Little Lion: Glîwens Bestimmungsort ist doch schließlich da, wo ihr Herz hingehört, oder? Du darfst weiterhin gespannt sein!

Tanja: Ich bin gnädig mit Deinen Nerven und verrate Dir zumindest, dass ich weiterschreiben werden. Mehr wird aber nicht verraten. Danke für die Review+zwinker+

Lady-of-Gondor: Was Haldir am Leben hält wird erzählt werden. Mit Deinen Vermutungen hast Du wie immer Recht – Glîwen wird noch weit reisen.

Isidra: Auch wenn Du gespoilert bist, ich liebe Deine emotionalen Reviews. Danke +knuddel+

Annchen: Chemie fast nicht gelernt? Da habe ich auch fast ein schlechtes Gewissen. Ich danke für die Review und hoffe, dass Du dabei bleibst+g+


Kapitel 20

In der Erinnerung

Glîwen saß auf dem trockenen, festgetrampelten Boden des Gefängnisses, in das die Ostlinge die Gefangenen gesperrt hatten, den Rücken an die Holzpalisade gelehnt und blickte in den Himmel, der die Färbung des nahenden Morgens zeigte. Sie hatte keine Ruhe gefunden und irgendwann die zusammengedrängte Gruppe der schlafenden Menschen verlassen, um abseits von ihnen ihre Gedanken zu ordnen. Vielleicht war es jenes trügerische Gefühl der Sicherheit, das sie alle umfangen hielt, das Glîwen dazu gebracht hatte, am vergangenen Abend von ihrer Familie und Heimat zu erzählen, doch nun wurde sie sich bewusst, was für einen Fehler sie begangen hatte, die Bilder derer, die sie liebte, vor ihrem inneren Auge heraufzubeschwören. Nun schmerzte ihr Herz, so als wolle es in ihrer Brust zerspringen und jeder Atemzug fiel ihr schwer, der ihr verriet, dass sie wahrscheinlich nie wieder die süße Luft des goldenen Waldes atmen würde. Glîwen senkte den Kopf in die Hände und begann zu weinen, etwas, gegen das sie sich die ganze Dauer des langen Marsches angekämpft hatte und das nun nicht mehr zurückzuhalten war.

Sie saß eine lange Weile da und schluchzte, doch sie verspürte nicht die Erleichterung, die sie sich dadurch erhofft hatte. Stattdessen hörte sie nur zu deutlich den kühlen Wind, der außerhalb der Stadt durch die Einöde strich und spöttisch mokierte, dass all ihre Tränen nicht die Meilen verkürzen konnten, die zwischen ihr und ihrer Heimat lagen. Als sie leise Schritte hörte, blickte sie schließlich auf und wischte sich in einer fast trotzigen Bewegung die Tränen ab, als sie Maliza erkannte, die zu ihr hinüber kam und sich vor sie kniete. Obwohl noch geisterhaft bleich von ihrer Krankheit, lag wieder jene innere Stärke in ihrem Gesicht, um deretwillen sich Glîwen schämte, überhaupt geweint zu haben. Als Maliza ihre Hände nahm, lächelte Glîwen verlegen und murmelte leise:

„Ich wollte Dich nicht wecken, verzeih mir. Geh ruhig wieder schlafen, mir geht es gut."

„Wann ich schlafe, entscheide immer noch ich, Kleines", wies Maliza sie zurecht, doch es lag kein wahrer Tadel in ihrer Stimme. Sie lächelte und das frühe Licht ließ ihr Gesicht, in die sich die Geschichten ihres Lebens als Falten eingegraben hatten, weicher erscheinen. „Ich habe nur einen Rat für Dich, ob Du ihn annimmst, sei Deine Sache. – Als ich von meinen

Eltern mit meinem Mann verheiratet wurde, war ich so alt wie Du. Natürlich wehrte ich mich dagegen, denn was sollte ich mit einem, der so viel älter und offenkundig nicht guten Herzens war? Doch kein Klagen half mir und so geschah es, wie es sollte und so wurde ich ein Eheweib. Es war zuerst kein gutes Leben mit meinem Mann, aber irgendwann begriff ich, dass ich im Herzen Abschied nehmen musste von dem, was ich kannte, um im Neuen Kraft zu schöpfen. So wurde ich Mutter zweier Mädchen, die heute sicher und gut in die Riddermark verheiratet sind und konnte bis zu diesem Punkt gehen, an dem wir beide uns befinden, ohne zu verzweifeln. Du musst loslassen und das, was Du liebtest, tief in Dir vergraben, denn es wird Dich stützen in der Fremde, anstatt Dich zu vernichten, wenn Du es jeden Tag vor Auge hast."

Glîwen blickte Maliza an und nickte nach einer Weile leicht, zwischen dem Verständnis dessen, was die Freundin ihr geraten hatte, und der Auflehnung gegen die Worte hin und her gerissen.

„Ich weiß", wisperte sie schließlich und sah Maliza an. „Es zerreißt mich, an meinen Vater zu denke und manchmal glaube ich, dass es mich zerreißen soll, damit ich ihn und meine Familie nicht mehr so vermisse. Aber das kann ich auch nicht, denn dann frage ich mich, ob ich nicht damit die Möglichkeit vertue, sie eines Tages wiederzusehen!" Sie stockte, doch dann ließ sie sich von Malizas aufforderndem Blick doch wieder bestätigen weiterzusprechen. „Ich darf sie nicht vergessen, denn sie sind mir zu wertvoll, all die Momente, die ich mit meiner Familie verbracht habe. Verstehst Du das nicht? Sie – sie würden vielleicht -." Zittrig holte sie tief Luft und drängte erneut ihre Tränen zurück. „Sie würden enttäuscht von mir sein, wenn sie je erfahren würden, dass ich sie so sehr aus meinem Leben dränge."

„Und wenn Du sie nicht wiedersiehst? Dann hast Du den Rest Deines Lebens bedauert, dass Du nichts mehr hattest, wo Du doch etwas sehr Wertvolles hattest – Du lebst, Kleine!" Malizas Stimme klang plötzlich hart und Glîwen blickte erschrocken auf. „Die viele Kinder dort hinter uns, in der Einöde – sie verrotten im Wind und ihr Fleisch wird von wilden Tieren gefressen. Du schuldest ihnen etwas. Nämlich dass Du weitermachst und ihr Andenken in Ehren hältst."

Glîwens Augen füllten sich nun unhaltbar mit Tränen, erstarrt im Angesicht der Bilder der weiten Reise, die nun in ihren Kopf zurückdrängten und im nächsten Moment nahm Maliza sie in die Arme. Vergessen war die schroffe Melodie ihrer Rede, nicht aber die Worte und Glîwen legte den Kopf an die Schulter der Freundin und schwor, nicht aufzugeben.

xxx

Das Licht umschloss Haldir wie eine tröstende Umarmung und obwohl er es zunächst nicht sehen konnte, spürte er dennoch die überwältigende, heilende Wärme, die ihm schmerzhaft bekannt vorkam. Sie ähnelte jenem Gefühl, das Glîwen mit ihrer Musik in ihm hatte hervorrufen können und für einen trügerischen Moment gab er sich der Vorstellung hin, sie sei zu ihm gekommen, um ihm die Hand zu reichen und ihn in das unsterbliche Land zu führen. Doch als er seine Augen aufzwang, um hoffnungsvoll diesem Bild zu begegnen, sah er eine Person, die er nicht erwartet hätte.

„Haldir von Lorien", sagte Elrond von Bruchtal streng, mehr Schemen und Stimme als feste Gestalt und Sein. „Ich bin hier, um Dich von einem Abgrund zurückzuführen, zu dem Du freiwillig geschritten bist und in den Du zu stürzen drohst. Komm zurück mit mir."

Haldir schüttelte den Kopf und spürte zur selben Zeit, dass es nicht mehr sein Körper war, der so reagierte, sondern vielmehr hatte er den Eindruck, als würde die bloße Erinnerung an eine derartige Geste durch seinen Geist schießen und ihm das Gefühl geben, es sei wirklich geschehen. Die Erkenntnis ergriff ihn mit aller Macht.

„Es ist also soweit? Ich sterbe. Dann lasst mich gehen. Nichts hält mich mehr an diesem Ort, er ist voll geisterhafter Erinnerungen und schmerzlicher Zeiten."

Elrond seufzte leise und es klang sehr ungeduldig für einen Schemen.

„Wir alle erleben einmal das, was mit Euch geschieht und glaubt mir, die Liebe zu einem Sterblichen, wie auch immer sie aussehen mag, ist kein Grund, die Existenz zu beenden. Euer Hiersein, Euer Leben auf Mittelerde hat einen Sinn und sein Beginn und Ende wurden in das Gewebe der Zeit eingesponnen, denn Ihr seid vom unsterblichen Volk, Haldir. Ihr repräsentiert das, was die Menschen nicht haben und es so leichtfertig fortzugeben entehrt das Leben an sich. Es entehrt das Leben und Sterben Eurer Ziehtochter." Elrond richtete sich auf, schien anzuwachsen, bis seine Stimme Haldirs Geist vollkommen zu erfüllen schien, verwoben mit Fäden aus Licht, die an Haldirs Bewusstsein zerrten, ihn in eine Richtung zu ziehen schienen, die er nicht klar ersehen konnten. „Ihr versteht nicht, nicht wahr?" Elrond übertönte den Klang von Haldirs Zweifel und seinem Streben, das Licht zu verlassen, mit einer Stimme, die Körper und Geist und Ton zur selben Zeit war und in der der Hall ewiger Jugend und ewigen Alters widerhallten. „Eure Tochter hatte nur ein begrenztes Leben und füllte es mit Lernen an, mit Schönheit und mit Leben. Sie ging fort, um einer Freundin beizustehen – was immer sie tat, es war Gut und Recht. Doch ihr Leben wurde ihr genommen und anstatt dass Ihr, Haldir, die Ihr die Möglichkeit habt, im Gedenken an Eure Tochter noch viel Gutes und Schönes auf dieser Welt zu tun, diese nutzt, wollt ihr fliehen, fortgehen, zurücklassen, was uns einst zum Schutz anvertraut wurde. Euer Tag wird kommen, an dem Ihr den Ruf des Meeres und den Schrei der Möwen hört, doch dieser Tag ist nicht gekommen. Dieser Tag ist nicht heute. Und nun, Haldir von Lorien, Wächter der Erinnerung an Eure Tochter, begreift und öffnet die Augen!"

Und Haldir begriff und öffnete die Augen. Abrupt verging das Licht, doch die heilkräftige Wärme blieb in seinem Körper, als er einen tiefen Atemzug nahm und wieder er selbst wurde, eins mit sich, Geist und Fleisch verschmolzen. Er neigte leicht den Kopf, um sich in seinem Talan umzusehen und sah seine Familie um sich versammelt. Thindian hatte Tränen in den Augen und lief, nun, da er sie anblickte, zu ihm, um seine Finger mit den ihren zu verschränken und sprachlos zu weinen. Elrond von Bruchtal, in einen nassen Reiseumhang gekleidet und ein wenig mitgenommen wirkend, trat mit einem befriedigten Lächeln zurück, um Rumil und Orophin Platz zu machen. Hinter ihm stand eine Gestalt, die Haldir nicht erwartet hatte. Ein kurzer Blick folgte Gwathiel, als sie mit Elrond seinen Talan verließ, dann wendete er sich seiner Familie zu.

xxx

Die Gefangenen blieben zwei Tage in der Umzäunung und am Morgen des dritten Tages öffnete sich das Tor. Mit vorgehaltenen Waffen betraten Ostlinge den kleinen Hof und begannen, die Ansammlung der Menschen entzweizuteilen. Glîwen, die Malizas Hand nahm, wurde zu ihrer Erleichterung mit der Freundin einer Gruppe zugeteilt. Schnell begriff sie, dass sie in der Gruppe der Kräftigen gedrängt worden waren, denn die Kinder und die sehr schwachen Frauen und Männer, fast sechzig Personen waren es, mussten unter den Überdächern stehen bleiben, die ihnen in den vergangenen Tagen Obdach geboten hatten. Einige Männer und Frauen, die von ihren Familien getrennt wurden, versuchten, zu ihnen zu gelangen oder fingen an zu klagen, doch die Wächter trieben die Gruppen auseinander. Einer der Ostlinge, dessen Gesicht unter einem roten Kopftuch und einem geschwungenen Helm verborgen war, machte in Richtung eines der Verzweifelten einige verstohlene Gesten, die Glîwen aus den Augenwinkeln sah und die nach ihrer Meinung bedeutete, dass die Schwächeren in der Stadt bleiben und arbeiten würden. Als der Wächter den Kopf drehte, begegnete er Glîwens prüfendem Blick und wendete dann abrupt das Gesicht ab. Die Geste drehte Glîwen den Magen um, denn sie ahnte, dass der Wächter möglicherweise gelogen hatte in dem, was er andeutete und was das bedeutete, war eindeutig. Sie spürte, wie Maliza ihre Hand drückte und schenkte der Freundin ein schwaches Lächeln, dann folgten sie den Rufen und den Waffenspitzen der Ostlinge, die sie aus dem Tor trieben und zurück in die Straßen der Stadt.

Wieder lag ein blauer Herbsthimmel, gesprenkelt mit blauen, federleichten Wolken, über ihnen, als sie die Siedlung verließen und eine ausgetretene Straße einschlugen, die sie mehrere Tage strikt nach Süden führte. Die Bewacher saßen während dieser Zeit sichtlich gut gelaunt auf ihren Pferden und einigen großen Tieren, die Glîwen noch niemals gesehen hatte. Sie waren sandfarben, besaßen zwei Höcker auf dem Rücken und duldsame, ewig im Kauen begriffene Mäuler, die die Ostlinge mit verziertem Lederzeug aufgezäumt hatten. Es mussten wohl Wüstentiere sein, denn bereits nach einigen Tagen begann der Untergrund, der vormals aus grobem Sand und Steinen bestanden hatte, in leichte Dünen überzugehen. Einige der Wiederkäuer liefen frei als Lasttiere mit und trugen Wasserschläuche und Nahrung, die sparsam an die Gefangenen weitergegeben wurde, doch es war klar zu erkennen, dass sich die Ostlinge bemühten, immer wieder kleinere Wasserstellen anzulaufen und die Vorräte aufzufüllen. Zudem änderte sich ihr Benehmen, denn sie wirkten nun fast vergnügt und tauschten Worte in ihrer Sprache über den Köpfen der Gefangenen aus, die wie Scherze klangen und die immer von einem Lachen begleitet wurden.

„Ich frage mich, was sie so zufrieden macht", murmelte Glîwen, als einer der Ostlinge an sie herangeritten kam, ihr ins Haar griff und die blonden Strähnen zwischen seinen dunklen Fingern rieb, ehe er wieder davon stob. Maliza sah dem Reiter nach und legte Glîwen eine Hand auf die Schulter.

„Ich glaube, Kleines, dass wir unserer Bestimmung entgegenziehen. Schätze, dass man uns verkauft oder verschenkt, denn warum sonst sollten sie jetzt so gut auf uns achten?"

Glîwen wollte etwas entgegnen, doch dann schloss sie den Mund abrupt wieder, denn sie erkannte, dass ihre Freundin Recht hatte und dass es nichts gab, das sie dagegen tun konnte. Sie ging in die Wüste, um eine Sklavin zu werden.


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