Zurück nach New Earth ?
Sevens Augen weiteten sich und ihre Lippen öffneten sich leicht, doch sie überlegte kurz und antwortete dann: „Falls es uns gelingen sollte eine Warpspule zu besorgen, dann würde es ebenfalls notwendig sein einen Fusionsreaktor zu entwenden damit ein Transwarpkanal von dem Flyer erzeugt werden kann. Eine alternative Energiequelle wäre eine auf Benamitkristallen basierende Antriebskraft, allerdings ist hierfür eine Anpassung an die Transwarptechnik erforderlich und ebenfalls sind Benamitkristalle äußerst selten zu finden."
„Aber es wäre möglich", stellte Janeway fest.
Seven hob eine Augenbraue. „Ja, Captain."
„Das genügt mir. Kehren Sie wieder in Ihren Alkoven zurück und sprechen Sie vorerst mit niemandem über das, worüber wir gerade gesprochen haben. Dann kommen Sie bitte morgen früh um 0800 in meinen Raum."
„Ich habe verstanden. Gute Nacht, Captain", sagte Seven nur und verließ die Astrometrie.
Kathryn stützte sich nachdenklich auf einer Konsole ab und atmete einmal tief durch. Es war verrückt, aber machbar. Und sie brauchte so schnell wie möglich einen Plan.
Hat Ayala nicht einen beschädigtes Borgschiff erwähnt vor ein paar Tagen?
Sie machte sich auf den Weg zur Brücke, an Schlaf war nicht mehr zu denken. Es schien ihr fast wie Schicksal zu sein, dass sie vor ein paar Tagen ein Borgschiff passiert hatten und jetzt einen Klasse M Planeten ansteuerten um dort Landurlaub zu machen. Wenn es ihr gelingen würde an diese Spule und den Reaktor zu kommen, dann würde die Voyager einfach den Urlaub ausdehnen können und später etwas langsamer Richtung Erde fliegen. Sie würde genügend Zeit haben um nach New Earth zu kommen und dort hoffentlich Chakotay beweisen zu können, dass alles wahr war, was sie ihm erzählt hatte und ihn vielleicht auch wieder zurückzubekommen.
Und wenn die Zeit zu knapp wird, dann wäre ich bereit auch für den Rest meines Lebens mit Chakotay dort zu verbringen, kam es ihr in den Sinn.
Angefüllt mit neuer Energie und Tatendrang erreichte sie die Brücke, erschreckte mit ihrem Eintreten fast die Nachtschicht, die natürlich nicht im entferntesten mit ihr gerechnet hatten, fragte kurz nach dem Status und verschwand dann forschen Schrittes in ihren Bereitschaftsraum.
„Hab ich mir das nur eingebildet oder scheint sie wieder in ihre gewohnte Form hochzulaufen?", fragte Ensign Jenkins, die an der Conn saß.
„Vielleicht hat sie einen neuen Plan", stimmte White ihr zu und lächelte leicht.
„Wurde auch verdammt Zeit", murmelte Baxter, der im Chefsessel saß.
Kathryn setzte sich sofort an ihren Schreibtisch und begann mit Berechnungen, rief alte Berichte von damals auf, als eine Warpspule in der Voyager eingebaut war, überlegte, was sie überhaupt der Crew sagen würde und grübelte ständig, wie sie die ganze Aktion allein durchführen sollte. Denn eines war klar, sie würde weder die Crew noch die Voyager in Gefahr bringen.
Allerdings wird das fast nicht machbar werden, es sei denn, ich benutze noch einmal die Tarnfeldgeneratoren, die die Hansons entwickelt haben. Allerdings müssten die noch modifiziert werden, damit die Borg sie nicht gleich wieder aufspüren können.
Irgendwann nach der 5. Tasse Kaffee ertönte der Türsummer und Janeway blickte überrascht auf, als Seven of Nine hereinkam.
„Captain", begrüßte Seven sie. „Sie wollten mich sprechen", fügte sie hinzu, als sie bemerkte, dass Janeway etwas fragend schaute.
„Ist es wirklich schon 8 Uhr?", fragte Kathryn überrascht und schaute aufs Chronometer.
„Nehmen Sie Platz, Seven", sagte sie dann als sie realisiert hatte, dass sie die Nacht durchgearbeitet hatte. Die ehemalige Borg kam der Aufforderung nach und wartete ab.
„Sie haben gesagt, es sei möglich die Transwarptechnologie in den Delta-Flyer einzubauen solange wir auch einen Fusionsreaktor haben", fasste Janeway noch einmal zusammen und rief gleichzeitig den Maschinenraumbericht von B'Elanna auf. „Als wir damals den kurzen Transwarpflug mit der Voyager gemacht haben brach der Korridor nach einer halben Stunde zusammen weil wir nicht mehr genügend Energie erzeugen konnten. Ist der Reaktor mit unserem Warpkern kompatibel?"
Seven dachte einen Moment darüber nach und meinte dann: „Einige Anpassungen an die Sternenflottensysteme sind notwendig aber durchführbar."
„Wie lange reicht die Energie aus dem Reaktor? Ist es nur ein Hinflug oder gibt es auch einen Rückflug?"
„Das hängt davon ab, wie gut wir es schaffen würden den Reaktor mit dem Warpkern zu koppeln. Der Energiefluss muss exakt abgestimmt werden und bedarf einer kontinuierlichen Überwachung und Anpassung. Die Energie würde aber für einen Rückflug reichen."
Janeway nickte nachdenklich.
„Captain, Sie erwägen ernsthaft Commander Chakotay auf den Planeten mitzunehmen, auf dem sie beide vor ein paar Jahren gestrandet waren, ist das korrekt?"
Kathryn blickte die blonde Frau jetzt an uns sagte todernst: „Das ist richtig."
„Darf ich Sie dann fragen wie Sie gedenken an eine Warpspule und einen Fusionsreaktor zu kommen, Captain?"
„Sie dürfen fragen, Seven, aber um ehrlich zu sein, habe ich darauf noch keine wirkliche Antwort. Ich habe einen vagen Plan aber den muss ich noch ausarbeiten. Aber keine Sorge, ich habe nicht vor irgendjemanden von der Crew oder das Schiff zu gefährden. Ich werde das alleine machen."
Seven blickte sie jetzt fast schon mitleidig an.
„Vielleicht sollten Sie in Erwägung ziehen, dass das Wohl von Commander Chakotay nicht nur Ihnen am Herzen liegt. Soweit ich Lieutenant Ayala verstanden habe, hat die Crew ihre Unterstützung angeboten. Meine Unterstützung biete ich Ihnen direkt an." Ihr Blick blieb unnachgiebig auf Kathryn gerichtet und das brachte Janeway dazu, zu schmunzeln.
„Vielen Dank, Seven, aber das kann ich wirklich nicht verlangen und das möchte ich auch gar nicht. Es ist allein meine Idee und ich werde es allein machen. Es ist meine Verantwortung."
„Sie sollten sich das noch einmal überlegen, Captain." Seven stand auf und Janeway meinte nur: „Natürlich. In der Zwischenzeit vertiefen Sie sich bitte noch einmal in die portablen Tarnfeldgeneratoren, die Ihre Eltern erfunden haben. Finden Sie einen Weg sie zu modifizieren, so dass wir sie noch einmal benutzen können."
Seven hob eine Augenbraue. „Ja, Captain." Dann verließ sie den Bereitschaftsraum.
Eine Stunde später wurde Kathryn erneut unterbrochen.
„Krankenstation an den Captain", ertönte die Stimme des MHN.
„Sprechen Sie, Doktor", antwortete sie ohne sich wirklich von ihrer Arbeit ablenken zu lassen, hörte aber genau hin, als von Chakotay die Rede war.
„Commander Chakotay wünscht eine Unterredung mit Ihnen und ich ebenfalls."
Seufzend legte sie ein Padd beiseite und dachte: Früher oder später musste das kommen, allerdings wäre mir später lieber gewesen.
„Na schön, Doktor, ich werde Ayala bitten, Chakotay in meinen Raum zu bringen. Zu Ihnen werde ich später kommen."
„Wann wird das sein? Mein Anliegen ist äußerst wichtig, wir müssen uns unbedingt überlegen, wie es mit Chakotay weitergehen wird, ich habe da einige Ideen, Mr. Hamilton z.B. sucht noch dringend einen Hilfskoch, vielleicht könnte…", weiter kam er nicht, denn Janeway schnitt ihm das Wort ab.
„Wie schon gesagt, ich werde Sie später aufsuchen, Doktor. Janeway Ende."
Sie lehnte sich zurück und seufzte kurz. Sie würde wohl ihr Vorhaben nicht mehr lange geheim halten können. Schließlich tippte sie auf ihr Combadge.
„Janeway an Ayala, kommen Sie bitte in meinen Raum."
Sekunden später ertönte der Türsummer und der amtierende, erste Offizier trat ein.
„Guten Morgen, Captain", begrüßte Tarik sie freundlich und nahm auf ihre Geste hin Platz.
„Möchten Sie etwas trinken?", bot Janeway ihm an und der erste Offizier nickte.
„Vulkanischer Gewürztee?", hakte sie lächelnd nach.
„Genau, vielen Dank", bestätigte er und kurz darauf brachte Janeway das Gewünschte.
„Tarik", begann sie und überlegte dann, wie sie überhaupt am besten anfangen sollte. „Gestern Nacht hatte ich eine kleine Begegnung mit…", nein, das sage ich lieber nicht, entschied sie spontan und übersprang den Teil kurzerhand, „…oder sagen wir lieber, ich hatte eine Eingebung."
Tarik schaute sie ein wenig irritiert an, sagte jedoch nichts.
Genau wie Chakotay, er hört erst einmal zu um sich über das ganze Bild klar werden zu können, dachte Janeway gerührt.
„Ich hatte daraufhin eine kleine Unterhaltung mit Seven of Nine die mir erklärte, dass es möglich sei zurück nach New Earth zu fliegen. Ich brauche dazu lediglich eine Transwarpspule und einen Fusionsreaktor, baue das in den Delta Flyer ein und während Chakotay und ich etwas Urlaub machen dehnen Sie Ihren Aufenthalt hier etwas aus und fliegen dann mit niedrigem Warp weiter Richtung Erde, bis wir Sie wieder eingeholt haben. Zumindest ist das mein Plan", fügte sie noch hinzu.
Wenn er mich jetzt für verrückt hält kann ich ihm nicht mal unbedingt widersprechen, ging es ihr durch den Kopf, doch ihre Sorgen waren fast unbegründet.
„Mit allem Respekt, das ist ein ziemlich…", Tarik suchte nach einer passenden Umschreibung und entschied sich dann für „verwegener Plan, Captain. Aber vermutlich durchführbar. Aber wie kommen wir an eine Warpspule heran? Die, die wir damals in die Voyager eingebaut haben ist ausgebrannt, wenn ich mich recht erinnere."
„Ich werde das alleine machen, Lieutenant. Sie haben vor ein paar Tagen gemeldet, dass die Sensoren ein beschädigtes Borgschiff geortet haben. Ich werde also hinfliegen und mir das holen, was ich brauche."
„Erlaubnis offen zu sprechen, Captain?", fragte ihr erster Offizier.
Für einen kurzen Moment war sie versucht ihm das zu verwehren, ahnte sie doch schon, was jetzt kommen würde. Doch sie gestattete es ihm dennoch.
„Nur heraus damit."
„Ich dachte, seitdem wir durch die Leere geflogen sind, in dem die Dunkel-Spezies und die Malon waren, haben Sie gemerkt, dass Sie der Crew vertrauen können. Wir haben Sie damals nicht alleine gelassen und wir haben sicher nicht vor, das jetzt zu tun."
„Lieutenant", unterbrach ihn Janeway scharf, „ich habe mich entschieden."
„Dann werden Sie scheitern, Captain. Es ist unmöglich dieses Vorhaben allein durchzuführen und ich denke, das wissen Sie auch. Captain, bitte", bat Tarik sanft, „wir alle wissen, was Chakotay für Sie bedeutet, aber uns bedeutet er auch etwas. Und mit Verlaub, Seven hat mich bereits über ihr Vorhaben informiert."
Janeway blickte ihn überrascht an, mit so etwas hatte sie nicht gerechnet. Und plötzlich schwante ihr etwas.
„Ayala, was haben Sie getan?", fragte sie fassungslos.
„Ich wäre Ihnen kein guter erster Offizier, wenn ich es nicht getan hätte, Captain. Sie sind wichtiger als wir alle. Jeder aus der Crew würde sein Leben für Sie geben, ohne Sie werden wir niemals nach Hause kommen und Sie schaffen es nicht alleine. Wir wollen Ihnen helfen, vertrauen Sie uns doch."
„Wer, Tarik?", fragte sie nur und obwohl sie hätte wütend sein müssen, so sagte ihr Gefühl doch etwas ganz anderes.
„Bisher nur die Brücken-Offiziere, Captain", sagte er besänftigend und merkte, dass sein Captain ihn bisher zwar zornig angefunkelt hatte, jetzt jedoch ihre Züge weicher wurden.
„Ihnen ist klar, dass ich Sie auf der Stelle suspendieren und inhaftieren lassen kann, oder?", fragte sie streng. „Wegen Anstiftung zur Meuterei?"
„Ja Captain, aber das ist es mir wert." Der Lieutenant straffte seine Schultern und sah Janeway in die Augen.
Gib es auf, Kathryn, und akzeptiere endlich, dass diese Leute Deine Familie sind. Sie würden für Dich sterben. Und Tarik hat Recht, Chakotay ist für alle wichtig, nicht nur für Dich. Lass sie Dir helfen.
Die Stimme in ihrem Inneren klang nach ihrem tierischen Begleiter und ihr Ärger darüber, dass Seven, Ayala und ihr Führungsstab sich ihr entgegen stellten, verebbte.
„Also schön, Lieutenant, Ihr Einwand wurde registriert. Dann informieren Sie die anderen über den Plan und lassen alles vorbereiten. Seven arbeitet an den Tarnfeldgeneratoren, die ihre Eltern entwickelt haben. Vielleicht kann Ensign Lang ihr dabei behilflich sein. B'Elanna soll sich derweil den Delta Flyer vornehmen, vielleicht kann sie uns noch einen Vorteil verschaffen wenn wir auf die Borg treffen. Die Teilnahme an dieser Mission ist freiwillig, verstanden?"
„Ja, Captain. Tom, Seven und ich werden Sie begleiten."
Janeway starrte ihn überrascht an, dann musste sie einfach lächeln.
„Sie scheinen alles schon bis ins kleinste Detail geplant zu haben, Tarik."
„Sagen wir, ich habe gehofft, Sie überzeugen zu können."
Der Lieutenant stand auf und wandte sich zum Gehen. Kurz bevor er die Tür erreichte hielt ihn Kathryns Stimme noch einmal zurück.
„Tarik." Er drehte sich noch einmal zu ihr herum.
„Bitte bringen Sie Chakotay in meinen Bereitschaftsraum und…danke. Für alles", sagte sie nur.
Tarik nickte kurz und schmunzelte leicht, dann ließ er sie allein.
Kathryn schüttelte den Kopf. So war das Ganze nicht geplant aber wenn sie ehrlich war, dann fühlte sie jetzt nur noch eine grenzenlose Dankbarkeit gegenüber ihrer Crew.
Jetzt fühlte sie auch sicherer, wenn sie gleich Chakotay gegenüber treten würde und ihm ihr Vorhaben mitteilen würde. Zumindest war sie im Moment noch entschlossen, das zu tun.
Minuten später ertönte der Türsummer und Chakotay stand in der Tür.
„Danke Tarik, bitte warten Sie draußen", sagte Kathryn an Chakotays Eskorte gewandt und der Lieutenant nickte.
„Nehmen Sie Platz. Möchten Sie einen Tee?", fragte sie und musterte Chakotay so, als ob sie ihn seit Jahren nicht mehr gesehen hatte.
„Nein, danke", antwortete er und setzte sich ihr gegenüber. Kaum dass er saß äußerte er sein Anliegen.
„Was gedenken Sie nun mit mir zu machen, Captain? Ich bin es leid, ewig in diesem Quartier eingesperrt zu sein." Er zögerte kurz und fuhr dann fort, den Blick auf seine Hände gerichtet: „Ich habe noch einmal versucht meine Erinnerungen zu sortieren. In einem Punkt denke ich, dass ich Ihnen glauben kann – Sie wollen mir nichts Böses. Der Rest allerdings… ich weiß einfach nicht, was stimmt, es tut mir leid."
Kathryn hatte ihm mit etwas Herzklopfen zugehört und sagte dann eindringlich: „Ich werde Ihnen beweisen, dass New Earth der Realität entspricht. Wir werden dorthin zurückkehren. Nur Sie und ich."
Chakotay schaute sie überrascht auf. „Zurückkehren? Aber sagten Sie nicht, dass sie diesen Planeten vor einigen Jahren besucht haben? Die Reise dorthin, sofern er existiert, würde ebenfalls Jahre dauern."
„Wir werden uns ein wenig Technologie von den Borg ausleihen. Wenn alles gut geht können wir in ein paar Tagen starten. Bis dahin dürfen Sie sich auf dem Schiff frei bewegen, allerdings sind die Brücke, der Maschinenraum und sensible Bereiche für Sie tabu."
„Borg?", hauchte Chakotay fassungslos. „Die werden uns assimilieren!", rief er dann erregt aus.
„Das werden sie nicht", hielt Janeway dagegen. „Ich mache das alles, damit Sie sich wieder an Ihr altes Leben erinnern, Chakotay", schnappte sie dann. „Ich habe es so versucht, aber ich fürchte, Amonia hat sie zu sehr verdreht, daher muss ich jetzt zu drastischen Maßnahmen greifen. Falls es Ihnen für Ihre Suche nach der Wahrheit helfen kann – die Crew unterstützt mich, alles, nur damit wir unseren ersten Offizier, nämlich Sie, wiederbekommen."
Chakotay konnte sie nur anstarren und wusste nicht, was er sagen sollte.
Die Borg angreifen? Nur meinetwegen? Er massierte sich mit einer Hand die Stirn und schloss kurz die Augen.
„Chakotay? Geht es Ihnen nicht gut?", fragte Janeway jetzt besorgt.
„Warum tun Sie das?", fragte er schließlich und sah sie jetzt an. „Warum bin ich Ihnen und dieser Crew so wichtig?"
Jetzt war es an Kathryn etwas verlegen nach unten zu sehen als sie antwortete: „Das habe ich Ihnen doch schon gesagt, auf dem Holodeck. Sie sind mir wichtiger als mein eigenes Leben. Und wenn es nur irgendeine Chance für mich gibt, Sie in den alten Chakotay zu verwandeln, dann muss ich sie nutzen und wenn es mein Leben kostet. Als Captain kann ich nur sagen, ich hatte nie einen besseren, ersten Offizier. Genügt Ihnen das als Antwort?"
Chakotay trafen diese Worte mehr, als alles andere bisher. Für einen Moment wünschte er sich verzweifelt, das Chaos in ihm ordnen zu können und sich daran zu erinnern, dass alles, was diese Frau ihm gerade gesagt hatte, wahr war.
„Es… es tut mir leid", brachte er hervor und suchte den Blickkontakt zu ihr. Als Kathryn diese Wort von ihm hörte blickte sie ihm ebenfalls in die Augen. Sie spürte, dass er noch etwas sagen wollte, aber scheinbar brachte er es nicht über seine Lippen. Wortlos stand er auf und wandte sich zum Gehen. Ayala stand noch vor der Tür und nach einem kurzen Nicken von Janeway begleitete er ihn wieder zu seinem Quartier.
Als sich die Türen geschlossen hatten ging Kathryn zu ihrer Couch und blickte hinaus in die Sterne.
Sie hatte ein wenig das Gefühl, einen Schritt nach vorne gemacht zu haben, Chakotay schien zumindest ernsthaft über alles genau nachzudenken, das hatte sie ihm ansehen können. Dann fiel ihr ein, dass sie ganz vergessen hatte Ayala über Chakotays neu gewonnenen Freiraum zu informieren.
Sie wartete noch ein paar Minuten bis sie sicher sein konnte, dass er allein sein würde, dann informierte sie ihn über die Kommunikationsanlage und befahl ihm noch, Chakotay möglichst unauffällig im Auge zu behalten, wenn er das Quartier verlassen würde.
Tarik bestätigte dies und traf entsprechende Maßnahmen.
Am späten Nachmittag hatte Janeway das erste Briefing einberufen. Sie hatte eigentlich angenommen, dass Ayala wirklich alle Führungsoffiziere eingeweiht hatte, musste aber feststellen, dass er es mit dem Begriff „Brückenoffiziere" doch präziser ausgedrückt hatte, als sie angenommen hatte. Das Resultat war, dass Crewman Hamilton zwar ein wenig überrascht war, aber sofort gewillt zu helfen und der Doktor, der bis dato keine Ahnung von dem „Wahnsinn" hatte, wie er es nennen sollte, dem Captain klarmachte, dass sie nicht nur den versprochenen Besuch auf der Krankenstation bezüglich seiner morgendlichen Bitte um eine Unterredung versäumt hatte, sondern nun auch noch in Erklärungsnot war, warum er nicht informiert worden war. Da Janeway den Hang zur Überdramatisierung des Doktors kannte, schnitt sie ihm recht schnell energisch das Wort ab mit dem Hinweis, sie würde nach dem Meeting sofort mit ihm sprechen. Ganz zufrieden war er wohl nicht, aber immerhin verstummte er und das Team konnte den Ablauf der ganzen Aktion besprechen. Sevens Tarnfelder waren so angepasst, dass sie eine permanent rotierende Sequenz benutzten, die die Borg bisher noch nicht kannten und es ihnen wohl damit eine gute Chance gab, ungesehen eine Zeitlang im Kubus zu agieren. B'Elanna hatte dann noch salopp angemerkt, dass es recht schwachsinnig sei, ohne einen fähigen Ingenieur versuchen zu wollen den Fusionsreaktor zu entwenden und somit hatte sich das Außenteam um eine Person vergrößert.
„Wenn also alles gut geht, dann gehen wir rein, holen uns, was wir brauchen und verschwinden wieder", fasste Janeway am Ende des Meetings zusammen. „Gibt es jetzt noch irgendwelche Fragen?"
Janeway schaute in die Runde, aber alle schienen zu wissen, was zu tun war.
„Gut. Mr. Hamilton", wandte sich Janeway jetzt an den Koch, „Sie sammeln unterdessen ein paar Leute und werden derweil auf den Planeten beamen. Sehen Sie zu, dass Sie etwas schmackhaftes da unten finden. Tarik, Sie haben die Landurlaubspläne fertig?"
„Ich habe mir erlaubt, die Führungsoffiziere vorerst vom Urlaub auszunehmen und eine Rotation für den Rest der Besatzung erarbeitet. Es ist soweit alles bereit. Wir können sofort anfangen, die Leute herunterzuschicken."
Janeway nickte zufrieden. „Sehr gut, sie dürfen wegtreten. Doktor, Sie bleiben."
Der Captain wartete, bis alle anderen den Raum verlassen hatten und sagte dann: „Also Doktor, Sie wollten mich sprechen?"
„Allerdings wollte ich, aber schon vor Stunden. Und warum hat mich niemand informiert? Als leitender, medizinischer Offizier sollte ich als einer der Ersten über solche Dinge Bescheid wissen. Immerhin geht es um einen Patienten von mir."
„Doktor, wenn es Ihnen damit besser geht, ich hatte gar nicht vor die Crew zu informieren, jedenfalls nicht im Vorfeld. Sehen Sie es einfach als Versehen, dass Lieutenant Ayala Sie vergessen hat."
Das Hologramm rollte verärgert mit den Augen und meinte: „Das wird ja immer unglaublicher, sagen Sie nicht, Sie hatten vor das wieder mal allein durchzuziehen."
„Doktor, mäßigen Sie sich bitte", sagte Janeway nun leicht verärgert.
Doch das MHN dachte gar nicht daran. Er war ebenfalls verärgert und hatte nicht vor sie diesmal wieder davonkommen zu lassen.
„Bei allem Respekt, Captain, ich mache mir ernsthaft Sorgen um Sie. Dieses Verhaltensmuster haben Sie das letzte Mal an den Tag gelegt, als wir die Leere durchflogen haben. Wie Sie sich vielleicht erinnern sind Sie knapp an der Diagnose „beginnende Depressionen" vorbeigeschrammt. In diesem Falle würde ich sagen, Sie sind dabei eine Besessenheit zu entwickeln, um den Commander wieder … zum Commander zu machen, ohne Rücksicht auf ihr Leben und ohne Rücksicht auf die Crew."
„Dasselbe würde ich für jeden in dieser Crew tun", sagte sie betont ruhig. „Wir haben schon öfters Borgschiffe infiltriert, wir werden es wieder schaffen. Und diesmal sollte es ein Spaziergang werden wenn die Sphäre wirklich so beschädigt ist, wie es aussieht."
Das MHN seufzte. Mit ihr war wirklich nicht zu reden. Er billigte ihr Vorhaben in keiner Weise, konnte aber auch nichts machen. Also stand er auf um den Rückzug anzutreten.
„Dann gibt es wohl nichts mehr zu sagen", meinte er noch.
„Sehr richtig, Doktor."
Als das Hologramm in der Tür stand drehte er sich noch einmal zu Janeway um und meinte: „Ich hoffe nur, Sie haben auch daran gedacht, dass Ihr Plan fehlschlagen könnte. Wobei ich dabei nicht unbedingt an die Beschaffung der Borgteile denke."
Damit ließ er sie allein. Kathryn war für eine Sekunde wie gelähmt, denn daran hatte sie wirklich nicht gedacht. Sie war so fest davon ausgegangen, dass auf New Earth alles gut werden würde, dass sie die Möglichkeit eines Fehlschlages nicht einmal in Betracht gezogen hatte.
„Nein, es wird gelingen", sagte sie halblaut vor sich hin um sich selber davon zu überzeugen. „Es muss einfach."
Die nächsten Stunden wurden dazu gebraucht, um den Flyer und das Außenteam auf den Einsatz vorzubereiten. Auf dem Holodeck übten die vier Teammitglieder ihr Vorgehen. Seven und Janeway hatten die Sensorlogbücher noch einmal genau ausgewertet und hatten die zugegebenermaßen eher spärlichen Informationen über die beschädigte Sphäre in das Szenario eingegeben. Aber bisher sah es gut aus. Der kritische Punkt waren die etwas langen Ausbauzeiten der Spule und des Generators, hier waren sie dreimal gescheitert und beim vierten Versuch nur knapp entkommen.
„Knapp, aber machbar", kommentierte B'Elanna den erfolgreichen Versuch. „Wenn ich das Trennen der Verbindungen noch ein wenig schneller hinbekomme, dann sollten wir gar keine Probleme mehr haben."
„Viel Zeit zum Üben bleibt Ihnen nicht mehr, B'Elanna, morgen früh brechen wir auf. Tarik, Tom, bereiten Sie alles vor. Wir treffen uns um 0600 in der Shuttlerampe."
Janeway nickte den Dreien noch einmal kurz zu und verließ dann das Holodeck, nur um in jemanden reinzulaufen.
„Entschuldigung", murmelte Kathryn, die nämlich ziemlich forsch aus dem Holodeck gestürmt war und nicht drauf geachtete hatte, ob jemand gerade an der Tür vorbei ging. Sie schaute auf, wen sie erwischt hatte und erstarrte.
„Captain, können wir uns unterhalten? Unter vier Augen?", bat Chakotay sie eindringlich.
Kathryn brauchte ein paar Sekunden um alles zu realisieren. Offenbar hatte Chakotay hier auf sie gewartet.
„Folgen Sie mir", sagte sie dann und führte ihn zum Bereitschaftsraum.
