Hacken, schlagen. Nach allen Seiten. Nicht denken! Sein Instinkt sagte ihm, was er zu tun hatte. Sein Denken würde ihn nur verlangsamen und ihn wahrscheinlich am Ende sogar töten.
Von allen Seiten griffen Hände nach ihm und wollten ihn von seinem Pferd zerren. Unerbittlich hackte er sie ab und hoffte, dabei gleich ihre Besitzer ebenso zu erwischen. Unerbittlich trieb er das Pferd an, obgleich das arme Tier bereits mit den Augen rollte und seine zitternden Flanken von Schweiß bedeckt waren. Findrilas hatte große Probleme, es unter Kontrolle zu halten. Doch glücklicherweise trieb der Fluchtinstinkt sein Pferd ebenso nach Süden, die Richtung, die er ebenso anstrebte.
Die Drachen fauchten. Anscheinend konnten die Bogenschützen ihnen nun in der Tat gut zusetzen, sodass die Angriffe der Bestien nachließen und diese sich sogar zeitweise zurückziehen konnten. Das ermöglichte es dem Heer, seine Angriffe gegen die Orks gezielter fortzusetzen. Jener Teil der Truppen des Feindes, der sich nun zwischen Findrilas und General Maethor befand, wurde in massive Unordnung gebracht und zerbrach schließlich. Die Orks versuchten nach den Seiten hin zu entkommen, die meisten jedoch wurden entweder von der Kavallerie niedergeritten oder von ebenjener den Infanteristen in die Arme getrieben.
Unter schmerzhaften Verlusten brach Findrilas schließlich durch. Sogleich ließ er seine Reiter wenden und erneut angreifen. Er selbst begab sich zum General.
„Wir sind verloren!", schrie er über den Lärm des Kampfes hinweg.
„Das sehe ich!", knurrte der General als Erwiderung. Sein Blick wirkte gehetzt und seine ganze Haltung war angespannt, während er die Lage zu überblicken versuchte.
Findrilas nutzte die kurzen Momente der Ruhe, um dasselbe zu tun. Die Reihen ihres Heeres waren durch die Angriffe der Drachen weitestgehend in Unordnung gebracht worden und ihre Verluste waren schon jetzt enorm. Sie wankten und waren alsbald gewiss auch tatsächlich vollends verloren. Noch schossen die Bogenschützen wie wild und hielten die Drachen damit auf Abstand; eine der Bestien schien auch tatsächlich bereits getroffen worden zu sein und hielt sich abseits, während die anderen beiden noch immer das Heer belauerten und immer wieder blitzschnell und scheinbar aus allen Richtungen zugleich angriffen.
„Wir müssen durchbrechen", schloss der General schließlich. „Das ist unsere einzige Möglichkeit, wie nicht alle von uns dem Tod geweiht sind. Viele werden sterben, aber einige werden es schaffen, sobald wir nur die Schlucht erreicht haben. Sie ist zu schmal für die Drachen und auch die Orks können uns da nur bedingt folgen."
Findrilas nickte. In der Tat hatten sie keine andere Möglichkeit. Der Angriff aus dem Überraschungsmoment heraus hatte sie zu stark geschwächt, als dass sie die Orks würden besiegen können. Gleichzeitig auch noch von Drachen angegriffen zu werden, war zu viel für die Soldaten. Weder gelang es ihnen, auch nur eine der Bestien in der Luft zu erlegen, noch konnten sie es wagen, diese zur Landung zu zwingen, um sie am Boden zu töten. Selbst da waren Drachen tödliche Gegner, mit Feuer, Pranken, Schwanz und Flügeln konnten sie nach allen Seiten zugleich Hiebe austeilen.
Flucht war die einzige Lösung aus ihrem Dilemma. Flucht tiefer in das Land des Feindes hinein …
General Maethor gab die entsprechenden Befehle. Rasch wurden sie weitergegeben, und die Soldaten formierten sich weitestgehend neu. Die Reiterei sollte in keilförmiger Formation voranreiten und dem restlichen Heer so eine Presche schlagen, in welches die anderen Soldaten eindrangen und sich so immer weiter vorankämpften. Gleichzeitig sollten die Schützen weiterhin auf die Drachen halten und diese auf Abstand halten. Ein Teil der Schützen feuerte nun aber auch in die Massen der Orks hinein, um den Vormarsch des Heeres weiterhin zu unterstützen.
Findrilas Leute hatten nicht genügend Raum, um im vollen Galopp in die Reihen der Feinde zu brechen, doch sie taten ihr bestes. Ihr Hauptmann ritt ihnen voran, getrieben vom Mut der Verzweiflung und dem Tod ins Auge blickend. An der Spitze des Heeres und an vorderster Front sah er seinen Tod bereits als gewiss an, doch wollte er zumindest seinen Teil zu ihrem Überleben beigetragen haben.
Der Kampf ermüdete ihn allmählich, zahlreiche kleinere und die eine oder andere größere Wunde schwächten ihn zusätzlich. Irgendwann hatte er einem Ork seinen Speer abnehmen können und ging mit diesem nun gegen die Orks vor, gleichzeitig auch sein Pferd als Waffe einsetzend. Es schnappte und trat nach den Orks und keilte wild aus. Mit seinen Männern an seiner Seite, welche ebenso kämpften, gelang es ihm erstaunlich gut, dem Hauptheer einen Weg durch die Reihen der Orks zu bahnen.
Zu allen Seiten wurde gestorben. Freund wie Feind gleichermaßen fielen unter den Waffen. Pferde wurden zu Boden gerissen, ihre Reiter aus den Sätteln gezerrt und zerhackt. Orks kreischten wild und wurden am Ende doch von den Waffen der Elben niedergemäht. Noch nie hatte Findrilas solch ein Gemetzel in einer Schlacht erlebt. Sie waren in der Tat höchst verzweifelt, wenn sie so hohe Verluste auf sich nahmen.
Ihre zahlenmäßige Überlegenheit brachte ihnen geringe Vorteile ein, auch wenn diese Überlegenheit rapide dahinschmolz. Hunderte mussten bereits gestorben sein! Doch so konnten sie noch immer einen gewissen Druck auf die Orks ausüben und sich auf diese Weise voranbringen. Sie liefen Gefahr, umzingelt zu werden, während sie einen Teil der Orks vor sich her trieben und den Rest zur Seite drängten, als sie mitten hinein in ihre Reihen stießen. Doch dieses Risiko mussten sie eingehen.
Hinter sich hörte Findrilas erneut die Drachen brüllen und ihr Feuer fauchen. Doch er wandte sich nicht um. Nach allen Seiten wirbelte er den Speer und schlug sich unerbittlich den Weg frei. Nicht aufgeben! Nicht denken! Einfach handeln. Voran, das war die einzige Richtung, die er noch kannte auf ihrem verzweifelten Fluchtversuch.
Die Schmerzen in seinen Gliedern betäubten ihn mehr und mehr. Er musste zahlreiche Verletzungen erlitten haben, und nicht wenige davon bedurften sicher einer ärztlichen Behandlung. Ob er sich bereits in ernster Gefahr befand? Er war nicht mehr in der Lage, objektiv über sich zu urteilen. Sein ganzes, zählflüssig gewordenes Denken war auf das Vorankommen und Töten von Orks ausgerichtet. Seine ganze Welt bestand daraus.
Hatte es jemals etwas anderes als dieses Gemetzel gegeben? Hatte es jemals ein Leben jenseits dieses Tales des Todes gegeben? Hatte er im Eryn Lasgalen gemeinsam mit Legolas Feste gefeiert, war im Wald jagen gewesen? Alles schien ihm so unwirklich geworden zu sein.
Und dann, auf einmal, war es vorbei. Vor ihm befanden sich keine Orks mehr. Er war durchgebrochen.
