Xaori: Vielen lieben Dank für dein Review. Ich freu mich total, einen neuen Leser zu haben und ich hoffe, du schaffst es noch, die anderen Kapitel zu lesen.
Mittlerweile dämmerte es. Alex stand noch immer am Fenster und sah nachdenklich auf die Straßen New Yorks hinab. Das Essen, das man ihr hingestellt hatte, hatte sie nicht angerührt.
Sie ließ sich Chris Redfields Worte durch den Kopf gehen und wog ihre Möglichkeiten ab. Alex verfluchte die B.S.A.A. dafür, dass sie ihre Pläne durchkreuzt hatte. Eigentlich wollte sie jetzt bereits in ihrem neueingerichteten Labor stehen und weiter forschen.
Es war ihr ein Rätsel, wie die B.S.A.A. sie gefunden hatte. Soweit Alex wusste, war der Ort des Hauses, in dem sie und Albert aufgewachsen waren, nie offiziell bekannt geworden. Redfield und seine Leute mussten tief gegraben haben, um sie dort aufspüren zu können. Es sei denn…
Sie dachte kurz an die Gespräche mit Jake zurück. Hatte sie ihm gegenüber erwähnt, wohin sie gehen wollte? Vermutlich hatte sie es ihm erzählt. Nach ihrer Flucht hatte man den Jungen wahrscheinlich über ihr Verhältnis ausgefragt. Jake hatte gar keine andere Wahl gehabt, als ihnen zu verraten, was er wusste. Selbst wenn er nicht viel preisgegeben hatte, den Rest hätten Redfield und seine Leute selbst herausfinden können.
Alex war Jake nicht böse. Der Junge hatte sehr viel für sie getan und ohne ihn wäre sie nie so weit gekommen. Sie war viel eher wütend auf sich selbst. Sie hatte sich hinreißen lassen und in ihrer Siegessicherheit zu viele Fehler gemacht. Sie war nachlässig geworden und hatte sich selbst in ihre jetzige Situation gebracht.
Sie hatte nicht viel Spielraum, wie sie sich selbst eingestehen musste. Chris Redfield hatte nicht Unrecht. Ein zweites Mal würde sie das Gebäude der B.S.A.A. nicht so leicht verlassen können. Noch dazu waren ihre Möglichkeiten jetzt noch begrenzter als beim letzten Mal. Sie hatte nicht mal mehr ein Handy, mit dem sie jemanden anrufen konnte.
Gedanklich trug sie alle Fakten zusammen. Sie hatte bisher viel erreicht. Sie hatte sogar endlich ihren alten Körper wieder. Das Versteckspiel war zu Ende. Sie musste nicht länger vorgeben, ein kleines Mädchen zu sein.
Die B.S.A.A. bot ihr eine Zusammenarbeit an. Wenn sie sich darauf einließ, dann würde sie nicht nur Zugang zu dem neuen Virus bekommen, sie hätte sogar die Chance, die Situation zu ihrem Vorteil zu wenden. Dafür jedoch musste sie äußerst klug und vorsichtig vorgehen. Und sie war auf Jakes Hilfe angewiesen. Wenigstens. Sie überlegte, was Albert in ihrer Situation getan hätte. Er war immer ein kluger Stratege gewesen, der jeden Schritt im Voraus genau kalkuliert hatte. Nützliche Beziehungen zu knüpfen war schon immer seine Stärke gewesen. Das wolle sich Alex zum Vorbild nehmen.
Lass deine Freunde nah an dich heran, aber deine Feinde noch näher. Chris Redfield würde es bitter bereuen, ihr, Alex Wesker, einen Deal angeboten zu haben.
„Du hast was gemacht?!" Jill sah ihren Mann fassungslos an.
„Christopher, das war nicht abgesprochen", mahnte O'Brian.
Chris hatte mit der Reaktion schon gerechnet. Er hob beschwichtigend die Hände. „Ich weiß, ich weiß. Bitte, hört mir erstmal zu."
„Wir sind ganz Ohr", sagte Claire und warf Chris einen tadelnden Blick zu. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und wartete ungeduldig auf eine Erklärung von ihrem Bruder.
„Das war eine Idee, die mir gestern spontan eingefallen ist, nachdem wir mit Jake geredet hatten. Ich dachte, dass es klüger wäre, nicht gegen Alex Wesker zu arbeiten."
„Aus welchem Grund, Chris?", fragte Jill wütend. „Und warum weihst du uns nicht vorher in deine Pläne ein?!"
„Weil ich wusste, dass ihr genauso reagieren würdet", sagte Chris ruhig. „Erst mit euch zu diskutieren, hätte zu lange gedauert. Ich wollte sofort handeln. Und ich glaube, dass mein Plan aufgegangen ist."
„Du meinst, Alex Wesker lässt sich auf eine Zusammenarbeit mit der B.S.A.A.? Träum weiter, Bruder!"
„Das wird sie", sagte Chris mit Bestimmtheit. „Das wird sie."
„Was hast du ihr versprochen?"
„Dass sie uns mit dem neuen Virus weiterhilft", erklärte Chris.
„Was?! Du willst sie in die Sache mitreinziehen?! Diese Frau wird jede Gelegenheit nutzen, um…"
„Ich weiß, deshalb müssen wir ein Auge auf sie haben. Und Jake in die Sache involvieren", sagte Chris. „Er hat den besten Draht zu Alex Wesker. Außerdem mag sie ihn. Sie wird jeden Vorteil für sich aus dieser Vereinbarung ziehen, das müssen wir eben auch tun."
„Chris, das ist… Ich weiß nicht, was ich sagen soll", sagte Jill und warf resignierend die Hände in die Luft.
Claire schüttelte den Kopf. „Wie sollen wir das Barry erklären?"
„Ich rede mit ihm, keine Sorge. Und auch mit Jake. Überlasst das alles mir", sagte Chris. „Wenn ich das erledigt habe, dann werden wir Alex in alles einweihen, was wir wissen. Sie soll sich Pascal ebenfalls ansehen und Rebecca bei den Untersuchungen helfen."
Rebecca sah auf diese Ankündigung hin nicht sonderlich begeistert aus.
„Alex ist doch nicht dumm, Chris", warf Jill ein. „Ich denke nicht, dass sie fair spielen wird. Wenn sie sich darauf einlässt, dann mit Sicherheit nicht aus reiner Herzensgüte, weil sie uns so gern hat."
„Das habe ich bedacht", entgegnete Chris. „Keine Sorge, ich behalte mir ein paar Trümpfe in der Hinterhand."
„Wenn das mal gutgeht", meinte Claire.
„Ihr habt einen Deal mit Alex gemacht?", fragte Jake, genauso erstaunt und ungläubig wie die anderen.
Chris nickte. „Ich habe einen Deal mit deiner „Tante" gemacht. Sie hat noch nicht gesagt, ob sie kooperieren wird, aber ich bin guter Hoffnung. Sie hat gar keine andere Wahl, als zuzusagen."
„Und du kommst zu mir, weil ich… da so eine gewisse Rolle spielen soll, nicht wahr?", schlussfolgerte Jake.
„Ja. Du musst uns helfen, dass das funktioniert, Jake. Ich habe Alex gesagt, dass sie uns bei der Sache mit dem neuen Virus helfen muss."
„Ernsthaft, Chris?"
„Wir haben keine andere Wahl", sagte Chris. „Wir kommen nicht weiter und praktisch jede Minute kann es einen neuen Ausbruch geben. Wir brauchen Alex' Hilfe dabei."
„Ich glaube, das war eine Schnapsidee", sagte Jake und er klang dabei fast genauso tadelnd wie Jill und Claire.
„Vielleicht war es das, aber angesichts unserer Situation habe ich entschieden, uns nicht noch mehr Probleme zu schaffen, als wir ohnehin schon haben. Wir können es uns nicht erlauben, an zwei Fronten gleichzeitig zu kämpfen. Außerdem habe ich an dich gedacht, Jake."
„An mich?", fragte Jake verwundert.
„Ich weiß, dass du immer noch wütend auf mich bist. Wegen deines Vaters", fügte Chris hinzu.
„Chris, das hatten wir schon. Wir können nicht mehr ändern, was passiert ist."
„Ja, das stimmt. Das können wir wirklich nicht. Aber wir können versuchen, die Fehler aus der Vergangenheit nicht mehr zu wiederholen. Ich weiß, dass es dir sehr viel bedeutet hat, Alex Wesker zu treffen."
Jake atmete tief durch und nickte. „Ja, das hat es. Sie war die Einzige, die…"
„Ich weiß, die Einzige, die dir etwas über deinen Vater erzählen konnte. Genau deshalb mache ich das, Jake. Ich möchte für dich, dass du diesmal selbst die Möglichkeit hast, zu entscheiden. Und ich wünsche mir für dich, dass dir diese Chance, die du bekommen hast, erhalten bleibt."
Die beiden Männer sahen sich an. Chris nickte.
„Also gut", sagte Jake schließlich. „Bin dabei."
„Sehr gut."
Nachdem Chris vorsichtig an die Tür geklopft hatte, öffnete Alex Wesker und bat ihn herein. Sobald die Tür ins Schloss gefallen war, ergriff Chris die Initiative. Er wollte nicht lange um den heißen Brei herumreden. Er wollte eine Antwort.
„Wie sieht es aus? Steht unser Deal?"
Alex antwortete nicht gleich, sondern betrachtete ihn eingehend, so als versuche sie, seine Gedanken zu lesen oder aus seinem Gesichtsausdruck schlau zu werden.
„Ich habe eingehend über das Angebot nachgedacht und alle Möglichkeiten abgewogen", erklärte Alex. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass dein Angebot überaus interessant ist, Chris. Ich bin geneigt, mich auf den Deal einzulassen."
Chris atmete innerlich auf. Er hatte schon befürchtet, Alex würde ablehnen. Dann wäre er in einer Zwickmühle gesessen. Ihr Tonfall verriet ihm aber, dass es wohl einen Haken gab. Ihre Zustimmung hing von einer Bedingung ab.
„Aber? Da kommt noch etwas, oder?"
„In der Tat. Ich helfe euch und als Gegenleistung werde ich einfach hier rausspazieren, wenn das hier vorbei ist."
„Du willst, dass wir dich einfach gehen lassen?"
„Das ist der Deal. Ja oder nein. Ihr habt die Wahl." Sie ging an ihm vorbei zum Fenster und drehte ihm den Rücken zu.
Chris verstand, dass er jetzt am Zug war. Alex hatte ihre Konditionen dargelegt und nun war es an ihm, darauf zu reagieren.
„Also gut, wenn du uns hilfst, diesen Fall zu lösen", Chris legte besondere Betonung auf das Wort, „dann bist du frei. Dann werden wir dich nicht länger behelligen. Aber ich werde nicht kurze Zeit später deine neugeschaffenen Monster beseitigen. Und Jake auch nicht. Also überleg dir gut, was du mit deiner Freiheit anfangen willst."
Alex drehte sich langsam um und begegnete seinem Blick. „Du bist für Überraschungen gut, Chris. Ich hätte dich anders eingeschätzt. Als ich hörte, dass du Albert in Afrika getötet hast, als ich deine Schwester auf der Insel kennenlernte, da hatte ich ein anderes Bild von dir."
„In der Vergangenheit war ich tatsächlich anders", sagte Chris nachdenklich und dachte dabei an die Entwicklung, die er seit Raccoon City durchgemacht hatte, die er vor allem seit Piers' Tod und China durchgemacht hatte. „Scheint so, als hätten mich die Wesker ein paar Lektionen gelehrt."
Alex schritt langsam auf ihn zu. Sie konnte genauso einschüchternd sein wie Albert Wesker es gewesen war und Chris konnte sich gut vorstellen, dass ihre Mitarbeiter von früher großen Respekt, vielleicht sogar Angst vor ihr gehabt hatten. Chris blieb standhaft. Er wich keinen Millimeter zurück, als sie sich ihm näherte und sich bedrohlich vor ihm aufbaute.
„Ihr letztes Wort, Mr. Redfield?"
„Ja."
„Ich bin einverstanden", sagte Alex und nickte. „Ich denke, dieses kleine… Arrangement wird sehr interessant werden."
„Oh ja, das denke ich auch."
Chris, Jill, Claire, Leon, Helena, O'Brian, Barry, Rebecca und Billy hatten sich im Konferenzraum der B.S.A.A. versammelt, um ihr weiteres Vorgehen und Chris' Plan zu besprechen. Alle warteten gespannt auf die Person, die so viel Wirbel verursacht hatte. Dann endlich ging die Tür auf und Jake gefolgt von Alex Wesker betrat den Raum.
Als Alex Wesker hereinkam und sich an das Kopfende des Tisches gegenüber Chris setzte, veränderte sich die Stimmung im Raum spürbar. Alle waren angespannt, die Temperatur schien augenblicklich um mehrere Grad zu fallen. Claires und Barrys Gesichter waren wie versteinert. Jake nahm neben Alex Platz. Er warf Chris einen kurzen Blick zu, den Chris mit einem Nicken erwiderte.
Alex wirkte gelassen. Lässig schlug sie die Beine übereinander und wartete. Reihum betrachtete sie alle Anwesenden. Sie grinste.
„Wie ich sehe, haben Sie Ihren Leuten bereits meine Konditionen dargelegt, Mr. Redfield", stellte Alex amüsiert fest.
„Wir haben bereits alles besprochen", sagte Chris und erhob sich, um ein Laptop auf den Tisch zu stellen. „Wir geben dir jetzt alle Infos, die wir bislang zusammentragen konnten. Rebecca."
Rebecca startete den Computer und rief ihre bisherigen Ermittlungsergebnisse auf, dann schob sie Alex das Laptop hin, damit sie mitlesen konnte.
„Alles begann vor ein paar Wochen, als es zu einem neuen Virusausbruch in Afrika kam. Kurz darauf kam es auch zu Ausbrüchen in Amerika."
„Washington?", fragte Alex.
„Ja. Und kürzlich im Central Park."
Alex hörte Chris aufmerksam zu.
„Wir stießen dabei auf einen Mann namens Pascal Jefferson. Claire kennt ihn aus ihrer College-Zeit."
„Ist das der Mann, der euch gerettet hat? Und der jetzt hier ist?", fragte Alex.
„Ja", antwortete Chris. „Claire."
„Pascal und ich waren zusammen auf der Uni", fuhr Claire fort. Ihr war anzumerken, dass es ihr nicht behagte, mit Alex Wesker zu sprechen. „Er wollte Journalist werden und eine Reportage über den Kongo schreiben. Er flog nach Afrika, aber kehrte nie zurück. Er wurde von jemandem entführt, der Experimente mit ihm durchgeführt hat. Sie infizierten ihn mit dem neuen Virus und machten ihn zu dem, was er heute ist. Allerdings ist er nicht wie die anderen Monster. Er mutiert nicht wie sie."
„Details dazu findest du auf dem Laptop. Rebecca wird dir später im Labor noch das zeigen, was sie bisher herausgefunden hat", erklärte Chris.
Alex nickte. „Und weiter?"
„Wir fanden noch eine andere Spur. Es begann ebenfalls in Afrika", sagte Jill. „Vor sehr vielen Jahren startete dort ein namhafter Pharmakonzern ein Experiment. Pharmatech, sagt dir der Name etwas?"
„Durchaus", sagte Alex.
„Sie wollten eine gentechnisch veränderte Bananensorte anbauen, um damit die Malaria zu bekämpfen."
„Ich wusste nicht, dass sie in die grüne Gentechnik eingestiegen sind", meinte Alex. „Interessant."
„Sie fanden ein Dorf, das mit ihnen zusammenarbeiten wollte. Die Dorfbewohner kooperierten. Sie wollten diese Bananensorte in einem Feldversuch anbauen. Das gefiel aber einigen nicht. Eine Gruppe vermeintlicher Umweltschützer versuchte, die Zusammenarbeit zwischen dem Unternehmen und den Dorfbewohnern zu sabotieren. Als sie keinen Erfolg damit hatten, griffen sie zu drastischeren Maßnahmen." Chris deutete auf Billy.
„Das ist Lieutenant William Coen. Er war früher bei den Marines. Er und sein Team sollten im Kongo ein Versteck von Guerilla-Kämpfern ausheben."
„Marines?", fragte Alex erstaunt. „Lag das in Ihrer Zuständigkeit?"
„Wir waren vor der ostafrikanischen Küste gegen die Piraten dort im Einsatz", erklärte Billy. „Man sagte uns, sie seien ins Landesinnere geflüchtet und wir sollten sie bis dorthin verfolgen."
„Ich verstehe."
„Diese Leute schleusten jemanden in Lieutenant Coens Einheit ein, der ihn und seine Leute zu dem Dorf führte. Ihr Befehl war die Leute zu töten. Sie sollten aus dem Weg geräumt werden."
„Danach haben die falschen Umweltschützer das Gerücht gestreut, die Dorfbewohner hätten gar nicht mit Pharmatech kooperieren wollen. Weil dieser aber den Anbau der Gen-Pflanze unbedingt durchsetzen wollte, mussten die Dorfbewohner eben sterben", fuhr Claire fort. „Das Projekt mit den Gen-Bananen wurde daraufhin eingestellt und es gab Klagewellen gegen den Konzern. Pascal stellte Nachforschungen an. Zuerst fiel er auch auf die falsche Spur herein, die man gelegt hatte, schließlich aber kam er doch der wahren Geschichte auf die Schliche. Deshalb musste auch er verschwinden."
„Wir glauben mittlerweile, dass es diese dubiose Gruppierung auf etwas anderes abgesehen hatte. Ihr primäres Ziel war es nicht, das Projekt mit den Bananen zur Aufgabe zu zwingen. Sie hatten auch bei dem Forschungsteam des Pharmakonzerns einen Informanten. Einer der Forscher, der an dem Gen-Bananen-Projekt gearbeitet hat, ist Professor Dr. Paul Meyers. Er ist ein…"
„… bekannter Molekulargenetiker, ich weiß", sagte Alex. „Ich habe ein paar seiner Bücher gelesen."
„Wir haben ihn befragt und er hat uns die Geschichte erzählt. Er hat damals parallel an etwas sehr Interessantem gearbeitet", erklärte Chris. „Er erforschte diese seltene Genmutation, die bei 2 % der Weltbevölkerung auftritt. Der Antikörper, den Jake hat und den auch Albert hatte. Du weißt davon, oder?"
Alex wurde hellhörig. Jake warf ihr von der Seite einen Blick zu. „Ist das wahr? Ich hatte keine Ahnung, dass ihm das bekannt war. Ich dachte, dass nur Spencer davon wusste."
„Offenbar nicht. Wir glauben, dass die Leute, die hinter dem neuen Virus stecken, es auf Professor Meyers' Arbeit abgesehen hatten", sagte Chris. „Das ist der Stand im Moment. An der Stelle kommen wir nicht weiter. Wir haben Pascal untersucht, wir haben seine Aussage. Er meinte, dass er während seiner Gefangenschaft mitbekommen hat, dass diese Leute sagten, die Arbeit des Professors hätte sich als nützlich erwiesen. Ab da tappen wir allerdings im Dunkeln. Und jede Minute kann ein weiterer Ausbruch erfolgen. Uns läuft die Zeit davon. Jetzt bist du am Zug, Alex."
Alex las sich ruhig die Informationen auf dem Laptop durch. „Ich werde sehen, was ich machen kann. Ich möchte jetzt ins Labor und die Ergebnisse sehen. Und Mr. Jefferson persönlich kennenlernen."
Rebecca ging voran und begleitete Alex in ihr Labor, wo sie in den letzten Wochen unermüdlich an dem neuen Virus geforscht hatte. Sie fühlte sich sofort sichtlich wohler, als sich ihnen Jake anschloss. Mit Alex Wesker allein zu sein behagte ihr so gar nicht. Sie vermutete, dass Chris Jake, der ja die beste Beziehung zu Alex Wesker hatte und sie am besten kannte, gebeten hatte, während ihrer Zusammenarbeit ein Auge auf sie zu haben.
Rebecca fuhr ihren Computer hoch, um ihre Forschungsergebnisse aufzurufen, und überreichte Alex alle Aufzeichnungen, die sie gemacht hatte.
Alex las sich alles aufmerksam durch. Plötzlich grinste sie. „Vampir-Virus?"
Rebeccas Wangen färbten sich rosa. „Ja. Ich habe ihn für meine Arbeit vorübergehend V-Virus getauft. Ich fand das war passend."
Alex schlug die Akte zu. „Erzählen Sie mir, was Sie herausgefunden haben, Ms. Chambers."
„OK. Dieses neue Virus basiert auf dem C-Virus. Ist Ihnen der bekannt?"
„Sehr gut, ja."
„Der C-Virus wurde manipuliert und weiterentwickelt. Der V-Virus besitzt eine interessante Eigenschaft. Er verleiht grundsätzlich übermenschliche Kräfte und stärkt den Körperbau, sodass man unempfindlich gegen physische Gewalt wird, dies hat aber einen hohen Preis."
„Welchen?"
„Der Virus infiziert die roten Blutkörperchen, woraufhin das Immunsystem aktiviert wird und sie zerstört. Das verursacht eine starke Anämie. Die Betroffenen entwickeln unkontrollierbare Gelüste auf menschliches Blut. Sie fallen sofort über ihre Mitmenschen her, beißen sie und verbreiten so die Seuche. Sehen Sie sich die Bilder an."
Rebecca rief die Aufnahmen von der Obduktion auf, die sie an einem der toten Infizierten durchgeführt hatte. „Ihre Kiefer sind sehr stark. Ihr Geruchssinn ist gut ausgeprägt, vermutlich damit sie sehr schnell Blut finden. Aber am Kopf liegt auch ihre Schwachstelle. Wenn man das Genick bricht oder in den Rachen schießt, dann kann man sie töten."
„Was passiert, wenn sie kein Blut trinken?"
„Dann sterben sie. Ihr Stoffwechsel ist unglaublich beschleunigt. Wenn sie nicht permanent Nahrung aufnehmen, dann siechen sie in kurzer Zeit dahin", erklärte Rebecca.
„Ich verstehe. Was ist mit dem Mann, der hier ist? Ich habe ihn ja im Park selbst gesehen. Er ist anders als die anderen. Warum?"
„Ja, aber das weiß ich leider nicht", musste Rebecca zugeben. „Ich habe Mr. Jeffersons Blut untersucht, aber werde aus den Ergebnissen leider nicht schlau."
„Ich werde einen Blick darauf werfen", sagte Alex und trat selbst an den Computer. „Sind das seine Blutwerte?"
„Ja. Besonders auffällig ist, dass Mr. Jefferson keine Anämie hat. Er muss kein Blut von anderen trinken. Sein Stoffwechsel ist normal."
„Ich sehe es", sagte Alex, während sie sich die Werte ansah. „Er hat übermenschliche Kräfte?"
„Ja. Ich habe sein Blut zigmal untersucht, aber finde leider nichts. Ich weiß nicht, was ihn von den anderen unterscheidet."
„Ich werde mich darum kümmern", sagte Alex. „Besorgen Sie mir eine Blutprobe von Mr. Jefferson. Dann werden wir uns das mal ansehen."
Rebecca nickte und eilte hinaus.
„Jake, von dir werde ich auch eine Blutprobe nehmen müssen", sagte Alex, während sie sich alle Gerätschaften, die sie brauchen würde, zusammensuchte und sich die Hände wusch.
„Von mir? Warum?"
„Du bist Träger des Antikörpers. Da dies ja offenbar eine Rolle spielt, brauche ich eine frische Probe", erklärte Alex. „Keine Sorge, das geht ganz schnell." Sie zog sich weiße Plastikhandschuhe an und machte eine Spritze bereit.
„Wie soll dir das helfen?", fragte Jake, als er seine Jacke auszog und Alex seinen rechten Arm hinhielt.
„Ich muss die Antikörper aus deinem Blut analysieren. Ich denke, das könnte uns hier weiterbringen."
Leon wartete bereits in seinem Hotelzimmer, als sich Ada mit ihrem Enterhaken auf den kleinen Balkon schwang und durch die offene Tür nach innen trat.
„Hi", sagte Leon, der auf Kante des Bettes saß.
„Hi", hauchte Ada. Sie kam auf ihn zu und wollte sich auf seinen Schoß setzen, um ihn zu küssen, doch Leon erhob sich und wandte sich von ihr ab.
„Was ist los, Leon?", fragte Ada.
„Wir müssen reden, Ada. So geht das nicht weiter."
„Was… meinst du, Leon?", fragte Ada.
„Tu bitte nicht so, als wüsstest du nicht, von was ich rede, Ada", sagte Leon, drehte sich um und sah sie ernst an. „Natalia, Barrys Adoptivtochter, war in Wirklichkeit Alex Wesker. Sie hat es geschafft, mithilfe des C-Virus ihren alten Körper zurückzuerlangen. Alle fragen sich natürlich jetzt, woher sie den C-Virus überhaupt hatte. Hattest du etwas damit zu tun?"
Auf Adas Schweigen hin, nickte Leon. „Habe ich mir gedacht."
„Leon, lass mich…"
„Nein, Ada! Ich brauche keine Erklärungen von dir. Du hast gesagt, dass du die Vergangenheit ruhen lassen würdest. Für uns, damit das mit uns endlich funktioniert!" Leon schüttelte den Kopf. „Ich habe dir vertraut, Ada. Ich habe dir geglaubt, aber das war wohl ein Fehler. Ich liebe dich, Ada. Nach 15 Jahren hin und her und diesen Spielchen dachte ich, die Dinge könnten sich ändern. Ich dachte wirklich, dass das mit uns etwas werden könnte."
„Das wird es doch auch", sagte Ada ruhig. „Ich habe nur einer alten Freundin einen Gefallen getan. Sie tat mir leid."
Leon schnaubte.
„Was willst du tun, Leon?", fragte Ada.
„Ich werde mein Leben leben und du solltest deines leben, dann sind wir beide besser dran."
Seine Worte trafen sie hart. „Leon…"
Er ging wortlos hinaus und ließ sie allein zurück.
Es war bereits spät am Abend, aber Alex stand immer noch im Labor und untersuchte ihre Proben. Ihre Untersuchungen am neuen Virus waren so gut wie abgeschlossen. Sie hatte auch das Blut von Jake und Pascal Jefferson analysiert.
Ihr war bereist aufgefallen, dass sich Jeffersons Virus von dem der anderen Infizierten deutlich unterschied, konnte aber noch nicht konkret sagen, wodurch. Sie fand Ähnlichkeiten zu Jakes Antikörpern, musste aber noch den entscheidenden Hinweis finden, um eine Verbindung nachweisen zu können. Ihre Arbeit wäre um einiges leichter gewesen, wenn sie eine Blutprobe von Albert gehabt hätte. Er war mit der Genmutation, die ihm Antikörper gegen alle erdenklichen Viren verlieh, geboren worden. Sein Virus, der ihm übermenschliche Kräfte verliehen hatte, hatte sich erst später mit seinen Körperzellen verbunden. Ein Vergleich hätte Alex sehr geholfen, festzustellen, wie der Virus in Jeffersons Blut stabil bleiben konnte. Doch leider sollte Alex' Arbeit besonders erschwert werden.
Sie nahm es seufzend hin, dass sie wohl noch einige Zeit beschäftigt sein würde. Als der Zeiger der Uhr in Richtung halb eins wanderte, befand sie, dass sie für heute genug getan hatte. Sie zog sich alle Informationen, die sie bisher bekommen oder selbst zusammengetragen hatte, auf ihren privaten USB-Stick und beendete ihre Arbeit.
Als sie das Labor aufräumte und ihre Plastikhandschuhe in den Mülleimer entsorgte, klopfte es plötzlich an der Tür. Jake kam herein.
„Ich wollte mal nach dir sehen", sagte er. „Es ist spät und du bist noch hier."
„Ich bin gleich fertig", sagte Alex.
„Bist du weitergekommen?"
„Nicht so, wie ich gehofft hatte, aber ich habe schon ein paar interessante Dinge gefunden. Morgen werde ich mehr wissen. Wieso bist du denn noch hier?"
„Ich wollte auf dich warten", erklärte Jake. „Ich wollte dir gerne sagen, dass du die richtige Entscheidung getroffen hast. Ich bin froh, dass du hier geblieben bist."
Alex musterte ihn eingehend und dachte über seine Worte nach. „Trotz der Schwierigkeiten, in die ich dich gebracht habe?"
„Hey, du hast mich nicht in Schwierigkeiten gebracht. Wenn schon, dann habe ich mich selbst in Schwierigkeiten gebracht", sagte Jake und grinste.
„Was ist mit Sherry?", wollte Alex wissen. „Ist sie nicht wütend auf dich?"
„Doch, ich glaube schon, aber wir haben das vorerst geklärt. Es gibt ja jetzt auch Wichtigeres, um das wir uns kümmern müssen. Sie hat Verständnis dafür, warum ich so gehandelt habe. Warum hast du dich auf die Zusammenarbeit mit der B.S.A.A. eingelassen?"
„Das ist eine sehr gute Frage", meinte Alex. „Vermutlich, weil ich keine andere Wahl hatte. Und wer weiß, welche Vorteile ich aus so einer Zusammenarbeit ziehen kann."
Sie verließen gemeinsam das Labor.
„Wie ist das Virus von Afrika in die USA gelangt?", fragte Alex, während sie durch das Mikroskop sah, um sich Proben in der Vergrößerung anzusehen.
„Der erste Ausbruch war in einem abgelegenen Dorf, wo Entwicklungshelfer aus den USA gearbeitet haben. Ein Mann wurde infiziert, er muss die Seuche in dem Dorf verbreitet haben", erklärte Rebecca. „Eine junge Frau, die vor ihm abgereist ist, muss das Virus hierher gebracht haben. Ich vermute, dass sie sich vielleicht über intimen Kontakt bei ihm angesteckt hatte. Agent Kennedy und Ada Wong sind in Washington auf sie gestoßen, als sie sich verwandelt hat."
„Ihren Unterlagen, Ms. Chambers, habe ich entnommen, dass das Virus hochansteckend ist und die Verwandlung sofort einsetzt. Wie kann es sein, dass die Frau es in die USA zurückgeschafft hat? Der Flug dauert mehrere Stunden."
„Man verwandelt sich sofort, wenn man von einem Infizierten gebissen wird", erklärte Rebecca. „Die Infektion breitet sich binnen Sekunden im Körper aus. Gelangt das Virus aber auf anderem Wege in den Körper, z. B. oral über die Nahrung, dann gibt es eine Inkubationszeit von mehreren Tagen."
„Sehr interessant."
„Haben Sie schon etwas herausgefunden, Alex?"
„Ich kann bisher nur mit Sicherheit sagen, dass irgendetwas den V-Virus in Mr. Jeffersons Körper so stabil hält, dass er die Vorzüge des Virus' nutzen kann", sagte Alex nachdenklich. „Es ist ähnlich wie bei Albert."
„Albert Wesker hatte doch Antikörper gegen Viren, diese seltene Genmutation. Genau wie Jake. Professor Meyers hat genau daran gearbeitet und soweit wir wissen, besteht die Möglichkeit, dass diese Terroristen es darauf abgesehen hatten. Könnten wir nicht explizit danach suchen?", fragte Rebecca.
„Das wäre doch eine Idee", meinte Jake, der den beiden Frauen bei ihrer Arbeit zusah. „Nehmt mir noch mal Blut ab."
„Das ist nett, Jake, aber… Das habe ich bereits überprüft", sagte Alex. „An der Stelle bin ich nicht weitergekommen."
„Wollen Sie jetzt mal mit Mr. Jefferson sprechen?", fragte Rebecca. „Er ist drüben im anderen Labor. Ich habe gerade seine Vitalwerte überprüft. Keine Veränderungen, alles stabil."
„Ja. Das ist eine gute Idee. Ich werde ihn mir selbst ansehen."
Als Alex, Rebecca und Jake nach nebenan kamen, war Claire bei Pascal. Die beiden sprachen über den neuen Virus und die neue Gruppierung, die die Menschheit bedrohte.
„Gab es inzwischen einen neuen Ausbruch?", fragte Pascal.
„Gott sei Dank nicht", sagte Claire. „Aber wir tappen nach wie vor im Dunkeln und kommen nicht weiter. Wir arbeiten jetzt notgedrungen mit jemandem zusammen, von dem wir uns Hilfe erwarten."
„Es gefällt mir nicht, hier untätig herumzusitzen", entgegnete Pascal ungehalten. „Ich sollte da draußen sein und die Kerle jagen, die mir das angetan haben."
„Ich weiß, dass du etwas tun willst", versuchte Claire ihn zu beschwichtigen. „Aber wir wissen nicht, wo wir ansetzen sollen. Blinde Wut und Rachsucht ist nicht das Richtige."
Als Pascal Alex sah, grinste er. „Ah, die Betrügerin, die Falschspielerin. Aber wie ich sehe, versteckt sie nicht länger ihr wahres Gesicht."
„Ja, das ist… Alex Wesker", sagte Claire mit finsterer Miene. „Sie hilft uns."
„Das glaube ich gern."
„Ich möchte Sie gerne untersuchen, Mr. Jefferson, und Ihnen ein paar Fragen stellen", sagte Alex. „Wenn Sie nichts dagegen haben."
„Nur zu", sagte Pascal.
„Wir sehen uns dann später", sagte Claire. „Wenn sie…" Claire warf Alex einen bösen Blick zu.
„Keine Sorge, ich kann alleine auf mich aufpassen", sagte Pascal ohne seinen Blick von Alex zu nehmen.
Claire nickte, auch wenn sie nicht ganz überzeugt schien. „Ich will mit Chris reden. Kommst du mit nach oben, Rebecca?" Rebecca nickte und sie gingen gemeinsam hinaus.
Wie schon in den letzten Tagen blieb Jake im Labor und verfolgte Alex' Arbeit. Er beobachtete sie, während sie ihre Gerätschaften vorbereite und die benötigten Daten auf dem Computer abrief. Auf dem Bildschirm wurden alle möglichen Grafiken angezeigt. Jake wusste zumindest so viel, dass er die Darstellungen als Zellen identifizieren konnte, doch da war sein Wissen auch schon zu Ende. Er hätte gern mehr gewusst und nahm sich vor, Alex um ein paar Erklärungen zu bitten und seine gekauften Bücher zu Rate zu ziehen.
„Sie wurden entführt, Mr. Jefferson? Und Ihre Entführer, sagen Sie, haben Sie mit dem Virus infiziert?"
Pascal nickte.
„Erzählen Sie mir alles, was Sie wissen", sagte Alex in ihrem üblichen gebieterischen Ton. „Was wissen Sie über die Leute, die hinter den neuen Angriffen stecken?"
„Nicht viel", sagte Pascal. „Ich war im Kongo und eine Gruppe bewaffneter Männer entführte mich aus meinem Hotel. Ich wurde an einen geheimen Ort verschleppt, wo man Experimente mit mir durchführte."
„Was genau machte man mit Ihnen? Können Sie sich daran erinnern?"
„Nur dunkel. Ich weiß nur noch sehr genau, dass man mich erst eingesperrt und gefoltert hat", sagte Pascal. „Um meinen Widerstand zu brechen und damit ich die Zeit vergesse. Als ich floh, wusste ich nicht mal mehr, welches Jahr wir hatten. Irgendwann kam ich in ein Labor, dann gaben sie mir etwas."
„Wurden Sie sofort mit dem neuen Virus infiziert?", fragte Alex.
„Nein, Sie gaben wir etwas anderes. Sie sagten, die Arbeit des Professors hätte sich als nützlich erwiesen. Der Virus kam erst später."
„Ich verstehe. Vielen Dank für die Information."
Einerseits hatte sich Barry seit Tagen vorgenommen, das Gespräch zu suchen, andererseits fürchtete er sich genau davor und schob das Notwendige und Unvermeidliche vor sich her.
Er sah Alex Wesker kaum, weil sie die ganze Zeit im Labor arbeitete und er sich praktisch in seinem Büro verschanzte.
An einem Abend war Barry bereits auf dem Weg nach Hause, als er Alex Wesker in Begleitung von Jake Mueller auf dem Gang begegnete. Als sie Barry sahen, blieben sie stehen.
Zum ersten Mal seit Beginn ihrer Zusammenarbeit standen sich Barry und Alex allein gegenüber. Alex sah genauso aus wie auf dem alten Gemälde, auf dem sie neben ihrem „Bruder" gestanden hatte.
„Ich sollte wohl besser gehen", meinte Jake. „Ich denke, ihr habt bestimmt einiges zu besprechen, da will ich nicht stören."
Jake verabschiedete sich und Barry und Alex blieben auf dem verlassenen Gang allein zurück. Barry wäre es lieber gewesen, Jake wäre geblieben. Er war nicht wirklich bereit, Alex gegenüberzutreten.
Alex musterte ihn. „Hallo, Barry", sagte sie schließlich. „Du bist mir aus dem Weg gegangen, nicht wahr?"
„Hatte eben viel zu tun", meinte Barry, weil er nicht wusste, was er sonst sagen sollte. Es stimmte natürlich.
„Verstehe. Wie geht es Kathy?"
„Den Umständen entsprechend", sagte er ernst.
„Was ist mit dir? Du bist so ungewohnt wortkarg."
„Mir fehlen im Moment wohl noch ein wenig die Worte."
Alex lächelte. „Das verstehe ich sogar."
Barry entschied sich, den Gedanken, der ihm seit Tagen im Kopf herumspukte, frei auszusprechen. „Ist sie noch da? Irgendwo in dir?"
Alex schien die Frage nicht erwartet zu haben. „Natalia?"
Barry nickte.
„Nicht, dass ich wüsste. Wieso?"
„Vielleicht, weil ich hoffe, dass die letzten Jahre nicht völlig verloren sind."
„Du meinst, weil du dich so rührend um Natalia gekümmert hast", sagte Natalia.
„Das dachte ich", widersprach Barry. „In Wahrheit habe ich mich ja um dich gekümmert."
„Ich weiß, warum du es getan hast", erwiderte Alex. „Aus Schuldgefühlen heraus. Du wolltest dein Versagen bei Moira wiedergutmachen, oder?"
Da konnte Barry nicht mal widersprechen.
„Aus welchen Motiven heraus hast du gehandelt, als du dich selbst in den Körper eines kleinen Mädchens gepflanzt hast?"
„Wenn man dem Ende des Lebens bereits ins Gesicht sieht, ergreift man jede Möglichkeit", sagte Alex ohne Umschweife. „Ich bin die Person, die den Tod bezwungen hat."
„Es war der Wunsch nach einem neuen Leben, in dem du noch mal neu anfangen konntest", sagte Barry. „Wolltest du das erleben, was du in deiner Kindheit nie hattest?" Eine Familie? Die B.S.A.A. weiß von dem Wesker-Kinder-Projekt und Spencers Plänen."
„Ihr wisst nichts! Gar nichts!", sagte Alex, diesmal sehr kalt und mit finsterer Miene. Sie wandte sich ab und wollte gehen, doch Barry blieb hartnäckig. So leicht wollte er es ihr nicht machen.
„Aber ich weiß so viel", sagte Barry. „Du warst glücklich bei uns. Oder zumindest war Natalia glücklich. Du bist Natalia."
Alex grinste, was Barry jedoch nicht sehen konnte, weil sie ihm den Rücken zugedreht hatte.
„Ich… habe die Hoffnung, dass wir Natalia ein gutes Zuhause gegeben haben. Vielleicht ja Alex auch."
Barry machte kehrt, um einen anderen Weg aus dem Gebäude zu nehmen.
Als Alex in ihr Zimmer kam, spukten ihr Barrys Worte durch den Kopf. Was Natalia empfunden hatte, konnte Alex nicht sagen, sie selbst konnte sich über ihr Leben bei den Burtons sicher nicht beklagen. Ihr hatte es an nichts gefehlt. Sie hatte immer gut zu essen und ein Dach über dem Kopf gehabt.
Die Burtons hatten ihr sehr viel Freiraum gelassen und sie nicht eingeengt, was sie von ihrer Zeit bei Spencer nicht kannte. Spencer hatte praktisch ihr gesamtes Leben überwacht. Selbst als sie längst erwachsen war, hatte ihr „Vater" noch versucht, seinen Einfluss auf sie aufrecht zu erhalten. Barry war nie so besitzergreifend gewesen. Er und Kathy hatten ihr Raum zur Entfaltung gegeben, sodass sie ihren Interessen hatte nachgehen können. Spencer hatte darauf nie etwas gegeben. Sie war für ihn nur Mittel zum Zweck gewesen, um seine Pläne durchzusetzen.
Während Alex in ihrem Bett lag und in die Dunkelheit starrte, erinnerte sie sich zurück an ihre Zeit bei Spencer und Umbrella.
Mit Anfang 20 hatte sie auf einer Fachtagung, auf der sie für Umbrella gewesen war, einen Mann kennengelernt. Sie hatten sich gut verstanden und eine Beziehung war zwischen ihnen entstanden. Sie waren vielleicht ein halbes Jahr zusammen gewesen, als ihr Freund eines Tages spurlos verschwand. Angeblich hatte er Alex nicht mehr sehen wollen und deshalb die Beziehung beendet, wie sie später aus einem Brief erfahren sollte.
Alex, die anfangs niedergeschlagen gewesen war, hatte einige Zeit gebraucht, bis sie begriffen hatte, dass ihr Partner sie nie verlassen und es auch nicht vorgehabt hatte. Spencer hatte ihn aus dem Weg räumen lassen, was er eines Abends freimütig zugab, nachdem er zu viel Rotwein getrunken hatte.
„Der Kerl war nicht gut für dich, Alex. Keiner ist das. Du bist mein Mädchen", höhnte er noch immer in ihrem Kopf.
Alex wusste genau, dass Spencer keine Männer in ihrem Leben duldete. Er wollte eine Beziehung zwischen ihr und Albert. Leider funktionierten seine beiden Lieblingskinder nicht gut miteinander. Alex mochte und schätzte ihre kleinen Abenteuer, die sie und Albert hatten, wenn sie zusammenkamen und die Zeit dafür fanden, aber konnte sich aber nur schwer vorstellen, dauerhaft mit ihm zusammen zu sein. Spencer hatte sich wohl vorgestellt, dass sie Kinder miteinander haben würden. Kinder mit überragender Intelligenz und besonderen genetischen Merkmalen, die er für seine Allmachtsphantasien missbrauchen konnte. Wie sie und Albert.
Alex schloss lächelnd die Augen. Albert hatte die Pläne des alten Mannes durchkreuzt. Sie beneidete ihn für seine Gelegenheit, Spencer für seine Taten zu bestrafen. Wie gern hätte Alex Spencer getötet und sie wäre dabei nicht so nett vorgegangen, wie ihr Bruder. Sie hätte ihm seine Taten auf grausame Art heimgezahlt. Wie er es verdient hätte. Leider war Albert ihr zuvor gekommen. Zu schade.
Es gab eine Sache, eine sehr persönliche Sache, von der weder Albert noch sonst jemand gewusst hatte, die Alex Spencer nur zu gern heimgezahlt hätte, wenn sie nur die Gelegenheit dazu gehabt hätte.
Der wahre Schuldige, der es verdient hätte, ihren Zorn und ihre Grausamkeit zu spüren, weilte dummerweise bereits sehr lange nicht mehr unter den Lebenden. Ebenfalls sehr bedauerlich.
Alex fragt sich, wie ihre Kindheit wohl als Barrys Tochter verlaufen wer. Sie wäre behütet und beschützt aufgewachsen. Beim Gedanken daran, wie Barry wohl reagiert hätte, wenn sie ihm dasselbe wie Spencer erzählt hätte, musste Alex grinsen. Er hätte anders gehandelt, da war sie sich sicher.
Mit Spencer und Barry vor ihrem geistigen Auge glitt Alex in tiefen Schlaf. Sie träumte von einem schwarzhaarigen Mädchen, das mit ihr sprach und am nächsten Morgen, als sie erwachte, kam ihr die zündende Idee.
„Ausgehend von meinen Untersuchungsergebnissen und Mr. Jeffersons Schilderungen über die Experimente, die an ihm durchgeführt wurden, kann ich jetzt mit Sicherheit sagen, was ihn von den anderen unterscheidet", erklärte Alex am nächsten Tag der versammelten Runde im Konferenzraum, wo sie ihre Arbeit präsentierte. „Jake, deine Blutprobe hat mir doch weitergeholfen."
„Echt? Wie?"
„Ich wusste zuerst nicht, wonach ich suchen musste", sagte Alex. „Dann hatte ich… sagen wir, eine Eingebung. Dann bin ich alles noch mal durchgegangen."
„Und zu welchem Ergebnis bist du gekommen?", wollte Chris wissen.
„Der V-Virus verleiht übermenschliche Kräfte, aber, wie wir wissen, zu einem hohen Preis. Mr. Jeffersons V-Virus allerdings ist stabil. Etwas hält ihn in Schach. Ich forschte den Hinweisen zu den Antikörpern nach. Treffer."
Alex rief ihre Forschungsergebnisse auf den Bildschirm. „Mr. Jefferson wurde mit etwas behandelt, einem Serum, einem Medikament oder ähnlichem. Was genau es ist, kann ich nicht sagen, ich habe jedoch Aminosäuren aus Jakes Antikörpern nachweisen können. Ich weiß also, was es tut. Es verhindert die Zerstörung der roten Blutkörperchen und hält den Virus in den Zellen normal."
„Das heißt, die anderen Infizierten haben das nicht?", fragte Jill.
„Nein. Mir ist aber noch was aufgefallen, was das Ganze in einen größeren Kontext stellt", sagte Alex. „Der Virusausbruch hier in New York war anders als der in Afrika. Jemand hat in der Zwischenzeit an dem Virus herumgeschraubt."
„Herumgeschraubt?" Alle sahen sich verwundert an.
„Wir denken, dass man versucht hat, Pascals Virus nachzuahmen", schaltete sich jetzt Rebecca ein. „Der Ausbruch im Central Park war vielleicht ein Testlauf. Man wollte sehen, ob man erfolgreich sein würde."
„Was man nicht war. Die Modifikationen funktionieren nicht. Ohne die Antikörper eines Trägers gibt es keine Möglichkeit, die Infektion unter Kontrolle zu halten."
Alle waren beunruhigt. „Das heißt, dass Pascal wirklich ein Prototyp war?", schlussfolgerte Claire.
„Offenbar. Da er floh, stand er nicht mehr zu Verfügung. Man musste praktisch von vorne anfangen."
„Wenn es also wirklich um diese Antikörper geht", sagte Leon, „könnte dann nicht Jake in Gefahr sein?"
„Daran habe ich auch schon gedacht", meinte Jill.
„Wie viele Leute wissen überhaupt davon?", warf Claire ein. „Und wie viele würden diese Antikörper zur Schaffung biologischer Waffen nutzen?"
„Nicht viele, so viel steht fest", sagte Rebecca.
„Alex?"
„Nun, die Einzigen, die davon wissen, befinden sich hier im Raum, wenn man von Professor Meyers absieht", sagte Alex. „Sonst… Albert ist tot. Und alle anderen mir bekannten auch."
„Wer?", hakte Chris nach.
Alex zögerte. „Sherrys Vater, William Birkin. Und… Spencer wusste davon. Aber sofern sie uns nicht aus dem Reich der Toten heimsuchen, was bezweifelt werden darf, kommen sie nicht in Frage."
„Was ist mit Professor Meyers?", fragte Helena. „Könnte er nicht…?"
„Nein", sagte Chris. „Man hat seine Arbeit gestohlen und benutzt, aber er selbst hat nichts damit zu tun. Es muss jemand anderes sein."
„Neo-Umbrella? Carla Radames wusste davon. Sie hat Jake deshalb gefangen gehalten. Mit seinen Antikörpern hat sie den C-Virus verstärkt."
„Das könnte erklären, wie sie an den C-Virus überhaupt herangekommen sind."
„Solange wir nicht wissen, wonach wir suchen sollen oder wo wir suchen sollen, bringen alle Mutmaßungen und Spekulationen nichts", sagte Chris. „Alex, gute Arbeit. Du und Rebecca, arbeitet weiter im Labor, vielleicht… hast du ja noch ein paar Eingebungen, die uns weiterbringen. Wir recherchieren noch mal ein bisschen über diese Antikörper weiter. Gebt uns ein paar Infos dazu, damit wir wissen, worauf wir achten müssen."
Alex war bereits mit den Proben beschäftigt, als Rebecca ins Labor kam. Alex fiel auf, dass die Forscherin blass war und nicht gut aussah.
„Ich nehme mir noch mal Pascal Jeffersons Proben vor", sagte Rebecca, wobei sie gequält klang. Bevor Alex nach ihrem Befinden fragen konnte, entschuldigte sich Rebecca, lief zum Waschbecken und übergab sich.
Alex zog eine Augenbraue nach oben. „Soll ich heute allein arbeiten?"
„Nein, nein", sagte Rebecca schnell. „Schon in Ordnung. Das passiert leider noch ab und zu. Das ist mir jetzt aber peinlich."
Auf Alex' Blick hin, fügte sie hinzu: „Ich bin schwanger. Dritter Monat."
„Oh, herzlichen Glückwunsch", sagte Alex desinteressiert und wandte sich ihrer Arbeit zu.
„Ähm, danke", sagte Rebecca, von dem ruppigen Tonfall etwas vor den Kopf gestoßen. „Alex, darf ich Sie was fragen?"
„Nur zu", sagte Alex mechanisch, während sie auf der Tastatur ihres Computers tippte.
„Jake ist ja der Sohn von Albert, also Ihres „Bruders" sozusagen. Haben Sie auch Kinder?"
Alex hielt inne, dann wandte sie den Kopf zur Seite und sah Rebecca an.
„Entschuldigung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten."
Alex schüttelte den Kopf. „Schon in Ordnung. Ich habe keine Kinder. Und hatte auch nie das Bedürfnis danach."
„Das habe ich auch immer gedacht", sagte Rebecca. „Ich dachte auch immer, ich verbringe den Rest meiner Tage hier im Labor. Bis ich Billy wiedergetroffen habe."
„Sie und Lieutenant Coen?", fragte Alex überrascht. Damit hätte sie nicht gerechnet.
„Ja. Wir haben uns damals in Raccoon City zum ersten Mal getroffen. Dann haben wir uns jahrelang nicht gesehen. Eines Tages stand er vor meiner Haustür. Seitdem sind wir zusammen. Es war nicht geplant, dass wir Eltern werden, es ist einfach passiert. Aber ich bereue es nicht. Ich freue mich schon." Als sie erzählte, strahlte sie vor Glück.
Alex konnte ihre Worte nicht wirklich nachvollziehen. Die Thematik war ihr schon immer fremd gewesen und in ihrem alten Leben war sie zu alt gewesen, um noch an Kinder zu denken. Jetzt war sie jung und hatte eine zweite Chance bekommen. Sie hatte jetzt noch mal die Gelegenheit, eigene Kinder und eine Familie zu haben. Der Gedanke daran erschreckte sie aber.
Alex Wesker konnte keine gute Mutter sein. Dafür hatte ihre Vergangenheit gesorgt.
„Glaubst du wirklich, dass wir im Internet etwas finden werden?", fragte Jill skeptisch, als sie die Begriffe, die ihnen Rebecca gegeben hatte, in alle möglichen Internetsuchmaschinen eingab.
„Das weiß ich nicht", sagte Chris, während er sich ein PDF-Dokument über Antikörper durchlas und es über die F3-Funktion nach Schlagworten durchsuchte. „Aber wir müssen es versuchen. Offenbar geht es ja um diese Antikörper. Da nur wenige etwas davon wissen oder daran gearbeitet haben, grenzt das unsere Möglichkeiten stark ein. Wir müssen alles überprüfen, was wir finden."
Claire, die im Büro nebenan am Computer saß, kam plötzlich aufgeregt herein. „Leute, ich glaube ich habe da was."
