Kapitel 21
Er.
Severus wirbelte herum, die Phiole noch immer fest in seiner Hand.
„Wie kommst du darauf?", wollte er wissen und musste sich zusammenreißen, die Phiole nicht mit dem unbarmherzigen Druck seiner Finger zu zerquetschen.
„Er riecht übel", antwortete sie mit einem langgezogenen „ü", rümpfte die Nase und erinnerte mit ihrer Grimasse dumpf an McGonagall, wenn die alte Frau sehr widerwillig den prophylaktischen Anti-Erkältungs-Trank von Severus einnehmen musste. Nicht dass Severus es veranlasst hätte. Aber der Nachteil, Tränkemeister an einer Schule mit medizinischer Versorgung zu sein, lag eindeutig in der wiederkehrenden Verpflichtung, Poppy mit ausreichend Tränken zu versorgen.
Er knirschte mit den Zähnen und verbannte die Gedanken aus seinem Kopf. Was nicht sonderlich schwer war... denn in dem Moment wollte er nach der Karte in seinem Mantel greifen, um festzustellen, wo Hermine sich momentan befand. Die Karte war verschwunden.
„Wo ist die Karte?", zischte er, mehr zu sich selbst als zu Madonna. Doch sie antwortete, ihre Stimme noch immer erschreckend zurechnungsfähig.
„Sie ist dir aus dem Mantel gefallen." Sie machte einen Schritt tiefer in den Gang hinein. „Hermine hat sie..."
Noch bevor sie den zweiten Satz zu Ende gesprochen hatte, war Severus dabei, mit seinem Zauberstab eine Frage in die Luft zu schreiben.
Hermine, wo bist du?
Die Buchstaben hingen für einen Moment lang in der Luft und verpufften nur langsam. Verblassten immer mehr, bis nicht mehr übrig blieb als ein bitterer Geschmack auf Severus' Zunge. Er wiederholte den Zauber, schrieb nur ihren Namen, gefolgt von einer einzigen Aufforderung.
Antworte!
Erneut begannen die Buchstaben zu verschwimmen und er verfluchte die Tatsache, dass mit ihnen seine Ruhe schwand. Dort, wo eben noch grimmige Entschlossenheit war, brodelte ein nervöses Lavabad. Die imaginären Blasen blubberten, platzten, wurden größer und größer und die Zeit tickte davon, langsamer und langsamer. Und alles lief auf einen einzigen Moment hinaus.
Der Name rollte ihm ungewollt schwer über die Zunge und verblasste so schnell, wie die in die Luft geschriebenen Worte davor.
„Hermine..."
Doch eine Antwort blieb ihm auch weiterhin verwehrt und seine Brust zog sich schmerzhaft zusammen, was rein gar nichts mit den Herzrhythmusstörungen zu tun hatte.
„Er kommt", ließ Madonna verlauten. Sie hatte sich nicht gerührt, starrte auch weiterhin in den Gang, in den Hermine verschwunden war. Doch ihr Tonfall hatte einen drängenden Unterton, ein leichtes Vibrieren, das der Aussage Nachdruck verlieh und Severus aus seiner Starre riss. Wenn Frederick näher kam, würde er sie hier wie auf einem Silbertablett präsentiert bekommen.
Hastig schob er seine ablenkenden Gedanken in den Hintergrund und erhob seinen Zauberstab, um die Höhle so gut wie möglich auszuleuchten. Eine 360 Grad Drehung und einige Flüche später stellte er fest, dass es nur diesen einen Ausgang gab. Zumindest der einzige, den er erkennen konnte. Sie saßen in der Falle. Ein weiteres Apparieren traute er sich nicht zu, schon gar nicht ohne Hermine an seiner Seite, die ihn danach ordentlich zusammenstauchen konnte für so viel Unverstand. Er lächelte, eine Mischung aus trauriger Erkenntnis und Belustigung und hielt inne in seiner Bewegung, noch immer die Phiole in seiner Hand. Einen Moment lang starrte er darauf, als würde er sie das erste Mal sehen. Dann...
„Madonna, geh weg von dem Eingang!", befahl er. In seinen eigenen Ohren klangen die Worte seltsam und fremd. Ein monotoner Singsang, der sich in den Tiefen der Höhle brach und ihn auffüllte wie feiner Sand einen Glasbehälter. Eine Sanduhr, beständig und gleichgültig ihrer Wirkung auf einen nervösen Geist.
Madonna gehorchte sofort, lief zuerst behutsam einige Schritte rückwärts, ihren Blick unverwandt auf das dunkle Loch vor ihr gerichtet, ehe sie sich umdrehte und mit schnellen, wenn auch etwas wackligen Schritten auf ihn zugelaufen kam. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drückte er ihr Hermines Rucksack in die Hand und er selbst umklammerte seinen Zauberstab in der rechten, die Phiole mit dem Mittel, welches sie vor Fredericks Raubtieren verbergen sollte, in der linken.
„Brauchen wir nicht einen Plan?", murmelte Madonna, während er sie vor sich her scheuchte, weg vom Eingang und weiter hinein in die Höhle. Das Licht seines Zauberstab fraß sich einen Weg in die Dunkelheit, jedoch nicht weit genug, um zu sehen, ob die andere Seite in erreichbarer Nähe lag. Aus dem Tunnel hinter ihm erreichten sie nun Geräusche, schnelle, kratzende Geräusche. Scharfe Krallen auf unebenem Grund. Die Tiere mussten sich wie eine Welle fortbewegen. Wie eine Welle aus tödlichem Wasser, welches Luft und Gestank vor sich herschob und damit ihre Ankunft ankündigte. Und wo die Tiere waren, war Frederick nicht weit.
Doch dort, wo die Tiere waren, war auch Hermine.
Severus verschluckte sich an seinem eigenen Atem, stolperte auf dem glitschigen Untergrund und konnte sich noch im letzten Moment an Felsen abstützen, die linkerhand als erste Stufe zu einem Plateau hinaufführte. Madonna hatte einige Schritte Vorsprung gehabt, doch sie kehrte zurück, beugte sich zu ihm hinunter und das Licht seines Zauberstabes ließ ihre Augen funkeln. Vor vielen Jahren, so dachte Severus in diesem Augenblick, musste sie eine schöne Frau gewesen sein. Unverbraucht, ungefoltert und frei. Doch die Jahre der Gefangenschaft hatten ihr eine zerbrechliche Aura gegeben. Für eine Sekunde wunderte sich Severus, wie sie es überhaupt geschafft hatte, so lange zu überleben.
„Steh auf!", forderte sie unbarmherzig und mit Erstaunen bemerkte er, wie er gehorchte. Aha, da war also die Antwort auf seine Frage. Sie hatte nicht aufgegeben zu kämpfen. Nicht mehr und nicht weniger.
oOoOo
Sie hustete. Eigentlich war es mehr ein heiseres Röcheln, das ihr nichts brachte als stechende Schmerzen in ihrem Brustkorb. Benommen fuhr sie sich mit der Zunge über ihre trockenen Lippen und würgte die staubige Substanz sofort wieder aus, die ihr Gesicht zu bedecken schien. Brennend kroch sie zwischen ihre geschlossenen Augen, spannte eine feste Schicht über ihre Wangen, als hätte sie ein Peeling zu lange einwirken lassen.
Erinnerungsfetzen schwirrten in ihrem Kopf, ließen alles an ihr vorbei laufen wie eine Werbung im Fernsehen, die man nicht anschaut, jedoch auch nicht umschaltet. Einfach nur, weil man zu faul ist die Fernbedienung zu betätigen. Diese furchtbare Angewohnheit hatte sie bei ihrem Vater nie verstehen können.
Etwas presste sich unangenehm gegen ihren unteren Rücken und sie wollte das Becken etwas heben, um dem Druck zu entkommen. Doch kaum war der Befehl bei ihren Muskeln angekommen, entkam ihr ein erschrockener Laut. Der Schmerz ließ jeglichen Atem aus ihren Lungen entweichen, was wiederum dazu führte, dass staubiger Regen auf sie niederrieselte, in ihre Nasenlöcher kroch und ihre Lippen erneut mit einer krümeligen Schicht bedeckte, die sie mit der Hand wegwischen wollte. Doch ihre Arme waren eingeschlafen. Schwer und fremd fühlten sie sich an. Sie wollte ihre Finger bewegen... und schrie auf. Nur ein kurzer Laut, gefolgt von einem erneuten Hustenreiz und Tränen traten in ihre Augen. Bei dem Versuch sie wegzublinzeln, bemerkte sie die Dunkelheit, die sie zudeckte wie eine Schicht Erde.
Moment, die Dunkelheit war eine Schicht Erde.
Entsetzt riss sie die Augen auf, ganz weit, als ob sie mehr sehen konnte, wenn sie nur weit genug offen waren. Doch die undurchdringliche Schwärze ließ sich dadurch nicht beeindrucken. Im Gegenteil, sie schien noch näher zu rücken, lastete schwer auf ihr. Obwohl das wohl eher an der Tunneldecke lag, die über ihr eingebrochen war.
„Großartig!", raunte sie und ihre Stimme klang dumpf und hohl. Der Geruch von Erde und Moder stieg ihr immer stärker in die Nase. Im Grunde ein angenehmer Duft... wenn man nicht gerade lebendig in einem Grab gefangen war, über dem viele, viele Meter Erde und Stein und Felsen lagen.
Sie schloss die Augen, zwang ihre Atmung ruhiger zu werden – und stellte im selben Moment fest, dass sie hier eine äußerst hilfreiche Entdeckung gemacht hatte.
Luft.
Sie fühlte sich frisch und kühl an, obwohl der erdige Geruch sie dämpfte. Offensichtlich würde sie hier nicht ersticken müssen. Nicht schon wieder! Sie rollte mit den Augen, ein Stöhnen auf den Lippen, das nicht so sehr mit der Tatsache zu tun hatte, dass sie wohl jämmerlich verdursten würde, als damit, dass sie es schon wieder geschafft hatte, in eine Situation zu bringen, aus der Severus sie befreien musste.
„Verdammt!", murmelte sie. „Das wird langsam lächerlich."
Einige Minuten lang lag sie einfach da, ließ sich von der Stille einlullen und katalogisierte den Zustand ihres Körpers. Ihre Arme begannen unangenehm zu kribbeln. Offenbar hatte die Aufwachphase ihrer Blutzirkulation einige Minuten Verspätung. Der Versuch, ihre Zehen zu bewegen, endete in einem schmerzerfüllten Aufschrei und veranlasste sie dazu, diese Tests vorerst auf Eis zu legen. Stattdessen gewann sie mehr und mehr an Zuversicht, als sie einige tiefe Atemzüge später bemerkte, dass etwas zwischen ihren Fingern lag. Vermutlich hatte sie sich die Fingerknöchel aufgeschlagen oder einige blutige Kratzer, denn das vertraute Gefühl ihrer Zauberstabes wurde gemindert durch eine glitschige Feuchtigkeit, die warm und klebrig ihre Fingerkuppen bedeckte. Sie drückte etwas fester zu und ignorierte das Brennen, biss sich auf die Lippen und murmelte „Lumos!". Vielleicht war es Einbildung, vielleicht auch nicht, aber ein dämmriges Schimmern schien von irgendwo herzukommen, ließ die Dunkelheit etwas weichen. Allerdings nicht ausgeprägt genug, damit sie Einzelheiten erkennen konnte. Sie wollte den Stab etwas rotieren lassen, nur um zu testen, ob sie genug Platz für einen Zauber hatte, doch sie ließ es schnell bleiben. Zehntausend Tonnen Erdreich schienen es ihr nicht leicht machen zu wollen.
Sie löschte das Licht wieder, um Kräfte zu sparen, und kaum hatte die samtige Dunkelheit sie wieder, horchte sie mit klopfendem Herzen auf. Waren das Schritte? Nein, ein Kratzen. Ein Kratzen und ein Klackern, wie Kieselsteine, die hüpfend einen Berghang hinunter kullerten. Dann noch mehr rhythmisches Kratzen. Und mit einem Gefühl, das stark zwischen Entsetzen und Erleichterung schwankte, gelang sie zu der Erkenntnis, dass sie offenbar ausgebuddelt wurde. Wie ein Knochen, den eines von Fredericks Kätzchen zum späteren Verzehr eingebuddelt hatte.
„Verdammt!", wiederholte sie und wartete auf das Unausweichliche.
oOoOo
Sie hatte seine Hand umklammert und gegenseitig zwangen sie sich, weiter zu laufen. Halb schiebend, halb ziehend.
Der Tunnel hinter ihm war weit genug entfernt, um den Luftzug nicht mehr zu spüren. Der Geruch hingegen war eminent und zum Bedauern seiner Nase sehr ausgeprägt.
Sie umrundeten eine gewaltigen Stalakmiten, dessen Umfang am Fuß breit genug war, damit sie sich dahinter vorerst verstecken konnten, um etwas zu Atem zu kommen. Kaum hatte Severus Madonnas Handgelenk losgelassen, machte sie einen Schritt zur Seite und ging etwas unbeholfen in die Knie. Ihre Hände auf ihre Knie stützend, versuchte sie ihre Atmung unter Kontrolle zu halten, während Severus ihr ziemlich ruppig den Rucksack von den Schultern riss und seinen Zauberstab hinein hielt, um nicht wie ein gottverdammter Leuchtturm auf sich und seine Begleitung aufmerksam zu machen.
Er suchte etwas.
Nur Sekunden war es her, als ein Gedankenblitz durch seinen Kopf geschossen war und die Erleuchtung hatte ihn taumeln lassen. Doch die vergangenen Tage – oder waren es eher Jahre – hatten zuviel verlangt. Die Idee war erloschen, als hätte er einen gedanklichen Nox ausgesprochen.
Er musste nachdenken. Brauchte Zeit. Brauchte...
„Hermine."
Er riss den Kopf zur Seite, starrte Madonna an. Sie hatte sich inzwischen etwas beruhigt, auch wenn ihre Atmung noch immer zu schnell, ihr Teint noch immer zu bleich war. Wie ein weißer Vollmond leuchtete ihr rundes Gesicht.
„Was?", fauchte er, obwohl es wirklich als Frage gemeint war. Er musste nachdenken. Er durfte sich nicht ablenken lassen. Falls Hermine noch am Leben war, konnte er ihr keine Hilfe sein, wenn er einen Fehler machte. Er durfte sich jetzt nicht vom nutzlosen Gebrabbel einer Irren ablenken lassen.
„Wir können Hermine nicht zurück lassen", sagte sie und Severus verfluchte sie dafür, ausgerechnet jetzt ihren Verstand wieder zu finden.
„Glaubst du, das weiß ich nicht?", fauchte er noch ungehaltener. Weiterhin wühlte er in dem Rucksack, hoffte, wenn sein Blick auf den fehlenden Hinweis fiel, würde sein Gedanke zu ihm zurückfinden. Doch seine Hand zitterte und er fluchte. Hastig beugte er sich ein wenig zur Seite, spähte um den rauen Bauch des steinigen Stalakmiten herum und als er noch nichts erkennen konnte, hob er kurzentschlossen den Rucksack am unteren Teil des Träger in die Höhe und schüttelte.
Allem voran die vermaledeite Shampooflasche. Selbst im geschlossen Zustand kam ihm eine fruchtige Duftwolke entgegen, die ihn die Nase rümpfen ließ.
Die Shampooflasche... Die Idee kratzte an der Oberfläche seines Verstandes wie eine Katze, die in einer kalten Winternacht hereingelassen werden wollte. Nicht dass Severus Erfahrung mit Katzen hatte, die in sein Haus wollten. Ganz zu schweigen davon, dass er sie herein ließ.
„Verdammt!", fluchte er erneut, nahm die Shampooflasche in die eine, die Phiole in die andere Hand und starrte darauf. Sein Zauberstab, noch immer erhellt, lag zu seinen Füßen und der kleine Lichtkern begann zu flackern... und ging aus.
oOoOo
Das Kratzen erstarb, nur um wenige Sekunden später erneut zu beginnen. Dieses Mal etwas hektischer und eifriger. Vielleicht war es ja doch Severus? Was allerdings eher unwahrscheinlich war, wie Hermine feststellte, als dem Kratzen ein Grollen folgte. Ein Vibrieren ging durch den Boden und durch ihren Körper. Sie spürte, wie Steine und Erde sich auf und unter ihr bewegten und sie biss sich auf die Lippen, als ein besonderes schmerzhafter Druck irgendwo auf ihrer rechten Wade so sehr zunahm dass sie glaubte, er würde daraus Kaffeepulver mahlen wollen.
Doch sie blieb still liegen und versuchte entgegen jedes inneren Dranges nicht, bei der Rettung auch noch zu helfen. Wenn sie den Raubkatzen schon als Snack dienen sollte, dann würde sie wohl kaum noch den Vorgang des Ausbuddelns beschleunigen. Stattdessen schloss sie die Augen. Oder vielleicht waren sie auch schon vorher geschlossen gewesen. Sie gab ein halb verzweifeltes, halb amüsiertes Schnauben von sich und spürte, wie sich Tränen in ihren Augen sammelten. Sie kitzelten und sie wollte sie so unheimlich gerne wegwischen. Doch sie lag ohnehin schon in einem Grab. Kein Grund, jetzt Fassung zu bewahren.
Sie schluchzte, kniff die Augen fest zusammen und die Tränen sammelten sich an ihren Schläfen, liefen in unberechenbaren Bahnen über ihre Haut und in ihre Haare. Ihre Bahn führte sie bis zu ihren Ohren, in denen das Blut rauschte, laut und aufbrausend.
Sie spürte ihren Körper erzittern und wusste nicht, ob es an der bebenden Erde oder ihrem Weinen lag.
Sie wollte um Hilfe rufen, irgendjemanden an ihrer Seite haben. Irgendjemand, der einfach nur da war. Damit sie nur nicht alleine sterben musste.
Es war ein seltsamer Moment. Er zog sich in die Länge wie ein unausgesprochener Zauber, der für einen Moment die Zeit anhielt und ihr wurde klar...
Nicht irgendjemand! Sie wollte Severus!
oOoOo
Dunkelheit breitete sich um sie herum aus und er hörte, wie Madonna erschrocken nach Luft schnappte und näher an ihn heran rutschte. Er ließ es zu und steckte die zwei Gegenstände in seine Manteltasche bevor er nach seinem Zauberstab tastete, um ihn erneut zum Leuchten zu bringen. Beinahe wünschte er, er hätte es nicht getan. Schon allein aus dem Grund, weil Madonnas Finger sich spontan in seinen Oberarm gruben und ganz sicher blaue Flecken hinterlassen würden.
„Nicht doch, Severus", Fredericks Stimme klang seltsam dumpf, als würden sie sich nicht in einer riesigen Höhle, sondern in einem Grab gegenüberstehen. „Das Licht ist definitiv zu viel Dramatik, meinst du nicht auch?"
Er stand nur wenige Meter entfernt. Musste wohl appariert sein, so wie er es schon einige Male getan hatte, ohne jegliche Anzeichen von negativen Konsequenzen.
'Großartig, Gehirn. Darüber machst du dir Gedanken? Kümmer' dich lieber darum, dass wir hier lebend rauskommen!', dachte Severus und setzte sein grimmigstes Gesicht auf. Wäre er in Hogwarts gewesen, hätte sein Blick ausgereicht, eine Gruppe Erstklässler zum kollektiven Weinen zu bringen. Hier allerdings schien es Frederick nur zu amüsieren.
„Ich kenne dieses Gesicht", knurrte der andere Mann. Sein fleckiger, am Saum zerrissener Umhang schleifte mit einem Kratzen auf dem Fußboden, schaffte es aber nicht, die unzähligen Krallen und Pfoten und blähende Nüstern zu übertönen, die inzwischen so laut geworden waren, dass Severus sich wunderte, dass er ihren üblen Mundgeruch noch nicht riechen konnte. „Den hast du vor all den Jahren vor dem Spiegel geübt und schon damals hab ich dir gesagt, es sieht aus, als hättest du einen üblen Fall von Verstopfung." Er kam näher und Severus hielt nun seinen Zauberstab auf Frederick gerichtet, der den seinen noch nicht einmal in den Händen hielt. Stattdessen macht er eine kaum wahrnehmbare Kopfbewegung hinter sich. Augenpaare funkelten ihnen aus der Dunkelheit entgegen, blinzelten angriffslustig und je näher sie kamen, desto besser konnte er ihre Umrisse ausmachen.
Severus' Blick verdunkelte sich noch mehr, während er seine Hand langsam und so unauffällig wie möglich in die Richtung seiner Manteltasche tasten ließ. Aus den Augenwinkeln konnte er Madonnas Blick sehen, der überraschenderweise nicht auf Frederick, sondern auf ihn selbst gerichtet war. Ihre Finger drückten zu, zweimal, dreimal, dann ließ sie los.
Und Severus löschte das Licht.
oOoOo
„Severus."
Der Name rollte über ihre Lippen, so einfach und vertraut, dass sie fast glaubte, er wäre persönlich anwesend. Hier, in diesem Moment, vergraben unter den Tonnen Geröll. Sie konnte es fast vor sich sehen. Sein Gesicht, seine zusammengezogenen Augenbrauen, die die sie missbilligend ansahen und ihr sagen wollten, was er von ihrem sentimentalen Getue hielt. Sie lachte heiser und ein bitterer Geschmack machte sich in ihrem Mund breit. Bitter wie Severus.
Ihre Tränen waren verebbt und getrocknet und sie blinzelte vorsichtig in die Dunkelheit, die keine mehr war. Dämmriger Zwielicht erreichte ihre Augen, doch sie konnte noch nicht genau erkennen, von wo es kam. Graues Gestein hing über ihr. Graue Erde und graue Wurzeln. Alles war grau und verschwommen. Wobei Letzteres wohl eher daran lag, dass ein paar hartnäckige Tränen ihre Sicht noch immer verzerrten.
Klackern und Kratzen und Grollen drang nun wieder deutlicher an ihre Ohren und sie erschrak. Wieso war es auf einmal so laut? Wahrscheinlich hatte sie es während ihres Mini-Nervenzusammenbruchs verdrängt, aber inzwischen war es so deutlich, dass sie glaubte, das Raubtier würde ihr bereits das Ohr ablecken wollen. Hoffnung begann in ihr zu quellen, als sie bemerkte, dass sie ihre rechte Hand bewegen konnte. Nicht viel, kaum genug, dass sie ihre Faust leicht öffnen konnte. Was sie natürlich nicht wollte, denn in eben dieser Hand lag noch immer ihr Zauberstab und ein hysterisches Kichern wollte sich schon wieder auf ihre Lippen stehlen, das sie jedoch schnell hinunterschluckte. Sie hatte natürlich nichts dagegen einzuwenden, dass ihre Hand mit ihrer Waffe als erstes ausgegraben wurde. Diese Entwicklung eröffnete einiges an Möglichkeiten.
So wartete sie in angespannter Zuversicht. Und dann... verschwand die Schwere auf ihren Finger so plötzlich, dass sie glaubte, der fliehende Druck hätte auch ihre Hand mitgenommen.
Sie konnte inzwischen Einzelheiten erkennen. Einen Riss in ihrer Grabeswand, der hell und breit genug war, dass sie hindurch sehen und große, verschmutzte Tatzen erkennen konnte, die mit braunen, verhärmten Krallen im Boden wühlte, gefährlich nahe an ihrem Unterarm. Ein weiteres Kratzen und eine der Krallen schnitt tief in ihre Haut, was ihr einen schmerzerfüllten Laut entlockte und sie wusste, sie würde sofort handeln müssen, bevor sich das Kätzchen schon mal mit einem Häppchen Appetit holen konnte.
Einen Moment lang kam ihr der schreckliche Gedanke, ihr Zauberstab hätte kaputt gegangen sein können und was sie in den Händen hielt war kaum mehr als ein paar lose Fasern, umhüllt von einem zerbrochenen Stück Holz. Doch sie konnte den Gedanken kaum vollenden, als sie bereits ihren Zauberstab fest umklammerte und eine Kreisbewegung vollführte.
„Impedimenta!"
Es gab einen wütendes Gebrüll, einen dumpfen Schlag … und dann nichts mehr.
TBC...
