Im Fuchsbau
Do, 01.08.1996
Hermine saß auf einem roten Sessel in dem zusammengewürfelten Wohnzimmer der Weasleys. Es war 05:00 morgens und sie genoss die fast schon hörbare Stille, die nur von dem Schnarchen der anwesenden Personen unterbrochen wurde. Sie zündete sich ein paar Kerzen an und machte es sich mit einem Zimttee und einem ihrer neuen Schulbücher bequem, die graue Tagesdecke fest um sich gespannt. „Runenübersetzung für Fortgeschrittene", zierte die Schrift auf dem Einband und Hermine seufzte zufrieden. Sie würde den Stoff (den sie eh schon konnte) nur noch eins, zwei Mal wiederholen. Man konnte ja nie wissen. Vielleicht würde ihr noch etwas Zusätzliches auffallen.
Sie saß da und las, während der Himmel sich langsam aufklärte und die Sonne aufging. Es versprach ein schöner Tag zu werden.
Nach einer Weile hörte sie oben Schritte und schon standen Molly und Arthur in der Küche. Arthur hatte seine Arbeitskleidung an. „Hermine! Ach, du liebe Güte! Hast Du die ganze Nacht gelesen? Schalte dir das Licht an, im Dunkeln zu lesen ist schädlich für die Augen!", mit einem Wink ihres Zauberstabes brachte Molly das Wohnzimmer zum erleuchten und ihr Mann schob sich gequält seinen Ärmel vor die Augen. „Molly, war das wirklich nötig?!"
„Arthur, sei du nur still! Beeil dich! Wir haben fast schon 7 Uhr, iss' jetzt!"
Hermine schmunzelte, legte das Buch bei Seite und deckte den Tisch. Die Ruhezeit war vorbei. Nicht mehr lange, dann würden auch die anderen runterkommen.
„Tschüss, mein Liebling. Gib den Kindern einen Kuss von mir! Bis nachher, Hermine!" Arthur schritt hinaus und ein morgendlicher Windzug erfasste Hermine. Gänsehaut formte sich auf ihren Armen und sie huschte wieder in den Sessel unter die Decke. Sie besah sich automatisch die Familienuhr der Weasleys und sah, dass Arthurs Zeiger weiter schwang. „Arthur: auf dem Weg zur Arbeit", wehmütig starrte Mrs Weasley aus dem Fenster. Es war nicht mehr sicher in England. Es war nirgendwo mehr sicher und deswegen spürte man Angst sogar in den normalsten Situationen, wie bei einem Abschied. Sie ging zu der rothaarigen Frau und legte tröstend ihren Arm um sie, woraufhin Molly ihre Umarmung herzlich erwiderte.
„Muuuuuum? Hast du Harry gesehen?", schrie Ginny und Hermine schreckte in ihrem Zimmer zwei Stockwerke über dem Weasley-Mädchen hoch. Harry? Er ist hier? Freudig lachend stürzte sie sich in den Flur. „Harry?", die Zwillinge haben ihre beiden Köpfe schon aus dem Zimmer gesteckt, um nach den Auserwählten zu fragen. Während Hermine ganz oben im Treppenhaus stand und dem Spektakel zusah, schlich sich Ron von hinten an sie heran und legte seine Arme um ihre Taille. Sie wurde rot und lächelte verwegen, als er ihr einen Kuss auf die Wange hauchte. „Ron, lass das!", schnaubte sie und zwickte ihm in die Seite. In den letzten Tagen waren die beiden sich um einiges näher gekommen und Hermine war glücklich darüber. War es nicht das, was sie seit dem 1. Schuljahr wollte? Ron stieg die Treppen hinunter und sie schaute ihm nach. Sie atmete schwer. Was sah sie in dem rothaarigen Jungen? Natürlich war es schön, wenn er sie berührte, wenn sie sich durch die Gänge Blicke zuwarfen, wenn sie flirteten oder er ihr seine Zuneigung Kund gab. Doch es war nicht das, was sie erwartete. Es fehlte das Kribbeln, das sie einst um den Verstand gebracht hat. Es war nicht mehr da. Wann hatte sie aufgehört, sich für ihn zu interessieren?
Diese Ferien sind nicht verlaufen, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie hatte sich wirklich gefreut, den Sommer größtenteils im Fuchsbau bei ihren Freunden zu verbringen, doch schon nach den ersten Tagen bemerkte sie, dass sie dort fehl am Platze war. Sie verspürte diesen unstillbaren Drang nach etwas, was ihr fehlte. Doch konnte sie sich nicht dazu entsinnen, nach was genau. Die Nächte wälzte sie sich im Schlaf, die frühen Morgenstunden verbrachte sie einsam lesend auf einem Sessel im Wohnzimmer. Was stimmte nicht mit ihr? Woher kam diese Alles verschlingende Leere?
„Hermine, bei Merlin! Komm gefälligst runter!", riss die Stimme ihres besten Freundes sie aus den Gedanken. „Harry!", sie stürmte die Treppen hinunter, wo der schwarzhaarige Wuschelkopf mit offenen Armen auf sie wartete.
Er goss sich einen Tee ein und dachte über das nach, was ihm heute Morgen passiert ist. Wie konnte er sich nur auf so etwas einlassen?
„Schwörst du Draco Malfoy mit deinem Leben zu schützen? Schwörst du, ihn vor Unheil zu bewahren und notfalls, bei seinem Scheitern, die Aufgabe für ihn zu erledigen?", hallten Bellatrix Worte in ihm wieder und er sah noch einmal in Gedanken in die angsterfüllten Augen der besorgten Mutter Narcissa Malfoy. „Ich schwöre", antwortete er und spürte noch einmal den Nachklang, eines unsichtbaren Bandes, das sich um seine und Narcissas Hand wob, die er in der Seinen fest umschlossen hielt.
Er führte den Zauberstab von seiner Schläfe und führte den silbrigen Faden, der daran hing in eine Phiole, verkorkte sie und beschriftete sie. Dumbledore wird nicht erfreut sein und schmerzhaft wurde sich Severus seinem Fehler bewusst. Er hätte sich nicht so tief ins Verderben stürzen sollen. Er hätte die beiden Schwestern rauswerfen sollen und sie mit seinen Sorgen alleine lassen sollen. Was war nur in ihm gefahren? Wieso war er in der letzten Zeit so rührselig?
Er nippte an dem Schwarztee und spürte die Wärme in seinen kalten Körper gleiten. Nicht, das dies lange anhielt. Er wusste nicht, wann er das letzte Mal Wärme verspürt hat. Er fühlte sich innerlich tot.
„Aber, aber, Professor. Sagen Sie mir nicht, dass Sie es nicht genossen hatten, Teil von etwas zu sein?", tadelnd ertönte ihre Stimme in seinem Kopf und ihm entging ein Knurren. Granger…
Er dachte an die DA und an die wenige Zusammenarbeit mit ihr, bei der er sich letzten Endes nicht einmal so mies gefühlt hatte, wie er es zu Anfang dachte. Er fühlte sich gebraucht.
„Severus, mein Lieber. Du bist eine der wichtigsten Personen in diesem Krieg. Die ganze Zauberwelt braucht dich momentan", antwortete Dumbledore ihm damals, als er ihm seine Verwirrung mitgeteilt hatte, doch das was Dumbledore sagte, kümmerte ihn herzlich wenig. Es war etwas anderes. Er fühlte sich ehrlich gebraucht und nicht ausgenutzt. Granger vertraute ihm. Sie hatte keine Angst vor ihm.
In den letzten Monaten hatte er sie lieb gewonnen und ihn fürchtete diese Einsicht. Diese Einsicht fürchtete ihn so sehr, dass er den gesamten Juli größtenteils damit verbracht hatte jeden Gedanken an sie auszumerzen. Sie war seine Schülerin und sie war nicht Lily. Nur manchmal, in seinen schwachen Momenten, erinnerte er sich an den Duft ihres Haares, erinnerte sich an die Angst, die er verspürte, als er glaubte, ihr könne etwas geschehen… „Und dies, brachte mir nur Leid und Schmerz", redete er sich ein.
Er stellte die Tasse ab und blickte auf die Uhr. Es war fünf vor zehn Uhr Abends. Es nützte ja doch nichts. Er konnte nicht noch mehr Zeit schinden. Es waren bereits 13 Stunden vergangen, seit er Narcissa und das Biest eingelassen hatte und Dumbledore interessierte sich sicher brennend dafür, wie er es mal wieder vergeigt hatte. Er war sich einen leichten Mantel über und schritt in den Kamin. Er nahm sich eine Hand von dem weichen Pulver, das auf dem Sims stand und flohte dann in Dumbledores Büro.
