.
„Sie hat Recht, Janos", sagte Mrs Fairbanks, die wohl an der Tür gelauscht hatte und jetzt in den Raum trat. Sie war eine ältere Hexe mit einem kleinen Bauch und sehr vielen Runzeln um die Augen. Sie wirkte um einiges älter als ihr Mann und auch viel zerbrechlicher. Laut Glorias Unterlagen war sie immer und mit Begeisterung Hausfrau und Mutter gewesen. Von daher war ihre Hilfe ein wenig unerwartet. „Du hast dein Leben diesen Leuten und dem Recht gewidmet", fuhr die Hexe fort. „Gib jetzt beides nicht in die Hände von Leuten, die dich und deine Arbeit vernichten wollen. Lass uns mit den Kindern reden. Sie werden zu uns halten und die Reporter ertragen."
„Da Sie das gerade ansprechen", nutzte Gloria die Gunst des Augenblickes. „Ich habe eine Idee, wie wir diesen Schmierfinken das Wasser abgraben können."
„Und die wäre?", fragte Hella Fairbanks, obwohl dies eher eine Frage für ihren Mann gewesen wäre.
„Nun, Decan hat einem Reporter einige Dokumente abgekauft, die sie veröffentlich haben und eines davon trug das Das-ist-ganz-schrecklich-geheim-Siegel."
„Wir könnten also den Tagespropheten auf Geheimnisverrat verklagen", folgerte Janos und richtete sich erstaunlich energisch auf.
„Besser", fletschte Gloria ihre Zähne zu einem bösartigen Grinsen. „Wir beantragen eine Geheimnisrevision und –zuteilung."
„Das wurde zuletzt zu Zeiten von dem-dessen-Name-nicht-genannt-werden-darf gemacht", war ihr Chef ein wenig geschockt. „Das wird Cornelius nicht zulassen. Bis jetzt verhält er sich wenigstens neutral und das rechne ich ihm hoch an. Aber eine Geheimnisrevision würde ihn zwingen etwas zu tun."
„Genau das denke ich auch", lächelte Gloria breit. „Und zum Feind dürfen wir ihn uns natürlich nicht machen. Aber ich denke, er wird wie immer den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Wenn wir ihm anbieten unseren Antrag zurückzuziehen, dann wird er sicher bereit sein, seinen Einfluss beim Tagespropheten dazu zu benutzen, dass keine weiteren Geheimunterlagen dort erscheinen."
„Rita Kimmkorn wird sich nicht so leicht einbremsen lassen", zweifelte Fairbanks. „Ich bin ja schon froh, dass sie einen großen Teil ihrer bösartigen Schreibe in die trimagischen Champions und vor allem Harry Potter investiert, aber sie hat doch leider immer noch genug freie Kapazität für weitere Rufmorde."
„Ich kümmere mich darum", versprach Gloria.
„Sie werden nichts Unüberlegtes oder gar Unrechtes tun, Gloria!", verlangte Janos Fairbanks entschieden. „Und Sie werden auch Decan nicht auf sie ansetzen!"
„Natürlich nicht", erklärte Gloria ernst, schließlich war das schon längst geschehen. „Ich dachte mir eigentlich, ich werde mich nett mit ihr zusammensetzen und ihr dann mit dem drohen, für das unsere Zunft so verhasst ist: Ich werde sie verklagen. Ich dachte daran, zu jedem ihrer Opfer zu gehen und jeden ihrer Artikel genau, auf jedes kleine, dumme Gesetz, dass mir einfällt, zu analysieren. Es gibt sicher massenhaft kleine Verfehlungen, die allein lächerlich sind, aber in ihrer Gesamtheit richtig wehtun. Soweit ich weiß, hat sie von all ihrem Honorar kaum etwas zurückgelegt. Die Klagen, ein Anwalt, den sie bezahlen muss und schon sitzt sie auf dem Trockenen. Wir könnten sie so mit Verordnungen, Erlässen, Urteilen knebeln, dass sie sich irgendwann nicht mehr traut, selbst ein Kochrezept zu veröffentlichen."
„Solche extremen Angriffe könnten aber auch ihre Popularität und den Marktpreis steigern", warf Fairbanks ein, doch Gloria ließ sich in ihrer kalten Begeisterung kaum bremsen.
„Für diesen Fall werde ich andeuten, dass ich gedenke, das Nostow und Mohsl Privatnifflerbüro auf sie anzusetzen, damit sie sie Tag und Nacht begleiten. Zu ihrer eigenen Sicherheit natürlich, denn sie ist ja durch die Berichterstattung zum gefährdeten Geheimnisträger geworden. Wissen Sie, ich kann sehr besorgt sein!"
„Das merke ich gerade", sagte Janos Fairbank und sein Lächeln war geradezu väterlich stolz. „Gut, wie gehen wir nun aber in der Hauptsache vor?"
„Ich hab da einige durchaus interessante Ansätze ausgegraben", begann Gloria und legte dann einige ihrer Ansätze dar. Den Tagespropheten entsorgte Mrs Fairbanks zwischendurch in den Kamin.
Es war fast Mitternacht, als Gloria endlich nach Hause kam. Sie konnte sich wirklich eine bessere Art vorstellen ihre Feiertage zu verbringen, als mit ihrem Boss Verteidigungsstrategien zu diskutieren, aber diese Angriffe im Tagespropheten waren zu ernst und um Weihnachten herum waren die Menschen immer so seltsam. Es wäre so ein schön abgekartetes Komplott gewesen. Niemand hätte mehr als nötig leiden müssen. Aber nein, irgendwer musste mit auf den Zug aufspringen und das auch noch mit der Eleganz eines Vorschlaghammers. Das erregte einen Level an Aufmerksamkeit, den sie einfach nicht haben wollte. Sie hätte dies lieber relativ unauffällig geregelt und das Trimagische Turnier war eigentlich der perfekte Zeitpunkt dafür. Leider nur eigentlich. Aber jetzt beiseite damit.
Leise schlich sie durch ihr Heim, um niemanden zu wecken. Sie fand ihren Mann und Caradoc gemeinsam und tief schlafend im großen Ehebett. Dabei sollte der Kleine doch lernen, in seinem Kinderbettchen zu schlafen. Er war jetzt anderthalb Jahre alt und es wurde allmählich Zeit, dass er sich ein klein von der Angewohnheit trennte, solange zu weinen, bis er bei Mama und Papa schlafen durfte. Nicht, dass Gloria sich unwohl fühlte, wenn ihr kleiner Schatz neben ihr schlief und sein Atem war wie eine schöne Melodie, aber es war manchmal doch ein wenig frustrierend. Ohne Rosa hätte sie ihren Mann schon lange nicht mehr… Außerdem dachte sie immer häufiger an ein kleines Schwesterchen für Caradoc und dazu brauchte es einfach ein paar Gelegenheiten mehr. Es sollte ja auch Spaß machen, oder?
Um keinen von den beiden zu wecken, schlich sie sich wieder aus dem Schlafzimmer. Sie hatte noch Hunger und seit sie das Essen von Mrs Fairbanks kannte, wusste sie, warum Janos so schlank geblieben war. Sie würde ihn im neuen Jahr mal zum Essen einladen. Das brachte sicher weitere Pluspunkte.
Bei dem Gedanken musste sie lächeln. Über solche kleinen Gesten war sie eigentlich schon lange bei Janos Fairbanks hinaus. Wenn man es genau betrachtete, hatte er inzwischen solch ein extremes Vertrauen in sie, dass es vielleicht gar nicht nötig, war ihn am Ende abzuschießen. Sie fand es inzwischen wirklich befriedigender im Hintergrund zu wirken. Es hatte einfach mehr… Sie suchte nach dem richtigen Wort. Stil beschrieb es nicht wirklich, Macht erst recht nicht. Gloria genoss es sehr, wenn sich verachtenswerte Zauberer und Hexen gegenseitig für etwas an die Gurgel gingen, das sie selbst angezettelt hatte. Menschen, die sich hassten, waren irgendwie nie bereit miteinander zu reden, auch wenn dies alles auf eine einfache Art und Weise geklärt hätte. Schon erstaunlich. Gloria war stolz auf sich, dass sie nach dieser Erkenntnis nicht zur Zynikerin geworden war.
Ohne etwas zu erwarten, betrat sie die Küche und erstarrte erschrocken. Nicht, dass sie eine heulende Hauselfe schockierte, obwohl das schon lange nicht mehr vorkam, aber diese Hauselfe hier zu sehen…
„Sei ruhig, Patsy", redete einen ängstliche Cindy auf die weinende Elfe ein. „Nicht, dass die Herrschaften erwa… Mylady, bitte. Wir wollten Euch nicht stören. Cindy's Nichte Patsy, Ihr seht ja. Bitte…"
Wenn sie überrascht wurde, dann verfiel Cindy immer noch in ihren alten Ton.
„Nicht der Rede wert", winkte Gloria ab und musterte die Elfe Patsy so, als hätte sie diese noch nie gesehen. Was gar nicht so falsch war, denn das kleine Wesen sah äußerst mitgenommen aus. Halb verhungert, schmutzig und mit einem Ausschlag auf der linken Hand, der alles andere als gutartig aussah.
„Es tut Cindy leid, dass Ihr so etwas in Eurer Küche sehen müsst, Mylady", entschuldigte Cindy sich sofort. „Cindy wird sie nach unten bringen und dann alles sofort noch einmal saubermachen."
„Das hat Zeit", sagte Gloria und schauderte innerlich ein wenig. „Vorher müssen wir uns wohl um unseren Gast kümmern."
Es kostete sie einige Überwindung, aber dann fasste Gloria sich ein Herz und ein Handtuch, wickelte die schmutzig-kranke Hauselfe darin ein und trug diese dann zum Bad. Das hätte sie auch mit einem Schwebezauber erledigen können, aber dies hätte eine Distanz vermittelt, die Gloria seit einiger Zeit bei ihren Hauselfen vermied. Allein, dass Cindy es sah, war schon die kleine Ekligkeit wert.
„Cindy…", befahl sie freundlich, „…hole etwas gegen den Ausschlag! Ich denke, Caradocs Babysalbe sollte helfen – es sei denn, wir haben etwas Besseres da. Und bring auch saubere Kleidung und ein Handtuch mit."
„Ja, Mylady", entgegnete Cindy und verschwand mitten in einer Verbeugung in der Luft.
Gloria stellte die Hauselfe Patsy inzwischen in die Badewanne und wickelte sie aus dem Handtuch. Dann nahm sie sich den schnurlosen Duschkopf – wie die armen Muggel nur ohne auskamen – stellte auf Körpertemperatur und duschte das kleine Wesen erst einmal mit Kleidung.
„Bitte verzeih", sagte sie mitfühlend, nutzte dann doch ihren Zauberstab, um Patsy zu entkleiden und ließ den Stoff dann sofort in Flammen aufgehen. Auch sie hatte ihre Grenzen. „Komm, hilf ein wenig", bat sie und hielt der immer noch weinenden Elfe die Seife hin. Sie musste zugeben, der Anblick tat selbst ihr weh. Der Ausschlag bedeckte deutlich mehr als nur den Handrücken. „Du heißt Patsy, nicht wahr?", blieb Gloria in ihrer Rolle. Das Stammeln, welches ihr antwortete, war nicht zu verstehen. „Sag mir, hat dein Meister dich so misshandelt?", fragte sie weiter. „Oder…"
Die Reaktion, die sie mit ihrer Frage erzeugte, war erschreckend heftig.
„NEIN!", schrie die Elfe und ein gefährlicher blauer Schein umgab plötzlich ihre Hände. „Kleiner Meister hat gar nichts Böses getan. Nur Patsy war böse. Patsy hat Meister ausspioniert, ihn getäuscht, belogen."
„Deshalb hat er dir Kleidung geschenkt?", spielte Gloria weiter die Unwissende. Es war schon jetzt klar, dass Tarsuinn McNamara wohl hinter Patsy's geheimes Vorleben gekommen war, aber sie wollte wissen, woher er das wusste – und vor allem, wie viel die Hauselfe ihm gesagt hatte.
„Kleidung hatte Patsy's alter Meister geschenkt", flüsterte Patsy und der blaue Schimmer verschwand wieder. Die Elfe wirkte verlegen. „Kleiner Meister ist nicht Meister."
„Das verstehe ich nicht", sagte Gloria. „Du hast deinen Meister verraten, der gar nicht dein Meister war und dein Meister hat dir dafür Kleidung geschenkt?"
„Nein. Patsy hat alten Meister gebeten ihr Kleidung zu schenken, damit kleiner Meister Meister werden konnte und Patsy nicht mehr an Meister gebunden ist."
Wäre Gloria in ihrer Rolle geblieben, hätte sie jetzt Häh (oder was ähnlich Intelligentes) sagen müssen, aber dazu wollte sie sich nicht herablassen.
„Möchtest du damit sagen, dein alter Meister hat dir befohlen den kleinen Meister auszuspionieren und dann hat er dich freigegeben damit du dem kleinen Meister dienen kannst?" Die Elfe nickte und dicke Tränen liefen aus den übergroßen Augen. „Dein kleiner Meister hat aber herausgefunden, was zuvor deine Aufgabe war, und hat sich deshalb geweigert, dich als Dienerin anzunehmen?"
Wieder nickte Patsy und sank in sich zusammen. Sie wirkte so noch kleiner, wie sie am Boden der Wanne hockte.
„Aber Patsy sollte ihn doch nur beschützen!", seufzte die Kleine.
„Wovor solltest du ihn denn beschützen?", fragte Gloria und gab sich große Mühe, nicht allzu neugierig zu klingen. Diesmal war sie jedoch nicht überrascht, als in den Augen der Elfe wieder dieses gefährliche Feuer auftauchte.
„Patsy sagt niemandem etwas darüber!", fauchte sie feindselig und sank dann wieder zusammen. „Wenigstens das kann Patsy."
„Ich wollte nie etwas anderes andeuten", versicherte Gloria und lächelte aus mehr als einem Grund. „Komm, wasch dich endlich!"
Augen zu und durch, Gloria, sagte sie zu sich selbst. Du weißt, was der Chef will.
Sie zog die Hauselfe auf die Beine und begann, sie wie ein Baby zu waschen. Sie wusste, das Desinfektionsmittel, das sie auch im St Mungos verwendeten, war nur einen Schrank entfernt. Die Viertelstunde würde sie auch so überleben.
Zum Glück kam kurz darauf Cindy und übernahm diese unappetitliche Arbeit. So konnte sie sich endlich die Hände und Arme gründlich waschen und beschloss, nachher noch intensiv zu duschen.
Als sie wenig später wieder in die Küche kamen, Patsy in einem frischen Betttuch und mit balsamiertem Ausschlag, beendeten gerade Cindy's Tochter Lucy und deren Bruder Marty die Reinigung des Raumes.
„Gute Arbeit", sagte Gloria. „Geht wieder ins Bett!"
Die beiden verschwanden und dann begann der schwierige Teil der Übung. Patsy war nur schwer zu bewegen etwas zu essen. Gloria kannte ja die seltsame Angewohnheit der Hauselfen, sich selbst zu bestrafen. Sie hatte dies früher selbst genutzt, ließ das aber heute bleiben, denn Elfen schienen, wie eigentlich bei allem, keinerlei vernünftiges Maß zu kennen. Außerdem wusste sie inzwischen, dass dies auf einem Gesetz basierte, welches eigentlich die Misshandlung von Hauselfen strafbar machen sollte. Das Ergebnis war aber gewesen, dass die meisten Besitzer und der Bindungszauber, die Hauselfen einfach dazu zwangen, sich selbst zu bestrafen. Erschreckenderweise waren die Elfe oft grausamer zu sich selbst als ihre Herren.
„Patsy, was hältst du davon, wenn du in meinen Haushalt kommst?", bot Gloria an. „Ich könnte eine zusätzliche Hilfskraft brauchen."
Hinter Patsy's Rücken schüttelte Cindy hektisch den Kopf.
„Nein!", sagte zu Glorias Freude die Hauselfe. „Patsy will nur zu kleinem Meister. Aber der will sie nicht."
„Hast du ihn denn noch einmal gefragt?"
„Kleiner Meister hat gesagt, er will mich nicht wiedersehen!", seufzte Patsy. „Patsy gehorcht, weil sie ihn liebt."
„Aber er will sicher nicht, dass du dich deshalb umbringst", sagte Gloria vorsichtig. „Wie heißt er überhaupt? Vielleicht kann ich ja mit ihm reden und er ändert seine Meinung."
Zwei riesige, bettelnde Augen richteten sich auf Gloria.
„Patsy hat das nicht verdient", sagte die Elfe trotzdem.
„Dann verdien es dir", meinte Gloria leichthin. „Und wenn er dich nicht will, bist du in meinen Diensten willkommen, bis er seine Meinung doch irgendwann ändert. Nun sag mir wie er heißt!"
„Kleiner Meister wird von seinen Freunden Tarsuinn genannt."
„McNamara?", tat Gloria noch immer unwissend. „Tarsuinn McNamara?"
„Ja."
„Dann kenne ich ihn und wir werden ihn in den nächsten Tagen besuchen."
„Warum nicht gleich?", wagte die Elfe zu fragen und ihre Augen zuckten plötzlich ängstlich umher. Die Freiheit schien ihr Selbstvertrauen nicht gerade gefördert zu haben.
„Weil du völlig abgemagert und krank bist", erklärte Gloria fest. „Wenn ich dich jetzt zu seinem Haushalt bringe, dann würde doch jeder annehmen, dass es dir bei mir so schlecht ergangen ist! Erst wenn du gesund und gut genährt bist, werde ich für dich bei ihm vorsprechen. Bist du damit einverstanden?"
Die Hauselfe schaute scheu zu Boden, während sie den Ausschlag auf ihrem Handrücken kratzte. Gloria zwang sich nicht hinzusehen, was sie da alles abrieb, sondern wartete geduldig.
„Patsy wird Euren Weisungen folgen", sagte die Elfe nach ungefähr einer Minute. „In diesem Jahr."
Diesen Termin hielt Gloria gerade noch so eben. Was nicht ganz einfach gewesen war, denn sie hatte einiges zu klären gehabt. Mit ihrem Meister, mit dem Ministerium und mit ihren eigenen Hauselfen. Schließlich musste sie dafür sorgen, dass sehr klar wurde, dass Patsy niemals in ihrem Dienst gestanden hatte.
Nachdem das in den richtigen Stellen bekannt war – sie hatte eine offizielle Suchanfrage nach dem vorherigen Eigentümer gestellt – konnte sie endlich sehen, dass sie die Hauselfe loswurde. Um ehrlich zu sein, sie würde drei dicke, fette Kreuze machen. Die kleine Elfe schien, selbst wenn man sie bat nichts zu tun, immer etwas zu finden, das sie kaputtmachen konnte. Man konnte sie mit zwei Stricknadeln in eine Ecke setzen und Minuten später fand man eine völlig gefesselte Patsy oder das Garn geriet in Brand. Wie immer das auch ging. Sie schien ein Magnet für Pech zu sein. Harmlos zwar und meist schadete sie sich damit selbst, aber es nervte Gloria und ganz besonders Cindy.
Nun, zumindest war die Zeit der Leiden wohl endlich vorbei. Sie stand vor einer halbverfallenen Villa mit völlig verwildertem Garten drumherum. Das war natürlich nur das, was Muggel sahen. Wie die meisten Zauberer- und Hexenhäuser um London herum, die nicht in der Winkelgasse lagen, war es vor allzu neugierigen Blicken geschützt. Diebische Muggel neigten zu dummen Aktionen, wenn sie etwas für wertvoll und schlecht bewacht hielten und deshalb war ein ärmliches Ambiente gerade in. Gloria verabscheute so ein Auftreten und Verstecken. So als müsse man sich für etwas schämen.
Wenn sie aber ehrlich war, gab es für die Kearys einen guten Grund, hier ein wenig auf Understatement zu machen – was nicht viele Leute wussten. Gut, dass heute kein Vollmond, sondern nur Silvester war.
Sie betrat das Anwesen mit Patsy an der Hand.
„Ist Lady Gloria sicher, dass es hier ist?", fragte Patsy missbilligend. „Kleiner Meister lebt in einem viel hässlicheren Heim."
„Sie sind hier zu Besuch. Ich habe im Ministerium nachgefragt. Dort hält man sich über Tarsuinn immer auf dem neuesten Stand", sagte Gloria und hoffte, diese Warnung würde über die Elfe den Jungen erreichen, falls er diese in seine Dienste nahm. „Zumindest das Büro des Ministers. Doch das ist im Moment nicht wichtig. Wirst du mir so weit vertrauen, dass du zunächst mich reden lässt?"
„Cindy ist voll des Lobes für die Lady", entgegnete Patsy offensichtlich sehr vorsichtig.
„Das beantwortet meine Fragen nicht! Wirst du auf mich hören?"
„Bis das neue Jahr anbricht, ja, Patsy vertraut Euch."
„Gut. Es wird hoffentlich nicht lange dauern."
Sie klopfte mit dem Zauberstab an die halbverfallene Tür. Von drinnen hörte sie einen Gong schlagen und die Tür veränderte ihr Aussehen. Sie war jetzt von einem glänzenden, dunklen Braun und weihnachtlich geschmückt. Eine kitschige, aus brennenden Kerzen bestehende Schrift leuchtete auf.
Wer seid Ihr und was ist Euer Begehr?
„Ich bin Gloria Kondagion", sagte Gloria und schrieb es auch mit dem Zauberstab. „Ich bin gekommen, um Glück zu wünschen und in einer dringenden Angelegenheit privater Natur mit Mr Tarsuinn McNamara zu sprechen."
Seien Sie willkommen, Lady Kondagion. Bitte gedulden Sie sich einen Moment.
Gloria ertappte sich dabei, wie sie verwundert die Stirn runzelte. Der Zauber vor ihr war zu primitiv, um ihre Gedanken zu lesen, ganz davon abgesehen, dass sie sich davor schon seit Ewigkeiten mit einem Amulett und gewissen geistigen Übungen schützte. Wenn aber die Lady nicht aus ihren Gedanken stammte, dann musste ihr Besuch schon bei dem Begrüßungszauber vorgesehen gewesen sein. Und das schon vor einiger Zeit, denn sie benutzte ihre Titel seit Längerem nicht mehr.
Knarrend öffnete sich die Tür und zwei wachsame Augen einer kleinen Frau um die fünfzig fixierten sie. Gloria wusste genug von ihr, um sie zu erkennen.
„Guten Abend, Mrs Keary", begrüßte Gloria die ehemalige Leiterin der Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe. „Mein Name ist Gloria Kondagion."
„Ja, das sagten Sie schon", sagte Mrs Keary recht kühl. „Haben Sie eine Vorladung oder kommen Sie in Freundschaft?"
„Oh, nein", lachte Gloria ein wenig gekünstelt. „Ich bin im Moment so auf Verteidigung festgelegt, dass mir die hartherzige Anklägerin keiner mehr abnimmt."
„Davon hab ich gehört", lächelte Mrs Keary plötzlich freundlich und machte eine einladende Handbewegung. „Wie geht es Janos?"
„Was erwarten Sie, das ich antworte?", fragte Gloria und trat mit Patsy zusammen ein. „Sie haben doch sicher den Tagespropheten gelesen, oder?"
„Sie wissen sicher, dass ich denen im Moment nicht sonderlich viel Sympathie entgegen bringe. Möchten Sie ablegen?"
„Gern", Gloria legte ihren Mantel ab und tat dies auch mit der Decke, die Patsy – als Schutz, nicht als Kleidung – trug. Die Hauselfen waren normalerweise erstaunlich widerstandsfähig gegen Hitze und Kälte, aber Patsy war noch immer sehr abgemagert und fror deshalb sehr schnell.
„Sie sagten, Sie wollen mit Tarsuinn sprechen?", erkundigte sich Mrs Keary im Plauderton. „Darf ich vorher wissen warum?"
„Leider nein", sagte Gloria fest. „Es geht um eine recht komplizierte Angelegenheit, die nur ihn und höchstens noch seine Schwester betrifft. Aber ich kann Ihnen versichern, es ist nichts Negatives und rein privat. Nur halt nicht ganz einfach."
„Einfach wäre ja auch zu einfach", rollte Mrs Keary mit den Augen und führte dann Gloria durch das viel zu große, halb leere Haus. Es war schon erschreckend, wie viele alte Zaubererfamilien über die Zeit ihren Reichtum verloren hatten. Die Gründe waren vielfältig, doch es störte Gloria sehr, dass die Fähigkeit zu zaubern in der heutigen Welt sich nicht auch auszahlte. Wo es doch so viele Muggel gab, die genug hatten, um etwas abzugeben.
Zwei Treppen und einen Flur später, erreichten sie endlich eine Tür unter der ein heller Lichtschein der armen kleinen Kerze in Mrs Kearys Hand etwas Hilfe leistete. Fröhliches Lachen war zu hören.
„Wir sind da", erklärte Mrs Keary unnötigerweise.
Gloria beugte sich daraufhin zu Patsy hinunter.
„Bitte warte hier", sagte sie sanft. „Ich rufe dich dann."
„Ja, Mylady."
Als Gloria sich wieder aufrichtete, fing sie einen sehr interessierten Blick von Mrs Keary auf, die sich jedoch sofort abwandte und die Tür öffnete.
„Tarsuinn, hier ist Besuch für dich!"
Es war ein seltsamer Anblick, der sich Gloria bot. Alle im Raum, Erwachsene und Kinder, saßen auf dem Boden im Kreis und hatten beide Hände erhoben. Von allen Fingern, den Nasen, den Ohren und dem Mund zogen sich kleine blaue Lichtfäden bis zu einer hellrot pulsierenden Kugel. Alle hatten die Augen geschlossen und ständig bewegten sich ihre Finger.
„Jetzt nicht, Oma", sagte eines der Mädchen. „Wir haben ihn fast."
„In deinen Träumen", grinste Tarsuinn McNamara und seine Finger ballten sich kurz zu einer Faust, wodurch ein kleiner Babyteufel entstand, durch einen Lichtfaden auf das Mädchen zuschoss und, obwohl sie eine abwehrende Handbewegung machte, traf. Sie begann daraufhin unkontrolliert zu kichern, bis die Fäden zu ihr sich von selbst kappten. „Eine weniger", freute sich Tarsuinn und wehrte dabei einen Engel und eine Fee fast gleichzeitig ab.
Gloria hatte noch nie ein derartiges Spiel gesehen. Neugierig schaute sie im Raum umher und erhaschte einen Blick auf einen Karton, auf dem groß Traumweber geschrieben stand. Auch davon hatte sie noch nie gehört.
„Tarsuinn, du hast Besuch!", wiederholte Mrs Keary nicht besonders nachdrücklich.
„Dauert nicht lange, Caitlin", entgegnete der Junge überheblich grinsend und eine große Schar leuchtender, kleiner Wichtel strömte von seiner Hand aus in die Kugel und auf seine Gegner zu. Die schienen keine großen Probleme zu haben, diese abzuwehren. Zumindest schien es zunächst so.
„Zu einfach", flüsterte das Mädchen mit dem langen Zopf, das wie seine Mutter aussah. Doch da irrte sie sich.
Alle anderen Spieler starteten nun einen Gegenangriff auf Tarsuinn – nur sicher nicht so ganz, wie sie es sich gedacht hatten. Es waren kleine, magische Angriffe, die sich wieder auf die verschiedensten Weisen manifestierten. Kleine Seepferdchen, Mini-Ritter, filigrane Drachen und Ähnliches. Nur mit einem Problem. Kaum verließ ein Angriff eine Hand, löste sich aus der anderen der vernichtet geglaubte Wichtel, kaperten den Angriff mit hörbaren Yiepie-Yey und attackierten dann wen immer sie wollten. Gloria lachte herzhaft, als ein Wichtel dem Seepferdchen die nicht vorhandenen Sporen gab und mit einem Grinsen in das Nasenloch eines älteren und ihr unbekannten Mannes ritt, der sofort herzhaft zu niesen begann.
„Ein unglaubliches Spiel", sagte Gloria begeistert. „So eins muss ich mir auch kaufen."
In diesem Moment zuckte der Junge zusammen, warf sich regelrecht nach hinten und versuchte offensichtlich, die magischen Verbindungen, die seine Sinne mit dem Spiel verbanden, zu kappen. Doch dies gelang nicht und jetzt wurde offensichtlich, dass die Wichtel doch irgendwie unter seiner Kontrolle gestanden hatten, denn nunmehr stürzten sich alle auf ihn. Das Ergebnis war, dass er Sekunden später lachend, nass, vollgeschleimt und rülpsend am Boden lag. Für Gloria war jedoch offensichtlich, dass der Junge zunächst kein Vergnügen daran hatte. Sie konnte sehen, wie er seine Beherrschung nach gut einer Sekunde wiederfand und dann mit den Siegern lachte, aber für Gloria war klar, dass ihre Stimme ihn noch immer zusammenzucken ließ. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, tat sie so, als würde sie die Szene einzig und allein erheitern, doch musterte sie dabei die Anwesenden und fing dabei einen sehr misstrauischen Blick von Mrs Keary auf. Den verbarg die Frau zwar schnell wieder, doch Gloria merkte es sich.
Ein wenig machte das Gloria Sorgen. Die letzten Male hatte er ganz normal auf sie reagiert, denn schließlich war sie ja jetzt schon fast eine Freundin – oder zumindest die Anwältin der Familie. Anscheinend war es nicht klug, ihn überraschend anzusprechen, und es bedeutete leider auch, dass es nicht Misstrauen und Angst war, was ihn so auf Gloria reagieren ließ. Aber wenn es das nicht war, dann musste es etwas anderes sein und das war gefährlich für sie.
„Gloria", unterbrach Glorias alte Freundin Maria Glenndary aus Schülertagen ihre Gedanken. „Was machst du denn hier?"
„Einen kleinen Freundschaftsbesuch", strahlte Gloria sie an. „Ich wusste aber nicht, dass ich dich hier finde. Aber eigentlich hätte ich mir das denken können. Doch zunächst, wir sind unhöflich. Einen Guten Abend allen. Es tut mir leid, dass ich den Ausgang des Spiels beeinflusst habe."
„Willkommen und dafür müssen Sie sich nicht entschuldigen, Mrs Kondagion", sagte Mr Darkcloud augenzwinkernd. „Dank Ihnen haben wir endlich mal Tarsuinn besiegt. In diesem Spiel ist er eine echte Plage! Bei den anderen beiden Spielen geht es, aber das hier ist wie für ihn geschaffen."
„Ist es ja auch im Grunde, Dad", sagte dessen Tochter und obwohl sie fröhlich wirkte, begrüßte das Mädchen Gloria mit einem sehr abschätzenden Blick. Damit war sie nicht die Einzige.
Obwohl jeder Gloria freundlich begrüßte, konnte sie in allen Augen die unausgesprochene Frage nach dem Grund ihres Hierseins sehen. Sie hatte nicht vor, lange damit zu zögern. Gloria hatte einen Mann zu Hause, der auf sie wartete.
Inzwischen hatte sich Tarsuinn McNamara dank der Mithilfe seiner Schwester einigermaßen gereinigt und auch die Zauber waren beendet. Jetzt konnte man sich endlich wieder mit einem Menschen unterhalten.
„Wollen Sie etwas trinken, Mrs Kondagion?", fragte eine Frau, die sich Gloria als Katrin Holt vorstellte. „Oder etwas essen?"
„Nein, danke", erwiderte Gloria. „Ich kann nicht lange bleiben. Meine eigene Familie erwartet mich noch vor Mitternacht zurück. Im Grunde wollte ich nur kurz zu Tarsuinn."
„Warum?", fragte der Junge sofort.
„Etwas höflicher", stupste ihn seine Schwester an. „Nur weil du verloren hast, musst du nicht schmollen."
„Ich schmolle nicht", versicherte der Junge entschieden. Trotzdem änderte sich sein Ton Gloria gegenüber. „Darf ich fragen, warum Sie zu mir wollen, Mrs Kondagion?"
„Bevor ich dir das sage, habe ich erst einmal ein paar einfache Fragen", entgegnete Gloria und gab sich Mühe, besorgt und mitfühlend zu klingen. „Zum einen, kennst du eine Hauselfe namens Patsy?"
„Ja."
„Kann es sein, dass du böse auf sie bist?"
„Nicht mehr."
„Guuuut", zog Gloria das Wort absichtlich in die Länge.
„Haben Sie sie gesehen?", fragte Tarsuinn McNamara, bevor Gloria fortfahren konnte.
„Ähem, ja."
„Geht es ihr gut?"
„Ich denke schon. Zumindest inzwischen."
„Sie haben sie also gesehen?!"
„Auch das, ja", erklärte Gloria. „Ihre Tante arbeitet für meine Familie und Patsy hat sie besucht."
„Wissen Sie, wo Patsy jetzt ist?", fragte der Junge weiter und stand auf, so als wolle er sich sofort auf die Suche machen.
Das war ja einfacher, als Gloria erwartet hatte.
„Sie steht vor der Tür", erklärte sie, stellte sich aber sofort in den Weg, als er zur Tür wollte. „Doch zuvor müssen wir uns über etwas anderes unterhalten."
Sie machte eine bedeutungsvolle Pause und schaute dabei in die Runde. Alle sahen sie wie gebannt an und Gloria genoss dies sehr. Aus diesem Grund war sie Anwältin geworden. Im Mittelpunkt zu stehen. Bewundert und gefürchtet zu werden. Okay – das mit der Furcht war ihr nicht mehr so wichtig, aber Bewunderung liebte sie noch immer.
„Ja?", fragte der Junge, der ihren bedeutungsvollen Blick nicht sehen konnte und deshalb unbeeindruckt blieb.
„Nun, bevor wir Patsy hereinbitten, solltest du dir bewusst werden, dass dies Konsequenzen hat. Ernsthafte!"
„Welche denn?"
„Du wirst sie an dich und deine Familie binden müssen", erklärte Gloria. „Magisch!"
„Das mache ich nicht!", sagte Tarsuinn McNamara entschieden. „Wenn sie bei uns bleiben will, okay, aber nicht als Sklave!"
Gloria bemerkte, wie ihm alle im Raum zustimmten und seine Schwester drückte ihm sogar stolz die Hand.
„Es wird sich nicht vermeiden lassen", ignorierte Gloria die anderen Zuhörer und konzentrierte sich voll auf den Jungen. „Ich habe keine Ahnung, was zwischen euch vorgefallen ist, und nach dem, was sie mir sagte, hat sie dich auf Geheiß ihres alten Meisters ausspioniert, aber trotzdem gibt es zu der Bindung keine Alternative. Es sei denn, du willst, dass sie stirbt."
„Das will ich nicht."
„Dann musst du es tun. Du musst verstehen, dass Hauselfen sich in ihre Familien verlieben. Meist wird ihnen diese Liebe richtiggehend in die Wiege gelegt. Doch in deinem Fall ist das anders. Sie liebt dich, Tarsuinn. Ohne Zwang, ohne dass du es wahrscheinlich bewusst herbeigeführt hast. Aber sie glaubt auch ernsthaft, dich verraten zu haben. Du wirst es nachher nicht sehen können, aber als ich sie in meiner Küche fand, war sie verwahrlost, halb verhungert und krank. Jetzt ist sie vielleicht sauber und hat auch etwas gegessen, doch ihr Herz ist noch immer entzwei gebrochen", Gloria fand sich geradezu dumbledoremäßig weise. „Nicht, weil du ihr wehgetan hast, sondern weil sie wirklich denkt, sie hätte dich verraten. Und nur, wenn du ihr zeigst, dass du ihr vergeben hast und ihr vertraust, kann sie sich wieder fangen."
„Aber wenn ich ihr auch ohne vertraue, dann…"
„Das sehen Elfen nicht so", unterbrach Gloria. „Wenn du sie bindest, dann kann sie dich nicht verraten. Selbst unter Zwang nicht. Ich weiß nicht, ob Patsy schon immer so war, aber sie ist nicht gerade mit Selbstbewusstsein gesegnet. Sie wird es so sehen, dass sie dich, wenn sie an dich gebunden ist, nicht verraten darf – und vor allem – kann. Sie will, dass du dir ihrer sicher sein kannst!"
„Außerdem ist es für Hauselfen seltsamerweise auch eine Wertschätzung", bekam Gloria Hilfe von unerwarteter Seite. Ein wenig überrascht schaute sie auf einen älteren Mann und runzelte die Stirn. Eran Holt, wie sie sich aus der Akte erinnerte. Eine sehr zwiespältige Person. Slytherin, aber mit einer Hufflepuff verheiratet. Kein offensichtlicher Ehrgeiz und eine Persönlichkeit, die allgemein als schroff beschrieben wurde. Etwas, das Gloria nicht sonderlich schätzte.
„Er hat Recht, Tarsuinn", sagte sie eindringlich. „Ich habe zwar versprochen, Patsy in meine Dienste zu stellen, falls du dich weigerst, aber ich glaube nicht, dass dies eine gute Lösung für sie wäre. Es würde sie wahrscheinlich langsam töten."
Gloria konnte sehr gut erkennen, dass besonders der letzte Satz den Jungen traf. Trotzdem reagierte er doch anders, als sie erwartet hatte.
„Sind Sie vielleicht doch Patsy's alte Meisterin?", fragte er misstrauisch. Es war genau die Frage, die Gloria die ganze Zeit gefürchtet hatte. Trotzdem war sie froh darüber. Gloria konnte in den Gesichtern der Anwesenden sehen, dass sie über die Hauselfe Bescheid wussten und sich eben genau die gleichen Fragen stellten. Da der Junge aber gefragt hatte, konnte Gloria jetzt wenigstens darauf antworten, ohne sich noch verdächtiger zu machen.
„Nein, bin ich nicht!", sagte Gloria wahrheitsgemäß. „Und war ich auch nicht. Das kannst du deine Patsy auch bestätigen lassen – sobald du sie an dich gebunden hast."
„Sie würde es nicht sagen, wenn ihr alter Meister es ihr verboten hat", widersprach der Junge.
„Binde sie und sie kann dich nicht belügen", bot Gloria an. „Du kannst sie zwingen, indem du es ihr befiehlst."
Menschen zu manipulieren, war eine von Glorias Lieblingsbeschäftigungen. Genüsslich beobachtete sie, wie die gesagten Worte genau das Gegenteil bei dem Jungen bewirkten.
„So etwas mach ich nicht!", fauchte er geradezu.
„Dann vergiss das niemals", riet ihm Gloria scheinheilig. „Die Macht über jemanden zu haben, kann einen seine guten Vorsätze schnell vergessen lassen. Und dann macht man Fehler – so wie ich und Maria."
„Welchen Fehler haben Sie denn gemacht?", fragte Tarsuinn McNamara.
„Genug, aber keine, die dich etwas angehen", sagte Gloria und legte in die Worte ein wenig Scham, Arroganz und Bedauern. Das würde man ihr sicher eher glauben. „Was dich jedoch etwas angeht ist die Hauselfe vor der Tür, die sich wohl fragt, warum ich so lange brauche, dich zu überzeugen!"
„Weil Sie ziemlich viel verlangen!", entgegnete der Junge trotzig. „Trotzdem haben Sie wohl leider Recht."
Er ging an Gloria vorbei und zur Tür.
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