Kapitel 19
Dunkelheit. Stille. Er versuchte die Augen zu öffnen, aber seine Lider gehorchten seinem Willen nicht. Was passierte da mit ihm? Er wusste, dass er im Krankenhaus war. Er erinnerte sich an die Operation. Plötzlich hörte er Geräusche, aber sie waren nur ganz leise, wie von weit her. Waren das Bässe und Gitarrenriffs? Eine Melodie konnte er jedoch nicht ausmachen, dafür waren die Geräusche zu gedämpft.
Okay, was konnte sie noch tun? Sie hatte ihm ein paar der E-Mails vorgelesen, die eingegangen waren, und einige Artikel, die sie im Internet gefunden hatte. Sie hatte Filme mit ihm geschaut und die Handlung kommentiert, bis ihr der Hals weh tat und sie kaum noch einen Ton herausbrachte. Dann hatte sie eine andere Idee. Sie holte Tonys Handy hervor, von dem sie wusste, dass er dort Musik abgespeichert hatte, steckte ihm die Kopfhörer in die Ohren und ließ die gespeicherten Songs in einer zufälligen Reihenfolge abspielen. AC/DC, Black Sabbath, Linkin Park… alles Songs, die er bestimmt schon hunderte Male gehört hatte. Vielleicht half das, ihn zurück zu bringen…
War er vielleicht tot und dies hier der Vorhof zur Hölle? Über den Himmel braucht er sich schließlich keine Gedanken zu machen. Wenn es so etwas wie Himmel und Hölle überhaupt gab… Plötzlich Stimmen… sie sprachen durcheinander, so dass er nicht verstehen konnte, was sie sagten. Jarvis? Happy? Fury? Steve? Er meinte, sie zu erkennen, dann doch nicht. Bis eine Stimme lauter wurde als die anderen, und nur diese durch seinen Verstand hallte.
„Was ist los mit dir, Junge? Bist du zu feige, um wieder aufzuwachen?" Es war die Stimme seines Vaters, Howard Stark.
Seit Stunden lief die Musik in einer Dauerschleife, bisher jedoch hatte Tony keine Reaktion gezeigt. „Warum wachst du nicht auf? Was hält dich davon ab? Bitte, ich brauche dich… komm zu mir zurück!"
„Das ist so typisch für dich: erst etwas anfangen und es dann nicht zu Ende bringen. So warst du schon als Kind!"
„Was meinst du? Natürlich will ich aufwachen!" Tony erschrak. Nicht nur, dass er die Stimme seines toten Vaters hörte, seine eigene klang wie die eines 10jährigen Jungen.
„Ach Anthony, mach dir doch nichts vor! Du hast gedacht, du könntest so einfach den Arc-Reaktor loswerden und dann weiterleben wie vorher. Von wegen! Du hast ANGST ohne ihn, weil du dich zu sehr an ihn gewöhnt hast und nun gar nicht mehr ein normales Leben führen kannst!"
„Das stimmt nicht! Ich brauche den Reaktor nicht mehr… genauso wenig wie ich deinen Rat brauche, Vater!" Zu seiner Erleichterung klang Tony wieder wie er selbst.
„Ach Howard, lass den Jungen in Ruhe. Er hat wahrlich genug durchgemacht…!"
„Mom?"
„Ja, mein Schatz. Hör nicht auf deinen Vater. Er irrt sich bei dir, wie so oft…"
„Immer musst du ihn in Schutz nehmen, Maria. Herrgott, er ist doch kein Kind mehr!"
„Du hast mich nicht einmal wie ein Kind behandelt, als ich eins war…"
„Als ob es meine Schuld war, dass du mit einem IQ von 145 zur Welt gekommen bist und schon immer vorlaut und altklug warst! Wie hätte ich dich wie ein normales Kind behandeln können?"
„Howard… wie ein Vater hast du dich nie verhalten. Und ich habe als Mutter versagt, weil ich es zugelassen habe, dass du ihn ins Internat abschiebst."
„Schon gut, Mom. Dir mache ich keine Vorwürfe. Ich weiß, dass Howard immer durchgesetzt hat, was ER wollte. Komisch, ich habe mich immer gefragt, woher ich diese Sturheit wohl habe. Rate mal, DAD!"
„Tony, bitte. Ich kann nicht mehr…" Nach Stunden des Weinens hatte sie keine Kraft mehr, nicht einmal mehr Tränen. Nur eine brüchige Stimme. „Lass mich nicht alleine. Ich liebe dich…"
„Nie konnte ich es dir recht machen, aber hier geht es nicht um dich! Ich muss dir nichts mehr beweisen…"
Aus der Ferne hörte er eine weitere Stimme. Es war nicht viel mehr als ein Flüstern. ‚Tony'
„Es gibt einen Menschen in meinem Leben, der mich niemals verlassen hat, und das obwohl ich nicht perfekt bin. Ich weiß nicht, wie oft ich sie vermutlich enttäuscht habe. Aber aus irgendeinem Grund liebt sie mich, MICH, hörst du?" Die Stimme wurde lauter…Tony! "Nicht was ich erreicht habe oder wie viel Geld ich habe… einfach nur… mich. Erst durch sie weiß ich, was es bedeutet, jemanden so sehr zu lieben, dass das eigene Leben ohne ihn wertlos ist. Hast du das jemals gefühlt, Vater?"
Ich liebe dich! Komm zu mir zurück… Es war Peppers Stimme! Die Stimme seines Vaters schwoll wieder an, vermischt mit der seiner Mutter. Er verstand nicht mehr, was sie sagten, wollte es auch gar nicht. Er wollte nur Peppers Stimme hören. Tony konzentrierte sich auf ihre Stimme, versuchte die anderen auszublenden. Und endlich verstummten sie. Tony…
Ich komme, Liebling, gib mich nicht auf! Er versuchte wieder, die Augen zu öffnen, zu blinzeln, irgendwas! Mit einem Mal spürte er einen brennenden Schmerz auf der Brust. Sein Mund war staubtrocken. Und eine warme Hand streichelte zärtlich sein Gesicht. Seine Augenlider flatterten, als er sie vorsichtig öffnete. Die Helligkeit um ihn herum blendete ihn, und er musste ein paar Mal blinzeln, ehe er sich an das Licht gewöhnte. Das erste, was er sah, waren blaue Augen, umrahmt von rotblonden Strähnen. Nach und nach formte sich daraus das Gesicht, das er sehnlichst vermisst hatte.
„Pep…" Mehr bekam er nicht heraus. Aber das war auch nicht nötig. Mit rotgeweinten, aber jetzt leuchtenden Augen beugte sich Pepper über ihn und küsste sanft seine Lippen. „Willkommen zurück", flüsterte sie.
Nachdem Tony erwacht war, benachrichtigte Pepper umgehend Dr. Wu. Sie wartete im Flur vor dem Zimmer, während Tony untersucht wurde. Müde rieb sie ihr Gesicht und ihre brennenden Augen. Dann zog sie ihr Telefon aus der Hosentasche und tippte eine SMS an Rhodey: Er ist wach. Sie lehnte an der Wand und schloss die Augen. Sie war so müde, sie hätte im Stehen einschlafen können. Aber vor allem war sie glücklich und erleichtert. Still lächelte sie vor sich hin. Nach ein paar Minuten, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, war die Untersuchung beendet, und sie konnte zu Tony zurück.
„Hey, Schönheit", begrüßte er sie beim Eintreten. Seine Stimme klang noch schwach und rau, aber ein kleines Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Matt lehnte er in den Kissen. Pepper lächelte zurück und näherte sich seinem Bett. „Du siehst müde aus, Schatz. Dr. Wu sagte, ich war länger abwesend als geplant. Tut mir leid…" Sie setzte sich neben ihn und nahm seine Hand, wie so oft in den letzten Tagen.
„Das muss es nicht. Wichtig ist, dass du jetzt wieder bei mir bist. Wie fühlst du dich?"
„Als hätte ich ein Loch in der Brust", scherzte er und verzog gleich darauf schmerzverzerrt das Gesicht. „Okay, keine Witze, bis meine Brust richtig verheilt ist. Fühlt sich aber komisch an. Als ob da etwas fehlt…"
„Tut es doch auch", erwiderte Pepper.
„Nein, das meine ich nicht. Durch den Reaktor hatte ich immer das Gefühl eines Gewichts, das auf meine Brust drückt. Das ist jetzt verschwunden. Ich fühle mich irgendwie… leichter."
„Und ist es ein gutes Gefühl?"
„Ja."
„Das ist die Hauptsache." Sie strich ihm durchs Haar und über sein inzwischen bärtiges Gesicht.
„Muss mich dringend rasieren, oder?"
„Yep. Noch ein paar Tage im Koma, und du würdest aussehen wie ein Yeti. Aber ich liebe dich trotzdem."
„Wo steckt eigentlich Rhodey, der alte Halunke."
„Er wurde nach Washington zurückbeordert. Irgendeine dringende Sache."
„Das liebe Pentagon. Was hätten die nur gemacht, wenn er wirklich im Urlaub gewesen wäre?"
„Er wäre geblieben, wenn er gekonnt hätte, glaub mir." Mit Mühe unterdrückte sie ein Gähnen.
„Und ich glaube, du musst schlafen."
Pepper nickte nur. Schnell entledigte sie sich ihrer Kleidung und schlüpfte in Unterwäsche unter die Decke des zweiten Bettes, das nach wie vor direkt neben Tonys stand. Diesmal rutschte sie jedoch bis ganz an ihn heran, so dass sie sich in seinen Arm kuscheln konnte. Normalerweise lag ihre Hand dabei auf seiner Brust, diesmal jedoch legte sie sie auf seinem Bauch ab, da die Wunde immer noch am verheilen war. Tony drückte sie an sich und küsste ihre Stirn.
„Dr. Wu meinte vorhin übrigens, wenn meine Brust weiterhin in dem Tempo heilt, kann ich in ein paar Tagen schon nach Hause. Ist das nicht unglaublich?"
Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief Pepper innerhalb von Sekunden ein.
