16.
„Sag mal, Rokko, wie lange brauchst du für die Zeitung noch?", drängelte Loretta ihren Mitbewohner. „Wieso? Willst du sie lesen? Mit dem Lokalteil bin ich schon durch…" – „Quatsch, Lokalteil. Ich finde, wir reden viel zu wenig." – „Loretta, wir reden doch ständig", seufzte Rokko die Zeitung weglegend. „Ja, aber immer nur über mich. Ich will aber mal über dich reden." – „Aber ich nicht", wehrte Rokko ab. „Tz, das ist mein Haus", spielte Loretta sich lachend auf. „Also bin ich auch die Bestimmerin." – „Ach, wie schön – der nächste Geburtstag, den wir feiern, wird Lorettas 8. sein." – „Ach, wie schön, dass du auch gleich die passende Vorlage bietest: Geburtstag. An deinem Geburtstag, als deine Mutter hier war, da hat sie so eine Andeutung gemacht." – „Andeutung?", hakte Rokko nach. „Was denn für eine Andeutung?" – „Die gleiche Andeutung, die du auch gemacht hast… über deinen Onkel… ähm… Rüdiger, richtig?" – „Ja-a", erwiderte Rokko langgezogen. „Ich habe hier eine Flasche Rotwein. Und Milch. Und Orangensaft und in der Küche ist noch Mineralwasser, wenn du lieber etwas Alkoholfreies hättest. Und ich habe Schokolade und Gummitierchen. Damit du mir nicht mit ‚Ich mag aber keine Süßigkeiten' kommst, habe ich auch Chips und Erdnüsse und wenn es das auch nicht ist, dann gibt es auch noch trocken Brot in der Küche." – „Loretta, was soll das?" – „Ich will ein Mann-zu-bald-Frau-Gespräch mit dir führen." Entschlossen ließ sich Loretta neben Rokko auf das Sofa fallen. „Also, sprich." – „Loretta, ich…", wollte Rokko den Überfall abwehren. „Ach komm schon. Ich erzähle dir wirklich alles – selbst die peinlichsten Details. Bitte, ich würde zur Abwechslung gerne zuhören." – „Okay, gut. Gib mir ein Glas Rotwein und Erdnüsse. Vielleicht gerate ich davon in Plauderlaune."
„Wenn ich heute als Erwachsener darauf zurückblicke, dann… dann denke ich, ich hätte es viel eher merken müssen. Es gab so viele Anzeichen, Hinweise, verstehst du?" – „Rokko, du warst doch quasi noch ein Kind. Er war dein Onkel. In dem Alter da ist die Familie doch… wenn ich von mir ausgehe… in dem Alter waren alle Onkel und Tanten irgendwie Helden für mich…" – „Ja, und genau das hat mich ja so blind sein lassen. Ich meine, er war doch unser Onkel. Er hat sich so viel um uns gekümmert, meinen Eltern immer angeboten, ihnen etwas von der Arbeit gerade mit Lars abzunehmen. Mit Lars war es ja auch nicht immer leicht. Er konnte ja nie alleine bleiben, konnte nicht wirklich ausdrücken, wenn er etwas brauchte. Lars! Wenn ich nur daran denke, was das in ihm ausgelöst haben muss – vermutlich versteht er nicht einmal ansatzweise, was Rüdiger da mit ihm angestellt hat." Betreten sah Loretta auf ihre Hände – sie war ja dabei gewesen, als Lars offenbar an diese Ereignisse in seinem Leben erinnert worden war. „Weißt du, was das schlimmste ist?" Loretta sah auf und schüttelte leicht den Kopf. „Dass ihm Lars nicht gereicht hat. Dass er sich dieses kleine Mädchen geschnappt hat und Gott-weiß-was mit ihr angestellt hat." – „Dafür hat er doch aber eine angemessene Gefängnisstrafe gekriegt, oder?", hakte Loretta nach. „Pf, von wegen. Umgebracht hat er sich, der feige Hund. Einfach so erhängt hat er sich, um sich nicht verantworten zu müssen." So ein fieser Mistkerl, schoss es Loretta durch den Kopf. „Du kannst es ruhig aussprechen – meine Verwandtschaft ist das letzte." – „Eigentlich dachte ich ja gerade, wie ungerecht das alles ist!", gab Loretta ehrlich zu. „Ich kenne ja nur deine Mutter und deinen Bruder, aber ich mag beide sehr gerne. Und dich auch. Ich glaube, dass dieser Rüdiger das schwarze Schaf der Familie sein muss…"
Erschöpft von dem Gespräch stellte Rokko sein Weinglas auf den Couchtisch und lehnte sich zurück. Wortlos legte Loretta ihren Arm um seine Schultern und drückte ihn ein wenig an sich. „Ich fühle mich gerade so hilflos. Ich würde dir so gerne etwas Aufmunterndes sagen, aber mir fällt nichts ein", gestand Loretta leise. „Ach, es hat gut getan, sich das alles mal von der Seele zu reden. Ich hätte ja nicht gedacht, dass du so eine gute Zuhörerin bist." – „Für ganz besondere Menschen strenge ich mich gerne an", erwiderte Loretta ernst. „Aber manchmal sagt eine Umarmung mehr als Worte", fügte sie seufzend hinzu. „Ja, das stimmt", bestätigte Rokko. Dabei sah er Loretta ernst an. Irgendwie war ihr Blick verändert, so eindringlich, so… „Bäh, David! Was soll denn das?", entfuhr es Rokko entsetzt, als er Lorettas Lippen auf seinen spürte. „David", wiederholte Loretta verletzt. „Es tut mir leid, Loretta. Ich habe mich nur so erschreckt…" – „Erschreckt, he? Weil die eklige Transe dich geküsst hat, oder?", regte Loretta sich auf. „Du bist nicht eklig, Loretta. Es ist nur… damit habe ich einfach nicht gerechnet. Ich mag dich, Loretta, sehr sogar, aber nicht so… also nicht genug, um dich zu küssen." – „Was glaubst du denn? Dass ich dir an die Unschuld wollte? Du selbst solltest doch wissen, was ein Kuss alles bedeuten kann." Rokko dachte kurz an die Parfüm-Präsentation, als er Lisa geküsst hatte, um sie davon abzubringen, ständig von David Seidel zu sprechen. David Seidel… damit musste er Loretta unglaublich wehgetan haben. „Sag etwas", forderte diese eindringlich. „Ich glaube, wir sollten uns erst einmal beruhigen. Ich gehe ins Bett." – „Ja, flieh von mir aus vor der Auseinandersetzung. Damit passt du so wunderbar zu Lisa", rief Loretta ihrem Mitbewohner noch hinterher.
„Loretta, Herzblatt, um die Zeit hier?", begrüßte Marie-France ihre Freundin in den Räumen des Travestie-Theaters. „Ich habe totalen Mist gebaut", fiel die Angesprochene sofort mit der Tür ins Haus. „Setz dich erstmal und beruhige dich." – „Das hat Rokko auch schon gesagt, aber ich will mich nicht beruhigen. Ich habe Mist gebaut." – „Das sagtest du schon", erwiderte Marie-France ungerührt. „Was genau hast du denn getan?" – „Ich habe Rokko geküsst." – „Deinen Mitbewohner?" – „Genau", seufzte Loretta. „Der einzige Mensch, der bisher bedingungslos zu mir gehalten hat…" Marie-France zog gekränkt die Augenbrauen hoch. „Der einzige Mensch, der zu meinem alten Leben gehört und bedingungslos zu mir hält… gehalten hat", korrigierte Loretta sich selbst. „Besser", grinste Marie-France. „Ihm hat dein Kuss wohl nicht so gefallen, oder?" Loretta schüttelte verzweifelt den Kopf. „Naja, das kannst du ihm ja auch irgendwie nicht verübeln", ergriff die Travestie-Schaustellerin erneut das Wort. „Ich meine, du warst immerhin mal der Mann, der ihm die Frau ausgespannt hat und jetzt bist du seine Mitbewohnerin und vielleicht auch eine gute Freundin. Das ist schon viel zu verarbeiten und dann auch noch ein Kuss. Das wäre mir in dem Moment wohl auch zu viel gewesen." – „Dabei hatten wir vorher so ein gutes Gespräch über ihn und seine Vergangenheit", seufzte Loretta. „Wieso hast du ihn eigentlich geküsst?", wollte Marie-France urplötzlich wissen. „Ich weiß es nicht. Es war so ein Reflex – das Gespräch, die Stimmung. Ich wollte ihn einfach nur aufbauen." – „Und da fängst du damit an, seinen Mund mit deiner Zunge zu reinigen. Entzückend", kommentierte Marie-France. „Nein, so war es ja gar nicht…", widersprach Loretta. „Bist du in ihn verliebt?", wollte ihre Bekannte wissen. „Nein, wo denkst du hin? Ich bin froh, dass ich im Moment solo bin. Mich selbst zu finden ist schwer genug, da brauche ich nicht noch jemanden, der mitsucht." – „Ah, dann hat das mit der Annullierung deiner Ehe geklappt?", freute Marie-France sich schon. „Pf", seufzte Loretta. „Das mit Lisa und mir ist zurzeit so empfindlich… sie schafft es ja gerade so, Paulchen bei mir zu lassen. Ich traue mich nicht, ihr auch noch damit zu kommen." – „Naja, im Moment ist es vielleicht erst einmal wichtiger, dass du das mit Rokko klärst. Er scheint ja direkt nach mir die wichtigste Stütze in deinem Leben zu sein", grinste Marie-France. „Los, mach schon. Verschwinde und klär das. Er hat das bestimmt nicht so gemeint, als er dich David genannt hat. Sag ihm einfach ehrlich, wie es zu dem Kuss kam und dass du in deinem Entsetzen über seine Reaktion einfach Dinge gesagt hast, die du jetzt bereust." – „Das tue ich", versicherte Loretta. „Also, bereuen." – „Dann sag ihm das", drängte Marie-France noch einmal.
Auf dem Weg zu ihrem Auto dachte Loretta darüber nach, was sie Rokko sagen würde, als sie plötzlich angesprochen wurde. „Haste mal Feuer, Süße?" – „Tut mir leid, ich rauche nicht", erwiderte sie wahrheitsgemäß. „Ey, ne Transe", lachte Lorettas Gegenüber sie an. „Ich habe kein Feuer für Sie", wiederholte Loretta angespannt. „Wenn ich dann bitte…" – „Nanana, nicht so schnell", hielt der offensichtlich alkoholisierte Mann sie zurück. „Ich würde dich gerne ein paar Freunden von mir vorstellen." – „Aber ich möchte das nicht. Ich möchte jetzt gehen", sagte Loretta entschlossen. „Ey, Jungs, kommt mal rüber", ignorierte der Mann einfach ihren Wunsch.
„Hast du deinen Schwanz noch?", wollte einer der Männer wissen. Als Loretta nicht antwortete, begann er, sie zu schubsen. „Hörst du schlecht? Ich habe dich etwas gefragt." Loretta stolperte gegen einen anderen Mann. Erst jetzt merkte sie, dass sie umzingelt war. „Hast du oder hast du nicht?" – „Vermutlich habe ich mehr Schwanz als du", erwiderte sie provokant. Unmittelbar danach holte ihr Gegenüber aus.
„Plenske", ächzte Lisa verschlafen in ihr Handy. „Hier ist Rokko. Kannst du ins Krankenhaus kommen?" – „Rokko? Es ist mitten in der Nacht…" – „Ich weiß. Du musst sofort ins Krankenhaus kommen. Bei den Seidels habe ich schon angerufen. Da ging nur der alte Friedrich ans Telefon. Der will mit Loretta nichts zu tun haben, aber… Lisa, Loretta braucht dich jetzt und ich auch." Alarmiert durch Rokkos verzweifelten Tonfall war Lisa aus ihrem Bett gesprungen. „In welchem Krankenhaus bist du?"
