Disclaimer: Siehe Kapitel 1
Also, kurz vor dem Ende... es kommt. Sicher! muahahahahaha


Kapitel 21: Deal (2)

Mireille wusste, dass sie Rhodes mit diesem Moment in der Tasche hatte und lächelte leicht. „Nun, Monsieur, unsere Informationen werden ihnen mit Sicherheit auf der Karriereleiter weit nach oben katapultieren. Aber umsonst bekommen sie diese Informationen natürlich nicht..." Rhodes grinste leicht. Betont ironisch erwiderte er: „Natürlich. Was erwarten sie denn von mir? Etwa freies Geleit?" In ihrem Innern musste die blonde Korsin beinahe etwas lachen, so dreist kam ihr die Forderung vor. „Ja, so in etwa, Inspector." Der Mann schüttelte den Kopf. „Keine Information der Welt wäre das wert. Soviel müsste ihnen ja bekannt sein. Sie werden verdächtigt, weltweit mehr als fünfzig Morde begangen zu haben, die wir ihnen mit etwas Recherche sicher nachweisen können. Glauben sie im Ernst, dass wir sie wieder laufen lassen?" Rhodes schüttelte erneut den Kopf und lachte. Dann setzte der Inspector ein Pokerface auf und wurde ernst. „Mal im Ernst, Frau Bouquet: Was macht sie ihrer Sache so sicher?" Mireille wurde ebenfalls ruhig. Die Verhandlungen traten in die kritische Phase ein. Nach einem kurzen Blick auf Kirika, die wie versteinert da saß, beschloss Mireille, ihre Karten auszuspielen. „Was würden sie tun, wenn ich ihnen sagen könnte, wer hinter all den schmutzigen Aktivitäten der letzten Tage wirklich die Finger hätte? Was wäre, wenn ich beweisen könnte, das ihr geschätzter Marceau in Wirklichkeit überall die Finger im Spiel hat, wo sich in Europa illegal Geld machen lässt? Viel Geld, um genau zu sein... Was, wenn ich ihnen beweisen könnte, dass Jean Marceau es war, der seine Eltern liquidieren ließ, um sich noch mehr Macht zu beschaffen? Was, wenn ich ihnen beweisen könnte, das es Jean Marceau war, der sie benutzen wollte, um uns für immer loszuwerden, so dass wir dieses Geheimnis nie ausplaudern würden können?" Mireille war danach, noch weiter zu reden und den Mann ihr gegenüber in einem Redeschwall untergehen zu lassen, doch der Mann lachte nur. „Das ist doch absurd!", unterbrach er sie. „Das glauben sie doch selbst nicht, bei allem Respekt!" Mireille lächelte sanft und nickte nur bestimmt. „Doch, Monsieur, das glaube ich. Nein, das weiß ich! Sehen sie sich die Sache doch einmal genauer an, denken sie nach: Marceau konnte sie genauestens in Kenntnis setzen, wer wir waren. Er wusste von Informationen, die nicht einmal sie wussten. Wer hat sie zum Beispiel auf unsere Fährte noch in Frankreich gesetzt, bevor unser Auto in einem Wald explodierte? Natürlich, natürlich: Mir ist bewusst, das sie uns in Frankreich von alleine gefunden haben. Doch die Informationen, die zu unserer Entdeckung führten, haben sie doch sicher von Marceau. Übrigens: Die Frauenleiche, die sie sicherlich gefunden haben, war eine von Marceau auf uns angesetzte Killerin. Wie sonst hätte sie an Ausrüstung kommen können, die sonst nur Spezialkräften zur Verfügung steht? Marceau hat diese Kontakte. Des weiteren gibt es ein lateinisches Sprichwort: Cui bono? Wem nützt es? Seien sie ehrlich: Marceau nützt der Tod seiner Eltern am Meisten. Natürlich, die Marceaus hatten Feinde in der demi-monde, aber glauben sie im Ernst, das die Sicherheitsvorkehrungen bei einer so wichtigen Veranstaltung nicht sehr streng sind? Zudem werden sie feststellen, wenn sie ihre Arbeit richtig erledigen, dass die Kinder, die aus Waisenhäusern überall in Frankreich verschwinden und die ganz zufällig den Marceaus gehören, bei abartigen Gladiatorenspielen zur Belustigung reicher und einflussreicher Leute hingeschlachtet wurden..." Rhodes war immer noch ernst. Doch er schien noch skeptisch zu sein. Mireille musste sich eingestehen, dass sie noch lange nicht die überzeugensten Argumente gebracht hatte. Der Mann ließ anscheinend die Gedanken spielen. „Frau Bouquet. Das sind alles nur Indizien. Marceau ist in ganz Frankreich und sogar über die französischen Grenzen hinaus als sozialer und spendabler Mensch bekannt..." Mireille nickte. „Alles nur Tarnung, Inspector. Denken sie etwa, dass sie ihre Position aus reiner Güte heraus von Marceau bekommen haben? Denn das Marceau ihnen diese Position verschafft hat, ist leicht zu erkennen: Warum würden sie ihm sonst interne Informationen zuspielen wenn nicht aus Dankbarkeit? Etwa aus Mitleid? Ich bitte sie! Niemand würde seinen Job auf diese Art und Weise riskieren, es sei denn, ein guter Freund würde ihn bitten. So hat uns auch sicher seine Killerin gefunden. Und schon haben sie einen weiteren Baustein des Puzzles: Ihm allein nützt ihre Tätigkeit. Die Freundschaft mit ihnen, die Position, die sie dadurch erhielten... Alles nur ein kluger Schachzug! Sie sind nichts als ein weiterer Bauer in seinem Schachspiel! Erkennen sie nicht die Art, wie er mit Menschen spielt? Natürlich wird er gedeckt: Menschen aus Wirtschaft und Politik stehen hinter ihm, sind sie doch durch ihn groß geworden oder hoffen darauf, durch ihn groß zu werden! Und zu guter Letzt: Warum will Marceau von ihnen Informationen über den Fortgang der Ermittlungen, wenn er nicht unseren Tod wünscht, uns verfolgen lässt? Rache – beim besten Willen – spielt hier keine Rolle. Nein, nein, das einzige, was dieser Psychopath wünscht, ist, dass wir sein größtes, dunkelstes Geheimnis nicht herausfinden und dann ausplaudern können: Dass er seine Eltern liquidieren wollte! Mein Bester, gerade sie sollten in ihrem Beruf wissen, dass die Frage, wem ein Verbrechen nützt, immer am weitesten zur Wahrheit führt. Habe ich nicht Recht?"

Rhodes fühlte sich wie erschlagen vom Redeschwall der blonden Frau, die ihm gegenüber saß und ihn – leicht verschwitzt – ansah. Die kühlen Augen, die seine zu fixieren schienen, waren hart wie Stahl. Rhodes wandte den Kopf etwas zur Seite und wich dem Blick aus. Er musste sich einen Moment sammeln und holte erst einmal tief Luft. Dann, nach einigen Minuten, sah er der Killerin, die sich als Mireille vorgestellt hatte, direkt ins Gesicht. Seine Stimme war, gegen seinen Willen, etwas zittrig und es dauerte einige Worte, bis er wieder die Kontrolle über seine Stimmbänder gewonnen hatte. „Hören sie: Jean ist ein guter Freund von mir. Wir waren zusammen auf der Universität und wie sie richtig bemerkten, bin ich durch Jeans Hilfe in die Position gekommen, die ich nun ausfülle. Ich verdanke den Marceaus das Leben, wie ich es im Moment führe. Ich kenne Jean sehr lange und glaube, ihn gut zu kennen. Die Vorwürfe, die sie nun gegen ihn richten, treffen nicht nur ihn, sondern auch mich hart, setzen sie doch voraus, dass ich meinen Freund so gut wie gar nicht kannte. Sie scheinen sich viel auf ihre Menschenkenntnis einzubilden, Frau Bouquet, und um ehrlich zu sein, glaube ich ihnen, dass sie sehr gut ist. Das ist auch nötig in einem Beruf wie dem ihren. Lassen sie es mich so ausdrücken: Ich verabscheue sie. Und nicht nur sie, sondern ebenso ihre Tätigkeit. Sie mögen eine schöne, verführerische Frau sein, doch in ihrem tiefsten Inneren sind sie ein Schwein." Rhodes' Blick war nicht hasserfüllt, doch der kalte Zorn aus seinen Augen ließ Mireille innerlich schaudern. „Ich habe mein Leben lang Menschen wie sie gejagt, ich bin zur Polizei, um Menschen wie ihnen das Handwerk zu legen. Jean Marceau hat mir diesen Lebenstraum erfüllt. Ich sage ihnen ehrlich: Bei ihren schwachen Beweisen, die für eine Anklage vor meinem eigenen Gewissen und auch vor einem Gericht nicht ausreichen werden, sehe ich mich weder in der Lage noch im Recht, ihnen auch nur den geringsten Handel anzubieten. Und sollten sie ihre Anschuldigungen nicht beweisen können und diese sich als falsch erweisen, werde ich dafür sorgen, dass man ihnen die Höchststrafe verpasst." Rhodes war im Begriff aufzustehen. „Entweder sie legen nun alle Karten auf den Tisch, oder ich werde sie abführen lassen. Und dann habe ich nicht mehr die Autorität, sie laufen zu lassen. Hier und jetzt ist ihre letzte Chance... Sitzen sie erst einmal, kann ich nicht behaupten, dass bei dem Zugriff des SEK etwas dazwischen gekommen ist oder sie geflohen sind." Rhodes' Gesichtsausdruck wurde einen Grad versöhnlicher: „Hören sie, wenn sie Recht haben mit ihren Anschuldigungen, so darf ich ihnen versichern, dass ich mich für sie einsetzen werde. Denn dies würde bedeuten, dass mein Leben bis jetzt auf einer Lüge aufgebaut war, das mein Leben nur so stattfand, weil ich von Verbrechern „gesponsort" wurde. Mit ihrer Aufdeckung der Wahrheit hätten sie mein Leben zum Besseren verändert. Und ich gebe ihnen mein Wort als – ja, dieser Begriff bedeutet heute nicht mehr viel – als Ehrenmann, dass ich auf den Handel eingehen würde. Nicht aus Sympathie mit ihnen, nein. Ich würde sie spätestens nach einer Frist von einem Tag wieder verfolgen lassen, glauben sie mir. Aber aus Rache an Jean Marceau. Und nun, denke ich, ist es an der Zeit, offen zu spielen."

Mireille saß eine Zeit lang still da und sah den Mann, der vor ihnen saß, an. Sie beobachtete seine Augen und konnte erkennen, dass er offen war. Ein Gefühl sagte ihr, dass sie ihm vertrauen würde können. Zudem war es die einzige Möglichkeit, doch aus der Schlinge zu kommen. Mireille lächelte den Mann an, freundlich, zum ersten Mal. „Sie sind ein guter Pokerspieler, Inspector..." Rhodes lächelte zurück.

Kirika hatte die ganze Zeit dem Gespräch zwischen den Beiden, ihrer Partnerin und Freundin und dem fremden Mann, angespannt gelauscht. Sie war angespannt gewesen und hatte selbst den Schmerz der Schusswunde völlig vergessen. Es war beinahe unheimlich gewesen, wie gut Mireille argumentiert hatte und im Stillen bewunderte Kirika die schöne Korsin für ihre Eloquenz. Doch sie musste sich eingestehen, dass auch dieser Inspector ein guter Redner und Mireille sicher ebenbürtig war. Mehrmals während dem langen Gespräch zwischen den Beiden hatte Kirika die Spannung förmlich fühlen können, doch nun schien sich alles zum Guten zu wenden. Der Mann hatte freundlich gelächelt und schien nun auf ihre Argumente eingehen zu wollen. Und auch Kirika hatte das unbestimmte Gefühl, ihm trauen zu können. Doch das Reden sollte sie lieber Mireille überlassen. Von Rhodes unbemerkt ergriff sie unter dem Tisch Mireilles Hand und drückte sie liebevoll. Sie spürte, wie ihre zärtliche Berührung erwidert wurde...

Jaden hatte sich etwas vom Hotel entfernt und saß nun über sein Handy gebeugt auf einer Bank. Mit schnellen Fingergriffen tippte er eine SMS: „Zugriff erfolgt. Schießerei. Frauen tot. Mache mich auf Rückweg." Dann klappte er das Handy zu und stand auf. Ihm gegenüber auf der anderen Straßenseite liefen zwei Jungen und bogen in eine enge Seitengasse in Richtung Hotel, der Richtung, aus der Jaden gekommen war. Der Junge grinste. ‚Null Hirn, die Beiden...' Langsam folgte er ihnen. Die Beiden schienen nicht zu wissen, dass die Killerinnen bereits tot oder von der Polizei gefasst worden waren. Das war zu seinem Besten.

Jean Marceau blickte auf sein Handy und lächelte. Da hatte Rhodes seine Arbeit tatsächlich zufriedenstellend erfüllt, ohne dass er auch nur von seinem „Auftrag" etwas geahnt hatte. Zufrieden setzte er sich in den Sessel. Nun hieß es nur noch, den Kleinen zu liquidieren, wenn der naive Bengel zurückkam, um seine Belohnung zu holen. Dann waren alle Mitwisser ausgeschaltet und seine Macht würde fürs Erste gefestigt sein. Selbstsicher sah Jean an die Decke und erinnerte sich an die vergangenen Tage. Zu schade, dass die kleine Korsenschlampe tot war. Mit ihr zu spielen war ein Vergnügen gewesen.

Jaden beugte sich über die Leichen der beiden Jungen, die er in eine Mülltonne geworfen hatte. Die schallgedämpften Schüsse waren nicht gehört worden und das Blut, dass aus den Hinterköpfen der beiden anderen Jungen troff, gerann bereits. Jaden warf die Pistole weg und grinste. „Auftrag erledigt, Monsieur...", sprach er bei sich. Dann schloss Jaden den Deckel der Mülltonne und machte sich auf den Rückweg.