19. Kapitel: „Unsterblich?"
Elladan und Elrohir schlenderten durch die Stallgasse. Sie brauchten es nicht auszusprechen – sie wussten auch so, dass sie das Gleiche dachten. So war es schon immer zwischen gewesen, bei vielen Dingen, Geschehnissen und Gefühlen spürten sie ihre Verbundenheit und Elrohir hätte sogar darauf geschworen, dass ihre Herzen im gleichen Takt schlugen. Ihr Vater hatte diese Behauptung allerdings nur mit einem geheimnisvollen Blick belächelt. Elrohir vermutete, dass er genau wusste, was die Zwillinge verband – er selbst hatte schließlich einen Zwillingsbruder gehabt.
Aber auch zu Laietha und Aragorn - und gleichfalls zwischen den beiden – gab es etwas, das dem sehr nahe kam. Umso mehr betrübte es Elronds Söhne nun, wie sich ihre Ziehgeschwister nun voneinander entfernt zu haben schienen. Seit Laietha in Minas Tirith eingetroffen war, hatten die beiden noch kein Wort miteinander gewechselt und dass Eban ihre Schwester in die Stadt begleitet hatte, war nicht gerade hilfreich gewesen.
Was auch immer vorgefallen war, dieser Mann schien damit im Zusammenhang zu stehen. Elrohir hatte Elladan alles über ihn erzählt, was er wusste und sein Bruder hatte versucht, sich ein eigenes Bild zu machen, was bisher nicht möglich gewesen war.
Seine Zeit hatte dies einfach nicht zugelassen, denn es war Elladan wichtig gewesen, an Aragorns Seite zu sein und ihm zu helfen, wo er nur konnte. Dass die beiden Brüder nun endlich einmal miteinander alleine waren, war eigentlich ein Zufall gewesen. Oder eben doch auf ihre Verbundenheit zurück zu führen. Sie beide hatten sich gewünscht, miteinander zu sprechen.
Vielleicht war es ihre Verbundenheit, die sie nun beide gleichzeitig inne halten ließ. Sie lauschten gemeinsam in die gedämpfte Stille des Stalls. Vorherrschend waren das Schnauben der Pferde, Scharren der Hufe und Schlagen der Schweife. Wer sich bemühte hörte vielleicht auch das Summen der Fliegen, doch aus der hintersten Box drang eindeutig ein panisches Wiehern.
Elladan setzte sich nur einen Herzschlag später als sein jüngerer Bruder in Bewegung. Elrohir öffnete die Boxentüre und wich dem steigenden Pferd darin geschickt aus. Sein Herz donnerte, wie die Hufe einer ganzen Pferdeherde, während er versuchte, den Hengst zu beruhigen.
Das Tier hatte die Augen so weit verdreht, dass man fast nur das Weiße darin sah. Mit erhobenen Händen trat er langsam immer näher an ihn heran, unablässig elbische Worte murmelnd und langsam zeigten seine Bemühungen Wirkung. Das schrille Wiehern verebbte zu einem aufgeregten Schnauben und es stieg nicht mehr auf die Hinterhufe, sondern tänzelte von einer Ecke der Box in die andere. Elrohir konnte hinter sich Elladan eine ruhige Weise summen hören, die sich auch auf ihn auswirkte.
Ein Ausruf in einem veränderten Tonfall veranlasste Elrohir, sich zu seinem Bruder umzusehen. Elladan stand unbeweglich da, sein Gesicht vor Schreck erstarrt. Bevor Elrohir ihn fragen konnte, verwandelte sich der Schreck in einen Ausdruck der Wut.
Mit unglaublicher Schnelligkeit packte er seinen Gürteldolch, zog blank und ließ ihn mit aller Kraft niedersausen. Fast ohne inne zu halten, hieb er immer und immer wieder auf den Boden vor seinen Füßen ein.
„Was zum…?" dann sah Elrohir, was geschehen war und spürte, wie ihm am ganzen Körper vor Abscheu die Haare zu Berge standen. Zwischen Stroh und Sägespänen ringelte sich etwas Dickes, braun Geschupptes. Das eine Ende der Schlange war ausgefranster Brei und ihr Blut befleckte die Klinge von Elladans Dolch, doch der kopflose Körper wand sich weiter, wie ein Wurm.
„Elladan! Hör auf! Sie ist tot – hörst du?" Er packte seinen Bruder am Arm. Heftig zitternd hielt dieser inne und stützte sich an der offenen Boxentüre auf.
„Himmel! Wie kommt die Schlange hierher? Hat sie dich erwischt?"
„Mae. Am Bein." Elladans Lippen waren genauso weiß wie sein Gesicht. Er warf einen weiteren Blick auf den sich immer noch bewegenden Schlangenkörper und erschauderte erneut.
Elrohir unterdrückte die aufsteigende Angst und umfasste Elladans Schultern. „Komm, setz dich, damit ich es mir ansehen kann!"
Halb stolpernd folgte Elladan ihm in die Stallgasse und ließ sich auf den Boden sinken. Mit zitternden Fingern kämpfte er mit seinen weichen Lederstiefeln. Elrohir schob seine Hand beiseite, schnürte Stiefel und Beinlinge auf und entblößte sein rechtes Bein.
Der Biss war deutlich zu sehen, zwei dunkelrote Punkte gleich unterhalb des Knies. Rund um die Bisslöcher hatte sich Elladans Haut bereits bläulich verfärbt. Sein Blick flog zu seinem Bruder und der Ausdruck in seinem Gesicht sagte ihm alles.
„Die Wunde ist vergiftet. Ich muss sie ausschneiden." Elrohirs Mund war trocken, doch er wurde von einer seltsamen Ruhe erfasst. Aus irgendeinem Winkel seines Geistes, floss das Wissen in sein Bewusstsein, das er nun brauchte.
Er zog sein Stiefelmesser, nahm die kleine Zinnflasche von seinem Gürtel und träufelte die Flüssigkeit erst auf die Klinge und goss dann ein paar Tropfen auf die kleine Wunde. Noch einmal musterte er das Gesicht seines Bruders. Er war immer noch bleich, hatte aber aufgehört zu zittern und lehnte mit halb geschlossenen Augen an der Holzwand.
Elrohir biss sich konzentriert auf die Lippen und presste die Messerspitze direkt oberhalb der Bisswunde in die Haut. Er musste tief schneiden; tief genug, um unter das Gift zu gelangen. Er zwang sich zu der notwendigen Kraft und plötzlich sank die Klinge gut drei Zentimeter tief in die unnachgiebige Haut. An der Klinge quoll Blut hervor und rote Ströme rannen hinab bis zum Boden. Das war gut. Er ließ das Messer fallen, bückte sich und legte den Mund an die Wunden. Er spürte keine Panik, doch seine Eile wuchs.
Elladan hatte kaum mehr als ein Stöhnen von sich gegeben und seine Hand fest um seine Schulter geschlossen, aber kalter Schweiß glänzte auf seiner Stirn.
Wie schnell breitete sich das Gift wohl aus? Ihm blieben nur Minuten, vielleicht sogar weniger.
Er saugte, so fest er konnte, spuckte aus und wiederholte diesen Vorgang so lange, bis Elladan zusammenzuckte und aufstöhnte. Er spürte plötzlich einen Stich der Beklommenheit. Er hatte alles getan was er konnte, um so viel Gift wie möglich aus Elladans Körper zu entfernen, doch es war eindeutig noch genug davon zurückgeblieben, wie ihm ein Blick auf seinen Bruder verriet.
Er schwitzte stark und sein Atem ging schwer und unregelmäßig. Das Gift breitete sich langsam in seinem Körper aus – es war zu spät gewesen, um alles zu erwischen, wenn es ihm überhaupt gelungen war, etwas davon zu entfernen!
Elrohir ließ sich auf die Knie zurücksinken und berührte sacht Elladans Stirn. Sie fühlte sich heiß an.
„Wie fühlst du dich? Hast du irgendwo starke Schmerzen?"
Aus halb geschlossenen Augen sah Elladan ihn an. „Mir… ist seltsam…und das Bein kann ich…kaum bewegen." Er versuchte es dennoch und stöhnte dabei auf.
„Bleibe ruhig liegen. Du darfst dich jetzt so wenig wie möglich bewegen, damit sich das Gift nicht so rasch verteilt. Ich geh und hole Hilfe."
Nur widerstrebend löste er den Körperkontakt zu Elladan. Es missfiel ihm, ihn hier alleine seinem Schicksal zu überlassen, doch alleine konnte er ihn nicht in die Feste tragen!
Plötzlich fiel ein Schatten in die Stallgasse und sperrte die Sonne aus. Elrohir dankte den Valar für die Fügung dieses Schicksals und kniete sich sofort wieder neben seinen Bruder. Über die Schulter sah er zur Stalltüre und erblickte Ruchon, der mit einem Sattel in den Armen in den Stall getreten war.
„Ruchon! Euch schicken die Valar. Holt meinen Vater – rasch! Mein Bruder wurde von einer Schlange gebissen!"
Der dumpfe Knall verriet dem Elben, dass der Mensch den Sattel einfach fallen gelassen hatte und seine Schritte entfernten sich schnell.
Elrohir kämpfte darum, seine innere Ruhe zurück zu erlangen. Bis weitere Hilfe kam, lag alles in seinen Händen und er wollte nicht derjenige sein, seinem Vater sagen zu müssen, dass er zu spät kam. Und was war mit Aragorn und Laietha? Wie sollte er ihnen so etwas sagen?
Nein! Bitte nicht!
Elrohir rückte näher an Elladan heran und bettete dessen Kopf in seinen Schoß. Fürsorglich strich er ihm die feuchten Haarsträhnen aus der Stirn und ergriff seine Hand.
„Ganz ruhig. Es wird alles wieder gut werden. Du wirst sehen!"
Kaum merklich drückte Elladan seine Hand. „Mae." Seine Stimme klang müde.
Dann kehrte eine seltsame Stille ein, die wohl nur Elrohir so wahrnahm. Jedes Geräusch wurde aus seinem Bewusstsein ausgesperrt, bis auf das mühsame Rasseln von Elladans Atem. Auch die Zeit verschob sich, zog sich unheilvoll in die Länge, bis er glaubte, dass die Abstände zwischen dem Heben und Senken von Elladans Brust immer länger wurden. Er lag völlig unbeweglich da, seine Hand schlaff in Elrohirs und nur hin und wieder durchlief ihn ein Schaudern.
Wie viel Zeit letztendlich vergangen war, bis sein Vater neben ihm kniete und aufgeregte Betriebsamkeit um ihn herum losbrach, konnte er nicht sagen. Stimmen schwirrten um ihn herum und irgendwann registrierte er, dass jemand seinen Namen rief. Es war die Stimme seines Vaters.
„Was war das für eine Schlange?"
Elrohir sah ihn an. „Sie war einfach plötzlich da, Ada! Keiner von uns hat sie gesehen – wir waren viel zu sehr mit dem Pferd beschäftigt. Es gibt hier doch gar keine Giftschlangen. Woher…"
„Die Schlange, Elrohir!", herrschte sein Vater ihn an. „Wie sah sie aus?!"
Elrohir warf ihm einen verständnislosen Blick zu, doch dann löste sich mit einem Mal seine Starre und er verstand, dass er nicht länger alleine war und Hilfe gekommen war.
„Sie liegt in der Box." Mit einer vagen Geste deutete er die Richtung an. „Sie war braun, mit einem seltsamen Muster."
„Ich hole sie." Aragorn hatte auf der anderen Seite neben Elladan im Stroh gehockt, doch Elrohir hatte ihn bis jetzt nicht einmal bemerkt. Mit schnellen Schritten entfernte er sich und wurde vom Zwielicht der Box verschluckt.
Aragorn fand die Schlange ohne besondere Anstrengung. Sie lag in ihrem eigenen Blut und der Hengst hielt sich so weit wie eben möglich von ihr entfernt. Sie war ganz offensichtlich tot, dennoch kostete es ihn einige Überwindung sie anzufassen, um sie genauer zu betrachten. Sie war so dick wie sein Handgelenk und etwa einen Meter lang.
Er konnte sich gut vorstellen, warum seine Brüder das gefährliche Tier nicht sofort gesehen hatten. Die Braun- und Grautöne ihrer Musterung ließen sie fast vollständig mit dem Untergrund verschmelzen.
Er erkannte sofort, um welche Gattung es sich handelte und eine Welle der Furcht ergriff ihn. Seine Wangenmuskeln mahlten, als er sich zwang, Ruhe zu bewahren. Diese Schlangenart gab es nur an zwei Orten in ganz Mittelerde. Im Düsterwald und im südlichsten Gondor an den Grenzen zu Haradwaith. Wie das Tier hierher gelangt war – noch dazu in den Stall – war ihm ein unbegreifliches Rätsel.
Dennoch kannte er nicht nur ihre Art, sondern auch ihr ganz spezielles Gift, das seine Opfer langsam lähmte, bis selbst Lungen und Herz ihre Arbeit einstellten – und dies innerhalb weniger Minuten. Dass Elladan noch lebte, verdankte er ausschließlich Elrohirs raschem Handeln und der Tatsache, dass er ein Elb war. Aber noch war er nicht außer Gefahr.
Mit der Schlange in der Hand erhob sich Aragorn, um sie zu seinem Vater zu bringen und musste jäh gegen Übelkeit ankämpfen, die ihn beinahe wieder in die Knie zwang. Er zog einige Male tief die Luft in seine Lungen und sagte sich immer wieder, dass er schon schlimmere Anblicke als eine tote Schlange gesehen hatte. Auch schlimmere Wunden, als die, die Elladan nun trug, doch seinen eigenen Bruder in einer solchen Lage zu wissen, war etwas anderes.
Als er sich wieder so weit gefangen hatte, eilte er an die Seite seiner Familie zurück. Elrond flößte Elladan gerade eine klare Flüssigkeit ein und murmelte einige eindringliche Worte und tatsächlich hob sein Sohn schwach die Lider. Doch sie fielen ihm augenblicklich wieder zu und sein Kopf sank in den Nacken zurück.
Als Elrond ihn kommen hörte, sah er ihm erwartungsvoll entgegen, fixierte den toten Körper mit einem verächtlichen Blick und zog sein Bündel näher zu sich heran. Es dauerte nicht lange, bis er eine kleine Phiole hervorholte und ohne länger zu zögern, zwischen Elladans Lippen schob.
Was auch immer sich darin befand, zeigte rasch seine Wirkung. Elladans Körper bäumte sich in Elrohirs Griff kurz aber heftig auf und sackte dann in sich zusammen, doch als ihr erster Schrecken ob dieser Reaktion vergangen war, stellten sie fest, dass sich die Atmung des Elben langsam stabilisierte.
„Nur meine Söhne vermögen es, dass ich an nur einem einzigen Tag um Jahrhunderte altere", brummte der Herr von Imladris, aber die Erleichterung in seiner Stimme schwächte den Vorwurf. Dennoch legte Aragorn ihm kurz die Hand auf die Schulter. Auch er fühlte sich völlig erschlagen, nachdem seine Anspannung nachließ und das Adrenalin seinen Körper verließ.
„Wir bringen ihn in seine Gemächer", ordnete er den Männern an, die bereits mit einer Bahre bereitstanden und nachdem sie Elladan vorsichtig darauf gebettet hatten, verließ die kleine Prozession den Stall.
Nur widerstrebend verließ Aragorn das Krankenzimmer seines Bruders. Er hätte viel darum gegeben, an dessen Seite bleiben zu können und noch mehr, um ihn auf der Stelle vollständig heilen zu können. Doch es war wie so oft. Der König musste seinen Pflichten nachkommen, auch wenn der Bruder, Sohn oder Freund in ihm nach etwas anderem verlangte.
Fast wie von selbst schlugen seine Füße den Weg zu den Stallungen ein, denn er hatte diesen Tag eigentlich damit verbringen wollen, die Brunnen in Minas Tirith abzureiten und den Wasserstand zu prüfen. Doch die Gruppe Männer, die er zu diesem Zweck zusammengerufen hatte, hatte er entlassen.
Dennoch schien ihm ein Ritt durch die Stadt als notwendig und sei es nur, um seinem Volk zu zeigen, dass er Anteil an ihrer schwierigen Lage nahm, hier und da ein tröstendes Wort sprechen, oder vielleicht sogar bei Arbeiten helfen konnte, bei der eine weitere, helfende Hand von Nöten war!
Als er den Stall betrat, hielt er unvermittelt auf der Schwelle inne. In der Boxengasse vor ihm hockte Linnyd, den Rücken ihm zugewandt und beugte sich über den toten Schlangenkörper, der vergessen am Boden liegen geblieben war. Selbst aus dieser Entfernung jagte ihm beim Anblick des braunen Kadavers ein Schauer das Rückgrat hinab, doch Linnyd schien sich nicht im Mindesten davon beeindrucken zu lassen.
Sie hob den Kopf, als sie seine leichten Schritte hinter sich vernahm. Ihre Augen, die ihn jedes Mal an verfärbtes Herbstlaub erinnerten, streiften ihn kurz und wendeten sich dann wieder der Schlange zu.
„Ein beeindruckendes Exemplar seiner Gattung. Und perfekt noch dazu. Diese Vollkommenheit, mit der diese Tiere sich ihrer Umgebung angepasst haben, um sich verbergen zu können und ihrer Beute aufzulauern. Einfach beachtlich."
„Verzeiht, wenn ich über diese Kreatur nicht solche Begeisterung empfinde wie Ihr. Immerhin hat sie meinem Bruder - der Euer Freund ist, wenn ich nicht irre – fast das Leben genommen!"
Mit verschränkten Armen blieb er ein gutes Stück abseits stehen und vermied jeden Blick auf den leblosen Körper.
Fast amüsiert sah sie zu ihm auf. „Ihr seht etwas blass um die Nase aus. Macht Euch der Anblick dieses reglosen Geschöpfes derart zu schaffen? Außerdem ist Elladan bereits auf dem Weg der Besserung und hat zudem der Schlange ihren Biss mehr als vergolten. Sie hat mit dem Leben dafür bezahlt."
„Ich vergaß, dass für Euch ein Tierleben sicher genauso viel zählt, wie das Leben eines Elben. Mir ist das meines Bruders wichtiger, deshalb empfinde ich kein Mitleid. Lieber ihr Leben, als das seine!" Er machte sich schon auf eine hitzige Diskussion ihrerseits gefasst, doch diesmal blieb sie aus. Ihre Gesichtszüge wirkten sanft, als sie aufstand und ihn offen ansah.
„Mae. Mir geht es ebenso. Er ist mir als Freund sehr teuer."
Aragorn versuchte, sich seine Verblüffung nicht anmerken zu lassen. Bisher waren sie bei jedem ihrer Zusammentreffen aneinander geraten. Sie schienen immer anderer Meinung zu sein, egal, um welches Thema es sich bei ihren Gesprächen handelte. Nach der ersten Verwunderung freute er sich jedoch darüber. Endlich bot sich ihm hier die Gelegenheit, sie näher kennen zu lernen und ihr zu danken, dass sie sich so intensiv darum bemühte, ihm und der Stadt zu helfen.
Doch bevor er etwas auf ihre Äußerung erwidern konnte, trat sie plötzlich ganz nahe an ihn heran. „König Elessar! Eure Nase. Sie blutet!"
Seine Hand fuhr empor, aber sie hielt ihn zurück und zog ein Leinentuch aus ihrem Bündel. Sanfte Hände legten das Tuch in seine und drückten ihn auf einen Strohballen nieder. Ein weiteres Stück Stoff wurde in einen Wassertrog getaucht und landete ohne Vorwarnung in seinem Nacken und ihm entfuhr ein Schreckenslaut angesichts der feuchten Kühle.
„Seid nicht so zimperlich. Es wird helfen, Ihr werdet sehen."
Gehorsam ließ er ihre Behandlung über sich ergehen, auch wenn ihm dabei das Wasser den Nacken hinunterlief und den Rücken seines Hemdes tränkte. Durch die geöffnete Stalltüre wehte ein feiner Lufthauch und brachte zusätzliche Frische mit sich.
Die ruhige Atmosphäre im Stall, die angenehme Gegenwart von Linnyd, sorgte dafür, dass er sich das erste Mal seit Tagen nicht so einsam und verlassen vorkam. Hinzu kam, dass er das Gefühl ihr gegenüber hatte, sich nicht verstellen zu müssen. Vor seinen engen Freunden und seiner Familie musste er ständig Beherrschtheit und Haltung annehmen, weil ihn sonst seine Verzweiflung und Enttäuschung übermannten, doch Linnyd stellte keinerlei Erwartungen an ihn.
„Was wolltet Ihr eigentlich hier im Stall?" Sie war seinem Gesicht so nah, dass er ihren Atem auf seiner Wange spürte.
„Mein Pferd holen. Es gibt in der Stadt Einiges, das meine Anwesenheit erfordert. Ich…"
„Ihr solltet Euren Männern die Arbeit überlassen! Dazu habt Ihr sie doch auch ausgesandt. Oder wollt Ihr Euch jetzt auch noch zusätzlich zu den Aufgaben, die Ihr ohnehin schon habt, weitere aufbürden? Ihr könnt dort nichts ausrichten, was Eure Truppen nicht schon tun. Legolas ist auch jede freie Minute bei ihnen und er wird Euch sagen, wenn Ihr gebraucht werdet."
Aragorn lächelte, doch sie konnte es ohnehin nicht sehen, weil das Tuch die Hälfte seines Gesichts verdeckte.
„So. Es hat aufgehört zu bluten." Sie trat beiseite, hob ihr Bündel vom Boden auf und wurde sich wieder der toten Schlange gewahr, die immer noch an Ort und Stelle lag. „Und was machen wir jetzt mit ihr?"
„Hier kann sie jedenfalls nicht bleiben", stellte Aragorn fest. „Der Stallbursche soll sie holen und verbrennen lassen. Ich kann auf ihren weiteren Anblick gerne verzichten – und Elladan gewiss auch."
Gemeinsam verließen sie den Stall und Linnyd entschuldigte sich bei ihm, um sich wieder in die Gewölbe der Bibliothek zurückziehen zu können. Etwas unschlüssig stand er eine Weile auf dem freien Platz und überlegte, was er nun tun könnte, doch diese Entscheidung wurde ihm rasch abgenommen. Aus den Häusern der Heilung trat eine kleine, rundliche Kräuterfrau.
„Eure Majestät! Gut Euch hier zu treffen! Wir brauchen dringend Eure Hilfe."
Mit raschen Schritten folgte er ihr und schon im Gehen forderte er einen genauen Bericht der Art der Verletzungen, die es zu behandeln galt.
Die restlichen Stunden des Tages brachte er damit zu, seine ganze Kraft einzusetzen, um den Menschen zu helfen, die durch die Angriffe der Drachen verletzt worden waren. Ohne Unterlass ging er zwischen den Lagern umher, wechselte Verbände, kühlte fiebrige Haut oder verweilte einfach nur, um tröstende, mitfühlende Worte zu sprechen. Erst als es längst dunkel geworden war, kehrte er in die Feste zurück, aufgewühlt von all dem Elend und Schmerz, dem er sich gegenüber gesehen hatte.
„Scht, er schläft." Laietha zuckte erschreckt zusammen, als sie Elrohirs Stimme vernahm. Sie hatte ihn in den Schatten des Zimmers gar nicht wahrgenommen, obwohl es ihr hätte klar sein müssen, dass Elladans Zwilling nicht von seiner Seite weichen würde. So war es schon immer zwischen den Brüdern gewesen und sie hoffte, dass es sich nie ändern würde.
Sie hatte vor wenigen Momenten erst erfahren, dass Elladan sich hier befand – bis dahin hatte sie sich um die Kinder gekümmert, die ihre Eltern bei den Drachenangriffen verloren hatten. Ihr Herz pochte so laut, dass sie meinte, man müsse es im ganzen Raum hören. Allein Elrohirs Anwesenheit war ihr ein Trost.
Der Elb schloss die Frau fest in seinen Arm und gemeinsam schwiegen sie einen Moment lang. Keiner von beiden ertrug den Anblick der schlafenden Gestalt, deren Gesicht so bleich wie das Mondlicht war.
Endlich löste sich Laietha aus seinen Armen und sah Elrohir in die Augen, während sie stumm fragte, was geschehen war. Elrohir vergewisserte sich, dass Elladans Atem regelmäßig ging, dann zog er sie zum Fenster und berichtete von dem Schlangenbiss im Stall.
Ein kalter Schauer überlief die Kriegerin und in Elrohirs Blick fand sie Verständnis für die Frage, die sie verwirrte – woher war die Schlange gekommen? Jeder wusste genau, dass es in Minas Tirith keine Schlangen gab, die so giftig waren, dass sie einen Menschen gefährden konnten.
Behutsam zog Laietha die Wolldecke wieder über die Brust des Elben, dessen Brust sich regelmäßig hob und senkte. Elladan schlief tief und fest. Trotzdem entsetzte sie der Anblick, denn im Gegensatz zu Aragorn waren ihre elbischen Brüder solange sie denken konnte noch nie krank gewesen.
„Er wird doch bald wieder gesund sein, nicht wahr?" Ihre Stimme klang mehr nach dem jungen Mädchen, das Elrohir so sehr geliebt hatte, als nach der Frau, zu der seine Schwester in nur einem Wimpernschlag herangewachsen war. „Vater hat ihn gleich versorgt und du weißt, dass er stark ist, nicht wahr?" Sie nickte leicht. Elrohir schenkte ihr ein mattes Lächeln.
Eigentlich gab es nichts für sie zu tun, aber ihr Blick flehte ihn an, sie nicht fort zu schicken. Behutsam zog er einen Stuhl ans Bett ihres Bruders und drückte sie sanft darauf nieder. „Bleib ruhig hier, Schwester", flüsterte er und die Dankbarkeit in ihren Augen zeigte ihm, dass er das richtige getan hatte. Außerdem tat es gut, sie einmal wieder ganz für sich zu haben, auch wenn sie nicht sprachen.
Gelegentlich erneuerte Elrohir den feuchten Lappen auf Elladans Stirn, aber mehr tun konnten sie nicht. Die Anstrengungen des Tages machten sich bemerkbar und Laietha unterdrückte ein Gähnen. Auch Elrohir sah müde und mitgenommen aus, aber er versicherte ihr, er würde bei Elladan bleiben und Wache halten. „Geh, Schwester, du solltest schlafen, schließlich bist du ein Mensch", flüsterte er und obwohl er versuchte zu lächeln, blieb die Sorge in seinen Zügen offensichtlich.
