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Was der Mensch fliehen will, das bringt er mit an den Ort, an den er flieht…Paul Ernst
Leise klopfte Dave an ihre Tür, wartete kurz und öffnete diese. Sie stand etwas verloren im Raum. Es war das erste Mal das er sie so sah. Es musste ihr unglaublich schwer gefallen sein, ihn darum zu bitten. Vorsichtig stellte er die kleine Tasche, die er für sie gepackt hatte, auf einen der Stühle der sich am nächsten zur Tür befand und zog sich wieder zurück. Ihm persönlich war eine angriffslustige Mrs. Caviness bei weitem lieber, als diese stille in sich gekehrte Frau.
Er würde später weiter über sie nachdenken, doch zuerst sollte er nach Hotch und dem Rest des Teams sehen. Vermutlich waren alle, bis auf J.J. und Garcia bereits hier. Garcia hatte es vorgezogen sich wieder hinter ihren Bildschirmen zu verstecken und weitere Recherche über Leroy Cook zu betreiben. Falls sie noch irgendeinen Ansporn gebraucht hätte, so hatte sie ihn spätestens mit den Angriffen auf Emily, Melissa, Hotch und seine Wenigkeit gefunden.
Was J.J. betraf, sie hatte gute Arbeit mit Robert Sanders geleistet. Sie hatte darum gebeten ihn weiter Verhören zu dürfen. Eine Bitte die er ihr nur zu gern gewährte. Robert war ein gutes Studienobjekt und da er ein ausgemachter Feigling war, leicht zu durchschauen. Außerdem war er nach ein paar halbausgestoßenen Drohungen mehr als bereitwillig einfach alles zu erzählen, auch ohne dass man danach fragte.
Rossi stieß zu Derek, Emily und Spencer. Letzterer wirkte etwas angeschlagen. Die Stanpauke, die Derek ihm gehalten hatte, zeigte noch immer Wirkung. Da er Maggie unter ihnen nicht entdecken konnte, nahm er an, sie wäre bei Hotch. Sie mussten für sie ein neues Versteck finden. Hier war es nicht sicher für sie. Vermutlich lauerte Leroy in diesem Moment irgendwo dort draußen und wartete nur auf einen Gelegenheit bei der er zuschlagen konnte.
Mühsam schluckte sie und versuchte gleichzeitig das Zittern, das ihren Körper ergriffen hatte, unter Kontrolle zu bringen. Vielleicht sollte sie einfach auflegen. Was konnte schon passieren? Er könnte ihr nichts tun, oder?
„Du kannst mir keine Angst mehr machen!", bemühte sie sich tapfer zu sein. Sein kehliges, bitteres Lachen machte diesen Versuch zu nichte. Er wusste etwas, was ihr bisher noch entging, da war sie sich ganz sicher. Leroy war eine verschlagene Kreatur, dessen ganzes Denken auf das Zufügen von Schmerzen ausgerichtet ist.
„Wetten doch? Gerade sitzt ein Mädchen hier neben mir! Wie heißt du?" Scheinbar sprach er mit jemandem der sich neben ihm befand. Im Hintergrund konnte sie eine andere Stimme hören.
„Karen hier neben mir fände es ganz toll, wenn du zu uns herauskommen könntest. Ich denke, nein ich weiß, Karen würde es bestimmt besonders freuen, denn solltest du dich weigern, wird sie sterben – Stück für Stück!" Bei jedem Wort wurde seine Stimme tiefer und kälter und verursachte ihr immer mehr Angst. Verzweifelt blickte sie um sich. Wo waren sie alle? Warum suchte keiner nach ihr? Sie sollten doch auf sie aufpassen.
„Bitte!", flehte sie leise.
Jeder Schritt war die reinste Höllenqual. Seine Schulter und auch seine Hüfte brannten wie Feuer. Nur mit sehr kleinen Schritten und nur sehr vorsichtig konnte er sich vorwärts bewegen. Aber dennoch tat es gut auf eigenen Füßen zu stehen. Lange würde ihm die Ruhe hier im Krankenhaus sowieso nicht vergönnt sein. Er hatte noch einen Job zu erledigen. Leroy Cook, er musste ihn fassen und endlich zur Strecke bringen. Nachdenklich blieb er mitten im Zimmer stehen. Warum war es bloß so schwierig einen einzigen Mann zu fassen?
Cook war so schlüpfrig wie ein Aal. Er hatte es geschafft sämtliche Behörden auszutricksen und hinters Licht zu führen. Niemand konnte ihn bisher fassen. Auch ihre Versuche waren bisher alle gescheitert. Was natürlich größtenteils an Robert Sanders lag. Mit ihm an seiner Seite, wusste er immer was sie planten und vorhatten. Doch diese Lücke hatten sie geschlossen. Und dennoch … Einer dunklen Vorahnung folgend ging Aaron zielstrebig zur Tür. Er musste Maggie sehen und wissen, dass alles in Ordnung war.
Unwillkürlich fühlte sie tiefe Bewunderung für ihn. Er war nicht nur ein herausragender Profiler, sondern besaß ein untrügliches Gespür für Farben und Mode. Außerdem war er feinfühlig genug nicht auf dem Umstand, dass sie seine Hilfe benötigte, herumzureiten. Andere Männer hätten das mit Sicherheit getan. Ihr Ex-Mann war so ein Exemplar gewesen. Jedenfalls hatte er Kleidung für sie gewählt, wie auch sie es nicht besser gekonnt hätte. Ob er sie gerne genau in diesen Sachen sehen wollte?
Es war nichts auffälliges, sondern eher schlicht. Ein dunkles Kostüm und dazupassende Schuhe. Als einziges Highlight lag ein buntes Tuch dabei. Sorgsam drapierte sie es sich um den Hals. Vor allem die Farbe Rot dominierte im Muster und brachte so ihr Haar hervorragend zur Geltung. Sie wirkte frisch und lebendig und genau so fühlte sie sich.
Ihr ging es gut und sie war am Leben. Selbst so einem Kleinganoven wie diesem Leroy Cook würde sie nicht erlauben, sie klein zu kriegen! Sie strich sich das Haar aus der Stirn und merkte, dass ihre Finger, ihre Hände wieder zu zittern begonnen hatten. Sie ballte ärgerlich ihre Fäuste. Das musste aufhören! Dafür hatte sie keine Zeit. Entschlossen machte sie sich auf den Weg zur Tür.
Sie hatte einen Job zu tun und genau darum würde sie sich kümmern. Am Besten fing sie mit Agent Hotchner an. Es schien ihm, bei ihrer Einlieferung, nicht allzu gut zu gehen und da sie gestern lieber Abweisend zu Rossi gewesen war, hatte sie es verabsäumt ihn zu fragen wie es um diesen stand.
„Wo ist eigentlich Maggie?" Es war Spencer der diese Frage stellte und sich zugleich suchend umsah. Dereks Stirn begann sich finster zusammenzuziehen, da auch er sie nirgends entdecken konnte. Sie hatte diese Art einfach, ohne etwas zu sagen, zu verschwinden. Seit er sie kannte, war sie ihnen nun bereits zum vierten Mal entwischt. Sie war einfach schon zu lange auf der Flucht.
Er hätte es wissen müssen, so eine Eigenschaft legte man mal nicht auf die Schnelle von heute auf morgen ab. So was brauchte Zeit. Monate, schlimmsten Fall sogar Jahre. Da konnte sich Hotch auf was gefasst machen, wenn aus den Beiden mehr wurde und Cook sie nicht doch noch, bei ihrem leichtsinnigen Verhalten, vorher erwischte.
„Ich dachte, sie wäre bei Hotch?", warf Dave irritiert ein.
„Das ist sie nicht!", kam es kühl von Aaron. Er hatte unbemerkt von den Anderen sein Zimmer verlassen und sah sich sogleich mit seinen schlimmsten Ängsten konfrontiert. Maggie war verschwunden und Cook war zuvor in diesem Krankenhaus gewesen. Das konnte kein Zufall sein.
„Sucht sie!", befahl er ihnen und sah zu wie sie ausschwirrten. Schwer lehnte er sich gegen den Türrahmen. Das war für ihn wie ein schlimmer Alptraum. Nicht eine Sekunde erlaubte er ihnen zur Ruhe zu kommen. Sie mussten ihn endlich finden und gefangen nehmen.
„Wie fühlen Sie sich heute?" Die Stimme von Mrs. Caviness riss ihn aus seinen Gedanken.
„Besser! Danke der Nachfrage. Und Sie?"
„Ein paar Schrammen, also nichts Ernstes. Nichts was man nicht mit einem Schaumbad kurieren könnte!", erwiderte sie achselzuckend.
Auf Aarons Lippen legte sich ein mildes Lächeln. Sie belogen sich gegenseitig und das wenig gekonnt. Auch Dave verfolgte gespannt das Gespräch der Beiden und unter anderen Umständen hätte er sich darüber amüsiert, aber im Anbetracht dessen, dass Maggie verschwunden war, war ihm das nicht möglich.
Ihr bleiches Gesicht ließ ihn sofort schlimmes ahnen. Beinahe wie eine Ertrinkende klammerte sie sich an den Telefonhörer in ihrer Hand und doch wurde er den Eindruck nicht los, dass sie ihn am liebsten weit von sich geworfen hätte.
„Bitte!", flehte sie gerade halblaut. Es klang so schmerzvoll, so zerrissen. Ganz so als hätte sie etwas unfassbar Schreckliches erfahren. Schnell trat er an ihre Seite und legte ihr seine Hand auf die Schulter. Sie sollte wissen, dass sie nicht alleine war. Erschrocken zuckte sie bei seiner Berührung zusammen.
Wie groß musste die Anspannung sein unter der sie stand, dass es ihr nicht möglich war ihn eher wahrzunehmen? Sanft nahm er ihr den Hörer aus den Händen.
„Wer ist da?", brüllte er ungehalten hinein, doch nichts als Stille antwortete ihm. Wer immer es auch war, hatte bereits aufgelegt. Maggie stand starr neben ihn. Urplötzlich kam Leben in sie und eher er wusste was sie vorhatte, warf sie sich in seine Arme und umklammerte ihn verzweifelt.
„Er hat … er hat … er hat", flüsterte sie stammelnd in sein Ohr. Fest packte er sie bei den Schultern und schob sie ein Stück zurück, damit er ihr in die Augen sehen konnte.
„Er hat was?"
Blanke Verzweiflung stand ihr ins Gesicht geschrieben.
„Das war er, Leroy. Er hat eine Frau – Karen und er will mich!"
„Auf keinen Fall! Niemals bekommt er dich!", sagte er, gleich einem Versprechen, eindringlich zu ihr.
„Aber er wird sie töten, wenn er …"
„Das ist genau was er will und deshalb kannst." Derek atmete tief durch und bemühte sich seine Wut unter Kontrolle zu bringen. Dieser elende Bastard hatte es wieder geschafft. Ständig war er zum Greifen nahe und doch schlüpfte er ihnen wie ein schleimiges etwas fast mühelos durch die Finger.
„Wir werden versuchen Karen zu helfen, aber nicht zu dem Preis dich dabei zu opfern! Und nun lass uns zu den anderen zurückkehren, bevor Aaron uns alle zur Schnecke macht!"
Ängstlich war sie an seine Seite gerückt. Sie sah bleich und erschöpft aus. Am liebsten hätte er nach ihrer Hand gegriffen und sie nie wieder losgelassen, doch vor seinem Team und vor allem vor Mrs. Caviness wäre das vielleicht nicht die klügste Entscheidung.
„Wo bist du gewesen?", fragte er sie streng und besorgt zugleich.
„Die Schwester hat sie zum Telefon geholt und rate mal wer dran war?"
„Verdammt!"
„Das kannst du laut sagen, aber was noch schlimmer ist – er hat ein weiteres Opfer."
Mrs. Caviness gab einen zischenden Laut von sich.
„Wer ist sie genau?", hakte Dave nach.
„Karen Ellwood, 24 Jahre alt, arbeitet hier als Krankenschwester. Sie hatte Nachtdienst und sollte heute Morgen nach Hause gehen. Irgendwo zwischen Krankenhaus und ihrer Wohnung muss er sie sich geschnappt haben!"
Schwester Betty, die mittlerweile ebenso bleich wie Maggie war, hatte Morgan alles erzählt. Cook war ein raffinierter Hund. Ihm war klar, dass er nicht mehr so einfach ins Krankenhaus spazieren konnte um sich Maggie zu schnappen, also musste er einen anderen Weg finden und das hatte er auch. In dem er sich ein neues Opfer schnappte, konnte er damit Maggie unter Druck setzten.
„Wir sollten das vielleicht nicht länger auf dem Flur besprechen!", schlug Aaron vor und dirigierte alle in sein Krankenzimmer. Gleichzeitig zückte er sein Telefon und wählte Garcias Nummer. Wenn sie Cook endlich schnappen wollten, dann brauchten sie jede Frau und jeden Mann aus ihrem Team. Außerdem konnte sie vielleicht seinen Standort ausfindig machen.
Soweit er aus der Erzählung von Derek entnommen hatte, wollte Cook Maggie zwar gegen Karen eintauschen, hat aber weder Zeitpunkt noch Ort festgesetzt. Das eröffnete ihnen eine Möglichkeit ihn vielleicht endlich fassen und unschädlich machen zu können.
Zornig warf er das Handy auf den Wagenboden und schlug hart auf das Lenkrad ein. Er hatte die Männerstimme gehört. Cassandra war nicht länger mehr alleine gewesen. Das FBI würde niemals zulassen, dass er bekam was ihm vor Gott und dem Gesetzt gehörte. Es war sein verdammtes Recht, seine Frau bei sich zu haben. Er war ihr Mann und hatte Rechte. In guten wie in schlechten Tagen, hatte sie geschworen ihm zu gehorchen. Sie hatte ihr Versprechen gebrochen.
„Dieses Miststück ist schuld, wenn du stirbst!", herrschte er Karen grob an. Er brauchte dringend Zigaretten. Er konnte jetzt schon spüren wie sich erste Kopfschmerzen ankündigten. Seine Schläfen pochten bereits leicht und seine Augen fühlten sich müde an.
Erschöpft ließ Aaron sich auf einen der Stühle im Zimmer fallen. Gracia wartete am anderen Ende der Leitung auf seine Anweisungen.
„Garcia kannst du dich in die Telefonanlage des Krankenhauses einklinken?"
„Ist das eine rein rhetorische Frage, oder? Denn während wir reden, habe ich bereits die Zeit genützt und mich, wie ich sagen muss, nicht sehr gut geschützten Server des Krankenhauses eingeloggt. Von hier aus habe ich auf alles zugriff!"
„Gut! Kannst du herausfinden, wer diese Station vor ein paar Minuten angerufen hat?"
Aaron konnte durch den Hörer hören wie Penelopes Finger rasch über die Tastatur ihres Computers glitten, dabei sagte sie kein Wort. Bestimmt starrte sie hochkonzentriert auf ihren Monitor um den Moment wo er ihr endlich zeigte, was sie sehen wollte, nicht zu verpassen.
„Das war eine gewisse Karen Ellwood. Sie arbeitet als Krankenschwester im Krankenhaus, aber auf einer anderen Station! Ich habe ein Foto von ihr gefunden. Das schicke ich Euch zu!"
Sie erzählte noch mehrere Details aus dem Leben von Karen, was vor allem Maggie verblüffte. Man konnte so vieles, auch, oder vor allem persönliches, über den Computer erfahren.
„Cook benutzt das Telefon von Karen. Vielleicht ist es noch eingeschaltet? Kannst du es lokalisieren?"
„Ich werde es versuchen und melde mich dann!"
Aaron trennte die Verbindung und warf einen Blick in die Runde. Bis auf J.J. waren alle hier, auch Mrs. Caviness. Sie hatte sich bewusst, oder unbewusst an Daves Seite gestellt. Erstaunlicherweise hatte sie die ganze Zeit geschwiegen und bisher auch keine einzige zynische Bemerkung von sich gegeben. Vielleicht hatte die Entführung ihr etwas von ihrer Schärfe genommen? Solch eine Erfahrung konnte einen Menschen für immer verändern. Vielleicht traf das auch auf sie zu.
„Cook weiß also das sich Maggie hier im Krankenhaus aufhält. Um sie zu bekommen, schnappt er sich ein neues Opfer und bietet ihr an sie einzutauschen. Wir müssen sie hier raus schaffen und an einen sicheren Ort bringen und zwar so schnell wie möglich."
Maggie senkte den Blick. Sie sollte wieder irgendwohin verschwinden. Eingesperrt, würde sie nur auf die Wachablösung warten und dabei mit Sicherheit wahnsinnig werden.
„Kann ich …", versuchte sie zu fragen, wurde aber von Aaron unterbrochen.
„Nein! Er würde nichts unversucht lassen um dich in seine Finger zu bekommen! Es ist besser er weiß nicht wo du dich befindest!"
„Aber vielleicht ist es genau das was wir brauchen um ihn zu kriegen!", gab Rossi zu bedenken.
Aaron runzelte die Stirn. Er verstand nicht ganz und da war er nicht der einzige.
„Wenn wir Maggie vor die Tür schicken, dann ist das so als würde man einem wilden Stier ein rotes Tuch zeigen. Er stürzt blindlinks darauf und kommt schließlich dabei um!"
Eine radikale Feststellung, die eine Menge unsicherer Faktoren barg und in einem
Desaster enden konnte.
„Sie wollen tatsächlich eine Zivilisten in Gefahr bringen?" Mrs. Caviness musterte Dave von der Seite her. Würde er wirklich das Leben einer ihm anvertrauten Schutzbefohlenen riskieren?
„Unter kontrollierten Bedingungen – unseren Bedingungen würde ihr nichts passieren!", stellte Dave klar. Einmal mehr ärgerte er sich über Mrs. Caviness. Das sie immer nur das schlechteste von ihm denken konnte?
„Wir wären hier und könnten sofort eingreifen. Cook ist verwundet, was uns einen zusätzlichen Vorteil verschafft!", warf Derek ein.
Auch er schien von dieser Idee nicht abgeneigt zu sein.
„Nein, ich …" Egal was Aaron sagen wollte, diesmal wurde er von Maggie unterbrochen.
„Es muss endlich ein Ende haben! Ich werde es tun und niemand kann mich davon abhalten!"
Bei Gott sie hatte schreckliche Angst davor. Bei dem bloßen Gedanken Leroy zu begegnen, schlotterten ihr bereits jetzt die Knie.
