21) Empfangssabotage und vielerlei Hiobsbotschaften
Flugs verlassen wir den Bunker und machen uns auf ins Gelände, um zu erfahren, welche kostenlose – und lebensschonende – Alternative zu Eriks Pistolentraining Charles eigentlich meinte. Ihr erinnert euch, da war was, vor einer gefühlten Ewigkeit … Da stehen also unsere beiden Früchtchen an einer Brüstung. Dahinter erstreckt sich eine riesige Parkanlage mit schönstem Rasen, Grünzeug (namentlich Bäumen und Büschen), sowie einem Fluss in der Ferne. Ja und das alles gehört dem Prof – Neid! Außer im Masaï-Sprachgebrauch, da könnte er es sich abschminken, so Zeug wie Erde oder Berge als seinen Besitz zu bezeichnen, da kulturell undenkbar. Egal.
Was zählt, ist, dass da in noch weiterer Ferne eine uns nicht unbekannte Satellitenschüssel die Landschaft verunziert. Wird dieser Tand aka Gebilde von Menschenhand wieder irgendwie zum Trainieren herhalten müssen? Sieht ganz danach aus. Und dieses Mal ist keine von Hanks preisverdächtigen Erfindungen involviert. Da schau mal einer guck, kriegen sie doch etwas ohne ihn gebacken!
Charles: „Siehst du diesen Schandfleck da hinten, ich meine die Schüssel? Dreh sie mal so, dass sie uns anglotzt."
Das Wie, darum muss der gute Metallbändiger sich schon selbst kümmern. Der Professor verzieht sich bescheiden in den Hintergrund, während still und leise der vielversprechende Trainings-Ohrwurm einsetzt. Erik macht keinen Mucks, sondern wirft sich gewichtig in Pose, die Arme Richtung Fremdkörper ausgestreckt. Unbedingter Gehorsam, so lobe ich mir das. Doch oh weh! Die starrköpfige Satellitenschüssel macht keine Anstalten, sich zu bewegen, weder vor noch zurück. Wir sehen den an seine Grenzen getriebenen Schüler rot anlaufen wie eine Tomate, schwitzen wie ein Schwein und allem Anschein nach fast zusammenklappen. Fail. Allerdings nur für den ersten Versuch …
Charles (kommt wieder näher): „So über den Daumen gepeilt, liegt die perfekte Konzentration wohl irgendwo zwischen Wut und Gelassenheit. Ein Kompromiss zwischen zwei unerbittlichen Gegensätzen also. Aber er klingt gut."
Erik: „Mööööp ..."
Charles (wackelt mit den Fingern): „Ist es okay für dich, wenn ich Du-weißt-schon-was mache?"
Sowas, da fragt er tatsächlich mal um Erlaubnis, bevor er in jemandes Geist eindringt! Hat es also was gebracht, dass er in Miami mal richtig zusammengeschissen wurde. Erik jedenfalls nickt nur, und so geht sein bester Kumpel auf Tauchtour und sucht … Ja irgendwas halt. Nicht immer diese Ungeduld hier bitte! (So man will, kann man dieser Szene eine romantische Note zuschreiben. Immerhin ist Charles hier in Eriks Allerheiligstem unterwegs, und sie halten die ganze Zeit einen herrlich intensiven Blickkontakt. Freuet euch und jauchzet, McFassy-Fangirls!).
Charles (murmelnd): „Beschneidung? Nein … Einschulung? Auch nicht … Aaah, hier, Party-Party mit Mamchen, wie ist das doch herzerwärmend ..."
Damit nicht nur Erik und sein Wohltäter, sondern auch wir nicht-mutierten Zuschauer mitbekommen, was Sache ist, schwebt neben dem nun tränenfeuchten Gesicht Magnetos eine Erinnerung aus seinen Kindheitstagen: warmes Kerzenlicht von einem Menorah-Leuchter, liebevoll lächelnde Mama mit glücklichem Sohnemann … Das ist so unglaublich rührend, dass auch Charles ein Tränchen verdrückt. So hat denn selbst Erik sein Lebtag nicht nur Scheiße erlebt – Mann, tut das Wissen darum gut! Und nein, die Erinnerung zeigt eindeutig das jüdische Lichterfest und nicht etwa die Kerzen auf einem Geburtstagskuchen, wie in einer FF gelesen. Leute, ein bisschen genauer hinschauen tut nicht weh, ehrlich nicht.
Erik: „Was … was beim Giga-Gamma-Super-GAU hast du da gedreht?"
Charles: „Ich hab deine Vor-KZ-Zeit im Schnelldurchlauf abgespult, um deine hellste Erinnerung zu finden. Ist ein wunderschönes Exemplar, man dankt. Davon kannst du jetzt immerfort zehren, wenn du deine Gabe einsetzen willst. Fein, oder?"
Erik: „Die hab ich ganz verschwitzt, völlig vergessen ..."
Charles: „Na ja, das nun nicht, sonst hätte ich sie kaum gefunden. Du wusstest einfach nicht mehr, dass es sie gibt, so sieht´s aus!"
Erik (gereizt): „Korinthenkacker!"
Charles (patscht ihm auf die Schulter): „Auch egal! Ich wollte nur sagen, dass du ein wunderbar vielfältiger Cocktail bist. Da ist mitnichten nur bitterer Schmerz oder Wut, sondern auch zuckrige Güte. Wenn du die ersten beiden zur Abwechslung mal über Bord wirfst und an das Gute in dir appellierst, dann … Ja, dann wirst du so mächtig, dass niemand, nicht mal ich, da mithalten kann!"
Erik: „Hältst du dich zufällig für den Nabel der Welt?"
Charles (unschuldig): „Nö, wieso? Und überhaupt, was ist jetzt? Sei doch so gut und mach dich nochmal an die Schüssel ran."
Nun legt der Soundtrack erst so richtig los, und unter Professor X Argusaugen schafft Erik es tatsächlich, die Satellitenschüssel in ihre Richtung zu drehen! Die Logik dahinter soll begreifen, wer will: Shaw entfesselte seine Kräfte, indem er ihm die Mutter nahm, und Charles, indem er sie ihm zurückgab. Tut wohl beides seinen Dienst. Mir gefällt dennoch die zweite Möglichkeit deutlich besser, man ist ja kein Unmensch.
Eitel Sonnenschein bei den beiden Busenfreunden! Sie lachen sogar, so happy sind sie.
Charles (patscht Erik wieder auf die Schulter): „Ganz große Klasse! Sowas nennt sich First Class!"
Ob alle Welt ihr Glück teilt?
Fernsehzuschauer 1: „So ein Mist, kein Empfang mehr!"
Fernsehzuschauer 2: „Sapperlot, das war meine Lieblingssendung! Wer rettet mir jetzt den Abend?!"
Fernsehzuschauer 3: „Ob das die Russen sind, die die Kontrolle übernehmen? Eine bodenlose Frechheit ist das!"
Was soll´s, man kann es nie jedem recht machen …
Erik (zufrieden): „Ja, über Münzen bin ich endgültig hinausgewachsen. Jetzt hält mich nichts mehr auf, haha! Soll ich für dich die Schüssel zum Pappkartonformat zusammenknüllen, wenn sie dich so abnervt?"
Charles: „Ach mein Freund, das ist unheimlich lieb von dir. Aber Sean braucht sie zum Trainieren, das Lehrpersonal muss Opfer bringen ..."
Erik: „Kein Ding, ich wollte es nur mal gesagt haben. Dann gehen wir doch stattdessen und -"
Und was, hm? Sei es, wie es sei, man muss immer aufhören, wenn es am Schönsten ist. Gerade deshalb steckt Moira in diesem Moment hinter ihnen die Rübe aus dem Fenster. Ein elendiger kleiner Störenfried ist sie …
Moira: „Sofort vor der Mattscheibe antreten, der Präsi hält eine Rede! Halt mal … Habt ihr geheult? Nee, oder?!"
Erik (schnäuzt sich): „Haben wir nicht! Und du verstehst das eh nicht."
Charles (wischt sich über die Augen): „Lass die Gute einfach. Gehen wir lieber fernsehen!"
Welches Fernsehen, wenn die Schüssel sich selbstständig gemacht hat? Macht das erst rückgängig, ihr Seckel! Der Prof patscht seinen Kumpel ein drittes Mal, jetzt auf den Arm. Bilde ich es mir nur ein, oder kann er neuerdings einfach nicht die Griffel von ihm lassen? Als er gleich darauf auf dem Weg ins Haus die Führung übernimmt, blickt Erik ihm schon fast … bedauernd nach. Argh, ich hab mich einfach zu viel mit dieser Thematik beschäftigt, jetzt sehe ich auch schon überall Slash! Zu Hülfe!
Na ja, lassen wir meine Pein mal Pein sein. Kurz darauf hat sich die ganze Truppe vor einem steinzeitlichen Fernseher versammelt. Dabei haben Charles und Moira die Chefsitze auf dem Sofa ergattert, während die anderen sich mit Stehplätzen begnügen müssen. Die Welt ist ungerecht.
Präsi Kennedy: „Hier nun die Ergebnisse unserer Politik nach der zweiten Halbzeit! Es steht wie folgt: Sollte auch nur die klitzekleinste Atomrakete die Embargolinie um Kuba überqueren, die übrigens nach allen Regeln der Kunst hier auf dem Tisch mit dem Zirkel abgesteckt wurde, dann … Oho, dann werden wir diesen Angriff der Sowjets gnadenlos erwidern, so wahr ich John F. heiße!"
Übrigens ist es der wirkliche, echte Staatsmann, der da seinen Auftritt hat, nicht irgend so ein Schauspieler-Double. Da wurde schön gebastelt, muss man wirklich sagen …
Charles (schockiert): „Ich glaub, mein Schwein pfeift! Kam über diese brandgefährliche Lage nicht schon früher was in den Nachrichten?"
Raven: „Tja, du musstest uns halt das Fernsehen verbieten. Moira war da viel netter!"
Moira (stolz): „Ja, und wir haben sogar fast keine Soaps angeschaut."
Charles: „Ich hatte nie die Zeit, mal eine Zeitung aufzuschlagen ..."
Abgeschottet auf einer Insel zu leben, sei sie nun real oder selbst errichtet, über viele Jahre oder nur ein paar Wochen – Das ist einfach nicht gut. Punkt.
Erik (deutet mit seiner Knarre auf die Glotze): „Genau dort finden wir Doktor Basti! Und bevor ihr mir diesen Apparat zerlegt: Ich meine den Kreis Kuba."
Alex: „Wie kommen Sie auf einmal darauf? Männliche Intuition oder was?"
Hank (halblaut): „Puh, jetzt macht er mal nicht mich blöd an."
Charles: „Bei allen Mendel´schen Erbsen, da draußen sind zwei Weltmächte kurz davor, einander an die Gurgel zu gehen! Da ist es doch klar wie Kloßbrühe, dass Shaw mit seinen kranken Dritter-Weltkrieg-Phantasien die Gelegenheit beim Schopf packt und tüchtig mitmischt."
Erik: „Meine Rede. So seht ihr nun den lebendigen Beweis in Form dieses Homo sapiens, dass Diplomatie immer und grundsätzlich für die Katz´ ist. Geht also lieber gleich an der Matratze horchen und tankt feste Power für die Contra-Shaw-Mission morgen, denn … Schlimmer geht's immer!"
Präsi Kennedy: „... und letzten Endes wird die Welt mit Krieg überzogen! Natürlich nur, wenn die Russen nicht wissen, was gut für sie ist. Nun denn, ich habe fertig."
Rosige Aussichten, wirklich. Und da haben wir auch schon den sowjetischen Raketenfrachter, der auf hoher See seinem Ziel entgegentuckert. Hübsch eingefädelt von Shaw, diesem Mistsack. Parallel dazu dürfen wir der Stimme eines Nachrichtensprechers lauschen, der sich über die drohende Apokalypse den Mund fusslig redet.
Nachrichtensprecher: „Die Nerven einer ganzen Nation, nämlich von uns Amerikanern, sind zum Zerreißen gespannt, während der sowjetische Frachter drohend näherkommt. Alle selbstlosen diplomatischen Bemühungen unsererseits wurden von den Wilden bisher ausgeschlagen. Und nun, Sieg oder Krieg? Oder Sieg im Krieg? Jeder brave Bürger tut, was er kann, um kein Opfer der Ossis zu werden. Hamsterkäufe leeren Supermärkte und sorgen für das leibliche Wohl der verschanzten, doch heldenhaften Bevölkerung. Bislang sinnlos herumgammelnde Bunker aus dem letzten Weltkrieg werden wohnlich eingerichtet. Der Feind wird Gottes Lieblingsvolk nicht kalt erwischen!"
Kurt Marko: „Ha! Ich hatte ganz recht, den Bunker ins Haus einbauen zu lassen. Der Charles wird mir schon sehr bald verdammt dankbar sein, seht ihr?"
Sindarina: „Ruhe! Eine Wohltat bügelt deine Missetaten nicht wieder aus. Und außerdem kannst du nicht sprechen. Du bist schon lange hops gegangen."
Na ist doch auch wahr … Lasst uns lieber in dasselbe Meer abtauchen, durch das das sowjetische Schiff pflügt. Wir folgen ganz einfach dem uns schon vertrauten Nachrichtensprecher bis tiiiieeef unter die Wasseroberfläche, wo seine wohlklingenden Laute aus einem Fernsehgerät erschallen. In Shaws U-Boot. Der Militärwissenschaftler süffelt mit Angel genüsslich einen Drink und lauscht vergnügt diesen neuesten Neuigkeiten. Sieh an, da haben wir mal jemanden, der sich auf dem Laufenden hält, nicht so wie gewisse Andere. An dieser Stelle setzt ihr bitte einen vielsagenden Blick Richtung Moira und ihrem Special Team ein.
Nachrichtensprecher: „Wir werden nun Zeuge der Premiere einer noch nie dagewesenen Bedrohung! Unabhängigkeitskrieg, Indianerkriege, Sezessionskrieg, Weltkriege, AIDS-Wirren und und … Nix kommt an die aktuelle Lage ran!"
Shaw (zufrieden): „Ich sehe schon, sie lechzen nach einem neuen Krieg. Den geb ich ihnen gerne. Nur, dass es sie anschließend nicht mehr geben wird, nur noch uns – die Herrenrasse. Wer mich aufhalten will, soll sich nur melden, hahaha!"
Angel lächelt überheblich, wie es sich für eine Königin-in-spe an der Seite eines Irren gehört, und sie prosten einander zu.
Emma (aus dem Off): „Basti, lass sie! Du liebst doch mich!"
Telepathie kann schon ein Fluch sein, was? Wenn man erfährt, was die anderen so treiben, sobald man einmal nicht zugegen ist … Sei es, wie es sei. Jetzt ist vielmehr wesentlich, dass die letzte Nacht vor Kuba hereingebrochen ist. Die Stunde des Schicksals naht. Wir dürfen gewiss sein, dass der neue Tag vieles ans Licht bringen wird. Und wer weiß, vielleicht werden schon die Stunden vor dem ersten Hahnenschrei nicht ganz uninteressant?
