Kapitel 20 – Anklage

Tiny fühlte sich unglaublich winzig. Zwar kannte sie den Gerichtssaal schon von vorherigen Verhandlungen, doch heute war alles anders. Der hoch erhobene Platz des Richters hätte ebenso gut der Mount Everest sein können und die Geschworenen erschienen der Anwaltshexe wie eine Horde hungriger Geier, die nur darauf warteten, dass Tiny von der Gegenseite abgeschlachtet wurde. Die war natürlich auch da. Die Anklage. Der Tisch zu Tinys Rechten war besetzt mit fünf Personen in denselben schwarzen Umhängen und denselben überheblichen Gesichtern. Sie glaubten, dass sie den Fall schon gewonnen hatten. Geschäftig schoben sie Papiere über den Tisch und tauschten sich murmelnd aus. Einige schauten hin und wieder abschätzig zum Tisch der Verteidigung. Nur Nicci würdigte Tiny und ihren Mandanten keines Blickes.

Der Tisch vor Tiny bildete einen extremen Kontrast zu dem wohl einstudierten Chaos nebenan. Ihre Papiere hatte sie in akkuraten Stapeln verteilt, nur vor Ried war ein kleiner Platz für sein Wasserglas frei geblieben. Der junge Hexer hatte seinen Blick starr auf die klare Flüssigkeit gerichtet. Tiny wollte gar nicht wissen, wo seine düsteren Gedanken im Moment verweilten. Kurz entschlossen griff sie nach der Hand ihres Freundes und drückte sie aufmunternd. Als Ried ihr in die Augen blickte, hoffte sie, dass er nicht sah, dass sie sich gerade fühlte, wie ein Kaninchen in einem Käfig voller ausgehungerter Löwen.

Sophie war als Zeugin geladen und musste deshalb draussen warten, bis sie aufgerufen wurde. Tiny wollte sich nicht ausmalen, wie sich die Frau im Moment fühlen musste. Sie wünschte sich, Tommy wäre bei Sophie, doch der Muggel war nicht in das Geheimnis der Magie eingeweiht und durfte deshalb das Ministeriumsgebäude nicht betreten. Auf seine wiederholte Frage, weshalb er nicht mitkommen durfte, hatten Tiny und Sophie immer wieder dasselbe geantwortet: Die Verhandlung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Tiny wusste nicht, ob sie froh oder traurig darüber sein sollte. Einerseits hätte sie jetzt zu gerne in Tommys zuversichtliches Gesicht geblickt, das ihr jedes Mal einen Energieschub gab, wie es der stärkste Aufwecktrank nicht geschafft hätte. Andererseits fürchtete sie auch, von der Anwesenheit des liebenswerten Mannes abgelenkt zu werden.

Langsam und kontrolliert atmete die Anwaltshexe ein und aus. Im Kopf ging sie nochmal ihre Strategie durch. Sie hatte ihre Verteidigung sauber aufgebaut. Ihr Professor für Verhandlungsführung wäre stolz auf sie gewesen. Trotzdem standen ihre Chancen rechtlich gesehen denkbar schlecht. Sie musste an die Sympathie der Geschworenen und deren Verständnis appellieren. Das war ihr Plan. Und würde sie nicht gewinnen, dann würde sie eben in Revision gehen. So lange, bis sie endlich den verdienten Sieg davon getragen hatte. Sie würde alle Hebel in Bewegung setzen, damit dieser Fall zu einem Happy End kam, koste es, was es wolle.

Von neuer Zuversicht gepackt, straffte sie sich und rückte den Block, auf dem sie sich während der Verhandlung Notizen machen wollte, zurecht.

Ried suchte noch einmal ihren Blick. Er vertraute der jungen rothaarigen Hexe, wie er heute Morgen, als er sich angezogen hatte und Paula ein letztes Mal gestreichelt hatte, feststellen musste. Sie war für ihn mehr als nur die junge Anwältin. Sie war zu einer guten Freundin und einer Stütze für ihn und Eric geworden.

Eric. Er presste seine Lippen zusammen und starrte auf seine Finger, die vor ihm auf dem Tisch lagen, da er fühlte wie die Anklage ihn abschätzig musterte.

Er durfte keine Schwäche zeigen! Er musste stark sein, für Eric! Der junge Mann konnte sich nicht selbst verteidigen, und so musste er für ihn Auge und Ohr sein. Er musste sein Mund sein, um ihn würdig zu repräsentieren!

Die Folgen anderenfalls wären fatal. Wenn er schon daran dachte, schnürte sich ihm der Magen zu. Sie würden, wenn Eric wieder erwachte, erneut das Urteil an ihm vollstrecken. Und Erics Geist würde wieder gegen die Magie in den Krieg ziehen. Der Freund besaß eine geistige Stärke, die Ried schon vom ersten Augenblick an fasziniert hatte. Etwas, was man hinter dem jungen, unbändigen Künstler gar nicht vermutete, wenn man nur seine äußere Schale betrachtete. Doch dieses Mal könnte diese Stärke genauso gut seinen Tod bedeuten. Rieds Blick verhärtete sich und er blickte auf. Blickte die Anklage an. Er würde kämpfen!

„Meine Damen und Herren, bitte erheben Sie sich!", hallte die magisch verstärkte Stimme des Gerichtsdieners durch den großen Raum.

Tinys und Rieds Blicke kreuzten sich. Showtime!

Beide standen mit ernsten Gesichtern auf.

„Den Vorsitz hat der ehrenwerte Magier Dr. Conrad Halley!", verlas der junge, picklige Gerichtsdiener zackig.

Ein Zauberer mit grauen, eng beieinander stehenden Brauen, welche ihm einen ständig skeptischen Blick verliehen, betrat den Saal und rauschte an ihnen vorbei. Hochmütig ließ er seinen Blick über die junge Anwaltshexe und den Beklagten gleiten, dann hob er die Hände.

„Sie dürfen sich setzen"

Sein Blick bescherte Ried ein unangenehmes Prickeln im Nacken. Eines war ihm schon von vornherein klar. Mit diesem Mann war nicht gut Kirschenessen!

„Es liegt vor: Das Ministerium, Abteilung Muggelangelegenheiten und Gedächtnislöschung, gegen Mr. Richard Turner, Zauberer. Nebenbeklagter: Mr. Eric Clarkson, Muggel. Ist das korrekt!?" Seine Stimme dröhnte durch den Raum. Die Verlesung der Formalien klang allein schon wie ein Urteilsspruch, schoss es Ried durch den Kopf.

„Das ist korrekt, Euer Ehren", bestätigte Tiny. Sie war jetzt ganz ruhig, das Spiel hatte begonnen.

„Vertreten werden Mr. Turner und Mr. Clarkson von der Anwaltshexe Miss Tiny Weasley", fuhr Halley fort und musterte Tiny aus zusammengekniffenen Augen, „Sprecherin der Anklage Anwaltshexe Miss Nicole Gardner."

Auch Nicci wurde dem strengen Blick des Richters ausgesetzt.

„Den Angeklagten wird zur Last gelegt, das Internationale Geheimhaltungsabkommen von 1692 in mutwilliger Weise gebrochen zu haben, indem ein Muggel in die Welt der Magie eingeführt wurde, ohne dass er die in § 4 Absatz 2 des genannten Abkommens aufgeführten Voraussetzungen erfüllte. Wie plädiert die Verteidigung?"

Tiny knuffte dem Freund heimlich in die Seite. Sie hatten bereits besprochen, dass er diese Frage selber beantworten sollte. Ried erhob sich langsam und Tiny sah ihm an, wie viel Mühe es ihn kostete, eine ruhige Haltung zu bewahren. Der grosse Mann neben ihr war nervöser als ein Feuerdrache am Badetag.

„Euer Ehren", sagte Ried mit erstaunlich fester Stimme, „Ich plädiere auf nicht schuldig."

Der Richter nickte und Ried setzte sich wieder.

Tiny nickte dem Blonden aufmunternd zu. Gut gemacht, sollte das heissen.

„Die Verteidigung plädiert auf nicht schuldig", wiederholte der Richter für die protokollführende Feder.

„Kommen wir zu den Eröffnungsplädoyers, ich übergebe das Wort an Miss Weasley."

„Vielen Dank, Euer Ehren", entgegnete Tiny und erhob sich. Ein letztes Mal legte sie die Hand auf ihre Notizen, die sie für ihr Plädoyer nicht brauchen würde und trat dann in den freien Raum zwischen Richter und Anwälten.

„Sehr verehrte Damen und Herren Geschworene, hohes Gericht, geschätzte Kollegen der Anklage", begann Tiny und kündigte an, „Ich werde mich kurz fassen. Auf den ersten Blick mag der uns vorliegende Fall wie eine klare Sache erscheinen, schliesslich ist der Muggel, der in unser Geheimnis eingeweiht wurde verheiratet und zwar nicht mit dem angeklagten Hexer, sondern mit einer Muggel-Frau. Doch in der kommenden Verhandlung werde ich Ihnen schlüssig darlegen, dass die Beziehung zwischen Mr. Turner und Mr. Clarkson sehr wohl die Kriterien erfüllt, die vorliegen müssen, damit ein Muggel ohne Verletzung des Internationalen Geheimhaltungsabkommen von unserm Geheimnis Kenntnis nehmen darf. Ausserdem werde ich Ihnen darlegen, dass Mr. Clarksons Wissen unsere Existenz in keinster Weise dem Risiko der Preisgabe aussetzt. Dies, meine Damen und Herren Geschworene, ist meine Aufgabe. Ich werde nicht versuchen, Sie zu einem Urteil in meinem Sinne zu zwingen. Ich werde Ihnen Beweise vorlegen, die Sie, nach angemessener Würdigung Ihrerseits, von der Unschuld meiner Mandanten überzeugen werden."

Tiny nickte den Geschworenen mit einem vertrauenden Lächeln zu, als wolle sie sich schon jetzt für deren Arbeit bedanken und wandte sich an den Richter.

„Das wäre alles, Euer Ehren", ergänzte Tiny und begab sich zurück zu Ried.

Dieser blickte nur starr in den Raum hinein und verschränkte die Hände scheinbar unberührt auf dem Tisch. Doch eigentlich tat er es nur damit die andere Hexe nicht sah, wie seine Finger bebten.

„Die Anklage hat das Wort!", erklärte der Richter und wandte seine Aufmerksamkeit Nicci zu. „Miss Gardner."

Die junge, hoch gewachsene Hexe trat vor und bedachte Ried mit einem abschätzigen Blick.

„Vielen Dank, Euer Ehren", sagte Nicci. Ihre Stimme klang so siegesgewiss, dass Ried erstarrte. Seine Fingerknöchel verfärbten sich weiss, so fest ballte er sie zusammen.

„Sehr verehrte Geschworene, dem Angeklagten, Mr. Richard Turner, wird zur Last gelegt einen Muggel unerlaubt in unsere tiefsten Geheimnisse eingeweiht zu haben. Nachdem er dem Muggel unsere Welt offenbart hatte, hat er ihn zurückgelassen, um mit diesem Wissen mutwillig zu verfahren. Er hat also die gesamte magische Welt in Gefahr gebracht und das Geheimhaltungsabkommen ohne rechtliche Grundlage auf das Schwerste verletzt. Wie Zeugen bestätigen werden, ist der Muggel mit Mrs Sophie Clarkson verheiratet und verfügte trotzdem weiterhin über die Kenntnisse der magischen Welt. Zudem.." Sie streifte Ried mit einem abschätzigen Blick.

„Kommt erschwerend hinzu, dass Mr. Turner sich der Verhaftung wiedersetzt hat und einen Ministeriumsangestellten tätlich angegriffen hat, als er gerade dabei war, Mr. Clarksons Gedächtnis nach Vorschrift zu modifizieren."

Rieds Lippen öffneten sich empört.

„Das hatte zur Folge, dass der Zauber nicht ordnungsgemäß ausgeführt werden konnte, weswegen besagter Muggel auch nicht vernehmungsfähig ist."

Tiny suchte Rieds Blick und schüttelte hart den Kopf.

Sag jetzt nichts, schien das zu heißen.

„Aufgrund dieser Tatsachen, plädiere ich auf schuldig wegen einer Verletzung des Internationalen Geheimhaltungsabkommens von 1692 im Sinne der Anklage und beantrage eine Inhaftierung in Askaban, meine Damen und Herren Geschworenen."

Sie nickte den Angesprochenen zu.

„Das wäre alles, Euer Ehren"

Hoch aufgerichtet und sich ihres Sieges sicher, kehrte sie zu ihrem Platz zurück.

Unter dem Tisch packte Tiny Rieds Arm und grub ihre Fingernägel hinein. Ob sie es tat, um ihren Mandanten oder sich selber ruhig zu halten, war ihr nicht ganz klar. Jeder abschätzige Blick, den Nicci ihrem Freund zugeworfen hatte, traf Tiny selbst, wie ein Faustschlag in den Magen. Es war eine Sache, dass Nicci darauf beharrt hatte, den Fall zu übernehmen, das war ihr Job. Dass sie davon ausging, Tiny überlegen zu sein, war gemein, aber wenn man ihre bisherigen Laufbahnen betrachtete gar nicht so abwegig. Aber dieses überhebliche Verhalten gegenüber Ried würde Tiny ihrer ehemaligen Freundin so schnell nicht verzeihen.

„Die Verteidigung hat das Recht auf eine Erwiderung. Wollen Sie von diesem Recht Gebrauch machen, Miss Weasley?"

„Jawohl, Euer Ehren", entgegnete Tiny und zog ihre Nägel aus Rieds Arm, als sie sich erhob, „Zunächst, meine Damen und Herren Geschworene, ist es nicht so, dass Mr. Turner sich seiner Verhaftung widersetzt hat. Wie aus dem Festnahmeprotokoll hervorgeht, hat sich Mr. Turner, nachdem seine verständliche Überraschung über den plötzlichen Zugriff sich gelegt hatte, ohne Widerstand in den Gewahrsam der Ministeriumsmitarbeiter begeben. Was den erwähnten Zwischenfall mit Mr. Clarkson und den Ministeriumsangestellten betrifft, sollte ohne rechtliche Grundlage ein Gedächtniszauber ausgeführt werden. Somit handelte es sich um einen wiederrechtlichen Übergriff der Ministeriumsangestellten auf Mr. Clarkson und Mr. Turner hat lediglich Notwehrhilfe geleistet. Was den Zauber betrifft, der dazu geführt hat, dass Mr. Clarkson sich gegenwärtig ohne Bewusstsein im St. Mungo befindet, so handelt es sich um die Einsetzung übermässiger Magie und entbehrte in mehrfacher Weise jeglicher rechtlichen Grundlage. Ausserdem kann dieser Zauber, ebenso wie das Schicksal Mr. Clarksons in keinster Weise Mr. Turner angelastet werden."

Tiny setzte sich wieder und würdigte die Ankläger keines Blickes. „Vielen Dank, Euer Ehren."

„Kommen wir nun zu der Zeugeneinvernahme", fuhr der Richter in seinem gewohnten Ablauf fort, „Wir beginnen mit den Zeugen der Verteidigung. Miss Weasley, bitte rufen Sie Ihren ersten Zeugen auf."

Erneut erhob sich Tiny. Dieses dauernde Aufstehen und wieder hinsetzen war ihr schon immer albern vorgekommen. Immerhin musste sie nicht in Perücke und Talar antreten, so wie ihre Muggelkollegen.

„Die Verteidigung ruft Mrs. Sophie Clarkson in den Zeugenstand."

Als Sophies Name magisch verstärkt durch den Raum tönte, öffneten sich die schweren, hohen Türen. Davor stand eine bissige Anwältin, die bereit war alles zu tun, was nötig war, um Eric und Ried in Sicherheit zu wissen. Hoch erhobenen Hauptes schritt Sophie durch die Tür, obwohl die Umgebung und der Verhandlungssaal mehr als ehrfurchtgebietend waren. Sie schenkte der Anklage nur einen taxierenden Blick und erklomm dann den hohen Zeugenstand.

Tiny nickte ihr unmerklich zu und trat vor sie.

„Mrs Clarkson, Sie sind verheiratet mit Mr. Eric Clarkson?", fragte sie unumwunden, ohne die Anklage zu beachten.

„Das entspricht der Wahrheit", gab Sophie zurück und legte eine ernste Miene auf.

„Seit wann sind Sie denn verheiratet?", fragte Tiny mit freundlicher Neugierde.

„Wir haben letzten Sommer geheiratet", antwortete Sophie mit klarer Stimme und einem Lächeln auf den Lippen.

Tiny erwiderte das Lächeln. „Eine Sommerhochzeit", sagte Tiny entzückt, „Es war sicher ein wunderbares Fest?"

„Oh ja, das war es", bestätigte Sophie mit einem leicht wehmütigen Lächeln, „Es war… naja, es klingt vielleicht kitschig, aber es war tatsächlich der schönste Tag meines Lebens. Als Eric und ich unseren ersten Tanz tanzten, war es… als würden alle Gäste verschwimmen, sie waren nicht wichtig. Es war nicht wichtig, dass wir nicht perfekt tanzen konnten. Alles, was zählte, waren wir beide. Eric hatte dieses Strahlen in den Augen. Er war einfach nur glücklich. Genau wie ich."

Sophie schien für einen Moment in Erinnerungen zu schwelgen und Tiny stellte sich extra so hin, dass die Geschworenen die Muggelfrau gut sehen konnten. Dadurch konnte sie selber einen Blick auf die Geschworenen werfen. Einige waren durch Sophies Erzählung offenbar in eigene Erinnerungen entführt worden. Andere warfen Ried einen prüfenden Blick zu. Tiny, die ihren Mandanten nicht sehen konnte, da er in ihrem Rücken sass, konnte nur hoffen, dass er richtig reagierte. Sie hatte ihm absichtlich nicht gesagt, was sie bei Sophies Verhör vor hatte.

„Wann haben Sie Eric kennengelernt?", fragte Tiny schliesslich weiter.

„Im ersten Jahr auf dem College", beantwortete Sophie die Frage präzise, „das war vor vier Jahren."

„Und wie hat Eric zu dieser Zeit auf Sie gewirkt? Wie war seine Gefühlslage?"

Sofort sprang Nicci an ihrem Tisch auf und rief: „Einspruch, Hörensagen!"

„Euer Ehren", wandte Tiny sich an den Richter, bevor dieser etwas sagen konnte, „Mr. Clarkson befindet sich, wie wir bereits gehört haben momentan nicht in der Verfassung, selber auszusagen, seine Gefühlslage ist jedoch von essenzieller Bedeutung, deshalb müssen wir uns auf die Beobachtungen derjenigen verlassen, die ihm nahe stehen."

Der Richter liess sich das kurz durch den Kopf gehen, wobei nicht im Mindesten zu erahnen war, was er dachte.

„Abgelehnt", sagte er schliesslich, „Mrs. Clarkson, beantworten Sie die Frage."

„Er war..." Sie schien zu zögern. „Eric war zu Anfang sehr reserviert. Höflich, freundlich, aber er schien mit seinen Gedanken und Gefühlen immer in einer anderen Welt zu sein. Irgendwie weit weg. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass er einfach nur traurig war. Ich habe ihn während des ersten Jahres auf dem College selten lachen gehört. Auch hatte er kaum Freunde in seinem näheren Umfeld. Bekannte, ja, mit denen er zusammen gelernt hat. Er wurde von allen sehr geschätzt. Aber wirkliche Freunde hatte er nicht. Von seinen Kommilitonen weiss ich, dass er sehr verschlossen gewirkt hat. Unnahbar fast. Ich hatte den Eindruck... dass er einfach nur niemanden an sich ran lassen wollte, weil… weil er in der Vergangenheit verletzt worden war. Aber erzählen wollte er nie etwas davon, wenn er darauf angesprochen wurde."

Sie zögerte.

„Ich habe lange gebraucht, ehe ich zu ihm durchgedrungen bin. Er vergab sein Vertrauen nie leichtfertig. Aber wenn man es einmal erlangt hatte, dann konnte man sich auf ihn zu 100 Prozent verlassen."

Schweigen herrschte in dem großen Saal. Tiny konnte förmlich hören, wie die Rädchen in den Köpfen der Geschworenen ratterten. Sophie war eine exzellente Zeugin. Ihre Emotionen waren echt und berührten jeden, der kein Herz aus Stahl hatte.

„Hat Ihnen Mr. Clarkson in all der Zeit, in der Sie sich kennen je etwas von der Existenz der magischen Welt erzählt?", fragte sie weiter.

„Nein", sagte Sophie klar und deutlich, „Nie."

„Bitte sagen Sie dem Gericht, wann Sie von der Existenz der magischen Welt erfahren haben."

„An dem Tag, an dem mein Ehemann verhaftet wurde. Ich habe den Vorgang beobachtet und mir dementsprechend einige Fragen gestellt", erklärte sie.

Tiny nickte den Geschworenen bedeutungsschwer zu und wandte sich wieder an Sophie.

„Haben Sie je einen magischen Gegenstand bemerkt, der sich im Besitz Ihres Mannes befunden hat?"

„Nein, meines Wissens hat Eric nie irgendetwas mit magischen Kräften besessen", erklärte sie kategorisch und liess dabei keinen Zweifel zu.

„Vielen Dank. Das hohe Gericht sieht also, dass Mr. Eric Clarkson trotz seines Wissens Stillschweigen bewahrt hat und sich durchaus der Brisanz, die seine Informationen besassen, bewusst war. Er hat es nicht einmal seiner Ehefrau erzählt", erklärte Tiny.

„Folglich ist die Annahme berechtigt, dass Mr. Eric Clarkson auch anderen Muggeln nichts von der magischen Welt erzählt hat", schlussfolgerte sie.

„Wenn er es nicht einmal seiner engsten Vertrauten, seiner Ehefrau erzählt hat, welcher er in tiefer Emotion verbunden ist."

Tiny nickte Sophie nochmal aufmunternd zu und sagte dann: „Keine weiteren Fragen, Euer Ehren."

„Ihre Zeugin, Miss Gardner", sagte der Richter.

„Vielen Dank, Euer Ehren", entgegnete Nicci und strich beim Aufstehen ihren Rock glatt.

„Mrs. Clarkson", sagte sie schwesterlich, als sie zu Sophie an den Zeugenstand trat, „Sie scheinen Ihren Ehemann wirklich sehr zu lieben. Es muss ein Schock für Sie gewesen sein, zu erfahren, dass er eine Affäre hatte."

Tiny war drauf und dran, Einspruch zu erheben, als sie Sophies Blick bemerkte und inne hielt.

„Eric hatte nie eine Affäre", entgegnete Sophie in einem Ton, der keinen Widerspruch zuliess, „Eric und Ried hatten eine Beziehung und zwar bevor ich Eric überhaupt kennen gelernt habe. Ried ist erst vor kurzem wieder in Erics Leben getreten. Aber… aber aus seinem Herzen ist er nie wirklich verschwunden."

Sophie schluckte fest und schaute auf ihre Hände. Es war offensichtlich, dass ihr die letzten Worte schwer gefallen waren.

Tiny blickte zu Nicci. Sie wirkte noch immer professionell und selbstsicher, doch Tiny kannte sie schon so lange, dass sie die kleinen Veränderungen in ihrer Haltung erkannte, die ihr sagten, dass Nicci nicht mit einer solchen Aussage von Sophie gerechnet hatte.

„Aber Eric hat Ihnen nie etwas von Mr. Turner erzählt? Hat er ihn überhaupt je erwähnt?", fuhr Nicci ungerührt fort.

Sophie verneinte klar und deutlich. „Er hat sich über seine Vergangenheit ausgeschwiegen. Und ich habe nicht weiter gefragt.",

„Hmm…", machte Nicci nachdenklich, „Komisch ist das schon. Wenn Mr. Turner Ihrem Mann wirklich so viel bedeutet, hätte man doch meinen können, dass er ihn in vier Jahren Beziehung zumindest einmal erwähnt, wenn auch nur als alten Freund."

„Würden Sie Ihrem Mann von einer Frau erzählen, die Sie lieben?", fragte Sophie trocken zurück.

Nicci überging die Frage mit professioneller Taubheit und wechselte das Thema.

„Sie haben eben ausgesagt, dass Ihnen im Besitz Ihres Ehemannes nie ein magischer Gegenstand aufgefallen ist", wiederholte Nicci, „Ist Ihnen vielleicht einmal ein Glas aufgefallen?"

„Ein Glas… ja, also… er… er hatte so ein Einmachglas in seinem Arbeitszimmer, das hatten wir zur Hochzeit bekommen… von… Ried", Sophie blickte verunsichert zu Tiny und Ried, es war offensichtlich, dass sie fürchtete, einen Fehler gemacht zu haben.

Tiny versuchte ihr mit einem Blick zu bedeuten, dass alles in Ordnung war.

„Dieses Glas befindet sich zur Zeit im St. Mungo, im Zimmer von Mr. Clarkson", sagte Nicci zum gesamten Gerichtssaal, als sei es die Enthüllung des Jahrzehnts, „Spezialisten des Ministeriums haben es untersucht."

Ried entfuhr keuchend die Luft. „Ich dachte, Cecily würde dir sagen, wenn irgendwer in sein Zimmer will", zischte er Tiny zu.

„Sie kann nicht immer überall sein", gab sie leise zurück, „und jetzt sei still."

„Es ist mit einem Zauber belegt, der auf Mr. Eric Clarksons Konzentration reagiert", enthüllte Nicci, „Es handelt sich somit um einen magischen Gegenstand und Mr. Turner hat eindeutig das Gesetz gebrochen, denn dieses untersagt es, magische Gegenstände an Muggel zu geben."

Niccis triumphierendes Lächeln gefror ihr auf den Lippen, als sich die Rothaarige gemächlich erhob und ruhig sagte: „Einspruch, Euer Ehren. Die Rechtsprechung zu dem Fall Minnette gegen Conroy besagt eindeutig, dass es nicht gegen das Gesetz verstösst, einem Muggel einen magischen Gegenstand zu überlassen, wenn der betreffende Muggel von der Magie weiss, die Magie des Gegenstandes sich dem uneingeweihten nicht offenbart und von dem magischen Gegenstand keinerlei Gefahr ausgeht. Diese drei Punkte sind alle erfüllt, da es sich bei dem Zauber um eine harmlose Spielerei handelt, Mr. Eric Clarkson von der Magie wusste und die Magie des Glases, wie wir von Mrs. Sophie Clarkson wissen, sich nicht offenbart hat."

Der Richter nickte, wie ein strenger Prüfer, der sich nicht in die Karten schauen liess.

„Stattgegeben", sagte er schliesslich, „Miss Gardners letzte Bemerkung wird aus dem Protokoll gestrichen. Fahren sie fort, Frau Anwältin."

„Keine weiteren Fragen, Euer Ehren"; antwortete Nicci.

„Hat die Verteidigung noch Fragen?"

„Nein, Euer Ehren, keine Fragen."

„Mrs. Clarkson, Sie dürfen den Zeugenstand verlassen."

Sophie erhob sich elegant und schenkte Nicci einen eisigen Blick, dann ging sie zu einer Bank und ließ sich darauf nieder.

Durch Rieds Körper pulsierten eisige, irrrationale Wellen des Zorns. Er starrte auf sein Wasserglas. Versuchte sich seine Gefühle nicht anmerken zu lassen. Doch wenn er daran dachte, dass diese Ministeriumstrolle das Glas mit ihren krummen, gierigen Fingern betatscht hatten, verknotete sich sein Magen zu einem heißen, feurigen Ball. Wie konnten sie es wagen?! Dieses Geheimnis, diese Erinnerung gehörte allein Eric! Und ihm selbst...

Seine Hände hatten sich um die Tischkante gekrallt, während Tiny wieder aufstand.

„Die Verteidigung ruft Ihren nächsten Zeugen auf", erklärte sie entschieden.

„Mr. David Brennen!"

Die Türen öffneten sich mit einem ohrenbetäubenden Knarzen.

David schritt forsch herein, nickte Tiny kurz zu und nahm dann im Zeugenstand Platz. Kurz irrte sein Blick zu Sophie, welche allein und ein wenig verloren auf der Zeugenbank saß.

„Mr. David Brennen. Sie sind der behandelnde Medimagier von Mr. Eric Clarkson, ist das korrekt?", fragte Tiny und trat vor David, blickte ihn ernst an.

„Ja, das ist korrekt", antwortete er und wandte seine Aufmerksamkeit Tiny zu.

„Mr. Brennen, bitte beschreiben Sie Mr. Clarksons Gesundheitszustand?", fragte Tiny ernst.

„Er befindet sich seit dem 24. Dezember in einem Zustand tiefer Bewusstlosigkeit. Daran hat sich bis heute nicht geändert", erklärte er.

„Können Sie uns sagen, wodurch dieser Zustand herbei geführt wurde?"

David nickte ernst.

„Durch einen übertriebenen Gedächtniszauber, der an diesem Mann gar nicht hätte ausgeführt werden dürfen. Er zählt zu jenen, die eine gewisse Immunität gegenüber Zauberei aufweisen. In diesen seltenen Fällen muss vor einer Gedächtnislöschung jeweils sorgfältig geprüft werden, welche Zauber zur Anwendung gelangen dürfen. Denn bei solchen wehrhaften Geistern kann ein mächtiger Gedächtniszauber fatal enden, da sich der Patient gegen einen sehr machtvollen Zauber zur Wehr setzt. Natürlich nur in Gedanken. Wer als Sieger aus dem Kampf hervor geht, lässt sich nur schwer vorhersagen und hängt von dem jeweiligen Fall ab", räumte er ein.

Tiny schluckte innerlich. Das Bild von Eric, reglos in seinem Bett, stieg vor ihr auf. Und sein angespanntes Gesicht, in dem sich der Kampf, den er in seinem Inneren ausfocht, wiederspiegelte. Sie kämpfte das Bild nieder und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Geschworenenbank.

„Sie sehen also, meine Damen und Herren Geschworene, der betreffende Zauber, hätte an Mr. Clarkson nach § 2a Abschnitt vier des Gesetzes über die korrekte Anwendung von Gedächtniszaubern gar nicht durchgeführt werden dürfen. Folglich ist die Anschuldigung der Anklage, dass mein Mandant den Ablauf des Zaubers gestört hat, ad absurdum geführt."

Sie ließ die Beweisführung für einen Moment auf die Geschworenenhexen und –zauberer wirken und wandte sich dann wieder zu David um.

„Mr. Brennen. Erhält Mr. Clarkson Besuch?", stellte sie ihm erneut eine Frage.

David nickte bestätigend.

„Ja, Sophie und Ried, beide besuchen ihn täglich für eine längere Zeit."

„Was machen die beiden währen ihrer Besuche?"

„Sie sind besorgt, natürlich. Über alle Maßen, würde ich behaupten. Sie sitzen täglich mehrere Stunden an Erics Bett, reden mit ihm, berühren ihn und erzählen alltägliche Dinge, was bei manchen unserer Patienten das Zünglein an der Waage war und sie wieder aus der Bewusstlosigkeit zurückgeholt hat", erklärte er. „Es ist erwiesen, dass Nähe, Stimmen und vertraute Dinge in der Umgebung eines Komapatienten sehr hilfreich bei der Genesung sind."

„Vielen Dank, Mr. Brennen."

Tiny schoss einen scharfen Blick auf Nicci ab und stolzierte dann davon.

„Ihr Zeuge, Miss Gardner!"

Während Tiny an ihren Tisch zurück ging, beriet sich Nicci mit ihren vier Trollkollegen. Schliesslich erhob sie sich und sagte: „Die Anklage hat keine Fragen an den Zeugen, Euer Ehren."

„Mr. Brennen, Sie sind aus dem Zeugenstand entlassen."

Richter Halley wartete, bis David sich neben Sophie gesetzt hatte und fuhr dann fort.

„Das Gericht vertagt sich für eine Stunde."

Stühlescharren erfüllte den Raum und auch Tiny erhob sich rasch, drehte ihren Rücken den Geschworenen zu und sah Ried eindringlich an.

„Ried, ich weiss, du würdest jetzt gerne ein wenig austicken, aber bleib ruhig, zumindest, bis die Geschworenen aus dem Raum sind", flüsterte sie eindringlich.

Ried erhob sich langsam und feuerte eisige Blicke auf die Ankläger ab.

„Ried, schau mich an", sagte Tiny und berührte ihn sanft am Arm, „Vergiss diese Trolle."

„Hey, ihr beiden", sagte Sophie, die rasch von der Zeugenbank zu ihnen gehuscht war, „Ich denke, es läuft echt gut, oder?"

Tiny drehte sich um. Gerade verliess der letzte Geschworene den Raum und die Ministeriumstrolle strebten diskutierend zum Ausgang.

„Wie es gelaufen ist sehen wir, wenn das Urteil vorliegt", sagte sie, „Lasst uns etwas essen gehen."

„David, kommst du mit?", fragte Sophie, als sie den Medimagier sah, der leicht verloren in der Nähe der Zeugenbank stand.

„Diese verdammten Trolle!", begehrte Ried in diesem Moment auf, „Wie kommen die dazu, ihre dreckigen Griffel an Erics Glas zu legen. Das ist sein Privatbesitz! Tiny, bitte sag mir, dass du ihnen dafür Saures gibst, denn sonst muss ich es machen!"

„Ried", sagte Tiny ruhig, „Ich werde schauen, was ich tun kann, aber ich befürchte, dass alles rechtlich korrekt abgelaufen ist. Grundsätzlich hätten wir eine Einladung zur Beweisaufnahme erhalten müssen, aber dieses Versäumnis verhindert höchstens die Verwertbarkeit des Beweises im Prozess. Das würde uns nichts bringen, jetzt aber konnten wir die Glaubwürdigkeit der Anklage beschädigen. Nicci hat sich ein Eigentor geschossen."

Ried schwieg, aber ballte die Fäuste fest, die Arme an seine Seite gepresst. „Dieses Glas gehört nur ihm. Ganz allein. Und seinen Erinnerungen. Niemandem sonst...", presste er hervor. „Ich kann es nicht glauben, dass die verdammten Trolle vom Ministerium es untersucht und angefasst haben..." Seine Augen brannten. Es war ein so tiefer Eingriff in Erics Seele, dass sein Körper vor Wut brannte. Hatten sie denn vor nichts Respekt?!