Arya
Sie konnte sich kaum daran satt sehen wie weitläufig hier alles war, das weiteste was sie seit über einem halben Jahr gesehen hatte, war die Aussicht vom Hügel der Septe aus. Und auch dort hatten sie keine wirkliche Freiheit gehabt. Die Luft war vom Rauch Stickig und der Schnee grau gewesen. Hier fühlte sie sich nun schon um einiges besser, auch wenn die Kälte durch das reiten nicht unbedingt schwächer geworden war.
Ihre Gesichter hatten sie zum ersten Mal seit sie bei Yara angelangt waren gewechselt, da Jaqens dortiges Gesicht bei zu vielen Leuten bekannt war. Sollte sie nun also jemand von Königsmund sehen, würde man ihn nicht erkennen. Die Gesichter von Luca Felice und Rebecca Rodari sahen zu südländisch aus um als Flüchtlinge von hier durch zu gehen. Die einzigen die Arya und Jaqen in ihren „normalen" Gesichtern erkennen würden, wären Jamie Lannister und die Wachen die sie vermeintlich als Geächtete gefangen genommen hatten.

Sie waren in den paar Stunden des heutigen Rittes zwar relativ gut vorangekommen, doch ein Feuer zu machen getrauten sie sich trotz allem nicht. So begnügten sie sich mit dem Brot das noch halbwegs frisch war und ein paar Trockenfrüchten. Arya zwang sich ein paar getrocknete Äpfel und einige Bissen Brot zu essen, doch mehr brachte sie einfach nicht herunter. Das Wasser hatten sie inmitten der Decken transportiert damit es nicht gefror, eiskalt war es natürlich trotzdem.

Als die Dämmerung zur Nacht über ging und die abnehmende Mondsichel am Horizont empor stieg, wiederholte Arya ihre Frage vom heutigen Nachmittag.
„Wohin sollen wir jetzt gehen?" Sie war unschlüssig. Auch wenn sie es sich zutraute den Auftrag mit Hilfe ihrer Fähigkeit zu erledigen, so war sie sich nicht sicher wie lange das dauern würde. Es war wohl ihrer Schwangerschaft zu verdanken, dass sie gewisse Schwierigkeiten damit hatte in andere Körper zu gelangen. Doch wenn alles nach plan lief würde es noch gut zwei, viel eher drei Monate dauern bis das Kind zur Welt kam.

„Um ehrlich zu sein? Ich weiss es nicht. Das wichtigste ist aber, dass wir uns so gut es geht von grösseren Ortschaften weg halten, noch einmal möchte ich nicht in den Krieg hinein gezogen werden." Im letzten Licht des Tages sah Arya, wie Jaqen sie abschätzend musterte.
„In nächster Zeit ist es unmöglich ungesehen an Joffrey heran zu kommen. Wie gut hast du seinen Körper unter Kontrolle?" Arya seufzte.
„Das ist unterschiedlich, aber ich denke, jetzt wo wir uns in Freiheit befinden sollte es besser klappen." So hatte sie zumindest eine grosse Sorge weniger.
„Und du glaubst nicht, dass deine Müdigkeit daher kommen könnte?" Diese Frage hatte sie sich auch schon gestellt.
„Vielleicht, aber ich glaube es liegt eher daran, dass ich so gut wie nie durchschlafe."
„Das könnte gut sein, aber bitte versprich mir, dass du damit aufhörst wenn es zu anstrengend wird." Seine Stimme klang mindestens ebenso besorgt wie drängend und Arya nickte.
Ihr fiel ein, was sie als letztes in seinem Körper gesehen hatte.
„Sie sind auf dem Weg nach Casterlystein und haben nur zwei Tage Vorsprung." Jaqen schien kurz darüber nachzudenken, schüttelte dann aber den Kopf.
„Es ist trotz allem zu riskant. Die Lannisters haben sicher einige Wachen dabei, und diese werden sich nicht die Mühe machen uns erst zu fesseln." Da musste sie ihm Recht geben…

Um sie herum war nichts zu hören als der Wind, keine Hufen, keine Soldaten, nichts. Über Arya erstreckten sich die Sterne in ihrer ganzen Pracht und dick eingewickelt in zwei Decken starrte sie zu den weit entfernten Punkten.
In ihrem Fall war es gerade günstig, dass der Mond nur eine dünne Sichel am Nachthimmel war. So war die Gefahr entdeckt zu werden um einiges kleiner als bei zunehmendem – oder Vollmond.
Sie schlief zwar nicht so früh ein wie erhofft, dafür war ihr Schlaf tief und erholsam.

Traumlos, in ihrem eigenen Körper und so ausgeruht wie schon lange nicht mehr schlug Arya am nächsten Morgen die Augen auf. Sie war von alleine aufgewacht. Die Sterne waren gerade dabei am Himmel zu verblassen und es schien so, als würde der Tag mindestens ebenso wolkenlos werden wie der Vorherige. Das einzige was Arya zu schaffen machte war die Kälte. Als erstes vergewisserte sie sich gleich einmal ob auch wirklich keiner ihrer Finger eingefroren war. Glücklicherweise war das einzig blaue an ihren Fingern der Bluterguss den sie sich bei ihrer kleinen Auseinandersetzung mit der Wand zugezogen hatte.

„Will ich es eigentlich überhaupt wissen?", fragte Jaqen mit einem skeptischen Blick zu ihrer Hand.
„Nein, willst du nicht." Sie stand auf und ging ein paar Schritte um ihren Kreislauf in Schwung zu bringen. Das Kind schien allem Anschein nach zu schlafen, denn sie wurde nicht wie sonst so oft mit kleinen Fusstritten malträtiert.
Da Jaqen die grosse Wasserflasche die ganze Zeit neben sich behalten hatte, war das Wasser nicht eingefroren. Die kleinen Eisbrocken die darin schwammen konnte man ignorieren.
Sie verwischten ihr Lager so gut es ging und machten sich im ersten Strahl der aufgehenden Sonne wieder davon.

Jaqen
Am gestrigen Tag waren sie keiner Menschenseele mehr begegnet, von den Rebellen schien ihnen wirklich niemand gefolgt zu sein. So viel Glück hatten sie heute nicht, doch die einzigen die ihnen über den Weg liefen waren andere Flüchtlinge oder Bauern. Einen von ihnen fragten sie gleich, ob es hier in der Nähe irgendwo einen Ort gab an dem man sich verstecken konnte ohne gleich damit rechnen zu müssen von einem Heer Soldtaten überrannt zu werden.
„Es gibt ein paar Dörfer die so klein und uninteressant sind, dass es sich für die meisten Heere gar nicht lohnen würde sie zu plündern." Er deutete ins Landesinnere. „In der Weite gibt es einige davon", er deutete in die Richtung, in der der Schwarzwasser lag. Wenn sie in die Weite wollten, mussten sie diesen erst überqueren. Es war wieder eine ziemlich lange Reise. Doch selbst wenn sie nach Braavos zurück gewollt hätten, wäre es wahrscheinlich gar nicht so leicht gewesen ein Schiff zu finden. Ausserdem wimmelte es an den Häfen nur so von Soldaten. Sie bedankten sich für die Information und ritten in scharfem Tempo weiter, umso schneller sie ihr Ziel erreichten, desto besser.

Auch wenn nicht alles nach Plan lief, so hatte Jaqen doch schon längere Aufträge erlebt. Sein letzter zum Beispiel hatte begonnen als er Arya im Haus von Schwarz und Weiss abgeliefert hatte. Geendet hatte er dann erst, kurz bevor man ihm den Auftrag erteilt hatte Arya erneut zu begleiten. Bis dahin war zumindest fast jeder Auftrag reibungslos verlaufen (wenn man mal von dem in Westeros absah).

Der Himmel blieb zwar wolkenlos, doch gegen Abend setzte ein kalter Nordwind ein der sie wieder Richtung Süden getrieben hätte, hätte Jaqen die Zügel nicht herumgerissen.
Eigentlich hatte er ja genügend Pausen einlegen wollen doch wer wusste schon wie lange das Wetter noch gut blieb? Innerhalb kürzester Zeit könnte ein Schneegestöber einsetzten, dass sie für längere Zeit zum anhalten zwang. Der Mond war zwar schon dünn, doch es reichte gerade noch um eventuelle Unebenheiten rechtzeitig zu entdecken.
„Glaubst du, du kannst dich noch eine Weile oben halten?"
„Sicher doch, glaubst du, du kannst ein bisschen schneller reiten?", erwiderte sie herausfordernd. Jaqen lächelte, kaum waren sie wieder frei unterwegs schien Arya um einiges aufgeweckter zu sein.
Da es noch nicht völlig dunkel war konnte er es riskieren die Geschwindigkeit zu beschleunigen und er drückte seine Stiefel in die Flanken des Pferdes um es anzuspornen.

Dieses reagierte heftiger als erwartet und machte einen grossen Satz nach vorne. Arya, die sich bis jetzt nur an der Seite fest gehalten hatte, schlang ihrer Arme um seinen Bauch, rief aber in derselben Sekunde lachend nach vorne: „Na endlich haben wir mal ein bisschen Tempo!"
Jaqen war beinahe das Herz in die Hose gerutscht weil er befürchtet hatte sie könnte vielleicht abrutschen. Da es ihr jedoch bestens zu gehen schien behielt er die Geschwindigkeit und sie ihren festen Griff bei.

Erst als der Packesel erste Anzeichen von Müdigkeit zeigte, zog er die Zügel etwas zurück um das Pferd zu bremsen.
Nicht nur die Tiere, sondern auch er musste rasten. Über zwei Tage am Stück war er nun wach gewesen und schon in der letzten Nacht hatte er nur mit Mühe gegen die Müdigkeit ankämpfen können.

Da sich eine Mulde auszuscharren als gute Möglichkeit herausgestellt hatte um den Wind zumindest ein bisschen abzuhalten tat er das auch diese Nacht.
Arya beteuerte einige Male das es ihr wirklich nichts ausmachte Wache zu halten, die Zeiten waren einfach zu unsicher und sie an einem zu ungeschützten Ort um beide zu schlafen. Besonders lange machte er sich darüber allerdings keine Gedanken mehr, denn kaum hatte Jaqen sich hingelegt und die Decke hochgezogen war er auch schon eingeschlafen.

Arya
Seit Monaten hatte sie sich nicht mehr so lebendig gefühlt wie nach diesem Ritt, im Moment hätte sie ohnehin nicht schlafen können. Dem Kind hatte die Beschleunigung nicht unbedingt gefallen, aber mittlerweile hatte es sich wieder beruhigt und sie sass an einen Schneehaufen gelehnt, den sie sich zu Recht geklopft hatte.

Da sie bis weit in die Nacht hinein geritten waren, dauerte es nicht sehr lange bis das erste Licht des Tages zu erkennen war. Trotzdem wollte sie Jaqen und die Tiere noch ein wenig ruhen lassen. Sie selbst stand jedoch schon auf und ging ein paar Schritte um sich wieder aufzuwärmen.

Das Pferd hob seinen Kopf und stellte die Ohren auf, augenblicklich blieb Arya stehen. Die Tiere merkten es meistens als erste wenn sich etwas oder jemand näherte. Beruhigend kraulte sie die schwarze Stute hinter dem Ohr und sah sich in alle Richtungen um. Von weitem war ein dunkler Punkt zu erkennen, dann noch einer und noch einer. Ein Reitertrupp, Arya konnte nicht genau sagen wie viel das es waren. Ihrer Schätzung nach aber mindestens 50 Mann.
Schnell zog sie die Schwarze Stute hinter den Schneehaufen an den sie sich noch vor kurzem gelehnt hatte, mit ihrem schwarzen Fell war sie auf dem weissen Schnee nur allzu leicht zu entdecken. Das graue Fell des Packesels fiel da schon um einiges weniger auf und das Tier verhielt sich ruhig.

Erleichtert sah sie wie der Trupp weit an ihnen vorüber zog. Entweder man hatte sie im schwachen Licht der aufkommenden Morgendämmerung nicht erkannt, oder man hatte ihnen schlichtweg keine Beachtung geschenkt. Arya war beides recht, Hauptsache, sie wurden in Ruhe gelassen.
Dort wo der Reitertrupp hergekommen war gab es vielleicht noch mehr, und sie durften nicht darauf hoffen von jedem übersehen zu werden. Deswegen beschloss sie, Jaqen schon mal zu wecken.
Sie kniete sich neben ihn und rüttelte sanft an seiner Schulter.
„Jaqen? Wir müssen weiter." Müde setzte er sich auf und sah sich um.
„Schon Morgen?" Er gähnte.
„Ja, leider." Sie sah zum langsam heller werdenden Himmel, er war nicht ganz so wolkenlos wie in den letzten beiden Tagen, doch mit etwas Glück würden sie die Sonne auch heute zu Gesicht bekommen.

Als sie besprechen wollten welche Richtung sie heute einschlugen deutete Arya auf den Punkt an dem die Reiter aufgetaucht waren, es war sicherer diesen zu meiden und sie beschlossen ein wenig mehr nördlich zu reiten und sich am nächsten Tag dafür eher westlich zu halten.

In deutlich gemächlicherem Tempo als am vorigen Abend ritten sie weiter, der kalte Wind bremste sie und es hatte keinen Sinn mit aller Kraft dagegen anzureiten. Ausserdem waren sie schon seit über einem halben Jahr nicht mehr so lange auf einem Pferd gewesen und spürten den bisher zweitägigen Ritt schon in den Knochen.