Leon S. Kennedy 1977: Ich weiß, die Pairings sind wirklich ungewöhnlich, aber mir gefallen sie sehr gut. Und sie werden auch ihren Sinn haben. Ich bin gespannt, was du vermutest, was mit Sherry los ist. :)
Um den letzten Teil dieses Kapitels verstehen zu können, muss man meine andere Fanfiction „Dark Sad Love Story" oder zumindest die letzten Kapitel ab „Das Geschäftsessen" kennen. Und ich muss für dieses Kapitel eine Warnung herausgeben. Es wird ein sehr heftiges Thema behandelt.
Wie viel Zeit hatte Chris in der letzten Zeit in diesem Raum verbracht? Er hatte aufgehört, die etlichen Stunden, die sie bei Besprechungen im Konferenzraum gesessen hatten, zu zählen. Er, Jill und O´Brian hatten sich erneut dort eingefunden, um ihre momentane Situation zu besprechen und alle Informationen, die sie bislang gesammelt hatten, zusammenzufassen.
An der Kopfseite, an der sich der große Bildschirm befand, war nun ein Clipboard aufgestellt worden. Chris stand davor und hatte einen dicken, dunkelblauen Filzschreiber in der Hand.
„OK, also was haben wir bisher?", fragte er und schraubte die Kappe vom Stift. „Ganz oben als der Kopf von allem, steht „M"."
Er schrieb oben auf das Papier „M" und zog einen kurzen Strich nach unten.
„Was kommt als nächstes?"
„Ein neuer Virus und neue, gefährliche B.O.W.s", sagte O´Brian. Chris nickte und schrieb beides unter „M".
„Das ist aber nicht alles. Den neuen Virus gibt es nur dank diesem Mädchen, das mit Alex´ Tochter zusammen in Alaska festgehalten wurde. Ohne dieses Hormon, das ihr Körper produziert, kann man den neuen Virus nicht herstellen."
„Das ist richtig", sagte Chris, zog eine waagerechte Linie nach links neben den Virus und schrieb „Mädchen" und „Mittel X" daneben.
„Wir dürfen nicht vergessen, dass das alles nur so weit kommen konnte, weil man Alex mit seiner Tochter erpresst hat, damit er seine Arbeit teilt."
Chris zog eine waagerechte Linie nach rechts und schrieb „Faith" und „Druckmittel" daneben. „Wie geht es dann weiter?"
Jill strich sich nachdenklich eine Haarsträhne hinter die Ohren. Sie saß auf dem Tisch und hatte ihre Füße auf die Sitzfläche eines Stuhls gestellt. „ „M" muss Verbindungen, sowohl zu Umbrella, als auch zur Organisation „Die Familie" haben, denn sie benutzen Forschungsanlagen und – stationen von beiden."
Chris zog zwei weitere Linien nach unten und schrieb „Umbrella" und „Familie" auf die Tafel. Darunter schrieb er „Pläne".
„Was könnte deren Ziel sein? Ich meine, laut den Analysen, die vor allem die beiden Wesker für uns erstellt haben, kann der neue Virus nicht für Anschläge benutzt werden. Wenn ich Alex richtig verstanden habe, dann ist er noch nicht einmal gefährlich. Wird man infiziert, passiert gar nichts, außer, dass sich die Gene eines Menschen verändern. Was könnte jemand damit bezwecken?"
„Chaos will offenbar niemand damit stiften", bemerkte O´Brian. „Entfernt erinnert mich das an Albert Weskers Plan, mithilfe von Uroborus die Menschheit weiterzuentwickeln und einer genetischen Auslese zu unterwerfen. Nur dass diesmal nicht nur bestimmte Menschen die „Befugnis" für das Weiterleben erhalten durch ihre bereits vorhandene genetische Ausstattung, sondern alle Menschen in diese Richtung verändert werden sollen, dass sie ein sehr gutes Erbgut bekommen sollen."
„Sie haben Recht, O´Brian, diesen Aspekt hatte ich bislang gar nicht gesehen", gab Jill zu. „Aber selbst, wenn das stimmt, stellt sich für mich immer noch die Frage, was das für einen Nutzen haben soll."
„Jemand möchte die Menschheit verändern, darauf können wir uns glaube ich, einigen", meinte Chris und schrieb das entsprechende auf das Board. „Sei es zum Zwecke der Zerstörung oder der Kontrolle. Wie kommen Jake und Sherry dabei ins Spiel? Sie sind mit Sicherheit nicht umsonst entführt worden. Jemand braucht sie." Er schrieb die Namen der beiden auf.
„Jake war schon einmal interessant für die und wir wissen ja mittlerweile, dass Simmons den C- Virus nur entwickeln konnte, weil er gezielt Sherrys G- Virus benutzt hat", sagte Jill. „Vielleicht ist es diesmal ein ähnlicher Grund."
„Etwas, worauf wir uns noch einigen können, ist", Chris nahm einen roten Filzstift und kreiste das Mädchen ein, „ohne dieses Mädchen haben die nichts. Wir müssen sie unbedingt finden."
Er schrieb „Ziele" auf und notierte darunter „das Mädchen finden".
„Das Dumme ist nur, Chris, dass wir weiterhin im Dunkeln tappen. Wir haben zwar jetzt vielleicht ein paar Anhaltspunkte, aber wir wissen nicht, wo wir anfangen sollen", warf Jill ein.
„Ja, das ist wahr", gab Chris zähneknirschend zu. „Im Prinzip können wir nur eins tun: Jedem Hinweis nachgehen, den wir haben. Aber ich fürchte, wir stehen abermals am Anfang."
Nach ihrem Gespräch, machte sich Jill auf den Weg ins Labor, wo sie wusste, dass sie Alex Wesker antreffen würde. Er arbeitete unermüdlich daran, Piers Nivans zu helfen.
„Ms. Valentine, was führt Sie zu mir?", fragte Alex, der gerade Piers Blut untersuchte.
„Die letzten Wochen waren ja doch sehr hektisch und wir hatten noch keine Zeit, richtig miteinander zu reden, deshalb komme ich jetzt", sagte Jill. „Ich wollte mich… nochmal persönlich bei Ihnen bedanken."
„Wofür?", fragte Alex erstaunt.
„Zum einen, dass Sie uns so gut unterstützen, ohne Ihre Hilfe wären wir nicht so weit gekommen, und zum anderen, dass Sie uns in Südamerika gerettet haben. Sie haben mir das Leben gerettet und dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Ohne Sie wäre ich jetzt praktisch Matsch und B.O.W.- Futter."
„Bitte, gerne geschehen. Das ist nicht der Rede wert", sagte Alex und lächelte schwach.
„Wie geht es Ihnen jetzt?"
„Es wird. Ich sage mir, dass alles gut wird." Richtig überzeugt klang Alex Wesker allerdings nicht. Jill konnte sich gut vorstellen, was in ihm vorging und wie er sich fühlte. Sie wünschte sich für ihn, dass er seine Tochter wiedersehen würde.
„Wie geht es Piers?"
„Ich komme mit meiner Arbeit sehr gut voran. Ich glaube, ich bin auf dem richtigen Weg, ein Mittel zu entwickeln, mit dem ich seine Infizierung rückgängig machen kann. Ich gebe Ihnen Bescheid, sobald ich einen Schritt weitergekommen bin."
„Haben Sie nochmal vielen Dank, Alex, für alles."
Wesker kehrte mit gemischten Gefühlen in die B.S.A.A.- Zentrale zurück. Er konnte kaum klar denken, nachdem, was in Rebecca Chambers´ Wohnung passiert war.
Körperlich hatte er es freilich sehr genossen. Es war lange her, dass er in den Genuss eines sexuellen Abenteuers und sexueller Befriedigung gekommen war. Andererseits bedeutete es Schwäche und er hatte sich vor Helena Harper die Blöße gegeben. Er hatte vor ihr Schwäche gezeigt und dafür verachtete er sich selbst. Er fasste den festen Entschluss, ihr fortan aus dem Weg zu gehen und sie zu meiden.
Er wartete bis spätabends, bis er das Gebäude wieder betrat, da er möglichst wenig Menschen begegnen wollte. Die Gänge waren verlassen, niemand arbeitete mehr.
Seine Utensilien, die er zur Herstellung seines Serums benutzt hatte, standen noch an ihrem Platz, genauso wie er sie eine Woche zuvor zurückgelassen hatte. Nur dass diesmal eine Reihe von Spritzen daneben lagen. Er stutzte, als er sah, dass es sein Serum war.
Helena hatte also tatsächlich nicht gelogen. Rebecca Chambers musste das Serum fertiggestellt haben, während er außer Gefecht gesetzt war.
Er prüfte und analysiert die Substanz augenblicklich und nahm sich Blut ab, um seinen körperlichen Zustand zu kontrollieren. Er stellte fest, dass der Virus in seinem Körper wieder stabil war und dass die Substanz in den Spritzen dafür verantwortlich war. Sie war genauso gut erstellt worden, wie er es selbst getan hätte. Rebecca Chambers hatte hervorragende Arbeit geleistet, dass musste er ihr lassen.
Ohne sie wäre er wirklich immer noch bettlägerig und hätte hohes Fieber. Es ärgerte ihn freilich und er zerbrach vor Wut eine Petrischale, indem er sie in seiner Hand zerquetschte. Die Scherben schnitten in seine Handfläche und er blutete, doch es dauerte nur Sekunden, bis sich die Wunde wieder verschlossen hatte. Sein Körper arbeitete wieder tadellos. Er hatte keine Schmerzen mehr, seine Selbstheilungskräfte waren wieder erwacht und sein Fieber war verschwunden. Er verspürte jetzt auch weder Übelkeit, noch Schwindel, noch Kopfschmerzen. Er war wieder auf dem Höhepunkt seiner Kraft.
Er nahm eine Person hinter sich war.
„Oh, Wesker, ich… ich hatte keine Ahnung, dass… Ich meine… ich kann auch wieder gehen… also", stotterte Rebecca Chambers, die in der Tür erschienen war, völlig ängstlich und verunsichert vor sich hin.
„Haben Sie das Serum fertiggestellt?", fragte er ruhig.
Sie starrte ihn für einen Moment verlegen an und errötete. Sie hatte ihre Schüchternheit, die sie bereits in der S.T.A.R.S.- Zeit gehabt hatte, nicht ablegen können.
„Ja. Helena hat mich darum gebeten. Sie hatten mir ja die Anleitung gegeben, Capt… ähm, ich meine… Wesker. Es… ging… Es war… nicht sonderlich schwer."
„Ich bin schon lange nicht mehr Ihr Captain, Rebecca", sagte Wesker.
„Ich weiß, tut mir Leid. Ich schätze, ich falle bei Gelegenheit in alte Gewohnheiten zurück. Oder vermutlich konnte ich mich mit allem anderen, was Sie danach waren, nie wirklich anfreunden. Irgendwie sind Sie also immer der Captain für mich geblieben."
Sie blickte ihn mit ihren grünen Augen verlegen an.
„Ich spreche nur äußerst selten Lob aus, aber in diesem Fall ist es, denke ich, angebracht. Sie haben sehr gute Arbeit damit geleistet." Er hielt eine Spritze nach oben.
„Oh, ähm, ja. Danke. Naja, ich hatte ja die Anleitung und wir… waren ja… sowieso schon weit gekommen."
Wesker rang mit sich, ob er das aussprechen sollte, was er dachte. Er war niemand, der mit Dankbarkeit um sich warf. Da er nichts auf die Hilfe anderer gab, war er nie in der Situation, jemandem Dank zollen zu müssen. Er musste sich jedoch eingestehen, dass er Rebeccas Hilfe einiges verdankte.
„Danke", sagte er schließlich schlicht.
Rebecca sah peinlich berührt auf den Boden. „Das ist wirklich kein Thema, nur wissen Sie, die Person, der Sie eigentlich danken sollten, ihr Helena Harper. Sie hat sich eine Woche lang um Sie gekümmert und hat verhindert, dass ich unser Ärzteteam eingeschaltet habe. Sie wollte nicht, dass Sie sich so hilflos wie damals fühlen. Sie saß Tag und Nacht neben Ihnen und hat alles getan, was sie konnte."
Wesker blieb keine Zeit, etwas zu erwidern. Sie flüchtete schnell aus dem Raum, um nicht länger in seiner Gegenwart verbleiben zu müssen. Wesker musste grinsen. Sie war immer noch der kleine verschüchterte Rookie von damals. Manche Dinge änderten sich nie.
Seine Gedanken wanderten zu der eben erwähnten, braunhaarigen Frau. Sie hatte also tatsächlich die gesamten sieben Tage neben ihm gewacht. Dann hatte er es sich doch nicht eingebildet, dass sie ihn festgehalten und mit ihm geredet hatte. Und wahrscheinlich hatte sie ihm immer ein kühlendes Tuch auf die Stirn gelegt, um sein Fieber zu senken. Im Fieber hatte er sie nur für Anna Muller gehalten.
Großes Schamgefühl über kam ihn. Er hatte sich verletzbar gemacht. Wer wusste, was er wohl im Fieberwahn alles getan oder gesagt hatte? Sie hatte eine Waffe gegen ihn in der Hand. Sie hatte wahrscheinlich Einblicke in sehr intime Momente seines Lebens genommen, dazu war er ihr schwach und krank ausgeliefert gewesen, sodass er ihre Hilfe benötigt hatte. Ob sie es gegen ihn verwenden würde? Nachdem sie so um ihn bemüht war und sie mit Sicherheit nicht preisgeben wollte, was zwischen ihnen passiert war, vermutete er, dass sie die Geschehnisse für sich behalten würde. Er musste irgendwie ein Auge auf sie werfen.
Zuallererst jedoch stand etwas anderes an: Er musste endlich mit Alex sprechen. Seine Fieberträume hatten alte Erinnerungen wieder ans Tageslicht gebracht und er musste mit jemandem sprechen, der dieselbe Vergangenheit mit ihm teilte. Es gab einiges zu klären.
Jake war wütend, um nicht zu sagen, er kochte förmlich vor Zorn. Sherry beantwortete keine Nachrichten oder Anrufe, die er hinterlassen hatte. Sie hatte nur kurzangebunden gesagt, dass sie spontan zu Leon und Claire nach New York fliegen würde, mehr nicht. Er fühlte sich wie ein Idiot. Sie hatte ihn einfach stehen gelassen.
Seit sie von dem Arzt in Washington die Ergebnisse ihrer Untersuchung bekommen hatte, verhielt sie sich eigenartig. Sie sprach nicht mehr mit ihm und sie mied jeden Kontakt zu ihm. Jake überlegte natürlich, ob er der Grund für ihr seltsames Verhalten war, aber er konnte sich nicht vorstellen, wieso. Einen Reim auf das Ganze konnte er sich ebenfalls nicht machen.
War am Ende irgendetwas mit ihr nicht in Ordnung? Hatte man etwas feststellen können? Hatte man in Alaska etwas mit ihr angestellt? Es machte ihn wahnsinnig, in Ungewissheit zu bleiben. Er hatte sogar versucht, mit dem Arzt, der sie untersucht hatte zu reden, nur um mit dem Wort „Schweigepflicht" eine Abfuhr erteilt zu bekommen. Im Nachhinein ärgerte er sich, dass er sich überhaupt etwas erhofft hatte.
Schließlich hatte er es nicht mehr ausgehalten und hatte sich in einen Flieger nach New York gesetzt. Er war jetzt auf direktem Weg zu Sherrys Hotelzimmer.
Als er vor der Tür stand, atmete er erst einmal tief durch, bevor er schließlich klopfte.
Als Sherry öffnete, erstarrte sie.
„Sherry, können wir reden?", fragte Jake sofort.
Sie starrte ihn entsetzt an und stotterte: „Jake! Was… machst du denn hier?"
„Sherry, ich musste dich sehen. Sag mir doch endlich, was los ist! Ich mach mir große Sorgen!"
„Ich habe doch gesagt, dass ich einfach Leon und Claire besuchen wollte."
„Das mag ja alles sein, aber du verhältst dich seitdem wir die Untersuchungsergebnisse bekommen haben, höchst merkwürdig. Ist irgendetwas Schlimmes bei dir herausgekommen? Rede doch bitte mit mir!", flehte Jake, der halb am Verzweifeln war.
„Nein, nein, alles in Ordnung!", versicherte Sherry schnell abwehrend. „Es ist nichts, wirklich nicht."
„Warum glaube ich dir das nicht?! Hör mal, wenn etwas mit dir ist, dann kannst du mir das sagen", versuchte Jake sie zu überzeugen. Warum hörte sie nur nicht auf ihn?
„Ja, ja, Jake, aber es ist wirklich alles in Ordnung. Bitte versteh doch, dass ich einfach eine kleine Auszeit brauche. Die letzte Zeit hat mich total fertig gemacht, OK? Ich brauche eine Pause. Und ich möchte ein paar Freunde besuchen."
„Du darfst alles, nur warum sagst du mir nicht mal Bescheid? Du hast doch etwas! Bitte rede mit mir!"
„Jake, es ist alles in Ordnung", versicherte Sherry erneut. „Ich… Ich möchte im Moment allein sein, OK? Bitte versteh das."
„Liegt es an mir? Bist du in unserer Beziehung unglücklich?", fragte Jake.
„Nein!", sagte sie sofort. „Nein, das ist es nicht." Sie trat näher an ihn heran und legte ihm ihre Arme um die Schulter.
„Jake, ich liebe dich. Es liegt nicht an dir, bitte glaube das nicht. Ich bin ziemlich erschöpft und brauche einfach allein ein bisschen Zeit zum Nachdenken, OK? Bitte, versteh das. Ich werde bald zurück nach Hause kommen."
Sie löste sich von ihm, verabschiedete sich und schloss die Tür. Jake hatte keine Kraft, sie aufzuhalten und weiter zu diskutieren. Betreten ging er den Gang entlang zurück. Ein paar Stockwerke weiter unten traf er auf Leon Kennedy.
„Jake, was machst du denn hier?", fragte der Regierungsagent.
„Ich wollte zu Sherry, aber…" Er zuckte mit den Achseln.
„Das wollte ich dich schon länger fragen. Ihr beide… da ist doch was zwischen euch, oder? Du hast doch schon ein paar Monate mit ihr zusammen gewohnt, oder?"
„Ja. Wir wollten es eigentlich irgendwann offiziell sagen, aber…"
„Das haben die übernommen. Als wir eure Wohnung nach Spuren durchsucht haben, ist es herausgekommen. Tut mir Leid."
„Passt schon."
„Was ist mit Sherry los? Habt ihr euch gestritten? Sie erschien vor ein paar Tagen völlig aufgelöst hier und wollte eigentlich Claire und mich sprechen, aber sie kommt nicht aus dem Zimmer heraus. Weißt du, was mit ihr los ist?"
Jake schüttelte den Kopf. „Kein Plan. Nach der Entführung haben uns die Ärzte des D.S.O. untersucht und seit wir unsere Ergebnisse haben, ist sie total komisch. Wir haben uns nicht gestritten, aber sie zeigt mir trotzdem die kalte Schulter. Sie hat irgendwas. Vielleicht kriegt ihr mehr aus ihr raus", sagte Jake.
„Wir können es versuchen", sagte Leon.
„Sagt mir Bescheid." Er wollte sich schon weitergehen, aber Leon hielt ihn zurück.
„Ach ja, warte Jake."
„Was ist?"
„Hunnigan hat mich angerufen. Alex Wesker möchte dir sprechen."
Jake wurde sofort hellhörig. „Was?! Wo ist er?!"
„Er ist in New York bei der B.S.A.A. Er wartet auf deinen Anruf."
Das ließ sich Jake freilich nicht zweimal sagen. Leon gab ihm die Nummer und das erste, was er tat, als er in sein Hotelzimmer zurückkehrte, war, besagte Nummer zu wählen und Alex Wesker anzurufen. Mehrere Wochen wartete er bereits ungeduldig auf diesen Zeitpunkt.
„Jake, ich freue mich, dass du anrufst", sagte Alex freundlich.
„Wo waren Sie die letzten Wochen?! Verdammt, Sie hatten mir etwas versprochen! Und ich höre nichts von Ihnen!"
„Es tut mir Leid, Jake. Ich weiß, ich habe dir zugesichert, mit dir über deinen Vater zu sprechen und das war vor Wochen. Du sollst nicht umsonst gewartet haben. Ich werde jetzt mein Versprechen einlösen."
Alex holte tief Luft. „Jake, es gibt etwas, das ich dir gern über deinen Vater sagen möchte."
Jake lauschte gebannt. „Jake, dein Vater ist am Leben."
Albert Wesker fand Alex in seinem Labor, wo er über ein Mikroskop gebeugt war und sich auf einem Blatt Papier ein paar Notizen machte. Der Raum war nur spärlich vom Licht eines Computerbildschirms erleuchtet. Albert erkannte sofort, dass Alex an Piers Nivans arbeitete.
„Wie bekomme ich die Zellen dazu, dass sie sich zurückbilden?", murmelte Alex vor sich hin. Schließlich erhob er sich seufzend. Er wandte sich um und wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er Albert erkannte.
„Hey, um Himmels Willen, hast du mich erschreckt. Wie kommt es, dass du mich besuchst? Du hast dich seit einer Woche hier nicht blicken lassen. Rebecca sagte, es geht dir nicht gut."
„Ich habe eine kleine Auszeit gebraucht", sagte Albert.
Alex musterte ihn, sagte aber nichts.
„Ich… bin hier, weil ich mit dir reden möchte. Die letzten Wochen seit unserer Begegnung waren ja doch sehr hektisch und wir hatten bislang keine Gelegenheit, allein zu sein und in Ruhe zu sprechen."
„Das ist wahr, ja", sagte Alex. Er zog die Plastikhandschuhe, die er bei der Arbeit getragen hatte, aus, und warf sie in den Mülleimer.
„Ich sehe, du arbeitest unermüdlich daran, dem Agenten zu helfen."
„Ja und ich glaube, bald habe ich es."
Albert nickte. „Es ist… lange her, dass wir uns gesehen haben, richtig? Aber ich… ich freue mich darüber."
Alex blickte ihn mit einem schwachen Lächeln an. „Ja, das ist es. 22 Jahre, wenn ich mich nicht täusche. Zwischendurch habe ich gehört, wolltest du mal die Welt erobern, aber das nur so am Rande. Unser letztes Treffen verlief auch sehr kurz, oder? Du erinnerst dich doch bestimmt an das Geschäftsessen, oder?"
Wie konnte Albert das vergessen. „Natürlich. Damals habe ich…"
„… du bist zum ersten Mal mit Anna Muller öffentlich aufgetreten. Jakes Mutter. Und du hast sie mir vorgestellt", ergänzte Alex.
Albert nickte. „Aber der Abend ist nicht so gut gelaufen, oder? Ihr seid ja relativ bald wieder verschwunden, weil es Anna nicht gut gegangen ist", sagte Alex. „Das war doch, weil sie damals schon schwanger war, oder?"
Albert hatte, seit er Kenntnis von der Existenz seines Sohnes erhalten hatte, bereits viel darüber nachgedacht und versucht, zurückzurechnen. Er war zu dem Schluss gekommen, dass es nicht anders sein konnte.
„Helena Harper hat mir gesagt, dass der Junge 21 ist und im Oktober 22 wird. Also muss Anna damals schon schwanger gewesen sein."
„Ja, lass Sie in der achten oder zehnten Woche gewesen sein", sagte Alex. „Das war im April, wie lange wart ihr da eigentlich schon zusammen? Ein paar Monate, oder? Seit Dezember." Er grinste vielsagend. „Weißt du, es ist ein bisschen unüblich, dass es so… schnell mit dem Nachwuchs geht. Verstehst du, was ich meine?"
Albert boxte ihn am Arm. „Alex, solche Scherze kann ich überhaupt nicht gebrauchen", sagte er ernst.
„Tut mir Leid, Albert, war nicht so gemeint", entschuldigte sich Alex sofort, als er Alberts Gesichtsausdruck sah. „Ich kann mir vorstellen, dass das alles ein bisschen viel für dich ist. Du wusstest nicht von dem Jungen, oder? Anna hat es dir nicht gesagt."
Albert schüttelte den Kopf. „Nein, hat sie nicht. Ich hatte keine Ahnung. Und ich weiß auch gar nicht, wie ich damit umgehen soll, Alex." Er stützte sich mit beiden Händen auf einem Labortisch ab und ließ erschöpft den Kopf hängen. „Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, dass… ich Vater bin."
Die Dinge, die er geträumt hatte, seine Erinnerungen von Anna, Helena Harper und die ganze Situation waren plötzlich zu viel für ihn. Alles schien wie eine große Last, ein schweres Gewicht, auf seinen Schultern zu liegen. Er fühlte sich unwohl und er hatte das Gefühl nicht aus seiner Haut zu können. Er hatte zwei Jahrzehnte ohne Anna Muller leben können, weil er nach ihrer Trennung nie wieder einen Gedanken an sie verschwendet hatte. So eindringlich an sie und die Emotionen, die mit ihr verbunden waren, erinnert zu werden, brachten ihn völlig durcheinander und er war schrecklich aufgewühlt und verwirrt. Und es versetzte ihm einen unangenehmen Stich, dass er nichts von seinem Sohn gewusst hatte und Anna ihm den Jungen gezielt vorenthalten hatte.
„Albert", Alex legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Willst du mir nicht mal erzählen, was passiert ist? Irgendetwas belastet dich doch?"
Albert nickte. „Du hast Anna ja kennen gelernt und wir haben ja zusammen am Tisch gesessen. Irgendwann ist sie doch aufgestanden und auf die Toilette verschwunden."
„Ich erinnere mich. Sie sah schon die ganze Zeit irgendwie blass aus und ist über zwanzig Minuten weggewesen. Hat sie… auf der Toilette… erbrochen?"
„Ich gehe davon aus, denn als ich sie nach Hause gebracht habe, hat sie sich übergeben müssen. Sie hat es auf den Fisch geschoben, dass mit dem Essen etwas nicht in Ordnung war. Aber heute ist mir natürlich klar, was es war."
„Aber wieso ist sie nach Edonien zurück, obwohl sie von dir schwanger war? Und warum sagt sie dir das nicht? Ihr wart doch eigentlich sehr glücklich miteinander, oder? In dem Gespräch damals klang das für mich wirklich so, als hättest du die Richtige mit ihr gefunden", sagte Alex vorsichtig.
„Warte, es geht ja noch weiter. Deine Schwägerin Sheila", bei diesen Worten weiteten sich Alex´ Augen, „sie ist Anna im Restaurant auf die Toilette gefolgt und hat sie ziemlich übel angepöbelt. Sie hat sie beschimpft und gesagt, sie solle sich von mir fernhalten, weil ich ihr gehöre."
„Was?!"
„Anna und ich haben uns danach… wir haben über unsere Beziehung diskutiert. Sheila hat es geschafft, Zweifel bei Anna zu säen, sie zu verunsichern. Sie dachte dann plötzlich wirklich, dass sie nur ein Spielzeug für mein Vergnügen wäre und dass ich es sowieso nicht ernst mit ihr meinen würde. Sie hat mich ständig gefragt, was ich an ihr finde, warum ich mit ihr zusammen bin, wo sie doch nur ein Zimmermädchen aus Edonien ist."
„Sheila ist ein Dreckstück!", schimpfte Alex. „Was erlaubt sie sich?! Ich habe gar nichts gemerkt. Meine Frau hatte auch keine Ahnung. Was ist danach passiert?"
„Anna und ich haben uns einige Zeit nicht gesehen. Dann rief sie mich an, weil sie dringend mit mir sprechen wollte." Albert schluckte. „Ich glaube, sie wollte mir sagen, dass sie von mir schwanger ist."
„Warum hat sie nicht?", fragte Alex verwundert.
„Zwischen unserem Telefonat und unserem Treffen ist etwas passiert. Jemand hat ihr interne Umbrella- Dokumente zugespielt."
„Was?!", fragte Alex entsetzt. „Was für Dokumente?"
„Praktisch alles. Meine Arbeit mit Birkin am T- Virus, die B.O.W.s, die wir geschaffen haben, unsere Entwicklung des Tyranten, für die wir Menschen als Versuchsobjekte benutzt haben, Markus´ Ermordung, meine Tätigkeit als Agent, einfach alles. Sie kannte die ganze Wahrheit über mich. Und wusste natürlich auch, dass ich sie die ganze Zeit angelogen hatte."
„Ach du Schreck. Ich kann mir schon vorstellen, was passiert ist."
„Wir haben uns gestritten und ich habe schließlich mit ihr Schluss gemacht. Um sie zu schützen", fügte Albert hinzu. „Ich habe ihr gesagt, sie solle sich von mir fernhalten und offenbar hat sie das etwas zu wörtlich genommen. Zwei Monate später bin ich noch einmal zu ihr gegangen und da fand ich nur noch ihre leere Wohnung vor. Eine Nachbarin hat mir erzählt, dass sie nach Edonien zurückgegangen ist."
„Das tut mir so Leid, Albert."
„Das war aber nicht der Grund, warum sie mir Jake verschwiegen hat. Mir ist das alles jetzt klarer geworden."
„Wie meinst du das?"
„Ganz hinten in der Mappe war ein uraltes Dokument aus dem Wesker Projekt." Alex blickte ihn entsetzt an. „Es sprach davon, dass man Tests mit mir durchgeführt hat und dass ich eine genetische Mutation und deswegen ein verändertes Immunsystem habe. Deswegen ist Anna gegangen, Alex. Sie hatte Angst um unser Kind. Sie wollte nicht, dass er ebenfalls ein Versuchsobjekt für Umbrella wird."
„Ich verstehe."
„Alex, das Dokument ist erstellt worden, als ich gerade einmal acht Jahre alt war. Ich kann mich an nichts dergleichen erinnern. Weder an irgendwelche Tests, noch an sonst irgendetwas, das vor meinem zehnten Lebensjahr liegt. Bevor ich Spencer tötete, erzählte er mir von diesen Wesker- Kindern und dass wir seine Versuchsobjekte waren. Weißt du irgendetwas darüber?"
Alex wandte sich von ihm ab und schritt durch den Raum.
„Ich war die letzten sieben Tage ein wenig außer Gefecht gesetzt", gab Albert widerwillig zu. „Ich hatte starkes Fieber und Schmerzen, weil ich mein Serum gebraucht habe. Helena Harper hat mich in Rebecca Chambers Wohnung gebracht, wo ich die ganze Zeit war. Im Fieber hatte ich seltsame Träume, Alex. Irgendjemand hat etwas mit uns angestellt, als wir Kinder waren."
„Was sagst du da? Dir ging es schlecht? Wieso hast du mir nicht Bescheid gesagt?"
„Ich… wollte keine Hilfe. Also, weißt du etwas darüber?"
„Ich weiß tatsächlich etwas über das Wesker- Projekt", sagte Alex langsam. „Allerdings kann ich mich auch nicht direkt daran erinnern. Ein paar dunkle Schemen, aber mehr nicht."
Er zögerte und holte tief Luft, bevor er sprach. „Spencer eröffnete mir die Wahrheit über mich ungefähr ein Jahr bevor du ihn getötet hast. Ich war ja damals auf dieser Insel. Nach Spencers Tod habe ich ein bisschen recherchiert. Habe alte Dokumente ausfindig gemacht. Ich wollte einfach wissen, was es damit auf sich hatte und wer wir waren. Was ich fand überstieg meine Vorstellungskraft."
Albert lauschte gespannt seinen Worten. „Was hast du gefunden?"
„Das Wesker- Projekt hatte nur einen Zweck: Oswell E. Spencer hatte immer diese Wahnvorstellung, ein Gott zu werden. Und was tun Götter? Sie erschaffen. Spencer wollte eine neue Gattung Mensch erschaffen mithilfe des Progenitor- Virus."
„Wie?"
„Er ließ Anfang der Sechzigerjahre hunderte Kinder aus der ganzen Welt entführen und in verschiedene Einrichtungen bringen. Er entführte uns von unseren Familien. Man hat dir doch auch immer erzählt, deine Familie sei tot, oder? Das war eine Lüge. Spencer hat uns unseren Familien entrissen."
Die Erinnerungen von dem Hund, der Frau, dem Garten… Albert verstand endlich, was das zu bedeuten hatte. Er hatte von der Zeit vor der Entführung geträumt.
„Hunderte Kinder?", fragte Albert ungläubig. „Als im Fieber lag, da habe ich diesen Tag durchlebt, als du im Krankenhaus warst. Als du wegen deinem Zucker umgefallen bist. Wir haben damals bei Spencer in dessen Anwesen gelebt. Wie kann das sein?"
„Das will ich dir erklären, Albert. Wir beide haben uns als wir vier waren kennengelernt und sofort miteinander verbrüdert. Wir wurden sehr schnell Freunde. Allerdings waren wir beide auch Unruhestifter. Die Akten sagten, dass wir uns den Tests verweigert haben. Und wir haben einmal ein Labor angezündet."
„Wie bitte?"
„Ja. Paradox, oder? Dass ausgerechnet wir beide dann Spencers größte Schoßhündchen waren. Tja, Albert. Wir beide waren halt die Draufgänger. Aber wir beide zeigten auch das größte Potenzial, den größten Intellekt und die herausragendsten Fähigkeiten. Spencer entschloss sich, uns beide zu sich zu nehmen. Deshalb sind wir bei ihm aufgewachsen."
„Ich verstehe. Welche Tests waren das?"
„Psychologische Tests, Intelligenztest und natürlich Blutanalysen. Dabei kam natürlich heraus, dass wir beide überaus begabt waren und dass wir beide dieselbe genetische Mutation teilen. Spencer muss begeistert gewesen sein. Wir waren definitiv seine Lieblingskinder. Allerdings saß er immer zwischen den Stühlen. Keiner von uns beiden war so perfekt, wie er sich das gedacht hatte. Wir haben uns eben ergänzt. Also hat er eben uns beide zu seinen Gunsten geformt."
„Was ist das Wesker- Projekt?"
„Als wir neun Jahre alt waren, wurde uns allen der Progenitor- Virus injiziert. Bis auf 13 Personen sind alle Kinder gestorben. Wir wurden einer Gehirnwäsche unterzogen, dass wir Spencer als unseren Herrn und Meister anerkennen. Wir übrigen, wir waren die Wesker- Kinder."
„Nur 13 Kinder haben überlebt?"
„Ja. Uns schaffte man in Umbrella- Einrichtungen, meist Heime, betreute Wohnheime, wo uns die bestmögliche Ausbildung in allen Bereichen, nach denen wir strebten, ermöglicht wurde. Natürlich immer von Spencer überwacht. Wir beide zeigten dabei besondere Fähigkeiten zu seinem Nutzen. Du kamst als Virologe in die Arklay Mountains zu Dr. Markus und ich wurde in die medizinische Forschung gedrängt bei Umbrella, immer mit dem Ziel, dass wir Spencer seinen Plan von der Weltherrschaft erfüllen sollten."
„Wieso kann ich mich nicht daran erinnern? Das letzte, was ich weiß ist, dass ich in diesem Heim gelebt habe. Ich glaube, da war ich zehn."
Alex nickte. „Ich kann mich auch an nichts davor erinnern. Sie müssen uns nach der Verabreichung des Virus irgendetwas gegeben haben oder irgendetwas mit uns gemacht haben, dass wir alles vergessen haben." Er wandte sich an Albert und sah ihm direkt in die Augen. „Spencer hat unser gesamtes Leben kontrolliert, Albert. Deswegen haben wir beide irgendwann dieses nagende Gefühl in uns gespürt, dass wir dringend zu Spencer müssen, weil wir nicht mehr wissen, was unser Leben wert ist. Das war seine Strategie, das hat er uns als Kinder gezielt so eingepflanzt."
„Großer Gott", murmelte Albert. Vieles wurde ihm jetzt sonnenklar. Deshalb hatte er Spencer 2006 unbedingt aufsuchen wollen. Die Schöpfung sollte zum Schöpfer zurückkehren…
„Warum heißen wir alle Wesker? Und warum heißt es „Wesker- Projekt"?", fragte er dann. Vielleicht die Frage, die ihn mit am meisten beschäftigte.
„Das kann ich dir sagen. Ich hatte ja immer vermutet, dass wir von einer Person mit diesem Namen adoptiert worden waren oder einen gesetzlichen Vormund mit diesem Namen hatten, aber nein. Nachdem ich feststellte, dass alle 13 Kinder „Wesker" genannt wurden, bin ich natürlich stutzig geworden. Professor Dr. William Wesker, sagt dir der Name etwas?"
Albert überlegte kurz. Dann fiel ihm ein, dass auf dem alten Dokument, das man Anna gegeben hatte, die Initialen W.W. vermerkt gewesen waren.
„Er war derjenige…"
„… der die Experimente gemacht hat, exakt. Er war damals Ende der Sechziger Spencers oberster Forscher. Er hat uns den Progenitor- Virus verabreicht und wir wurden alle zu seinen Ehren nach ihm benannt. Seine Frau hat ihm immer assistiert."
Alex´ Gesichtsausdruck veränderte sich plötzlich. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Die blanke Wut und Verachtung stand ihm ins Gesicht geschrieben, als er von Dr. Wesker sprach.
„Weißt du, ich habe mich ja immer gefragt, warum mich diese schrecklichen Albträume verfolgt haben, von irgendwelchen Monstern in der Dunkelheit. Warum ich so war wie ich war." Er wurde jetzt lauter, er schrie beinahe. „Warum ich mir das", er krempelte seinen rechten Ärmel nach oben und entblößte seinen Unterarm, „als Kind angetan habe."
Albert erschrak als er die vielen tiefen Narben auf Alex´ Haut sah, die ohne Zweifel von einer Klinge herrührten. „Alex…"
„Hast du dich nie gefragt, warum du so ein tiefes Misstrauen gegen andere Menschen in dir hast? Warum du kein Vertrauen, keine Beziehung aufbauen kannst? Warum du Angst vor Nähe hast? Ich kann es dir sagen, warum das so ist."
Albert beschlich ein schlechtes Gefühl und irgendwie wollte er nicht, dass Alex weitersprach. Alex nahm seinen Rucksack, der in der Ecke stand, und holte einen kleinen Stick aus einer Seitentasche, den er dann am Computer anschloss. Er rief einen Film auf.
Ein älterer Mann mit grauen Haaren und eine ebenso alte Frau mit langen weißen Haaren knieten am Boden. Sie waren bis auf die Unterwäsche ausgezogen und sowohl gefesselt als auch geknebelt. Sie befanden sich in einem dunklen Raum, vermutlich einem Kellerverlies. Eine einzige Lampe, die an der Decke in leichten Bewegungen hin und her schwang, erleuchtete die Umgebung. Im Schatten an den Bildrändern konnte Wesker Bewegungen ausmachen und er war sich sofort instinktiv sicher, dass es B.O.W.s waren. In den Gesichtern der beiden Personen stand Angst. Die Frau weinte. Die Monster um sie herum griffen nicht an, sondern umkreisten ihre Beute.
„William Wesker und seine reizende Frau Harriet. Erkennst du die beiden?"
Albert sah auf die zwei Menschen und irgendwie kam ihm zumindest der Mann entfernt bekannt vor, aber er konnte sich nicht genau erinnern. Er empfand bei seinem Anblick aber dennoch einen Fluchtimpuls.
„Die Weskers werden irgendwann in den Akten nicht mehr erwähnt. Ich habe mich darüber natürlich gewundert und begann ein wenig tiefer zu graben. Offiziell hieß es, sie hätten gekündigt. Aber in Wirklichkeit hat Spencer sie entlassen. Er zahlte ihnen eine hohe Abfindung und verpflichtete sie zum Schweigen über die internen Umbrella- Vorgänge. Er hat alles vertuscht, obwohl er es gewusst hat, und hat ihnen auch noch ein unbeschwertes Leben ermöglicht. War gar nicht so leicht, die beiden ausfindig zu machen. Ach ja, ihr Sohn Thomas gesellt sich gerade zu ihnen."
Ein Zombie torkelte ins Bild. Es war ein Mann, vielleicht etwas jünger als Albert und Alex. Der T- Virus hatte ihn zu einem hirnlosen, fleischgierigen Monster verkommen lassen. Sein Körper war zerfressen und verwesende Fleischteile hingen von ihm ab. Als William und seine Frau ihren Sohn erkannten, begannen sie zu schreien und wegzukriechen, doch die B.O.W.s zogen ihre Kreise enger. Die Frau weinte heftiger. Sie schaffte es, dass der Knebel von ihrem Mund rutschte.
„Nein, nein!", schrie sie angsterfüllt.
Ihr Sohn schlurfte auf sie zu, fiel vor seiner Mutter auf die Knie und begann, seine Zähne in ihren Oberschenkel zu graben. Die Frau schrie vor Schmerz, betete Gott um Hilfe an, trat mit ihren Füßen, doch durch die Fesselung konnte sie sich nicht richtig wehren. William musste zusehen, wie seine Frau bei lebendigem Leibe aufgefressen wurde.
„Alex…" Albert hatte viel Brutalität gesehen, er hatte selbst unzählige Menschen getötet, aber jetzt musste selbst er seinen Blick abwenden. Alex hingegen schien sich an dem Schauspiel unter größtem Genuss zu ergötzen.
„Ich habe Sie dafür bezahlen lassen, was sie uns angetan haben, Albert. Sie haben eben nicht nur, Experimente mit uns gemacht", Alex´ Stimme zitterte jetzt. Albert stellten sich die Nackenhaare auf. „sondern auch andere Sachen. Die man mit Kindern normalerweise nicht macht."
Das Entsetzen ergriff Albert. Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Nein…"
Eine Erinnerung blitzte vor seinem geistigen Auge auf.
Er war wieder ein kleiner Junge und saß auf einem Labortisch. Ein Mann war neben ihm und er erkannte das um Jahrzehnte jüngere Gesicht von Dr. Wesker. Er spürte eine Hand, die über seinen Rücken strich.
„Albert, warum bist du immer so zu mir? Weißt du, wenn du dich immer so verhältst, dann muss ich etwas grober werden und das möchte ich nicht." Er hielt eine Betäubungsspritze nach oben. „Aber ich bin dir nicht böse", sagte Dr. Wesker mit honigsüßer Stimme. „Wir werden schon gut miteinander auskommen. Weißt du", die Hand streichelte ihn und Albert verkrampfte, „Berührungen sind sehr wichtig für Kinder, das baut Vertrauen auf."
Er wollte schreien, doch eine andere Hand hielt ihm den Mund zu.
Er wurde von Dr. Weskers Schreien in die Wirklichkeit zurückgerissen. Sein Sohn zerriss ihm gerade die Kehle und Unmengen an Blut ergossen sich auf den Boden. Die B.O.W.s wurden unruhig, weil sie das Blut rochen und sie der Hunger trieb. Der Mann röchelte. Er flehte noch schwach, aber dann sackte er tot zusammen und sein Sohn stürzte sich auf ihn, um ihn aufzufressen. Der Film endete als sich die Monster auf ihre Beute stürzten.
Albert merkte auf einmal, dass er völlig verkrampft dastand. Ekel, Abscheu und Übelkeit, das er glaubte, er müsse sich jeden Moment übergeben, stiegen in ihm auf. Er fühlte sich widerlich und abstoßend. Er wandte sich ab, weil ihm speiübel war.
„Spencer hat nichts unternommen. Er hat es vertuscht. Ich habe das mit Ihnen gemacht. Und es hat mir so viel Vergnügen bereitet. Ich habe mir diese Filmaufnahmen immer und immer wieder angesehen und von Mal zu Mal empfinde ich mehr Genugtuung. Und soll ich dir was sagen?"
Albert musste sich haltsuchend an einem Labortisch abstützen.
„Wenn ich die Schweine erwische, die für den Tod meiner Tochter verantwortlich sind, dann werde ich mit ihnen genau dasselbe anstellen, das schwöre ich bei meinem Leben."
Alex steckte den Film zurück in seine Tasche. Albert atmete schwer. Er zitterte.
„Es tut mir Leid, dass ich dir das zeigen musste", sagte Alex und plötzlich klang er nicht mehr wie ein Wahnsinniger, sondern wieder wie ein normaler Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. „Aber du musstest die Wahrheit auch kennen. Du verdienst die Wahrheit."
Schweigen entstand zwischen ihnen. Albert war hin und her gerissen zwischen dem Drang, hinaus zu flüchten oder Alex zu verprügeln, obwohl er natürlich wusste, dass dieser nichts dafür konnte. Er fühlte sich schmutzig und elendig. Er konnte das nicht ertragen.
„Was ist mit Sheila passiert nach diesem Abend? Sie ist danach nicht mehr zur Arbeit erschienen?", fragte er, angesichts der Dinge, die er gerade erfahren hatte, eine völlig banale, ja geradezu hirnrissige Frage. Er wollte jetzt aber einfach an etwas anderes denken.
„Sie hat den Kontakt zu uns fast abgebrochen. Ich glaube, sie hat sich in eine andere Abteilung versetzen lassen. Ich schätze, sie hat die Tatsache, dass sie dich nicht haben konnte, nie überwunden, Albert. Sie hat sich sehr zurückgezogen und wir haben sie danach nur noch einmal gesehen. Sie hat Faith als Baby mal gesehen, aber sonst… Ein paar Mal hat Laura mit ihr telefoniert. Aber wir wissen seitdem nichts mehr von ihr."
„Verstehe. Was ist mit den übrigen elf Wesker- Kindern passiert? Wo sind sie?"
„Wir wurden ja wie gesagt alle überall auf der Welt in solche Einrichtungen gebracht und als wir alt genug waren, heuerte Umbrella uns an. Im Laufe der Zeit wollte Spencer seinen Plan natürlich fortführen. Er gab uns allen die weiterentwickelte Form des Progenitor- Virus, den Prototyp- Virus. Er verleiht uns unsere Kräfte. Wir beide hatten Glück. Ich habe meinen Virus selbst auf mich zugeschnitten und für dich hat Birkin das erledigt. Die anderen elf haben es als Vitaminpräparate oder als Medikamente nach einem Routinegesundheitscheck untergejubelt bekommen oder wurden dazu gezwungen, ihn zu nehmen. Sie starben. Und nur wir beide blieben übrig. So endet unsere traurige Geschichte."
„Ich verstehe", sagte Albert. „Wenn wir alles vergessen haben, warum konnten wir uns dann noch aneinander erinnern? Wir wurden zwar getrennt, aber man konnte uns nie voneinander fernhalten."
„Ich schätze, unsere Verbindung war immer sehr stark und intensiv, deshalb. Aber sie haben es trotzdem geschafft, dass wir den Großteil unseres Lebens getrennt voneinander waren. Und als du immer mehr Misstrauen gegenüber Spencer entwickelt hast, klammerte er sich umso mehr an mich. Er hetzte mich gegen dich auf. Er trieb einen Keil zwischen uns. Ich werde mir das nie verzeihen, dass ich dich so viele Jahre lang allein gelassen habe. Das war auch einer der Gründe, warum ich dich zurückgeholt habe. Spencer und sein Wahn haben dich dahin getrieben."
Eine seltsame Leere erfasste Albert. Er hatte immer gedacht, er würde richtig handeln. Er wollte die Welt verändern, aus ihr einen besseren Ort machen. Aber es war nicht sein Plan gewesen. Spencer hatte seit seiner Kindheit alles arrangiert.
„Was ist das mit meinem Arm? Warum… Uroborus…"
„Uroborus hat sich zu einem Parasiten entwickeln, Albert. Du hattest keine Kontrolle darüber, es hat dich kontrolliert. Ich musste dir helfen, es hätte dich vernichtet. Es tut mir Leid, dir das sagen zu müssen, denn ich weiß, dass du ein fähiger Wissenschaftler bist und dass du geglaubt hast, aus edlen Motiven heraus zu handeln, aber dein Plan wäre ein kompletter Fehlschlag gewesen. Uroborus wäre ein Fehlschlag gewesen. Deine Forschungsarbeit hat dich getötet, genauso wie deinen Freund Birkin."
Albert nickte. Er mied es, Alex anzusehen.
„Willst du deinen Sohn kennenlernen?", fragte Alex.
„Ja."
„Er weiß es mittlerweile. Ich habe es ihm gesagt. Wir haben miteinander telefoniert."
„Wo ist er?"
„Er ist hier in New York. Er spricht gerade mit O´Brian, wann ihr euch sehen könnt. Der Junge ist sehr verletzt und stinksauer auf die B.S.A.A. und die Regierung, weil sie ihm verschwiegen haben, dass du lebst. Und jetzt ist ihm natürlich auch klar geworden, warum er und Sherry nicht nach Alaska mitfliegen durften. Wegen dir."
„Ich will ihn sehen. Ich will sehen, ob es wahr ist."
„Das kannst du bald."
Alex wollte hinausgehen, aber Albert hielt ihn zurück.
„Es tut mir Leid, was mit Faith passiert ist."
Alex nickte nur. Als Albert in sein Gesicht sah, sah er Erschöpfung und die Spuren von zu wenig Schlaf. Er wusste, dass Alex jede freie Minute für die B.S.A.A. arbeitete, um nur irgendeinen winzigen Hinweis auf den Verbleib seiner Tochter zu bekommen.
Alex lachte plötzlich leise auf. „Weißt du, das alles ist schon irgendwie Ironie."
„Inwiefern? Was meinst du?"
„Naja, deine Beziehung endet unglücklich, du hattest nie eine glückliche Familie, aber dein Sohn ist… Er ist ein wunderbarer Junge. Du, der du nie eine Familie oder Kinder wolltest, du hast einen verdammt tollen Sohn zustande gebracht. So stark und mutig. Bei mir hingegen… Ich hatte eine glückliche Familie, ich wollte Kinder. Aber meine Tochter… Sie war von Anfang an ein Sorgenkind. Sie ist nicht so wie Jake oder wie wir beide. Sie hat den Antikörper nicht von mir geerbt."
„Was?!", fragte Albert ungläubig. Das konnte er nicht glauben. „Wie kann das sein?"
„Frag mich nicht, ich weiß es nicht. Und Faith war hörgeschädigt seit ihrer Geburt. Sie war taubstumm. Verstehst du, was ich sagen will? Jake überlebt, überlebt alles, egal in welchen Schwierigkeiten er ist. Obwohl du nie da warst, ihn zu beschützen. Und Faith? Wir waren auf einer gottverdammten Insel irgendwo, ich war da für sie, immer. Und was passiert mit ihr? Sie stirbt bei einem harmlosen Spaziergang am Strand, nicht mal Kilometer von Zuhause weg."
Albert stand hilflos da und wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. Die Ironie stach wirklich ins Auge. Es war eine perverse Ironie des Schicksals. Manchmal war das Leben erbarmungslos, das hatte er schon oft erfahren müssen.
„Alex, was ist passiert? Habt ihr keine Anhaltspunkte?"
Er schüttelte den Kopf. „Nichts, gar nichts. Wir wissen nicht, wer ihr das angetan hat. Sie konnte noch nicht mal schreien, Albert. Wer tut einem kleinen Mädchen sowas an?"
Sie standen schweigend da. Niemand hatte eine Antwort.
