Kapitel 20: Wer ist Timothy Howard?

Mutter Claudia verließ gedankenverloren die Krankenstation. Sie wollte beten, beten für Jude und deren Genesung. Nicht nur für ihre körperliche Genesung sondern auch für ihre geistige. Wie konnte es nur so weit kommen? Jude war immer eine besonnene und starke Frau, nie hätte Mutter Claudia gedacht, dass ihr einstiger Schützling einmal so enden würde. 15 Jahre hatte sie so hart an sich gearbeitet um ein Leben als Dienerin Gottes zuführen und nun fiel alles in sich zusammen. Nachdenklich ging die ältere Nonne durch die Flure von Briarcliff und bemerkte zunächst nicht, dass jemand ihr folgte.

„Guten Tag Mutter, was verschafft uns die Ehre Ihres Besuches? Sie waren lange nicht hier."

Timothy hatte gesehen wie Mutter Claudia aus der Krankenstation kam. Das nachdenkliche und grübelnde Gesicht der alten Frau hatte sein Misstrauen geweckt. Er wusste natürlich warum sie hier war und wem sie auf der Krankenstation besucht hatte. Er war endlich Arden losgeworden und hatte wenig Lust sich erneut um überschüssigen Ballast zu kümmern.

„Oh Monsignore, Sie haben mich erschreckt." erschrocken drehte sie sich zu Timothy um und blickte den jungen Mann an. Sie war jetzt in einer Situation, die sie lieber vermieden hätte. Was wenn er nach Jude fragen würde? Was sollte sie sagen? Sie wollte unter keinen Umständen Jude noch mehr ins Verderben stürzen aber sie konnte auch keinen Mann der Kirche belügen „Ich wollte gerade ins Kloster zurück." Versuchte sie das Gespräch zu beenden und hoffte inständig das Timothy nicht weiter fragen würde, doch genau das tat er.

„Ich verstehe! Sie haben Jude besucht nicht wahr? Ich war gerade selbst auf dem Weg zu ihr. Wie ich hörte ist sie krank." heuchelte Timothy falsches Mitgefühl.

„Ja, sie ist krank und hat sehr hohes Fieber. Wie man mir sagte, hat sie die Nacht auf dem eiskalten Boden ihrer Zelle geschlafen. Sie ist noch ziemlich erledigt und schwach von der letzten Nacht."

Für einen kurzen Moment huschte ein vielsagendes Grinsen über Timothys Gesicht „Ja, das kann ich mir gut vorstellen."

„Bitte was?" fragte Mutter Claudia und war mehr als verwundert über den seltsamen….ja…..fast lüsternen Grinsen in dem Gesicht des Monsignore.

„Oh, ich meine nur, dass es sicherlich hart ist, die ganze Nacht auf den kalten Boden zu verbringen. Aber sagen Sie Mutter, über was haben Sie eigentlich mit Jude geredet? Ich muss sagen, ich habe große Bedenken wegen ihrem Geisteszustand und ich befürchte das Fieber könnte ihren Wahn noch verschlimmern. Ich würde es begrüßen, wenn Sie Jude vorerst nicht besuchen würden. Wer weiß zu was sie gerade jetzt in der Lage wäre…..denken Sie doch nur an den armen Frank." In falscher Trauer um den Mann, den er selbst ermordet hatte, bekreuzigte sich Timothy….wobei diese Geste für ihn nicht mehr war, als der blanke Hohn.

Das seltsame Verhalten des Monsignores ließ in Mutter Claudia ein ungutes Gefühl aufsteigen. Etwas stimmte hier nicht, doch sie war nicht gewillt zu glauben, dass sie gerade mit dem Leibhaftigen in Menschengestalt sprach. Dennoch verhielt sich Timothy mehr als seltsam und Mutter Claudia nahm sich vor, ihm im Auge zu behalten…..schon Jude zu liebe.

„Jude schlief die ganze Zeit über, wie ich schon sagte, ist sie wirklich sehr krank und erschöpft." Innerlich schämte sich die alte Nonne, dass sie gerade wirklich einen Mann der Kirche belogen hatte „Und ich weiß Ihre Sorge zu schätzen Monsignore, aber Jude würde mir nie etwas antun. Sie ist nicht von Grund auf böse und verrückt. Ich kenne sie schon 15 Jahre und ich kenne all ihre Tugenden…..sie ist innerlich ein guter Mensch und war eine treue Dienerin des Herren."

Fast hätte Timothy laut losgelacht, doch das hätte wahrscheinlich das Misstrauen dieser alten Hexe geweckt. Jude und eine treue Dienerin des Herren?

„Ich verstehe, dass Sie Jude beschützen wollen Mutter, immerhin hatten Sie sie all die Jahre unter ihrer Obhut aber ich befürchte Sie haben ein falsches Bild von Jude. Zum einen vergessen Sie ihre Vorliebe für den Messwein…..und zum anderen reden wir von einer Nonne, die nicht einmal ihrem Keuschheitsgelübde treu bleiben konnte."

Für einen Moment blieb Mutter Claudias Herz stehen. Was hatte er gerade gesagt?

„Entschuldigen Sie aber was haben Sie gerade gesagt? Das…das kann ich nicht glauben….ich meine, woher wollen Sie wissen, dass Jude….naja…..ihrem Gelübde untreu war?"

Innerlich amüsierte Timothy das biedere Verhalten der alten Frau ungemein „Ich weiß, dass es ein Schock sein muss, aber es ist tatsächlich so. Jude hatte es mir gebeichtet und um Vergebung gebeten. Ich nahm ihr die Beichte ab und dachte, sie würde jetzt wieder zu Gott finden."

Mutter Claudia war seit Kindesalter ein Mensch des Glaubens, doch das was ihr Timothy gerade erzählte konnte sie einfach nicht glauben. Schon bei der ersten Begegnung von Jude und dem Monsignore war ihr aufgefallen, dass Jude ihn nicht so ansah, wie eine Nonne einen Mann ansehen sollte. Jude hatte es nie gesagt aber Mutter Claudia hatte immer gewusst, dass Jude mehr für den jungen Mann empfand als es eine Nonne tun sollte. Niemals hätte Jude, sollte sie ihr Gelübde tatsächlich gebrochen haben, es ausgerechnet Timothy erzählt. NIEMALS! Etwas stimmte hier ganz und gar nicht und Mutter Claudia begann dem was Jude erzählte langsam Glauben zu schenken. Vielleicht sollte sie doch einmal die Version von Mary Eunice hören. Aufmerksam musterte die Nonne das Gesicht von Timothy und sie erkannte, dass die einst so freundlichen und guten Augen des Monsignores kalt wie Eis waren.

Oh Herr, gib uns Kraft'

Sie musste weg und zwar bevor er einen Verdacht schöpfte.

„Verzeihen Sie Monsignore, aber ich muss ins Kloster zurück und für Judes Seelenheil beten. Ich bin einfach fassungslos…..niemals hätte ich gedacht das Jude….nun….Sie wissen schon."

„Natürlich Mutter, ich war ebenso geschockt wie Sie. Ich selbst werde jetzt nach unserem abtrünnigen Schäfchen sehen." Timothy drehte sich um und ging in Richtung Krankenstation, doch bevor er aus Mutter Claudias Sichtweite verschwand, drehte er sich noch einmal um „Ach und Mutter Claudia, nur noch einen gut gemeinten Rat. Seinen Sie immer auf der Hut, wir haben schon zwei Nonnen an den Irrsinn verloren, es wäre bedauerlich noch eine dritte hier einweisen zu müssen." Mit einen letzten kalten Blick verschwand Timothy und ließ eine vor Schock gelähmte Mutter Claudia zurück.

Oh mein Gott, was ist nur mit dem Monsignore geschehen? Oder besser, wer ist er wirklich?'