Als er die Häuser der Stadt endlich hinter sich gelassen hatte, trat er seinem Tier in die Flanken und galoppierte in Richtung des Erebor. Dort stieg er ab und warf wortlos einer der Wachen die Zügel zu. Er betrat die kühle, dämmrige Eingangshalle und atmete auf. Durchgeschwitzt, mit brennenden Augen und schmerzendem Schädel stapfte er die Treppen hinauf, das Gesicht eine starre Maske. Niemand wagte es, ihn anzusprechen. Das Sternenzimmer mit der Terrasse würde zu dieser Tageszeit leider in der prallen Sonne liegen und so wollte er sich nur noch auf sein Bett werfen, alle Lichter löschen und sich in der Dunkelheit, Kühle und Stille seines Berges verkriechen.
Er warf die Türen hinter sich zu und legte seinen Gürtel ab. Der prächtige Dolch der daran hing und den er vor dem Jagdfest vergeblich gesucht hatte, war anderntags genau dort gewesen, wo er hingehörte und Thorin hatte aufs Neue an seinem Verstand gezweifelt.
Seit dem Vorfall nach der Jagd hatte er kaum noch gegessen. Alleine im Speisesaal zu sitzen, bedrückte ihn und so hatte er nur unregelmäßig überhaupt etwas zu sich genommen. Nur wenn er bei Dwalin zu Gast war, aß er aus reiner Höflichkeit seinen Teller leer. Seine Kleider hatten bereits alle geändert werden müssen und auch seine Hände schienen schmaler geworden zu sein, denn als er jetzt Dolch und Gürtel auf das Schränkchen neben seinem Bett legte, glitt ihm sein Wappenring vom Finger. Der kostbare Stein mit dem fein ziseliertem Familienwappen zerbrach auf den steinernen Fliesen und sprang in zwei Teilen aus seiner goldenen Fassung.
Thorin fiel auf die Knie und stieß einen furchtbaren Schrei aus. Nicht auch noch das! Der Ring, den sein Vater ihm zur Volljährigkeit geschenkt hatte! Er schrie und fluchte brüllend seinen Kummer und seinen Schmerz hinaus, bis er heiser war und seine Kehle brannte.
Dann sank er zurück auf seine Fersen und ließ stöhnend den Kopf hängen. Er sammelte langsam die beiden Bruchstücke des Steines auf und sah sich nach dem Ring um. Wahrscheinlich war er irgendwo unter das Schränkchen gekullert. Ächzend legte er die kleinen Bruchstücke zur Seite, griff sich einen Kerzenhalter und wollte gerade dort nachsehen, als er stutzte. Was war das?
Im flackernden Licht der Kerze glänzte etwas schwach in den schmalen Fugen zwischen den polierten Steinfliesen. Zu sehen war es nur, wenn er von so nahem schaute und dabei die Kerze bewegte oder die Flamme flackerte. Dann glitzerten in den feinen Ritzen Spuren von Goldstaub neben seinem Bett. Er untersuchte eine andere Stelle im Raum. Nichts. Genau hier neben seinem Bett hatte er sich an jenem furchtbaren Abend übergeben. War etwa Goldstaub in seinem Erbrochenen gewesen? Jemand hatte später gründlich aufgewischt, aber in den Ritzen und Fugen hatten sich kleinste Reste festgesetzt. Er hatte das Bier erbrochen. Das war das einzige, was er an dem Abend zu sich genommen hatte. Jemand musste Goldstaub in sein Bier gestreut haben. Deshalb die Übelkeit und die Leibschmerzen, nachdem er den Krug geleert hatte. Deshalb der Goldwahn.
Verwirrt starrte er auf den Boden.
Als er vorhin ins Zimmer gekommen war, hatte er gedacht, dass dieser verfluchte Tag jetzt wenigstens nicht noch schlimmer werden konnte. Aber er hatte sich getäuscht.
Die Erkenntnis traf ihn wie einer von Dwalins Faustschlägen in die Magengrube.
Dís.
Sie hatte das alles bis ins Kleinste geplant. Wahrscheinlich hatte Junkin das Gold auf ihre Anweisung hin in sein Bier getan. Ihm gab er keine Schuld. Er wusste, wie treu ergeben der Diener seiner Herrin war. Und sie hatte mit dem Drachenkleid und ihrem aufsehenerregenden Auftritt dafür gesorgt, dass sich sein Wahn gegen sie richten würde und nicht gegen jemand anderen. Den Dolch hatte sie oder Junkin für den Abend versteckt, damit er nicht damit auf sie los ging. Sie hatte riskiert, ihr Leben zu verlieren, aber sicherlich darauf gebaut, dass irgendjemand früh genug eingreifen würde. So wie es dann ja auch gewesen war. Sie hatte ihm eiskalt berechnend ihren Willen aufgezwungen, die gewünschte Trennung herbeigeführt, den Gefährten bekommen, den sie wollte und ihm das Versprechen abgenötigt, selber einen Bund zu schließen. Sogar mögliche Kandidatinnen hatte sie vorbereitet. Sein Wunsch nach dem Geschwisterbund und ihre Ablehnung hatten sich als perfekter Erklärungsvorwand erwiesen. Wahrscheinlich war ihr Auftreten in der Eingangshalle, als sie die ankommenden Jäger begrüßt hatte, eine Art Versuch gewesen. Auch da war er verärgert über ihren Elbenschmuck und ihr freizügiges Kleid gewesen und als er ihr nahe kam, spürte er die ersten Anzeichen vom Goldwahn. Wahrscheinlich war Goldstaub auf ihrem Kleid oder Haar gewesen und als sie von ihm zurücktrat, ging es vorbei. Es passte plötzlich alles zusammen.
Veris Worte fielen ihm wieder ein. Er unterschätze den Schmerz einer verwaisten Mutter, hatte sie gesagt. Das war es wohl, was die Liebe seiner Schwester zu ihm erstickt hatte. Sie konnte ihm den Tod ihrer Söhne nicht verzeihen. Es würde immer zwischen ihnen stehen. Das hatte sie selber gesagt. Aber er hatte es nicht wahr haben wollen. Als Fíli und Kíli starben, hatte er auch sie verloren.
Er ließ sich an der Wand neben seinem Bett zu Boden sinken und weinte.
