Nächste Woche wird es keine Updates geben, da ich im Urlaub bin.
Schreibutensilien liegen aber jederzeit bereit und werden tatkräftig benutzt werden :)
Kapitel 21
Noch lange, nachdem er die Türen Hogwarts' in der Ferne hatte zuschlagen hören, saß Severus im Gras und lauschte der Stille, die ihn umgab. Noch vielmehr als der Stille der Nacht, wurde er der Stille in seinem Kopf gewahr. Die Gedankenstürme, denen er den Abend über ausgesetzt war, waren allmählich abgeflaut und hinterließen nichts außer einer gähnenden Leere und einem undefinierbaren Gefühl in der Magengrube, das mit jeder Minute, die er reglos verharrte, stärker wurde. Wie in Trance sah er schweigend auf die helle Scheibe am Himmelszelt.
Hermine fand einen durch und durch verlassenen Gemeinschaftsraum vor. Dennoch drang die Musik aus der Großen Halle bis zu ihr hinauf und sie ging schnell in ihr Zimmer, bevor irgendjemand der unteren Klassen beschloss, noch eine Weile am Feuer zu sitzen oder jemand anderes in den Raum trat, denn sie wollte nicht, dass jemand sie so sah. Überhaupt wollte sie niemanden sehen oder hören und schon gar nicht in die bei ihrem Anblick besorgt dreinblickenden Gesichter Harrys und Rons sehen. Was sollte sie ihnen schon sagen? Natürlich würden sie verstehen, dass sie sich Sorgen machte, doch sie würden merken, dass es nicht nur der Angriff auf Hogwarts war, der ihr Kopfzerbrechen bereitete. Wie sollte sie ihnen erklären, was in ihr vorging, wenn sie es sich nicht einmal selbst erklären konnte? Vielleicht würde sie Ron davon überzeugen können, dass es nichts weiterhin gab und sie sich um sie keine Sorgen machen sollten, aber Harry? Harry würde doch sofort herausfinden, dass etwas nicht stimmte. Falsch, Harry wusste schon, dass etwas nicht stimmte und sie würde erneut seinen Fragen ausgesetzt sein.
Sie machte kein Licht, als sie ihr Zimmer erreicht hatte, stand minutenlang bewegungslos in der Mitte des Raumes, als wüsste sie nicht, wohin sie nun gehen sollte, bis sie schließlich ans Fenster trat und ihren Blick einmal mehr in die sternenklare Nacht hinausschweifen ließ.
Wie konnte sie sich nur so gehen lassen und vor Snape zu weinen anfangen? Das war, als spiele sie ihm direkt zu, womit er sie – und wahrscheinlich vor der ganzen Klasse – bloßstellen konnte. War es nicht genug, dass er sie EINMAL so gesehen hatte? Musste sie ihn schon wieder so nahe an sich heranlassen? Und diesmal hatte sie keinen Trank, dem sie die Schuld geben konnte. Verdammt, was war nur los mit ihr? Wieso verhielt sie sich so seltsam? Und wieso verhielt ER sich so seltsam? Nie hätte sie gedacht, dass sie einmal Seite an Seite mit Snape im Gras sitzen und in die Sterne schauen würde. Das war eine Situation, die sie immer für absolut romantisch empfunden hatte und jetzt wurde das alles kaputt gemacht durch diese langnasige Fledermaus! Was dachte er sich eigentlich dabei?
Trotz allem konnte sie ihm nicht wirklich böse sein, denn was hatte er schon gemacht? Er saß schließlich auch nur da und hatte, so schien es ihr, irgendwie die Absicht ein Gespräch anzuleiern, weiß der Teufel warum. Was wollte er eigentlich?
Im Schein des Mondlichtes nahm sie eine Bewegung war.
Severus hatte sich abrupt erhoben, als er durch ein Geräusch aus der näheren Umgebung aus seiner Starre erwachte.
„Lumos. Wer ist da? Rauskommen, aber sofort!"
Hinter einem nahegelegenen Baum ertönte ein leises „Verdammt", bevor langsam zwei ängstliche Gesichter in den Schein von Severus' Zauberstab traten.
„Äh, Professor...wir haben nur...also wir waren...", stotterte eine ängstliche Hufflepuff-Viertklässlerin, während sich der Junge, der geschockt auf Snapes Zauberstab starrte, in Schweigen hüllte.
„Wenn Sie meinen, Sie könnten sich hier draußen auf ein kleines Stelldichein treffen, haben Sie sich geirrt", schnitt Severus' tiefe Stimme durch die ihn eben noch umgebende Stille. „Und jetzt sofort zurück zum Schloss, oder ich sorge dafür, dass Sie Ihre Koffer packen können!"
„Selbstverständlich, Professor", sagte das Mädchen, bevor sie ihren Freund am Ellbogen packte und beide in Richtung Schloss rannten.
Als sie außer Sicht waren, besah sich Severus noch einmal die Stelle, an der er eben noch gesessen hatte. In Gedanken sah er wieder Hermine vor sich und wie sich diese einzelne Träne ihren Weg gebahnt hatte. Er blickte auf zum Gryffindor-Turm. Im Schein des Mondlichtes meinte er sie am Fenster stehen zu sehen und für einen Moment war er sich sicher, dass sie ihn direkt angesehen hatte. Energisch schüttelte er den Kopf, als könne er diesen Gedanken dadurch verscheuchen und als er wieder aufblickte, war die Gestalt verschwunden.
‚Severus, du siehst Gespenster', und mit diesem Gedanken machte er sich auf den Weg in die Kerker.
Als Hermine am nächsten Tag erwachte, hatte die Sonne bald ihren höchsten Punkt erreicht. Sie gähnte und rieb sich verschlafen die Augen. Sonntag. Was war doch gleich sonntags? Mit noch halb geschlossenen Lidern tappte sie ins Bad und nahm erst einmal eine Dusche, um richtig wach zu werden.
Da sie noch keinen allzu großen Hunger verspürte, setzte sie sich an ihren Schreibtisch, um den Rest der Hausaufgaben zu erledigen, die sie vor dem Fest nicht mehr geschafft hatte, bis sie durch Schritte vor ihrer Tür abgelenkt wurde. Als sie ihren angefangenen Satz beendet hatte drehte sie sich um und sah einen Zettel auf dem Boden liegen, den offensichtlich jemand unter der Tür durchgeschoben hatte.
Bei dir ist es gestern wohl auch spät geworden, wollte dich nicht wecken.
Snape will dich sehen
Ginny
Natürlich! Wie konnte sie nur vergessen, dass sie sonntags in Snapes Labor erwartet wurde!
‚Hermine, wo hast du nur deinen Kopf!'
So schnell sie konnte lief sie in den Gemeinschaftsraum, doch von Ginny fehlte jede Spur. Das Zimmer lag genauso verlassen da wie in der gestrigen Nacht, also machte sie sich auf den Weg in die Kerker, obwohl sie Ginny zuvor gerne noch gefragt hätte, ob Snape wütend war, als er ihr auftrug, die Nachricht an Hermine zu übermitteln.
Mit einem mulmigen Gefühl stand sie schließlich vor seiner Tür und klopfte an.
„Schließen Sie die Tür hinter sich", ertönte Snapes barsche Stimme, während Hermine gerade noch den sinkenden Zauberstab sah, mit dem er die Tür so hart aufgestoßen hatte, dass sie gegen die Wand prallte. Sie gehorchte aufs Wort und stand danach unschlüssig im Raum. Das mulmige Gefühl wurde mit jeder schweigsamen Sekunde stärker, doch Severus kehrte ihr immer noch den Rücken zu und sie traute sich nicht, zu ihm hinüberzugehen, um zu sehen, über was er gerade brütete.
Nach einer halben Ewigkeit wie es ihr schien, drehte er sich zu ihr um und sah sie an.
„Miss Granger, stimmt irgendetwas nicht?", fragte er und trat auf sie zu. In diesem Moment sah er wieder die alte Ängstlichkeit in ihren Augen aufblitzen und blieb abrupt stehen.
„Miss Granger?", fragte er leise.
Endlich räusperte Hermine sich. „Nein, es...es ist nichts, Professor", erwiderte sie und blickte zu Boden.
„In Ordnung", doch Severus wusste genau, dass es das nicht war. Anstatt weiter auf sie zuzugehen, wandte er sich wieder seinem Labortisch zu. „Kommen Sie, Miss Granger."
Hermine ging langsam zum Tisch, stellte sich jedoch in sicherem Abstand neben Severus. Er hob eine Augenbraue, sagte aber weiterhin nichts dazu.
Jedes Mal, wenn er eine schnelle Bewegung mit dem Zauberstab machte, um zum Beispiel einige kleinere Flakons herbeizuholen, zuckte Hermine leicht zusammen, was ihm nicht verborgen blieb.
‚Severus, du kannst es einfach nicht lassen und musst überall Angst und Schrecken verbreiten', schalt er sich in Gedanken, auch wenn er kurz darauf am liebsten gelacht hätte, schließlich war es das, was er all die Jahre, die er nun Lehrer in Hogwarts war, getan hatte und nie hatte es ihm in irgendeiner Weise leid getan.
Severus hatte Hermine Aufzeichnungen über verschiedene Tränke vorgelegt, wie auch er über weiteren Tränken brütete. Hermine las sich alles durch und blickte nach einer halben Stunde intensiven Nachdenkens zum ersten Mal auf.
„Professor? Fast alle diese Tränke dienen dem Schutz von Personen, bis auf diese hier", und sie deutete auf das letzte Pergament. „Korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, aber...diese Tränke sind nicht zulässig."
„Richtig, Miss Granger. Sie sind zu gefährlich, deshalb sind sie zumindest im Unterricht nicht zulässig und sie sind auch nicht gerade Teil des Allgemeinwissens."
„Das kommt mir doch bekannt vor", murmelte sie still in sich hinein.
„Bitte, Miss Granger?"
„Oh, nichts, gar nichts, ich...habe nur laut gedacht."
Severus war weder taub noch blind und sah in ihren Augen genau, was sie gedacht hatte. Er seufzte. „Miss Granger... ich weiß nicht, wie oft - "
„Ich sagte doch", unterbrach sie ihn, „es ist nichts", und sah ihn dabei mit einem Blick an, der deutlich machte, dass sie über dieses Thema nicht länger reden wollte.
„Professor, diese Tränke... Ich bin mir bewusst darüber, dass ich hier Dinge, die über den Lehrstoff hinausgehen, lerne, aber..." Sie stoppte, als wäre offensichtlich, was sie sagen wollte.
„Aber?", wiederholte er.
„Sehen Sie sich das doch an! Das sind Tränke, die im schlimmsten, oder sollte ich besser sagen, im glücklichsten Fall denjenigen, der sie trinkt, töten, denn dafür sind sie ja schließlich konzipiert. Warum... ich meine, warum..."
„Warum ich Ihnen diese Tränke zeige?" Hermine nickte.
„Sie wissen so gut wie ich, dass es bisher nichts gab, um den Dunklen Lord aufzuhalten. Ebensogut wissen Sie, dass der Patronus nur mit Mühe aufrechterhalten werden konnte. Und Sie können sich vorstellen, dass dieser Angriff erst der Anfang war. Dass dort draußen noch bei weitem mehr Dementoren warten, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Und wir müssen einen Weg finden, gegen sie vorzugehen."
„Aber, Sir, das sind TRÄNKE! Wie wollen Sie die Dementoren denn dazu bringen, die zu trinken?"
„Das ist genau der Grund, aus dem Sie hier sind."
Hermine blickte ihn fragend an.
„All die Tränke, die Sie hier sehen, sind dazu gedacht, den, der sie trinkt, zu beschützen oder, im Falle der letzten, ihn zu töten. Unsere Aufgabe ist es nun, die elementaren Bestandteile herauszufinden, sie herauszufiltern und einen neuen Trank zu kreiren, der die Dementoren vernichten wird. In den schützenden Tränken", er deutete auf die ersten drei Pergamentseiten, „sind Inhaltsstoffe, die NUR und AUSSCHLIESSLICH in diesen Tränken vorkommen. Es sind Inhaltsstoffe, die in der richtigen Dosis dafür sorgen werden, dass der Trank, den wir brauen, nicht getrunken werden muss; wir müssen ein Elixier herstellen, aus den Teilen der schützenden wie auch der giftigen Tränke, das es möglich macht, den Feind bei der bloßen Berührung damit, ein für allemal zu vernichten."
Eine lange Pause entstand, in der Hermine verarbeitete, was sie gerade gehört hatte.
„Professor...das ist Wahnsinn", sagte sie leise.
„Ich weiß, Miss Granger, aber es ist die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, bis Albus etwas Besseres einfällt. Miss Granger, sehen Sie mich an." Langsam hob Hermine ihren Blick.
„Miss Granger. Wir müssen es versuchen! Natürlich ist es ungewöhnlich, aber wir MÜSSEN, verstehen Sie?"
„Ich weiß nicht, ob ich das kann, Professor", sagte sie kleinlaut.
„ICH weiß, dass Sie das können. Miss Granger, Sie müssen jetzt mit mir zusammenarbeiten, ich kann diesen Trank nicht alleine machen, es würde Jahre dauern. Ich..." ‚Sag es nicht, Severus, sag es nicht' „Ich brauche Sie."
Wie gebannt starrte Hermine auf ihren Zaubertränkelehrer und traute ihren Ohren nicht. Hatte sie sich verhört? Hatte er gesagt, er...brauche sie?
Noch weniger, als was sie sagen könnte, wusste sie, was sie denken sollte. Sollte sie das jetzt glücklich machen, weil es hieß, dass er ihr Können schätzte? Oder war da vielleicht doch Spott in seiner Stimme gewesen? Verdammt, warum konnte sie nicht kurz zurückspulen und sich das Ganze noch mal anhören? Doch sollte es nur ein weiterer Kommentar gewesen sein, um sie auf den Arm zu nehmen, so konnte er das gut hinter seiner ernsten Miene verstecken. Lange standen sie einfach nur da und Hermine traute sich nicht, ihm in die Augen zu sehen. Endlich ergriff er das Wort.
„Werden Sie mir helfen, Miss Granger?"
‚War das ernst gemeint?', dachte sie. „Ich...ich werde mein Bestes versuchen, Professor", antwortete sie bedächtig.
„Gut. Dann widmen wir uns nun wieder den Aufzeichnungen. Überlegen Sie, wie Sie aus den verschiedenen Tränken die Inhaltsstoffe extrahieren würden und vor allem welche. Ich werde das selbe mit diesen machen", sagte er und schwenkte seinen eigenen Pergamentstapel durch die Luft.
Hermine war froh, nichts mehr sagen zu müssen. Diese ganze Unterhaltung hatte sie total aufgewühlt. Aber nichtsdestotrotz fühlte sie sich auf einmal sicher. Sicher und geschätzt.
Als sie zurück an den Tisch trat, hatte sich der Abstand zu Severus um Einiges verringert.
