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20. Der Antrag

Wie jeder Tag im Leben, egal ob ersehnt oder gefürchtet, so kam auch dieser. Erst hatte er nicht weit genug entfernt sein können, doch dann konnte er es nicht schnell genug hinter sich bringen.

Als der große Tag anbrach, waren die Bedingungen reichlich ungünstig für das romantische Ansinnen des Tränkemeisters. Es regnete ohne Unterlass und dichte Nebelwände verdeckten das einzigartige Hochlandpanorama, dass er sich als Kulisse ausgesucht hatte.

Beide waren irgendwann durchweicht bis auf die Haut und auf Hermines Stirn hatte sich seit Stunden eine steile Falte gebildet, die, wie er wusste, ein eindeutiges Zeichen für starke Kopfschmerzen und heftigen Unmut war.

Trotzdem hoffte Severus, dass sich das Wetter aufklaren würde und er ihr doch noch vor dem weiten Horizont der heiligen Berge der Majas seine Frage stellen könnte. Daher legte er trotz schlechter Sicht und nassen Füßen und trotz Hermines leisem, unwilligem Gemurre ein mörderisches Tempo vor, machte fast keine Pausen und stapfte grimmig durch den Regen.

Als sie endlich oben angekommen waren, war Hermine am Ende ihrer Kräfte, mit einem erschöpften Seufzer ließ sie sich heftig keuchend auf einen flachen Stein fallen und wrang mit einem vorwurfsvollen Blick auf Severus ihre triefenden Haare aus. Dann baute sie ihr nichtmagisches Zelt auf, in das sie sofort und ohne ein weiteres Wort an ihren Begleiter zusammen mit ihrem Rucksack verschwand.

Severus hingegen sammelte einige Äste für ein späteres Feuer zusammen, dann stemmte er finster die Hände auf die Hüften und starrte in den südamerikanischen Hochlandhimmel. War da nicht doch eine kleine helle Lücke gewesen und wurde der Regen nicht ein wenig schwächer?

Aus dem Zelt hörte er derweil das Geklapper von Töpfen und Pfannen und bald stieg ihm der köstliche Geruch eines Eintopfes in die Nase und ließ ihn laut seufzen. Sein Bauch knurrte verlangend, aber sobald er an sein Vorhaben dachte, verkrampfte sich sein Magen schmerzvoll und an Essen war nicht mehr zu denken.

„Severus, komm doch aus dem Regen", rief Hermine irgendwann ärgerlich von drinnen, „außerdem ist das Essen fertig."

„Ich glaube der Regen lässt nach", antwortete Severus.

Hermine steckte genervt den Kopf aus dem Zelt, „Du kannst auch von hier drinnen gut erkennen, ob es regnet, dafür musst Du nicht weiter nass werden."

„Nein, ich will noch etwas frische Luft schöpfen", er hatte das sichere Gefühl im Zelt ersticken zu müssen.

„Hast Du heute den ganzen Tag über nicht genug von dieser frischen, dünnen Luft gehabt?", Hermine verstand die Welt nicht mehr, sonst verbrachte ihr Tränkemeister am liebsten 24 Stunden in seinem unterirdischen Labor und jetzt brauchte er plötzlich frische Luft. Als Severus nicht antwortete, sondern immer noch den Himmel anstarrte, wurde es ihr zu bunt und sie schnaubte: „Gut! Bleib ruhig da im Regen stehen, werde noch nasser und erkälte Dich. Mir egal, ich esse jetzt auch ohne Dich und dann krieche ich in meinen Schlafsack, damit ich mich ein wenig ausruhen kann, bevor wir die Echsengelege suchen gehen!" Die Zeltplane schloss sich laut raschelnd und Severus Nervosität wurde zunehmend beklemmender.

Sie würde ihn ganz gewiss nicht wollen. Warum auch? Ihm fiel überhaupt nicht mehr ein, wie er auf den aberwitzigen Gedanken kommen konnte, sie heiraten zu wollen.

Seine Hand fuhr wie so oft in den letzten Tagen in die Brusttasche seiner Regenjacke und umfasste mit klammen Fingern den Ring.

Dann geschah das Wunder: Urplötzlich hörte der Regen auf und Severus blinzelte verwirrt in die jetzt allmählich aufbrechenden Wolken. Kurz darauf kam Hermine doch noch mal aus dem Zelt.

„Severus, komm doch bitte herein", bat sie neben ihn tretend und schaute ihn unsicher an. Sie hatte sich umgezogen und einen dicken Strickpullover aus schottischer Wolle übergestreift.

Er seufzte wieder tief und Hermine schüttelte traurig den Kopf, „Oder sag mir doch bitte endlich was los ist. Bedrückt Dich etwas? Ist etwas nicht in Ordnung?"

Er schaute sie lange an, dann nickte er langsam mit dem Kopf und streckte endlich entschlossen den Rücken durch. „Du hast Recht! So geht das nicht weiter!" Sein Blick wurde durchdringend und seine Hand griff noch fester um das kleine Stück Metall.

Hermine schaute ihm beunruhigt zu, als er mit wenigen Handgriffen ein allmählich wärmendes Feuer entzündete und er auf den flachen Stein neben sich wies. „Bitte setzt Dich! Ich muss mit Dir reden."

Er selber atmete tief durch, verschränkte seine Hände auf dem Rücken und ging vor ihr auf und ab.

„Hermine, wir kennen uns jetzt schon viele Jahre und wie Du selber weißt, sind wir uns in den letzten Monaten – nun sagen wir mal – näher gekommen." Er rieb sich mit der linken Hand über die Stirn, was wollte er eigentlich sagen?

Hermine hob ihre linke Augenbraue ebenfalls fragend an.

„Unsere Beziehung", er stockte, „unser Verhältnis", verdammt, ihm fehlten jegliche Worte! „Also kurz und knapp: So geht das nicht mehr, ich will keine Affäre mehr, das muss ein Ende haben!" Sein Blick war mehr als düster und er war jetzt zwei Meter vor Hermine stehen geblieben und hatte die Hände vor der Brust verschränkt.

Aus Hermines Gesicht wich jede Farbe, ihr Mund öffnete sich fragend, aber alles war herauskam war ein unverständliches Keuchen. Hatte sie das jetzt richtig verstanden? Sie fasste sich an den Kopf, ihr schien es schwindelig zu sein.

„Soll das heißen", stammelte sie schließlich und ihre Stimme zitterte dabei unüberhörbar, „Du beendest unsere Beziehung jetzt und hier?"

„Ja, ich will diese Phase beenden!", Na, die Hälfte des Weges war doch schon zurückgelegt, machte sich Severus Mut.

„Aber warum?", Hermine war den Tränen nahe, ihr Kinn zitterte bereits verdächtig, „Warum nur willst Du Dich trennen?"

„Wie, trennen?", hatte er da was überhört, „Wer will sich trennen?"

„Na, Du von mir!", brachte Hermine mühsam heraus, „Du hast gesagt, dass Du es beenden willst!"

„Ich will mich doch nicht von Dir trennen!", Severus war schockiert, „ich will Dich heiraten!"

„Was?", Hermine riss ihre Augen ungläubig auf und stand langsam von dem Stein auf, „Du, Du willst mich heiraten?", stammelte sie.

„Ja, sicher!", er war jetzt aber wirklich verwirrt, „Was hast Du denn gedacht?"

„Ich, nun…", weiter kam sie nicht, denn sie brach jetzt wirklich in Tränen aus.

Bestürzt starrte er sie an. Was hatte sie denn nur. Normalerweise neigte sie nicht dazu, bei jeder Gelegenheit zu heulen. Was ein echtes Glück war, denn er konnte ihre Tränen nicht ertragen.

Severus zog sie besorgt an sich und schlang seine Arme fest um sie, „Scht, bitte Hermine, hör auf zu weinen. Wenn Du nicht willst, müssen wir das ja nicht tun, es war vielleicht doch eine blöde Idee." Verdammt, verdammt, verdammt, so hatte er sich das aber ganz und gar nicht vorgestellt. Dieser blöde Albus Dumbledore!

„Nein, das ist es nicht", schniefte Hermine nach einigen Augenblicken und wischte sich die Tränen aus den Augen, „ich hatte nur gerade schreckliche Angst, dass Du nicht glücklich wärst und Schlussmachen wolltest."

„Warum sollte ich das denn wollen", Severus war entsetzt, „ich liebe Dich von Herzen und war noch nie in meinem ganzen Leben so glücklich wie im vergangenen halben Jahr."

Jetzt strahlte Hermine ihn mit tränennassen Augen selig an, „Wirklich?"

„Aber sicher, das musst Du doch gemerkt haben!"

Hermine nickte mit dem Kopf und begann zu lachen, sie zog ihn ungestüm an sich heran um ihn ins Ohr zu flüstern: „Du verrückter Mann!"

Dann fasste sie sich aber wieder und schob ihn etwas von sich fort:

„Entschuldige, Severus, könntest Du Dir vorstellen, noch mal von vorne zu beginnen?"

„Ähm, von vorne? Gewiss", Severus räusperte sich umständlich. Dann griff er nach ihrer Hand und hielt sie fest umschlossen.

„Also gut", er schöpfte noch mal tief Atem, dann schaute er in ihre Augen und plötzlich wusste er wieder, was er mehr als alles auf der Welt wollte. „Hermine Jean Granger, würdest Du mir die ungeheure und unverdiente Ehre und Freude erweisen und meine Frau werden?" Jetzt war es raus und er atmete erleichtert auf, allerdings blieb sein Blick immer noch etwas ängstlich auf ihr haften.

Hermine senkte den Kopf und man hörte sie deutlich schlucken, dann blickte sie wieder hoch, „Ja, Severus Snape, auch mir wäre es eine große Ehre und Freude Deine Frau zu werden", dann setzte sie warm lächelnd hinzu: „Auch ich war noch nie glücklicher, als im vergangenen Jahr."

„Wirklich?", ein seltenes und befreites Lächeln legte sich auf die ernsten Züge des Tränkemeisters.

„Ja, wirklich!", nickte Hermine und musste lachen und weinen gleichzeitig, was ihn doch etwas verwirrte. Frauen!

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn zärtlich. Froh und erleichtert erwiderte er ihren Kuss und schlang seine langen Arme fest um sie. Ihm war so leicht zu Mute, jetzt wo dieser bedrückende, schwere Stein von seinem Herzen gefallen war. Wundervoll.

Dann fiel ihm ein, dass er noch etwas Wichtiges vergessen hatte. Er löste den Kuss widerwillig, schob sie ein klein wenig von sich fort und reichte ihr mit zitternden Fingern den Reif.

„Wenn Du Dir sicher bist, würdest Du dann auch diesen bescheidenen Ring von mir annehmen, als unbedeutendes Zeichen meiner Zuneigung und Achtung?"

Hermine schaute ihn gerührt an und wischte sich wieder eine Träne aus dem rechten Augenwinkel. Dann nahm sie den Ring vorsichtig in die Hand und betrachtete ihn ehrfürchtig. „Er ist unglaublich!"

„Es ist nur ein Entwurf", beeilte sich Severus einzuwerfen, „Madam Sernorin erwartet noch Deine Verbesserung."

„Das ist ein Sernorin-Ring?", Hermines schaute ihn mit ungläubigen Augen an.

„Ja, das ist er", nickte Severus stolz.

„Ich habe gelesen, dass die Sernorins seit Jahrhunderten Europas führende magische Juweliere sind. Sie sind sehr verschwiegen, exklusiv und irrsinnig teuer", Hermine war sehr beeindruckt, „er muss ein Vermögen gekostet haben, Severus."

„Wenn ich einer Frau einen Ehering schenken möchte", er zog arrogant lächelnd die Augenbraue hoch, "muss dieser Ring der Frau wenigstens entfernt entsprechen, sonst ist er ihr, ihrer Schönheit und Klugheit nicht angemessen." Er küsste sie wieder.

„Mir wäre jeder Ring gut gewesen, selbst einer aus einem Kaugummiautomaten", murmelte Hermine, „solange er von Dir gekommen wäre."

„Kaugummiautomat?", Severus rümpfte angewidert die Nase, „Wenn Du natürlich einen solchen Ring willst, kann ich diesen hier ja zurückgeben."

„Nein, nein", beeilte sich Hermine zu sagen und hielt ihre Hand mit dem Ring vorsichtshalber von ihm weg, „ich finde ihn wundervoll und ich gebe ihn nicht mehr her."

„Das musst Du aber, denn es ist wirklich nur ein Entwurf", er streckte seine Hand aus, „lass sehen, ob er passt, meiner hat nämlich ohne Anprobe genau gesessen."

„Du hast den gleichen?", Hermine reichte ihm den Ring.

„Einen ähnlichen", er nahm ihn wieder entgegen und steckte ihn ihr an den Ringfinger der linken Hand.

„Wie angegossen", staunte Hermine und betrachtete versonnen ihre Hand.

Als sie wieder zu ihm aufsah, glitzerten erneut Tränen in ihren Augen. „Ich liebe Dich Severus Snape", flüsterte sie zärtlich und schlang ihre Arme um seinen Hals, damit sie ihn besser küssen konnte.

Dann meldete sich jedoch Severus leerer Magen mit einem lauten Grummeln und sie ließ erschrocken von ihm ab.

„Entschuldige, aber ich habe jetzt wirklich einen Bärenhunger!", erklärte Severus etwas verschämt, „ist noch etwas vom Abendessen übrig?"

„Aber sicher, es ist noch genug für Dich da, denn ich hatte keinen wirklich großen Hunger, so ohne Dich. Komm."

Hermine wollte ihn ins Zelt hineinziehen, doch er hielt sie zurück.

„Es tut mir wirklich leid, Hermine, das ich Dich vorhin so erschreckt habe, ich hatte mir das alles so genau überlegt und dann hat eigentlich nichts funktioniert."

„Ich hatte ziemliche Angst, Severus", sie schaute ihm fest in seine schwarzen Augen, „aber ich weiß Deine Absichten mal, ähm, romantisch zu sein, wirklich zu schätzen", es funkelte in ihren Augen, „zudem habe ich irgendwie nicht den Eindruck, dass nichts funktioniert hätte, denn immerhin habe ich doch ‚Ja' gesagt, oder?"

„Ja, das hast Du, unbegreiflicherweise!", seufzte Severus glücklich.

„Ich muss das unbedingt meinen Eltern schreiben, dazu brauchen wir ja nur einen kleinen Umweg zu machen!" überlegte Hermine bereits die nächsten Schritte.

Als sie ihr Elternhaus erwähnte, fiel ihm aber dann doch noch etwas Beklemmendes ein:

„Meinst Du..?", er brach unsicher ab.

„Was meine ich?", Hermine zog ihn noch näher zu sich heran.

„Nun, ich würde es wirklich gerne richtig machen Hermine", er löste sich von ihr und zog energisch den Zipp seiner Jacke auf, ihm war echt warm, „Die Tradition verlangt, dass ich Deinen Vater und Deine Mutter um Deine Hand bitte. Meinst Du, dass Sie zustimmen werden?", er schaute sie ängstlich fragend an.

„Das glaube ich ganz bestimmt, Severus", lachte Hermine, „Außerdem bin ich mehr als volljährig."

„Das ist mir bewusst, trotzdem gebietet es der Anstand, dass ich Sie um ihre Zustimmung bitte", erklärte Severus.

„Dann frag Sie und mach Dir um ihre positive Antwort keine Sorgen", sie funkelte ihn an, „Sie mögen Dich, warum auch immer."

Ein zustimmendes Grunzen von Severus brachte ihm einen Rippenstoß ein, dann wurde Hermines Blick bedauernd, „Schade ist nur, dass ich Ihnen gerne eine Expresseule aus Lima geschickt hätte, mit der Nachricht, dass Du mir einen Antrag gemacht hast."

„Tja, man kann nicht alles haben, einen alten griesgrämigen, auf Traditionen versessenen Tränkemeister und eine Eileule an die Eltern. Das ist einfach zu viel des Guten!", grinste Severus hämisch und zog sie nun seinerseits verlangend zu sich heran.

„Nun gut, das verstehe ich, aber dann biete mir doch wenigstens einen adäquaten Ersatz", verlangte Hermine frech.

Severus Blick verdunkelte sich noch ein wenig mehr und er presste ihren Körper eng an seinen,

„Wäre eine wilde Liebesnacht vor dem Andenmassiv Südamerikas ein entsprechender Ersatz in Deinen Augen?"

„Könnte gut sein, dass ich damit für den Anfang recht zufrieden wäre, aber vorher wirst Du Dir etwas Trockenes anziehen und zu Abend essen, dann sehen wir weiter!", bestimmte Hermine gut gelaunt.

„Und wie geht es Deinen Kopfschmerzen?", erkundigte er sich forschend.

„Welchen Kopfschmerzen?", fragte sie keck und zog ihn hinter sich her ins Zelt.

Sie blieben zwei Tage auf dem Gipfel des Berges und verbrachten eine wirklich gute Zeit miteinander, auch die Ausbeute an seltenen und normalerweise sehr teuren Trankzutaten war sehr ergiebig gewesen. Tatsächlich hatte auch das Wetter endlich mitgespielt und sie genossen das herrliche Panorama und die beeindruckende Landschaft.

Zwei Wochen und weitere zwei Kontinente und zehn Länder später, waren sie glücklich nach Hogwarts zurückgekehrt. Wie Hermine es vorausgesehen hatte, waren ihre Eltern nicht nur einverstanden, sondern hatten sich wirklich sehr gefreut.

Warum auch immer.

Silvia M. Groß Erinnerungen Seite 7 von 7