Bard blickte auf, als leise Schritte auf dem Gang vor dem Amtszimmer des Bürgermeisters erklangen. Eine Hand ruhte weiterhin auf dem Stapel Dokumente, die sich vor ihm auf der wuchtigen, polierten Tischplatte türmten, mit der anderen ließ er den Federkiel sinken, der eben noch über das Pergament gekratzt hatte. Die Tinte schimmerte schwach im Schein der einzelnen Kerze, die dicht vor ihm stand und es nur leidlich schaffte, die Düsternis aus dem Raum zu vertreiben. Sämtliche Scheiben waren bei dem Angriff des Drachen zersprungen, entweder durch die Hitze des Feuers oder den Aufprall des schweren Leibes auf dem Wasser. Behelfsmäßig waren die Öffnungen mit Brettern vernagelt worden um die Kälte draußen zu halten, was allerdings kaum gelang - inzwischen kroch der Frost durch sämtliche Ritzen und setzte sich auch in dem unbeschädigten Teil des Hauses fest, aber wenigstens hatte er einen Rückzugsort, an dem er sich um die Koordination der anstehenden Arbeiten kümmern konnte.

Eben jene Listen und Anweisungen knisterten nun leise unter seinen Fingern, als er den Stapel nun zusammenschob und auf einen weiteren beförderte, der an der Kante des Tisches ruhte. Die Schritte näherten sich unaufhaltsam und er ahnte, dass es mit der Ruhe gleich wieder vorbei sein würde. Zwar hatte er den Männern an der Treppe strikte Anweisungen gegeben, aber auch die Soldaten hatten in letzter Zeit zu viel Leid gesehen, um Befehle mit Nachdruck durchzusetzen. So kam der ein oder andere klägliche Bittsteller doch bis zu ihm und auch Bard selbst wollte sie dann nicht abweisen, sondern so gut es ging helfen. Die Konsequenz war leider, dass der Berg an unerledigten Aufgaben stetig wuchs, ohne dass er wirklich nachkam.

Ein zaghaftes Klopfen an der Tür unterbrach seine düsteren Gedanken. Der ehemalige Kahnführer seufzte stumm, dann rang er sich zu einem "Herein!" durch. Einen Moment später knarrte die Klinke, ein dunkelblonder Schopf schob sich durch den Spalt und lugte in den Raum. Der Dunkelhaarige erblickte vertraute Züge und sofort hellte sich seine Miene auf.

„Sigrid!", rief er, während er sich schon erhob und seiner ältesten Tochter entgegeneilte.

Die junge Frau schlüpfte in das Zimmer, schloss hastig die Tür und warf sich in die ausgestreckten Arme ihres Vaters.

„Endlich - ich habe geglaubt, wir sehen uns nie wieder", wisperte sie dicht an seinem Ohr und konnte das leise Aufschluchzen darin nicht verbannen.

Bard drückte sie fest an sich, strich ihr beruhigend über das glatte Haar und antwortete leise: "Ich habe es euch doch versprochen."

Sigrids Schultern bebten und für eine ganze Weile standen die beiden einfach nur da, eng umschlungen und gaben sich gegenseitig Halt. Auch Bard hatte in so manchem Moment daran gezweifelt, seine Kinder noch einmal zu erblicken und jedes Mal hatte ihm dieser Gedanke einen heftigen Stich versetzt. Doch das wollte und konnte er vor seiner Tochter nicht zeigen. Seit dem Tod ihrer Mutter war er den dreien immer eine Stütze gewesen und das sollte auch in Zukunft so bleiben; es hatte sich in kürzester Zeit alles geändert, da wollte er wenigstens in der Familie so viel Normalität wie möglich bewahren.

Schließlich beruhigte sich Sigrid wieder, löste sich aus der Umarmung und trat einen halben Schritt zurück. Ihre Augen waren rot gerändert, doch auf ihren Lippen lag ein erleichtertes Lächeln.

„Du siehst müde aus", stellte sie fest und musterte die kantigen Züge ihres Vaters, die dunklen Schatten unter seinen Augen und den matten Blick.

„Ist es ein Wunder?", entgegnete dieser brummend. „Die letzten Wochen haben uns allen viel abverlangt. Wo sind Bain und Tilda, ist mit ihnen alles in Ordnung?"

Er hatte die Kinder zuletzt in einem der Rettungsbote gesehen, kurz bevor er den Turm mit der Windlanze erklommen und den schwarzen Pfeil auf Smaug abgeschossen hatte. Seitdem waren seine Gedanken in jeder freien Minute zu ihnen gewandert, doch sein Weg hatte ihn von den Schlachtfeldern des Erebor direkt zurück in das Herz der Seestadt geführt. Zu seiner Erleichterung nickte die junge Frau.

„Sie sind wohlauf. Bain ist unten und vertäut das Boot, Tilda ist im Lager am Nordufer geblieben. Sie war nicht glücklich darüber."

"Das kann ich mir vorstellen, aber es ist besser so. Hier ist es noch immer gefährlich; die Reparaturen an den Stegen schreiten voran aber es ist immer noch nicht ganz sicher, welche Stützen tatsächlich halten und welche beschädigt wurden."

Er schenkte seiner Tochter einen tadelnden Blick.

„Ihr zwei solltet auch nicht hier sein."

„Ich weiß. Aber wir mussten dich sehen."

Sie schaffte es sogar, ein wenig verlegen dreinzuschauen, doch Bard wusste das sie den Weg auch auf sich genommen hätte, wenn die Gefahr größer wäre.

„Wie ist es dir ergangen?", erkundigte sie sich ernst und leise, doch Bard winkte ab.

„Um das zu erzählen brauchen wir mehr als ein paar Minuten. Eher ein paar Tage. Lass dir versichert sein, dass ich wohlauf bin."

„Das ist gut zu wissen."

Sie seufzte, dann wurde der Blick ihrer haselnussfarbenen Augen bittend.

„Bain und ich sind gekommen, um dich abzuholen. Wir hoffen, dass du uns in das Lager begleitest", rückte sie mit dem Hauptanliegen ihres Besuches heraus.

Dem ehemaligen Kahnführer tat es leid, seine Tochter enttäuschen zu müssen, aber er schüttelte gleich den Kopf.

„Noch kann ich hier nicht weg."

Er deutete auf den Stapel auf dem Tisch.

„Die Leute brauchen jemanden, der sich um die Organisation kümmert und da ich an dem Schaden nicht ganz unschuldig bin, ist es das Mindeste, was ich tun kann."

Sigrids Stirn kräuselte sich ein wenig.

„Es war allein die Schuld des Drachen. Wenn du nicht gehandelt hättest, würde die Stadt überhaupt nicht mehr stehen. Außerdem, was ist mit dem Bürgermeister? Ist es nicht eigentlich seine Aufgabe, sich darum zu kümmern?", hakte sie nach und sah zu dem Portrait des aufgedunsenen Mannes mit den spärlichen roten Haaren hinüber, das sich zwischen den Gesichtern sämtlich vorangegangener Würdenträger in einer Nische gegenüber dem Schreibtisch befand und gönnerhaft auf die beiden Anwesenden herablächelte.

Bards Blick folgte dem ihrigen und er antwortete grimmig: „Er ist im Moment außer Dienst."

Braga, der Hauptmann der Wache des Bürgermeisters, hatte selbst dafür gesorgt, dass das einstige Oberhaupt festgenommen wurde, nachdem man ihn mit der Stadtkasse in einem der ersten Boote erwischt hatte. Im Augenblick saß er nur eine Straße weiter im Verlies, demselben stinkenden Loch, in das er vor nicht allzu langer Zeit Bard eigenhändig gesteckt hatte. Von seinem schmierigen Gehilfen Alfrid fehlte jede Spur, aber um ihn machte sich der Dunkelhaarige wenig Sorgen. Der Lakai war ein Feigling, der sich jahrelang hinter dem Rücken der Macht und des Einflusses versteckt hatte. Seine Loyalität ging genau so weit wie deren Grenze und lediglich die persönliche Abscheu hielt ihn davon ab, zu dem neuen Helden der Stadt gekrochen zukommen. Es sollte nicht Bards Problem sein, er hatte wahrlich genug um das er sich kümmern musste.

Polternde Schritte erklangen auf der Außentreppe und verrieten, dass auch Bain auf dem Weg war. Er war weniger zurückhaltend als seine Schwester und stürmte nur Sekunden später herein, ohne sich mit Klopfen aufzuhalten. Genau wie Sigrid flog er auf den lang entbehrten Vater zu, trotz seines jugendlichen Alters in diesem Moment nichts anderes als ein Kind, das froh war seinen Vater zu sehen.

„Wirst du uns begleiten?", wollte er sofort wissen und Bard musste ein weiteres Mal die Enttäuschung im Antlitz seines Sohnes ertragen.

Bains Augen wirkten noch größer und wo seine Tochter Verständnis aufgebracht hatte, sah er bei ihm nur stumme Schwermut. Doch er beklagte sich nicht; immerhin stand er kurz vor dem Mannesalter, da gebührte es sich nicht zu jammern. Schon gar nicht, wenn der Vater ein Drachentöter war.

Sigrid warf einen Blick auf den Schreibtisch, entdeckte unter den eng beschriebenen Blättern die Ecke einer Karte und beugte sich interessiert darüber. Die Linien kamen ihr bekannt vor und sie identifizierte diese als einen Ausschnitt der Umgebung, der ein Stück des Langen Sees zeigte und den halbrunden Teil einer Stadtbefestigung.

„Ist das Thal?", fragte sie und zog den Plan vorsichtig ein wenig weiter hervor, um ihn eingehender betrachten zu können.

Darunter kamen weitere Aufzeichnungen zum Vorschein, Grundrisse und Detailskizzen. Obwohl die Ruine der Stadt so nah lag, kannte sie diese wie viele andere nur aus der Ferne und hatte selbst noch nie einen Fuß hineingesetzt. Natürlich wusste sie um das Erbe ihrer Familie und die Abstammung zu Fürst Girion, doch es überraschte sie ein wenig, dass sich ausgerechnet ihr pragmatischer Vater mit den Resten der alten Handelsstadt beschäftigte. Dieser nickte nun bestätigend.

„Genau das ist es."

Er warf ebenfalls einen Blick darauf und etwas wie Sehnsucht schlich sich hinein. Er zog einen Detailplan hervor, breitete ihn auf dem Tisch aus und winkte die beiden Kinder heran. Wenn er sie schon nicht begleiten konnte, sollten sie zumindest erfahren was er für die Zukunft plante.

„Ihr kennt die Geschichten der Stadt und was der Drache daraus gemacht hat. Es war unser Vorfahre, der versucht hat sich gegen das Untier zu stellen und gescheitert ist. Dies wurde nun vollbracht und ich habe vor, noch einen Schritt weiter zu gehen und Thal wieder aufzubauen. "

Er deutete in einer Kreisbewegung über die Karte.

„Sobald die gröbsten Schäden in Esgaroth beseitigt sind und die Stabilität gewahrt ist, will ich mit möglichst vielen Freiwilligen aufbrechen und mir einen Überblick verschaffen. Es wird ein hartes Stück Arbeit werden, aber mit etwas Unterstützung wäre es möglich, aus der Ruine wieder eine funktionierende Stadt machen."

Er tippte auf den mittleren Ring.

„Wir wissen, dass die Schäden hier am Größten sind, doch die Außenbezirke hatten Glück. Wenn wir dort beginnen, haben wir in relativ kurzer Zeit die Unterkünfte für die Arbeiter und deren Familien fertig."

Staunend hörten ihm die beiden zu, während sie mit den Augen die gedeuteten Stellen nachzeichneten. Vor Bains innerem Auge entstand bereits ein Bild der alten Stadt, so wie er sie sich in den Erzählungen immer ausgemalt hatte und ihm gefiel der Gedanke daran, dass diese Vorstellung bald Wirklichkeit werden könnte. Sigrid hingegen war bereits einen Schritt weiter und sie hegte eine Vermutung, die sie nun aussprach.

„Es klingt, als würden wir der Seestadt den Rücken kehren." In ihren Worten mischte sich Furcht mit Begeisterung; sie fand den Gedanken aufregend, aber ein wenig Unbehagen vor dem Neuen blieb.

„So ist es. Wir werden von hier fort gehen, aber wir sind nicht die Einzigen."

Stimmengewirr brach los, als die beiden nun anfingen durcheinander zu reden. Bains Begeisterung fiel größer aus als die seiner Schwester und er begann sofort seine Ideen darzulegen. Sigrid hingegen blieb skeptisch und argumentierte dagegen während sie immer wieder zu ihrem Vater blickte, bis Bard den beiden Einhalt gebot.

„Aber wie willst du das ohne einen Penny bewerkstelligen?", schoss sie die alles entscheidende Frage hinterher und brachte ihn erneut zum Lächeln. Sie war ein kluges Mädchen und es erfüllte ihn mit Stolz, dass sie sich nicht scheute das Wesentliche auszusprechen.

„Mit Hilfe der Zwerge und ihren Schulden gegenüber Esgaroth und unserer Familie."

Die Blonde verzog das Gesicht, als sie sich an den bunten Haufen und ihren düsteren König erinnerte, die ihr Leben vor nicht allzu langer Zeit grundlegend auf den Kopf gestellt hatten. Einige davon hatte sie gemocht, doch andere hatten ihr Angst eingejagt und das schloss Thorin Eichenschild ein. Seine Augen waren kalt gewesen und das verheißungsvolle Versprechen auf den Reichtum, mit dem er sich und seine Kameraden freigekauft hatte, wurde nur allzu schnell gebrochen. Stattdessen hatte er den Drachen befreit und Tod und Verderben gebracht.

„Ich würde mich nicht auf das Wort des Zwergenkönigs verlassen", brachte sie ihren Vorbehalt auf den Punkt und Bards Züge verhärteten sich als er berichtete, das Thorin in der Schlacht gefallen war.

„Es gibt einen neuen König unter dem Berg und er befand sich zur Zeit des Angriffs in Esgaroth. Er hat das Leid gesehen und ich denke, dass er kooperativ sein wird."

„Der junge Herr… Fíli, richtig?", grübelte Bain, der die beiden Brüder nicht vergessen hatte.

„Genau. Auf ihm ruht meine Hoffnung."

„Vielleicht klappt es. Er war nett", räumte Sigrid ein.

„Außerdem werden Steinmetze vonnöten sein und auf diesem Gebiet sind Zwerge nun einmal wesentlich kundiger. Wenn wir uns gegenseitig unterstützen, stärkt dass das Bündnis und auf dieser Grundlage könnten beide Reiche erheblich voneinander profitieren", fuhr Bard in seinen Erklärungen fort.

Bain sah seinen Vater mit großen Augen an.

„Du klingst jetzt schon wie ein König", stellte er bewundernd fest.

Bard wuschelte ihm durch die Locken.

„Bis dahin ist es noch ein weiter Weg und ich schätze, dass die kommenden Generationen mehr davon profitieren werden. Also übe schon mal fleißig."

Er grinste den Sprössling an, der daraufhin rote Ohren bekam und spielerisch nach seiner Schwester schlug, die ein Kichern nicht unterdrücken konnte.

„Lass das - man lacht nicht über zukünftige Gebieter!", erklärte er gewichtig und reizte sie damit bloß noch mehr.

„Ich werde bestimmt nicht König zu jemandem sagen, der noch nicht einmal ohne Licht einschlafen kann."

Bain wurde noch röter und knurrte etwas, doch die gute Laune griff schnell über und er schaffte es nicht, ihr ernsthaft böse zu sein.

Mitten in die Ausgelassenheit mischte sich jedoch erneut das schwere, polternde Stampfen von Stiefeln und das rhythmische Scheppern, das die hastigen Tritte untermalte verriet Bard, dass es sich um ein Mitglied der Stadtgarde handelte. Schlagartig wurde er ernst und bedeutete seinen Kindern, ruhig zu sein, während er sich wieder hinter den Schreibtisch begab. Gerade wegen des Respektes, den ihm die Leute nun entgegen brachten, galt es Haltung zu bewahren. Er saß kaum, als es bereits dumpf klopfte.

„Herein."

Wie vermutet öffnete ein Gardist, trat ein und salutierte steif.

„Mein Herr, ich habe eine Botschaft von den Wächtern des südlichen Stadttors. Sie haben ein Fischerboot gesichtet, auf dem sich offenbar ein Zwerg als Passagier befindet."

Bard zog die Brauen hoch. Er hatte nicht damit gerechnet, so schnell wieder mit dem Volk des Erebor konfrontiert zu werden, aber ein untrügliches Gefühl sagte ihm, dass es sich dabei um einen Bekannten handelte. Balin vielleicht, oder sogar der neue König selbst.

„Wie sieht er aus?", hakte er sicherheitshalber nach.

„Das kann ich Euch nicht sagen, Herr. Aber die Männer dachten, dass der Besuch an Euch gerichtet sein könnte und hielten es für das Beste, Euch rasch zu informieren. "

„Sie haben richtig entschieden. Habt Dank und sorgt dafür, dass er passieren kann. Schickt ihn am besten gleich hier her."

„Verstanden." Der Mann salutierte noch einmal, dann verschwand er so schnell wie er aufgetaucht war um die Anweisungen auszuführen.

Bard lehnte sich zurück und strich sich nachdenklich über das Kinn, während zwei Augenpaare gespannt auf ihm ruhten. Er hatte selbst keine Ahnung, was der Bote wollen könnte, doch ein leises Gefühl sagte ihm schon jetzt, dass die Nachricht für seine Pläne eventuell eine Rolle spielen könnte. Fragte sich nur, zu wessen Vorteil.